Nicht einfach ist es nun für den Kommandanten, sofort die richtige

Entscheidung zu treffen, aber schnell muß gehandelt werden. Abgesehen

davon, daß ein zu spätes Untertauchen den Erfolg des Angriffes

überhaupt vereiteln kann, kommt auch der vielleicht mit hoher Fahrt auf

uns zudampfende Gegner gar schnell näher, und es vergeht noch einige

Zeit von dem Kommando für den Beginn des Tauchens bis zum vollständigen

Verschwinden des Bootes unter der Wasseroberfläche. Besonders eilig muß

gehandelt werden, wenn die Sichtigkeitsverhältnisse ungünstige sind,

wie es auf freier See bekanntlich sehr häufig der Fall ist. Leicht

würden dann, bei zu nahem Herankommen des Gegners, seine weittragenden

Geschütze sofort ihr wohlgezieltes Feuer auf das tauchende U-Boot

eröffnen können. Im Zustande des Untertauchens muß dieses aber als

ziemlich wehrlos gelten.

In Ruhe, aber mit Bestimmtheit, wird der allgemeine Befehl zum Tauchen

vom Kommandanten gegeben. Die Verbrennungsmaschinen, Ölmotoren, die

während der Überwasserfahrt dem Boote seine Geschwindigkeit verleihen,

werden abgestellt; denn sie verbrauchen für die Verbrennung Luft,

und diese ist gar knapp. Die elektrischen Motoren werden dafür

eilends eingekuppelt und eingeschaltet. Eine im Boote stehende große

Akkumulatoren-Batterie speist sie, und daher verbrauchen sie keine

Luft beim Laufen. Sie bilden die eigentlichen Antriebsmaschinen

für die Unterwasserfahrt des Bootes. Man kann sie auch über Wasser

zur Vorwärtsbewegung des Bootes verwenden, doch sie benötigen viel

elektrischen Strom und der ist teuer, wesentlich teuerer als der zum

Betriebe der Ölmaschinen erforderliche Betriebsstoff, und wäre auch zu

früh verbraucht, wenn er nicht mit Sparsamkeit benutzt würde.

Schön wäre es, wenn man die eigentlichen Überwassermotoren auch für

die Unterwasserfahrt gebrauchen könnte, aber eine solche Maschine ist

leider noch nicht konstruiert. Versuche verschiedener Nationen sind aus

den Kinderschuhen noch nicht herausgekommen. Gelingen sie aber -- und

eigentlich hat die moderne Technik doch noch jede erwünschte Forderung

schließlich auch erfüllt --, so gewinnen wir Platz und freies Gewicht

im Boote. Bei sonst gleich großen Abmessungen der U-Boote könnten also

wohl noch neue Angriffswaffen in das Bootsinnere hineingebaut werden

und die kampfkräftigen Angriffsmittel mehren. Für den Erfinder oder

Konstrukteur wäre ein gut Stück Geld zu verdienen! Also nur heran, wer

Lust hat!

Peinlich abdichtend müssen die durch den Körper des Bootes nach außen

führenden Rohrleitungen dieser Ölmaschinen mit flinken Handgriffen

geschlossen werden. Dem hohen Wasserdrucke von außen sollen sie

sogleich trotzen können, oft in kaltem Wasser, während bisher die

heißen Abdämpfe der Motoren durch sie hindurch in die freie Luft

hinaustraten. Bekanntlich haben wir für je zehn Meter Wassertiefe mit

dem Drucke von einer Atmosphäre -- ein Kilogramm pro Quadratzentimeter

-- zu rechnen, und das Boot muß jederzeit auf noch weit größere Tiefe

hinabtauchen können.

Sind diese Verschlüsse mit allen sonstigen nach außen aus dem

Bootsinneren hinausführenden Öffnungen gut und sicher abgeschlossen, so

beginnt das eigentliche Manöver des Untertauchens.

In große geöffnete Wasserkästen wird das Wasser der See hineingelassen.

Gewaltige Saugemaschinen in der Zentrale des Bootes saugen die in

diesen Kästen befindliche Luft ab und drücken sie nach außen, das

ermöglicht schnelleres Nachströmen des eindringenden Wassers. Sobald

die Füllung der Wasserkästen eine genügende ist, um bei richtigem

Gewichte das Boot auf seiner beabsichtigten Angriffstiefe gut

steuerfähig zu machen, meldet der Leitende Ingenieur dieses dem

Kommandanten. Weit geöffnete große Sprachrohre, die auch bei dem im

Boote durch das Laufen gar vieler Hilfsmaschinen erzeugten Lärme

gute Verständigung ermöglichen, dienen zur Übermittelung der Befehle

zwischen Kommandoturm und Zentrale. Der Kommandant gibt jetzt den

Befehl zum Heruntersteuern des Bootes auf die Tiefe.

Gar einfach klingt alles und doch ist dabei mancherlei zu bedenken. Das

Boot muß zunächst, ähnlich wie ein Luftschiff für seine kühnen Fahrten

in stolzer Höhe, für seine Fahrten in der nassen Tiefe des Meeres stets

genau abgewogen sein. Fast ständig ändert sich aber das Gewicht des

Wassers und des Bootes. Das salzige Wasser der Nordsee wiegt weit mehr

als das weniger salzige der Ostsee oder gar das absolute Süßwasser, wie

es ungefähr schon das östliche Becken der Ostsee füllt. Das schwere

Wasser der Nordsee trägt ein Schiff besser als das salzlose leichtere

Ostsee- oder Süßwasser. Ein Schiff schwimmt bei der gleichen Beladung

in der Nordsee höher aus dem Wasser und taucht in der Ostsee tiefer ein.

Darum muß das gleiche U-Boot im Wasser der Nordsee weit mehr

Wasserballast in die hierfür bestimmten Wasserkästen hineinlassen, um

richtig abgewogen zu sein, als unter denselben Gewichtsverhältnissen

in der Ostsee. Schon bei kleinen U-Booten, die nur eine

Wasserverdrängung von etwa vierhundert Tons haben mögen, macht das

bei einem Unterschiede von angenommen Nordseewasser zu 1,025 spez.

Gewichte gegen das zum spez. Gewichte von 1,000 angenommene Süßwasser

den gewaltigen Unterschied von zehn Tons aus! Wird nun zu viel Wasser

in das U-Boot hineingelassen, so mag das Boot mit großer Schnelligkeit

immer tiefer und tiefer über die beabsichtigte Tiefe hinabgedrückt

werden. Bei zu großer vorhandener Wassertiefe an dem Orte des Tauchens

käme es dann auf so große Tiefen, daß der Bootskörper dem riesigen

Drucke der auf ihm lastenden Wassermassen nicht mehr gewachsen wäre.

Das U-Boot würde also Gefahr laufen, vom gewaltigen Drucke der

Wassermengen zerdrückt zu werden.

Andererseits würde eine zu geringe Wassermenge in den Tauchtanks -- den

oben erwähnten Wasserkästen für die Aufnahme des zum Tauchen benötigten

Seewassers -- das Boot überhaupt nicht oder nur schwer unter die

Oberfläche des Wassers herunterdrücken lassen. Ein ungesehener Angriff

wäre ausgeschlossen oder mindestens fraglich.

„Wieviel Wasser muß denn nun in das Boot hineingelassen werden?” --

Das ist Sache von Gefühl, Ausbildung und Erfahrung, aber erfordert

auch Beobachtung aller dazu eingebauten sinnreichen Apparate. Das

Boot muß eben wie das Luftschiff in der gewünschten Höhe stets in der

erforderlichen Tiefe schweben, und die Ausbildung eines U-Bootes ist

erst dann auf richtiger Höhe, wenn es immer auf der richtigen „Tiefe”

gehalten werden kann.

Das Gewicht des Bootes ändert sich fortwährend im Verlaufe einer

längeren Fahrt. Proviant wird verzehrt und Betriebsmaterial für die

Maschinen verbraucht. Das Wasser, in dem das Boot schwimmt, ändert

oft gar schnell sein Gewicht und hebt oder senkt das Boot unbemerkt

und kaum feststellbar. Peinlich muß daher der hiermit betraute, für

die richtige Flutung des Bootes verantwortliche Offizier das Gewicht

des Bootes laufend unter Kontrolle halten. Das Gewicht einer jeden

von der Mannschaft eingenommenen Mahlzeit, der über Bord geworfenen

Speisenreste und Verpackungen ist zu berechnen, und das Gewicht des

Wassers gleichfalls von Zeit zu Zeit zu messen. Auch dafür stehen

besonders fein gearbeitete Apparate zur Verfügung.

Im weiten, freien, offenen Ozean treten diese Gewichtsänderungen

des Seewassers nicht sehr schnell auf. Nähert sich dagegen das Boot

der Küste oder gar der Mündung eines Flusses, so kommen häufig

sehr plötzliche Schwankungen des Wassergewichtes vor und können die

oben beschriebenen unerwünschten Störungen für die Unterwasserfahrt

herbeiführen. Der Salzgehalt des Wassers ändert sich nämlich an den

Küsten sehr rasch und besonders plötzlich in der Nähe der Mündungen

der Süßwasser mit sich führenden Flüsse. Auch wärmere und kältere

Strömungen machen sich leicht bemerkbar, und auf verschiedenen Tiefen

ist wegen der wechselnden Wassertemperaturen eine oft überraschend

spürbare Gewichtsänderung des Wassers zu erwarten.

So seltsam es klingen mag, muß ein Boot zum Hinabsteuern auf größere

Tiefen erleichtert werden, während es beim Hinaufsteuern auf geringere

Wassertiefen mehr Wasservorrat in sich aufnehmen muß, um vor einem

unerwünschten Herausschnellen nach oben durch die Wasseroberfläche des

Wassers hindurch bewahrt zu bleiben. Da heißt es gut aufpassen und

Übung und Geschick zeigen!

Genaues Steuern auf der befohlenen Tiefe ist eine Hauptbedingung für

das Gelingen des Angriffes. Auch ist leicht zu verstehen, daß das

aus dem Kommandoturme eine gute Strecke herausragende Sehrohr nicht

zu hoch über dem Wasser erscheinen darf, da es sonst zu leicht vom

angegriffenen Feinde bemerkt wird. Ferner wird es leicht einzusehen

sein, daß andererseits ein nicht weit genug über das Wasser ragendes

Sehrohr ein Sichten des Feindes und das Zielen zur Abgabe eines

sicheren Torpedoschusses erschwert. Unmöglich wird dieses, wenn

schlechtes Steuern das Sehrohr unter den Wellen verschwinden läßt.

Also muß der Kommandant sich für seinen Angriff auf seine beiden

Tiefensteuerer verlassen können. Der Wichtigkeit des richtigen

Arbeitens dieser Tiefensteuerung entsprechend, hat ständig einer der

Offiziere des Bootes die Leitung und Überwachung dieses Dienstes in

Händen.

Auf befohlener Tiefe angekommen, wird das Boot im Inneren sorgfältig

in allen Abteilungen abgesucht, ob irgendwo eine Rohrleitung nicht

ganz sicher gegen den Druck des außen auf dem Boot lastenden Wassers

abgedichtet ist, oder sonst etwas im Boote leckt. Unverzüglich muß

dann ein sofortiges Nachziehen der Verschlüsse erfolgen. Abgesehen

von möglichen größeren Störungen, würde das U-Boot fortgesetzt

schwerer werden, und das ist aus jetzt einleuchtenden Gründen äußerst

unerwünscht. Mäuschenstille muß auch im Innern des Bootes herrschen,

damit das Geräusch jedes tropfenden oder in stärkerem Strahl in das

Boot laufenden Wassers sofort gehört werden kann.

In Ruhe und Stille fährt das Boot weiter dem Gegner entgegen. Nur

unterbrochen wird das Schweigen durch das gleichmäßige Surren

der elektrischen Antriebsmaschinen und das nicht zu vermeidende

Geräusch beim Legen der zur Tiefen- und Seitensteuerung des Bootes

erforderlichen Handgriffe und Befehle.

Lautlos und gespannt wartet im Boot jeder Mann der Besatzung auf ein

aufklärendes Wort seines Kommandanten, der aus dem Kommandoturme heraus

nach dem vorher von größerer Augeshöhe gesichteten Feind ausspäht. Gar

lange kann es dauern, bis das niedrige, fast in der Wasseroberfläche

befindliche Glas des Sehrohres den Feind wieder erblicken läßt. Auch

kann es vorkommen, daß der Kurs des Feindes geändert ist und weit von

der Tauchstelle des Bootes vorüberführt. Dann kommt das Boot womöglich

gar nicht auf Schußentfernung heran und alle Mühe wäre umsonst.

Nach gewissen Zeitabständen nimmt der Kommandant durch das auf und

nieder zu bewegende Sehrohr seinen Rundblick. Nicht immer darf das

Sehrohr aus dem Wasser ragen, weil sonst dauernd die Gefahr des

Gesehenwerdens bestünde. Nur kurze Zeit, möglichst schnell, muß und

darf das eine Auge des Kommandanten am Sehrohre den Horizont absuchen.

Immer wieder hört die Mannschaft das ihr wohlbekannte Geräusch des

abermaligen Niederlassens des Sehrohres. Es ist das Heiligtum des

Bootes, weil die geringste Beschädigung es blind machen würde. Vorbei

wäre es dann mit dem erhofften Siegeslorbeer. Einstweilen sieht

der Kommandant außer etwas Himmel nur den weiten runden Teller des

Meeresspiegels, mit den auf ihm tanzenden Wellen. Immer wieder und

wieder wächst die Spannung der Besatzung, von der ja niemand sieht,

wenn der Kommandant von neuem durch einen Druck auf den elektrischen

Knopf das Sehrohr emporsteigen läßt, um Ausschau auf die Oberwelt zu

halten.

Da endlich macht ein jauchzender Ausruf des Kommandanten das Boot

lebendig: „Die Kerle kommen!” Jubelstimmung voll höchster Erwartung

spannt alle Nerven bis zum äußersten an.

Wiederum verkündet das Geräusch des niedergelassenen Sehrohres, daß der

Kommandant genug geschaut hat, um seinen Angriff auf das nahende Opfer

ansetzen zu können. Schnell folgen seine Befehle für den zu steuernden

Kurs und das benötigte Fahrtmaß. Der Torpedooffizier erhält Befehl

zum Schuß-Klarmachen der geladenen Torpedos. Unterdessen rechnet sich

der Kommandant in Ruhe nach der geschätzten Fahrt des Feindes, dem

Abstande und der Stellung seines Bootes zum Gegner aus, auf welchen

Punkt des feindlichen Schiffes er hinzielen muß und wie weit er -- wie

auf der Hasenjagd nach der Geschwindigkeit des Wildes -- vorzuhalten

hat. Wohl schießen ihm schon jetzt allerlei Gedanken durch den Sinn:

Wie hüben die Vernichtung seiner Beute frohe Begeisterung und drüben

niederschmetternde Trauer wecken wird. „Runter von der See” muß der

Kerl, da ist kein Zweifel mehr! Schneller arbeiten seine Gedanken. Nur

wer es selbst durchgemacht hat, kann es ganz begreifen, an wieviel

Nebendinge in solchen Augenblicken der Mensch zu denken imstande ist.

Dann hat der Kommandant sein Kleinod, das Sehrohr, niedergelassen.

Nichts erblickt er jetzt von den Dingen über ihm auf dem Meere. Wie

ein Blinder tastet sich das Boot durch die grünen Fluten. Nur denken

und vermuten kann der Kommandant, was oben vorgeht. Wird der Kerl auch

weiterfahren? Hat er dich nicht gesehen? Hält er auch dann seinen Kurs

noch durch? Hat er vielleicht nicht schon beim vorigen Herausstecken

dein Sehrohr erblickt und läuft jetzt nach schnellem Abdrehen davon?

Doch nein, das scheint nicht gut möglich. Das Sehrohr hatte ja nur

für den Bruchteil einer Sekunde die Wasseroberfläche durchbrochen.

Aber möglich wäre es trotzdem! Sollte der Feind dann etwa wagen, mit

höchster Fahrt auf mich zuzulaufen, um mir im nächsten Augenblicke den

tödlichen Rammstoß zu versetzen? Schaust du also nicht vielleicht

besser doch noch schnell heraus? -- Nein, laß es lieber, allzuviel ist

ungesund! Der Gegner kann noch nicht auf Schußentfernung heran sein und

du würdest dich verraten können. --

In diesen Augenblicken der höchsten Nervenspannung habe ich mich oft

dabei ertappt, daß ich zur eigenen Ablenkung unwillkürlich Befehle oder

Anweisungen gab, die gänzlich überflüssig und unnütz waren, wie etwa:

„Jetzt aber besonders gut auf Tiefe steuern!” oder: „Der Kurs muß ganz

besonders genau innegehalten werden!”

Als ob nicht jeder allein fühlte, was jetzt für ihn selbst, für das

Boot und das Vaterland auf dem Spiele stand! Als ob nicht alle braven

Kerle unten in den Maschinenräumen und an den Torpedorohren schon

selbst ihr Allerbestes längst eingesetzt hätten, als ob nicht jeder

einzelne auch alle Gedanken seines Kommandanten mit durchlebte und in

gleicher Spannung und Erwartung dem Ausstoßen des Torpedos -- unserer

mit so vieler Liebe und Mühe behüteten „Aale” -- entgegensähe und ihren

Lauf nicht mit den wärmsten Wünschen begleitete! -- Doch verdacht hat

es wohl niemand einer U-Boots-Besatzung je seinem Kommandanten, daß er

in solchen Augenblicken noch einmal auf die allergenaueste Ausführung

aller Obliegenheiten hinwies.

Erlösend wirkt die Meldung des Torpedooffiziers: „Torpedos sind

klar zum Schuß!” Mit einem freudigen kurzen „Danke” wird sie

entgegengenommen.

Jetzt schnell wieder ein Rundblick! Gar zu langsam gleitet das Sehrohr

aus dem Dunkel der Flut hinauf zur Wasseroberfläche. Endlich ist es

oben, um sofort wieder in das schützende Innere des Kommandoturmes

zurückzugleiten: „Wir kommen ran!” jauchzt der Kommandant. Vernehmlich

hören es die benachbarten Leute und von Mund zu Mund pflanzt es sich

fort und steigert die Erwartung. „Torpedo fertig!” Mit fester Hand

steht der Rohrmeister am Abzugsgriffe des Torpedorohres. Ein einziger

kurzer Befehl aus dem Munde seines Kommandanten soll ihn aus seiner

Spannung erlösen. Nur ein einziges kurzes Wort und sein Griff am Abzuge

des Rohres wird den Torpedo aus dem Rohre befreien und ihn seinen Lauf

aufnehmen lassen zum verhaßten, noch ahnungslosen Gegner, dem er sich

dann mit gewaltigem Knalle tief in den stählernen Leib bohrt.

Jeder Torpedo bekommt bei uns an Bord von der Mannschaft seinen eigenen

Spitznamen. Meist sind es Vornamen von Vertreterinnen des schönen

Geschlechtes. Da lagert unten neben der natürlich mitfahrenden „dicken

Berta” die „gelbe Marie” oder die „blanke Emma”. Peinlichste Wartung

hat ihnen das gesamte Torpedopersonal von dem Augenblicke der ersten

Begrüßung geschenkt. Auch diese Damen wollen, wie alle anderen, zart

und entgegenkommend behandelt sein.

Abermals steigt das Sehrohr zur Oberwelt. Durch die letzten,

schnell gegebenen Kommandos für das Ruderlegen zur Verbesserung des

Schießkurses erfährt jeder im Boot, daß der Kommandant den Gegner

gleich im Ziele hat, und sofort erschallt auch schon das letzte

Kommando: „Los!” unter schnellem Niedersausen des Zielsehrohres.

Auch ohne die vorschriftsmäßige Rückmeldung des Rohrmeisters weiß

jeder, daß der Torpedo das Rohr glücklich verlassen hat. Kurze, bange,

aber doch in der Erwartung nur allzulange Sekunden folgen, bis ein

dumpfer Knall begeistert durch das Boot gellendes Hurrarufen auf Kaiser

und Reich auslöst. Dieser Knall war das äußere Merkmal, daß unsere

„dicke Berta” unterwegs nicht auf Abwege geriet, sondern brav ihr Ziel

erreichte. Glückstrahlend atmet vor allem der Kommandant erleichtert

auf. Wer wollte es dem jüngsten Matrosen am Steuerruder, neben ihm im

Turme stehend, in diesem Augenblick verdenken, daß er die Hand des

„Alten” zu ergreifen versucht, um ihn aufrichtigst zu seinem Erfolge --

dem Erfolge des ganzen Bootes -- zu beglückwünschen. Doch dieser wehrt

in richtiger Erkenntnis der Lage alle Glückwünsche ab: „Wir müssen erst

sehen, ob er auch noch schwimmt!” Und wiederum eilt das Sehrohr hinauf

zum lachenden Tageslichte, und mit freudiger, aber ernster Miene ertönt

des Kommandanten beruhigendes Wort: „Er sinkt schon, wir können weitere

Torpedos sparen!” Einen schnellen Blick durch das Sehrohr gestattet

er noch dem neben ihm stehenden, hochbeglückten Torpedooffizier. Auch

er hat seinen bedeutenden Anteil an dem guten Laufe des Torpedos.

Er und sein ganzes Torpedopersonal haben das nächste Hauptverdienst

an dem Gelingen des Angriffs und an dem schönen Treffer, weil nur

allerpeinlichste Instandhaltung und Wartung unsere Torpedos ihren Lauf

zum Feinde finden lassen.

Beide Offiziere blicken einander dann wohl stumm an, in der

Überzeugung, daß der getroffene Gegner nicht mehr lange auf dem Meere

zu schwimmen imstande sein wird. Beide sahen sein starkes Überlegen

nach der Seite, der der Torpedo die klaffende Wunde beibrachte.

Baldiges Kentern muß folgen. Beide sahen auch, daß die Besatzung des

getroffenen Feindes durch eiliges Herablassen ihrer Schiffsboote nur

sich noch zu retten versuchte. Beide sahen es, und es ist genug,

daß sie beide nur es sahen. Der Besatzung können sie den Anblick

ersparen und mit niedergelassenem Sehrohre ungesehen sich vom Ort

ihres Erfolges entfernen. Nach einiger Zeit soll aus größerem Abstande

noch ein letzter Blick sie vollends davon überzeugen, daß ihr Opfer

gesunken auf dem Grunde des Meeres liegt. Leise und gleichmäßig wie

bisher plätschern die Wellen über dem nassen kühlen Grabe des eben noch

stolzen feindlichen Schiffes!

Nicht ist es uns dann vergönnt, etwas zur Rettung der mit den Wellen

ringenden Seeleute zu tun. Schon eilen die in der Nähe befindlichen

flinken Torpedoboote des Feindes zur Rettung ihrer Kameraden herbei --

und für unser Boot gibt es weitere Arbeit. -- -- --

Welche Begeisterung muß die Besatzung unseres lieben gefallenen

Kameraden Weddigen und nicht zum mindesten er selbst gespürt haben, als

der laute Knall ihres letzten Torpedos die Vernichtung des dritten aufs

Korn genommenen englischen Panzerkreuzers verkündete?!

Mobilmachung

Nach langem, aufregendem Warten in den letzten Julitagen des Jahres

1914 kam endlich das erlösende Wort: „Mobil!”

Ein Ende hatten alle Vermutungen: „Geht es los? oder nicht?” Allen

Zweiflern war der Mund gestopft.

Wohl freuten sich die Kameraden, die auf neuen, schnellen,

kriegsbereiten Fahrzeugen erhoffen konnten, bald an den Feind

heranzukommen. Anders werden die Gefühle der noch in Landstellungen

und in Geschäftszimmern Zurückbleibenden, oder jener, die ihren Platz

auf alten, außer Dienst befindlichen Schiffen fanden. Es sollte ja

noch lange Tage dauern, bis sie auch mit rauchenden Schornsteinen und

geladenen Geschützen die Haltetaue, die sie noch im Ausrüstungshafen

an Land fesselten, lösen durften. Und -- war es dann vielleicht nicht

schon zu spät? War dann die große Seeschlacht nicht vielleicht schon

ohne sie geschlagen? Die Seeschlacht, von der noch vor nicht allzu

fernen Jahren ein erster Seelord der englischen Admiralität prahlerisch

seinem Volke prophezeite, die englische Marine würde im Falle eines

Krieges gegen Deutschland so schnell und gründlich zuschlagen, daß

die Deutschen eines Morgens nach dem Aufwachen beim Morgenfrühstück

aus den Zeitungen erfahren würden, daß sie dereinst eine Flotte

besessen hätten! -- Daß dieses nicht ganz so kommen würde, war allen,

denen es jemals vergönnt war, unserer stolzen Marine anzugehören, klar.

Nur lächelnd ist seinerzeit in der Marine das anmaßende Wort dieses

Prahlhanses gelesen worden.

[Illustration: Heimkehr eines deutschen Unterseebootes nach einer Fahrt

in der Nordsee.]

Wenn nun auch das in vielen Zeitungsartikeln lange Jahre vor dem Kriege

in England immer wieder von neuem auftretende Märchen natürlich nicht

stimmt, daß wir deutschen Marineoffiziere in unseren Offiziersmessen

an Bord der Kriegsschiffe täglich ein stilles Glas leerten „auf den

Tag”, nämlich den Tag, an dem uns unser Kaiser zum Kampf gegen die

englische Flotte führen würde, so brannten wir andererseits jetzt

natürlich im frohen Verlangen, in dem uns von der gewaltigsten Seemacht

aufgezwungenen Kampf zu zeigen, was wir in harter Friedensarbeit

gelernt hatten.

Niemand von uns wollte bei dem ersten Zusammentreffen mit der

englischen Flotte fehlen. Es lag ja doch in dem Bereiche der

Möglichkeit, daß schon in den allerersten Kriegstagen eine große

Seeschlacht geschlagen werden würde. Wenn sie auch nicht entscheidend

war, konnte sie doch immerhin dem nächsten Kriegsabschnitte zur See

ihren Stempel aufdrücken.

Dann aber nicht mit dabei gewesen zu sein, war natürlich ein quälendes,

unerträgliches Gefühl für jeden Berufsoffizier der Marine, wie auch für

jeden unserer braven blauen Jungens.

Auch ich war in dieser unangenehmen Lage. Noch hielten mich die Mauern

einer Bureaustube für eine Reihe von Tagen gefangen, und dann sollte

ich auf ein altes Schiff steigen, das, schon einige Jahre außer

Dienst gestellt, in dem stillen Winkel einer unserer Werften seinen

Dornröschentraum träumte und wohlverdiente Ruhe nach langen schönen

Fahrten über die verschiedensten Weltmeere genoß.

Stolz und voller Begeisterung sahen wir am Ufer zurückbleibenden

Bewohner unserer Marinestadt die aktiven Schiffe und Torpedoboote und

dazwischen die kleinen, bescheiden durch die Reihen der großen Kolosse

der Kampfschiffe sich hindurchwindenden grauen Unterseeboote auf

unseres Kaisers Geheiß dem Hafen enteilen, -- dem Feinde entgegen!

Trauernd mußte aber außer mir eine ganze Reihe von Kameraden noch an

Land, in der Friedensstellung bleiben, mit dem Gefühl, die ausziehenden

Kameraden würden sich wohl schon morgen in heißem Kampfe mit dem Feinde

den ersten Siegespreis erwerben.

Mit noch höheren Erwartungen und Hoffnungen als viele Angehörige der

Marine haben gerade wir von der stolzen Unterseebootswaffe unsere

U-Boote bei Kriegsausbruch mit zuversichtlichen Gedanken auf See hinaus

begleitet. Unser bestes Wünschen zog mit ihnen, denen nach menschlichem

Ermessen bald eine große entscheidende Aufgabe zufallen mußte.

Immer hatten wir uns früher schon gewünscht, daß es uns in einem Krieg

noch vergönnt sein möge, unser lieb gewonnenes altes U-Boot siegreich

an den Feind zu führen.

Nach allem, was Eingeweihte wußten -- unser Volk gehörte ja, wie zum

Glück auch das Ausland, nicht dazu --, konnten wir große Hoffnungen

auf unsere U-Boote setzen. Aber wohl nur wirkliche Kenner des U-Bootes

selbst haben ähnliche Erfolge zu erhoffen gewagt, wie sie ihm im

Laufe dieses an Überraschungen reichen Seekrieges beschieden worden

sind. Offen gestanden hat aber wohl kaum jemand es vermutet, daß der

U-Boots-Waffe, wenigstens für den ersten Teil des Seekrieges, die

Hauptaufgabe des Krieges zufallen würde.

Als U-Boots-Kommandant gegen England · 第 2 / 11 段