Es ergibt sich also, daß die Schule den Gedanken des Heimatschutzes

aus Erziehungsgründen in staatsbürgerlicher Hinsicht in jeder Weise

fördern sollte, wenn der Gedanke nicht schon von sich aus seine

Durchführung verlangte. In seinem Programm des Naturschutzes sagte

Professor Guenther: »Der Naturschutz ist keine Liebhaberveranstaltung,

sondern Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk. Deshalb muß

er im Staate gerade so seinen Platz haben, seine Beobachtung und

Unterstützung finden wie andere Teile der Volkswirtschaft und der

Lehrfächer.« Aus dieser Erwägung heraus ist ja auch die oben erwähnte

Ministerialverordnung vom 12. August 1908 erlassen worden. Aber auch

in der Schule stößt der Schutzgedanke auf mancherlei Hemmungen. Nur

ein Teil der Lehrerschaft wird vollständig im Heimatschutz aufgehen

können, anderen dafür andere Interessensphären überlassend. Diese

Verschiedenheit ist der Schule natürlich von großem Wert; erinnert

sei nur daran, daß jede größere Schule Verwalter für Lehrmittel,

für Schulgarten, einen Organisator als Schulleiter, einen Musiker

als Leiter des Chorgesanges, einen Turner als Turnwart braucht. An

kleineren Schulen auf dem Lande erfolgt eine gegenseitige Befruchtung

und Ergänzung durch Bezirkskonferenzen. Eine Stellung, die derjenigen

des Schulchorleiters parallel ist, kann nun auch ein Lehrer einnehmen,

der auf dem Gebiete des Heimatschutzes zu Hause ist. Wie jene Aufgabe

nur ein musikalischer Lehrer erfüllen kann, so diese nur ein heimatlich

besonders veranlagter, der, vom Vertrauen des Lehrkörpers bestimmt,

ihr seine Kraft widmet. Für den Heimatschutz kann kein besonderes

Fach angesetzt werden. Der Gedanke ist den Kindern gelegentlich

nahezubringen, bei Behandlung von Lesestücken, im Geschichts-,

Naturgeschichts-, Deutsch-, Zeichen-, Gesangsunterricht außer natürlich

im heimatkundlichen. Eine Durchdringung, Durchsetzung des Volksganzen

soll und kann durch die Schule erfolgen. Gelegentlich heißt nicht

ohne System. Dieses hineinzubringen kann Aufgabe eines Schul- oder

Bezirksvertrauensmannes sein, der selbst seine Heimat gründlich kennt,

der beseelt ist von einer glühenden Liebe für sie, der erkennt, was im

heimatlichen Bezirk not tut, der im Heimatschutz seine Lebensaufgabe

erblickt und der von den Bestrebungen der Schutzorganisationen

dauernd unterrichtet ist. Überall im Lande arbeiten Lehrer in dieser

Richtung. Keine amtliche Bestätigung oder Verordnung schreibt ihnen

ihre Aufgabe vor. Dennoch fühlen sie die Verantwortung in sich, daß an

ihrer Schule, in ihrem Bezirke, die Kinder im oben dargelegten Sinne

erzogen werden. Sie stellen fest, was im Schulbezirk schätzenswert

ist, sowohl baulicher, als auch geologischer, botanischer und

zoologischer Art. Sie forschen nach Geschichtsquellen des Ortes,

sammeln Ortssagen. Sie achten auf lokale Unsitten der Kinder, wie z. B.

Blumenverkauf an Fremde. Sie arbeiten neue Heimatkundelehrpläne aus,

legen Heimatstuben oder Heimatmuseen an. In Konferenzen berichten sie

und bringen Anregungen. Heimatliebenden Männern und Frauen ist diese

Arbeit Notwendigkeit. In einem Dorfe des östlichen Erzgebirges ist

durch die Arbeit der Schule der Schutzgedanke Allgemeingut der Kinder

und auch der Erwachsenen geworden. Verstöße gegen die Schönheit der

Heimat kommen dort kaum vor. Die geschützten und die anderen seltenen

Pflanzen sind den Schülern alle bekannt, so daß diese in der Lage sind,

an Sonntagen eine Art freiwilliger Bergwacht darzustellen. Und dieser

Erfolg ist nicht mit einem großen Aufwand an Zeit erkauft worden,

sondern nur durch die Persönlichkeit eines heimatliebenden Schulmannes.

Wenn nun auch diese Heimatschutzvertrauensmänner der Schulen oder

Bezirke nicht amtlich bestätigt werden wie Chorleiter, Lehrmittelwarte

und Schulgärtner, so wäre doch eine wirksamere amtliche Unterstützung

des Heimatschutzgedankens in der Schule sehr zu wünschen. Schon bisher

wiesen Schulämter und Ministerien von Zeit zu Zeit darauf hin, daß

Fluren usw. geschont werden müssen und Obst nicht gestohlen werden

darf. Dabei trat das Materielle zu sehr in den Vordergrund. Der

Naturschutz gipfelte in Verboten, die oft nur wenig beachtet wurden. In

der Schuljugend soll aber der eigene Wille zum Natur- und Heimatschutz

geweckt werden. _Aus ästhetischem und ethischem Idealismus heraus

soll sich in sittlicher Freiheit ihr Handeln bestimmen, wozu ein

hartes, kaltes Verbot nicht so beitragen kann, wie ein eindringliches

Sehendmachen für das, was schön, was bedroht und was schon verloren

ist._ Vor allem sollten die amtlichen Stellen dafür sorgen, daß am

Tage vor Ferienbeginn die Schüler mit einem Eindruck entlassen werden,

der ihnen ein rücksichtsvolles Verhalten während der Ferienzeit

erleichtert. Daß Naturschutz eine ernste Angelegenheit ist, würden

sie fühlen, wenn anordnungsgemäß alle Klassen zu einem kurzen, aber

eindringlichen Vortrage von einem begeisterten Heimatschützler unter

der Lehrerschaft in den Schulsaal zusammengerufen würden. Vor allem

aber ist zu wünschen, daß vom Ministerium einmal ein unzweideutiges

Verbot jeden Blumenpflückens bei Klassenwanderungen erlassen würde. Den

Lehrern würde dies eine ganz bedeutende Erleichterung sein. Vielleicht

mag es vielen Eltern als eine Härte erscheinen, wenn ihr Kind von der

»Partie« ohne Strauß heimkehrt. Aber wie schwer schädigend kann eine

Klasse in einen reichen Blumenbestand eingreifen! Zudem ist, wie jeder

Lehrer immer wieder mit Seufzen feststellt, die Schularbeit mit viel

Halbheit verbunden. Wo kommt man zu einem endgültigen Ziele? Hier ist

einmal Gelegenheit, die Kinder das Gefühl empfinden zu lassen, das man

hat, wenn etwas restlos konsequent durchgeführt worden ist. _Durch ein

Kompromiß erziehen wir die Kinder nicht zum Heimatschutz._ Sie müssen

durch die in diesem Falle starre Haltung des Lehrers stutzig gemacht

werden, damit ihnen überhaupt einmal eine Ahnung davon aufdämmert, um

was für eine große Sache es sich hier überhaupt handelt. Die Freude am

schönen Blumenstrauß mag auf einer Wanderung ersetzt werden durch die

höhere Freude an weiten Blumenflächen, auf denen erst die Masse wirkt,

und durch das stolze Gefühl innerer Kraft.

Die Schule kann eine Schutztruppe schaffen für die Heimat, die genau

weiß, wofür sie eintritt. Es ist ein Dienst an Land und Volk, wenn

ursprüngliche Schönheit erhalten bleibt. Das Volk aber wird mit einem

Ideal durchsetzt, das von innen heraus keine Gegner finden kann. Daß

die Ziele zu erreichen sind, lehrt die Erfahrung. Wenn sich nämlich

einerseits zeigt, daß Kinder den Gedanken der Schonung von vornherein

nicht in sich tragen, den Unterschied zwischen schön und häßlich nicht

kennen, so kann man anderseits nach entsprechender Beeinflussung

feststellen, daß sie mit Begeisterung den Schutzgedanken aufnehmen, daß

sie froh und stolz sind, schaffen, mit wirken zu können am Schicksal

der sie umgebenden Heimat. – »Das ist der Heimatschule letzter

Gesichtspunkt: Aus dem einzelnen auf das Lebensgesetz zu kommen und

die Heimat als das wissenschaftliche und lebendige Ethos in der Schule

anzusehen.« (Bl. f. Naturschutz, 1920, 1/2, S. 6.)

Aus unserem Landesmuseum für Sächsische Volkskunst

Von _O. Seyffert_

Wir bringen heute drei Abbildungen aus unserem Museum zur

Weihnachtszeit. Tausende von Besuchern erlebten hier glückliche

Stunden. Viele hilfsbereite Hände hatten dieses Weihnachtsglück

geschaffen. In der vorhergehenden Nummer unserer Mitteilungen hat

Richard Bürkner über Weihnachten im Landesmuseum geplaudert. Ich kann

dieser anschaulichen Schilderung wenig hinzufügen. Es war dieses Jahr

wie alle Jahre: es war alles so vertraut und bekannt und doch war

alles neu. Die Christbäume erzählten lustige Kindermärchen, lange

Papierketten schwebten von ihnen herab, dunkelblaue und goldne Blumen

blühten, zarte Schnittarbeiten, Englein und seltsame Vögel, Sterne

und allerhand Pfefferkuchen – nein, wie die verführerisch dufteten!

– schmückten die Fichten, die wie immer aus Pfaffroda im Erzgebirge

gekommen waren. Und von einem feierlichen Adventsleuchter fielen

buntfarbige Herzen herab auf die Erde, die so etwas gebrauchen kann –

zu alledem sangen frohe Menschen:

»Wenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist,

Da kommt zu uns der heilige Christ.«

Sicher hat gar mancher, der daheim das Fest aller Feste (so wurde

auch das Gauklerfest in Dresden benannt) nicht feiern konnte, es im

Landesmuseum in seiner Herrlichkeit erlebt.

Und beim Nachhausegehen klangen alte Lieder den Kindern in der Seele:

»Nun wünschen wir auch allen eine schöne gute Nacht,

Von Samt und Seide ein Bettchen gemacht,

Von Zucker und Rosinen eine Tür,

Von Pfefferkuchen ein Schlößchen dafür

Und von Muskaten eine Schwell

Und einen Engel zum Schlafgesell.[5]«

Unsere erste Abbildung zeigt einen geschmückten Baum in der

kleinbürgerlichen Stube im Erdgeschoß des Museums. Dies Zimmer ist dem

Gedenken eines im Weltkriege Gefallenen geweiht. Aus dem Fichtengrün

glühen dunkelrote Herzen und leuchten goldne Nüsse. Leider sind auf

unserem Bilde die Herzen, bedingt durch die photographische Aufnahme,

schwer erkenntlich. In Wirklichkeit aber war ihr Rot gar wundersam,

und der Dreifarbenklang Gold, Rot, Grün übte einen eigenen Zauber aus.

Junge Mädchen der höheren Töchterschule in Dresden-Neustadt hatten

diesen Baum geschaffen, der von Liebe und goldenen Träumen erzählte.

[Illustration: Abb. 1. Landesmuseum für Sächsische Volkskunst:

=Kleinbürgerliche Stube=]

Nun will ich aber noch von wichtigen Neuerwerbungen unserer Sammlung

berichten.

Zu unseren zwei Krippen sind zwei weitere gekommen. Das ist ein

Reichtum, auf den ich stolz bin.

[Illustration: Abb. 2. Landesmuseum für Sächsische Volkskunst: =Krippe

von K. Feuerriegel-Frohburg=]

Erstens: Die keramische Krippe von Kurt Feuerriegel, dem bekannten

Töpfermeister in Frohburg, der schon mit vielen Werken im Museum

vertreten ist. Die Sächsische Landesstelle für Kunstgewerbe hat die

Krippe uns überwiesen.

In einer Grotte erblicken wir Joseph und Maria, sich zu dem Kinde

neigend. Ein Esel und ein Öchslein gucken vergnüglich links und rechts

hervor. Engelsköpfe schauen aus den Wolken auf die Gruppe herab. Und

die heiligen drei Könige bringen ihre Geschenke. Sie sind über alles

Lob reich gekleidet, und viele bunte Glanzlichter glitzern auf ihren

Gewändern. Ein Kamel lagert sich in ihrer Nähe. Sein schwarzer Führer

hat sich demütig niedergeworfen, um das heilige Kind anzubeten. Aber

auch weitere Gäste sind aus dem Orient gekommen. Auf einem Elefant

reiten zwei Mohrenjungen, die kostbare Gaben mit sich führen. Der

eine ist leider im Begriff, von seinem Reittier herunterzurutschen und

befindet sich in etwas besorgniserregender Verfassung. Das Lustigste,

Volkskundlichste ist aber ein dritter kleiner Mohr, der keck auf

einem Ziegenbock sitzt. Hier ist Feuerriegel etwas ganz Köstliches

gelungen. Hirten mit ihrer Herde und ihren Schäferhunden haben sich der

vornehmen, ausländischen Gesellschaft angeschlossen und vervollkommnen

das Ganze.

Was uns dieses Werk aber besonders lieb und wert macht, ist seine

Materialechtheit. Es ist aus Ton geschaffen und will nichts anderes

vorstellen. Seine bunten Farben und die glänzende Glasur geben einen

eigenen, seltsamen Reiz.

[Illustration: Abb. 3. Landesmuseum für Sächsische Volkskunst: =Krippe

von Burkhard-Ebe=]

Zweitens: Die Krippe vom Bildhauer Burkhard-Ebe, die er gemeinsam

mit seiner Frau hergestellt hat. Sie hatten ihre Kinder damit zur

Weihnachtszeit erfreut, und nun erfreut sie im Museum alle Besucher.

Die Figuren sind aus einer Tonmasse. Sie tragen aber stoffliche

Gewänder, wie die Gestalten der Krippe von Hilda Schlüter, die schon

seit Jahren dank der Freigebigkeit eines Gönners im Besitze unseres

Museums ist. Ihr gegenüber hat die Neuerwerbung nun auch Aufstellung

gefunden. Die blonde Maria, die ihr Kindlein sorgsam auswickelt, ist

von wunderlieber Anmut. Joseph blickt zum Himmel empor. Rechts stehen

die Könige. Der Mohr ist ein prächtiger Kerl. Eine Truhe, aus der die

Geschenke für das Christkind hervorlugen, fordert ganze Aufmerksamkeit

für sich. Zwei Hirten nahen betend, während der dritte seinen Dudelsack

mit eifriger Hingebung bläst, um das liebe Jesulein zu ergötzen. Mit

dem linken Fuße tritt er den Takt zu seiner Musik, die sicherlich alle

erfreut. Im Vordergrunde sind die Schafe, die mit den Hirten gekommen

sind und ihre Anteilnahme dem Stroh in der Krippe entgegenbringen.

Das Werk hat eine feine, farbige Wirkung. Besonders volkstümlich

sind die Wacholderbäumchen, die mit ihrem dunklen Gezweig das Ganze

abschließen und an das Weihnachtsgrün der Tannen gemahnen.

Es ist eine alte Überlieferung, Krippenfiguren mit Stoffgewändern

zu schmücken. Ich erinnere an die reiche Krippenausstellung im

Nationalmuseum zu München. Es kommt in dieser Sitte eine volkskundliche

Anschauung zum Ausdruck, die wir z. B. auch bei den Marionettenfiguren

und beim Kasperle finden, die ja bekleidete Holzfiguren sind. Es ist

das Loslösen vom rein Bildhauerischen der hohen Kunst.

Ein Vergleichen unserer neuen Krippe mit der ihr gegenüber

aufgestellten Schlüterschen Anbetung gibt zu vielen Betrachtungen Anlaß.

Ist letztere aus katholischer Art erwachsen – die Jungfrau Maria thront

als Himmelskönigin mit hoher goldener Krone, der arme Zimmermann Joseph

fehlt – so ist die Neuerwerbung protestantisch. Die Maria ist keine

Königin, sondern Mutter, und der Joseph ist ihr Mann und deshalb zur

Stelle.

Ich wollte eigentlich noch viel erzählen. Da fällt mir eine Erinnerung

ein. Du mein Gott! wenn man älter wird, hat man Erinnerungen.

Ich war auf einem Volksfest und stand neugierig vor einer Bude. Der

Ausrufer rief: »Hereinspaziert, meine Herrschaften, hereinspaziert!

Innen können Sie alles genau sehen, was ich Ihnen erzählt habe!«

So ist es auch mit dem Landesmuseum für Sächsische Volkskunst. Innen

können Sie alles sehen, was ich zu schildern versucht habe. Und noch

viel mehr.

Und ein vereidigter Rechnungsrevisor beglaubigt: Das Museum hat

siebzehntausendeinhundertvierundzwanzig Nummern.

Und ein kleines dickes Mädel antwortete auf meine Frage, was ihm

am besten gefallen habe, mit leuchtenden Augen: Alles hat mir am

allerbesten gefallen!

[Illustration]

Fußnote:

[5] Aus einem Christspiel aus Neufriedersdorf bei

Neusalza.

Die Wohnräume, ausgestellt vom Landesverein Sächsischer Heimatschutz

auf der »Jahresschau 1925«

Von _O. Seyffert_

Die Jahresschau »Wohnung und Siedelung« hat ihre Pforten schon längst

geschlossen. Der Grundsatz, daß die Aussteller ihre eigenen Juroren

sein mußten, da die Ausstellungsleitung wohl die Herstellung der Hallen

übernahm, sich aber einer Aufnahmekritik enthielt, war auch bei ihr wie

bei ihren Vorgängerinnen befolgt worden. Unsere Zeit diktierte diesen

Grundsatz, und es läßt sich nicht leugnen, daß er vieles Gute zum Leben

erweckte. Aber jedes Ding hat zwei Seiten.

Es mußte sich von selbst zeigen, daß die Dresdner Ausstellungen nicht

die geschmackliche und künstlerische Höhe erreichen konnten, die

andere Veranstaltungen mit strenger Aufnahme-Jury haben mußten. Es

liegt uns fern, nachträglich eingehend Kritik üben zu wollen. Das

Suchen und die Unklarheit unserer Zeit kamen wie überall zutage. Das

Kunstgewerbe – das Wort fängt an, einen Beigeschmack zu bekommen –

zeigte sich reichlich in den _Wohnräumen_ und konnte, wenn es sich nur

auf dekorative Äußerlichkeiten stützte, nicht befriedigen. Da, wo der

Schmuck sich dem Ganzen unterordnete und wo er nicht wie eine tropische

Schlingpflanze überwucherte, empfand man ihn als eine Bereicherung.

Aber dieser Genuß wurde dem Beschauer nicht immer zuteil.

Wir wollen heute in Anschluß an diese Betrachtungen nur ein kurzes Wort

über die Wohnräume der Ausstellung sprechen. Mir kam es vor, als ob der

Geschmack Ludwig II. von Bayern noch lebendig sei und sich hier und da

in die Zimmer der sogenannten besseren bürgerlichen Stände geflüchtet

hätte.

[Illustration: Entwurf: =Heinrich Tessenow=

Ausführung: =Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau=]

Die Architektur, die Mutter aller Künste, wurde oft vom Beiwerk

erstickt. Und das Schlimmste war, was den Volkskundler bedenklich

machte, daß das Publikum staunend diese falsche Herrlichkeit bewunderte

und sich innig danach sehnte, aus der »öden« Wirklichkeit in den

berauschenden Prunk zu gelangen. Und das tat nicht nur die Unschuld

vom Lande, sondern auch der Großstädter in seinen vielseitigen

Schattierungen. Immer verständlicher wird der neuzeitliche Ruf, sich

von überflüssigem Äußerlichen fernzuhalten und eine Sachlichkeit

anzustreben, die aber durchaus nicht bar von jeder Schmuckform zu

sein braucht. Denn wir teilen nicht die Ansicht derer, denen höchste

Schmucklosigkeit höchstes Gebot ist. Wir wollen nicht das Kind mit

dem Bade ausschütten. Wir wollen nicht arm von allen Gefühlswerten

sein. Wir wissen nicht nur den ästhetischen, sondern auch den

wirtschaftlichen Wert _guten_ Kunstgewerbes einzuschätzen. Wir wollen

aber auch nicht an Gefühlsduselei ersticken.

[Illustration: Entwurf: =Heinrich Tessenow=

Ausführung: =Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau=]

Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz hatte nun, um diese wichtigen

Fragen klären zu helfen, eine Anzahl Zimmer ausgestellt, die in seinem

Auftrage Professor ~Dr. h. c.~ Heinrich Tessenow entworfen hatte, und

die in den Deutschen Werkstätten, Dresden-Hellerau, ausgeführt

worden waren. Es erscheint hier überflüssig, auf die Eigenart Tessenows

einzugehen. Er ist Architekt und nicht Kunstgewerbler. Er ist

Architekt, der im Handwerklichen wurzelt.

[Illustration: Entwurf: =Heinrich Tessenow=

Ausführung: =Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau=]

Unsere Ausstellung zeigte einen Weg. Tessenow hatte absichtlich in

seinen Räumen die kleinen Gebrauchsgegenstände, die hineingehören,

weggelassen: Er gab uns einen Totaleinblick. Eine vornehme Harmonie

in Form und Farbe, etwas Selbstverständliches war erreicht. Die

Abwägung der Verhältnisse war höchstes Gesetz. Und so einfach das

Ganze auch war, so machte es doch nicht den Eindruck des Armen, das

»von der ~pauvreté~ kommt.« Es war der Ausdruck geläuterter Kultur.

Freilich, in diese Räume gehörten auch Menschen, die sich schlicht und

vornehm kleiden, gute Bücher lesen usw. und sich nicht putzen wie ein

Pfingstmaienbaum. Die Familie Raffke mit ihrer Verwandtschaft fühlte

sich, wenn sie zu Besuch war, höchst unwohl.

[Illustration: =Deutsches Hygiene-Museum. Stube, zusammengestellt von

O. Seyffert=]

Ferne sei es, die Tessenowschen Zimmer als die einzige Lösung

hinzustellen. Ich bekenne von neuem, sie zeigten uns aber einen Weg

zur Gesundung. Sicher kann man auch reichlichere Ausdrucksmittel als

Tessenow wählen, wenn nur die Gesinnung eine ehrlich künstlerische ist.

Wie war nun der Eindruck auf das große Publikum? Vernichtend.

Das heißt, für das liebe Publikum.

»Das soll Heimatschutzstil sein? Hahaha! Hihihi!«

Ich weiß nicht, was Heimatschutzstil ist – gibt es überhaupt einen

solchen? Ist nicht der gute Geschmack auch Heimatschutzstil? Denken

sich die Leute noch immer Butzenscheibenromantik in moderner

Aufmachung? Die Fensterläden mit einem Herzchen versehen?

Wir sehen, die Schnörkel, Tapeziererunkünste und die Süßigkeiten der

Nippes haben die Leute allzusehr beeinflußt. Aber gerade unsere Zeit

mit ihren Nöten muß uns doch ganz von selbst zur Schlichtheit führen.

Ich war strebend bemüht, solche Gedanken zu verbreiten, denn

oberflächliche Urteile wurden vernichtend und schnell geführt.

Das letzte Bild bringt einen weiteren Beitrag zu unserem Thema.

Für das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden hatte ich eine Stube

zusammengestellt, wie sie _nicht_ sein soll. Große Buchstaben

verkündeten dies. Das war nötig, sonst hätte es wahrhaftig Menschen

gegeben, die bei diesem Schreckensraum »ach, wie nett!« ausgerufen

hätten. Waren hier in erster Linie auch hygienische, nicht ästhetische

Gründe maßgebend, so vereinigte sich doch alles zu einem echten

Bilde unserer Unkultur. Die drei Tage, an denen ich all die Sachen

zusammengekauft habe, bleiben dunkle Punkte in meinem Leben. Ich habe

mich geschämt, das Zeug zu erwerben und guckte beim Einkauf verstohlen

nach links und rechts, ob meine Missetat von jemandem beobachtet würde.

Nun – es ist alles überwunden, und dieses abschreckende Beispiel hat

seinen Zweck erfüllt. Es hat manchem die Augen geöffnet. Es wirkte

erzieherisch. Und immer und immer wieder wollen wir uns den Satz ins

Gedächtnis rufen:

Geschmack bilden, heißt den Charakter bilden.

Die Himmelmühle im Erzgebirge

Von _Curt Guratztsch_, Dresden

Mit Aufnahmen des Heimatschutzes

Wenn man auf der Straße von Wolkenstein nach Wiesenbad hinunterfährt –

vielleicht, um noch die neun Kilometer bis Annaberg zurückzulegen –,

so sieht man an einer Wegbiegung einen Augenblick ins Tal hinunter

auf die Himmelmühle. Das ist an sich nichts Besonderes. Man hat

solche Landschaftsbildchen ziemlich häufig im Obererzgebirge; in

ihrer Sonderart könnten sie allenfalls einen Maler von der Art der

Niederländer reizen, einen, den das schlichte Ineinander von Natur und

Menschenwerk Wunders genug dünkte, um es in ein Bild einzufangen, ohne

alle Zutat von Schwärmerei, mit niederdeutscher Sachlichkeit. Sein

Bild müßte aber so sein: auf gegenüberliegenden Hängen steigen hohe

Erzgebirgsfichten hernieder; dazwischen liegt ein Tal, und die tiefste

Rinne darin wird von einem Flüßchen gebildet, das ziemlich rasch und

in Schaumkreisen über Geröll hinwegstrebt. Es ist die Zschopau. Das

Tal bildet natürlich eine grüne, im Sommer sehr saftig strotzende

Wiese, und darin liegen um einen Fabrikschornstein etliche Gebäude.

Da dieser Anblick sich im Erzgebirge so oft wiederholt, könnte man

das Bild davon neben die zahllosen Bilder von niederländischen

Mühlenlandschaften stellen; es wäre ein Gleichnis dazu, denn beidemal

wird ein Stück Landschaftstum aufgefangen. In unserem Falle könnte man

dann »Himmelmühle« darunter schreiben.

[Illustration: Abb. 1. =Blick vom »Heiligen Hain« in das Zschopautal,

im Hintergrunde der Pöhlberg bei Annaberg=]

So läßt sich der Ort, von dem hier die Rede sein soll, anspruchslos

an, wie das Erzgebirge ja auch sonst. Es ist wohl möglich, daß er

Vorbeifahrenden – am rechten Ufer der Zschopau läuft nämlich der

Bahnstrang entlang – im Sommer und bis in den Spätherbst hinein aus dem

besonderen Grunde aufgefallen ist, weil zwischen den Gebäuden jenseits

des Flusses ein holder Rosenhag blüht. Der Besitzer der Himmelmühle

hat ihn vor ein paar Jahren geschaffen, und er entfaltet sich in der

milden Luft der Talsenke von Jahr zu Jahr reicher. Aber im übrigen wird

man eben, wie gesagt, nur mit den Gefühlen auf das Anwesen geschaut

haben, wie auf solche Gebäudereihen in Erzgebirgstälern überhaupt. Der

Heimatfreund _will_ ja auch gar nicht fortgesetzt etwas Neues, eine

ewig aufhaspelnde Abwechslung. Diese Himmelmühle, im Grunde zwischen

Wiesenbad und Wolkenstein, ist nur darum bemerkenswert, weil sie davor

bewahrt geblieben ist, etwas geschmackswidrig »Neuzeitliches« zu

werden, weil sie mit dem Stilgefühl wieder aufgebaut wurde, daß der

Formwille der Landschaft nicht gekränkt wurde.

Aber wir wollen unseren Wagen doch einmal auf der breiten Talstraße

oberhalb halten lassen und auf einem Fußwege zur Mühle hinuntersteigen.

[Illustration: Abb. 2. =Rundblick vom Streckewalder Rücken aus gesehen.

Im Vordergrund die Himmelmühle=]

Es ist eine Fläche von achtzigtausend Quadratmetern, die durch das

Anwesen Himmelmühle umspannt wird. Wenn man hinzunimmt, daß insgesamt

einhundertundzwanzig Seelen darauf wohnen, so findet man die stattliche

Zahl der Gebäude nicht verwunderlich. Sie scheiden sich durch den

Vorgarten des Herrenhauses und werden an beiden Enden des Raumes durch

je eine Brücke über die Zschopau abgeschlossen. Auf unserem Fußwege

gelangen wir gerade auf den Fabrikplatz zu. Mit breiter Front steht das

»Schokoladenwerk Himmelmühle« links vor uns. Es ist ein Bau von acht

Stockwerken und 17 Metern Tiefe; auf dem spitz zulaufenden Schieferdach

sitzt ein Türmchen; die Bauweise ist ländlich; das Haus überragt

wohl die Nebengebäude, bringt aber nicht etwa den Eindruck eines

amerikanischen Riesen hervor. Drei von den Stockwerken sind nämlich in

die zweifach gebrochene Dachlinie aufgenommen. Vor dem Schokoladenwerk

liegt das Kesselhaus mit dem Schornstein. Rechts, nach dem Ufer der

Zschopau zu, schließt das Herrenhaus an, ein Gebäude mit flachem Dach,

und insofern herausgehoben aus der Zahl der übrigen. Schmuckwerk fehlt

auch hier; die Bauten wirken insgesamt nur durch die Schönheit ihrer

Sachlichkeit. Zwischen Herrenhaus und Fabrik hindurch kommt man auf

einen viereckigen Platz, den drei erzgebirgische Fachwerkbauten, das

Lange Haus[6], das Kurze Haus und das ehemalige Schulhaus umgeben;

damit hat man nach der einen Seite zu das Ende erreicht. Man wendet

also, geht am Vorgarten des Herrenhauses und einem hübschen Pavillon

in seiner entferntesten Ecke vorüber und kommt nach einem Weilchen

zu der anderen Gebäudegruppe zschopauabwärts, der das Gasthaus

Himmelmühle, ein Landwirtschaftsgebäude und ein Beamtenwohnhaus des

Kraftwerkes Westsachsen, zugehören. Dahinter sieht man noch einen

Wiesenrücken, der, wie am entgegengesetzten Ende, mit Obstbäumen

bepflanzt ist; zur Höhe hinauf gewahrt man die viel begangene

Talstraße, ein Notstandswerk aus den Jahren 1923 und 1924, dem die

Ergänzung nach Wolkenstein heute noch fehlt.

[Illustration: Abb. 3. =Blick von Osten auf das Zschopautal mit

Himmelmühle=]

Was an Gebäuden zum Anwesen Himmelmühle gehört, ist nicht älter als

etwa neunzig Jahre. Denn vordem soll, nach Ausweis der Grundbücher,

nichts hier gestanden haben – außer dem Gasthaus jedenfalls. In eine

viel tiefere Zeitferne führt freilich die Erzgebirgische Kriegschronik

zurück, in der Mag. Christian Lehmann vom Jahre 1639 zu berichten weiß,

daß »eine rotte loser bursch« den Vetter des schwedischen Obristen

Göcking erschlagen habe, wobei auch ein gewisser Nicol Georg gewesen

sei. Dieser, der eigentlich ein »Heußler« zu Falkenbach gewesen,

habe sich darauf »mit seinen Viehe und mobilien in morrast bei der

Norbsmühle zwischen Neudörfel und Falkenbach retterirt,« wo er aber von

den Schwedischen gegriffen wurde. Wenige Tage später hat ihm der Obrist

dann zu Annaberg »den Kopf abschmeißen« lassen. In der Norbsmühle ist

die Himmelmühle wiederzuerkennen. Es ist dies die älteste Erwähnung der

Örtlichkeit.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 1-2 · 第 6 / 7 段