U-Boots-Kameraden noch in der „Papierkneipe” sitzen bleiben. Doch auch
das war vorläufig nötig, und als Soldat beißt man dann am besten die
Zähne zusammen und schickt sich in sein Los. Wie vielen Kameraden ging
es ja nicht besser! --
Ganz unerwartet erreichte mich jedoch in den allerersten Tagen der
Mobilmachung telephonisch der Befehl, daß ich mich sofort bei der
Inspektion des Unterseebootswesens in Kiel zur Übernahme des Kommandos
eines soeben fertiggestellten neuen schönen, großen U-Bootes zu melden
habe.
Freudiger und schneller ist wohl niemals ein Aktenstück zugeklappt und
ein Federhalter fortgeworfen worden!
Ich glaube, weil ich vor Begeisterung laut Hurra rief, kam der alte
Bureaudiener erschrocken in mein Dienstzimmer. Jedenfalls kam er, --
was ich gerufen, weiß ich allerdings nicht mehr, es muß aber auf jeden
Fall etwas Vernehmliches gewesen sein.
Eilends wurde die Übergabe meiner Geschäfte an den Nachfolger erledigt,
so daß ich mich bald darauf bei dem höchsten Vorgesetzten meiner
Dienststelle abmelden konnte.
Nicht lange darauf war die Meldung bei der neuen Behörde erfolgt und
ich selbst an Bord des schmucken neuen Bootes, dem ich mein Können und
Kriegsglück anvertrauen sollte.
Mit kurzen Worten übernahm ich vor der versammelten Mannschaft das
Kommando des Bootes und mit jubelndem dreimaligen Hurra auf unseren
Allerhöchsten Kriegsherrn gelobten wir, unser Bestes herzugeben, um
so schnell als möglich, den neuesten Zuwachs der U-Boots-Waffe voll
gefechts- und verwendungsbereit an den Feind führen zu können.
Noch manches gab es zu tun an Bord des erst kürzlich von der
Bauwerft übernommenen neuen Bootes. Noch manche Hilfsmaschine
mußte durchprobiert werden, manch kleine innere Einrichtung auf
persönlichen Wunsch hin verlegt werden. Doch alles waren zum Glück nur
Kleinigkeiten, die gar bald dank der emsigen Arbeit unserer braven,
ihr Bestes leistenden Besatzung, und dank der unermüdlichen eifrigen
Unterstützung durch die unsere Ausrüstung leitende Kaiserliche Werft
erledigt waren. Nach einigen Übungs- und Probefahrten und kurzen
notwendigen Schießübungen konnte ich das Boot als kriegsbereit und
ausgebildet melden. Nach Besichtigung durch meinen Vorgesetzten und
einer Abschiedsrede unseres Inspekteurs konnten wir dann, doch immerhin
noch in der ersten Hälfte des August, den Heimatshafen verlassen, um in
See zu unseren Kameraden zu stoßen.
Muntere Weisen ließ ein noch im letzten Augenblicke vor der Ausfahrt
erstandener Musikapparat ertönen, und von höchster innerer Begeisterung
erfüllt, fuhren wir in schnellster Fahrt an einigen noch im Hafen
verbliebenen Schiffen vorbei, mit denen wir frohe Abschiedsgrüße
wechselten.
Bald darauf konnten wir uns mit unseren alten Kameraden vereinen und
manchem guten Bekannten wieder im Kreis der lieben U-Boots-Waffe die
Hand schütteln.
Schon so vieles konnten sie erzählen von ihren bisherigen Kriegstaten,
denn sie waren ja schon so lange im Kriege gewesen. Diese ersten
vierzehn Tage des Krieges waren ihnen gleich lang vorgekommen wie
uns die vierzehntägige Wartezeit. Wohl jedem ist es so gegangen.
Überstürzten sich doch in dieser Zeit alle Nachrichten, alle Eindrücke,
alles selbst Erlebte, daß ein jeder eben täglich so viel Neues
durchmachte, oder durch Erzählungen anderer wie durch Zeitungsberichte
erfuhr, daß schon das tags zuvor Erfahrene am nächsten Morgen gar so
weit zurücklag. -- --
Von der mannigfachen Tätigkeit unserer U-Boote im ersten Teile
des Krieges bis zum Einsetzen des Handelskrieges darf ich aus
begreiflichen Gründen zurzeit noch nicht sprechen. Vielleicht wird
es nach siegreichem Friedensschluß noch möglich sein, dies und jenes
auch weiteren Kreisen bekanntzugeben. Jedenfalls verkündete bereits
in der ersten Hälfte des August der Admiralsstab der Marine die kurze
inhaltsschwere Nachricht: „Unsere U-Boote haben in den letzten Tagen
einen Vorstoß bis zur englischen Küste unternommen.”
Ist da die Vermutung wohl zu ermessen, daß durch die in dieser
Veröffentlichung enthaltene Leistung unserer Boote und deren
Beurteilung bei unseren Gegnern deren Hauptstreitmacht von unserer
Küste sich geflissentlich fern hielt?
Es hätte anders kommen können, edler Lord, als Ihr anmaßender Ausspruch
Ihrem Volke prophezeite.
[Illustration: Auftauchendes Unterseeboot.]
Die Einleitung des Handelskrieges
Durch die Anfang September 1914 erfolgte Versenkung des englischen
Kreuzers „Pathfinder” durch Kapitänleutnant Hersing, der später als
Zweiter unserer Waffe für seine Fahrt nach den Dardanellen und die
dort kurz aufeinander folgende Versenkung der beiden englischen
Linienschiffe „Triumph” und „Majestic” mit dem höchsten Kriegsorden,
dem Orden ~„Pour le mérite”~, ausgezeichnet wurde, war gewissermaßen
der Bann unserer Waffe gebrochen worden.
Viel hatten wir außer dem äußeren Erfolge diesem ersten wohlgezielten
Torpedoschusse zu verdanken. Er war für unsere Waffe, wie ich sagen
darf, von weltgeschichtlicher Bedeutung. Es war nämlich der erste
erfolgreiche Torpedoschuß eines Unterseebootes seit dem Bestehen der
U-Boots-Waffe überhaupt! Er leitete gewissermaßen eine neue Ära des
Seekrieges ein, und manche Fragen, die die Fachkreise aller Nationen
wohl schon oft beschäftigt hatten, mögen durch ihn beantwortet worden
sein.
Wir wissen allerdings nicht, welche Fragen alle die verschiedenen
Nationen an die Kriegsbrauchbarkeit eigener und fremder U-Boote
gestellt und welchen Überlegungen sie sich hingegeben haben.
Eins aber zeigten wir der Welt jetzt deutlich durch einen ersten
glücklichen Torpedotreffer. Ein deutsches U-Boot war imstande,
nach langem beschwerlichen Marsche bis zur feindlichen Küste, nach
schwierigem Hindurchpirschen durch die feindliche Bewachungslinie, ein
feindliches Kriegsschiff anzugreifen und durch einen wohlgezielten
Torpedoschuß in kurzer Zeit auf den Grund des Meeres zu versenken.
Das Zeitalter des U-Bootes hatte begonnen.
Rasch lösten die Erfolge weiterer deutscher U-Boote hierauf einander
ab. Unvergessen ist der weltbewegende Erfolg unseres Weddigen, der den
am 22. September 1914 auf der Höhe von Hoek van Holland im Zeitraume
von ungefähr einer Stunde versenkten drei englischen Panzerkreuzern
„Cressy”, „Hogue” und „Aboukir” bald ihren Kameraden „Hawke” zur
Gesellschaft auf den Grund der Nordsee schickte. Andere feindliche
Kriegsschiffe teilten ihr Los; hier seien einige Namen genannt:
Englischer Kreuzer „Hermes” vor Dotter, englisches Kanonenboot
„Niger” in den Downs an der Ostküste Englands, russischer Kreuzer
„Pallada” in der Ostsee, eine größere Anzahl englischer Torpedoboote
und Torpedoboots-Zerstörer sowie mehrere englische Hilfskreuzer und
Transportschiffe. Diese waren alle bereits bis Ende des Jahres 1914
versenkt.
Unseren lieben Vettern jenseits des Kanals wurde es ungemütlich, da
sie auch noch manch andere Schiffsverluste, sei es durch unsere
Auslandsschiffe, sei es durch Minen, zu verzeichnen hatten. Eine neue
ungeahnte Art der Kriegführung sollte nun beginnen. Man sah Englands
Geschwader nicht mehr auf dem Meere, wenigstens kaum noch auf dem für
die Seekriegführung in Betracht kommenden Seegebiete der Nordsee und
den Gewässern um ihre eigene Küste.
Ihre wertvollen Schiffe schienen sich nicht mehr weit auf See
hinauszuwagen. Nur leichteren Streitkräften schienen sie den
unumgänglich notwendigen Bewachungsdienst ihrer Küste anvertraut zu
haben neben gewaltigen Minensperren, hinter denen das englische Volk
beruhigt schlafen sollte.
Sie fuhren jedenfalls kaum noch bei Tage. Mancher von uns kam deshalb
von schwierigen Unternehmen an der feindlichen Küste mit dem traurigen,
aber wahren Ausspruche zurück: „Nichts zu machen!” Die Pirsch war
vergeblich.
Doch mußten die Engländer wohl gelegentlich Verschiebungen ihrer
Seestreitkräfte vornehmen, und wenn sie nicht bei Tage über See fuhren,
-- so taten sie’s vielleicht bei Nacht.
Unsere U-Boote ließen daher nicht locker -- sie lagen auf der Lauer.
Wahrscheinlich hatten die Engländer die Überlegung angestellt, daß ihre
Schiffe wenigstens bei Nacht vor Angriffen unserer U-Boote sicher
seien, und ließen sie nur nachts notwendige Übungsfahrten oder Wechsel
der Hafenplätze vornehmen, wobei wir sie natürlich schwerer entdecken
und angreifen könnten.
Diese Vermutung sollte stimmen!
Mit keinem verheißungsvolleren Jubelklange konnte für uns das neu
beginnende Seekriegsjahr eingeläutet werden als mit dem lauten Knalle,
mit dem in der Neujahrsnacht 1914 auf 1915 im englischen Kanale
ihr mächtiges Linienschiff mit dem stolzen Namen „Formidable” dem
Torpedo eines unserer U-Boote zum Opfer fiel. Der erste erfolgreiche
U-Boots-Nachtschuß war somit auch gefallen. Der erste Nachtangriff
eines U-Bootes, den viele selbst nach den bisherigen Leistungen der
U-Boote bei Tage für unmöglich hielten, war nunmehr mit wiederum
überraschend gutem Erfolg ausgeführt.
Wiederum war ein neuer auf der Waffe lastender Bann gebrochen, und wohl
die letzten Zweifler mußten verstummen und unumwunden die U-Boots-Waffe
voll und ganz als gleichwertig neben den älteren Waffen unserer
Kriegsflotte betrachten, -- vor allem gleichwertig mit unserer alten
lieben Schwester, der Torpedoboots-Waffe, „der schwarzen Kunst”.
Dieser verdanken wir schließlich in der Hauptsache unsere ganze
Entwicklung und Ausbildung. Wir alle, unser Personal von Offizieren
wie Mannschaften, waren zur Zeit der Gründung der U-Boots-Waffe bei
der schwarzen Kunst groß geworden. Jetzt ist die kleine Schwester
gewachsen, jetzt stehen wir schon seit einer Reihe von Jahren auf
eigenen Füßen und können unser Personal vom Eintritt in die Marine an
allein erziehen und ausbilden.
„Das Jahr fängt ja gut an!” mußte sich wohl mancher unserer englischen
Vettern bei der Nachricht der Versenkung des Linienschiffes
„Formidable” sagen, das gleichzeitig das erste durch ein U-Boot
überhaupt versenkte Linienschiff war. Weitere sollten bald folgen.
Fremde Zeitungen brachten seinerzeit aus Paris die Nachricht, daß der
englische Botschafter, als er am Neujahrsmorgen zum Empfange zu dem
Oberhaupt der Französischen Republik fuhr, das in Paris verbreitete
Gerücht mitbrachte, in der Neujahrsnacht sei ein großes französisches
Kriegsschiff im Kanal durch ein deutsches Unterseeboot versenkt
worden. Hierfür habe er dem Präsidenten Poincaré gleich seine tiefste
Anteilnahme ausgesprochen. Noch während des Empfanges kam dann die
richtige Nachricht, daß es sich nicht um ein französisches, sondern
um das englische Linienschiff „Formidable” handele. Die Rollen der
Beileidsübermittlung wurden nunmehr vertauscht, doch hätte wohl jeder
von beiden Bundesbrüdern den anderen viel lieber in Trauer über den
Verlust eines seiner Schiffe verlassen.
In dem Museum für Meereskunde in Berlin ist ein Spiegel eines Bootes
der „Formidable” zu besichtigen -- nämlich ein Rückenlehnbrett aus
einem der Ruderboote des versenkten Linienschiffes. Einige Tage nach
der Versenkung des Schiffes wurde er unversehrt an der Küste bei
Zeebrügge angeschwemmt, um jetzt als einziges Erinnerungszeichen an die
stolze „Formidable” unser Museum zu zieren.
Noch seltener waren jetzt englische Fahrzeuge zu sehen, weil England
seine wertvollen Schiffe nicht unnötigen Gefahren auszusetzen
gewillt war. England suchte nunmehr sein Heil in einer immer weiter
gehenden wirtschaftlichen Einkreisung Deutschlands. Die sogenannte
Aushungerungspolitik setzte ein, sie sollte durch verschärften
Druck auf die Neutralen, deren Schiffahrt bestimmte Wege und
Untersuchungsstationen angewiesen wurden, diesen die Lust und Liebe und
überhaupt die Möglichkeit nehmen, Waren irgendwelcher Art fernerhin an
uns zu liefern.
Wie England hierbei in der skrupellosesten Weise die Rechte der
Neutralen ohne jede Scheu mißachtete, und wie England die „Freiheit der
Weltmeere” in der Praxis hierbei auffaßte, ist zur Genüge bekannt.
Diese englische Anmaßung aber gab Anlaß, in der bekannten Verordnung
vom 4. Februar 1915 die gesamte Schiffahrt vom 18. Februar 1915 ab vor
gewissen Seegebieten in der Nähe von Großbritannien und Irland sowie
den Gewässern um die französische Nord- und Nordwestküste zu warnen.
Die öffentliche Meinung verstand sofort richtig: daß unseren U-Booten
in dem nun beginnenden Handelskrieg die Hauptrolle zufallen würde.
Wiederum brach eine neue Tätigkeit für die deutschen U-Boote an!
Wiederum sollten sie zeigen, was sie in diesem neuen Abschnitte des
Krieges zu leisten imstande wären, auf einem ungewohnten Arbeitsfelde,
an das -- wollen wir offen sein -- vor dem Kriege wohl nur wenige
gedacht haben mögen.
Viele Zweifler traten auch jetzt noch auf den Plan, denn es mußten zur
Durchführung der Ankündigung der deutschen Regierung von Unterseebooten
Fahrten bis an die englische Westküste zurückgelegt werden. Die
Entfernung konnte man sich ausrechnen. Es mußte dann ein U-Boot, nach
anstrengendem langen Anmarsche, sich noch tagelang im Kriegsgebiet
aufhalten können, um die lange Reise lohnend zu machen. Und dann erst
konnte es mit entsprechenden Erfolgen wieder den Rückweg antreten.
Diese Zweifler, deren es in England nicht wenige gab, suchten mit
allen Mitteln das Volk in Sicherheit zu wiegen über diesen neuen
deutschen „Bluff”. Bald aber wurden sie kleinlauter nach dem
Erscheinen unserer ersten U-Boote in der Irischen See, vor Liverpool,
dem Herzen des englischen Handels! Und in kurzer Zeit stiegen mit jedem
versenkten englischen Handelsschiffe nicht nur die Frachtsätze und
Versicherungssummen auf nie geahnte Höhen, sondern es sank auch die
Lust der englischen Seeleute, sich weiter der gefährlichen Seefahrt
zu widmen. Wer es konnte, ließ es sein und blieb an Land. Und es
verstummte das Prahlen derer, die die Durchführung der Unternehmungen
gegen die englische Handelsflotte als einen großen „Bluff” unsererseits
hinzustellen versucht hatten.
In der zweiten Oktoberhälfte 1914 wurde zum ersten Male an der
norwegischen Küste bei Skudes Nes in der Nähe von Stavanger ein
englischer Dampfer durch ein deutsches U-Boot nach erfolgter
Untersuchung versenkt. Es war der englische Dampfer „Glitra”, der
mit einer Ladung von Nähmaschinen, Whisky und Stahl von Leith nach
norwegischen Häfen unterwegs war. Wohl erstaunte Gesichter machten
die Herren Engländer, als das kleine graue Ding, eines unserer
älteren Boote, in seiner Nähe aus den Fluten emporstieg und ihn durch
Flaggensignal und Zuruf zum Beidrehen -- ein Seemannsausdruck für das
Halten des Schiffes auf der Stelle -- aufforderte.
Die auf ihn gerichtete Kanone des Bootes ließ ihn aber wohl erkennen,
daß es nicht ratsam sei, einen Fluchtversuch zu wagen, denn „der
Klügere gibt nach” und schließlich ist das Leben dem Menschen lieb.
Vor allem sollte der Kapitän eines Handelsdampfers niemals unnütz bei
Anhaltung durch ein Kriegsfahrzeug durch Widersetzen oder Fluchtversuch
das Leben der ihm anvertrauten Besatzung und der Passagiere aufs Spiel
setzen.
Der Kapitän der „Glitra” sah dieses auch ein und kam den Befehlen des
deutschen U-Boots-Kommandanten unverzüglich nach. So wurde sein Schiff
in Übereinstimmung mit dem allgemeinen internationalen Prisenrecht „in
aller Ruhe” versenkt, und die Mannschaft konnte gemächlich ihre Bündel
schnüren und mit ihren persönlichen Habseligkeiten in den Schiffsbooten
den Dampfer verlassen.
Hätten alle feindlichen Handelsschiffs-Kapitäne ähnlich vernünftig
gehandelt, so wäre manch unschuldiges Menschenleben ihrer Besatzung und
aus den Reihen der Passagiere verschont geblieben!
Doch ergriffen die Kapitäne später auf die strikten Anweisungen ihrer
Regierung die Flucht, anstatt auf Signalaufforderung beizudrehen.
Hierdurch wurden in vielen Fällen unsere U-Boote gezwungen, die
üblichen Warnungsschüsse in die Nähe der flüchtenden Dampfer zu senden
und schließlich auch den Dampfer selbst mit Granaten zu belegen. Wie
viele unnütze Menschenopfer dieses von der englischen Regierung
angeordnete Verhalten ihrer Handelsschiffs-Kapitäne erfordert hat, wird
die Welt wohl nie erfahren.
Doch ging die englische Regierung noch weiter. Sie setzte sogar
Belohnungen für ihre Handelsschiffsbesatzungen aus für Vernichtung
deutscher U-Boote durch Rammversuche oder Feuerwaffen. So schuf
die englische Regierung das Franktireurwesen zur See; wie viele
ihrer Seeleute bei der zur Selbsterhaltung erforderlichen scharfen
Beschießung der angreifend gegen unsere U-Boote vorgehenden englischen
Dampfer ihr Leben lassen mußten -- wir werden’s nie erfahren, doch
das englische Volk gleichfalls nicht. Was gilt den Herrschenden in
England überhaupt das Leben des Mannes aus den niedrigen Kreisen des
Volkes?! Die Kapitäne der englischen Handelsschiffe reizte natürlich
die ausgesetzte Geldbelohnung und vielleicht noch sonstige zu
erwartende Auszeichnung. Wir lasen ja des öfteren in den Zeitungen von
Verleihungen hoher Geldpreise und goldener Uhren und Ernennungen der
Kapitäne solcher Dampfer zu Reserveoffizieren der britischen Flotte,
wenn sie -- nach ihren Meldungen -- ein deutsches U-Boot vernichtet
hatten. Was kümmerte diese Kapitäne das Leben ihrer Leute, da
Auszeichnungen winkten!
Aber heiter für uns war es, wenn wir, in die Heimat zurückgekehrt,
in den englischen Blättern unsere Vernichtung und die Auszeichnungen
der englischen Kapitäne für diese kühne Tat lasen. Kein deutsches
U-Boot würde noch auf dem Wasser schwimmen, wenn nur ein Teil der
Dampfermeldungen über Vernichtungen deutscher U-Boote gestimmt hätte.
Als Kuriosum möchte ich nur ein Beispiel anführen, wo es tatsächlich
einem englischen kleinen Dampfer gelungen war, bei unsichtigem Wetter
ein gerade vor ihm tauchendes U-Boot am Turme noch eben zu rammen,
weil das Boot noch nicht tief genug heruntergesteuert war. Groß und
breit standen die Aussagen des Kapitäns mit seinem Bilde in allen
Zeitungen. Er bekam außer der Ernennung zum Reserveoffizier der
Flotte, wenn ich nicht irre, auch die übliche goldene Uhr von der
Regierung. Und dabei hatte er als Beweis für die Vernichtung unseres
Bootes nur anführen können, daß er deutlich den Rammstoß verspürt
hätte. Dieses hat er allerdings mit vollem Rechte ausgesagt; denn
auch im U-Boote ist der Stoß verspürt worden, doch gottlob ohne jeden
weiteren Schaden anzurichten. Ganz im Gegenteil konnte der kurz nachher
wieder auftauchende Kommandant zu seiner Freude auf der Decke des
Kommandoturmes den einen abgeschlagenen Flügel der Schiffsschraube des
Engländers vorfinden. Dem guten Material unseres Kommandoturmes hatte
der Rammstoß nichts anhaben können. Doch der Gegner selbst hatte seine
Schraube verloren und dazu noch den nicht ganz wertlosen bronzenen
Schraubenflügel als Entschädigung _auf dem „versenkten” U-Boote_ liegen
lassen! Wir konnten uns nach diesem praktischen Versuche mit gutem
Rechte sagen: „Na dann ist das englische Rammen ja auch nur halb so
wild!” Glücklicherweise ist nicht anzunehmen, daß uns im Deutschen
Reiche jemals die Bronze im Laufe des Krieges so knapp werden könnte,
daß wir den schönen englischen Schraubenflügel einschmelzen müßten. Er
wird so hoffentlich nebst einer Reihe anderer schöner Erinnerungen nach
siegreichem Ende des Krieges unser U-Boots-Museum schmücken.
Ob dann wohl der englische Kapitän wieder den Reserveoffizierrock
ausziehen und die goldene Uhr ablegen muß?! -- --
[Illustration: U-Boot bei schwerer Fahrt.]
Erste Ausfahrt zum Handelskrieg
Am 18. Februar 1915 begann der eigentliche sogenannte Handelskrieg
gegen die Handelsflotten der feindlichen Mächte, da von diesem
Zeitpunkte ab durch die vorhin erwähnte Erklärung der deutschen
Regierung die Gewässer um die englische und französische Küste
Kriegsgebiet waren.
Bald mehrte sich nach dem angekündigten Termine von Tag zu Tag die
Anzahl der verloren gemeldeten feindlichen Dampfer und Segelschiffe.
Der Handelsverkehr war erheblich gestört, verschiedentlich stellten
Dampferlinien ihre regelmäßigen Fahrten überhaupt ganz ein, die
Schiffahrt nach Holland wurde z. B. tagelang von der englischen
Regierung vollkommen verboten, und anderes mehr. Kurzum, es war eine
noch nie dagewesene Beunruhigung der englischen Handelsschiffahrt wie
auch der nach englischen Häfen verkehrenden neutralen Handelsschiffe zu
spüren. Man sah ein, der deutsche „Bluff” machte sich doch bemerkbar.
Allüberall wurde nach ausreichendem Schutze der Handelsschiffe durch
die Kriegsflotte gerufen -- doch diese verließ wohlweislich ihre
sicheren Häfen nicht; denn den deutschen U-Booten direkt in die Finger
zu laufen, das lag der Hauptseemacht des seebeherrschenden England
nicht mehr. Höchstens alte Wachboote und Fischdampfer sendete man zur
Beruhigung der schiffahrttreibenden Kreise aus. Im übrigen hatten die
Handelsschiffe schon den Befehl, sich selbst zu helfen, ja nicht nur
diese! Sie hatten auch Anweisung, sich selbst zur Wehr zu setzen und
gar selbst die bösen feindlichen U-Boote zu vernichten. Hierfür winkten
ihnen gute Belohnungen und Auszeichnungen, also hatte die englische
Flotte ja gar keinen Grund mehr, selber einzugreifen. Was brauchte
man wertvolle Teile der Flotte aufs Spiel zu setzen, wenn sich die
eigentlichen Leidtragenden der Handelsschiffahrtskreise im ureigensten
Interesse selbst zu helfen versuchen würden?
Vom praktischen Standpunkte aus betrachtet, läßt sich gegen diese
Auffassung ja auch kaum etwas einwenden. Doch wie bitter müssen die
betroffenen Kreise in Englands Handelswelt diesen mangelnden Schutz
durch ihre Hauptstreitkräfte empfunden haben! Aber uns geht dies ja
nichts an.
Naturgemäß konnten wir in der Jahreszeit des gerade scheidenden Winters
und soeben erst einsetzenden Frühlings, wegen häufigen schlechten
Wetters nicht gleich so große zahlenmäßige Erfolge erzielen, wie
sie die Sommermonate mit ihren gelinden Winden und langen klaren
Tagen bringen sollten. Was an Erfolgen gemeldet wurde, das wurde von
uns Daheimgebliebenen registriert, und eifrig sammelten wir die
Zeitungsabschnitte, um sie unseren Kameraden bei ihrer glücklichen
Wiederankunft im Heimatshafen zu übergeben. Doch deren erste Frage war
immer: „Herrschaften, was ist denn nun eigentlich inzwischen alles
passiert?”
Schwer fällt die Antwort auf diese in solchem Augenblicke so
selbstverständliche Frage.
Ich selbst habe jedesmal, von einer längeren Unternehmung heimkehrend,
bei dem Ansteuern der deutschen Küste die weit draußen auf Vorposten
liegenden ersten unserer Schiffe durch Signal gefragt: „Was ist in der
Zeit vom soundso vielten vorigen Monats passiert?” Ein jeder der uns
im Vorbeifahren freudig zuwinkenden Kameraden hätte uns gerne alles
sofort mitgeteilt, doch fast nie gelang es mir, bei dem schnellen
Vorbeidampfen eine positive Antwort zu erhalten. Warten will natürlich
auch niemand, dem nach langem Unternehmen wieder der heimatliche
Hafen winkt. Es geht uns da genau so wie dem Pferde, das zum Stalle
will. Stets hätten unsere Kameraden auf den Vorpostenschiffen und
Torpedobooten uns gern alle inzwischen wieder errungenen großen Siege
mitgeteilt, doch niemand hat eigentlich jemals gleich eine Antwort
für uns gefunden. Immer nur erhielten wir als Antwortsignal: „Nichts
Besonderes!” zurück. Dabei hatten inzwischen unsere siegreichen
Truppen im Westen die ersten gewaltigen Schlachten gewonnen, oder ihren
Siegeszug durch Belgien oder Serbien vollendet, oder den russischen
Festungsgürtel erobert. Selbst der Eintritt Italiens in den Weltkrieg
hatte auf die angefragten Stellen scheinbar keinen Eindruck gemacht,
auf den sie sich gleich besinnen konnten. Nur einmal bekamen wir schon
weit draußen von einem deutschen Fischdampfer sofort als Antwort die
freudige Nachricht: „Die Türken haben losgeschlagen!”