Das ist Kulturpädagogik im eigentlichen Sinne; denn sie entfaltet und
stärkt alle schöpferischen menschlichen Kräfte, die die Kultur bauen, die
überhaupt erst Kultur möglich machen.
_Die Menschheit und ihre Entfaltung, die Menschheit und ihre „Darlebung“
in der Kultur, die Steigerung der Menschenkraft, die Erhöhung seiner
Kulturleistung_, das ist das große Ziel, das ihm vorschwebt.
Erziehung der Menschheit, nicht des Einzelnen!
Natürlich muß die praktische Erziehungsarbeit am einzelnen Kinde, am
einzelnen Menschen erfolgen. Aber sie ist nicht Selbstzweck. Es kommt
Fröbel nicht darauf an, daß dieses oder jenes Individuum um seiner selbst
(oder um seiner Eltern) willen so oder so entwickelt werde, sondern es
kommt ihm im Grunde nur auf die Pflege des Göttlichen in jedem Wesen,
gleichsam _auf die Menschheit im Menschen_ an. Wenn je ein Pädagog, so
betrachtet Fröbel die Erziehungsarbeit _sub specie aeternitatis_.
Am _reinsten_ und noch völlig „unverletzt“ tritt uns _die Menschheit im
Kinde_, im kleinen Kinde, entgegen. Die Welt mit ihren Gefahren des
Materiellen hat hier noch keinen Schaden getan. Alles kommt nun darauf an,
daß diese Reinheit und Unverletztheit der Menschheit bewahrt bleibt. Das
kann nur geschehen durch _angemessene bewußte Pflege_. Darum ist die
früheste Behandlung des Kindes so wichtig. Ist die Menschheit im einzelnen
Individuum erst einmal verdorben und verkümmert, dann ist es zu spät. Ein
solches Individuum scheidet dann als Träger des Geistigen aus. Es wird
seine Bestimmung _nicht_ erfüllen.
Es gilt also _die Menschheit zu pflegen in den Kindern_. Das ist das erste
und wichtigste Stück der Fröbelschen Pädagogik.
Das ist keine Erziehung im landläufigen Sinne, keine „bewußte und
planvolle Einwirkung des Mündigen auf den Unmündigen“, sondern es ist eben
nur ein – _Pflegen_.
Das Bild des _Gärtners_ schwebte Fröbel dabei vor. Der Gärtner will auch
nicht aus den ihm anvertrauten Pflänzchen alles Mögliche machen, was er
sich in den Kopf gesetzt hat, sondern er will nur dafür sorgen, daß jedes
Pflänzchen seiner Eigenart gemäß sich voll entwickeln und entfalten, daß
es also sein _Wesen_ (d. h. das in ihm wirkende Göttliche) rein und
unverletzt darstellen, „darleben“ kann. Alles Schädliche, das von außen
diese Entwicklung stören könnte, muß er fernhalten, aber er muß den
Pflanzen geben, wessen sie zu ihrer Entwicklung bedürfen. Er muß seine
Schützlinge – _pflegen_.
Ganz ebenso – meint Fröbel – ist es _in der ersten Erziehung_. Hier gilt
es auch nur, die Kleinen und damit die in ihnen wirkende Menschheit zu
_pflegen_, das kostbare Gut vor Beschädigung zu hüten, ihm die Möglichkeit
zu geben, sich rein und unverletzt zu entfalten. Wir brauchen daher für
die ersten Lebensjahre der Kleinen noch nicht eigentliche Erzieher und
Erzieherinnen, sondern wir brauchen Kinderpfleger und Kinderpflegerinnen –
oder wie Fröbel seit 1840 diese so treffend nannte: _Kindergärtnerinnen_.
Eine Kindergärtnerin ist keine Erzieherin im üblichen Sinne, sie ist nur
eine Hüterin und Pflegerin der „Menschheit in der Kindheit“. Sie bedarf
keines strengen pädagogischen Willens (wie der spätere eigentliche
Erzieher), sondern sie bedarf nur jener feinen Gärtnergesinnung. Die erste
Erziehung soll ja nach Fröbel nicht eigentlich „vorschreibend, bestimmend
und eingreifend“ sein, sondern „nachgehend, nur behütend und schützend.“
Denn „das Wirken des Göttlichen ist in seiner Ungestörtheit notwendig gut,
muß gut, kann gar nicht anders als gut sein. Diese Notwendigkeit muß
voraussetzen, daß der noch junge, gleichsam erst werdende Mensch, wenn
auch noch unbewußt gleich einem Naturprodukt, doch bestimmt und sicher das
Beste an sich und für sich will, und zwar noch überdies in einer ihm ganz
angemessenen Form, welche darzustellen er auch alle Anlagen, Kräfte und
Mittel in sich fühlt. So eilt die junge Ente nach dem Teiche und auf und
in das Wasser, während das junge Hühnchen in der Erde scharrt und die
junge Schwalbe im Fluge ihr Futter fängt und fast nie die Erde berührt.
Pflanzen und Tieren, jungen Pflanzen und jungen Tieren geben wir Raum und
Zeit, wissend, daß sie sich dann den in ihnen, in jedem Einzelnen
wirkenden Gesetzen gemäß schön entfalten und gut wachsen; jungen Tieren
und jungen Pflanzen läßt man Ruhe und sucht gewaltsam eingreifende
Einwirkungen auf sie zu vermeiden, wissend, daß das Gegenteil ihre reine
Entfaltung und gesunde Entwicklung störe; aber der junge Mensch ist dem
Menschen ein Wachsstück, ein Tonklumpen, aus dem er kneten kann was er
will.“ Darum mahnt Fröbel: „Menschen, die ihr Garten und Feld, Wiesen und
Hain durchwandelt, warum öffnet ihr euren Sinn nicht, das zu hören, was
die Natur in stummer Sprache euch lehrt: sehet an die Pflanze, die ihr
Unkraut nennt und die in Druck und Zwang herauf gewachsen, kaum innere
Gesetzmäßigkeit ahnen läßt, sehet sie im freien Raume, auf Feld und im
Beet, und schaut, welch eine Gesetzmäßigkeit, welch ein reines inneres, in
allen Teilen und Äußerungen übereinstimmendes Leben sie zeigt: eine
gestaltete Sonne, ein strahlender Stern der Erde entkeimt. So könnten,
Eltern! eure Kinder, denen ihr frühe Form und Beruf wider ihre Natur
aufdringt, und die darum in Siechheit und Unnatürlichkeit um euch wandeln,
auch schön sich entfaltende und allseitig sich entwickelnde Wesen werden.“
Was wir also brauchen für unsere Kleinen, ist gleichsam ein _Garten der
Kindheit_, in dem die jungen Geschöpfe heranwachsen können, gepflegt und
behütet von treuen Gärtnerinnen. Was wir brauchen, sind _Kindergärten_,
d. h. Stätten, in denen unsere Kleinen ihrem innersten Wesen entsprechend
sich entfalten, an denen sie ihr Göttliches – die Menschheit – „darleben“
können.
Wie kann das geschehen?
Der tiefste Wesenszug der Gottheit – und daher auch der Menschheit – ist,
wie oben bereits erwähnt, der _Schöpferwille_, der _Gestaltungsdrang_. Im
frühen Kindesalter äußert sich dieser als _Tätigkeits- und
Beschäftigungstrieb_. Nie wieder im Leben ist dieser Drang nach Bewegung
und Tätigkeit so stark wie in diesen frühen Jahren. Schon der alte Pädagog
Comenius hatte das erkannt und in seinem „Informatorium der Mutter Schul“
(1632) geschrieben: „Die Kinder tun gern allezeit etwas, denn das junge
Blut kann nicht lange still stehen, und solches ist sehr gut. Darum soll
man es ihnen auch nicht wehren, sondern vielmehr Anlaß geben, daß sie
immer etwas zu tun haben. Laß sie Ameislein werden, welche immer
herumkriechen, tragen, schleppen, einlegen, umlegen“ usw.
_Die bewußte Pflege dieses stärksten aller kindlichen Triebe, des
Tätigkeits- und Beschäftigungstriebes_ war für Fröbel der Anfang wahrer
Menschenerziehung. Er erblickte darin reinste Darlebung der Menschheit in
der Kindheit. „Menschheitspflege und Kindheitspflege,“ schrieb er einmal
„wohnen in einem Tempel.“
Fröbel begnügte sich nun aber nicht damit, die Pflege des
Tätigkeitstriebes zu fordern, sondern er wollte zugleich Wege weisen, wie
der Tätigkeitstrieb gepflegt werden könne, er wollte den Kindern Material
in die Hand geben, an dem sich ihre inneren und äußeren Kräfte entfalten
würden. So schuf er:
1. seine „_Mutter- und Koselieder_. Dichtung und Bilder zur edlen Pflege
des Kindheitlebens. Ein Familienbuch“ (1844). Mit 50 großen Kupfern von
Friedrich Unger(3);
2. seine _Gabenreihe_ (Ball – Kugel, Würfel, Walze – Baukästen) mit den
dazu gehörigen „Anleitungen“ (für die Erwachsenen);
3. seine _zahlreichen sonstigen Beschäftigungen_ (Legetäfelchen, Flecht-
und Faltarbeiten, Ausstech- und Ausnähblätter u. dgl.).
Es würde zu weit führen, im einzelnen zu zeigen, wie Fröbel sich diese
neue Kindheitpflege in Familie und Kindergarten dachte. Auf die einzelnen
Maßnahmen kam es ihm dabei auch gar nicht zu sehr an, als vielmehr auf den
_Geist_, in dem das Ganze aufgefaßt und ausgeübt wurde.
Und da setzte er seine ganze Hoffnung _auf die Frauenwelt_.
In dem _mütterlichen Instinkt_, in dem angeborenen _Pflegesinn_ des Weibes
sah er die gott- und naturgewollte Grundlage echter Kindheitpflege.
„Kinderleben und Kinderliebe, Kinderleben und Frauensinn,“ schreibt er
einmal, „überhaupt Kindheitpflege und weibliches Gemüt trennt nur der
Verstand. Sie sind ihrem Wesen nach eins. Denn Gott hat das leibliche wie
das geistige Fortbestehen des Menschengeschlechts durch die Kindheit in
das Frauenherz und -gemüt, in den echten Frauensinn gelegt.“
Freilich, diese _Einigung von Kindheit und Frauenleben_, die früher wohl
bestand, ist durch die Riesengewalt äußerer Verhältnisse und die
wirtschaftlichen Nöte der Zeit vielfach verloren gegangen. Weil sie sich
ihres innersten Wesens, ihrer eigentlichen Bestimmung nicht _bewußt_
waren, darum haben die Frauen diese Einigung viel zu leicht aufgegeben.
Aber die unnatürliche Trennung zwischen Frauenleben und Kindheit, zwischen
Weiblichkeit und Kinderleben hat dazu geführt, daß allmählich das
_Bewußtsein der Zusammengehörigkeit von „Kinderleben und Frauensinn_“
erwacht ist und das _Streben_, diese natürliche Einheit wieder
herzustellen. „Der ersten Kindheitpflege muß das Frauenleben wieder ganz
zugewandt werden; Frauenleben und Kindheitpflege muß allgemein wieder
geeint, weibliches Gemüt und sinnige Kinderbeachtung muß wieder ein
Einiges werden.“ (Fröbel.)
Was das weibliche Geschlecht bisher rein _instinktiv_ getan, nur seinem
Naturtriebe folgend – also im Grunde _passiv_ –, das soll und wird es in
Zukunft bewußt ausüben, aus höherer Einsicht, aus eigenem Willen – also im
Grunde _aktiv_. Dadurch wird das bisherige natürliche Tun der Frau zur
Kulturleistung. Denn alles natürliche Tun beruht auf dem Instinkt, alle
Kulturleistung aber auf dem Bewußtsein und dem Willen des Menschen.
Diese Kulturleistung des weiblichen Geschlechts ist aber nur möglich, wenn
es _zuvor_ seine „menschheitspflegende Bestimmung“ erkannt, d. h. wenn es
im einzelnen Kinde nicht mehr _nur das seelisch-körperliche Einzelwesen_
erblickt – was das Kind natürlich zunächst ist – sondern darüber hinaus in
jedem Kinde _das ewig Geistige, die Mensch__heit_ (in dem oben dargelegten
Sinne) und damit _Göttliches_ ahnt.
Damit ändert sich die ganze Stellung der Frau zum _Kinde_ und zur
_Menschheit_.
Sie ist nicht nur mehr _Hüterin eines Einzelgeschöpfes_, sondern
_Priesterin des Ewigen_: sie pflegt Unvergängliches – Göttliches – in
ihrem Kinde. Der natürliche _Pflegesinn des Weibes_ – der tiefste
Wesenszug ihres Geschlechts – erhält dadurch eine viel umfassendere
Bedeutung, ein viel höheres Ziel. Er wird gleichsam zu einer
_Kulturnotwendigkeit_.
Das hatte Henriette Goldschmidt klar erkannt: Wenn die Frauenbewegung
_kulturfördernd in großem Stil_ werden will, muß sie diese ihre tiefste
Kulturaufgabe erkennen und in Angriff nehmen. Hier sind die starken
Wurzeln ihrer Kraft; denn hier steht sie auf ureigenstem Boden. Hier ist
_dem weiblichen Geschlecht als Ganzem_ eine Möglichkeit zur
Höherentwicklung „_von seinem Wesen aus_“ gegeben. Mögen einzelne begabte
Frauen auch auf anderen Kulturgebieten Großes leisten, das weibliche
Geschlecht als Ganzes wird nur in der Auswirkung und Vergeistigung seiner
mütterlichen Instinkte, seines angeborenen Pflegesinns Eigenartiges und
den Kulturtaten des männlichen Geschlechts (wieder als Ganzes genommen)
_Gleichwertiges_ schaffen können.
Die _Pflege der Menschheit in der Kindheit_, also das Erhalten und
Behüten, das Üben und Starkmachen der eigentlichen _kulturschaffenden
Kraft_ ist sowohl vom Standpunkt der Menschheit als auch vom Standpunkt
der Kultur unentbehrlich und daher jeder anderen Kulturarbeit
_gleichwertig_.
In diesem tiefen und umfassenden Sinne muß das Lieblingswort Henriette
Goldschmidts verstanden werden, das sie Fröbel entnommen hat und von dem
sie wünschte, daß es in ihrer Anstalt unter ihre Büste gesetzt würde, da
es besser als jedes andere zum Ausdruck brächte, was sie erkannt und
gewollt habe, das Wort:
„_Es ist das Charakteristische der Zeit, das weibliche Geschlecht seiner
instinktiven passiven Tätigkeit – als Glied der Menschheit – zu entheben
und es von seinem Wesen aus, und um seiner menschheitpflegenden Bestimmung
willen, ganz zu derselben Höhe wie das männliche Geschlecht zu erheben._“
Aus diesem Geist, aus diesem Glauben heraus ist auch das andere Wort
entstanden, das Henriette Goldschmidt einmal in einer glücklichen Stunde
geprägt und dann oft und gern wiederholt hat, das Wort, das fast schon zum
„geflügelten“ geworden ist:
„_Der Erziehungsberuf ist der Kulturberuf der Frau._“
Auch dieses Wort weist in die Zukunft.
Viele verstehen es so, als habe Henriette Goldschmidt einfach konstatieren
wollen: Der Erziehungsberuf sei der Kulturberuf der Frau. Nein! Der
Erziehungsberuf, wie er von den allermeisten Menschen jetzt noch aufgefaßt
und geübt wird, ist noch _kein_ Kulturberuf. Er ist noch eine
„instinktive, passive Tätigkeit.“ – Aber er soll ein Kulturberuf, er wird
_der_ Kulturberuf der Frau werden.
Henriette Goldschmidt hat dieses Wort zunächst den suchenden und
gebildeten Frauen zugerufen, die ihre Kräfte in den Dienst der Kultur
stellen möchten, ohne bereits ein klares Ziel für ihre Arbeit zu haben.
Denen will sie mit diesen. Wort sagen: Sucht das Ziel nicht draußen,
sondern _in euch selbst_! Erkennt die menschheitpflegende Bestimmung des
weiblichen Geschlechts und weiht eure Kräfte einer Arbeit, die euerm
innersten Wesen gerecht wird! Die Frau kann „als Glied der Menschheit“
nichts Höheres vollbringen, als ihren Erziehungs- und Pflegeberuf als
Kulturberuf aufzufassen und auszuüben.
Freilich, die Frauenwelt wird und kann diesen Weg nur gehen, wenn ihre
Führerinnen sich zu diesem Ziel bekennen und wenn sie die _Bildung des
weiblichen Geschlechts_ in diesem Sinne gestalten. Friedrich Fröbel
bezeichnete am Ende seines Lebens seinen für Marienthal entworfenem Plan
einer in dieser Art gedachten Bildungsanstalt für das weibliche Geschlecht
_als die letzte Konsequenz seines Grundgedankens_.
Die Errichtung einer solchen Bildungsstätte war auch für Henriette
Goldschmidt _die letzte Konsequenz ihrer inneren Entwicklung, die Synthese
ihrer aus der deutschen Frauenbewegung und aus der Fröbelschen Pädagogik
entwickelten Ideen_.