a) Anfänge der Frauenbewegung.
Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts setzte in der deutschen Frauenwelt
eine Bewegung ein, die im Jahre 1865 zur Gründung des „Allgemeinen
Deutschen Frauenvereins“ führte. Außer Luise Otto-Peters und Auguste
Schmidt hat wohl kaum eine andere der damaligen Frauen von Anfang an die
hohe Bedeutung der neuen Bewegung für unsere Gesamtkultur so scharf
erkannt wie Henriette Goldschmidt. Kaum eine andere aber hat sich auch so
begeistert in den Dienst der neuen Ideen gestellt wie sie.
Vor allem war es ein Gedanke, der sie erfüllte, ein Gedanke, den der
„Allgemeine Deutsche Frauenverein“ auch mit in sein Programm aufgenommen
hatte und den Henriette Goldschmidt bis ans Ende ihrer Tage immer und
immer wieder zum Ausdruck brachte, nämlich der: _Die Arbeit ist die
Grundlage unserer Kultur, die Arbeit ist da__her Pflicht und Ehre des
weiblichen Geschlechts. Alle Hindernisse müssen beseitigt werden, die dem
im Wege stehen._ – Also in vollem Umfange die _schaffende Mitarbeit der
Frau an unserem Kulturleben zu ermöglichen_, das ist das hohe Ziel, das
ihr vorschwebte.
Um das zu erreichen, war es zunächst nötig, der Frau die *Rechte* zu
verschaffen, die die _Voraussetzungen_ für diese Mitarbeit sind, die
Rechte, die der Mann von jeher besessen hatte, die aber der Frau bis dahin
vorenthalten worden waren. Es seien hier nur genannt: das Recht zum Besuch
aller Lehr- und Bildungsanstalten einschließlich der Universität, das
Recht zur Übernahme öffentlicher Ämter, das aktive und passive Wahlrecht
in Gemeinde, Kirche und Staat u. dgl. Für all das hat Henriette
Goldschmidt mit gekämpft. Erwähnt sei in diesem Zusammenhang nur ihr
temperamentvoller Vortrag über „_Rechte und Pflichten der Frauen in
Gemeinde und Staat_“, den sie 1873 auf der Stuttgarter Generalversammlung
des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ hielt. Im Jahre 1875 sprach sie
in Gotha über das gleiche Thema unter Beschränkung auf das Gemeindeleben
und verlangte hier die Mitwirkung der Frau bei der Sittenpolizei, in
Armen- und Arbeitshäusern, Gefängnissen usw. Aber sie hat ihrem Geschlecht
diese Rechte nicht erringen wollen um dieser Rechte selbst willen – nicht
„weil der Mann sie hat, muß die Frau sie auch haben“ – nicht Selbstzweck
war ihr der Kampf ums Frauenrecht, sondern, wie den besten der Führerinnen
der Frauenbewegung, war ihr dieser Kampf ums Recht stets nur _Mittel zum
Zweck_, nur Vorbedingung für die Verwirklichung jener großen Idee _der
Mitarbeit der Frau an der Kultur der Menschheit_.
Ihr war die Frauenfrage in erster Linie eine Kulturfrage. Es war daher
kein Zufall, daß ihr erster öffentlicher Vortrag in Leipzig (1867) dies
schon im Titel zum Ausdruck brachte. „_Die Frauenfrage eine Kulturfrage_“
lautete das Thema. Insbesondere war es die Stellung der Frau innerhalb der
bürgerlichen Gemeinde, die sie in dem Vortrage behandelte, und sie wies
vor allem auf die unberechtigte und schädliche „Nichtbeachtung der Kräfte
der Frau“ hin. Ihr damaliger Vortrag gipfelte in den Worten, die sie
seitdem oft und gern wiederholt hat: „_Wir haben wohl Väter der Stadt, wo
aber sind die Mütter?_“
„Wo sind die Mütter?“ schreibt sie in ihrem letzten Aufsatz, den sie
anderthalb Jahr vor ihrem Tode verfaßte(2), „Wo sind die Mütter? _Hier ist
der Schlüssel für meine Stellung in der Deutschen Frauenbewegung._“
Die „Hälfte der Menschheit“ – das gesamte Frauengeschlecht – war bisher
von der bewußten Mitarbeit an der Kultur ausgeschlossen. _Was ist Kultur?_
– Der Niederschlag, das Ergebnis der unaufhörlich schaffenden und
gestaltenden Kräfte der menschlichen Seele. Die Kultur ist das
Schöpfungswerk der Menschheit, die äußere Darstellung ihres innersten
Wesens. Da bisher die Kulturarbeit fast ausschließlich vom Mann geleistet
wurde, trägt sie vorwiegend männliche Züge, sie ist fast ausschließlich
ein Ausdruck, ein Abbild der männlichen Seele. Die spezifisch männlichen
Seelenkräfte haben sich in ihr ausgewirkt. Das wird uns im allgemeinen gar
nicht bewußt, weil wir es nicht anders kennen. Bei einigem Nachdenken aber
wird man sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß die männliche
Seele nicht das Ganze der Menschheit darstellt. Jedem Geschlecht sind
Grenzen gezogen. Das Ganze der Menschheit ergibt sich erst aus männlicher
und weiblicher Seele zusammen. Die Idee einer vollkommnen
Menschheitskultur verlangt daher mit innerer Notwendigkeit die ungehemmte
Entfaltung der männlichen und weiblichen Seele, die gleichberechtigte
Mitarbeit beider Geschlechter an der Kultur. Erst dann werden die feinsten
und tiefsten Anlagen und seelischen Möglichkeiten, die in der Menschheit
schlummern, sich _im Leben darstellen_, das Leben erhöhen und veredeln.
Das _spezifisch Weibliche_ nun, das es zu entfalten und zu stärken gilt,
erblickt Henriette Goldschmidt in dem _Pflegesinn_, in dem mütterlichen
Instinkt, der sich helfend und schützend allem Werdenden, allem Schwachen
und Kranken zuwendet. Hier unterscheidet sich die weibliche Seele am
stärksten von der männlichen. Dem weiblichen Geschlecht diese seine
Eigenart _zum Bewußtsein zu bringen_, ist die nächstliegende Pflicht der
Führerinnen. Und dann _Freiheit_ für die Betätigung dieses Instinkts!
Ungeahnte Kräfte werden sich dann aus der weiblichen Seele heraus
entwickeln, und unsere Kultur wird reicher und schöner denn je. Henriette
Goldschmidt glaubte an den Genius der Menschheit, wie nur je ein Idealist
an ihn geglaubt hat.
Die Frauenfrage war ihr daher für den Augenblick die wichtigste
Kulturfrage überhaupt, ein bedeutsamer Schritt in der Gesamtentwicklung
des Menschengeschlechts, der Anfang einer neuen Kulturepoche. Nicht daß
sie geglaubt hätte, diese andere Zeit müsse oder könne bereits morgen oder
übermorgen beginnen. Dazu war sie zu klug und besaß zu viel Einsicht in
historisches Geschehen. Aber den _Glauben_ hatte sie an eine bessere –
ferne Zukunft.
_Wie_ sie zur Frauenfrage stand, kann man am besten erkennen, wenn man sie
einmal selbst hört, und zwar nicht nur in einigen herausgerissenen
Zitaten, sondern in größerem Zusammenhang. Darum sei im folgenden ein
geschlossener Gedankengang – unter Weglassung unwesentlicher
Einschaltungen – wiedergegeben aus der Rede „_Die Frauenfrage innerhalb
der modernen Kulturentwicklung_,“ die Henriette Goldschmidt am 27.
September 1877 auf dem Frauentag in Hannover gehalten hat. Die Rede ist
nur in wenig Exemplaren noch vorhanden, verdient aber vor völliger
Vergessenheit bewahrt zu werden, zumal sie zu dem Reifsten und Schönsten
gehört, was uns Henriette Goldschmidt hinterlassen hat:
„Wie eine höhere als menschliche Macht in allen Ereignissen wirkt,
so liegen jeder menschheitlichen Frage tiefere Ursachen zugrunde,
als die äußerlich wahrnehmbaren. Das Gesetz über uns und das
Gesetz in der Geschichte leitet, ja gebietet uns und wir befolgen
nur die Gesetze, wir beherrschen sie nicht. Wie wäre es sonst
möglich, daß einige Frauen ohne Rang und Reichtum, ohne glänzende
Namen eine anregende Kraft ausgeübt hätten, die eine so
hochbedeutsame Frage für ganz Deutschland in Fluß gebracht? Wie
wäre es zu erklären, als aus einem _inneren_ Gesetze, das uns oft
gegen unsern eigenen Willen, gegen unsere Neigung ergreift, daß
Frauen, die nie daran gedacht, ihren häuslichen Wirkungskreis zu
verlassen, sich plötzlich gedrängt fühlen, hinauszutreten und sich
und ihren Namen dem unzuverlässigen, wenigstens dem
unberechenbaren Urteile der Menge preiszugeben? Ja, wie wäre das
größere Wunder zu erklären, daß diese Frauen nicht dem Fluche des
Spottes und der Verkennung anheimfielen, sondern daß sie in
Städten persönlich ganz unbekannt, Schutz und Schirm in der
Heiligkeit der Sache fanden, die sie vertreten?! Ja, nicht nur
Schutz und Schirm, empfängliche Herzen, begeisterungsvolle
Teilnahme kam uns überall, im Süden und Norden unseres Vaterlandes
entgegen, und an jedem Orte, an dem der Allgemeine deutsche
Frauenverein bisher tagte, hat er eine Stätte errichtet, an
welcher sittlich ernste, von Menschenliebe erfüllte Genossinnen im
Dienste der Frauenbildung und Frauenarbeit tätig sind.
So sehr man sich bemüht hat und so sehr man noch bemüht ist,
gerade die Frauenfrage im Gegensatz zu unsern natürlichen und
Kulturbedingungen hinzustellen, so ist doch nichts destoweniger
_dasselbe Gesetz in ihr tätig, das alle menschlichen Verhältnisse
bestimmt_. Dieses Gesetz, das unsere allgemeinen und besonderen
Verhältnisse regelt, dürfen wir wohl das Gesetz fortschrittlicher
Entwickelung nach den gegebenen natürlichen Bedingungen nennen:
_Die Natur hat für alle Wesen das Gesetz des Seins, der Existenz
gegeben. Aber wenn selbst Naturwesen sich stetig entwickeln, wie
sollen wir als Menschen nicht in einem höheren Sinne einer
Fortentwickelung bedürfen!_ Und die Geschichte belehrt uns, daß
wir uns in einer fortschreitenden Entwickelung befinden. Diese
Entwickelung ist abhängig von der Kultur der Zeit, des Volkes und
von tausend unberechenbaren Einflüssen. Ist es auch unmöglich,
selbst die erkennbaren Faktoren in einem Vortrage zu kennzeichnen,
so glauben wir nicht zu irren, wenn wir auch hier alle
Einzelerscheinungen auf ein Gesetz zurückführen, das sich im Laufe
der Jahrhunderte erkennbar herausgearbeitet hat und unsere
Entwickelung bestimmt. Im Gegensatz zu der Auffassung der antiken
Kulturvölker heißt das Gesetz moderner Kulturentwickelung: „_Das
Recht der Persönlichkeit nach individueller Freiheit._“
In der antiken Welt fand der Einzelne in der Familie, in der
Gemeinde, im Staate die Würde seiner Persönlichkeit. Der Einzelne
hatte nur Wert und Bedeutung im Zusammenhange mit der Familien-
und Volksgenossenschaft.
In Griechenland und Rom war es der Staat, der dem Einzelnen Wert
und Gepräge verlieh, der Staat, dem jeder Bürger seine
Persönlichkeit ganz und voll hingab: im biblischen Altertum das
Volk und sein Verhältnis zu Gott, die religiöse Idee, die dem
Einzelnen zur idealen, ihn erfüllenden Lebensaufgabe wurde. Aus
diesem Prinzip ergab es sich mit Notwendigkeit als eine Pflicht
gegen Volk und Staat und Gott, _eine Familie zu begründen_, und
mit dieser Pflicht wurde es umso strenger genommen, je stärker das
Volksbewußtsein war. Erst in den späteren Zeiten des kaiserlichen
Rom, in den Zeiten des Verfalls der Sitten und der altrömischen
Geschlossenheit des Lebens begann auch die Ehelosigkeit.
_Diese Auffassung bestimmte auch die Stellung der Frau in der
alten Welt._ War der Mann nur im Zusammenhang mit dem Familien-,
Volks- und Staatsganzen eine Persönlichkeit, wie sollte die Frau
sich anders als im Zusammenhange mit der Familie denken können? Im
Familienverband waltete ja überdies noch sichtbarer als im
Staatsverband die unbezwingliche Macht der Naturgesetze, und
naturbestimmt für die Ehe, für die Familie dachte man sich nicht
nur die Frau, sondern auch den Mann. Ja, die Strenge der
Verpflichtung zur Heirat, zur Begründung einer Familie richtete
sich nur gegen den Mann, und Strafen gegen unverheiratet
gebliebene Männer waren in allen antiken Kulturstaaten
festgestellt.
Wurde demnach das eheliche Verhältnis als ein Pflichtverhältnis
aufgefaßt, so ergab es sich von selbst, daß die Neigung eine
untergeordnete Rolle spielte, ja, fast gar nicht in Betracht kam.
Während – und ich erlaube mir, diesen Punkt ganz besonders Ihrer
Beachtung zu empfehlen – _während unsere Dichtungen es fast
ausschließlich mit den Konflikten des Herzens in Rücksicht auf die
Gattenwahl zu tun haben, erzählen uns die Dichtungen des so hoch
kultivierten griechischen Volkes wenig oder nichts von einem
Konflikt des in unserer Zeit so eigenwillig gewordenen Herzens der
Jugend gegen die von den Eltern oder Vormündern bestimmte
Gattenwahl_. Die griechischen Tragödien, diese Meister- und
Musterwerke, haben es mit den erschütterndsten Kämpfen innerhalb
der Familie, _nicht mit dem Liebesleben und -leiden_ jugendlicher
Gemüter zu tun. In unserer Zeit hat die Ehe nicht das Zwingende
eines Natur-, Staats- oder Religionsgesetzes, sie wird nicht im
Interesse einer zu gründenden Familie geschlossen, sie soll _ein
freies Bündnis zweier __Menschen in Liebe_ sein, durch nichts
bestimmt als durch die eigene freie Entschließung.
Wir sehen, durch welche Gegensätze wir uns durchkämpfen müssen.
Aus der idealen Auffassung des Verhältnisses der Geschlechter, aus
der freien Entfaltung des Gemütslebens, wie sie das Altertum nicht
kannte, ergibt sich eine Frage von so materieller Art, von so
prosaischem Charakter, wie sie gleichfalls das Altertum nicht
kannte. Denn war Mann und Frau naturbestimmt für die Ehe, war
namentlich das Leben der Frau nur denkbar in der Familie, so war
bei der Einheitlichkeit und Geschlossenheit des antiken Lebens die
Notwendigkeit anerkannt, daß die Familie der verlassenen Waise,
der verwitweten Frau die Existenz verbürgte. Der _Pater familias_
im alten Rom, der Patriarch, der Familienvater nach biblischer
Anschauung und deshalb bei den Juden bis in die neueste Zeit,
hatte Verpflichtungen gegen die Familienglieder, verwitwete
Frauen, verwaiste Kinder, die ihn nicht mit Unrecht zu dem
bestimmenden Mittelpunkte ihres Familienkreises machten.
Das ist in unserer Zeit anders geworden: Kein Familienhaupt ist
der bestimmende Mittelpunkt für einen größeren Familienkreis. Sein
Recht ist kein absolutes, selbst in dem engen Kreis seiner mündig
gewordenen Söhne und Töchter. Und nur wenige Väter sind selbst in
der Lage, über ihren Tod hinaus ihre eigenen Kinder materiell zu
versorgen.
Wir sehen, auch dem hellstrahlenden Lichte unserer modernen Kultur
fehlen die Schatten nicht, die ja das Licht begleiten. Wenn diese
Schatten sich nur nicht zu drohenden Gespenstern aufrichteten, die
von zwei Seiten nach uns zielen. Von der einen Seite die _oft
selbstgewählte, oft auch unfreiwillige Ehelosigkeit_, von der
andern die _Unmöglichkeit, in den gegebenen Familienverhältnissen
Sicherheit gegen die Not des Lebens zu finden_.
Vielleicht gibt es keine einzige noch so weit gehende Forderung in
bezug auf Frauenemanzipation, die sich mit der bereits
vollbrachten an Kühnheit und Gefahr vergleichen ließe; sie
schließt die gefährlichste Freiheit in sich, die Freiheit des
Herzens. Wenn man die freie Wahl des Gatten oder gar den Verzicht
auf die Ehe den Einzelnen überläßt, so ist wenigstens das letztere
_eine Freiheit, die sich über die Naturgesetze erhebt_. Und es
wird nicht mehr als eine Kühnheit erscheinen, die Formen für die
gesellschaftliche Stellung zu bestimmen, da diese doch nicht die
absolute Gültigkeit von Naturgesetzen beanspruchen können.
Hier sehen wir den _Keim_ der Frauenfrage als Kulturfrage: hat man
es prinzipiell zugegeben, daß die Gattenwahl sowie der Verzicht
auf die Ehe auch von dem Willen der Jungfrau abhänge, so können
tausend Fälle eintreten, wo diese Gattenwahl unmöglich ist. „Sie
hat das Ideal ihres Herzens nicht gefunden,“ sie hat sich in dem
Erwählten getäuscht; oder sie ist nicht begehrt worden.
_Der Schatten, den das Licht unserer Kultur wirft, richtet sich
vorzüglich gegen unser Geschlecht._
Die moderne Kultur hat das Recht der Persönlichkeit, das Recht auf
eigene Existenz dem _Manne_ in höherem Grade zuteil werden lassen,
als die antike Kultur.
Wie aber gestaltet es sich für die Frau? Es ist ein hartklingendes
Wort, das ich jetzt aussprechen muß: Unsere moderne Kultur hatte
bisher durch die Befreiung des Einzelnen von dem Zwange der
geschlossenen Familienhaftigkeit, wo in des Wortes wirklicher
Bedeutung einer für den andern haftete – ich sage, _unsere Kultur
hat durch die Aufhebung dieser geschlossenen
Familienzusammengehörigkeit das Urrecht jedes Wesens, das Recht
der Existenz, dem weiblichen Geschlechte eher gefährdet als
gewährt_.
Denn da der Mann die Existenzverhältnisse repräsentiert, so ist es
selbstverständlich, daß diejenigen Mädchen, die nicht heiraten,
ohne Existenzmittel bleiben. Das Schutzverhältnis aber, das die
alte Zeit dem weiblichen Geschlechte gewährte, ist in unserer Zeit
nicht vorhanden, kann nicht vorhanden sein. Und nun ziehen wir
noch einen, den wichtigsten Faktor in Betracht. – Wohl nicht mit
Unrecht nennt man die Gegenwart das Zeitalter der Volkswirtschaft,
und wir müssen, wenn auch in den knappsten Umrissen, zeigen, wie
existenzbedrohend die moderne Kultur nicht nur im Gegensatze zur
antiken, sondern auch zur mittelalterlichen unserm Geschlechte
geworden. Die Fortschritte der Industrie, die Anwendung der
Maschinen und Dampfkraft hat die weibliche Arbeit, die Handarbeit
der Frau überflüssig gemacht. So wenig poetisch es auch klingen
mag, es muß gesagt sein: Der Mann heiratete sonst in seiner Frau
eine Gehilfin, die durch ihre Arbeit nicht nur das Haus
verschönte, sondern es mit erhielt. Um es volkswirtschaftlich
auszudrücken: „Die Äußerung der produktiven Arbeitskraft ist den
Frauen im Hause genommen.“
Haben wir den Keim der Frauenfrage in der größern gemütlichen und
geistigen Bildung zu einer sich selbst bestimmenden Persönlichkeit
gefunden, so ist dieser Keim mächtig zur Entfaltung gelangt durch
die einseitige Art dieser Bildung, die, weit entfernt die Mittel
zur Selbständigkeit zu bieten, die Gefahr der Brotlosigkeit
vermehrte. Die Handarbeit wurde zur Spielerei; man verfeinerte so
lange, bis man zu der Meinung kam, _die Frau sei zu einer
wirklichen Arbeit von Natur aus gar nicht bestimmt_. Das Wort: „Im
Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ beziehe sich
nicht auf die Frau.
Und nicht nur die Frauen, auch Männer und wohlwollende,
einsichtige Männer halten ein Ideal von Weiblichkeit fest, das
sich leider durch eine einseitige Richtung unseres dichtenden
Volksgeistes unserer bemächtigt hatte und in der sogenannten
romantischen Periode seinen Höhepunkt erreichte. Wie soll man es
sich sonst erklären, daß Frauen die Freiheit in bezug auf ihre
Persönlichkeit soweit ausdehnen können, _daß sie in geselligen
Zerstreuungen, in dilettantischen Kunstübungen und Kunstgenüssen,
in der Sorge um ihre Toilette sich vollständig ausleben und dabei
doch das befriedigende Gefühl haben, ihren weiblichen Beruf zu
erfüllen_? Ich nannte die Freiheit des Herzens eine _gefährliche_
Freiheit, eine kühnere Emanzipation als jede andere. _Wie aber
soll man die Emanzipation von der Pflicht der Arbeit nennen?_ Man
faßt ja das Wort „Emanzipation“ als gleichbedeutend mit
Selbständigkeit, mit dem Rechte der Selbstbestimmung auf, und
diejenigen Frauen, die das Selbstbestimmungsrecht über ihre Zeit,
über ihre Kräfte für den Müßiggang benutzten, wären nicht
emanzipierte Frauen? Wohl ist es leider keine Erziehung zur
Selbständigkeit, aber zur Selbstheit, _zum Egoismus_, wenn die
Jungfrau sich berechtigt glaubt, ihre Zeit zu verträumen, zu
verspielen, zu vertanzen, zu verputzen? Wenn sie für den Schein
erzogen, dem Manne gegenüber auf ihren Schein besteht und es als
schuldigen Tribut für ihre Weiblichkeit fordert, ihr die Mittel zu
solch’ müßigem Traum- und Genußleben zu verschaffen?
Bedenkt man diese Tatsache recht: von der einen Seite die
Wertlosigkeit der sonst so wertvollen wirtschaftlichen Arbeiten,
von der anderen Seite aber die gesteigerten Ansprüche, die gerade
unsere Kultur mit ihrem gesteigerten Kunstfleiß erzeugt hat, so
wird man sich nicht wundern, _daß die Ehelosigkeit in den höheren,
gebildeten Gesellschaftskreisen überhand genommen_. – So teile ich
aus einer Statistik vom Jahre 1864, also vor den beiden letzten
großen Kriegen folgendes Verhältnis mit: In Preußen betrug damals
die Zahl der unverheirateten Mädchen im Alter von über 16 Jahren
1 827 441; es scheint allerdings, als ob ein Alter über 16 Jahre
keinen Maßstab bietet, da es ja die Heiratsmöglichkeit in sich
schließt. Wenn aber in Preußen die Zahl der unverheirateten Männer
im Alter von über 24 Jahren nur 976 000 betrug, so ist für die
Million achtmalhunderttausend Mädchen kaum die Hälfte der
Ehestandskandidaten vorhanden.
In welchem Lichte muß diesen statistischen Zahlen, diesen
unleugbaren Tatsachen gegenüber, die Meinung sich befinden, die in
hochtönenden Worten so oft in die Welt hinausgerufen wird: „Die
Bestimmung des Mädchens ist die, zu heiraten; ihre Lebensaufgabe
beziehe sich auf den Kreis ihrer Familie, ihres Hauses.“ Nochmals
sei es wiederholt: Wenn die alten Kulturvölker diese Anschauung
festhielten, so war sie in der Natur ihrer Verhältnisse begründet,
für unsere Kulturverhältnisse klingt sie wie eine bittere Ironie.
Noch dunkler und trüber fast sind die Schatten, die unsere Kultur
begleiten, wenn wir den Blick auf die verwitweten Frauen richten.
Hier zeigen sich in Rücksicht auf die Lebensdauer der beiden
Geschlechter ganz merkwürdige Unterschiede. Unsere moderne Kultur
verbraucht ein gut Teil männlicher Arbeitskraft. Das Militärwesen,
das Maschinenwesen mit den gesteigerten Ansprüchen an
Menschenkraft vernichtet viele Männer in der Blüte der Jahre. Ich
entnehme auch die folgenden Notizen einer Statistik aus dem Jahre
1864, weil ich die Kriegsjahre mit ihren Folgen mir lieber als
Ausnahmezustände denken will; also 1864 gab es in Preußen rund
700 000 Witwen und dagegen 259 400 Witwer, in Leipzig allein gab
es damals 5059 Witwen und 1098 Witwer. Interessant ist folgende
Tatsache, die ich vor einigen Jahren aus Preußen verzeichnet fand:
Von dem Geschlechte, über welches die Stürme der ersten
französischen Revolution brausten, sind 160 Männer am Leben,
dagegen 307 Frauen. Im Jahre 1871 lebten 8 Frauen im Alter von
beinahe 100 Jahren und nur 1 Mann. – Vom 50. Jahre tritt die
Erscheinung auf, daß die Sterblichkeit der Männer größer ist als
die der Frauen, und so gestaltet sich die spätere und gewiß die
schwerere Hälfte des Lebens sehr zu Ungunsten des weiblichen
Geschlechts, und die Statistik mit ihren trockenen Zahlen sagt uns
nichts anderes, als unser Dichter Jean Paul: „Das Weib vereinsamt
mit den zunehmenden Jahren“. Und nicht nur der Tod, auch das Leben
raubt der Frau früher als dem Manne den betrüglichen und doch oft
erheiternden Schein des Daseins. Wie viele Hilfsquellen findet der
einsame Mann außerhalb des Hauses, wie wenige die alternde,
einsame Frau!
Auch hier ist es Doppelbild der geistigen und materiellen Not, das
uns entgegenstarrt, erzeugt durch die unausbleiblichen Folgen
einer Kulturentwicklung, die den Einzelnen auf sich selbst
gestellt, und _die ganze Hälfte des Menschengeschlechts nicht mit
den Mitteln ausrüstete, die zur Selbständigkeit gehören_. Denn ist
es nötig, das Bild des materiellen Elends, der quälenden Sorge um
des Lebens Notdurft, das uns so oft gerade in den Witwen
entgegentritt, zu entrollen?
Wenn wir die Schatten in Umrissen zeichnen, die unsere Frage als
eine Kulturfrage erscheinen lassen, so müssen wir, so schwer es
uns auch fällt, auf die unheimlichste Gestalt unser Augenmerk
richten, die namentlich in großen Städten ein nicht nur
gespenstisches, sondern offenes Wesen treibt. Ich werde hier keine
Zahlen nennen, ich vermag es nicht, deutlich zu sprechen, und doch
muß ich darauf hindeuten, als den wundesten Punkt unserer
Kulturzustände: Neben den einsamen Mädchen, die in kümmerlicher
Weise ihren Lebensunterhalt gewinnen, neben den bleichen,
kummervollen Witwen gibt es noch andere Gestalten: Sie sehen nicht
bleich aus, weil die Schminke den Moder bedeckt, sie schleichen
nicht dürftig und kummervoll einher, weil Seidengewänder das Elend
verhüllen, aber sie werfen den dunkelsten Schatten auf unsere
lichtvolle Kultur. Der Genius der Menschheit wendet sich errötend
von ihnen ab. Dürfen wir uns aber abwenden, wenn wir bedenken, daß
es eine bestätigte Tatsache ist: „_Der größte Teil dieses
elendesten Elends stammt aus materieller Not und schlechter
Erziehung._“
Betrachten wir die Schäden, die Krankheiten, die Auswüchse an dem
so stattlich prangenden Baum unserer Kultur, so sind wir wohl
berechtigt zu sagen: Es ist hohe Zeit, Hand anzulegen, es ist hohe
Zeit, sich Klarheit über die Verhältnisse zu verschaffen. Es ist
für unser Geschlecht die Zeit gekommen, in der wir einsehen, daß
wir den Schein einer Freiheit, das Spielen mit Empfindungen
aufgeben müssen. _Wir sind in Übereinstimmung mit unserem
Schöpfer, mit unserem Gewissen, mit uns selber, wenn wir das
Urrecht jedes Geschöpfes, das Recht auf Existenz für uns in
Anspruch nehmen._ Jedem Wesen hat die gütige Natur die Mittel zu
seiner Existenz gegeben – und uns sollten sie versagt sein?
Gebraucht jedes Naturwesen seine Kräfte zu seiner Selbsterhaltung,
so ist das Recht auf _menschenwürdige_ Existenz gewiß das Urrecht
jedes in _Gottes Ebenbilde_ geschaffenen Wesens. _Menschenwürdig
ist es aber, die Kräfte, die wir besitzen, zu entwickeln, zu
gebrauchen_, nicht nur um unsertwillen, um unserer Mitmenschen
willen, um der Gesamtheit willen.
Wir wollen die gesunden Kräfte des Volkes in unsern Töchtern
entwickeln, wir wollen ihnen Gelegenheit zur Entfaltung ihrer
geistig sittlichen Anlagen geben und zwar allen, nicht nur den
Armen, auch den Wohlhabenden; denn auf dem Gebiete geistiger
Arbeit ist der Gebende so reich und so arm wie der Empfangende,
hier sind alle gleich bedürftig.“
Die _Lösung der Frauenfrage_ ist für Henriette Goldschmidt – hier weiß sie
sich eins mit allen großen Führerinnen der Frauenbewegung – im Grunde nur
möglich _durch gründliche Reform der gesamten Frauenbildung_. Es war daher
kein Zufall, sondern es lag in der Natur der Sache, daß damals fast alle
großen Frauentagungen beschlossen, „anstatt mit der Fassung von
Resolutionen, mit der _Gründung eines Frauenbildungsvereins_, der es für
seine vornehmste und erste Aufgabe hielt (in der betreffenden Stadt),
_Fortbildungsschulen für Mädchen_ zu errichten.“ Jeder, der die
Mädchenschulverhältnisse der damaligen Zeit einigermaßen kennt, wird
wissen, wie notwendig das war. Es gab damals außer der Volksschule und der
meist in Privathänden ruhenden sogenannten höheren Töchterschule nur noch
eine einzige Bildungsstätte, das war das Lehrerinnenseminar.
Also eine ungeheure Aufgabe galt es – und gilt es noch heute – zu lösen:
_die Schaffung eines_ dem innersten Wesen des weiblichen Geschlechts
adäquaten und doch vielgestaltigen, in allen seinen Teilen zu
wirtschaftlicher Selbständigkeit bzw. zu fruchtbarer Mitarbeit an unserer
Kultur führenden _Frauenbildungswesens_. Vieler Jahrhunderte hatte es
bedurft, um das Männerbildungswesen zu seiner jetzigen Höhe zu bringen.
Wenn naturgemäß von diesen Einrichtungen auch vieles ohne weiteres der
Frauenbildung dienstbar gemacht werden konnte, so war damit doch das
letzte und feinste noch nicht erreicht, was Henriette Goldschmidt
vorschwebte: _die Bereicherung unserer Kultur durch die Entfaltung der
tiefsten spezifisch weiblichen Seelenkräfte_.
Aber mochte das Ziel auch noch so fern sein! Henriette Goldschmidt behielt
es fest im Auge, und so konnte sie denn ihre oben zitierte Rede in
Hannover mit den rührend-bescheidenen und zugleich
zuversichtlich-trotzigen Worten schließen – die zugleich ein wundervolles
Bild ihrer klaren und starken Seele entrollen:
„_Der Kraft des schöpferischen Tuns bewußt, mit Demut und Hingebung der
Stimme des Geistes lauschend, die durch die Jahrtausende tönt, handelnd
und gehorchend, so vollzog sich und so vollzieht sich der ewige Prozeß des
Lebens._ Und innerhalb dieses Prozesses stehe auch fortan – ihre Aufgabe
bewußtvoll als eine Kulturaufgabe für unser Menschengeschlecht erfassend –
*die Frau*!“
b) Friedrich Fröbel.
Neben der Frauenbewegung war es Friedrich Fröbel, der dem Denken und
Wollen Henriette Goldschmidts die entscheidende Richtung gab. –
Mußte Henriette Goldschmidt dadurch nicht innerlich zerrissen, nach zwei
ganz verschiedenen Richtungen hingelenkt werden? Nein! Im Gegenteil, beide
verschmolzen in ihr zu einer wundervollen Einheit. Nur dadurch wurde
Henriette Goldschmidt das, was sie uns jetzt ist, daß einesteils das
Bildungs-Problem der Frauenbewegung, die Frauensehnsucht ihrer Zeit in
ganzer Stärke in ihr lebendig war und daß sie andernteils in Fröbels Ideen
die Lösung des Problems, die Erfüllung dieser Sehnsucht fand.
Friedrich Fröbel war nicht nur der Gründer der Kindergärten, als den ihn
die Welt fast ausschließlich kennt, sondern er war ein Pädagog ganz großen
Stils, ein Kulturpädagog ersten Ranges. Die meisten Menschen denken bei
dem Wort „Pädagog“ immer nur an „Lehrer“, und sie meinen, ein „großer
Pädagog“ sei ein Mann, der einige neue Methoden ersonnen hat, durch deren
Anwendung man den Kindern zahlreichere Kenntnisse vermitteln oder ihnen
mindestens das Lernen erleichtern kann. Von solchem Schlag war Fröbel
nicht. Sein Blick war auf Höheres gerichtet.
_Der Menschheit und ihrer Entfaltung galt all sein Sinnen._ Unter
Menschheit ist aber hier nicht die Gesamtheit der lebenden Menschen zu
verstehen, sondern es heißt hier soviel wie Menschentum. Es ist das
Geistige, das im Menschengeschlechte lebt und schafft, das in ihm sich
auswirkt. Es sind die spezifisch menschlichen Kräfte und Fähigkeiten, die
im Unterschied zu allen anderen Kreaturen gerade dem Menschen eigen sind.
Es ist das, was allen Menschen gemeinsam ist und seit Jahrtausenden
gemeinsam war.
Es drängt nach Darstellung, nach Gestaltung, nach Objektivierung. Alles
Menschentum, alle Menschenleistung ist eine Äußerung dieses Geistigen.
Sitte und Recht, Kunst und Wissenschaft, Technik und Industrie, kurz
alles, was wir Kultur nennen, ist dieser Quelle entsprungen. Die
_Menschheit_ ist Ursprung und Schöpfer der _Kultur_ – wie die _Gottheit_
Ursprung und Schöpfer der _Natur_ und der _Menschheit_ ist. Menschheit und
Kultur verhalten sich zueinander wie Idee und Verwirklichung.
Der tiefste Wesenszug der Gottheit und damit auch der Menschheit ist der
_Schöpferwille_ und die _Schöpferkraft_, der Drang und die Fähigkeit, sich
(d. h. Geistiges) im Stofflichen, im Materiellen darzustellen, sich
gleichsam zu objektivieren, der formlosen Masse _Gestalt_ zu geben. Stoff
an sich ist formlos. Erst durch die Verbindung des Geistigen mit
Stofflichem entsteht die Form. Materie sich selbst überlassen, ist Chaos,
erst durch die Verbindung mit dem göttlichen Geist wird sie zum Kosmos.
Je reiner und unverletzter sich das Geistige im Stofflichen darstellen
kann, um so vollkommener wird das Werk. Durch das Gestalten, durch das
Ringen mit der Materie entwickelt sich das Geistige immer höher. „Alles
Innere wird von dem Innern an dem Äußern und durch das Äußere erkannt. Das
Wesen, der Geist, das Göttliche der Dinge und des Menschen, wird erkannt
an seinen, an ihren Äußerungen“ (Fröbel).
Die Entwicklung der Menschheit hängt also davon ab, daß sie sich
_ungehemmt_ und _frei_ entfalten, darstellen, objektivieren kann.
Dazu gehört dreierlei:
_Erstens_ muß sie sich in ihrem innersten Wesen _rein_ erhalten. Das
geschieht, wenn sie sich stets ihres göttlichen Ursprungs bewußt bleibt.
Darum setzt Fröbel an den Anfang seiner „Menschenerziehung“ (1826) das
tiefsinnige Wort, das Henriette Goldschmidt nie ohne innere Ergriffenheit
zitieren konnte: „In allem ruht, wirkt und herrscht ein ewiges Gesetz. Es
sprach und spricht sich im _Äußern_, in der Natur, wie im _Innern_, in dem
Geiste, und in dem _beides Einenden_, in dem Leben, immer gleich klar und
gleich bestimmt dem aus, den entweder _von dem Gemüte und Glauben_ aus die
_Notwendigkeit_ erfüllt, durchdringt und belebt, daß es gar nicht anders
sein kann, oder dem, dessen _klares ruhiges Geistesauge_ in dem Äußern und
durch das Äußere das Innere schaut, und aus dem Wesen des Innern das
Äußere mit Notwendigkeit und Sicherheit _hervorgehen sieht_. Diesem
allwaltenden Gesetze liegt notwendig eine allwirkende, sich selbst klare,
lebendige, sich selbst wissende, darum ewig seiende Einheit zu Grunde.
Dieses wird auf gleiche Weise wieder so wie sie – die Einheit selbst –
entweder durch _Glauben_ oder durch Schauen lebendig, gleich er- und
umfassend erkannt, so daß sie auch von einem still achtsamen menschlichen
Gemüte, von einem besonnenen klaren menschlichen Geiste von jeher sicher
erkannt ward und immer davon erkannt werden wird.
Diese Einheit ist Gott.
Alles ist hervorgegangen aus dem Göttlichen, aus Gott, und durch das
Göttliche, durch Gott einzig bedingt; in Gott ist der einzige Grund aller
Dinge.
In allem ruht, wirkt, herrscht Göttliches, Gott.
Alles ruht, lebt, besteht in dem Göttlichen, in Gott und durch dasselbe,
durch Gott.
Alle Dinge sind nur dadurch, daß Göttliches in ihnen wirkt.
Das in jedem Dinge wirkende Göttliche ist das _Wesen jedes Dinges_.
Die _Bestimmung_ und der _Beruf aller Dinge_ ist: ihr Wesen, so ihr
Göttliches, und so das Göttliche an sich entwickelnd darzustellen, Gott am
Äußerlichen und durch Vergängliches kundzutun, zu offenbaren.“ –
_Zweitens_ muß sich die Menschheit dieser ihrer Bestimmung _bewußt_
werden. Darin erblickt Fröbel die besondere Bestimmung, den besonderen
Beruf des Menschlichen. Die übrigen Geschöpfe entfalten ihr Wesen nur
einem dunklen Drange folgend, der Mensch soll es mit Bewußtsein tun.
Dadurch erhebt er sich über alle anderen Kreaturen. Dadurch nähert er sich
der Gottheit.
_Drittens_ braucht die Menschheit, um sich ungehemmt und frei entfalten zu
können: Stoff, Gelegenheit, Möglichkeit zur _Betätigung_. Das Bewußtsein
ihres göttlichen Ursprungs und das Erkennen ihrer Bestimmung allein genügt
noch nicht zur Höherbildung. Das allein ist noch keine Entfaltung und
Entwicklung. Arbeit muß dazukommen, _Arbeit und Schaffen_ am Materiellen,
am „Äußeren“. Dadurch gewinnt die Arbeit bei Fröbel einen ganz neuen Sinn.
Sie ist nicht mehr wie im „Alten Testament“ _Strafe_ für die im Paradies
begangene menschliche Sünde („Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein
Brot essen!“), sie ist auch nicht nur unangenehme _Notwendigkeit zur
Erhaltung des Körpers_ (wie die meisten Menschen glauben), sondern sie ist
_Mittel zur Entfaltung des Geistigen_. Sie ist der stärkste und
unentbehrlichste _Kulturfaktor_ überhaupt. „Erniedrigend ist der Wahn“,
hat Fröbel daher einmal geschrieben, und Henriette Goldschmidt hat dieses
Wort oft und gern zitiert, darum sei es noch hierher gesetzt,
„erniedrigend ist der Wahn, als arbeite, wirke und schaffe der Mensch nur
darum, seinen Körper, seine Hülle zu erhalten, sich Brot, Haus und Kleider
zu erwerben; nein – _der Mensch schafft ursprünglich nur darum, damit das
in ihm liegende Geistige, Göttliche sich außer ihm gestalte_ und er so
sein eigenes göttliches Wesen und das Wesen Gottes erkenne. Das ihm
dadurch kommende Brot, Haus und Kleid ist unbedeutende Zugabe.“
Mit diesem weiten Blick tritt nun Fröbel _an das Erziehungsproblem heran_.
Erziehung kann ihm – nach dem Vorangegangenen – nichts anderes sein als:
1. Hinlenken des Blickes der Menschen _auf den ewigen Ursprung alles
Seins_ und Pflegen des Gefühls des inneren Verbundenseins mit dem
Göttlichen,
2. Anregen und Hinführen zur _Selbstbesinnung über das Wesen und die
Bestimmung des Menschen_, und