Lange hält man es übrigens in der Luft gut aus, bevor man an

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[Illustration: Kapitänleutnant Weddigen. †]

Als

U-Boots-Kommandant

gegen England

Von

Günther Georg Freiherrn von Forstner

Kapitänleutnant

[Illustration]

_1916_

Ullstein & Co., Berlin, Publishers

Authorized American reprint by The Ullstein War Book Co.,

1482 Broadway, New York

~Copyright, 1916, by Ullstein & Co., Berlin

All rights reserved~

Inhalt

Seite

Zur Unterseebootswaffe kommandiert 9

Luftverhältnisse während der Tauchfahrt 19

Wie es unter Wasser zugeht 34

Tauchmanöver und Torpedoschuß 43

Mobilmachung 63

Die Einleitung des Handelskrieges 71

Erste Ausfahrt zum Handelskrieg 83

Der erste versenkte Dampfer 102

Kapern zweier Prisendampfer 112

In Flandern 133

An Englands Küsten 150

Weitere Kriegserlebnisse 183

Schiffsuntergänge und Schiffshebungen 206

Schlußwort 221

Zur Unterseebootswaffe kommandiert!

Alljährlich, ungefähr zur Zeit der großen Herbstmanöver, erfolgen

in der Kaiserlichen Marine die Neukommandierungen der Offiziere für

das am 1. Oktober jeden Jahres beginnende neue Ausbildungsjahr.

Dem Außenstehenden kann kaum verständlich sein, was sie für uns

Marineoffiziere alles bedeuten!

Wohl bringt auch den Offizieren unserer älteren und großen ruhmreichen

Schwester -- der Armee -- das Militär-Wochenblatt oft einschneidende

Veränderungen. Der eine wird vom Osten zum Westen versetzt und schwer

fällt ihm der Abschied aus der liebgewonnenen alten Garnison, von

lieben Kameraden. Ein anderer muß wie von den Kameraden auch von den

in der Nähe seiner alten Garnison wohnenden Verwandten scheiden,

um fernerhin in einer anderen Ecke unseres lieben Vaterlandes für

Deutschlands Wehr und Ehr zu dienen! Da heißt es unter der Bevölkerung

eines anderen Stammes unseres Volkes leben und dessen Söhne zu

Streitern und Verteidigern von Thron und Vaterland heranzubilden!

Wir von der Marine haben nur wenige Garnisonen. Aus Masuren zum

lachenden Rhein, oder aus einer kleinen ländlichen Garnison in

eine Großstadt, oder gar in die Reichshauptstadt können wir nicht

kommen. Wir bleiben stets alten Kameraden und der Wasserkante nahe.

Stets finden wir Bekannte in unserer neuen Marinegarnison, unserem

neuen Heimathafen, und sogar ein mehrjähriges Kommando auf einem

Auslandskreuzer trennt uns nur für diese Zeit von alten Freunden,

während wir auch auf jedem unserer Schiffe draußen schon alte Bekannte

von früher aus der Heimat vorfinden.

Dennoch gibt es einen großen tiefeinschneidenden Unterschied zwischen

unseren Kommandierungen und den Versetzungen unserer Kameraden der

Armee.

Es heißt bei uns so oft, einer lieben alten Waffe Lebewohl zu sagen

und zu einer neuen Waffe überzutreten, oder gar auf noch nicht

bekannter Schiffsgattung unserem Allerobersten Kriegsherrn zu dienen.

Vom Linienschiff mag es auf ein Torpedoboot, vom Torpedoboot auf

einen Kreuzer oder vom flinken Kreuzer in eine Landstellung, auf den

Drehschemel eines Bureaus, in die „Papierkneipe” gehen! Derartige

Wechsel der Waffe kennt die Armee kaum. Der Infanterist bleibt

Infanterist, der Kavallerist auf stolzem Rosse, und der Artillerist

verläßt seine Kanone nicht. So muß es dort sein -- anders bei uns.

Der Kommandant eines Torpedoboots muß auch mit dem Dienst auf den

großen Brüdern -- Linienschiffen und Kreuzern -- vertraut sein,

denn nur, wer das Leistungsvermögen der anderen Waffe kennt, kann

ihre Fahrzeuge wirksam angreifen und zur Strecke bringen. Auch ist

ein Wechsel in der Besetzung der verschiedenen Schiffsklassen schon

notwendig, weil auf kleinen Fahrzeugen nur Offiziere bis zu einem

gewissen Dienstgrade und Dienstalter Verwendung finden.

Wie in den Regimentern der Armee wird also auch auf allen Schiffen der

Flotte den Veränderungen mit den größten Erwartungen entgegengesehen.

Freude wechselt nach der Veröffentlichung mit gemischten Gefühlen. Hier

ist das erhoffte Kommando als Kommandant eines flinken Torpedobootes

erreicht! Hurra! Es geht zur schwarzen Kunst zurück, zur alten

liebgewonnenen schneidigen Torpedowaffe, die man traurigen Herzens vor

einigen Jahren als flotter Wachoffizier verließ. Dort aber steht ein

Kamerad allein und stumm. Nein, er schimpft: denn er muß an Land, er

sieht den grünen Tisch und die dicken Aktenbündel in Gedanken schon vor

sich. Zu ihrem stärkeren Anschwellen soll er in den nächsten Jahren,

ach, noch so wesentlich beitragen!

„Bewahr uns Gott vor Sturm und Wind

Und Fässern, die voll Tinte sind!”

Diesen schönen alten Seemannsspruch gab uns seinerzeit, als wir als

Fähnriche zur See den Staub der Marineschule, die etwa der Kriegsschule

der Armee entspricht, von unseren Schuhen schüttelten, unser

allverehrter Direktor der Marineschule mit auf den Weg und erweckte

in unseren jungen Herzen zündende Begeisterung. Aber doch hat es

schon viele von uns gehascht -- das dumpfe Geschäftszimmer etwa eines

Adjutantenpostens. Fast immer wird ein solches Landkommando ungern vom

Seeoffizier angetreten.

Da erinnere ich mich an eine Geschichte, die vor Jahren in der Flotte

ein eben beförderter junger Leutnant sich leistete. Aus persönlichen

Gründen bat er seinen Kommandanten, ihm für den Winter ein Landkommando

zu verschaffen. Der gutmütige alte Herr, eine echte prächtige

Seemannserscheinung, der man auf den ersten Blick ansah, daß er so

manches Mal das Weltmeer mit seinem Schiff durchquert hatte, hielt

es für gänzlich unverständlich, daß ein blutjunger, eben erst zum

Leutnant beförderter Seeoffizier sich nicht nach der „Christlichen

Seefahrt” anstatt nach dem Staube des Kasernenhofes sehnte. Er klopfte

dem Bittsteller daher liebevoll auf die Schulter und fragte nur, mit

welchem Lebensalter er in die Marine eingetreten sei. „Mit achtzehn

Jahren, Herr Kapitän!” lautete die Antwort. „Na sehen Sie mal, da

sind Sie nun achtzehn Jahre lang ununterbrochen hintereinander an

Land gewesen und wollen jetzt schon wieder dorthin? Wenn Sie es erst

auf eine ebenso lange Fahrzeit an Bord gebracht haben werden, dann

können wir vielleicht wieder einmal darüber reden!” Beschämt und

gründlich bekehrt verließ der Leutnant die geheiligten Räume der

Kommandantenkajüte, und soviel ich weiß, hat er bis heute sein Gesuch

nicht wieder erneuert.

Nun brachte uns im Jahre 190.. die Herbstkommandierung etwas gar

Überraschendes. Bisher war man von Schiff zu Schiff oder allenfalls

zwischendurch auf ein Torpedoboot kommandiert worden, und konnte stets

schon bei Ausspruch der Kommandierung gleich einen Überschlag machen,

ob das neue Kommando einem wohl auch gut läge. Doch jetzt? Ja, da steht

es schwarz auf weiß: „Zur Unterseebootswaffe kommandiert!”

In ein tiefes unerforschliches Dunkel verschwanden die Gedanken bei dem

Versuche, mit diesem kurzen inhaltsschweren Tenor der Kommandierung

etwas Greifbares zu verbinden. Stolz waren wir wenigen Kameraden,

die für die neue U-Boots-Waffe ausersehen waren, alle sofort. Mit

Recht stolz darauf und froh, weil wir uns sagen durften, hier sei

wahrscheinlich etwas zu leisten bei Entwicklung einer neuartigen

Waffe, die unser Allerhöchster Kriegsherr eben erst den anderen

Waffen der Marine zugesellt hatte. Aber, offen gestanden, mischte

sich in diesen berechtigten Stolz wohl bei allen ein nicht minder

berechtigtes Gefühl der Besorgnis: „Wirst du es auch schaffen?” Wußte

doch niemand von uns, wie sich seine neue Tätigkeit und seine neuen

Lebensverhältnisse nunmehr gestalten würden. Vielleicht fragte auch

mancher, ob er den körperlich gewiß hohen Anforderungen an das Leben

auf einem Unterseeboote wohl gewachsen sein würde. -- --

Bekanntlich entwickelten die Franzosen, denen die Engländer nur

ungerne, in schlauer Vorsicht, folgten, als erste einen brauchbaren

Unterseebootstyp. Wir dagegen hielten uns in richtiger Bewertung bei

den ersten kostspieligen, langwierigen und nicht ganz gefahrlosen

Versuchen mit U-Booten scheinbar -- nur scheinbar -- im Hintergrunde,

bis die Versuche endlich front- und kriegsbrauchbare Unterseeboote

geliefert hatten. Wohl fehlte es nicht an Stimmen im Volke und, wie ich

jetzt wohl aussprechen darf, auch in der Marine, die schnelleren Ausbau

der neuen U-Boots-Waffe forderten und gegen das vermeintliche Zögern

unserer verantwortlichen Marinebehörden eintreten zu müssen glaubten,

da die Franzosen nach ihren _Schilderungen_ bereits glänzende Erfolge

zu verzeichnen hatten.

Es war gut, daß wir nicht wie unsere Gegner von heute mit Nachrichten

über Friedenserfolge unserer U-Boote prahlten! Wir sahen ruhig zu, wie

fremde Nationen sich vor den Völkern des Erdballs mit Erfolgen ihrer

Unterwasserboote brüsteten. Wir konnten es ruhig tun! Unsere Stunde

kam später. Das wußten wir! -- Darum gelang es uns in diesem Kriege zu

Lande, auch zu Wasser neue, fast unbekannte Streitmittel gegen unsere

Feinde einzusetzen und ihnen arge Überraschungen zu bereiten.

Die größte Überraschung hat wohl Laien und Fachmännern das im

bisherigen Verlaufe des Seekrieges oft _entscheidende_ Auftreten

unserer U-Boote gebracht.

Weder unser Volk noch die Feinde hatten im Vergleiche unserer und

feindlicher Seestreitkräfte viel mit der U-Boots-Waffe gerechnet.

Doppelt groß war das Staunen, als sie dem Seekrieg, wenigstens in der

ersten Zeit, geradezu ihren Stempel aufdrückte.

Ich erinnere mich genau eines Gespräches, das ich vor einer Reihe von

Jahren, als ich gerade zur U-Waffe kommandiert worden war, mit einem

hohen alten Armeeoffizier in einem mecklenburgischen Städtchen im

Kreise vieler Kameraden der Armee führen durfte. Als der betreffende

Herr von meinem Unterseeboots-Kommando erfuhr -- auch unsere

Antipodin, die Luftwaffe, befand sich gerade in der allerersten

Entwicklung -- brach er nur in die aus innerstem Herzen kommenden

Worte aus: „Ach Quatsch! Lieber F.! -- Gehen Sie da nicht hin! Das

Wasser ist für die Fische und die Luft für die Vögel!” -- -- -- Hat es

nicht noch manch anderen im deutschen Vaterlande gegeben, der gleicher

oder ähnlicher Meinung noch vor wenigen Jahren gewesen ist? Wo aber

wären wir in diesem Weltkriege hingekommen, wenn wir nicht unsere

trefflichen Luftwaffen auf die uns alle mit gerechtem Stolz erfüllende

Höhe und unsere liebe U-Waffe -- ich darf wohl scherzeshalber sagen

-- auf die richtige Tiefe gebracht hätten? Das U-Boot stets auf der

richtigen Tiefe zu halten, ist beiläufig ein Haupterfordernis des

Unterwasserkrieges.

Doch nach jener Kommandierung war das Wesen der U-Waffe auch uns noch

mit einem dunklen Schleier verhüllt. Wir wußten nur, daß unser erstes

Boot, das liebe, gute, alte, brave „U 1”, seine Probefahrten gut

überstanden hatte. Wir verdanken ihm viel, da es sich gleich als unser

erstes U-Boot vorzüglich bewährte. Ich selbst hatte kurz nachher die

Ehre, es über zwei Jahre zu befehligen. -- Ferner wußten wir nur noch,

daß weitere U-Boote vorgesehen waren, und daß der Dienst geheim war.

Das gab kein deutliches Bild, aber das U-Boot betreten durften wir

trotz unserer schon ausgesprochenen Kommandierung noch nicht. Hierauf

mußten wir weitere drei bis vier Wochen warten, bis der 1. Oktober

190.., der Tag des Beginnes unseres U-Boots-Kommandos, kam. Es bestand

nämlich ein strenger Befehl, der sogar Marineoffizieren das Betreten

des U-Bootes ohne besondere schriftliche Erlaubnis unserer vorgesetzten

Behörde verbot, falls sie nicht „wenigstens” Admiral waren.

Ein hochgestellter Stabsoffizier, der dicht vor seiner Beförderung

zum Admiral stand, wollte sich eines Tages das friedlich am Bollwerk

vertaute erste deutsche Unterseeboot ansehen, kam zu meinem

wachhabenden Unteroffizier an Bord und verlangte Zutritt. Nach

Instruktion mußte dieser den Zutritt verweigern und die Meldung

machen, daß er nur Admiralen ohne besonderen schriftlichen Ausweis

das Boot zeigen dürfte. In diesem Sinne beschieden, konnte der hohe

Offizier nur in die Worte ausbrechen: „Vorgesetzte bitte ich niemals

um Gefälligkeiten, Admiral werde ich erst recht nicht, also werde ich

ein Unterseeboot niemals zu sehen bekommen!” -- -- -- Er sollte leider

recht behalten, denn bald erlag er einer heimtückischen Krankheit. --

-- --

Wir selbst waren mit der strengsten Geheimhaltung unserer U-Boote als

U-Boots-Kommandanten voll und ganz einverstanden. Es hat keinen Zweck,

von einem Geschäft zu reden, bevor es fest im Sattel sitzt, und es

hätte uns fraglos in der ersten Zeit auch zu sehr gestört, wenn es

jedem Offizier der Flotte gestattet gewesen wäre, uns aufzusuchen. Es

wäre ausgeschlossen gewesen, alle Besucher zu führen oder ihre Fragen

zu beantworten, ohne gleichzeitig die mannigfachen erforderlichen

Instandhaltungsarbeiten im U-Boote zu stören oder wichtige Arbeiten und

Versuche zu verzögern. Man hat es uns jetzt verziehen -- wir haben uns

in der ersten Zeit aber fraglos deswegen nicht gerade beliebt gemacht.

Jetzt, wo der Schleier, der über unserem Handwerk lag, zum Teil

gefallen ist, darf ich innerhalb gewisser Grenzen unser Leben und

Treiben an Bord eines U-Bootes schildern.

[Illustration: Deutsche U-Boote im Hafen.

In der Mitte U-1, welches eine Zeit lang von dem Verfasser,

Kapitänleutnant v. Forstner, geführt wurde.]

Luftverhältnisse während der Tauchfahrt

Vor langen Jahren fuhren wir zu einer der ersten in der Nordsee

abgehaltenen Übungen unseres U-Bootes bei prächtigem Sonnenscheine

durch den Kieler Kanal, zur Nordsee.

Ein biederer alter Lotse meldete sich in der Holtenauer Schleuse bei

mir an Bord.

Seinen staunenden, neugierigen Blicken war anzumerken, daß er ein

solches Fahrzeug noch nicht durch den Kanal gelotst hatte.

Meine Frage: „Na Lotse, Sie machen ja so ein Gesicht, als ob Sie zum

ersten Male an Bord eines U-Bootes wären?” wurde denn auch beantwortet:

„Dja, Herr Kapitänleutnant! U-Bööte haben wir hier auch keine bis jetzt

noch nicht gehabt!”

Während der weiteren Fahrt zeigte ihm unser Steuermann einen Teil des

Inneren des Bootes.

Kurz bevor wir wieder weiterfahren durften, kam er an Deck und konnte

zu seiner Freude durch Anstecken einer Zigarre Dampf aufmachen. Im

Inneren des Bootes ist es nämlich streng verboten, zu rauchen oder

offenes Licht anzumachen.

Ich fragte den Lotsen, wie es ihm unten gefallen hätte und ob er sich

das wohl so ähnlich vorgestellt hätte. „Dja, Herr Kapitänleutnant!”

-- lautete die langsam und überlegend gegebene Antwort des alten

Lotsen, -- „wenn ich nun mal so ganz ehrlich sein darf -- dja, Herr

Kapitänleutnant, wenn so, was man so bei uns so hört und wenn man so

liest, was da so allens in die Zeitungen steht, da hatte ich mir ja

auch schon immer so gedacht, auf die Unterseebööte, da ist ja wohl

so allerlei los. Aber, na dja, wenn man das so nachdem allens noch

hier so persönlich zu sehen bekömmt, dja, da kann man ja eigentlich

bloß so sagen, na hier bei Sie an Bord da ist ja doch nicht nur bloß

so allerlei los -- nein, hier ist ja nun aber wirklich so allerlei

Allerlei!” --

Der alte Mann hatte recht!

Wohl die konzentrierteste Technik einer je konstruierten maschinellen

Anlage birgt der kleine Raum eines Unterseebootes, besonders an den

Stellen, die für die Führung des Bootes und Verwendung seiner Waffen

bestimmt sind.

Uns freilich ist der Anblick und das Leben an Bord des U-Bootes

Gewohnheit geworden.

Gern und sicher ruhen wir nachts im schwankenden Boot, leise durch die

auf dem Grunde des Meeres hin- und herlaufenden Grundseen in den Schlaf

gewiegt, an der feindlichen Küste auf großen Tiefen von den Strapazen

der Tagesarbeit am Feinde aus!

Selbstverständlich scheint es uns, daß nachts die feindlichen

Kriegsfahrzeuge -- ausgesandt, um uns zu suchen, über uns hinwegfahren,

deutlich vernehmbar an dem Geräusch ihrer Schrauben! Das Wasser ist ein

sehr guter Schalleiter und übermittelt auf weite Entfernungen uns die

Annäherung feindlicher Fahrzeuge durch das Rauschen ihrer laufenden

Schiffsschrauben.

Aber der Landbewohner fragt uns noch immer: „Wie können Sie bloß unter

Wasser Luft atmen?”

„Sehr gut!” darf ich antworten, „ohne jede Schwierigkeit!”

Das gute Aussehen unserer Mannschaften, die auch während des Krieges

zwischen den einzelnen Fahrten unserer Boote zur Erholung in ihre

Heimat, in das Innere des Vaterlandes beurlaubt werden, dürfte dafür

Zeugnis ablegen. Ihre gebräunten wetterharten Gesichter und das stolz

getragene Mützenband mit der goldenen oder silbernen Aufschrift „......

Unterseeboots-Halbflottille” sollten jeden bangen Frager verstummen

lassen, wenn er unsere Leute, fast ausnahmslos mit dem Eisernen Kreuze,

häufig auch schon mit der schönen Auszeichnung des Eisernen Kreuzes

I. Klasse geschmückt, auf Urlaub sieht.

In der Zeit der ersten Versuchs- und Übungsfahrten mit U-Booten

erhielten wir einmal ein Schreiben eines Herrn aus Görlitz, der uns

für Untersuchung der Luft im U-Boote Meerschweinchen zum Kaufe anbot.

Er hätte gehört, daß wir diese Tierchen für unsere Unterwasserfahrten

gebrauchten, um das Schlechtwerden der Luft anzuzeigen, und offerierte

sie in allen Größen und Farben. Irgend jemand schien ihm an seinem

Stammtische einen Bären aufgebunden zu haben.

Wir gingen auf den Spaß ein und bestellten ein Dutzend dieser

lieblichen Tiere, die wohlbehalten ankamen.

Lange Fahrten haben sie unter Wasser zurückgelegt und uns gute

Gesellschaft geleistet, schlechte Luft haben sie jedoch niemals

angezeigt, zum Glück aber auch nicht allzuviel davon verbraucht.

Kamen wir nun in einem Badeorte an, so wurde ihr kleiner Käfig

in die Sonne vor dem Boot gestellt, und manches Mal hörte ich im

Vorbeigehen, wie unsere Matrosen den erstaunten Badegästen den Zweck

der Meerschweinchen erklärten, die uns schon so manches Mal das Leben

gerettet hätten. Sie schlossen ihre Erklärungen etwa: „Besonders

dem kleinen dicken Braunen haben wir sehr viel zu verdanken! Wenn

der nicht an Bord und so ein ganz besonders gut ausgebildetes

Unterseeboots-Meerschweinchen gewesen wäre, lebten wir alle schon

längst nicht mehr!”

Vielfach wurden diese kleinen Schnurren geglaubt, und der

Berichterstatter einer kleinen pommerschen Zeitung brachte hierüber

sogar einen begeisterten Artikel in seinem Blättchen.

„Die Luftverhältnisse auf einem U-Boote sind für die Marine normale!”

lautete der Bericht eines Marinearztes, der dienstlich bei mir an

Bord eine Fahrt zur Untersuchung der Luftverhältnisse während der

Unterwasserfahrt mitgemacht hatte.

Er hatte im großen und ganzen recht.

Wenn wir es mit unserer militärischen Aufgabe vereinen können,

sorgen wir U-Boots-Kommandanten immer dafür, daß noch kurz vor dem

Tauchmanöver alles geschieht, um mit möglichst guter und frischer

Luft im Bootsinnern die Tauchfahrt beginnen zu können. Durch

kräftiges Durchventilieren des Bootes kann viel geschehen. Starke

Ventilationsmaschinen drücken die vorher verbrauchte Luft aus dem Boote

heraus und saugen neue, frische in das Innere hinein.

Doch auf die Luft vor dem Tauchen wirken während der Tauchfahrt die

nicht zu vermeidenden Kochgerüche, die Ausdünstungen der Maschinen und

Ausatmungen der Besatzung verschlechternd ein. Im Krieg heißt es dazu

gar plötzlich, ohne Vorbereitung tauchen.

Eine Hauptvorbedingung für das Gelingen eines jeden U-Boots-Angriffes

ist es nämlich, daß der Gegner das tauchende U-Boot vorher nicht sieht

und in seiner Nähe kein Unterwasserfahrzeug vermutet.

Ein Verbessern der Luftgüte ist bei solcher Eile, die im Kriege

naturgemäß die Regel bildet, nicht mehr möglich.

Aber auch das läßt sich aushalten. Es muß nur gut aufgepaßt und

rechtzeitig für eine baldige Reinigung der Luft während der Tauchfahrt

gesorgt werden.

Die Luft_menge_, in der die U-Boots-Besatzung während der Dauer ihrer

Unterwasserfahrt lebt, bleibt von dem Augenblicke an die gleiche, mit

der das Boot die Tauchfahrt begann.

Es gibt keine U-Boots-Konstruktion, bei der durch Schläuche oder durch

ähnliche mit der Oberwelt in Verbindung stehende Einrichtungen eine

Luftverbesserung im Inneren des Bootes durch Ansaugen frischer Luft

von außen möglich ist. Wohl gingen sehr häufig ähnliche Behauptungen

durch die Presse, doch sind sie entweder frei erfunden gewesen oder

waren Pläne phantastischer Erfinder, denen das eigentliche Wesen des

U-Bootes fremd gewesen sein muß. Für militärische Zwecke wären solche

Konstruktionen nicht verwendbar, da sie ein Verraten des U-Bootes zur

Folge haben müßten und das ungesehene Herankommen des angreifenden

U-Bootes vollkommen vereiteln würden. Hierin aber gerade liegt der

Hauptvorteil des U-Bootes bei jedem Unterwasserangriffe.

Wir bleiben also während der ganzen Tauchzeit in derselben Luft, die

wir „von oben” mitgenommen haben, und reinigen diese nur von der

ausgeatmeten Kohlensäure, unter gleichzeitigem Zusatze von Sauerstoff

für die durch den Atmungsprozeß verbrauchte Menge dieses Bestandteiles

der Luft.

Die Luftgüte wird, wenn ich so sagen darf, in dem von außen

abgeschlossenen U-Boote durch das Atmen der Besatzung ähnlich

verschlechtert, wie in einem mangelhaft ventilierten, überfüllten

Theater- oder Konzertsaal. Auch hier nimmt der Kohlensäuregehalt der

Luft, sobald nicht genügend frische Luft durch Fenster- oder durch

Ventilations-Einrichtungen zuströmt, dauernd zu, während der für das

Atmen benötigte Sauerstoffgehalt abnimmt. Die erste Erscheinung ist ein

Müdewerden der diese Luft atmenden Menschen. Ein jeder wird das schon

durchgemacht und mit besonderer Freude die merklich erholende Luft

draußen nach Schluß der Vorstellung begrüßt haben.

Nimmt nun aber die Kohlensäure in ihrem gänzlich von der Außenluft

abgeschlossenen Raum wie dem Inneren eines U-Bootes dauernd zu, so

treten schließlich außer diesen Müdigkeitserscheinungen auch körperlich

recht unangenehme Beschwerden ein, die sich bei den Menschen sehr

verschieden äußern. Mancher Körper ist empfindlicher gegen derartige

Kohlensäurevergiftungen als manch anderer, der mehr davon vertragen

kann.

Bei fast allen Leuten werden sich aber wenigstens mehr oder minder

starke Kopfschmerzen einstellen.

Es ist klar, daß eine U-Boots-Besatzung bei körperlichem Unbehagen

nicht imstande sein kann, ihre schwere Aufgabe zu erfüllen. Wir

müssen also bald diese im U-Boote sich steigernde Menge des

Kohlensäuregehaltes wieder entfernen, um die Mannschaft nicht zu

ermüden und keine körperlichen Beschwerden aufkommen zu lassen.

Darum zirkuliert die ganze Luft des U-Bootes durch ein

Ventilationssystem, in dem sie durch gewisse Chemikalien geht. Diese

besitzen die Eigenschaft, daß sie der durch sie hindurchströmenden Luft

die Kohlensäure entziehen und diese dann in sich festhalten. Meist

werden Kalipräparate hierfür verwandt.

Gleichzeitig spritzen im Boote aufgestellte druckfeste

Sauerstoff-Flaschen, die auf einen ziemlich hohen Druck aufgepumpt

sind, die nötige Menge Sauerstoff in das Ventilationssystem hinein. So

wird diese von der Kohlensäure gereinigte Luft nach dem Zusatz des

Sauerstoffes wieder auf alle Räume des Bootes verteilt.

Die Menge des zuzusetzenden Sauerstoffes richtet sich nach der Anzahl

der die Tauchfahrt mitmachenden Personen. Man weiß genau, wieviel

Sauerstoff der einzelne Mensch gebraucht. An den Verteilungsstutzen der

Sauerstoffleitungen ist ein Stellwerk, die sogenannte Sauerstoffuhr,

angebracht. Sie wird auf die Kopfzahl der Fahrtteilnehmer eingestellt

und läßt selbsttätig in den nötigen Zwischenräumen die verlangte

Sauerstoffmenge in den Raum treten.

Lange hält man es übrigens in der Luft gut aus, bevor man an die

immerhin teuere und kostbare Luftreinigung heranzugehen braucht.

Dieser Zeitpunkt, wo es aber nötig wird, die Luft von der Kohlensäure

zu reinigen und Sauerstoff zuzusetzen, hängt nun, außer von der

Beschaffenheit der Luftgüte im Augenblicke des Tauchens, noch ab von

dem Kubikinhalte der Luft, der auf den einzelnen Teilnehmer an der

Unterwasserfahrt entfällt, und von dessen Arbeitsleistung.

Es ist klar, daß die Luft in größeren U-Booten bei der gleichen Anzahl

der Fahrtteilnehmer länger ausreicht, als wenn dieselbe Anzahl von

Leuten auf einem bedeutend kleineren Boote eine Unterwasserfahrt

zurücklegen sollte, und auf demselben U-Boote sinkt natürlich die

Zeitdauer für das Ausreichen mit dem Luftvorrate bei Steigern der

Anzahl der in ihr atmenden Menschen.

Bei kurzen Tauchfahrten kann man die Luftreinigung, wie wir kurz das

Reinigen der Luft und das Zusetzen von Sauerstoff von jetzt an nennen

wollen, also vollkommen sparen, bei langen Fahrten dagegen empfiehlt

es sich, möglichst bald damit anzufangen. Hat nämlich die Kohlensäure

einen gewissen Prozentsatz erst überschritten, so ist es viel

schwieriger, diesen höheren Kohlensäuregehalt wieder aus der Luft zu

entfernen, als wenn durch früheres Einsetzen der Luftreinigung dieser

Kohlensäuregehalt von vornherein nicht merklich anzusteigen vermocht

hat.

Alles in allem wird die Luft im U-Boote auch durch eine Luftreinigung

nicht frischer und ozonreicher, da es uns unmöglich ist, alle im Boote

auftretenden und sich beim Gange der Maschinen entwickelnden Ölgerüche,

die beim Kochen nicht zu vermeidenden Nebengerüche oder dergleichen zu

entfernen.

Im großen und ganzen lebt es sich aber unter Wasser ganz mollig.

Unangenehm wirkt unter anderem nur noch nebenbei die durch den Gang der

elektrischen Maschinen sich allmählich immer mehr und mehr steigernde

Temperatur im Boote und die hierdurch hervorgerufene Tropfbildung der

Niederschläge an den von außen von dem kalten Seewasser umgebenen

Schiffswänden. Dieses bedeutet besonders im Winter eine wenig angenehme

Zugabe.

Sonst gewöhnt man sich aber bald an eine etwas schlechte „Akustik” im

Boote, wie wir das Schlechterwerden der Luft scherzend bezeichnen.

Interessieren dürfte es vielleicht auch, daß die Beschäftigung der

Mannschaft während einer Tauchfahrt wesentlichen Einfluß auf die Güte

der Luft besitzt. Die Menge der für einen menschlichen Körper zum Atmen

nötigen Luft hängt nämlich sehr wesentlich von der ausgeübten Tätigkeit

ab.

Genauere Messungen haben hierfür etwa folgende Durchschnittswerte

ergeben.

Der körperlich stark arbeitende Mensch verbraucht bei der Atmung

innerhalb von einer Stunde rund fünfundachtzig Liter Luft. Außer dem

Kommandanten, der durch seine Tätigkeit im Kommandoturme, wie später

ausgeführt werden soll, körperlich stark arbeiten muß, haben noch

die die Seiten- und Tiefensteuerung bedienenden Leute, außer den

Lademannschaften an den Torpedorohren, oft schwere körperliche Arbeit

während der Tauchfahrt zu verrichten.

Bei körperlich wenig oder gar nicht arbeitenden Personen sinkt

der stündliche Luftverbrauch sehr beträchtlich gegenüber dem der

arbeitenden Leute, und bei einem schlafenden Menschen brauchen wir nur

noch mit einem verarbeiteten Luftquantum von fünfzehn Liter Luft im

Durchschnitt stündlich zu rechnen.

Wie bei jeder anderen Tätigkeit kann man also auch bei der

Unterwasserfahrt beim Schlafen die Arbeit am längsten aushalten und

auch hier muß daher das Schlafen als das billigste Vergnügen angesehen

werden.

Wer also nichts im Boote zu tun hat, kann schlafen und tut hiermit

dem Kommandanten und allen anderen Kameraden noch dazu einen großen

Gefallen.

Einer gut erzogenen Besatzung braucht der Befehl hierzu daher nur

einmal gegeben zu werden, sie schläft, wenn sie es darf, schon ganz

gerne -- uns zu Gefallen.

Ich habe es vielfach erlebt, daß selbst unter schwierigen Umständen

bei Unterwasserfahrten, wo es hart auf hart herging und viele laute

Kommandos und andere Signale schnell aufeinander folgten, die

schlafenden Krieger von den ganzen Vorgängen nichts gemerkt hatten,

und es war gut so. Denn nach einigen Stunden kam die Wachablösung und

sie konnten ihre ermüdeten Kameraden an den verschiedenen Rudern und

Steuerrädern und an den Haupt- und Hilfsmaschinen in voller Frische,

durch ruhigen Schlaf gestärkt, ablösen. Die abgelösten Leute konnten

dafür in den wohlverdienten Schlaf fallen.

Einst hatte ich einen Mann an Bord, der das Schlafen unter Wasser so

verstand, wie wir es später niemals wieder erleben sollten. Er hatte

es hierin zu einer wahrhaft großartigen Virtuosität gebracht und wurde

von der Mannschaft daher auch nur „das Murmeltier” genannt. Es war

ein Funkentelegraphie-Gast, dessen Tätigkeit mit dem Niederklappen

der Funkenmasten vor Antritt der Tauchfahrt aufhörte, um erst wieder

beim Aufrichten der Masten nach Beendigung der Unterwasserübungen

zu beginnen. Er war ein sehr braver Kerl und vorzüglich für den

U-Boots-Dienst geeignet. Er sammelte während der ganzen Tauchfahrt

seine Kräfte für seine nachher über Wasser wieder einsetzende schwere

Tätigkeit.

Er hat uns kaum jemals mehr als fünfzehn Liter Luft in einer Stunde

weggeschnappt!

Wenn nun auch alles geschieht, um die Luft während der Tauchfahrt

möglichst gut zu erhalten, so wird sie natürlich doch unter Wasser

niemals besser.

Dankbar und glücklich schaut daher jeder nach getaner Unterwasserarbeit

durch die geöffnete Turmluke, dem stets nach Beendigung einer

Tauchfahrt zuerst wieder geöffneten obersten Verschlusse des Bootes

an der höchsten Stelle, der Decke des Kommandoturmes, wieder in den

lachenden Himmel über sich und atmet in vollen Zügen bald darauf auch

die richtige „ungereinigte” würzige Meeresluft ein.

Ein hoher Admiral, der vor Jahren einmal bei mir an Bord seine erste

Unterwasserfahrt mitmachte, hatte vorher in Gesprächen des öfteren

betont, daß die Luft bei der Tauchfahrt eigentlich gar nicht merklich

schlechter zu werden brauchte.

Nach der Fahrt, als er wieder auf dem trockenen Oberdecke des Bootes

stand, über das noch vor kurzem bis zu zwanzig Meter Wassersäulen und

mehr hinübergespült waren, bekannte er mir aber unumwunden: „Sie haben

recht, F.! Mit der Luft hier oben und vorhin da unten ist doch so ein

Unterschied, na so ungefähr wie zwischen Butter und Margarine.”

Ich konnte ihm nicht beipflichten, auch nicht widersprechen. Wenn

man nämlich nicht in die innersten Geheimnisse eines Haushaltes oder

einer Gastwirtschaftsküche eingeweiht ist, muß man eingestehen, gar

nicht selbst genau zu wissen, ob man überhaupt schon jemals Margarine

genossen hat.

So wird uns auch die Margarineluft im U-Boote, wenn die zu ihrer

Reinigung und Verbesserung vorhandenen Apparate und Einrichtungen nur

vorschriftsmäßig und rechtzeitig bedient werden, ebensowenig schaden,

wie es unserem Volke schaden wird, jetzt zeitweise zur Margarine zu

greifen.

Die Zeitdauer, die eine U-Boots-Besatzung unter Wasser verbringen kann,

hängt lediglich von der Menge des mitgeführten Sauerstoffvorrates und

der anderen zur Luftreinigung nötigen, vorher besprochenen Dinge ab.

Mehrere Tage lang kommen wir unter Wasser schon gut mit unserem

Luftvorrate aus, und längere Zeitdauer wird wohl niemals erforderlich

werden.

Wie es unter Wasser zugeht

Die Sichtweite unter Wasser durch die in die Panzerwand des

Kommandoturmes eingeschnittenen Seitenfenster wechselt. Es ist

selbstverständlich, daß wir in schönem klaren Wasser auf hoher See

weiter sehen als in trübem, schmutzigem Wasser, wie etwa in oder

dicht vor unseren Flußmündungen. Außerdem beeinflußt die Art des

Meeresgrundes die Sichtweite durch das Wasser. Dicht über einem hellen

Sand kann man immer weiter sehen als über dunklem Schlickgrund oder

schwarzen Felsen. In den oberen Wasserschichten spielt natürlich die

Helligkeit der Luft eine gewisse Rolle. Sonnenschein macht sich viele

Meter unter Wasser noch bemerkbar.

Immerhin ist die Sichtweite unter Wasser auch unter den

allergünstigsten Umständen eine nur sehr geringe und reicht kaum über

einige Meter hinaus. Helle leuchtende Gegenstände sind weiter zu sehen

als dunkle.

Niemals aber können wir selbst helle Gegenstände, die weiter von

unseren Turmfenstern entfernt sind als die äußersten Schiffsenden,

unter Wasser sehen. Zumeist wird unter Wasser eine Sichtweite bis zu

unserem Vor- oder Achterschiff nicht mehr vorhanden sein.

Es ist somit klar, daß wir niemals so weit sehen werden, um, durch den

eigenen Blick gewarnt, uns begegnenden Schiffen, unter Wasser liegenden

Wracks oder Steinen und sonstigen Hindernissen ausweichen zu können.

Wir würden diese immer erst zu spät erblicken und müssen uns anders

helfen.

Die Mannschaft sieht überhaupt während der ganzen Tauchfahrt nichts

von allem, was im Wasser vorgeht. Nur der Kommandant hält oben im

Kommandoturme ab und zu Rundschau mit dem Sehrohr, das auch ihm nur

einen kleinen Sektor des Horizontes zeigt. Durch Herumdrehen des

Sehrohres vermag er nach und nach den ganzen Horizont abzusuchen. Diese

Arbeit ist körperlich nicht ganz leicht, und bei langen Fahrten macht

sich die Anstrengung recht bemerkbar. Die Sehrohre dürfen sich nämlich

in ihren Führungen durch die obere Decke des Kommandoturmes nicht zu

leicht drehen lassen, da sie sonst auf großen Tiefen nicht genügend

gegen den Wasserdruck abdichten würden. Die Dichtungen in diesen

Führungen sind also stark angezogen. Es _muß_ Mühe machen, die runden

Sehrohre in ihnen herumzudrehen.

Wenn möglich, läßt der Kommandant daher bei gewöhnlichen ruhigen

Übungsfahrten, wenn die Nähe anderer Fahrzeuge kein Ausweichen nötig

macht, wohl einen der Wachoffiziere oder den Steuermann zeitweise

statt seiner diese Arbeit übernehmen. Melden läßt er sich aber, sobald

irgend etwas oben gesichtet ist. Das will er selbst sehen und weitere

Maßnahmen ergreifen.

Im Kriege, wie auch schon bei Angriffsübungen im Frieden, darf der

Kommandant nur allein diese Tätigkeit ausüben. Würde er außer sich

noch jemand in der Nähe des Feindes hindurchschauen lassen, so müßte

das Sehrohr überflüssig lange aus dem Wasser ragen und könnte das

angreifende U-Boot verraten.

Ein hohes Maß von Vertrauen muß die Besatzung ihrem Kommandanten daher

entgegenbringen, wenn sie ruhig und sicher bei der Tauchfahrt ihren

schwierigen Obliegenheiten in dem Inneren des Bootes nachgehen soll.

Der Kommandant allein sieht, was vorgeht, und die Mannschaft muß

wissen, daß er gut aufpaßt und allen Gefahren zu begegnen weiß. Ich

könnte mir nicht denken, daß ohne dieses Vertrauen in den Kommandanten

ein U-Boot leistungsfähig wäre.

Auch der Dienst der Mannschaft während der Tauchfahrt erfordert

Erziehung und Selbstbeherrschung. Wir wissen voll und ganz, daß es

nicht leicht für sie ist, zumal in Kriegszeiten, ohne selbst etwas zu

sehen, vom Kommandanten durch feindliche Gewässer geführt zu werden.

Doch sie _kennen_ sich gegenseitig, die ganze Besatzung eines kleinen

U-Bootes. Vom Kommandanten bis zum jüngsten Matrosen und Heizer wissen

sie, daß ein jeder an seiner Stelle der richtige Mann ist, und in

diesem Gefühl versehen sie ruhig ihren Dienst.

Ein kleines Beispiel möge beleuchten, wie sehr es immer der Wunsch der

Leute unten im Boot ist, auch einmal während der Tauchfahrt nach oben

sehen zu dürfen.

Lange vor Ausbruch des Krieges sollte ein Heizer meiner Besatzung zur

Entlassung kommen. Er hatte sich seinerzeit, ungefähr bei der Gründung

unserer U-Boots-Waffe, freiwillig für diesen Dienst gemeldet und

seine ganze dreijährige Dienstzeit auf dem ersten deutschen U-Boote

abgeleistet. Er war ein prächtiger Kerl, dem man alles anvertrauen, auf

den man sich in jeder Hinsicht, auch in schwierigster Lage, verlassen

konnte.

Ungern sahen wir ihn daher scheiden, auch er selbst hatte oft

geschwankt, ob er nicht seinen Zivilberuf opfern solle, um weiter auf

Beförderung zum Deckoffizier zu dienen. Verhältnisse in seiner Familie

ließen ihn aber den Gedanken aufgeben. Als einziger Sohn mußte er die

Schlosserei seines schon kränklichen alten Vaters übernehmen.

An dem Tage vor seiner Entlassung machten wir noch eine längere

Übungs-Tauchfahrt. Ich fragte ihn, ob er noch einen besonderen Wunsch

hätte. Ich hatte dabei gedacht, daß er noch einmal uns allen seine

Geschicklichkeit zeigen wolle.

[Illustration: Innenansicht eines U-Bootes.]

Doch nichts derartiges. Treuherzig bat er mich nur: „Herr

Kapitänleutnant! Ich bin nun die ganzen drei Jahre auf einem

Unterseeboot gefahren, aber ich habe noch niemals unter Wasser durch

das Sehrohr kucken dürfen. Könnte ich das vielleicht einen ganz kurzen

Moment einmal machen?” Sichtbar beglückt schaute er dann. Lange ließ

ich ihn ruhig gewähren. Über die Oberfläche des Meeres sah er zum

allerersten Male nach oben auf die weite, weite Wasseroberfläche, unter

der er den größten Teil seiner dreijährigen Dienstzeit vollbracht hatte.

Noch später schrieb er mir aus seiner Heimat, daß dieser Tag für ihn

doch der schönste seiner ganzen Dienstzeit gewesen sei, und daß er es

niemals vergessen könnte, wie herrlich es doch wäre, so von unten über

das Wasser hinaus sehen zu können.

Das kleine Erlebnis kennzeichnet den glühendsten Wunsch unserer Leute.

Mich hat es darauf aufmerksam gemacht, eine wie große Freude ich

meiner Besatzung hierdurch leicht bereiten konnte. Wenn es sich bei

Übungsfahrten machen ließ, holte ich deshalb später mit der Zeit immer

einen nach dem anderen herauf zu mir in den Kommandoturm, bis sie alle

einmal unter Wasser durch das Sehrohr geschaut hatten.

Späteren U-Boots-Kommandanten kann ich nur raten, gelegentlich das

gleiche zu tun. Die brave Mannschaft wird das stets dankbar empfinden.

Nur selten sehen wir bei Tauchfahrten durch das Wasser Fische. Sie

werden durch das Geräusch des an den Bootswänden vorbeistreichenden

Wassers und durch das Lärmen der Schrauben aus unserer Nähe geschreckt.

Der einzelne Fisch kann uns sehr schnell aus dem Wege gehen.

Anders ist es, wenn wir in große Schwärme von Fischen kommen. Diese

können nicht so schnell ausweichen, da sie sich alle gegenseitig

behindern. Versuchen tun auch sie es natürlich.

Verschiedentlich kamen wir in Herings- oder Sprottenschwärme, und

niemals werden wir dieses schöne, herrliche, aber auch komische Bild

eines durch uns aufgeschreckten Schwarmes von Fischen vergessen. In

höchster Angst versuchen alle, aus unserer gefahrdrohenden Nähe zu

entweichen. Jeder stößt hierbei an den Nachbar, und in allen Stellungen

nach unten, nach oben, wie nach allen Seiten schwimmend streben sie mit

höchster Aufbietung ihrer Schwimmkraft danach, uns so bald als möglich

zu entrinnen. Wie ein silbern seidenes Tuch, durch das Wasser an uns

vorbeigetragen, glitzert und funkelt das hellstrahlende Kleid eines

solchen Fischschwarmes dann vorüber.

Einmal ist es mir nach solch einer Fahrt durch riesige Sprottenschwärme

gelungen, die Fischer eines Ortes, von dem unsere Übungsfahrten

ausgingen, auf das Nahen der schon sehnlichst erwarteten reichen Fänge

aufmerksam zu machen. Ihr ursprünglicher Ärger, daß wir ihnen die

Fische mit den U-Booten verjagen würden, wandelte sich dann am nächsten

Tage in große Freude, weil sie mit reicherer Beute als seit Jahrzehnten

heimkehren konnten.

Liegen wir aber mit dem Boote auf dem Grunde des Meeres still, so ist

es uns öfter vergönnt, dem Leben der Fische zuzuschauen. Kein Geräusch

dringt dann nach außen, das die Fische in der Nähe abhalten könnte,

den sonderbaren Eindringling in ihr Reich einer genaueren Musterung zu

unterziehen.

Das durch die Fensterscheiben des Turmes in das Wasser hinausleuchtende

Licht der elektrischen Lampen lockt von weitem die Fische, die mit

verwunderten Augen zu uns hereinglotzen. Mißtrauisch müssen sie schon

sein, denn meist kommen sie zunächst nicht bis ganz an die Scheiben der

Turmfenster. Haben sie dann nichts Verdächtiges bemerkt, so wagen sie

einen weiteren Vorstoß auf die Lichtquelle, bis sie nach einem harten

Stoße ihres Kopfes an die Scheiben erschrocken das Weite suchen.

Es ist eine bekannte Tatsache, daß das im Wasser brennende Licht die

Fische ebenso anlockt wie der helle Schein der Laternen in der Luft

Vögel und Insekten. Aus Gründen des Fischereischutzes ist es daher in

vielen Ländern verboten, dem Fischfange mit unter Wasser leuchtenden

Lampen nachzugehen. Das würden auch nur große Fischereigesellschaften

mit Fischdampfern tun können und dadurch die kleinen selbständigen

Fischer sehr benachteiligen. Auch wäre ein übermäßiges Abfangen von

Fischen in einer Gegend zu befürchten.

Stundenlang kann man dem Spiel der Fische und auch dem Vorbeisegeln der

Quallen im Wasser zuschauen. Man kommt sich vor wie in einem Aquarium,

nur sind die Fische nicht in engen Kästen eingesperrt und können sich

frei in der weiten See bewegen, während wir in dem Kasten drin sitzen

und an unseren Platz gebannt sind. Allerdings brauchen wir dafür auch

kein Eintrittsgeld zu bezahlen.

So gibt es bei unseren schönen Unterwasserfahrten des Interessanten

genug zu sehen und zu erleben, auch geht es ganz lustig in „unserer

Röhre” zu.

Dies ist eine Bezeichnung für unser Bootsinneres, das vollkommen

kreisrund, also von Röhrenform ist.

Die runde Röhrenform ermöglicht es nämlich, bei einer verhältnismäßig

kleinen Wandstärke dem größten Wasserdruck zu trotzen, da der Druck auf

den runden Körper von allen Seiten gleichmäßig wirkt.

Eine Menge der bekannten Lieder oder Gassenhauer haben wir uns für

unsere U-Boots-Zwecke etwas umgedichtet. Oft haben wir dabei unter

anderem in frohem Kreise nach der bekannten Melodie: „Immer an der Wand

lang” das kleine Verschen gesungen:

„Und so ziehn wir still und leise

Immer auf dem Grund lang,

Immer auf dem Grund lang,

Machen unsere U-Boots-Reise

Immer auf dem Grund lang,

Immer auf dem Grund lang.

Drehen uns herum im Kreise

Immer auf dem Grund lang,

Immer auf dem Grund lang,

Nach der altbekannten Weise:

Immer auf dem Grund,

auf dem Grund entlang!”

[Illustration: Ein deutsches Unterseeboot im Schwimmdock.]

Tauchmanöver und Torpedoschuß

„Das ist ja aber ganz einfach! Ich habe ja gar nicht gemerkt, daß wir

überhaupt unter Wasser waren.” Ähnliche Aussprüche haben schon viele

nach ihrer ersten Tauchfahrt getan, wenn sie -- wie es sich besonders

mit neu auszubildenden Tauchbootsmannschaften bei Schulfahrten nicht

anders machen läßt, -- aus Raummangel an Orten des Bootes standen,

wo sie den einzelnen Vorgängen des Tauchmanövers nicht selbst folgen

konnten.

Anders sieht es allerdings im Kommandoturm aus. Hier laufen alle für

das Manöver des Tauchens, für das Steuern auf der richtigen Tiefe

während der Tauchfahrt und für das Auftauchen erforderlichen Apparate

und Kommandogeber zusammen. Hier muß jeder einzelne auf dem Posten

sein, auf jeden einzelnen kommt es bei dem schwierigen Manöver des

möglichst schnellen Untertauchens eines ganzen Bootes mit einer zirka

dreißig Köpfe starken Besatzung in die Tiefe an. -- Das geringste

Versehen eines Einzigen kann die Sicherheit des ganzen Bootes gefährden.

Blicken wir also zunächst in den Kommandoturm und die

Kommando-Zentrale, das eigentliche Gehirn des Bootes. Für die

Tauchfahrt nehmen auf das Alarmsignal zum Übergange des Bootes von der

Überwasser- zur Unterwasserfahrt mehrere Personen hier ihre Stationen

oder festen Plätze ein.

Da ist zunächst der „Alte”. Obgleich sonst im Leben wohl lange nicht zu

dieser ehrwürdigen Bezeichnung berechtigt, muß doch jeder Kommandant

eines U-Bootes sich diesen, allgemein üblichen Spitznamen, ob er’s will

oder nicht, gefallen lassen; denn -- es ist immer so gewesen. Es ist

bei der Handelsmarine nicht anders als auf der Kriegsflotte. Der Führer

des Schiffes -- der Kommandant -- ist nun einmal „der Alte”, und man

muß und kann sich diesen Ehrentitel ruhig gefallen lassen. Helfen täte

außerdem kein Widerspruch.

Der „Alte” ist der bei weitem am meisten während der ganzen

Unternehmung Beschäftigte der gesamten Bootsbesatzung. Für ihn gibt

es keine Ablösung wie für die anderen. Er muß stets zu haben sein.

Besonders im Kriege, bei Fahrten gegen den Feind und weit an die

feindliche Küste, findet er nur selten Gelegenheit, mit wirklich

gutem Gewissen in völliger Ruhe, auf seiner bescheidenen Koje,

im kleinen, aber so wohnlich wie möglich ausgestatteten Wohnraum

sich niederzulegen. Tag und Nacht wacht er, wenn nur irgendwie

sein Schiffsort das Annähern eines Feindes vermuten läßt, oben auf

der kalten Kommandobrücke, der Decke des Kommandoturmes. Gegen

Überbordspülen schützt ihn ein eisernes Geländer, durch das bei den

häufig überrollenden schweren Seen die Wellen des Meeres brechen. Er

muß wachen, und er tut es gern. Er hätte unten auf seinem Schlafsofa

doch nicht die richtige Ruhe. Zu groß ist die Nervenanspannung, zu

groß die Sorge, vielleicht nicht rechtzeitig genug auf eine Meldung

des wachhabenden Offiziers die nicht ganz nahe gelegene Kommandobrücke

erreichen zu können. Jede verpaßte Sekunde aber mag ihm den schon

winkenden Siegespreis entreißen. So verlernt er leicht und gerne

den Schlaf. Schließlich freilich verläßt er einmal in vom Feind

unbefahrener Gegend mit vielen Ermahnungen, ihn rechtzeitig beim

Sichten eines Fahrzeuges zu wecken, den wachhabenden Offizier, um

unten für kurze Zeit sich in seinen nassen Kleidern zum wohlverdienten

schnellen Schlummer auf die Pritsche zu legen.

Er kann es ruhig tun, denn einem erfahrenen und kriegserprobten

Wachoffizier vertraut er die Führung seines Schiffleins an, während er

unter Deck geht.

Gut angebracht wäre nun auf seinem Kopfkissen das Sprüchlein, von

lieber Hand gestickt: „Nur ein Viertelstündchen!”, denn meist dauert

es kaum länger, bis das Alarmsignal das Innere des Bootes durchhallt.

Der „Alte” eilt also auf das von dem wachhabenden Offizier von der

Kommandobrücke herab gegebene Alarmsignal auf seinen Posten an den

Sehrohren -- Periskope nannten wir sie in früheren Zeiten mit einem

Ausdruck, der jetzt zum Glück mit manchem anderen Fremdwort über Bord

gefallen ist.

Eilends stellt auch der Kommandant durch die geöffnete Turmluke mit

Doppelglas den von dem Wachpersonal gesichteten Gegner fest und

entscheidet an der Hand seiner größeren Erfahrung und Übung, ob wir

einen Freund vor uns haben, mit dem wir gegenseitige Beobachtungen über

den Feind durch Signale über Wasser austauschen können, oder einen

Feind, der uns zwingt, gleich unter Wasser den todbringenden Angriff

anzusetzen. Sekundenarbeit muß dabei geleistet werden, denn auch der

Gegner paßt auf. Scharfe Ausguckposten mit guten Entfernungsgläsern

sitzen wohl sicherlich heute auf den Masten jedes feindlichen Schiffes,

und mag es ihnen auch nicht leicht fallen, das nur wenig aus dem Wasser

hervorragende U-Boot von weitem zu sichten, so macht auch hierin die

Übung den Meister. Durch manchen Schaden schon klug geworden, werden

auch die feindlichen Ausguckmannschaften wachsam sein, müßten sie doch

selber am eigenen Leibe für schlechtes Aufpassen sonst büßen.

Als U-Boots-Kommandant gegen England · 第 1 / 11 段