Wie wir im einzelnen den Schutz ausüben, sei an einigen Beispielen

gezeigt. Da hat irgendein Bauer auf seiner Wiese eine herrliche,

breitkronige Buche stehen. Sie verdämmt zwar in ihrer Umgebung den

Graswuchs, aber in ihrem Schatten kann man ruhen und weit hinaus ins

Bergland blicken. Am benachbarten Waldrande wachsen seltene Blumen,

Türkenbund und sibirische Schwertlilien, Mondviolen und Einbeeren.

Ein Heimatschutzmann, der das Herz auf dem rechten Flecke hat und der

die Volksseele zu nehmen weiß, geht hin, drückt seine Freude über

dieses Naturbild, seine Sorge um dessen Erhaltung aus. Er findet

bei dem Bauern den echten Heimatstolz und das volle Verständnis.

Bald ist man handels- und herzenseins. »Solange ich lebe, soll keine

Axt an den Baum, keine Sichel an die Blumen kommen.« Ein mannhafter

Händedruck und ein »Naturschutzvertrag« ist geschlossen – wäre es

immer so! Ein anderer Bauer hat inmitten seiner Wiesen einen Fleck mit

seltenem Enzian. Er ist arm, kann nicht auf die Nutzung verzichten

– der »Landesverein« pachtet ihm den kleinen Fleck ab, schützt ihn

durch eine Drahteinfassung. Oder es handelt sich um eine ganze Wiese,

ein Gehölz. Wir kaufen sie und verpachten die Nutzung, nur mit

der Einschränkung, daß wir den Zeitpunkt des Schnittes bestimmen,

nämlich dann, wenn unsere seltenen Blumengäste verblüht und ihre

Samen ausgestreut haben. Der Erfolg ist verblüffend, in wenigen

Jahren ist ein Blütenteppich von entzückender Buntheit entstanden,

und am Gehölzrand glüht verschämt selbst die köstliche Feuerlilie.

Wenn es freilich einmal ein richtiger großer Schutzbezirk werden

soll, dann gehen die Vereinsgelder aus – aber dann hilft vielleicht

eine »Heimatschutzlotterie« aus den Nöten. Aber Geld allein tut es

nicht, ein wenig Schlauheit gehört auch zum Handel! Denn die biederen

Grundstücksbesitzer können es nicht fassen, daß jemand so dumm ist,

Land zu kaufen, nur um darauf Pflanzen und Tieren eine Freistatt zu

gewähren. Sie wittern weitblickende Spekulationen – vielleicht will

man ein Sporthotel, ein Radiumbad errichten, ein Bergwerk auftun –

und da möchte man doch mit bei der Partie sein und richtet die Preise

entsprechend ein. In einem anderen Dorfe steht eine Jahrhunderte alte

Linde, die schon viele Menschengeschlechter kommen und vergehen sah.

Nun wird sie auch altersschwach. Der Stamm zeigt eine bedenkliche

Höhlung, der Sturmwind bricht einen Hauptast ab; die übrige Krone

ist in ihrem Bestande gefährdet. Ein ärztlicher Eingriff könnte wohl

helfen, aber die Gemeinde hat hierfür keine Mittel, vielleicht nicht

einmal Verständnis für den heimatgeschichtlichen Wert des Baumes. Da

kommt der Landesverein: »Wir wollen den Stamm auszementieren, die Äste

durch eiserne Klammern sichern, damit Eure Nachkommen sich noch an

dem Baum freuen, die vielleicht mehr Heimatliebe besitzen!« Freilich,

wir müssen wieder in den Beutel greifen, und der ist nicht sehr prall

– so riskieren wir einen Bettelbrief, und irgendein großes Eisenwerk

wird zum Wohltäter, indem es uns die Eisenstäbe stiftet. Oft ist der

Fiskus der Besitzer des schutzbedürftigen Naturdenkmals. Der Fiskus

ist ein seelenloses, liebeleeres Gebilde, das nur von Paragraphen

regiert wird. Aber wir können ihm eine Seele geben, wenn wir anstatt

des Unpersönlichen die Persönlichkeit irgendeines Staatsvertreters

setzen. Was kann uns z. B. ein heimattreuer Amtshauptmann alles

nützen, wenn er erzieherisch auf seine Beamten einwirkt, wenn er

uns rechtzeitig Warnungen zugehen läßt, uns Kenntnis von wichtigen

Aktenvorgängen und Gelegenheit zu gutachtlicher Aeußerung gibt. Wie

wichtig kann uns ein Forstmann werden, der seine Bäume wie seine

Kinder liebt, der sich als Pfleger des Waldes fühlt! Ohne große Kosten

läßt sich mitten im geregelten Umtrieb hier ein besonders stattlicher

Baum, dort eine zerzauste Wetterfichte erhalten oder eine malerische

Felsgruppe etwas freilegen. Es gibt natürlich auch andere, die im

Baume nur das Nutzholz, im seltenen Raubvogel nur den Schädling sehen.

Man muß versuchen, sie freundlich zu beeinflussen – glückt es nicht,

nun, dann geht man eben eine Instanz höher und versucht von dort

aus das Widerstreben zu besiegen. Ohne Diplomatie geht es auch im

Heimatschutz nicht! Aber leider manchmal auch nicht ohne _Polizei_.

Unsere Trollblumen und Märzenbecher, Orchideen und Maiglocken, das sind

uns rechte Sorgenkinder! Wer wollte es einem Naturfreund verargen,

wenn er sich ein Sträußlein dieser Frühlingskinder mit in die grauen

Mauern der Großstadtwohnung nimmt! Zwar selbst die »Sträußlein«

können der nächsten Umgebung einer Großstadt gefährlich werden. Wo

haben wir in unmittelbarer Nähe Dresdens z. B. noch einen wirklich

bunten Blumenteppich auf der Wiese, wo sind die Leberblümchen, wo die

Himmelschlüssel hin? Aber brutal wirkt erst der richtige Massenraub.

Geht einmal zur Trollblumenzeit zum Abendzug an den Bahnhof in

Gottleuba! Wir haben es erlebt, daß ganze Familien hinausgezogen,

mit nicht mehr zu umspannenden Blumenbündeln heimkehrten, die Blumen

verkauften und mit dem Erlös sämtliche Reisespesen deckten! Eine

Sonntagspartie mit gestohlenen Blumen bezahlt. Und an Wochentagen

konnten wir die Körbe der Marktfrauen mit ihrer Blütenlast bewundern.

So ging es nicht weiter. Wir riefen nach der Polizei, nach behördlichem

Schutz. Wir führten die Polizeibeamten selbst hinaus in die Natur,

damit sie dann ihre Pflicht tun konnten mit einigem Verständnis für

das, was auf dem Spiele steht, mit wirklicher Liebe und mit ehrlichem

Zorn. Wir gingen zu den Bauern und legten ihnen nahe, ob sie nicht

die Spitzbuben, die ihnen überdies die Wiesen zertrampelten, nicht

einmal mit einer Tracht gut deutscher Prügel bezahlen wollten. Es ist

schon besser geworden; aber noch viel gibt es zu tun, bis das Volk

die gefährdeten Pflanzen kennt und den Blumenraub als unmoralisch

brandmarkt.

Es sind noch andere Schwierigkeiten, mit denen der Heimatschutz

zu kämpfen hat und die leider die harmlosen Idealisten unter den

Naturfreunden viel zu wenig würdigen. Das sind vor allem jene

Fälle, in denen Naturschutzbestrebungen in Konflikt mit großen

_volkswirtschaftlichen_ Interessen geraten. Da ist z. B. im Gebirge

ein weithin das Landschaftsbild beherrschender Basaltgipfel. Tausende

suchen ihn auf und blicken vom Aussichtsturm in die Ferne. An seiner

Flanke hat menschliche Vernichtungstätigkeit eine Wunde gerissen,

damit aber gleichzeitig eine neue Sehenswürdigkeit in Form von

prächtigen Basaltsäulen geschaffen. So ist einstweilen Natur und

Kultureingriff friedlich ausgeglichen. Aber die Gemeinde braucht

Geld. Der Steinbruch wird einer ortsfremden Firma übertragen, die mit

Brechwerk und Drahtseilbahn den Vernichtungskampf im großen führt. Im

Schoße des Gemeinderates war noch die Liebe zum Geld mit der Liebe zur

heimatlichen Scholle gepaart. Jetzt kommt der kühlrechnende Fremde,

überschätzt, wieviel Jahre oder Jahrzehnte nötig sind, um den ganzen

Berg »aufzuarbeiten«. Das sind keine Utopien – wir haben schon Berge

aufgearbeitet! Im Hohburger Gebiet, in der Lausitz sieht man die

Großindustrie eifrig an der Arbeit! Und geht der Betrieb gut, so kann

sich der Unternehmer sogar als Wohltäter der Gegend aufspielen – er

schafft ja Arbeit und Verdienst für die Beschäftigungslosen! »Was nützt

mir die schönste Aussicht, wenn ich Hunger leide«, sagte kürzlich

ein solcher Industrievertreter, und zwar nicht ganz mit Unrecht.

Was ist in solchen Fällen zu machen? Zuerst fangen gewöhnlich die

ortsansässigen Touristen- oder Verschönerungsvereine an zu schreien.

Die Presse wird mobil gemacht. »Unersetzliche Heimatwerte stehen

auf dem Spiel.« Unterdessen arbeitet der Industrielle unbeirrt und

zielbewußt. Er kennt die Stellen, wo man für volkswirtschaftliche

Belange Verständnis hat; er hat seinen Rechtsbeistand, der genau

weiß, welche Paragraphen als Bundesgenossen dienen können. Es kommt

zu einem Verwaltungsstreitverfahren. Der Amtshauptmann beruft eine

Ortsbesichtigung durch die Beteiligten und bittet vielleicht den

»Landesverein« um Entsendung eines Sachverständigen. Der ist überzeugt,

daß mit dem Direktor einer Steinbruchsgenossenschaft nicht so leicht

Kirschenessen ist wie mit dem schlichten Bauersmann, der an seiner

Scholle hängt. So wird er versuchen, ob er den Betrieb nicht von der

gefährdeten Stelle ablenken kann. Könnte man nicht mehr nach der Tiefe

arbeiten und den Gipfel schonen? Könnte man nicht praktischer in der

Richtung auf die nahe Bahnlinie abbauen? Ist nicht in der Nähe ein

anderes ähnliches Gesteinsvorkommnis zu erwerben? Manchmal glückt

es; manchmal läßt sich auf Grund genauer geologischer und einiger

technologischer Kenntnis ein Vorschlag machen, der dem Betriebsleiter

entgangen ist. Aber im allgemeinen haben die großen Werke so

durchgebildete Oberbeamte, daß man ihnen nichts Neues sagt. Höchstens

denken sie im stillen: Schön, das könnte man _auch_ noch machen! So

bleibt zunächst nur übrig, durch Überredungskunst wenigstens einiges

zu retten, eine Bereitwilligkeitserklärung herauszulocken, daß dieser

oder jener Teil des Felsens unberührt bleiben solle, »falls es sich mit

dem Betrieb vereinbaren läßt«. Es wird ein Protokoll aufgenommen, sehr

vorsichtig abgefaßt. Man geht friedlich auseinander – und nach ein paar

Jahren kommt ein neuer Schmerzensschrei: Die Zerstörung geht weiter

– es hat sich nicht anders mit dem Betrieb vereinbaren lassen! Warum

_kauft_ aber der Heimatschutz den Berg nicht? Sehr einfach, weil er

dazu kein Geld hat! Wer würde uns die Mittel geben, den Scheibenberg,

den Geising, Wilisch oder auch nur die »Kleine Landeskrone« bei Löbau

oder den Spitzberg bei Wurzen zu kaufen? Und wenn wir ihn gekauft

hätten, wäre es doch kein vollständiger Schutz. Wenn allgemeine

volkswirtschaftliche Notwendigkeiten vorliegen, würde der Staat keinen

Augenblick zögern, unser opferfreudig erworbenes Naturschutzgebiet

zu _enteignen_! Manchmal hilft uns allerdings das Gesetz aus der

Verlegenheit. Da hat ein Unternehmer begonnen, einen Steinbruchsbetrieb

mitten in ein in der Planung bereits festgelegtes Villengelände oder

in Parkanlagen vorzutreiben. Gemeinde und Unternehmer kommen in

Streit, die Grundstücksbesitzer legen Beschwerde ein; wieder soll der

Heimatschutz das Zünglein an der Wage sein. Der Sachverständige findet

nach langem Abwägen, daß hier auf beiden Seiten volkswirtschaftliche

Werte auf dem Spiele stehen und er findet einen Ausweg in der Berufung

auf das Gesetz über die »Verunstaltung von Stadt und Land«. Sein

Gutachten fällt gegen den Unternehmer aus; die Behörde entscheidet

dementsprechend. Gemeinderat und Grundstücksbesitzer atmen auf; der

Unternehmer hat forthin »kein Interesse mehr für den Heimatschutz«.

Genug der Beispiele! Ob sich wohl unsere Mitglieder von all diesen

Schwierigkeiten ein richtiges Bild gemacht haben? Eines möchten unsere

Aufführungen zeigen: Wir können nicht jeden Baum, jeden Fels schützen,

weil irgendein paar Naturschwärmer ihn für schön erklären. Es muß schon

eine _große_ Gemeinde von Naturfreunden ihr Interesse und vielleicht

auch ihre Opferfreudigkeit bekunden, wenn der _Landes_verein sich

schützend vor das Naturdenkmal stellen soll. Den kleinen örtlichen

Organisationen bleibt noch immer ihr Betätigungsfeld offen. Und

endlich, der Landesverein würde den Heimatschutz falsch auffassen,

wenn er nicht auch für die heimische _Volkswirtschaft_ ein warmes Herz

hätte! Wir wissen, wir haben in den Kreisen der Industriellen manchen

scharfen Gegner; wir wissen auch, daß wir vielen Naturfreunden lange

nicht weit genug in unseren Schutzbestrebungen gehen. »Naturlandschaft«

und »Kulturlandschaft« können nun einmal nicht ohne Kampf nebeneinander

bestehen! Wir können nur eins versprechen: mit warmem Herzen der

Schönheit unserer Heimat und mit volkswirtschaftlicher Einsicht

der Volkswohlfahrt zu dienen. Ob uns das neue Gesetz in andere

Arbeitsgeleise zwingt, davon später ein Wort!

Verwaiste Storchniststätten im Niederlande um Oschatz

Von _Georg Dörfel_, Calbitz b. Oschatz

Er ist ein seltener Gast bei uns geworden, Freund Stelzbein mit

seinen leuchtenden deutschen Farben schwarzweißrot. So selten ist

er geworden, daß das letzthin verwaiste Nest auf der Malkwitzer

Friedhofslinde als ein Naturdenkmal allerersten Ranges galt, als

eine Art Nationalheiligtum der Vogelwelt westlich der Elbe. Und doch

waren früher die Störche bei uns bekannte Gäste, mit deren Rückkehr

man im Frühjahr ebenso rechnete, wie mit der anderer Zugvögel. Die

Chronisten bezeugen uns, daß früher das Storchengeschlecht über ganz

Sachsen verbreitet war, mit Ausnahme des rauhen Obererzgebirges.

Auch im mittleren Erzgebirge nisteten sie, in Gegenden, wo man

sie heute vergeblich sucht. So lebten und brüteten welche bis ins

siebzehnte Jahrhundert hinein in der Gegend von Schneeberg, wie

ein Chronist Meltzer in seiner »Bergläuffigten Beschreibung der

Bergstadt Schneeberg« aus dem Jahre 1684 erzählt. Krenkel berichtet

dasselbe in seinen »Blicken in die Vergangenheit der Stadt Adorf«

unterm Jahre 1862. Georg Fabricius erzählt in seinen »~res misnicae~«

unterm Jahre 1564, daß der weiße Storch (~ciconia alba~) mit seinem

Vetter, dem schwarzen Waldstorche (~ciconia nigra~), der heute nur

noch ganz vereinzelt in Norddeutschland brütet, in den Elbauen ein

guter Bekannter war. Was sagen die Chroniken aus dem nordsächsischen

Flachlande über die Störche? Sie waren einst hier überaus häufig.

In der Chronik der früheren Stiftsstadt Wurzen berichtet Christian

Schöttgen, daß 1679 zu 1680 der Winter so warm gewesen ist, daß die

Leute barfuß gingen und die Störche bereits am 19. Hornung wiederkamen.

Hieraus sieht man, daß man mit ihrer Wiederkehr ebenso rechnete, wie

mit der anderer Zugvögel, selbst in der alten Pleißenstadt Leipzig.

Adam Friedrich Glasig bemerkt nämlich in seiner 1721 erschienenen

»Geschichte des Hauses Sachsen«: »Störche pflegen absonderlich

zu Leipzig in der Stadt auf den Dächern der Häuser jährlich zu

hecken.« Johannes Kleinpaul erwähnt in seinem kulturgeschichtlich

wertvollen Büchlein »Anno dazumal« unterm Jahre 1591 ein Nest an der

Grimmaischen Straße nahe der Nikolaikirche, und noch 1830 soll nahe

der Peterskirche in Löhrs Garten eine besetzte Niststätte gewesen

sein. In der Mügelschen »Ehren- und Gedächtnissäule« aus dem Jahre

1709 berichtet der damalige Pastor Fiedler: »Anno 1621, den 28. Juli,

ist eine ungewöhnliche und unzählbare Menge Störche hierher kommen

/ die jedermann mit großer Verwunderung angesehn / haben sich auf

Kirche und Schloß niedergelassen / und kaum Raum zu sitzen gefunden.

Man hat daraus ominieren und deuten wollen / daß man künftige Zeit

würde Gäste ins Land bekommen / wie auch geschehen.« (Dreißigjähriger

Krieg.) Aus all diesen Angaben ist zu ersehen, daß es vor zwei- bis

dreihundert Jahren im Niederlande noch Störche genug gegeben hat. Der

große Rückgang des Storchengeschlechts in Sachsen erfolgte zu Ende des

neunzehnten und zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Jahre 1906

hat der Ornithologe R. Heyder noch zehn besetzte Nester in Westsachsen

festgestellt, alle im Gebiet der vereinigten Mulde und Pleiße, sowie

einige bei Oschatz. Rudolf Zimmermann ergänzt und erwähnt fürs

Pleißengebiet welche in Regis, bei Berbisdorf, drei in Deutzen, zwei

in Blumroda, weitere in Röthigen, Görnitz, Großzössen. Im Muldengebiet

waren Storchnester in Großbardau bei Grimma, in Golzern, Gornewitz,

Wäldgen, Kühren, in Burkhardtshain bei Wurzen nach meinen Erkundigungen

sogar vier. Auch im Tieflande um Oschatz nisteten um 1900 und vorher

noch eine Anzahl Störche. Durch Umfragen ist es mir gelungen, diese

nunmehr verwaisten Niststätten zu ermitteln. Ich habe ihrer zwölf

erfahren können, das Malkwitzer ungerechnet.

Als das älteste ist wohl das Nest von Görzig bei Strehla anzusehen.

Nach Mitteilungen soll es bereits den ältesten Leuten des Ortes als

Kindern bekanntgewesen sein. Angeblich stammt es aus dem Jahre 1840.

Als Standort wird eine Eiche am sogenannten Eichberge angegeben. Als im

Jahre 1907 ein Wintersturm das Nest herabwarf, bauten die Störche nicht

wieder. Die Eiche selbst brach 1919 infolge hohen Alters zusammen.

Noch jetzt sollen sich zeitweilig Störche auf den angrenzenden

feuchten Elbwiesen aufhalten. Sicher sind es Gäste von preußischen

Nestern, da ja diese Tiere oft sehr weit auf Nahrungssuche fliegen. Im

Nachbardorfe von Görzig, in dem schon auf preußischem Gebiet liegenden

Paußnitz, ist noch so ein beflogenes Nest. – Eine gleichfalls sehr alte

Niststätte war in Lampertswalde an der sogenannten Winterseite des

Ortes auf einem Eichbaum inmitten einer Wiese. Eiche und Niststätte

sind verschwunden. Wann, ist nicht genau zu ermitteln, soviel ich

herausbekommen habe, vor fünfzig bis sechzig Jahren. – In diesem Orte

gab es noch zwei weitere Nester. Das erstere war auf einer Pappel des

Gutsbesitzers Böhme (Nummer 21). Die Störche nisteten und brüteten

hier von 1902 bis 1906. Einer starb in diesem Jahre. Im folgenden

Jahre wurde das Nest nur von einem Tiere beflogen, das sich aber nicht

paarte. Seit 1908 ist es völlig verwaist. – Die dritte Niststätte war

auf dem Dache eines Seitengebäudes bei Gutsbesitzer Frost. – Zwei

weitere Nester sind in Zaußwitz gewesen. Genauere Mitteilungen über

diese verdanke ich Herrn Kantor Büttner, Zaußwitz. Das eine war bei

Gutsbesitzer Oskar Kühne (Gut Nummer 32) auf einer Pappel, das andere

auf einer Eiche bei Gutsbesitzer Hermann Kühne (Gut Nummer 45). Das

Nest auf der Pappel ist 1897 errichtet worden. Die Störche brüteten bis

zum trockenen Sommer des Jahres 1911. Die Folge der Trockenheit war

eine entsetzliche Mäuseplage, so daß man diesen Nagern mit Phosphor

zu Leibe rücken mußte. Die Alten und die schon hochgekommenen drei

Jungstörche fraßen solche vergiftete Tiere und gingen daher ein. –

Das Nest auf der Eiche von Gutsbesitzer Hermann Kühne hatte 1910 zum

letzten Male Storchengäste, doch nur für kurze Zeit. Sie nisteten

nicht wieder, weil der Horst schief hing und blieben schließlich

ganz weg. – Zum Oschatzer Nest. Genaueres erfuhr ich durch Herrn

Uhrmachermeister Lehmann. Die Niststätte war auf dem strohgedeckten

Dache eines Hauses, das nahe Ecke Gartenstraße an der Viehweide, nicht

weit von der Gasanstalt stand. Es gehörte einem gewissen Streubel. Die

Störche brüteten dort von 1867 bis 1870. Als das Haus 1871 umgebaut

und mit Ziegeln umgedeckt wurde, errichtete der Besitzer ein Wagenrad

darauf, um so die Störche beim Horstbau zu unterstützen. Nach ihrer

Rückkehr aus dem Süden siedelten sie sich aber nicht darauf an, obwohl

sie sich zuweilen auf Dach und Wagenrad niederließen. Man hat das Paar

oft auf dem alten Stadtturme hinterm Amtsgericht beobachtet. Im Jahre

1872 ist es nicht wieder gesehen worden. – Die Störche von Luppa. Sie

nisteten lange auf der Brennereiesse des jetzigen Gutes von Rudolf

Knoll, Wendisch-Luppa. Wenn dann in den Herbst- und Wintermonaten die

kleinen Brennereien in Tätigkeit traten, wurde allemal der Horst durch

ein großes, angefachtes Strohbündel weggeräuchert. Nach Mitteilungen

des Herrn Gutsauszüglers Winkler, Deutsch-Luppa, sollen die Störche

in den achtziger Jahren angeblich nach Malkwitz übergesiedelt sein.

Möglich ist es, da die Malkwitzer Linde gerade in dieser Zeit infolge

zu dichten Laubwuchses einmal verwaist war. – An der Westgrenze unseres

Bezirkes war ein Nest auf dem strohgedeckten Dache einer Scheune in

Göttwitz-Döbern. Errichtet 1862 oder 1863, mußte es 1879 entfernt

werden, weil das schadhaft gewordene Strohdach durch Schieferdach

ersetzt wurde. Neuerdings hat der Wirt der Pappelschenke in demselben

Orte, Herr Höhne, auf dem Scheunendache eine Niststätte befestigt,

in der Hoffnung, die auf den naheliegenden Wiesen sich aufhaltenden

Störche darauf zu bekommen. Leider ohne Erfolg, wie er mitteilt.

Wahrscheinlich sind die Gäste der bekannten Göttwitzsee-Wiesen unsere

Malkwitzer Freunde.

In der Klostergärtnerei Sornzig entdeckte ich ein Wagenrad auf dem

First eines kleinen Wirtschaftsgebäudes. Nach meiner Erkundigung in

der Vogtei sollen hier seit zwanzig bis dreißig Jahren keine Störche

genistet haben. – Eine Niststätte, die nur ein Jahr von Störchen

besucht wurde, war auf einer Erle auf Lonnewitzer Flur. Herr Oberlehrer

i. R. Marx teilt dazu mit, daß dieser Baum an einem aus dem Zöschauer

Teiche abfließenden Bache nahe der Dresdner–Leipziger Staatsstraße

gestanden hat.

Als das jüngste verwaiste Nest ist das von Lorenzkirch anzusehen. Die

Störche errichteten es im Jahre 1915 auf einer etwas geköpften Pappel

vor dem Gehöft des Gastwirts Förster. In den Jahren 1915 und 1916

sind fünf und drei Junge erbrütet worden. Leider wurde im letzteren

Jahre kurz vor der Abreise nach dem Süden das Männchen von einem

gewissenlosen Schützen abgeschossen. Das Weibchen erschien 1917 allein

wieder und legte unbefruchtete Eier, die sie aber bald wieder abwarf.

Eine stumme Anklage gegen den unvernünftigen Schützen! Bis 1921 wurde

das Nest von einzelnen Störchen beflogen. Zur Brut kam es jedoch

niemals.

Verzeichnis verwaister Storch-Niststätten im Oschatzer Land

====+=============+=================+=========+=========+=============

Lfd.|Name des |Platz der |Jahr der |Jahr der | Grund des

Nr. |Ortes |Niststätte |Errichtg.|Verwaisg.| Ausbleibens

----+-------------+-----------------+---------+---------+-------------

1. |Görzig bei |Auf einer Eiche |Vor 1840 | 1907 |Abst. des

|Strehla |am Eichberg | | |Nestes d.

| | | | | Winterstürme

| | | | |

2. |Göttwitz bei |Auf Strohdach in |1862 | 1879 |Umdeckung des

|Wermsdorf |Gehöft Nr. 3b | od. 63 | | Daches

| | | | |

3. |Lampertswalde|Auf einer Eiche | ? |Vor etwa | ?

| | | |50 Jahren|

| | | | |

4. |Lampertswalde|Auf einer Pappel,| 1902 | 1908 | —

| |hinter Gehöft | | |

| |Nr. 21 | | |

| | | | |

5. |Lampertswalde|Auf dem First | ? | ? | ?

| |eines | | |

| |Seitengebäudes | | |

| |in Gehöft Nr. 36 | | |

| | | | |

6. |Lonnewitz |Auf einer Erle am| Um 1900 | ?

| |Abflußbach | | |

| |des Zöschauer | | |

| |Teiches | | |

| | | | |

7. |Lorenzkirch |Auf einer Pappel | 1915 | 1921 |Abschuß eines

| |vor Gehöft | | |Alten

| |Nr. 20a | | |

| | | | |

8. |Wendisch- |Auf der | ? |Nach 1880| ?

| Luppa|Brennereiesse des| | |

| |Gutes Nr. 7a | | |

| | | | |

9. |Oschatz |Auf dem Strohdach| 1867 | 1871 |Umdeckung des

| |eines Hauses | | |Daches

| |Ecke Gartenstraße| | |

| | | | |

10. |Sornzig |Auf dem First |Vor etwa 30 Jahren | ?

| |eines kleinen | | |

| |Wirtschafts- | | |

| |gebäudes im | | |

| |Klostergut | | |

| | | | |

11. |Zaußwitz |Auf einer Pappel | 1897 | 1911 |Verendung

| |bei Gehöft Nr. 32| | |d. Mäusegift

| | | | |

12. |Zaußwitz |Auf einer Eiche | 1898 | 1910 |Verleidung

| |bei Gehöft Nr. 45| | |des Nestbaues

Über die Gründe dieses raschen Aussterbens der Störche hat ja Klengel

in dem Aufsatze »Unsere sächsischen Störche und Storchnester« in

Band VI und VII der Heimatschutzmitteilungen genauere Ausführungen

gemacht. Fremde und Heimat sind von Einflüssen nicht frei. Viele Tiere

erliegen in den warmen Zonen Südafrikas nach dem Genusse vergifteter

Heuschrecken. Weiter hat man in diesen Gegenden ganze Züge zu allen

Zeiten des Jahres gesehen, was vielleicht mit einer klimatischen

Verschiebung zusammenhängt. In der Heimat werden viele ein Opfer der

Hochspannungsdrähte, sowie immer noch der Jagdleidenschaft mancher

Jäger, obwohl Adebar für Deutschland bereits unter Schutzgesetz steht.

Vielleicht liegt es daran, daß er in storchenreichen Gegenden, wie

Mecklenburg, Pommern ab und zu Junghasen oder Gelege von Hühnervögeln

aufnimmt. Die Ansichten über seine »Nützlichkeit« und »Schädlichkeit«

gehen jedenfalls in Jagdkreisen weit auseinander. Um mit Schiller

zu sprechen: »Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt

sein Charakterbild in der Geschichte«. Wir in Sachsen hätten allen

Anlaß, ihn zu schonen. Als Hauptgründe des raschen Aussterbens im

nordsächsischen Niederlande kommt wohl hauptsächlich die Entwässerung

weiter Strecken Landes in Frage, wodurch ergiebige Nahrungsquellen

versperrt werden. Dazu kommt weiter, daß ihm Rauch, Ruß und Fabriklärm,

sowie neuerdings das Geknatter der Motorpflüge und Zugmaschinen der

Landwirtschaft ungebetene Gäste sind. Ihm wird das friedliche Treiben

vergällt, so daß er abwandert. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß

auch auf der Reise viele umkommen. Professor Thienemann, Rossitten,

hat nachgewiesen, daß viele Vögel mit völlig leerem oder fast leerem

Magen fliegen, um schneller vorwärts zu kommen. Dieser Vorteil bringt

Nachteile. Dem Kopfe und Hirn fehlt es an Blut. Das schwächt die

Urteils- und Sehkraft, so daß die Tiere entgegentretenden Hindernissen

wie Schiffstakelwerken, Zäunen, Bäumen oft nicht auszuweichen vermögen,

so daß sie flügellahm niederfallen und verenden. Möglich ist es, daß

dem männlichen Malkwitzer Storche in diesem Jahre auf der Rückreise

ein ähnliches Unheil widerfahren ist, so daß schließlich das Nest

verwaisen mußte, weil es das Weibchen nur noch beflog und schließlich

ganz wegblieb. Ich habe das Nest noch nicht mit in der Zusammenstellung

verwaister Storchnester aufgenommen, da ich hoffe, daß in diesem Jahre

sich ein neues Paar einstellt. Über das Nest selbst, das gerade im

letzten Jahre sehr vom Unstern des Glücks verfolgt wurde, noch etliche

Bemerkungen, besonders über seine Geschichte.

[Illustration]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 1-2 · 第 4 / 7 段