genommenen (engeren oder weiteren) Gemeinschaft so weit gekommen ist,
daß die Rechtsverletzung an =einem= Platz der Erde an =allen= gefühlt
wird: so ist die Idee eines Weltbürgerrechts keine phantastische und
überspannte Vorstellungsart des Rechts, sondern eine nothwendige
Ergänzung des ungeschriebenen Codex, sowohl des Staats- als Völkerrechts
zum öffentlichen Menschenrechte überhaupt, und so zum ewigen Frieden, zu
dem man sich in der continuirlichen Annäherung zu befinden, nur unter
dieser Bedingung schmeicheln darf.
Zusatz.
Von der Garantie des ewigen Friedens.
Das, was diese =Gewähr= (Garantie) leistet, ist nichts Geringeres, als
die große Künstlerin, =Natur= (_natura daedala rerum_), aus deren
mechanischem Laufe sichtbarlich Zweckmäßigkeit hervorleuchtet, durch die
Zwietracht der Menschen Eintracht selbst wider ihren Willen emporkommen
zu lassen, und darum, gleich als Nöthigung einer ihren Wirkungsgesetzen
nach uns unbekannten Ursache, =Schicksal=, bey Erwägung aber ihrer
Zweckmäßigkeit im Laufe der Welt, als tiefliegende Weisheit einer
höheren, auf den objectiven Endzweck des menschlichen Geschlechts
gerichteten, und diesen Weltlauf prädeterminirenden Ursache
=Vorsehung=[10] genannt wird, die wir zwar eigentlich nicht an diesen
Kunstanstalten der Natur =erkennen=, oder auch nur daraus auf sie
=schließen=, sondern (wie in aller Beziehung der Form der Dinge auf
Zwecke überhaupt) nur =hinzudenken= können und müssen, um uns von ihrer
Möglichkeit, nach der Analogie menschlicher Kunsthandlungen, einen
Begriff zu machen, deren Verhältnis und Zusammenstimmung aber zu dem
Zwecke, den uns die Vernunft unmittelbar vorschreibt (dem moralischen),
sich vorzustellen, eine Idee ist, die zwar in =theoretischer= Absicht
überschwenglich, in praktischer aber (z. B. in Ansehung des
Pflichtbegriffs =vom ewigen Frieden=, um jenen Mechanism der Natur dazu
zu benutzen) dogmatisch und ihrer Realität nach wohl gegründet ist. --
Der Gebrauch des Worts =Natur= ist auch, wenn es, wie hier, bloß um
Theorie (nicht um Religion) zu thun ist, schicklicher für die Schranken
der menschlichen Vernunft (als die sich in Ansehung des Verhältnisses
der Wirkungen zu ihren Ursachen, innerhalb den Grenzen möglicher
Erfahrung halten muß), und =bescheidener=, als der Ausdruck einer für
uns erkennbaren =Vorsehung=, mit dem man sich vermessenerweise ikarische
Flügel ansetzt, um dem Geheimnis ihrer unergründlichen Absicht näher zu
kommen.
[10] Im Mechanism der Natur, wozu der Mensch (als
Sinnenwesen) mit gehört, zeigt sich eine ihrer Existenz
schon zum Grunde liegende Form, die wir uns nicht anders
begreiflich machen können, als indem wir ihr den Zweck eines
sie vorher bestimmendem Welturhebers unterlegen, dessen
Vorherbestimmung wir die (göttliche) =Vorsehung= überhaupt,
und, sofern sie in den =Anfang= der Welt gelegt wird, die
=gründende= (_prouidentia conditrix; semel iussit, semper
parent, =Augustin.=_), im =Laufe= der Natur aber diesen nach
allgemeinen Gesetzen der Zweckmäßigkeit zu erhalten, die
=waltende Vorsehung= (_prouidentia gubernatrix_), ferner zu
besonderen, aber von dem Menschen nicht vorherzusehenden,
sondern nur aus dem Erfolg vermutheten Zwecken, die
=leitende= (_prouidentia directrix_), endlich sogar in
Ansehung einzelner Begebenheiten, als göttlicher Zwecke,
nicht mehr Vorsehung, sondern =Fügung= (_directio
extraordinaria_) nennen, welche aber (da sie in der That auf
Wunder hinweiset, obgleich die Begebenheiten nicht so
genannt werden) als solche erkennen zu wollen, thörigte
Vermessenheit des Menschen ist; weil aus einer einzelnen
Begebenheit auf ein besonderes Princip der wirkenden Ursache
(daß diese Begebenheit Zweck, und nicht bloß
naturmechanische Nebenfolge aus einem anderen uns ganz
unbekannten Zwecke sey) zu schließen ungereimt und voll
Eigendünkel ist, so fromm und demüthig auch die Sprache
hierüber lauten mag. -- Eben so ist auch die Einteilung der
Vorsehung (=materialiter= betrachtet), wie sie auf
=Gegenstände= in der Welt gebt, in die =allgemeine= und
=besondere=, falsch und sich selbst widersprechend (daß sie
z. B. zwar eine Vorsorge zur Erhaltung der Gattungen der
Geschöpfe sey, die Individuen aber dem Zufall überlasse);
denn sie wird eben in der Absicht allgemein genannt, damit
kein einziges Ding als davon ausgenommen gedacht werde. --
Vermutlich hat man hier die Eintheilung der Vorsehung
(=formaliter= betrachtet) nach der Art der Ausführung ihrer
Absicht gemeynt: nämlich in =ordentliche= (z. B. das
jährliche Sterben und Wiederaufleben der Natur nach dem
Wechsel der Jahreszeiten) und =außerordentliche= (z. B. die
Zuführung des Holzes an die Eisküsten, das da nicht wachsen
kann, durch die Meerströme, für die dortigen Einwohner, die
ohne das nicht leben konnten), wo, ob wir gleich die
physisch-mechanische Ursache dieser Erscheinungen uns gut
erklären können (z. B. durch die mit Holz bewachsene Ufer
der Flüsse der temperirten Länder, in welche jene Bäume
hineinfallen, und etwa durch den Gulfstrom weiter
verschleppt werden), wir dennoch auch die teleologische
nicht übersehen müssen, die auf die Vorsorge einer über die
Natur gebietenden Weisheit hinweiset. -- Nur was den in den
Schulen gebräuchlichen Begriff eines göttlichen =Beytritts=,
oder Mitwirkung (_concursus_) zu einer Wirkung in der
Sinnenwelt betrifft, so muß dieser wegfallen. Denn das
Ungleichartige paaren wollen (_gryphes jungere equis_) und
den, der selbst die vollständige Ursache der
Weltveränderungen ist, seine eigene prädeterminirende
Vorsehung während dem Weltlaufe =ergänzen= zu lassen (die
also mangelhaft gewesen seyn müßte), z. B. zu sagen, daß
=nächst Gott= der Arzt den Kranken zurecht gebracht habe,
also als Beystand dabey gewesen sey, ist =Erstlich= an sich
widersprechend. Denn _causa solitaria non iuuat_. Gott ist
der Urheber des Arztes sammt allen seinen Heilmitteln, und
so muß ihm, wenn man ja bis zum höchsten, uns theoretisch
unbegreiflichen Urgrunde hinaufsteigen will, die Wirkung
=ganz= zugeschrieben werden. Oder man kann sie auch =ganz=
dem Arzt zuschreiben, so fern wir diese Begebenheit als nach
der Ordnung der Natur erklärbar in der Kette der
Weltursachen verfolgen. =Zweytens= bringt eine solche
Denkungsart auch um alle bestimmte Prinzipien der
Beurtheilung eines Effekts. Aber in =moralisch-praktischer=
Absicht (die also ganz aufs Uebersinnliche gerichtet ist),
z. B. in dem Glauben, daß Gott den Mangel unserer eigenen
Gerechtigkeit, wenn nur unsere Gesinnung ächt war, auch
durch uns unbegreifliche Mittel ergänzen werde, wir also in
der Bestrebung zum Guten nichts nachlassen sollen, ist der
Begriff des göttlichen _Concursus_ ganz schicklich und sogar
nothwendig; wobey es sich aber von selbst versteht, daß
niemand eine gute Handlung (als Begebenheit in der Welt)
hieraus zu =erklären= versuchen muß, welches ein
vorgebliches theoretisches Erkenntnis des Uebersinnlichen,
mithin ungereimt ist.
Ehe wir nun diese Gewährleistung näher bestimmen, wird es nöthig seyn,
vorher den Zustand nachzusuchen, den die Natur für die auf ihrem großen
Schauplatz handelnde Personen veranstaltet hat, der ihre
Friedenssicherung zuletzt nothwendig macht; -- alsdann aber allererst
die Art, wie sie diese leiste.
Ihre provisorische Veranstaltung besteht darin: daß sie 1) für die
Menschen in allen Erdgegenden gesorgt hat, daselbst leben zu können; --
2) sie durch =Krieg= allerwärts hin, selbst in die unwirthbarste
Gegenden, getrieben hat, um sie zu bevölkern; 3) -- durch eben denselben
sie in mehr oder weniger gesetzliche Verhältnisse zu treten genöthigt
hat. -- Daß in den kalten Wüsten am Eismeer noch das Moos wächst,
welches das =Rennthier= unter dem Schnee hervorscharrt, um selbst die
Nahrung, oder auch das Angespann des Ostiaken oder Samojeden zu seyn;
oder daß die salzigten Sandwüsten doch noch dem =Cameel=, welches zu
Bereisung derselben gleichsam geschaffen zu seyn scheint, um sie nicht
unbenutzt zu lassen, enthalten, ist schon bewundernswürdig. Noch
deutlicher aber leuchtet der Zweck hervor, wenn man gewahr wird, wie
außer den bepelzten Thieren am Ufer des Eismeeres, noch Robben,
Wallrosse und Wallfische an ihrem Fleische Nahrung, und mit ihrem Thran
Feurung für die dortigen Anwohner darreichen. Am meisten aber erregt die
Vorsorge der Natur durch das Treibholz Bewunderung, was sie (ohne daß
man recht weiß, wo es herkommt) diesen gewächslosen Gegenden zubringt,
ohne welches Material sie weder ihre Fahrzeuge und Waffen, noch ihre
Hütten zum Aufenthalt zurichten könnten; wo sie dann mit dem Kriege
gegen die Thiere gnug zu thun haben, um unter sich friedlich zu leben.
-- -- Was sie aber =dahin getrieben= hat, ist vermuthlich nichts anders
als der Krieg gewesen. Das erste =Kriegswerkzeug= aber unter allen
Thieren, die der Mensch, binnen der Zeit der Erdbevölkerung, zu zähmen
und häuslich zu machen gelernt hatte, ist das =Pferd= (denn der Elephant
gehört in die spätere Zeit, nämlich des Luxus schon errichteter
Staaten), so wie die Kunst, gewisse, für uns jetzt, ihrer ursprünglichen
Beschaffenheit nach, nicht mehr erkennbare Grasarten, =Getraide=
genannt, anzubauen, ingleichen die Vervielfältigung und Verfeinerung der
=Obstarten= durch Verpflanzung und Einpfropfung (vielleicht in Europa
bloß zweyer Gattungen, der Holzäpfel und Holzbirnen), nur im Zustande
schon errichteter Staaten, wo gesichertes Grundeigenthum statt fand,
entstehen konnte, -- nachdem die Menschen vorher in gesetzloser Freyheit
von dem =Jagd=-[11], Fischer- und Hirtenleben bis zum =Ackerleben=
durchgedrungen waren, und nun =Salz= und =Eisen= erfunden ward,
vielleicht die ersteren weit und breit gesuchten Artikel eines
Handelsverkehrs verschiedener Völker wurden, wodurch sie zuerst in ein
=friedliches Verhältnis= gegen einander, und so, selbst mit
Entfernteren, in Einverständnis, Gemeinschaft und friedliches Verhältnis
unter einander gebracht wurden.
[11] Unter allen Lebensweisen ist das =Jagdleben= ohne
Zweifel der gesitteten Verfassung am meisten zuwider; weil
die Familien, die sich da vereinzelnen müssen, einander bald
=fremd= und sonach in weitläuftigen Wäldern zerstreut, auch
bald =feindselig= werden, da eine jede zu Erwerbung ihrer
Nahrung und Kleidung viel Raum bedarf. -- Das =Noachische
Blutverbot=, 1 M. IX, 4-6. (welches, öfters wiederholt,
nachher gar den neuangenommenen Christen aus dem Heidenthum,
obzwar in anderer Rücksicht, von den Judenchristen zur
Bedingung gemacht wurde, Apost. Gesch. XV, 20. XXI, 25--)
scheint uranfänglich nichts anders, als das Verbot des
=Jägerslebens= gewesen zu seyn; weil in diesem der Fall, das
Fleisch roh zu essen, oft eintreten muß, mit dem letzteren
also das erstere zugleich verboten wird.
Indem die Natur nun dafür gesorgt hat, daß Menschen allerwärts auf Erden
leben =könnten=, so hat sie zugleich auch despotisch gewollt, daß sie
allerwärts leben =sollten=, wenn gleich wider ihre Neigung, und selbst
ohne daß dieses Sollen zugleich einen Pflichtbegriff voraussetzte, der
sie hiezu, vermittelst eines moralischen Gesetzes, verbände, -- sondern
sie hat, zu diesem ihrem Zweck zu gelangen, den Krieg gewählt. -- Wir
sehen nämlich Völker, die an der Einheit ihrer Sprache die Einheit ihrer
Abstammung kennbar machen, wie die =Samojeden= am Eismeer einerseits,
und ein Volk von ähnlicher Sprache, zweyhundert Meilen davon entfernt,
im =Altaischen= Gebirge andererseits, wozwischen sich ein anderes,
nämlich mongalisches, berittenes und hiemit kriegerisches Volk,
gedrängt, und so jenen Theil ihres Stammes, weit von diesem, in die
unwirthbarsten Eisgegenden, versprengt hat, wo sie gewis nicht aus
eigener Neigung sich hin verbreitet hätten[12]; -- eben so die =Finnen=
in der nordlichsten Gegend von Europa, =Lappen= genannt, von den jetzt
eben so weit entferneten, aber der Sprache nach mit ihnen verwandten
=Ungern=, durch dazwischen eingedrungne Gothische und Sarmatische Völker
getrennt; und was kann wohl anders die =Eskimos= (vielleicht uralte
Europäische Abentheurer, ein von allen Amerikanern ganz unterschiedenes
Geschlecht) in Norden, und die =Pescheräs=, im Süden von Amerika, bis
zum Feuerlande hingetrieben haben, als der Krieg, dessen sich die Natur
als Mittels bedient, die Erde allerwärts zu bevölkern. Der Krieg aber
selbst bedarf keines besondern Bewegungsgrundes, sondern scheint auf die
menschliche Natur gepfropft zu seyn, und sogar als etwas Edles, wozu der
Mensch durch den Ehrtrieb, ohne eigennützige Triebfedern, beseelt wird,
zu gelten: so, daß =Kriegesmuth= (von amerikanischen Wilden sowohl, als
den europäischen, in den Ritterzeiten) nicht bloß =wenn= Krieg ist (wie
billig), sondern auch, =daß= Krieg sey, von unmittelbarem großem Werth
zu seyn geurtheilt wird, und er oft, bloß um jenen zu zeigen,
angefangen, mithin in dem Kriege an sich selbst eine innere =Würde=
gesetzt wird, sogar daß ihm auch wohl Philosophen, als einer gewissen
Veredelung der Menschheit, eine Lobrede halten, uneingedenk des
Ausspruchs jenes Griechen: »Der Krieg ist darin schlimm, daß er mehr
böse Leute macht, als er deren wegnimmt.« -- So viel von dem, was die
Natur =für ihren eigenen Zweck=, in Ansehung der Menschengattung als
einer Thierklasse, thut.
[12] Man könnte fragen: Wenn die Natur gewollt hat, diese
Eisküsten sollten nicht unbewohnt bleiben, was wird aus
ihren Bewohnern, wenn sie ihnen dereinst (wie zu erwarten
ist) kein Treibholz mehr zuführete? Denn es ist zu glauben,
daß, bey fortrückender Cultur, die Einsassen der temperirten
Erdstriche das Holz, was an den Ufern ihrer Ströme wächst,
besser benutzen, es nicht in die Ströme fallen, und so in
die See wegschwemmen lassen werden. Ich antworte: Die
Anwohner des =Obstroms=, des Jenisey, des Lena u. s. w.
werden es ihnen durch Handel zuführen, und dafür die
Produkte aus dem Thierreich, woran das Meer an den Eisküsten
so reich ist, einhandeln; wenn sie (die Natur) nur allererst
den Frieden unter ihnen erzwungen haben wird.
Jetzt ist die Frage, die das Wesentliche der Absicht auf den ewigen
Frieden betrifft: »Was die Natur in dieser Absicht, Beziehungsweise auf
den Zweck, den dem Menschen seine eigene Vernunft zur Pflicht macht,
mithin zu Begünstigung seiner =moralischen Absicht= thue, und wie sie
die Gewähr leiste, daß dasjenige, was der Mensch nach Freyheitsgesetzen
thun =sollte=, aber nicht thut, dieser Freyheit unbeschadet auch durch
einen Zwang der Natur, daß er es thun =werde=, gesichert sey, und zwar
nach allen drey Verhältnissen des öffentlichen Rechts, des =Staats-=,
=Völker-= und =weltbürgerlichen Rechts=.« -- Wenn ich von der Natur
sage: =sie will=, daß dieses oder jenes geschehe, so heißt das nicht
soviel, als: sie legt uns eine Pflicht auf, es zu thun (denn das kann
nur die zwangsfreye praktische Vernunft), sondern sie =thut= es selbst,
wir mögen wollen oder nicht (_fata volentem ducunt, nolentem trahunt_).
1. Wenn ein Volk auch nicht durch innere Mishelligkeit genöthigt würde,
sich unter den Zwang öffentlicher Gesetze zu begeben, so würde es doch
der Krieg von außen thun, indem, nach der vorher erwähnten Naturanstalt,
ein jedes Volk ein anderes es drängende Volk zum Nachbar vor sich
findet, gegen das es sich innerlich zu einem =Staat= bilden muß, um, als
=Macht=, gegen diesen gerüstet zu seyn. Nun ist die =republikanische=
Verfassung die einzige, welche dem Recht der Menschen vollkommen
angemessen, aber auch die schwerste zu stiften, vielmehr noch zu
erhalten ist, dermaßen, daß viele behaupten, es müsse ein Staat von
=Engeln= seyn, weil Menschen mit ihren selbstsüchtigen Neigungen einer
Verfassung von so sublimer Form nicht fähig wären. Aber nun kommt die
Natur dem verehrten, aber zur Praxis ohnmächtigen allgemeinen, in der
Vernunft gegründeten Willen, und zwar gerade durch jene selbstsüchtige
Neigungen, zu Hülfe, so, daß es nur auf eine gute Organisation des
Staats ankommt (die allerdings im Vermögen der Menschen ist), jener ihre
Kräfte so gegen einander zu richten, daß eine die anderen in ihrer
zerstöhrenden Wirkung aufhält, oder diese aufhebt: so daß der Erfolg für
die Vernunft so ausfällt, als wenn beyde gar nicht da wären, und so der
Mensch, wenn gleich nicht ein moralisch-guter Mensch, dennoch ein guter
Bürger zu seyn gezwungen wird. Das Problem der Staatserrichtung ist, so
hart wie es auch klingt, selbst für ein Volk von Teufeln (wenn sie nur
Verstand haben), auflösbar und lautet so: »Eine Menge von vernünftigen
Wesen, die insgesammt allgemeine Gesetze für ihre Erhaltung verlangen,
deren jedes aber in Geheim sich davon auszunehmen geneigt ist, so zu
ordnen und ihre Verfassung einzurichten, daß, obgleich sie in ihren
Privatgesinnungen einander entgegen streben, diese einander doch so
aufhalten, daß in ihrem öffentlichen Verhalten der Erfolg eben derselbe
ist, als ob sie keine solche böse Gesinnungen hätten.« Ein solches
Problem muß =auflöslich= seyn. Denn es ist nicht die moralische
Besserung der Menschen, sondern nur der Mechanism der Natur, von dem die
Aufgabe zu wissen verlangt, wie man ihn an Menschen benutzen könne, um
den Widerstreit ihrer unfriedlichen Gesinnungen in einem Volk so zu
richten, daß sie sich unter Zwangsgesetze zu begeben einander selbst
nöthigen, und so den Friedenszustand, in welchem Gesetze Kraft haben,
herbeyführen müssen. Man kann dieses auch an den wirklich vorhandenen,
noch sehr unvollkommen organisirten Staaten sehen, daß sie sich doch im
äußeren Verhalten dem, was die Rechtsidee vorschreibt, schon sehr
nähern, ob gleich das Innere der Moralität davon sicherlich nicht die
Ursache ist (wie denn auch nicht von dieser die gute Staatsverfassung,
sondern vielmehr umgekehrt, von der letzteren allererst die gute
moralische Bildung eines Volks zu erwarten ist), mithin der Mechanism
der Natur durch selbstsüchtige Neigungen, die natürlicherweise einander
auch äußerlich entgegen wirken, von der Vernunft zu einem Mittel
gebraucht werden kann, dieser ihrem eigenen Zweck, der rechtlichen
Vorschrift, Raum zu machen, und hiemit auch, soviel an dem Staat selbst
liegt, den inneren sowohl als äußeren Frieden zu befördern und zu
sichern. -- Hier heißt es also: Die Natur =will= unwiderstehlich, daß
das Recht zuletzt die Obergewalt erhalte. Was man nun hier verabsäumt zu
thun, das macht sich zuletzt selbst, obzwar mit viel Ungemächlichkeit.
-- »Biegt man das Rohr zu stark, so brichts; und wer zu viel will, der
will nichts.« =Bouterwek.=
2. Die Idee des Völkerrechts setzt die =Absonderung= vieler von einander
unabhängiger benachbarter Staaten voraus, und, obgleich ein solcher
Zustand an sich schon ein Zustand des Krieges ist (wenn nicht eine
föderative Vereinigung derselben dem Ausbruch der Feindseligkeiten
vorbeugt); so ist doch selbst dieser, nach der Vernunftidee, besser als
die Zusammenschmelzung derselben, durch eine die andere überwachsende,
und in eine Universalmonarchie übergehende Macht; weil die Gesetze mit
dem vergrößten Umfange der Regierung immer mehr an ihrem Nachdruck
einbüßen, und ein seelenloser Despotism, nachdem er die Keime des Guten
ausgerottet hat, zuletzt doch in Anarchie verfällt. Indessen ist dieses
das Verlangen jedes Staats (oder seines Oberhaupts), auf diese Art sich
in den dauernden Friedenszustand zu versetzen, daß er, wo möglich, die
ganze Welt beherrscht. Aber die =Natur will= es anders. -- Sie bedient
sich zweyer Mittel, um Völker von der Vermischung abzuhalten und sie
abzusondern, der Verschiedenheit der =Sprachen= und der
=Religionen=[13], die zwar den Hang zum wechselseitigen Hasse, und
Vorwand zum Kriege bey sich führt, aber doch bey anwachsender Cultur und
der allmähligen Annäherung der Menschen, zu größerer Einstimmung in
Principien, zum Einverständnisse in einem Frieden leitet, der nicht, wie
jener Despotism (auf dem Kirchhofe der Freyheit), durch Schwächung aller
Kräfte, sondern durch ihr Gleichgewicht, im lebhaftesten Wetteifer
derselben, hervorgebracht und gesichert wird.
[13] =Verschiedenheit der Religionen=: ein wunderlicher
Ausdruck! gerade, als ob man auch von verschiedenen
=Moralen= spräche. Es kann wohl verschiedene =Glaubensarten=
historischer, nicht in die Religion, sondern in die
Geschichte der zu ihrer Beförderung gebrauchten, ins Feld
der Gelehrsamkeit einschlagender Mittel und eben so
verschiedene =Religionsbücher= (Zendavesta, Vedam, Koram
u. s. w.) geben, aber nur eine einzige, für alle Menschen
und in allen Zeiten gültige =Religion=. Jene also können
wohl nichts anders als nur das Vehikel der Religion, was
zufällig ist, und nach Verschiedenheit der Zeiten und Oerter
verschieden seyn kann, enthalten.
3. So wie die Natur weislich die Völker trennt, welche der Wille jedes
Staats, und zwar selbst nach Gründen des Völkerrechts, gern unter sich
durch List oder Gewalt vereinigen möchte; so vereinigt sie auch
andererseits Völker, die der Begriff des Weltbürgerrechts gegen
Gewaltthätigkeit und Krieg nicht würde gesichert haben, durch den
wechselseitigen Eigennutz. Es ist der =Handelsgeist=, der mit dem Kriege
nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes
Volks bemächtigt. Weil nämlich unter allen, der Staatsmacht
untergeordneten, Mächten (Mitteln), die =Geldmacht= wohl die
zuverläßigste seyn möchte, so sehen sich Staaten (freylich wohl nicht
eben durch Triebfedern der Moralität) gedrungen, den edlen Frieden zu
befördern, und, wo auch immer in der Welt Krieg auszubrechen droht, ihn
durch Vermittelungen abzuwehren, gleich als ob sie deshalb im
beständigen Bündnisse ständen; denn große Vereinigungen zum Kriege
können, der Natur der Sache nach, sich nur höchst selten zutragen, und
noch seltener glücken. -- -- Auf die Art garantirt die Natur, durch den
Mechanism in den menschlichen Neigungen selbst, den ewigen Frieden;
freylich mit einer Sicherheit, die nicht hinreichend ist, die Zukunft
desselben (theoretisch) zu =weissagen=, aber doch in praktischer Absicht
zulangt, und es zur Pflicht macht, zu diesem (nicht bloß schimärischen)
Zwecke hinzuarbeiten.
Anhang.
I.
Ueber die Mishelligkeit zwischen der Moral und der Politik, in Absicht
auf den ewigen Frieden.
Die Moral ist schon an sich selbst eine Praxis in objectiver Bedeutung,
als Inbegriff von unbedingt gebietenden Gesetzen, nach denen wir handeln
=sollen=, und es ist offenbare Ungereimtheit, nachdem man diesem
Pflichtbegriff seine Autorität zugestanden hat, noch sagen zu wollen,
daß man es doch nicht =könne=. Denn alsdann fällt dieser Begriff aus der
Moral von selbst weg (_ultra posse nemo obligatur_); mithin kann es
keinen Streit der Politik, als ausübender Rechtslehre, mit der Moral,
als einer solchen, aber theoretischen (mithin keinen Streit der Praxis
mit der Theorie) geben: man müßte denn unter der letzteren eine
allgemeine =Klugheitslehre=, d. i. eine Theorie der Maximen verstehen,
zu seinen auf Vortheil berechneten Absichten die tauglichsten Mittel zu
wählen, d. i. läugnen, daß es überhaupt eine Moral gebe.