Auch das Pradomuseum zu Madrid besitzt ein prächtiges Augustinusbild,

das sich jenen Verbildlichungen von Aussprüchen des Heiligen

anschließt. Augustinus, hier mit einem goldgestickten bischöflichen

Chormantel über der schwarzen Kutte bekleidet, sieht zu gleicher Zeit

die Erscheinung des gekreuzigten Heilandes und der Mutter Maria,

welche von beiden Seiten Gnadenstrahlen nach seinem Haupt hinströmen

lassen, so daß er „in die Mitte gestellt, nicht weiß, wohin sich

wenden.“ Tiefes Schwarz und Goldtöne, dunkles und lichtes Grau und die

duftig zarten Fleischtöne der Engel, dazu ein paar lebhafte Farben

in der Gewandung Marias und im Futter des Chormantels -- bilden auch

hier einen wunderbaren Farbenklang, wenn auch die Wirkung nicht bis

zu dem Maße von Vollkommenheit abgerundet erscheint, wie in den

Augustinusbildern des Museums zu Sevilla.

Eine im Pradomuseum befindliche Vision des heiligen Franz von Assisi

kann vielleicht einigermaßen eine Vorstellung davon gewähren, wie

Murillo diesen Gegenstand in dem abhanden gekommenen großen Hauptbild

der Kapuzinerkirche behandelt hat. Franciscus kniet vor dem Altar

seiner Kapelle „Portiuncula“ und sieht mit begeisterter Andacht und

staunendem Entzücken auf die Erscheinung von Christus und Maria, die

nebeneinander auf einer Wolke thronen. Zum Zeichen der ihm verliehenen

besonderen Gnade werfen die Englein, welche die Erscheinung begleiten,

Rosen auf ihn herab, was den kleinen munteren Wesen augenscheinlich

großes Vergnügen bereitet. Wenn in diesem Gemälde so starke Mittel

aufgeboten sind, um die Figuren herauszuheben, daß die Haltung der

malerischen Gesamtwirkung darunter leidet, so muß man sich dieses

daraus erklären, daß das Bild für eine schlecht beleuchtete Kirche

bestimmt gewesen sein wird.

[Illustration: Abb. 49. ~Die büßende Magdalena.~ Im Pradomuseum zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Diesen Schilderungen himmlischer Erscheinungen, in denen Murillo einzig

war, schließen sich im Madrider Museum noch zwei sehr große an. Dem

heiligen Bernhard, dessen weiße Cisterzienserkleidung eine wieder

ganz andersartige Wirkung in das Bild bringt, erscheint Maria mit

dem Jesuskind in seiner Studierstube; der Kopf des Kreuzzugpredigers

-- eines Eiferers -- gehört in die Reihe der meisterhaftesten

Charakterköpfe Murillos (Abb. 46). Dem heiligen Ildefons (Erzbischof

von Toledo) erscheint die Muttergottes in der Kathedrale und überreicht

ihm ein himmlisches Meßgewand (Abb. 47).

Unter den kleineren Gemälden der Pradosammlung aus der Zeit von

Murillos größter Meisterschaft mögen nur einige hervorgehoben

sein, die zugleich geeignet sind, von der Mannigfaltigkeit seiner

Darstellungsweise eine Anschauung zu gewähren.

Bildnisse hat Murillo nur sehr selten gemalt. Hier ist dasjenige

des Barfüßerpaters Cavanillas (Abb. 48), das uns einen der

charaktervollen spanischen Mönchsköpfe zeigt, unter denen Murillo,

mit allen befreundet, seine Modelle auswählen durfte. Eine gesunde

Gesichtsfarbe, braunes Haar, graubraune Kutte, eine graublaue Luft,

deren Ausdehnung eingeschränkt wird durch ein Stückchen graugrünes

Hochland und das saftige Grün einer kletternden Rebe am Bildrand: das

sind die Bestandteile, aus denen sich eine feine und zugleich kräftige

Farbenharmonie zusammensetzt.

Diese im wesentlichen auf dem Gegensatz von Braun und Blau beruhende

Farbenstimmung erscheint in der denkbar höchsten Schönheit in einem

unter Lebensgröße ausgeführten Bild des heiligen Franz von Paula. Der

alte Einsiedler, ein schlichter Mann mit treuherzigem Greisenkopf, in

eine dunkelbraune Kutte gekleidet, kniet betend im freien Feld, den

Kopf mit einer für alte Leute bezeichnenden Seitenbewegung nach oben

gewendet, die Hände auf die Krücke des Wanderstabs gelegt. Er ist wohl

auf der weiten Reise zu dem französischen König Ludwig XI begriffen,

der ihn zu sich berief. Weithin dehnt sich die bergige Landschaft aus,

in der Ferne duftig verschwimmend. Darüber spannt sich ein dunkelblauer

südlicher Himmel aus, den weiße Sommerwolken durchziehen. Dieses mit

der größten Leichtigkeit und Schnelligkeit gemalte Bild entfaltet in

seiner außerordentlichen Einfachheit einen Farbenreiz, der es neben die

besten Schöpfungen des Meisters stellt.

Ganz anders gestimmte, weichere Farbentöne im Verein mit einer

sehr kräftigen, Licht und Schatten scharf voneinander scheidenden

Beleuchtung verleihen dem Bild der Büßerin Magdalena (Abb. 49)

einen eigentümlich fesselnden Reiz. Die Gestalt hebt sich von einem

lichtlosen grauen Felsen ab. Das Fleisch leuchtet in einem feinen

Silberton so hell, daß die weißen Blätter des aufgeschlagenen Buches

kaum mehr Licht haben, in den Schatten spielen warmgoldige Reflexe; das

über Schultern und Brust herabwallende Haar ist dunkelblond; an den

Knieen wird ein Stück von der grauen Fellbekleidung sichtbar; darüber

ist ein Gewand von rötlich-violetter Farbe geschlagen, einer Farbe,

welche den gelben Totenschädel durch die Kraft des geraden Gegensatzes

hervorhebt.

Eine ergreifende Stimmung liegt in dem Bild des Gekreuzigten (Abb.

50). Der Gedanke -- den Dürer vielleicht als einer der ersten hatte

--, die Gestalt des Heilands am Kreuz ganz allein, ohne Bezugnahme auf

den geschichtlichen Hergang, ganz hell auf ganz dunklem Grunde, als

das Licht in der Finsternis zu malen, wurde im XVII. Jahrhundert sehr

häufig verwertet. Aus dem Bilde Murillos spricht ein viel tieferes,

aufrichtigeres Gefühl, als aus den berühmten Gemälden von Rubens und

van Dyck. Das malerisch Eigenartige liegt darin, daß innerhalb des

starken Gegensatzes von Hell und Dunkel die Farbentöne in einer weichen

Stimmung gehalten sind. Auch die malerische Behandlung ist, unbeschadet

der Bestimmtheit der Formen, ganz weich. Das Dunkel des schwarzgrauen

Himmels ist an zwei Stellen farbig belebt: unten lagert ein fahler,

gelblicher Schein über dem Horizont, und oben flimmert eine unbestimmte

bläuliche Helligkeit um den rechten Arm und die Schulter des Erlösers.

[Illustration: Abb. 50. ~Christus am Kreuz.~ Im Museum des Prado zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Ein großer Farbenreichtum, in ganz heller, freundlicher Stimmung

zusammengehalten, zeichnet das Bild aus, welches den beliebten

Gegenstand der Unterweisung der heranwachsenden Jungfrau Maria durch

ihre Mutter behandelt (Abb. 51). Die heilige Mutter Anna trägt ein

bräunliches Kleid, das, unten und an den Ärmeln aufgeschlagen, sein

grünes Futter und ein graues Unterkleid sehen läßt; über ihrem Schoß

liegt ein dunkelgelber Überwurf, und ein dünnes Schleiertuch von

heller, gelblich-grauer Farbe umrahmt das wohlwollende ältliche

Gesicht. Der Schemel, auf dem sie sitzt, ist mit einem roten,

goldverzierten Kissen belegt. Ein neben ihr stehender großer

Arbeitskorb, aus dem zwischen weißem Leinen ein gelblich-rotes

Nähkissen hervorsieht, bekundet, daß über dem Religionsunterricht die

häusliche Arbeit nicht vernachlässigt wird. Die kleine Maria, die

mit so klugen Kinderaugen fragt und so verständig und aufmerksam auf

die freundlich gegebene Belehrung horcht, trägt ein helles Kleid von

jener rötlich-violetten, ins Gelblichweiße schillernden Farbe, die

Murillo schon in früheren Bildern gern anwendete; das über ihren Arm

geschlagene und auf den Boden herabhängende Tuch ist kräftig blau;

das Kleid und das lichtbraune Haar ist nach der Sitte von Murillos

Zeit mit roten Schleifchen geschmückt. Die Englein, welche in einem

goldumsäumten Nebel über das Geländer der Hausterrasse hereinflattern,

sind rosig-goldige Duftgebilde; in dem Gewandstreifchen und den Flügeln

kehren auch hier ein paar kleine lebhafte Farben wieder, rosa und

blau. Der Kranz aus weißen und roten Rosen, den die Englein dem Kind

aufsetzen, bedeutet die Freuden und Schmerzen, welche der zukünftigen

Mutter des Erlösers bevorstehen.

[Illustration: Abb. 51. ~Die heilige Anna mit der Jungfrau Maria.~ Im

Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 52. ~Die Kinder Jesus und Johannes.~ Im Pradomuseum

zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Die Krone von allen Gemälden Murillos im Pradomuseum ist das

entzückende Kinderbild, welches unter dem Namen: „Die Kinder mit der

Muschel“ bekannt ist (Abb. 52). Der kleine Johannes kniet am Ufer

eines Baches vor dem kleinen Jesus, der ihm aus einer Muschelschale

Wasser zu trinken gibt -- eine sinnbildliche Darstellung in dem

Gewande kindlichen Spiels. Das ganze Bild ist Licht und Duft. Alles

schimmert in einem leuchtenden Goldton, der auch die ihm scheinbar

widerstreitenden Töne -- das rötliche Violett des Mäntelchens, das

um die Hüften des Christuskindes geschlungen ist, und das unter der

Engelwolke sichtbar werdende Lichtblau der Luft -- zart überhaucht

und wie ein durchsichtiges Geflimmer vor den Dunkelheiten liegt. Es

ist ein malerischer Reiz von unendlicher Feinheit, der die liebliche

Darstellung verklärt.

[Illustration: Abb. 53. ~Die unbefleckte Empfängnis.~ Im Pradomuseum zu

Madrid.]

[Illustration: Abb. 54. ~Die unbefleckte Empfängnis.~ Im Pradomuseum zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 55. ~Die unbefleckte Empfängnis.~ Im Museum des

Louvre zu Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Am weitesten berühmt ist ein Bild der unbefleckten Empfängnis, das

am spätesten entstandene unter vier an Reizen sich gegenseitig

überbietenden Gemälden des gleichen Inhalts, die im Pradomuseum

vereinigt sind. Von diesen vier Bildern weicht eines (Abb. 53)

durch die ungewöhnliche Fassung in eine Halbfigur von den sonstigen

Darstellungen ab; der Kopf, mit sehr heller, rosiger Haut und

dunkelbraunem Haar, gleicht hier demjenigen in Sevilla, das als

Bildnis der Tochter des Meisters bezeichnet wird. Ein anderes, das in

verhältnismäßig kräftigen Farben gehalten ist, zeigt die Jungfrau in

noch kindlicherer Bildung als ein etwa zwölfjähriges, blondhaariges

und braunäugiges Mädchen, das mit gefaltet vorgestreckten Händen

in einem Kranz von entzückenden Englein schwebt. Das dritte, in

kleinerem Maßstab ausgeführt, ist diesem in der ganzen Anordnung und

in der Hauptfigur ähnlich, besitzt aber in seiner weicheren Stimmung

mit den in den goldigen Schein nur hingehauchten Lichtgebilden der

Cherubimköpfchen und den wie hingestreute Rosen wirkenden Engelkindern

auf der von Goldlicht durchschimmerten Wolke einen noch feineren

Farbenreiz. Jenes am meisten gefeierte (Abb. 54) ist das duftigste

von allen. Das sonnig lichte Gewölk ist mehr bläulich als grau, nur

im Schatten der Untersicht wird es dunkelgrau. Der die Gestalt der

Jungfrau umgebende Goldton reicht nicht weiter hinauf, als das Blau des

Mantels, zu dem er in einer ebenso feinen Gegensatzwirkung steht, wie

unten das warme Fleisch der Engel zu dem kühlen Ton der Wolke; der Kopf

Marias hebt sich mit seinem blonden Haar gegen einen bläulich-weißen

leuchtenden Strahlenschein ab. Ähnlich wie in jenem Bild aus der

Franziskanerkirche zu Sevilla geht ein Zug der Aufwärtsbewegung

durch das Bild. Aber nicht auf göttliche Hoheit, sondern auf die

Entfaltung der höchsten Anmut und Holdseligkeit hat der Künstler hier

den Hauptwert gelegt. Dieser Kopf ist das Vollkommenste, was Murillo

sich von jungfräulicher Frauenschönheit denken konnte. Marias Blicke

sind nach der Höhe der Unendlichkeit gerichtet, sie schaut das Ewige,

Unbegreifliche. Ein geheimnisvoller Schauer durchbebt ihre Gestalt,

ihre Hände pressen sich auf der Brust übereinander. Dieses Kreuzen

der Hände über der Brust paßt zu dem Aufwärtsschauen, wie zu dem

demütigen Senken der Augen die gefalteten Hände.

[Illustration: Abb. 56. ~Jesus und Maria mit Elisabeth und Johannes.~

Im Museum des Louvre zu Paris.]

[Illustration: Abb. 57. ~Madonna.~ In der Sammlung des Palastes Pitti

zu Florenz.

(Nach einer Photographie von G. Brogi in Florenz.)]

[Illustration: Abb. 58. ~Die Jungfrau mit dem Rosenkranz.~ In der

Dulwichgalerie in London.

(Nach einer Photographie von Gray & Davies in Bayswater.)]

Die Entstehungszeit dieses Gemäldes läßt sich mit ziemlicher Sicherheit

danach bestimmen, daß der Kopf Marias eine große Ähnlichkeit

besitzt mit dem ebenso berühmten Bild im Louvre, welches Murillo

im Jahre 1687 malte (Abb. 55). Nur ist das Blond des Haares hier

dunkler, entsprechend der kräftigeren Stimmung des ganzen, bedeutend

umfangreicheren Gemäldes. Der Goldschein ist hier weit ausgedehnt,

er tritt wolkig aus dem umgebenden Himmelsblau hervor, verdichtet

sich unter den Füßen Marias zu einer körperhaften Wolke, die rechts

ihren tiefen Schatten hat, und verflüchtet sich nach unten links

zu einem blau-silberigen Dunstschleier. In der Gestalt Marias ist

hier weniger Bewegung. Die Jungfrau ist in feierlicher Ergriffenheit

in die Anschauung der Gottheit verloren. Um so lebendiger ist die

Bewegung in der endlosen Schar der Engelchen, die sie mit festlichem

Jubel umschwärmen. -- Murillo malte dieses Bild, eines seiner letzten

Werke, für ein Hospital zu Sevilla. Bei der Ausraubung der Klöster

im Jahre 1810 nahm Marschall Soult, der ein gutes Kunstverständnis

gehabt haben muß, dasselbe für sich in Beschlag. Bei der Versteigerung

von dessen Nachlaß im Jahre 1852 erwarb Napoleon das Bild um den

Preis von 615300 Francs für die Louvresammlung. Seit den Zeiten, wo

römische Cäsaren abenteuerliche Summen aufwendeten, um die alten

Meisterwerke hellenischer Kunst aus dem Besitz griechischer Städte

und Tempelgemeinden in die kaiserlichen Sammlungen der Welthauptstadt

zu bringen, war es nicht mehr vorgekommen, daß für ein Gemälde eine

so hohe Summe verausgabt wurde. In unseren Tagen sind freilich schon

zweimal noch höhere Preise bezahlt worden (für Meissoniers Kürassiere

und Millets Abendläuten).

[Illustration: Abb. 59. ~Madonna, zubenannt mit dem Wickelband (+de la

faja+).~

Im Besitz des Prinzen Don Antonio zu Madrid.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Das Louvremuseum besitzt noch ein anderes großes Meisterwerk Murillos,

welches der Immaculata mindestens ebenbürtig ist. Dasselbe führt in

sehr unzutreffender Weise die Bezeichnung einer heiligen Familie; es

ist vielmehr eine Verbildlichung der heiligen Dreifaltigkeit (Abb.

56). Jesus Christus steht als Kind auf dem Schoße Marias und nimmt das

Zeichen seines Opfertodes aus der Hand des kleinen Vorläufers, den

seine Mutter Elisabeth begleitet, entgegen. Über dem Jesuskind schwebt

der heilige Geist in Gestalt einer Taube, und ganz oben breitet Gott

Vater segnend die Arme aus. Durch die Schönheit des kühlen, leuchtenden

Gesamttons, innerhalb dessen sich die reichste Farbenwirkung entfaltet,

gehört dieses Bild zu den malerisch vollkommensten Schöpfungen Murillos.

In der Reihe der vorzüglichsten Werke des Meisters steht noch eine

Anzahl von Madonnenbildern, die nach verschiedenen Orten zerstreut

worden sind. Italien besitzt neben der bereits erwähnten Corsinimadonna

in Rom (Abb. 36) das schöne, schwermütige, mit kräftigen Farben

aus tiefdunklem Grunde hervortretende Marienbild des Pittipalastes

zu Florenz (Abb. 57); England das herrliche Rosenkranzbild der

Dulwichgalerie, das die Jungfrau mit dem Kinde, erhaben und holdselig

zugleich, in lichter Wolkenhöhe thronend zeigt (Abb. 58); Holland eine

nicht minder liebenswürdige Madonna in der königlichen Gemäldesammlung

im Haag. Vielleicht das allerschönste aber von Murillos Madonnenbildern

ist das früher im Palast San Telmo (Montpensier) zu Sevilla, jetzt

im Besitz des Prinzen Anton von Orléans-Bourbon befindliche Gemälde,

welches unter dem Namen „Die Jungfrau mit dem Wickelband (+de la

faja+)“ bekannt ist (Abb. 59). Maria ist hier als die irdische

Mutter aufgefaßt. Sie ist damit beschäftigt, das auf ihrem Schoße

liegende Kind mit Windeln zu umhüllen; neben ihr liegt das Wickelband.

Aber zu den Seiten der so anmutig menschlichen Mutter spielen

himmlische Engel dem Kind auf Laute und Geige das Schlummerlied, und

kleine Cherubim schauen vergnügt aus den Wolken herab.

Murillo hatte das sechzigste Lebensjahr überschritten, als er

sich entschloß, einem von auswärts an ihn gerichteten Ersuchen

zu entsprechen und die Ausführung der Hochaltargemälde in der

Kapuzinerkirche zu Cadiz zu übernehmen. Es war, soviel man weiß, das

erste und einzige Mal seit der Jugendreise nach Madrid, daß er seine

Heimat verließ. Dieses Altarwerk ist unzerstört geblieben; es befindet

sich in der an einem Platz an der See gelegenen Kirche des jetzt in ein

Irrenhaus umgewandelten Klosters an seiner ursprünglichen Stelle. Man

kann sich nach ihm eine Vorstellung davon machen, wie das allerdings

aus einer größeren Anzahl von Gemälden zusammengesetzte Altarwerk

zu Sevilla sich aufgebaut hat. Es sind sechs Bilder, welche, durch

Rahmen voneinander getrennt, die ganze Wand oberhalb des Altartisches

ausfüllen. Ein großes viereckiges Mittelbild ragt bis weit in den

Rundbogen hinein, mit welchem die Wand unter das Gewölbe tritt; da

die Kirche auf den Namen der heiligen Katharina geweiht ist, wurde

hierfür der Stoff aus deren Legende gewählt. Der über diesem Bild

verbleibende, oben von einem Bogenabschnitt begrenzte Raum enthält eine

Darstellung von Gott Vater, der segnend zwischen Engeln erscheint. Die

seitlichen Felder, jedes ungefähr halb so breit wie das Mittelstück,

sind an der Stelle quer geteilt, wo die äußere Gesamteinfassung aus der

Senkrechten in die Rundung des Bogens übergeht. In den unteren, hohen

viereckigen Abschnitten sind einerseits der heilige Joseph mit dem

Kinde Jesus, andererseits der heilige Franciscus mit dem gekreuzigten

Heiland dargestellt. In den oberen, von der Linie des ansteigenden

Bogens in die Gestalt eines unregelmäßigen Dreiecks gebrachten

Abschnitten erscheinen die Erzengel Michael und Raphael, dieser ein

Kind geleitend, jener den bösen Feind niedertretend. -- Murillo

begann das Werk mit dem Hauptbild. Den Inhalt desselben gab die für

bildliche Darstellungen sehr beliebte Erzählung der mittelalterlichen

Legende, wie der alexandrinischen Jungfrau, nachdem sie das Christentum

angenommen, das Jesuskind erscheint, um ihr durch Anstecken eines

Ringes zu erklären, daß sie nunmehr seine Braut geworden sei. Der

Meister hat hier wieder eines seiner zauberhaftesten Lichtgedichte

geschaffen, groß und lieblich. In einen hohen Säulenbau flutet ein

aus dem dunkelgoldigen in einen hellsilberigen Ton übergehender

Lichtnebel, angefüllt mit körperlosen Englein, und entwickelt sich

unten, dicht über dem Marmorboden der Halle, zu einer Wolke, auf

welcher die Jungfrau Maria mit dem göttlichen Kinde sitzt. Das helle

und doch kräftige Rot und Blau ihrer Kleidung heben sich prächtig ab

von dem Silberton und verbinden sich mit dem ebenso kräftigen Gelb

der Gewandung eines hinter ihr stehenden Engels zum vollen Dreiklang

der Hauptfarben. Den Helligkeitsmittelpunkt des Gemäldes bildet das

Jesuskind, vor dem Katharina, liebenswürdig mädchenhaft in Haltung

und Ausdruck, kniet und ihm die Hand entgegenhält. Die junge Heilige

trägt ein weißes, lilafarbig schillerndes Kleid und einen Mantel von

Goldbrokat. Große Engel mit farbigen Gewändern und Fittichen -- in den

Köpfen Abbilder andalusischer Mädchen -- stehen auf beiden Seiten. Aus

dem Lichtgewölk lösen sich, etwas körperhafter hervortretend als ihre

Gefährten, zwei allerliebste Kinderengel, welche über Katharina die

Blumenkrone der Jungfräulichkeit und den Palmenzweig des Märtyrertums

halten. Fremdartig und hart stehen in dem zarten Duft des Gemäldes zwei

andere Kinderengel, welche den auf den Fußboden herabhängenden Mantel

Marias aufheben: hier hat eine fremde Hand ergänzt, was der Meister

selbst nicht mehr malen konnte.

Murillo zog sich, als das Hauptbild bis auf weniges fertig war,

durch einen Sturz vom Gerüst derartige Verletzungen zu, daß er die

Arbeit aufgeben und sich nach Sevilla zurückbringen lassen mußte. Die

Vollendung des Altarwerkes in Cadiz blieb Schülerhänden überlassen.

Sicher lagen zu den Nebenbildern Entwürfe und Farbenskizzen von der

Hand des Meisters vor. Der Schüler, der sie ausführte, hat sich auch

redlich bemüht, seine Malerei nach der Harmonie des Mittelbildes zu

stimmen; in den beiden unteren Bildern hatte auch vielleicht der

Meister schon den Ton angegeben. Aber trotzdem läßt der unendlich weite

Abstand zwischen der eigenhändigen und der Schülerarbeit sehr deutlich

sehen, wie unmöglich es für einen anderen -- mochte derselbe noch so

vertraut sein mit dem Handwerksverfahren des Meisters -- war, sich in

dessen feine Farbenempfindung hineinzufühlen.

Murillo erwartete den Tod. In seiner Pfarrkirche zum heiligen Kreuz

-- in der Nähe der Kathedrale -- saß er manchmal stundenlang vor

dem Altar einer Kapelle, in welcher ihm das Grab bereitet werden

sollte, und betrachtete das alte Bild über dem Altar. Dieses Bild

ist noch vorhanden, es befindet sich jetzt in der großen Sakristei

der Kathedrale. Es ist ein im Jahre 1548 gemaltes Werk des Brüsseler

Meisters Peter von Kempen, den die Spanier Piedro Campaña nannten,

eine lebensgroße Darstellung der Kreuzabnahme; ein, trotz der Aufnahme

italienischer Formengebung, in der Farbe noch ganz altflandrisch

empfundenes Bild, malerisch, stimmungsvoll und ergreifend, ganz

dazu angethan, daß ein Maler sich in seinen Anblick vertieft. Die

altertümliche Malweise und die ganze Auffassung des Niederländers,

der auch in der Zeichnung des Christuskörpers noch an der harten

Formensprache seiner Vorfahren festgehalten hat, sind ja von der Art

und Weise Murillos so verschieden wie nur möglich. Aber in einem mußte

Murillo eine Geistesverwandschaft fühlen: in der Wahrhaftigkeit, mit

welcher der alte Maler, noch nicht angekränkelt von der Künstelei und

Berechnung des Manierismus, Selbstempfundenes und in tiefster Seele

Empfundenes in seiner eigenen Ausdrucksweise ehrlich ausspricht. Auch

Murillo hat in seinen Bildern frisch vom Herzen weg gesprochen; was er

an himmlischen Wundern und Erscheinungen in seinem Innern gestaltete,

bis es wie ein Lebendiges vor seinem geistigen Auge stand, hat er

mit derselben Ehrlichkeit abgemalt, mit der er die Erscheinungen

der Wirklichkeit, die sein Malerauge reizten, wiedergab. Diese

künstlerische Wahrhaftigkeit ist das Geheimnis, welches die Würdigung

der Werke Murillos unabhängig macht von den Zufälligkeiten der Zeit,

des Landes und der religiösen Richtung, welcher sie angehören, und zwar

voll und ganz angehören.

Auf die Frage, warum er sich von jenem Bild nicht trennen könne,

antwortete Murillo, er wolle warten, bis die heiligen Männer dort den

Heiland heruntergelassen hätten. Er wartete darauf, daß die Arme des

Erlösers, die in dem Bilde sich ausgebreitet vom Kreuz herabsenken, ihn

umfangen sollten. Er starb am 3. April 1682.

Die Stadt Sevilla hat ihm vor der Kunstakademie, die von ihm

begründet wurde und die das Museum einschließt, welches seine besten

Werke bewahrt, ein stattliches Standbild errichtet. Sein Grab ist

verschwunden; es ist mit der alten Pfarrkirche zum heiligen Kreuz ein

Opfer der Verwüstungen des Jahres 1810 geworden.

Murillo(#58257) · 第 5 / 5 段