Eine Darstellung der unbefleckten Empfängnis bildete auch einen

Bestandteil eines bedeutenden Auftrages, den Murillo von einem ihm

nahe befreundeten Mann, dem Dompräbendaten Don Justino de Neve, bekam.

Die alte Kirche S. Maria de las Nieves (vom Schnee), im Volksmunde la

Blanca (die Weiße) genannt, war neu hergestellt worden, und Don Justino

stiftete zum Schmuck derselben vier Ölgemälde, welche vier Bogenfelder,

zwei langgestreckte und zwei halbkreisförmige, ausfüllen sollten. Den

Stoff der Darstellung gab für die beiden großen Felder die Legende über

die Gründung von S. Maria Maggiore zu Rom, der ersten „Schneekirche,“

nach deren Beispiel später viele andere Marienkirchen den Beinamen „+ad

nives+“ bekamen. Für die kleineren Felder wurde eine Gegenüberstellung

der unbefleckten Jungfrau und der katholischen Kirche -- auch diese

unter dem Bilde einer Jungfrau dargestellt -- gewählt. Das Jahr 1665

wird als dasjenige angegeben, in welchem Murillo diesen Auftrag zu Ende

führte. Die Gemälde schmückten die Kirche bis zur Besetzung Sevillas

durch die Franzosen. Der Marschall Soult ließ sie bei der Plünderung

der Kirchen und Klöster alle vier als seinen eigenen Beuteanteil

einpacken. Doch gelang es wenigstens die beiden größeren für Spanien

zurückzugewinnen; sie befinden sich in der Akademie S. Fernando zu

Madrid. Von den beiden kleineren ist das eine nach England in eine

Privatsammlung gekommen, während die Immaculata in das Louvremuseum

gelangt ist.

[Illustration: Abb. 30. ~Moses schlägt Wasser aus dem Felsen.~ In der

Kirche des Hospitals de la Caridad zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Dieses Gemälde unterscheidet sich von den übrigen Darstellungen des

gleichen Gegenstandes dadurch, daß auf demselben nach mittelalterlicher

Weise Bildnisse verehrender Menschen angebracht sind. Die Erscheinung

der himmlischen Jungfrau ist ganz von einem goldigen Licht umgeben,

in welchem Scharen kleiner Englein schwimmen. Nur links unten wird

ein Stückchen irdischer Finsternis sichtbar, auch diese noch von

einem goldfarbenen Dunst überzogen. An dieser Stelle befindet sich

die Bildnisgruppe. Am weitesten zurück zwei Figuren, welche nebelhaft

verschwimmen; das sind wohl verstorbene Angehörige des Stifters,

deren Gesichtszüge der Maler nur andeutungsweise geben konnte. Weiter

vorn zwei junge Leute und ein Knabe, in lebendigster Porträtmäßigkeit

und in stofflicher Körperhaftigkeit ausgeführt; sie wenden die

Blicke andachts- und vertrauensvoll der Himmlischen zu, von deren

lieblichem Antlitz das Licht auszugehen scheint, das ihre Gesichter

scharf beleuchtet. Sie werden auf Maria hingewiesen durch einen ganz

im Vordergrunde in halber Figur sichtbaren Mann, unter dem wir uns

zweifellos den Stifter vorzustellen haben, von dessen Gesicht man

aber, da er sich vom Beschauer abwendet, nicht viel sieht. Dessen

dunkle Kleidung setzt sich scharf ab von dem lichtüberstrahlten Saum

der Wolke, auf welcher die Jungfrau steht, und scheidet in kräftiger

Wirkung die irdische Gruppe von der himmlischen Erscheinung.

[Illustration: Abb. 31. ~Die Speisung der Fünftausend.~ In der Kirche

des Hospitals de la Caridad zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

[Illustration: Abb. 32. ~Der heilige Johannes von Gott einen Kranken

tragend.~

In der Kirche des Hospitals de la Caridad zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Die beiden großen Gemälde aus S. Maria la Blanca gehören zu Murillos

trefflichsten Schöpfungen in malerischer Hinsicht. Wenn man zum

erstenmal vor sie hintritt, so fällt es einem schwer zu begreifen, daß

diese so ganz malerisch und farbig gedachten, weich und duftig mit

der höchsten Sicherheit und Leichtigkeit der Hand hingemalten Bilder

denselben Urheber haben, wie die Bilder aus dem Franziskanerkloster,

die man unmittelbar vorher in einem anderen Raum der nämlichen Sammlung

gesehen hat. Unwillkürlich wird man durch die Hell- und Dunkelwirkung

dieser Gemälde, durch das Hineinwirken höchster Lichter in Massen

von tiefster Dunkelheit an des Meisters holländischen Zeitgenossen

Rembrandt erinnert; aber der Unterschied ist der, daß die mächtige

Lichtwirkung sich mit der reichsten, blühendsten Farbenpracht

vereinigt, mit einer Farbenpracht, die derjenigen der großen Venezianer

des XVI. Jahrhunderts nicht nachsteht. -- Die in den beiden Gemälden

behandelte römische Legende erzählt folgendes: Einem frommen Patrizier

mit Namen Johannes erschien im Traum die Mutter Gottes und befahl ihm,

an derjenigen Stelle der Stadt eine Kirche zu bauen, wo am nächsten

Morgen Schnee liegen würde. Auf Zureden seiner Gemahlin begab sich

Johannes gleich nach Tagesanbruch zum Papst Liberius, um diesem den

wunderbaren Traum zu berichten. Der aber hatte in der Nacht die

nämliche Erscheinung gehabt. Man fand an diesem Morgen -- es war der 5.

August -- die Höhe des esquilinischen Hügels mit Schnee bedeckt, und

hier wurde sofort der Grundstein zu der neuen Kirche gelegt. -- Das

eine Bild schildert den Traum des Patriziers (Abb. 27). Johannes und

seine Gattin -- selbstverständlich in die Tracht des XVII. Jahrhunderts

gekleidet -- sind in der bedeutungsvollen Nacht vom Schlaf übermannt

worden, ehe sie dazu kamen, das Bett aufzusuchen; er schläft auf einem

Stuhl am Tische, den Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf

in die Hand gelehnt; sie ist am Boden neben ihrem Arbeitskorb sitzend

umgesunken und ruht mit dem Kopf auf einem Schemel. Wie ein aus Licht

und Duft gewobenes Gebilde erscheint über ihnen in einem goldigen,

von Wolken umsäumten Schein, in Weiß und Blau die Jungfrau mit dem

Jesuskind im Arm. Das ist wirklich traumhaft, wie diese körperlose und

doch greifbar deutliche Lichterscheinung als etwas plötzlich sichtbar

Werdendes das nachtschwarze Dunkel des Raums durchbricht und helle

Beleuchtung auf das körperhafte Irdische, auf das farbig gekleidete

Ehepaar, den mit rotem Tuch bedeckten Tisch, den Arbeitskorb der

Frau und ein zu ihren Füßen schlafendes weißes Hündchen entsendet.

Oben ist Licht in der Finsternis; unten wirken entschiedene Farben

gegen den dunklen Hintergrund, bald kräftig abgesetzt, bald weich

verschwimmend in Übergängen vom höchsten malerischen Reiz, indem hier

ein Beschattetes von den letzten verlorenen Lichtstrahlen gestreift

wird, so daß man eben noch seine Formen und Farben erkennt, und dort

ein Beleuchtetes an der Schattengrenze von feinem Halbton überzogen

wird. Außerhalb des Gemaches, dessen Seitenwand sich geöffnet hat,

sieht man, mit den Blicken der Handbewegung der Madonna folgend, den

beschneiten Berg und graue Schneeluft. -- Das Gegenstück stellt die

Audienz des Patriziers und seiner Gattin beim Papst dar (Abb. 28).

Hier wird man auch durch die naive Formlosigkeit, mit welcher ein

seiner Natur nach ceremoniöser Hergang sich abspielt, lebhaft an

Rembrandt erinnert. Der Papst, der da unter einer Säulenhalle auf

seinem Thron sitzt und seiner Verwunderung über dasjenige, was das vor

ihm knieende Ehepaar berichtet, unverhaltenen Ausdruck gibt, scheint

ein sehr gemütlicher Herr zu sein. Ein neben ihm stehender Monsignore,

der die Ankömmlinge durch sein Augenglas betrachtet, bringt geradezu

ein humoristisches Element in die Sache. Das Ehepaar hat sich in den

höchsten Feiertagsstaat geworfen. Johannes hat über den goldbrokatenen

Rock einen schwarzseidenen Mantel angezogen; seine Gattin hat sich ganz

in helle Seide, die aus dem Weißen ins Gelbliche und ins Rosa-Violette

schillert, gekleidet und mit kostbarem Schmuck geputzt. Auf der Gestalt

der Frau sammelt sich die größte Helligkeit des Bildes. Der Papst

sitzt im Schatten der Architektur. Das prächtige Purpurrot seines

Schultermäntelchens und seiner Mütze wiederholt sich in der Polsterung

des Thronsessels und im Fußkissen und klingt in abgeschwächter, mehr

bräunlicher Tönung in dem großen Teppich nach, der den Boden bedeckt.

Außerhalb der Säulenhalle sieht man in der Ferne den auf die Audienz

folgenden Vorgang abgebildet: der Papst begibt sich in feierlicher

Prozession zu dem schneebedeckten Hügel, über dem im Gewölk wiederum

die Madonna erscheint, wie um zu bestätigen, daß ihr Geheiß richtig

verstanden worden sei. Dieser Ausblick ins Freie ist köstlich. Die in

weißliche Wolken sich zerteilende Schneeluft, der ganze winterliche

Duft, der die Prozession einhüllt, sind wunderbar fein gegeben. Murillo

muß wohl einmal in Madrid Gelegenheit gehabt haben, einen solchen

nordisch winterlichen Tag zu erleben, dessen unvergessenen Eindruck er

hier verwertete.

[Illustration: Abb. 33. ~Die Befreiung des heiligen Petrus.~

Gemälde aus der Kirche de la Caridad zu Sevilla, im Ermitagemuseum zu

Petersburg.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 34. ~Der Erzengel Raphael als Schutzengel.~

Vom Hauptaltar der Kapuzinerkirche, jetzt in einer Sakristei der

Kathedrale zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Die Sammlung der Madrider Akademie enthält noch zwei andere Gemälde

von Murillo. Das eine stellt die Auferstehung des Heilandes dar.

Vor dem dunkelgrauen Steinsarg schlafen die bewaffneten Wächter, in

Stellungen, die der Maler bis ins kleinste dem Leben abgelauscht

hat. Christus schwebt mit einer roten Siegesfahne in der Hand über

dem Grabe. Von seiner schön gebildeten Gestalt, die nur wenig von

einem wehenden weißen Gewandstück verdeckt wird, geht ein goldiger

Lichtschein aus, der seinen Helligkeitsmittelpunkt in einem die

dunkelbraunen Locken des Hauptes umgebenden Strahlenkranz hat, und

der in bräunlicher Abtönung gegen die ringsum lagernde Finsternis

eindringend, diese von der Gestalt des Auferstandenen fern hält.

Die Gruppe der Wächter wird durch die von oben auf ihre braunen

Gesichter, die eisernen Waffenstücke und die bunte Kleidung fallende

Beleuchtung farbig belebt. -- Dieses Bild stellt sich hier in der

kleinen Sammlung, wo die wenigen, aber der Entstehungszeit nach weit

auseinander liegenden Werke Murillos zu interessanten Vergleichen

anregen, in überzeugender Weise als ein Mittelglied zwischen den

Franziskanerbildern und den Gemälden aus S. Maria la Blanca dar. Jenen

an Reiz des Lichtes und der Farbe weit überlegen, ist es diesen doch

noch unähnlicher, weil dem Licht der weiche, duftige Zauber fehlt,

der doch gerade bei der Gestalt eines Verklärten am rechten Platze

wäre; auch fällt an dieser Gestalt selbst eine gewisse Befangenheit

in der Wiedergabe der Bewegung des Emporschwebens auf, worin man wohl

ebenfalls ein Zeichen von ziemlich weit zurückliegender Entstehung

erkennen darf. Aber auch das andere, umfangreichere Gemälde, welches

die heilige Elisabeth von Thüringen als Krankenpflegerin zeigt, würde

man, oberflächlich nach der Malweise urteilend, für älter halten als

die Bilder aus der Schneekirche. Hier ist nichts von jener wunderbaren

Duftigkeit der Malerei; alles ist in feste und bestimmte Formen

gebracht, die malerische Behandlung gibt allen Dingen ihre volle,

deutliche Körperhaftigkeit; bei ruhiger Alltagsbeleuchtung ist auf jede

Zauberwirkung des Lichtes verzichtet, und selbst die Farbenwirkung ist

schlicht und anspruchslos. Und doch gehört das Bild einer späteren

Zeit an; es ist gemalt worden als Bestandteil des Wandschmuckes

einer Kirche, welche erst im Jahre 1664 im Bau fertig wurde, deren

Ausschmückung Murillo also sicher erst nach Vollendung seiner Arbeit

für die Schneekirche in Angriff nehmen konnte. Man erkennt hier

deutlich, wie weit Murillo davon entfernt war, sich eine bestimmte

Art und Weise auszubilden, die für alle Fälle passen mußte. Er hatte

alle Mittel in der Hand und richtete seinen „Stil“ nach dem gegebenen

Gegenstande. Das hat er vielleicht mehr als irgendwo anders in eben

dieser, für die Kirche des Hospitals de la Caridad (der christlichen

Nächstenliebe) zu Sevilla geschaffenen Bilderreihe bewiesen, an der er

etwa bis zum Jahre 1670 arbeitete.

[Illustration: Abb. 35. ~Die heilige Justa und die heilige Rufina,

Schutzpatroninnen von Sevilla.~

Vom Hauptaltar der Kapuzinerkirche, jetzt im Museum zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Dem Meister war hier von dem ihm befreundeten Stifter des Hospitals

eine sehr dankbare Aufgabe gestellt worden. Die Oberwände des

Kirchenschiffs waren mit Gemälden zu schmücken, welche die leiblichen

Werke der Barmherzigkeit in biblischen Vorbildern zur Anschauung

brachten. Außerdem waren an zwei Seitenaltären Bilder anzubringen,

welche Heilige der Nächstenliebe in der Ausübung von Liebeswerken

zeigten. Dazu kamen noch ein paar kleinere Bilder. Das in Rede stehende

Bild der Landgräfin Elisabeth ist eines jener beiden Altargemälde (Abb.

29). Die Darstellung bewegt sich ganz in der Welt der irdischen Dinge.

Sein geliebtes Bettelvolk hat Murillo mit der nämlichen Treue aus der

Wirklichkeit heraus auf die Leinwand gebracht, wie er es vor zwanzig

Jahren gethan. Er hat nichts gespart, um durch die Widerlichkeit der

Gebrechen, die da zu sehen sind, die Selbstverleugnung der fürstlichen

Krankenpflegerin in das hellste Licht zu setzen. Das Auge des

Beschauers verweilt wider Willen auf dem Gesicht eines Jungen, der,

mit einer ekelhaften Hautkrankheit behaftet, sich den Kopf kratzt und

dabei eine aus Lust- und Schmerzgefühl gemischte Grimasse schneidet,

wie sie der beste niederländische Genremaler nicht naturwahrer hätte

wiedergeben können. Wenn das große Publikum, dem zu allen Zeiten an

einem Kunstwerk dasjenige am meisten zusagt, was ohne ein Aufgebot

von Sammlung und Vertiefung gewürdigt werden kann, in dem ganzen Bild

nichts so sehr bewundert, wie diesen Jungen, so ist das freilich nicht

Murillos Schuld. Der Maler hat das Seinige gethan, um die heilige

Krankenpflegerin zum bewunderungswürdigsten Mittelpunkt des Bildes zu

machen. Kann man sich etwas Vornehmeres denken, als die Art, wie die

Fürstin mit ihren feinen Händen den Kopf des wahrscheinlich an jenem

nämlichen Übel leidenden Burschen behandelt, ohne an etwas anderes

zu denken, als an die Erfüllung dessen, was ihr die Nächstenliebe

gebietet, mit dem ruhigen Ausdruck einer barmherzigen Schwester in den

Zügen? Sie verrichtet das Liebeswerk, das sie sich zur Aufgabe gemacht

hat. Das sagt uns der Künstler ohne jede Phrase. Da ist ebensowenig von

der Übertriebenheit des Ausdrucks vorhanden, durch welche andere Maler

des XVII. Jahrhunderts zu wirken suchten, wie von der Heiligthuerei,

die den Kirchenbildern unserer Zeit eigen zu sein pflegt. Die Ruhe der

Heiligen wirkt auch auf die sie bedienenden Hofdamen hinüber, obgleich

die eine derselben es doch nicht vermeiden kann, den Kopf ein wenig zur

Seite zu wenden. Eine alte Hofmeisterin, die weiter zurück im Schatten

steht, scheint das Thun ihrer jungen Herrin zwar sehr entschieden

zu mißbilligen, aber sie wagt doch nichts zu sagen. Das ist alles

ganz einfach, ganz natürlich. Wie in der Auffassung, so ist auch in

der malerischen Erscheinung das vollständig gelungene Vermeiden von

allem, was wie Absichtlichkeit aussehen könnte, die hervorstechendste

Eigenschaft dieses Bildes. Was vom malerischen Gesichtspunkte aus

zuerst und am meisten an demselben überrascht, ist die so hoch

künstlerische scheinbare Kunstlosigkeit der Anordnung. Die Helligkeiten

und Dunkelheiten sind scheinbar auch nur so verteilt, wie es eben der

Zufall mit sich brachte. In der Farbe herrschen Schwarz und Grau

vor; die einzigen sehr lebhaften Töne sind in dem blauen Rock und dem

roten Unterrock der Bettelfrau und in der roten Schärpe der im Profil

stehenden Hofdame enthalten. Ein feiner Luftton überzieht die in der

Ferne als Nebenbild sichtbare Darstellung, wie die genesenen Kranken

unter einer hohen Bogenhalle des Schlosses bewirtet werden.

[Illustration: Abb. 36. ~Madonna.~ In der Gemäldesammlung des Palastes

Corsini zu Rom.]

Das Hospital de la Caridad zu Sevilla besteht heute noch. Aber es

besitzt nur mehr einen Bruchteil des einstigen reichen Gemäldeschmucks

seiner Kirche: zwei von den Verbildlichungen der Barmherzigkeitswerke,

das Altarbild, dessen Gegenstück das Elisabethbild war, und drei

kleine, außerhalb des leitenden Gedankens von der Nächstenliebe

stehende Bilder. Das übrige wurde bei der Ausraubung der Klöster im

Jahre 1810 weggenommen.

Die ursprüngliche Anordnung der Barmherzigkeitsbilder war folgende.

An der südlichen Langwand reihten sich drei Gemälde aneinander,

welche in Darstellungen aus dem Alten Testament und der Parabel das

Tränken der Durstigen, das Beherbergen der Fremden, das Bekleiden der

Nackten schilderten: Moses schlägt das Wasser aus dem Felsen, Abraham

bewirtet die Engel, der Vater des verlorenen Sohns gibt diesem das

beste Kleid. An der nördlichen Wand die aus den Evangelien und der

Apostelgeschichte entnommenen Darstellungen des Speisens der Hungrigen,

des Pflegens der Kranken, des Befreiens der Gefangenen: Christus speist

die Fünftausend, er heilt den Lahmen am Teich Bethesda, der Engel des

Herrn führt den Apostel Petrus aus dem Kerker. Die Verbildlichung des

siebenten Barmherzigkeitswerkes, des Begrabens der Toten, kam nicht zur

Ausführung, wohl nur aus Rücksichten auf die Symmetrie der Anordnung;

ein gezeichneter Entwurf Murillos zu der Darstellung, wie Tobias die

Leichen der Hingerichteten bestattet, soll sich noch im Besitz des

Hospitals befinden.

Die an ihren Plätzen verbliebenen sind die figurenreichen, durch

bedeutend größere Breitenausdehnung vor den übrigen ausgezeichneten

Hauptbilder einer jeden Wand: die Speisung der Fünftausend und das

Wasser aus dem Felsen. Beide sind großartige Meisterwerke (Abb. 30

und 31). Das alttestamentliche Bild trägt die Stimmung eines schwülen

Sommertags. Silberhell springt die Quelle aus der dunklen Schattenseite

des Felsens. Man fühlt die Erfrischung, welche die Trinkenden genießen.

Moses spricht das Dankgebet, und alles freut sich über die Befreiung

von der Qual des Durstes. Das Wasser ist in Überfluß vorhanden, und

auch den Tieren wird uneingeschränkte Labung vergönnt. Einzelne

Gruppen heben sich aus dem Menschengewoge sprechend hervor. So eine

junge Frau, die ihre Kinder trinken läßt; wie durstig ist das wartende

kleine Mädchen, und wie schmeckt es dem Jungen, der den Napf am Munde

hat! Auf dem Rücken eines gierig saufenden Schimmels wendet sich ein

prächtiger Knabe, dessen Durst gelöscht ist, nach dem Beschauer um und

weist freudig auf das Wunder hin. Die reiche malerische Wirkung des

von zahllosen Figuren angefüllten Bildes wird zusammengehalten durch

einen feinen goldigen Ton, dem die einzelnen Farben sich unterordnen.

-- Das Gegenstück ist vielleicht noch wirkungsvoller. Auf einer von

Felsen überragten Anhöhe sitzt der Heiland -- wohl das schönste

Christusbild, welches Murillo geschaffen hat, -- und segnet aufwärts

blickend die fünf Brote, die einer der ihn umgebenden Jünger ihm in

den Schoß legt. Am Boden sieht man den geleerten Brotkorb. Ein Junge

aus dem Volk bringt zwei Fische herbei, die Petrus ihm abnimmt. Zwei

der Jünger haben sich umgewendet und blicken in die weite lichte

Landschaft hinaus, wo die fünftausend Zuhörer sich scharen, von der

Ebene aus den Abhang des Hügels hinan, bis in die Nähe des Heilands,

wo sich im Vordergrund, wenige Schritte von seinen Füßen entfernt,

eine Frauengruppe niedergelassen hat. Auf diese Gruppe fällt ein

helles Licht, hinter ihnen legt sich ein Wolkenschatten über Volk und

Landschaft, die Ferne ist wieder beleuchtet. Über dem Horizont liegt

graues Gewölk, das nach links, wo die Linie des ansteigenden Hügels

sich in seinen Tönen abhebt, in geballte weiße Massen übergeht. Der

nach vorn sich hinausziehende Gipfel des Hügels und ein Teil der

Apostel sind wieder in Schatten gehüllt, so daß hier gerade unter

der weißen Wolke eine große Dunkelheitsmasse entsteht, welche den

Hintergrund für die farbigen, kräftig beleuchteten Hauptfiguren gibt.

[Illustration: Abb. 37. ~Der heilige Joseph mit dem Jesuskind.~

Im Ermitagemuseum zu Petersburg.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 38. ~Der heilige Antonius von Padua mit dem

Jesuskind.~

Vom Hauptaltar der Kapuzinerkirche, jetzt im Museum zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Das der Hospitalkirche erhalten gebliebene Gegenstück zu dem Altarbild

der heiligen Elisabeth ist einem Helden der Nächstenliebe gewidmet,

der in Spanien thätig war und der so viel Gutes wirkte, daß schon die

Mitwelt zu seinem Namen Johannes den Beisatz „von Gott“ hinzufügte. Der

heilige Johannes von Gott -- mit diesem Namen war er kurze Zeit vor

der Errichtung des Hospitals de la Caridad unter die Kirchenheiligen

aufgenommen worden -- war wohl das besondere Vorbild des Stifters

dieser großen Wohlthätigkeitsanstalt. Wie dieser hatte er in seiner

Jugend wild gelebt, dann aber seine Habe und sein ganzes Leben den

Werten der Barmherzigkeit geopfert. Granada verdankte ihm zwei große

Krankenhäuser, und der Orden der Krankenpfleger, welche sich den

barmherzigen Schwestern in gleicher Thätigkeit zur Seite stellten, ging

aus seiner Anregung hervor. Er fand seinen Tod in einem Liebeswerke.

Bei der Rettung eines Ertrinkenden aus dem angeschwollenen Jenil zog

der 55jährige Mann sich eine Krankheit zu, der er nach wenigen Tagen

erlag (im Jahre 1550). Murillo hat diesem Menschenfreund ein Gemälde

von eigentümlicher, packender Großartigkeit gewidmet (Abb. 32). Einst

war derselbe, als er bei der Ausübung eines Liebeswerkes sich verspätet

und den Weg verfehlt hatte, wie durch ein Wunder der Gefahr eines

Sturzes in den Jenil entgangen; das ist hier als ein sichtbares Wunder

verbildlicht. Dicht am Rande des Stroms ist der Heilige unter der Last

eines halbentseelten Mannes, der als eine unbehilfliche Bürde auf

seinen Schultern liegt, erschöpft zusammengesunken; ein Schritt des

Aufrichtens würde ihn ins Wasser führen. Da tritt ein Engel ihm zur

Seite, um ihn zu halten. Der Retter ist im Augenblick der äußersten

Gefahr gekommen wie der Blitz; und wie von einem Blitzstrahl sind

die drei Figuren beleuchtet. Die Vorstellung von einer plötzlichen,

blendenden Lichterscheinung wird auf das lebhafteste hervorgerufen

durch das Verschwinden der ganzen Umgebung in völliger Lichtlosigkeit;

die schwache Mondsichel am Himmel, ein erleuchtetes Fenster in

der Nähe, vor dem zwei Kinderköpfchen -- zuschauende Englein --

erscheinen, die Laterne in einem fernen Thorweg ist dem übernatürlichen

Lichtblitz gegenüber wie von Schwärze überzogen. Die hellgelbe Farbe

des Engelgewandes erhöht den Eindruck des grellen Aufleuchtens im

Finsteren. Der Heilige, der den Himmelsboten in höchster Ergriffenheit

anstarrt, fesselt den Beschauer durch die sprechende Lebenswahrheit und

Eigenart seines prächtigen Kopfs aus dem spanischen Volke.

[Illustration: Abb. 39. ~Der heilige Felix von Cantalicio mit dem

Jesuskind.~

Vom Hauptaltar der Kapuzinerkirche, jetzt im Museum zu Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie in Madrid.)]

In ähnlicher Wirkung als ein plötzlich im Dunkel aufflammendes Licht

erscheint der Engel, welcher die Kerkerbande des heiligen Petrus löst

und den Apostel von der Seite des schlafenden Wächters hinweg ins

Freie führt, in dem jetzt in der Sammlung der Ermitage zu Petersburg

befindlichen Gemälde (Abb. 33).

Die drei übrigen Bilder aus der Folge der Barmherzigkeitswerke sind in

englische Privatsammlungen gelangt.

Murillo(#58257) · 第 3 / 5 段