Dache eines Gehöftes gewesen sein. Im Winter des Jahres 1873 starb
die Besitzerin des Gutes, die diesen Tieren immer besonderen Schutz
gewährte. Nach der Rückkehr aus dem Süden nahmen die Störche die alte
Niststätte nicht an, sondern bezogen die hohe Friedhofslinde, die in
unmittelbarer Nähe des Grabes ihrer Beschützerin war. Das mag zufällig
geschehen sein, doch sah die Bevölkerung in diesem Tun ein Zeichen
von Treue und Anhänglichkeit. Ein Beweis, welche Rolle der Storch im
Volksglauben spielt. Jährlich sind im Nest zwei bis fünf Junge erbrütet
worden. Einmal, in den achtziger Jahren, blieben die Störche aus, als
die Linde oben recht zugewachsen war. Ein Schornsteinfeger stellte
den Schaden ab, der ausgeästete Baum wurde im nächsten Jahr erneut
beflogen. Die Jahre kamen und gingen. Die Linde wurde morsch, so daß
man schließlich einmal ihren Sturz befürchten mußte. Da beschlossen
1923 die Kirchgemeindevertretung Malkwitz und Kircheninspektion
Oschatz unter Teilnahme eines Vertreters des Heimatschutzes (Klengel,
Meißen), am Firste des nahen Kirchendaches ein dauerhaftes Wagenrad zu
befestigen. Der Plan wurde ausgeführt, der Storch nahm die Niststätte
nicht an, sondern ging wieder nach dem altgewohnten Horst. Mir
kam schon in dieser Sitzung der Gedanke einer Auszementierung der
Linde, da ich aber nur als Gast zugegen war, machte ich davon keinen
Gebrauch. In den Jahren 1923 und 1924 kamen zwei und drei Dunenjunge
hoch. Sie wurden beringt und tragen die Nummern 11741 bis 11745 der
Vogelwarte Rossitten. Einzelfragen über die Störche, wie Zugrichtung,
Zugschnelligkeit, Heimat- und Nesttreue, Dauerehe usw. sollen durch
solche Beringungen immer mehr geklärt werden. Anfang April 1925 kehrte
das Malkwitzer Storchenweibchen zurück. Das Männchen blieb aus, so daß
schließlich auch das Weibchen dem Neste fernblieb. Am 22. September
trat nun das Unglück ein, von dem bereits in der Tagespresse berichtet
wurde. Die morsche Linde wurde bei heiterstem Herbstwetter, sagen wir
ein Opfer der Windstille. Der »Heimatschutz« ließ um diese Zeit einen
Aufsatz durch sächsische Tageszeitungen gehen, betitelt »Erhaltung
von Naturdenkmälern«. Der betreffende Mitarbeiter spricht da von der
Malkwitzer Linde als einem herrlichen Naturdenkmal, um das wir ärmer
geworden sind. Er fragt weiter, ob dieses beklagenswerte Ereignis nicht
noch für eine lange Reihe von Jahren hätte aufgehalten werden können,
wenn man rechtzeitig für eine zweckentsprechende Sicherung des Baumes
gesorgt hätte. Zunächst ist da zu bemerken, daß der Baum an sich, man
wolle mich recht verstehen, gar kein Naturdenkmal mehr war; denn einen
Lindenstumpf, der seit drei Jahren nicht mehr ausschlug und so die
Spuren sich verjüngenden Lebens an sich gezeigt hätte, kann man nicht
als solches bezeichnen. Für die Sicherung des Nestes war bereits Anfang
1923, wie weiter oben erwähnt, etwas geschehen. In diesem Frühjahre nun
will sich die Gemeinde ebenfalls wieder dafür einsetzen, daß sich ein
Storchenpaar an der verwaisten Stätte niederläßt. Es wird an derselben
Stelle von drei acht bis zehn Meter langen starken Stämmen eine Art
Dreibock (/|\) errichtet und darauf ein Wagenrad befestigt. Ob die
Störche das neue Heim annehmen? Wir hoffen es zuversichtlich. Freilich
scheint es mir bald, als wäre die Zeit nicht mehr ferne, da es auch von
den Störchen Sachsens heißt: Die Ruinen des einen braucht die allzeit
wirksame Natur zum Leben des anderen. Die vielen verwaisten Nester
reden eine zu deutliche Sprache.
[Illustration: Die gestürzte Linde in Malkwitz bei Dahlen, auf der das
Storchnest war]
Die sächsische Schule und der Heimatschutzgedanke
Von _Rudolf Schumann_
Schon vor dem Kriege begann die Schule, den Begriff der Heimat immer
mehr in ihre Arbeit hereinzunehmen, und vor allem in den letzten
Jahren hat die Heimat eine höhere Beachtung gewonnen. Ist doch der
Heimatkundeunterricht von einem Jahr auf zwei Jahre ausgedehnt worden,
und ist doch in allen späteren Schuljahren dauernd zurück auf die
Heimat zu greifen. Der »Lehrplan für die einfachen Volksschulen des
Königreichs Sachsen« von Kockel führt in seiner 11. Auflage 1911 als
Ziel der eigentlichen Heimatkunde an: »~a~) _Das heimatliche Gebiet
nach geographischen Gesichtspunkten erhellen_ ..., _anleiten, damit die
Kinder ihre Heimat genau kennenlernen, geographische Grundbegriffe sich
aneignen_ ...; ~b~) _das Kartenverständnis vermitteln_ ...; ~c~) _Liebe
zur Heimat einpflanzen, die ihnen einen sittlichen Halt für das ganze
Leben bietet und sich leicht zur Vaterlandsliebe weiter aufschließt_«
(nach Grüllich). Die Heimat bietet danach also reiche Anschauungen und
Apperzeptionshilfen. Sie ist aber auch die Grundlage zu bilden imstande
nicht nur für den späteren geographischen Unterricht, sondern auch für
eine sittliche und ästhetische Entwicklung, vermag doch die Heimat
Schönheitsbegriffe zu vermitteln und ist dauernd jedem zugänglich,
was vor allem für ein verarmtes Volk von großer Bedeutung ist. »Die
Heimat wird für den ideal veranlagten Menschen zum Paradies der höheren
Freuden, wenn durch Erziehung und Bildung die Fähigkeit gegeben
wurde, in der Natur die Leiden des Daseins zu vergessen.« (Blätter
für Naturschutz 1920, 11/12 S. 6.) Der Lehrplan von Kockel weist
ferner 1911 schon auf die Bestrebungen des Landesvereins Sächsischer
Heimatschutz hin, und im Jahre 1908 hat das Kultusministerium laut
Gesetz-Verordnung vom 12. August 1908 deren Unterstützung empfohlen.
Ehe auf die Heimatschutzarbeit der Schule eingegangen werden kann,
erscheint es notwendig, einen Blick auf Grundlage und Notwendigkeit von
bewußtem Heimatschutz zu werfen. Daß der Natur- und Heimatschutz von
eigens dafür geschaffenen Organisationen in die Hand genommen wird,
ist eine Erscheinung der Neuzeit. Noch bis in das vorige Jahrhundert
hinein kann man von einem natürlichen Heimatschutz reden. Der große
Teil der Bevölkerung war in irgendeiner Weise bodenständig, entweder
als Handwerker oder als Landwirt, und unter der noch nicht ins
Ungemessene gewachsenen Zahl der Beamten und Arbeiter gab es viele, die
eigenen Grund und Boden, ein eigenes Haus besaßen. Einer bodenständigen
Bevölkerung ist aber der Schutz der Heimat etwas Gegebenes, nicht nur
aus praktischen Gründen, sondern auch aus dem Gefühl der Zugehörigkeit
zu ihrer Scholle heraus. Ferner konnten bei wenig dichter Bevölkerung
Maßnahmen einzelner, die gegen Natur und Heimat verstießen, nicht allzu
schwer schädigende Folgen haben, wie bei einer dichten Bevölkerung.
_Die bewußte Durchführung des Heimatschutzes ist also zu betrachten
als eine Reaktion gegen irgendeine Aktion, ein Ereignis des letzten
Jahrhunderts._ Als dieses Ereignis kann ganz allgemein genannt
werden das plötzliche und rasche Vorwärtsschreiten der Zivilisation:
die Ausnutzung der Dampfmaschinen und Eisenbahnen, das Entstehen
der Fabriken und die Vermehrung der Verwaltungsarbeit. Damit Hand
in Hand ging eine rasche Bevölkerungszunahme, vor allem in der
Industriearbeiter- und Beamtenschaft. Dadurch entstanden die Hemmungen
gegen die Durchführung des natürlichen Heimatschutzes, und zwar
direkter und indirekter Art. Aus einem natürlichen war das Leben der
Menschen mehr und mehr in einen Zwangsverlauf gedrängt worden.
Die erste Folge genannter Ursache war direkter Art. Es wurden Fabriken
gebaut, Eisenbahnlinien gezogen, es mußten neue Wohnstätten geschaffen
werden, als deren einer Typ jetzt auch die Mietkaserne auftrat. Die
harte Lebensnotwendigkeit verlangte die leichtere Zugänglichmachung
entlegener Ackerbaugebiete, überhaupt einen regeren Austausch zwischen
Stadt und Land, die Bebauung schöner Landstrecken, die Regulierung
von Wasserläufen, und als Folge der Konkurrenz trat die Reklame auf.
Es mußten ferner Fabrikabwässer beseitigt werden, wodurch ganze
Flüsse vergiftet wurden, Rauch, Ruß und Benzingeruch nahmen der Luft
ihre ursprüngliche Frische. Das engere Zusammenwohnen von Menschen
verlangte die Anlage von Schuttablagerungsplätzen. In stillen
Tälern erscholl jetzt das Pfeifen der Lokomotive, das Rattern von
Maschinen, die Sprengschüsse von Steinbrüchen, die den Anblick ehemals
reizender Landschaftsbilder auf ewig verdarben. _Die Anforderungen
des Lebens rechtfertigten diese Maßnahmen. Jedoch wurde oft darauf
losgewirtschaftet, ohne Rücksicht auf die Natur und heimatliche
Schönheit zu nehmen._ So brachte die Bauweise der Gründerzeit Formen,
zu denen unser Volk keine inneren Beziehungen fand, sowohl bei Villen
als auch bei Mietkasernen. Fabriken wurden in erster Zeit nur unter
dem Gesichtspunkte des Praktischen gebaut, was besonders dann häßlich
und aufdringlich wirkte, wenn sie an Stelle ehemaliger idyllischer
Mühlen gesetzt wurden. Bei der Anlage von Steinbrüchen versagte man
die Schonung oft den reizendsten Gegenden. Da man die Folgen einer so
raschen Entwicklung noch nie kennengelernt hatte, fehlten auch die
Erfahrungen, wie man ihre üblen Folgen vermeiden könnte, ja diese
wurden überhaupt erst als solche erkannt, als schon viel verloren war.
Im einzelnen Fall und dem einzelnen war die Gefährdung heimatlicher
Schönheit kaum ins Auge gefallen. Erst bei einem Rückblick nach einem
längeren Zeitabschnitt trat sie als vollendete Tatsache auf.
Neben diese immerhin noch natürliche Entwicklung trat aber auch
immer mehr eine unnatürliche. Die Gier nach Luxus und die Ausnützung
der Natur zu Geldzwecken versetzten der Heimat an ihren schönsten
Punkten die schwersten Schläge. Wo früher der einsame Wanderer nach
beschwerlichem Wege von einer Hochwarte aus die Augen ins weite Land
schweifen ließ, dahin baute man Luxushotels, erreichbar auf breiten,
staubigen Automobilstraßen oder durch Gebirgsbahnen. Um die Schönheit
dieser Punkte heute noch zu genießen, genügt nicht mehr gemütvolles
Auffassen. Wer nicht über geldliche Mittel verfügt, ist an solchen
Stellen meist ein wenig gern gesehener Gast, er ist heimatlos geworden
in seiner Heimat. Dieses Spekulantentum ohne Ideale macht sich auch in
anderer Weise breit. Weit ins Land schauende Berge wurden eingeschätzt
nach dem Werte der Steine, die sich aus ihnen gewinnen ließen, und es
bedurfte erst des Eingreifens der Behörden, ehe sie geschützt wurden.
Aus rauschenden Bächen errechnete man lediglich Kilowattstunden,
und romantische Gebirgslandschaften regten zu gewinnbringenden
Filmaufnahmen an. Unter all diesen Erscheinungen litt die Natur direkt
mehr oder weniger.
Dadurch, daß diese Entwicklung auch andere Menschen schuf, trat noch
eine indirekte, aber nicht minder große Bedrohung und Gefährdung
der Heimat ein. Durch die starke Bevölkerungszunahme und die immer
häufiger werdende Beschäftigung als Beamter oder Arbeiter trat eine
Entwurzlung weiter Schichten ein. Das innere Verhältnis zwischen Arbeit
und Arbeiter – besonders wenn die Arbeit eintönig war –, zwischen
Scholle und Bewohner – wenn dieser nicht selbst Besitzer war – schwand.
Der einzelne war auch nicht mehr an den Ort in dem Maße gebunden wie
vorher, zudem machten ihm die Verkehrsmittel einen Ortswechsel sehr
leicht. Von dem, was eigentlich Heimat ist, lernten viele ihre ganze
Kindheit hindurch in den Mauern der Stadt fast nichts kennen. _Die
Folgen dieser Entwurzlung waren verschiedener Art: Gemütsverflachung,
völlige Gleichgültigkeit, Gemütsverderbnis, aber auch der Trieb nach
oben, nach einem eigenen, vielleicht neuen Boden._
_Die Gemütsverflachung_ tritt uns entgegen in der Oberflächlichkeit
weiter Kreise. Der Sinn nach Tand, kleinlichem Luxus, Vergnügen, steter
Abwechslung ist ihr Kennzeichen, ferner der Drang nach unsolider
Lebensweise. Daneben kann nicht mehr der Sinn für die stille Schönheit
der Natur wohnen, ja deren Verachtung tritt ein. Solche Menschen
zerstören dann aber auch ohne das Bewußtsein, daß sie unrecht tun.
Mancher Käfer oder Schmetterling, manch seltene Pflanze fällt ihrem
Spielen und Tändeln zum Opfer, ohne daß sich Gewissensbisse regen.
_Die Gleichgültigkeit_ hat ihren Grund vor allem darin zu suchen, daß
der nicht mehr Bodenständige gewisser Pflichten enthoben ist. Dem
Grundbesitzer ist es selbstverständliche Pflicht, z. B. den Wald zu
schonen, der ihm Wasser speichert und sein Tal vor Stürmen schützt. So
sorgte und sorgt noch in jedem Gebiet mit dünner, aber bodenständiger
Besiedlung jeder für die Erhaltung der Heimatscholle; denn jeder
hat teil daran, jeder weiß, daß seine Vorfahren hier saßen, seine
Kinder hier sitzen werden. Die Enthebung von solchen ungeschriebenen
– weil natürlichen – Gesetzen muß zu einer laxen staatsbürgerlichen
Auffassung führen, was sich darin kund gibt, daß der Gemeinsinn mehr
oder weniger verschwindet. Die Folge davon ist die Rücksichtslosigkeit
im allgemeinen, angewandt auf die Heimat, das Sichgehenlassen in der
Natur, das gedankenlose Zerstören, ohne daß damit gesagt sein soll,
daß solchen der Sinn für das Unrechte fehle. Aufmerksam gemacht,
erkennen sie unter Umständen, daß ihr Verhalten falsch ist. Schlimmer
als Gemütsverflachung und Gleichgültigkeit ist _die Gemütsverderbnis_.
Sie gibt sich kund in einem brutalen Sichdurchsetzen. Sie sucht ihre
Stärke in rohem Auftreten. Ein Zeichen verdorbenen Gemüts ist das
mutwillige Zerstören, der böse Wille in der freien Natur. Solche
Menschen können zufriedengestellt werden durch das Zerstören der
Freude anderer Menschen. Gegen sie kann, wenn es Erwachsene sind, nur
mit der strengsten Durchführung von Gesetzen eingeschritten werden.
Schließlich muß sich als eine Folge der Entwurzlung bei vielen auch
der Trieb zeigen, wieder Wurzeln zu schlagen, _ein Trieb nach oben_,
entweder in geistiger oder materieller Beziehung. Dem entsprechend
können sich ihm auch zwei Hemmungen entgegenstellen. Vielen fehlt
das eigene geistige Gebiet. Wollen sie nun geistig etwas leisten, so
werden sie die Hohlredner, die Lauten, die sich gern reden hören.
Vermißt ein anderer mehr die materielle Grundlage, so führt das zur
Unzufriedenheit. Unzufriedene können Nörgler werden, vor allem, wenn
sie auch nach einem geistigen Gebiete streben, ohne es zu finden. Aus
ihnen rekrutieren sich aber auch die Resignierten, die sich stets für
betrogen ansehen, die in nichts mehr eine Freude erblicken zu können
glauben. Sie werden darum auch wieder die Gleichgültigen. Schließlich
gibt es die konsequenten Unzufriedenen, die Verbrecher. Alle die, denen
in irgendeiner Weise der Trieb nach oben innewohnt, können für den
Gedanken des Heimatschutzes gewonnen werden.
Nachdem nun die Hemmungen bekannt sind, die sich dem Natur- und
Heimatschutz entgegenstellen, können die Wege gesucht werden, sie zu
umgehen. Sie werden bestehen müssen in einem _Führen, Erziehen des
Volkes_. _Zeit und Ort dafür kann in wirksamster Weise die Schule
sein_; denn diese wird von allen durchlaufen. Ihr Einfluß trifft alle,
während der Aufklärungsdienst – wie Presseaufsätze, Zeitschriften
usw. – oft diejenigen nicht erreicht, die seiner am bedürftigsten
sind. Zudem ist es eine schwere, oft kaum lösbare Aufgabe, den
schon in festen Bahnen sich bewegenden Geist Erwachsener in für
sie völlig neue Bahnen zu leiten, zumal sich da auch fast stets
Voreingenommenheit, Eigensinn, falsches Selbstbewußtsein, und vor
allem die Angst vor Bevormundung einstellen. Glaubt man wirklich,
nach eifriger Werbetätigkeit dem Heimatschutz einen neuen Anhänger
gewonnen zu haben, so wird sich bei näherer Untersuchung oft genug
zeigen, daß er schon vorher aus natürlichem Gefühl heraus durchaus
nicht zu den Naturverwüstern gehörte. Wohl bildungsfähig aber ist das
Kind, sind es auch noch erwachsene Schüler, und vor allem kann durch
die Kinder der Schutzgedanke in die Familie hineingetragen werden,
wobei dann einige der genannten Hemmungen schon hinwegfallen oder doch
leichter überwunden werden können. Um die Kinder für den Gedanken des
Heimatschutzes zu gewinnen, bedürfen sie natürlich erst einer gewissen
Kenntnis von der Heimat, die der Heimatkundeunterricht laut Lehrplan zu
vermitteln hat. Dies ist aber nicht die alleinige Voraussetzung. Wer
schützen will, muß erst einmal wissen, warum und was. Er muß wissen,
was überhaupt schön, was häßlich ist, was verloren, was gefährdet ist.
Dem Schüler muß der Gedanke der Schönheit nahegebracht werden. Daß er
nicht von vornherein in jedem Kinde wohnt, muß jeder Lehrer oft bei
Klassenwanderungen erkennen, wenn die Kinder gerade an den schönsten
Punkten die belanglosesten Gespräche führen und für die Erhabenheit
der sie umgebenden Natur weder Auge noch Ohr zu haben scheinen. Das
Schönheitsgefühl muß ihnen erst anerzogen werden. Als Vorstufe ist das
Gefühl für Ordnung zu betrachten. Schon in Elementarklassen wird wohl
von allen Lehrern darauf gehalten, daß die Kinder im Zimmer und auf dem
Hofe Papier z. B. nicht nur deswegen nicht wegwerfen, weil es verboten
ist, sondern sie müssen sehen lernen, daß es häßlich ist. Auf dasselbe
ist vor allem bei Klassenausflügen zu achten. Hier kann der Lehrer noch
weitergehen. Es ist von Freunden des Verfassers und auch von ihm selbst
schon folgender Versuch gemacht worden: Die Klasse kommt an eine oft
besuchte Raststätte. Für gewöhnlich sind solche arg verschmutzt mit
Papier usw. Da darf sich nun die Klasse nicht ohne weiteres setzen.
Erst hat sie einige Augenblicke diesen häßlichen Eindruck in sich
aufzunehmen, diesen Gegensatz zwischen der Natur ringsum und ihrer
Schändung. Dann bedarf es meist nur eines Wortes, und die Kinder
säubern diese Stelle, soweit die Arbeit nicht ekelerregend ist. Der
Lehrer weiß sicher, daß dieser Eindruck länger haften bleibt als das
bloße Wort. Gerade auf Klassenwanderungen läßt sich in vielerlei Weise
das Gefühl für Schönheit erziehen oder wenigstens der Boden bereiten,
in dem es später wachsen kann. Der Lehrer, der einen Ausflug nicht
nur körperlicher, sondern auch geistiger, seelischer Kraftbildung
dienen läßt, wird es verstehen, seine Kinder an das Verweilen mit Fuß
und Gedanke an gewissen Stellen zu gewöhnen, an das wortlose, aber
innige Genießen einer erhabenen Aussicht, an das Lauschen auf das
Rauschen des Waldes, an das Genießen der Stille des Tales. Leicht zu
lösen ist diese Aufgabe nicht, wie jeder bezeugen kann, der Kinder
in der Klassengemeinschaft auf Wanderungen beobachtet hat. Wie oft
fragen die Kinder nur nach der nächsten Raststelle und wie weit sie
noch zu laufen haben. Verfasser hat es bei seinen Klassenwanderungen
auch immer für seine Pflicht gehalten, das schon oben erwähnte unnütze
Vielreden der Kinder unterwegs auf ein gewisses Maß einzuschränken.
Vielleicht erscheint dies manchem als eine Härte. Aber es ist meine
Ansicht, spazierengehen können die Kinder allein oder mit den Eltern.
Der Lehrer soll eine höhere Arbeit leisten, und es darf von ihm
erwartet werden, daß er mehr ist als der Manager einer »Partie«, einer
Vorstufe für Bierreise mit Leiterwagen, Ziehharmonika und Clown.
Auf der Klassenwanderung soll das Kind lernen, wie es später allein
wandern soll. Es wäre ganz gut, wenn auf der Erde weniger geredet,
mehr erlebt würde. Warum sind Gebirgler und andere Naturkinder oft so
wortkarg? Beobachten sollen die Kinder unterwegs auch die Folgen der
Rohheit anderer: verschnitzte Bäume, zerstörte Quellen, weggeworfene
Blumen, zertretene Rasenflächen. Aber auch im planmäßigen Unterricht
läßt sich in dieser Richtung arbeiten. In der Heimatkunde weist der
Lehrer immer und immer wieder nicht nur darauf hin, wie die Heimat ist,
sondern auch, wie sie war. An alten Bildern kann er ihre ursprüngliche
Schönheit zeigen, wobei er besonders darauf hinweist, wo diese durch
Menschen ohne harte Notwendigkeit verlorengegangen ist. Dabei wird er
auf den Unterschied zwischen schön und häßlich bei Bauweise und Reklame
aufmerksam machen, um darzulegen, wie der Mensch sehr wohl imstande
ist, Schönheit zu wahren. Durch diese geistige Führung muß jeder
Schüler zu der Überzeugung kommen: »_Ich kann noch Schönheit genießen._«
Aber auch zu der Überzeugung muß er gebracht werden, daß es nicht
notwendig ist, resigniert zuzuschauen, wenn uns ursprüngliche Schönheit
verlorengeht. Der Lehrer kann Beispiele bringen, wie hier eine
Gemeindevertretung aus vernünftigen Männern und Frauen die Errichtung
eines Luxushotels auf ihrem Grund und Boden abgelehnt hat, wie da
die Einwohner eines Ortes Naturdenkmäler schützen oder sich gegen
Anbringung marktschreierischer Reklame wehren, wie ganze Volksteile
mobil gemacht worden sind gegen eine Zerstörung oder geldgierige
Ausnützung ihrer schönen Heimat. Das Kind muß aber auch schon als Kind
wissen, daß es einmal mit reden und raten kann, und darum sind ihm auch
schon in der Schule die Tore zu zeigen und zu öffnen, die nach oben
führen, damit es später nicht nach oben hungern muß. Früh schon muß es
hingewiesen werden auf Vereine mit edlen Bestrebungen, auf Büchereien
und Volkshochschule. Dem kindlichen Eifer kann man gerecht werden,
indem man die Kinder die Befriedigung fühlen läßt, wenn sie ihre Schul-
und anderen Ausflüge ohne Blumensträuße durchführen und wenn man
ihnen die Möglichkeit zeigt, daß sie durch ihr kindliches Wort schon
den Schutzgedanken ins Elternhaus, zu Verwandten und Freunden tragen
können. Dann wissen sie: »_Ich kann beitragen, Schönheit zu erhalten._«
Gesteigert muß dieses Bewußtsein werden. Die Kinder werden bald
erkennen, Menschen, Leute wie wir haben häßlich gebaut, haben aus
Schönheit Kapital geschlagen, sind rücksichtslos gegen unsere Heimat –
unser Eigentum – vorgeschritten. Aus unseren Kreisen auch stammen die
Rohlinge, die Gleichgültigen, denen muß jeder einzelne ein Gegengewicht
sein wollen, er muß der Naturschützer aus Grundsatz werden. Im Lehrplan
von Kockel heißt es in § 6, Erl. 163: »Die Betrachtung der Natur soll
den Menschen auch dahin führen, daß er einen rechten Gebrauch von den
Naturkörpern macht. Er soll erkennen, daß in dem großen Haushalte der
Natur ein Glied dem andern dient, daß aber nicht jedes Glied dazu
da ist, dem Menschen unmittelbar zu dienen. Eben deshalb darf der
Mensch nicht blind zerstörend in die Reihen der Wesen eingreifen. Eine
sinnlose, mutwillige Verwendung von Naturgegenständen, eine solche, die
nicht für unsere leibliche Existenz oder geistige Entwicklung vonnöten
oder von Wichtigkeit ist, muß verurteilt werden« (nach Grüllich). Um
nun das Gegengewicht gegen Gleichgültige und Rohe zu verstärken, muß
jeder so Erzogene die Pflicht fühlen, die Schutzgemeinde zu vergrößern,
vor allem zu denen zu gehen, die von Heimat- und Naturschutz
noch nichts gehört haben: »_Ich muß beitragen zur Erhaltung der
heimatlichen Schönheit!_«
Aus den drei Überzeugungen: »Ich kann noch Schönheit genießen; ich kann
beitragen, sie zu erhalten; ich muß beitragen, sie zu erhalten,« ergibt
sich dann auch das Ziel. Edelmotive werden solche Menschen zu ihren
Taten leiten, ein festes Gesamtbewußtsein wird sie erfüllen, ihr Gemüt
wird eine Vertiefung erfahren, und ein neues Pflichtbewußtsein zeigt
ihnen den neuen Boden, in dem sie Wurzeln schlagen können, der ihr
Boden ist, den sie bearbeiten dürfen nach ihrer Kraft.
Ich kann es mir nicht versagen, ein rührendes Beispiel dafür
anzuführen, wie ein elfjähriger Knabe diese Gedanken in sich verankert
hatte. Schon fünfviertel Jahr war ich von der Schule versetzt worden,
an der Lehrern und Schülern ein Direktor Döring ein leuchtendes
Vorbild eines begeisterten Heimatschutzarbeiters gewesen war. Da
besuchte mich ein ehemaliger Schüler, der in meinen Heimatkundestunden
gesessen hatte. Acht Kilometer hatte er überwunden, um mir zu sagen,
er befürchte, daß der Wilisch bei Dresden von neuem abgebaut werde.
Seine Mitteilung bewirkte eine Untersuchung der Angelegenheit, die die
Abstellung von gewissen kleinen Unregelmäßigkeiten zur Folge hatte.