Die drei kleineren Bilder von Murillo, die sich noch in der

Kirche der Caridad befinden, sind eine nur in halber Lebensgröße

ausgeführte Verkündigung Marias und zwei in die oberen Bekrönungen

von Seitenaltären eingelassene entzückende Kinderbilder, hier das

Jesuskind, dort der kleine Johannes.

Unmittelbar nach der Bewältigung dieser großen Aufgabe ging Murillo

an eine noch umfangreichere Arbeit, an die Anfertigung der sämtlichen

Altargemälde für die im Jahre 1670 vollendete Kapuzinerkirche. Dabei

handelte es sich um einen großen, aus einem Hauptbild und mehreren an

dasselbe angeschlossenen Nebenbildern zusammengesetzten Aufbau über dem

Hochaltar und um eine Anzahl von sonstigen, teils zusammengehörigen,

teils einzelnen Gemälden -- im ganzen neunzehn Bilder.

Gleich darauf, im Jahre 1673, wurde ihm die Ausschmückung der Altäre

der Augustinerkirche übertragen.

In diesen Werken hat Murillo sein Bestes gegeben. Man muß das

Provinzialmuseum zu Sevilla, wo die Mehrzahl der Kapuzinerbilder und

ein paar Hauptbilder von den Augustinern vereinigt sind, gesehen haben,

um seine Bedeutung als Künstler voll zu würdigen. Im Madrider Museum

empfängt man trotz der kostbaren Perlen, welche sich unter den 46

Gemälden, die dort seinen Namen tragen, befinden, nicht annähernd den

Eindruck von der Größe seiner Meisterschaft wie hier.[A]

[A] Es ist sehr zu bedauern, daß die photographischen Aufnahmen

von Braun & Co. in Dornach sich nicht auf das Museum von

Sevilla erstreckt haben.

Von den Bildern aus der Kapuzinerkirche fehlen nur drei in der

Sammlung: das große Hauptaltarblatt, welches den heiligen Franz von

Assisi im Anblick der Erscheinung von Christus und Maria darstellt,

und ein Paar von Gegenstücken, die Erzengel Raphael und Michael.

Des ersteren hatte sich das Kloster schon vor der Bilderräuberei

der Franzosenzeit freiwillig entäußert -- es steht nicht fest, aus

welchem Grunde. Man weiß nicht, wo es schließlich hingelangt ist. Das

Raphaelbild befindet sich in einem Nebenraum (in der +Sagrestía de los

cálices+) der Kathedrale zu Sevilla. Die Kapuziner schenkten es nach

dem Abzug der Franzosen der Kathedrale als Dankesgabe für die gelungene

Rettung ihrer Gemälde. Der Erzengel ist dargestellt als der Geleiter

eines Kindes; er hat den Knaben, der an seiner Seite schreitet, an

der Hand gefaßt und zeigt mit der Rechten nach der Höhe, nach einem

Lichtstrahl, der die dichte Finsternis der Umgebung durchbricht.

Dieses ansprechende Gemälde ist das Urbild zahlloser späterer

Schutzengeldarstellungen (Abb. 34). Das Bild des Engels Michael ist

verschwunden.

[Illustration: Abb. 40. ~Mariä Verkündigung.~

Altargemälde aus der Kapuzinerkirche, jetzt im Museum zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von I. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Die Bilder, welche ehemals in ihrer Vereinigung die Seitenteile des

Hochaltars ausmachten, zeigen Darstellungen verschiedener Heiligen.

Da sind zunächst die Schutzheiligen von Sevilla, Justa und Rufina,

in einem Bilde vereinigt (Abb. 35). Die beiden Glaubenszeuginnen

halten gemeinschaftlich das Abbild eines Turmes; das ist das stolze

Wahrzeichen der Stadt, deren Boden sie in der Römerzeit mit ihrem

Blut getränkt haben, der aus einem maurischen Minaret hervorgegangene

Glockenturm der Kathedrale, die Giralda, das höchste Bauwerk Spaniens.

Die beiden Gestalten heben sich farbenreich von dem grauen Hintergrund

einer bewölkten Luft ab. Wer den schönsten Murillo, den Italien

besitzt, die Madonna in der Sammlung des Palastes Corsini zu Rom

(Abb. 36), gesehen hat, der erkennt mit Überraschung in dem Kopf der

heiligen Justa dasselbe blasse, von dichtem, schwarzem Haar umrahmte

Antlitz, dieselben unvergeßlichen Augen wieder, durch welche jene

Maria, die zwischen wucherndem Gestrüpp am Fuß einer zerfallenen Mauer

sitzt und ihr Kind in Sorge an sich drückt, sich einem so nachhaltig

ins Gedächtnis prägt; nur daß hier das ganze Gesicht frischer

erscheint und daß der ergreifende Ausdruck schwerer Besorgtheit

fehlt, der jenem merkwürdigsten von Murillos Madonnenbildern eigen

ist. Man sieht, der Meister hat ein und dasselbe lebende Vorbild in

verschiedener Auffassung zu verschiedenen Darstellungen zu benutzen

gewußt. -- In dem Gegenstück zu den beiden Sevillaner Märtyrinnen

sind der glaubenseifrige Bischof der alten Hispalis, Leander, und der

größte Gelehrte des Ordens, dem die Kapuziner angehören, der heilige

Bonaventura, zusammengestellt. Bonaventura trägt über der braunen

Franziskanerkutte den rotseidenen Kardinalskragen; in den Händen hält

er ein Buch und das Modell eines gotischen Kirchenbaus. Der heilige

Leander, eine Gestalt von schlagender Glaubhaftigkeit, erscheint in

weißem Kirchenornat, mit dem goldenen Bischofsstab in der Hand -- die

abgelegte Mitra hält ein Engelknabe, der am Rand des Bildes steht

--; mit der anderen Hand zeigt der Bekehrer des heiligen Hermenegild

einen Zettel mit den Worten: +Credite, o Gothi, consubstantialem

Patri+ (Glaubt, o Goten, an die Wesensgleichheit des Sohnes mit dem

Vater). Das Gemälde besitzt eine eigene Größe in der Wirkung seiner

wenigen, in großen Massen angeordneten Farben. -- Weiter stehen sich

Johannes der Täufer und der heilige Joseph als Gegenbilder gegenüber.

Johannes, eine durch scharfe Beleuchtung hervorgehobene sehnige

Männergestalt mit bräunlicher Haut und schwarzem, wirrem Haar, mit

einem sehr bedeutenden Kopf von echt spanischem Schnitt, faltet, an

einen Felsen der Wüste gelehnt, die knochigen Hände und wendet den

Blick empor, der unsichtbaren Quelle des Lichts entgegen, das die

blauschwarze Wolkennacht durchbricht. Joseph ist als zur Zeit der

Flucht in dem Ruinenland Ägypten verweilend gedacht. In den Resten

eines zerfallenen Gemäuers, das einige antike Bauformen aufweist,

auf einer Art von Terrasse stehend, hat er das Jesuskind, das etwa

vierjährig erscheint, vor sich auf einen Baustein gestellt und hält

es mit beiden Händen fest. Der Knabe, in ein helles Röckchen von

weicher Lilafarbe gekleidet, lehnt sich an die in violettgraue und

dunkelgraugelbe Gewänder gehüllte Gestalt des Pflegevaters und schmiegt

seinen Lockenkopf an dessen Brust, während er den Blick voll auf den

Beschauer heftet. Joseph aber wendet seinen kräftig geschnittenen Kopf,

dem die wallende Fülle des dichten Haares eine besonders mächtige

Erscheinung gibt, seitwärts und späht mit scharfen Augen hinaus in

die Landschaft, deren lichte Ferne sich weithin unter dem blauen,

von Gewölk durchflogenen Himmel ausdehnt; hochaufgerichtet hält er

Umschau, ob nirgends zwischen den weißen Bauwerken oder auf den

Höhen der Hügelkette Verfolger nahen. Murillo hat das unbestreitbare

Verdienst, den Beschützer der Kindheit Jesu, aus dem die meisten

älteren Maler eine recht nichtssagende Persönlichkeit gemacht haben,

während die neueren ihn mit einem Übermaß von schwächlicher Weichheit

und dem Ausdruck von Frömmelei auszustatten pflegen, in all seinen

verschiedenen St. Josephsbildern -- die im einzelnen voneinander

abweichen in der Bildung des Kopfes -- in würdiger Weise als eine

ausdrucksvolle, kräftige Männererscheinung aufgefaßt zu haben (vergl.

Abb. 37). -- In nach oben spitz zulaufenden Feldern, die sich unter

den Anfängen des Bogens, welcher den ganzen Aufbau des Hochaltars

abschloß, befunden haben, sind zwei Heilige der Entsagung, denen beiden

das Jesuskind erscheint, in Halbfiguren dargestellt (Abb. 38 und 39).

In dem einen Bild steht das Kind vor dem heiligen Antonius von Padua,

der es mit glühender Innigkeit betrachtet, auf dessen Gebetbuch. In dem

anderen ruht es in den braunen Händen eines Greises mit dem Bettelsack,

des heiligen Felix, und streichelt dessen struppigen Graubart.

Auf beiden Bildern leuchtet der Kindeskörper wie das Licht in der

Finsternis in der Umgebung von Braun und Grau; besonders schön auf dem

letzgenannten, in dem die wenigen Töne wundervoll zusammengestimmt sind.

Die einzelnen Altarbilder aus der Kapuzinerkirche übertreffen eins

das andere an Schönheit. Das größte derselben stellt die Verkündigung

Marias dar, ein kleineres die unbefleckte Empfängnis, ein anderes die

Klage um den Leichnam Christi; sechs von übereinstimmender Größe zeigen

eine nochmalige Darstellung der unbefleckten Empfängnis, die Anbetung

der Hirten, die Weltentsagung des heiligen Franciscus, nochmals den

heiligen Antonius und den heiligen Felix und die Almosenspende des

heiligen Thomas von Villanueva.

Zu diesen neun großen Gemälden kommt noch ein kleines Juwel, ein

Madonnenbildchen von kaum 60 Centimetern im Quadrat, von dem die Sage

zu erzählen weiß, Murillo habe eine Serviette vom Eßtisch genommen, um

dasselbe darauf wie mit Zauberhand entstehen zu lassen; daher führt es

den Beinamen „+de la servilleta+.“ Es ist nicht zu verwundern, daß sich

an dieses mit glücklichster Leichtigkeit geschaffene Meisterwerk die

Vorstellung von etwas Außergewöhnlichem geheftet hat. Aus dem schwarzen

Hintergrund löst sich farbig das Brustbild Marias, und von den Armen

der Mutter aus streckt das leuchtend helle Kind sich vor, auf den

Beschauer zu. Das Kind ist so körperhaft gemalt, daß es vor den Rahmen

herauszukommen scheint, und seine großen Augen sprechen so lebhaft,

als ob es einen gleich anreden wollte. Der Blick des Jesuskindes wird

von dem ruhigen und milden Blick Marias begleitet. Es liegt etwas

Unbeschreibliches in dem Bann dieser vier dunklen Augen.

[Illustration: Abb. 41. ~Die unbefleckte Empfängnis.~

Aus der Kapuzinerkirche, jetzt im Museum zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

In dem Bild der Verkündigung (Abb. 40) weicht die Anordnung von

der herkömmlichen Weise, an der auch Murillo in seinen früheren

Behandlungen dieses Gegenstandes festhielt, dadurch ab, daß der

Himmelsbote der betenden Jungfrau gerade von vorn entgegentritt, so

daß diese ihn sieht, ohne sich umzuwenden, und sich dem Beschauer

in gerader Seitenansicht zeigt. Hierin fand der Künstler das Mittel,

eine ungemein ansprechende Schlichtheit in die Gestalt Marias zu legen.

Gabriel senkt sich auf einer Wolke aus der Höhe herab, wo, von einem

Chor kleiner Engel umgeben, der heilige Geist im Lichtglanz schwebt.

Auf den Gruß des Himmelsboten richtet Maria den Kopf auf, so daß sie

ihm gerade entgegensieht; unwillkürlich erheben sich ihre Hände über

das Gebetbuch, auf dem sie ruhten. Der Eindruck des Bildes wird sehr

wirkungsvoll gesteigert dadurch, daß durch die Art der malerischen

Behandlung Maria als ein irdisches Wesen von fester Körperhaftigkeit

deutlich von den himmlischen Lichtgestalten unterschieden wird; ganz

besonders kommt ihr feiner Kopf durch seine Wirklichkeitserscheinung

gegenüber der Körperlosigkeit des zerfließenden Lichtgewölks, von dem

er sich abhebt, bedeutsam zur Geltung.

Ein Meisterwerk ersten Ranges ist die Anbetung der Hirten, ein

Prachtstück von farbenreicher Helldunkelwirkung. Der nächtliche

Himmel, den man außerhalb des verfallenen Stallgebäudes sieht,

hellt sich unten im ersten Morgengrauen auf. Von diesem schwachen,

farblosen Lichtschimmer am Rande des Bildes nimmt eine zusammenhängende

Helligkeitsmasse ihren Ursprung, die sich mit stetig wachsender

Kraft in das Bild hineinzieht: das graue Gemäuer des eingestürzten

Eingangsbogens wird von einem geheimnisvollen Lichtstrahl gestreift,

dann wird der bräunliche Kopf eines alten Hirten von diesem

Himmelslicht voll beleuchtet, und die Helligkeit endigt mit der

höchsten Steigerung von Licht und Farbe in der Krippe, wo Maria

ihr feines, zartes Gesicht über das in weißen Windeln auf gelbes

Stroh gebettete Kind beugt; an ihrer Brust und ihren Armen wird das

vollfarbige Rot und Blau ihrer Kleidung mit in das übernatürliche Licht

hineingezogen, das auf dem Kind seinen Sammelpunkt hat. Im Vordergrund

bildet die aus einem Mann, einem Knaben und einem halbwüchsigen Mädchen

bestehende Hirtengruppe eine dunkle Masse von lebendig bewegten

Umrissen, in welcher das von draußen kommende schwache Dämmerlicht im

Widerstreit mit den von der Krippe ausstrahlenden warmen Reflexen die

einzelnen Formen auseinander hält. Das sind prachtvolle andalusische

Bauersleute, besonders schön das junge Mädchen, dessen ungekämmtes

Haar und brauner Nacken sich von der blaugrauen Dämmerung abheben.

Joseph steht im Halblicht an der Mauer. Die oben im Stall lagernde

nachtschwarze Finsternis wird durch die Lichtgestalten zweier

Kinderengel unterbrochen, die sich jubelnd in einer goldenen Wolke

tummeln.

Ganz verschieden von dieser heiligen Nacht ist das andere Nachtstück,

welches die Klage um den Leichnam Christi darstellt. Hier ist durch

den Verzicht auf jeden Farbenzauber eine ergreifende Stimmung erzielt.

Wie schrille Klagelaute wirken die grell und schroff in zerrissenen

Massen in das tiefschwarze Dunkel gestreuten Lichter, welche uns vier

Gestalten zeigen: die mit ausgebreiteten Händen zum Himmel aufjammernde

Mutter, den mit dem Kopf auf ihrem Schoße ruhenden, auf ein weißes Tuch

gebetteten heiligen Leichnam und zwei weinende Engelkinder. Fast keine

andere Farbe zwischen dem Schwarz, als Weiß und Fleischtöne; denn die

Gewänder Marias sind ganz dunkel. Die schwarze Masse des Hintergrundes

ist eine Felsenwand; das erkennt man an einem Stückchen Umrißlinie,

welches an einer Seite vor einer schwach flimmernden Andeutung der

Helligkeit, durch welche sich am Horizont der Himmel von der Erde

abgrenzt, sichtbar wird.

Von den beiden Bildern der Immaculata zeigt das eine die Jungfrau in

halb kindlicher Bildung, von einer großen Anzahl reizender kleiner

Engel umgeben, von denen einige Sinnbilder tragen, eine Lilie, eine

weiße Rose, einen Palmenzweig, einen Spiegel (Abb. 41). Auch in dem

anderen, das zunächst durch die außerordentliche Einfachheit der

Linien, mit der es komponiert ist, auffällt, ist Maria mehr Kind als

Jungfrau. Sie hat die beiden Hände nebeneinander auf die Brust gelegt

und blickt nach oben, wo Gott Vater mit zum Segen ausgebreiteten Händen

erscheint, als eine Lichtgestalt in schimmerndem Lichtduft, dessen

Helligkeit die Farben seiner Gewänder überflutet. Englein, wie aus

Lichtstoff gebildet, umgeben den Gott und füllen den Raum bis zu dem

lichten Rand der Wolke, von welcher Maria getragen wird; je weiter

sie sich herabsenken, desto körperhafter wird ihre Erscheinung.

Unterhalb der Wolke sieht man den Erdball im Dunklen liegen; der

höllische Drache hat seine Tatze darauf gelegt. Die Ruhe in der

Haltung und in den Umrissen Marias, deren Gewänder sich kaum bewegen,

geben dem Bild etwas eigentümlich Feierliches; auch das Leben der

Engelchen ist von einer feierlichen Ergriffenheit erfüllt, die nur bei

einem der kleinen Himmelskinder einem Drange nach stärkerer Bewegung

weicht (Abb. 42). In der Reihe von verschiedenen Auffassungen, die

Murillo seinen Darstellungen der Allerreinsten zu geben wußte, steht

dieses Werk an einem Endpunkt, der jenem viel älteren Gemälde aus der

Franziskanerkirche, wo alles von mächtiger Bewegung durchdrungen ist

und Maria als eine reife Gestalt von göttlicher Erhabenheit erscheint,

gerade entgegengesetzt ist. Die kindliche Gestalt Marias in diesem

Bilde hat noch ein persönliches Interesse. Die Überlieferung behauptet,

Murillo habe hier seine Tochter abgemalt, die sich dem Klosterleben

weihte. Wenn das wahr ist, so würde hier auch die Andeutung der in den

Krallen des Bösen liegenden Welt eine besondere Bedeutung haben.

[Illustration: Abb. 42. ~Die unbefleckte Empfängnis.~

Altargemälde aus der Kapuzinerkirche, jetzt im Museum zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Die Flucht des Frommen aus der Welt ist der Gegenstand des Gemäldes,

welches den heiligen Franz von Assisi darstellt. Es ist eine Allegorie.

Das Kreuz Christi steht in einer wilden Landschaft. Dunkle Wolken

verhüllen den Himmel; man fühlt den rauhen Wind, welcher sie jagt.

Franciscus, in geflickter brauner Kutte, stößt eine blaue Kugel, welche

die Welt bedeutet, mit dem Fuße fort und umarmt den Gekreuzigten,

der die rechte Hand vom Kreuze löst, um damit den Heiligen an seine

blutende Seite zu drücken. Es ist unmöglich, den Gedanken mit tieferer

Empfindung auszusprechen. Auf die Anbringung seiner niedlichen

Engelkinder hat Murillo auch hier nicht ganz verzichtet. Neben

dem Kranz schweben zwei der kleinen Wesen, von denen das eine mit

ernsthaftem und ergriffenem, dabei aber doch ganz kindlichem Gesicht

das Evangelienbuch hinhält, in dem die Worte aufgeschlagen sind: „Wer

nicht allem entsagt, was er besitzt, kann nicht mein Jünger sein.“

Das Antoniusbild ist wieder eine neue Abwandlung des schon so

oft behandelten Themas von dem Jesuskind, das die Schar seiner

Engelgespielen verläßt, um dem Mönch seine Liebe zu bezeugen. Es ist

ebenso innig empfunden und noch vollendeter in der malerischen Wirkung

wie jene älteren Darstellungen. In dem wunderbar ausdrucksvollen Kopf

dieses Antonius hat Murillo wieder mit der höchsten Meisterschaft

das lebenswahre Charakterbild eines von der Begeisterung der Jugend

erfüllten Ordensmannes gegeben. Den Kapuzinern zuliebe, die im

Gegensatz zu den übrigen Franziskanern den Bart wachsen lassen, hat er

das Gesicht des Heiligen hier und in dem kleineren Bild des Hauptaltars

mit einem Anflug von Bart versehen.

Auch der heilige Felix ist mit der Erscheinung des Jesuskindes

dargestellt, die ihm zu teil wird, während er, der Arme, Nahrungsmittel

zu noch Ärmeren trägt. Es ist Nacht. Am Horizont zeigt ein kleiner

farbiger Streifen den ersten Beginn der Morgenröte, die im

verschwimmenden Dämmerlicht einen von Bäumen eingefaßten endlos langen

Weg mehr ahnen als sehen läßt. Auf dieser weiten Straße ist der alte

Mann mit seinem Bettelsack dahergekommen, und nun sinkt er in die

Kniee vor dem Wunder, das ihn überrascht. Die Finsternis des Himmels

öffnet sich, Englein schlagen einen Wolkensaum auseinander, und wie

ein farbenprächtiges Traumbild zeigt sich in einer Flut von Helligkeit

die Muttergottes, mit dem Antlitz das Licht überleuchtend, welches

sie goldig umstrahlt. Sie neigt sich freundlich herab und legt das

Jesuskind auf die Arme des Alten, der mit einem Blicke namenloser

Dankbarkeit -- dieser Ausdruck des Greises ist unendlich verschieden

von der Glut des Jünglings in dem Antoniusbild -- zu ihr aufsieht,

und der nicht wagt, seine derben Finger auch nur an das weiße Tuch zu

legen, das dem zarten Kindeskörper untergebreitet ist (Abb. 43).

Alle diese Gemälde, die so überaus mannigfaltig in der Wirkung sind und

von denen jedes einzelne ein Wunder der Malerei genannt werden kann,

übertrifft an Größe und Schönheit der malerischen Wirkung das Bild,

welches dem heiligen Thomas von Villanueva gewidmet ist.

[Illustration: Abb. 43. ~Der heilige Felix von Cantalicio.~

Altargemälde aus der Kapuzinerkirche, jetzt im Museum zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

[Illustration: Abb. 44. ~Der Apostel Jakobus der Ältere.~ Im Museum des

Prado zu Madrid.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Thomas von Villanueva († 1555) gehörte dem Augustinerorden an; auf

den erzbischöflichen Stuhl von Valencia berufen, fuhr er fort wie

ein armer Mönch zu leben und wendete sein ganzes Einkommen den

Armen zu. Als Almosenspender ist er hier dargestellt. Er steht in

einer schwarzen Mönchskutte, aber mit der weißen Bischofsmütze auf

dem feinen, vornehmen Kopf und mit dem Krummstab in der Hand, in

einer Renaissancekirche, deren sonnig beleuchtete Architektur in der

Tiefe des Bildes einen lichtgrauen Hintergrund bildet, während vorn

Teile eines niedrigeren Einbaus mit einer von einem roten Vorhang

umschlungenen Säule in tiefem Schatten liegen. Bettler aller Art

umdrängen den Heiligen, der von einem Tischchen die zu verteilenden

Silberstücke nimmt. Eben reicht er eine Münze einem halbnackten

Lahmen, der auf den Knieen rutschend, dem Beschauer seinen prächtigen

braunen Rücken zeigt. Neben diesem hebt ein kränklicher Junge in

zerlumpten Kleidern sein häßliches Gesicht mit dem stumpfen Ausdruck

des gewohnheitsmäßigen Bettelns zu dem Geber auf. Unter den weiter

zurückstehenden Armen fällt ein Alter mit rotem Kahlkopf auf, der das

empfangene Geldstück dicht vor die blöden Augen hält, um dessen Wert

zu prüfen. Ganz vorn sitzen im Schatten, durch scharfe Randlichter

von hinten beleuchtet, ein paar Kinder am Boden, ein Mädchen und ein

vergnügter kleiner Junge, die mit der Ruhe der Gewißheit die ihnen

zustehenden Gaben erwarten. -- In aufs feinste abgewogenen Massen von

Hell und Dunkel klingen die Töne von Schwarz, Grau, sparsam verteiltem

Weiß, Braun, warmfarbigem Fleisch und verschiedenen Abstufungen von

Rot zu unübertrefflicher Wirkung zusammen. -- Es wird berichtet,

Murillo habe die für die Kapuzinerkirche gemalte Almosenspende „seine

Leinwand“ genannt, um damit auszudrücken, daß er diese Arbeit für

seine bestgelungene halte. Vom malerischen Gesichtspunkt aus kann man

hierin dem Maler nur beipflichten. Im vorigen Jahrhundert freilich

bewunderte Raphael Mengs vor allen Werken Murillos einen Apostel

Jakobus (im Madrider Museum, Abb. 44), vielleicht das einzige seiner

Bilder, welches, trotz des Wertes des Ausdruckes in dem Kopf des nimmer

rastenden und nimmer müden Wanderers, an einer gewissen akademischen

Langweiligkeit leidet. Heute aber dürfte sich wohl kaum ein Maler der

Ansicht verschließen, daß die Almosenspende des heiligen Thomas von

Villanueva auch die berühmtesten Schöpfungen des Meisters in Bezug auf

malerische Vollendung überbietet.

[Illustration: Abb. 45. ~Die Heilung eines Lahmen durch einen Heiligen

des Augustinerordens (Thomas von Villanueva?).~

In der königl. Pinakothek zu München.

(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 46. ~Der heilige Bernhard von Clairvaux.~

Im Museum des Prado zu Madrid.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Die beiden aus der Augustinerkirche geretteten Gemälde des Museums

zu Sevilla sind diesem Bild sehr ähnlich im Ton und wetteifern mit

demselben in der Pracht der Wirkung. Beide stellen den heiligen

Augustinus dar, in Anschauung von Erscheinungen, welche sich auf

Stellen aus den Schriften des großen Kirchenlehrers beziehen.

Hier reicht derselbe sein flammendes Herz dem Jesuskind dar, und

dieses durchbohrt dasselbe mit dem Pfeil der Liebe. Dort offenbart

sich ihm die heiligste Dreifaltigkeit. Augustinus erscheint als

ein schwarzbärtiger und schwarzlockiger Mann in schwarzer Tracht.

Durch die Dunkelheit seiner Gesamterscheinung wird der auch in der

Malweise mit höchster Vollendung durchgeführte Gegensatz verschärft

zwischen dem irdischen Wirklichen und den himmlischen Gesichten. Das

Dreifaltigkeitsbild, wo der Heilige sich von den Büchern und Schriften,

über denen er als grübelnder Forscher saß, plötzlich umwendet, da ein

aus den Himmelschören herabgestiegenes Engelkind seine Schulter berührt

hat, und nun in der fernsten, hellsten Tiefe eines überirdischen

Glanzes die Dreieinigkeit schauend erkennt, das ist vielleicht die

großartigste unter den vielen Farbendichtungen Murillos, welche ein

Hineintreten des Göttlichen in den Gesichtskreis eines Sterblichen

behandeln.

In die Reihe der für die Augustinerkirche gemalten Altarblätter gehört

vermutlich auch das Prachtbild in der Münchener Pinakothek, welches die

Heilung eines Lahmen durch einen mit der schwarzen Kutte bekleideten

Heiligen darstellt (Abb. 45).

[Illustration: Abb. 47. ~Der heilige Ildefons.~

Im Museum des Prado zu Madrid.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

[Illustration: Abb. 48. ~Bildnis des Paters Cavanillas.~

Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Murillo(#58257) · 第 4 / 5 段