Aus dem nämlichen Jahr 1655 besitzt die Kathedrale zwei Bilder

heiliger Bischöfe, die vor einem Jahrtausend den Stuhl von Sevilla

innegehabt hatten, von der Hand Murillos. Dieselben wurden ihr als

Geschenk zugewendet und schmücken heute noch ihren ursprünglichen

Platz an den Wänden der großen Sakristei. Die beiden Kirchenfürsten,

der durch seine Schriften allgemein bekannte Isidorus, und Leander,

ein eifriger Bekehrer der arianischen Gothen zur katholischen Lehre,

sind in ganzer Figur und in bischöflicher Amtstracht dargestellt; die

großen Massen der weißen, goldverzierten Kleidung werden belebt durch

das Sichtbarwerden des farbigen -- bei dem einen roten, bei dem anderen

rötlich-violetten -- Futterstoffs der Chormäntel. Das Fesselndste

an den Bildern sind die ausdrucksvollen Köpfe, die so bestimmt und

individuell gestaltet sind, daß sie wie Bildnisse wirken.

Nachdem Murillo die erste Aufgabe, welche ihm das Domkapitel gestellt,

so glänzend gelöst hatte, bekam er alsbald den größeren Auftrag, den

Altar in der Taufkapelle der Kathedrale mit Gemälden zu schmücken. Eine

ganze hohe, spitzbogig abgeschlossene Wand stand hier zur Aufnahme der

Bilder zur Verfügung. Für die Hauptdarstellung wurde -- ich weiß nicht

aus welchen Gründen -- die Erscheinung des Christuskindes in der Zelle

des heiligen Antonius von Padua gewählt; darüber fand die Darstellung

desjenigen Vorgangs, den man von alters her in Taufkapellen als den

hierhin am besten passenden Gegenstand zu verbildlichen pflegte, ihren

Platz: die Taufe Christi im Jordan.

[Illustration: Abb. 22. ~Die Geburt Marias.~ Im Louvremuseum zu Paris.]

Im Spätherbst 1656 war Murillo mit dieser Arbeit fertig. Unter seinen

vorzüglichsten Meisterwerken hat das Antoniusbild stets den größten

Ruhm genossen. Der gegebene Gegenstand war ein himmlisches Wunder, aus

dem die Phantasie Murillos ein Wunder malerischer Dichtung schuf. Von

dem heiligen Antonius, der, zu Lissabon im Jahre 1195 aus vornehmer

Familie geboren, zuerst in den Augustinerorden trat, dann Franziskaner

wurde und, nachdem ein Versuch, in Afrika als Missionar zu wirken, an

seiner schwächlichen Gesundheit gescheitert war, in einem italienischen

Kloster zurückgezogen und unbeachtet lebte, bis er einmal durch

einen Zufall dazu gebracht wurde, von der Macht seiner Redebegabung

öffentlich Zeugnis zu geben, und dann, Italien und Südfrankreich

durchwandernd, als ein Prediger, der durch das Feuer seiner Worte

selbst das steinerne Herz eines Ezzelino da Romano zu erschüttern

wußte, in den Herzen vieler Tausende von Zuhörern wahre Wunder

wirkte, bis er im Jahre 1231 im Kloster zu Padua starb, von diesem

ungewöhnlichen Manne wurden gleich nach seinem Tode Wundergeschichten

erzählt, die sich bald zu einem anmutigen Legendenkranz gestalteten.

Namentlich wollte man wiederholt bemerkt haben, daß Christus in

Kindesgestalt sichtbar in seiner Zelle erschienen sei und sich mit ihm

unterhalten habe. -- Murillo versetzt uns in einen grauen Klosterraum,

durch dessen offene Thür man in den Klosterhof mit seinem Säulengang

sieht. Das weißliche Tageslicht, welches den Hof erhellt, wird

verdunkelt durch eine Fülle von goldenem Himmelslicht, das in den

Innenraum eindringt. Eine große Wolke senkt sich herab, deren dunkles

Grau mit dem der Wände zusammengeht; die Wolke öffnet sich, ihr Inneres

ist hellgoldiges Licht, und in dem hellsten, strahlenden Lichtkern

zeigt sich, selbst eine Lichtgestalt, das Jesuskind. Engelscharen

umgeben das Kind in weitem Kreise, allerliebste Kinderengel, die

im Lichtmeer schwimmen, sich auf den silbergrauen beleuchteten

Innenrändern der Wolke umherschwingen und darüber hinaus in das

Schattendunkel tauchen. In den Farbenzauber von Gold und Grau und

zarten Fleischtönen werden ein paar feingestimmte lebhafte Farbentöne

gebracht durch die Gewänder einiger größeren Engel, welche die muntere

Schar der Himmelskinder begleiten; diese ernsteren Gestalten verneigen

sich in Ehrfurcht, indem sie abwärts blicken auf den begnadigten

Menschen, dem dieser himmlische Besuch zu teil wird. Ein Engel in

gelbem Gewande, mit weißen Fittichen, ist gleichsam der Führer;

seine Hand hat den Wolkenballen, der bis dahin noch zwischen dem

Jesuskind und den Blicken des jungen Mönches lag, beiseite geschoben,

und indem er sich umwendet, macht er dem Kind den Weg zu diesem frei.

Das Kind löst sich aus dem Licht, mit vorgestreckten Händchen, das

rechte wie zur Segenspendung erhebend, schwebt es schreitend herab. Der

am Boden knieende Mönch, dessen Antlitz und braune Kutte der Schein des

Himmelsglanzes goldig überstrahlt, breitet die Arme aus, die Gebärde

begleitet den Ausdruck des Verlangens, der sein Gesicht beseelt.

Ein Augenblick noch, und der Mensch wird den Gott umfangen. -- Dem

wunderbaren Gemälde war das berühmten Altarbildern so selten vergönnte

Glück beschieden, an der Stelle verbleiben zu dürfen, für die es gemalt

wurde. Hier in den feierlichen Hallen des gewaltigen gotischen Doms

kann es seine Wirkung noch mit voller Macht auf den Beschauer ausüben,

ganz anders als die vielen Kirchengemälde, die in Museen zwischen

zerstreuender Umgebung untergebracht sind, und in deren religiöses

Wesen man sich, da die Weihe des Ortes und die Abgeschlossenheit fehlt,

erst mühsam hineinversetzen muß, ehe man sie ihrem innersten Werte

nach würdigen und genießen kann. -- Die Umrahmung des Bildes, bei

der gewiß Murillo auch ein Wort mitgesprochen hat, ist demselben mit

großem Geschmack angepaßt. So reich auch die wuchtigen Barockformen

des vergoldeten Schnitzwerkes sind, das die ganze Kapellenwand bis

in die Spitze des Bogens füllt, sie ordnen sich in der Wirkung dem

Gemälde unter; das Spiel von Lichtern und Schatten in dem natürlichen

Gold, dessen Masse durch naturfarbig bemalte Figuren von Kinderengeln

unterbrochen und hier und da durch Anwendung von schwarzer und roter

Farbe belebt wird, hebt die Lichtfülle des Bildes und dessen goldigen

Ton aufs schönste hervor.

[Illustration: Abb. 23. ~+Ecce homo.+~ Im Museum des Prado zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Die obere Bekrönung des Rahmens schließt das kleinere Gemälde

ein, welches die Taufe Christi darstellt. Ungeachtet der

Verschiedenartigkeit des Gegenstandes ist die Farbe desselben vollendet

schön zu derjenigen des unteren Bildes gestimmt. Vor dem Täufer, der

über der grauen Fellbekleidung einen roten Überwurf trägt, dessen

kräftige Farbe die Stimmung reizvoll belebt, kniet Jesus in demütiger

Haltung; über ihm schwebt die Taube in einem dunkelgoldigen, von grauem

Wolkenrand umgebenen Lichtton, und Engelkinder halten in der Luft

sein Gewand, dessen Farbe mattviolett ist, bereit. -- Wenn Murillo

den Erlöser als erwachsenen Mann darzustellen hatte, so war er --

wenigstens hat es so den Anschein -- einigermaßen befangen. Er war

am glücklichsten in der Gestaltung seiner Köpfe, wenn er dieselben

bildnisartig machen konnte, mit Benutzung wirklicher Personen, die

mit der Vorstellung, welche er sich geschaffen, Ähnlichkeit besaßen.

Dies gilt auch von einem großen Teil seiner Marienbilder. In dem

Antlitz des Heilandes aber wagte er eine solche Anlehnung an einen

in der Wirklichkeit lebenden Menschen nicht. Dennoch ist das Bild

des Christuskopfes, welches er sich im Anschluß an die überlieferte

Form schuf, ein schönes und würdiges. Es unterscheidet sich durch den

ehrlichen künstlerischen Ernst, durch die Schlichtheit des Ausdrucks

sehr vorteilhaft von den süßlichen und gekünstelt ausdrucksvollen

Christusköpfen, mit denen italienische Maler des XVII. Jahrhunderts die

Gunst eines großen Publikums gewannen (vergl. Abb. 23).

Das Antoniusbild zu Sevilla ist infolge der hohen Wertschätzung,

welche Murillos Gemälde in unserem Jahrhundert gefunden haben, der

Gegenstand eines unglaublichen Frevels geworden. Im November 1874

wurde aus demselben die Figur des Heiligen, zum Zweck des Verkaufs

im Ausland, herausgeschnitten. Durch den Umstand, daß das Gemälde

nach der weitverbreiteten Unsitte, aus schönen Kirchenbildern eine

Einnahmequelle für den Küster zu machen, unter einem Vorhang verborgen

gehalten wurde, war es möglich, daß die Schandthat so lange unentdeckt

blieb, bis der Dieb mit seinem Raub Europa verlassen hatte. Doch

waren zum Glück die angestellten eifrigen Nachforschungen von Erfolg

gekrönt; im Februar 1875 wurde das herausgeschnittene Stück in New

York aufgefunden. Es war ganz unbeschädigt, bis auf eine geringe

Beschneidung des oberen Randes, und ist mit großer Geschicklichkeit

wieder in das Bild eingesetzt worden.

[Illustration: Abb. 24. ~Das Jesuskind erscheint dem heiligen

Antonius.~ Im Ermitagemuseum zu Petersburg.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Murillos Antoniusbild war in seiner ganzen Auffassung und Darstellung

etwas Neues, noch nie Dagewesenes. Es ist nicht zu verwundern, wenn

dem Meister wiederholt Bestellungen von ähnlichen, wenn auch im

Format kleineren, Gemälden des nämlichen Inhalts gemacht wurden.

Es gibt zwei solcher Bilder, die sich als Nachklänge des großen

Werkes in der Kathedrale zu Sevilla, auf den dritten oder vierten

Teil des dort aufgewendeten Raumes zusammengedrängt, zu erkennen

geben, und die zugleich bekunden, wie Murillo, der sich nicht leicht

selbst wiederholte, einem einmal angeschlagenen Thema immer neue

Seiten abzugewinnen wußte. Das eine dieser Bilder, in der Ermitage

zu Petersburg, erscheint förmlich wie eine Fortsetzung der in jenem

begonnenen Erzählung, nur daß der Schauplatz aus dem Kloster hinaus auf

die einsame Höhe eines Berges verlegt ist. Antonius kniet in derselben

Stellung wie dort, nur beruhigter; seine Arme verharren unverändert in

ihrer ausgestreckten Lage. Das Jesuskind -- dasselbe Kind wie dort --

hat den Schritt aus dem Engelreigen, der hier nur in einer Andeutung

durch einige wenige niedliche Puttchen sichtbar ist, und aus dem

Lichtgewölk heraus vollendet und ist auf das Buch getreten, welches

aufgeschlagen vor dem Mönch liegt; es hat das rechte Händchen mit einer

jetzt deutlich ausgesprochenen Bewegung des Segnens emporgehoben, und

das linke in die geöffnete Rechte des Heiligen gelegt, dem es mit

einer lieblichen Wendung des lockigen Köpfchens in die Augen schaut

(Abb. 24). Während hier eine heilige Scheu den Sterblichen noch

zurückhält, auch nur seine Hand um diejenige des in Kindergestalt

zu ihm gekommenen Gottes zu schließen, sehen wir in dem anderen der

beiden Bilder, das sich im Berliner Museum befindet und zweifellos das

schönste Gemälde Murillos ist, welches Deutschland besitzt, die Scheu

von der Liebesglut überwunden. Das göttliche Kind ruht in den Armen des

Mönchs. Nie hat ein Maler aus tieferer Empfindung heraus geschaffen.

Murillo hat es beim Gestalten dieses Bildes in der innersten Seele

mitgefühlt, wie einem Menschen zu Mut sein muß, der seinen Gott

umarmt. Thatsächlich das denkbar Vollkommenste des Ausdrucks hat er

erreicht in dieser Verbindung einer unbegrenzten Ehrfurcht mit einer

ebenso unbegrenzten Liebe, die sich in der Art und Weise ausspricht,

wie Antonius das Kind auf seinen Armen hält: er möchte es an sich

pressen und doch wagt er kaum, es mit den Fingerspitzen zu berühren.

Das Kind aber schmiegt mit hingebender Zärtlichkeit seinen Kopf an

den des Mannes und streichelt ihm nach echter Kindesart die Wange,

zum großen Vergnügen seines Engelgefolges, aus dem nun einige auch

auf den Erdboden herabgekommen sind. Einer der kleinen Engel hält

die sinnbildliche Lilie hoch empor und wendet sich dabei nach seinen

Genossen um, als ob er ihnen zuriefe, wie rein und unschuldig doch

dieser Mensch sein müsse, dem die Gottheit eine körperliche Berührung

gestatte (Abb. 25). -- Wenn etwas groß ist an Murillo, größer als bei

vielen der Besten, so ist es die ungekünstelte Wahrheit, mit der er

der Innigkeit seiner Empfindungen künstlerischen Ausdruck gibt. Das

Berliner Bild ist auch in Bezug auf den feinen Ton und den Reiz der

Lichtwirkung ein vorzügliches Beispiel von Murillos Farbenkunst.

Nach der Vollendung des Altargemäldes für die Taufkapelle im Dom

konnte, mit Ausnahme einiger eifersüchtigen Berufsgenossen, niemand

mehr daran zweifeln, daß Murillo die Bezeichnung als „bester Maler

von Sevilla“ uneingeschränkt verdiente. Die jungen Maler suchten

seinen Unterricht und schätzten und liebten ihn als Lehrer. Durch

seine Bemühungen wurde im Jahre 1660 eine Kunstakademie in Sevilla

gegründet, nicht ohne große Schwierigkeiten, welche dem Zustandekommen

dieser Einrichtung in den Weg gelegt wurden durch den Neid jener Maler,

die es nicht über sich bringen konnten, Murillo als den größeren zu

erkennen. Die von dieser Seite ausgehenden Anfechtungen waren wohl

auch der Grund, weshalb Murillo die Stellung als Vorsitzender der

Akademie nur während des ersten Jahres ihres Bestehens aushielt. Er

war seinem ganzen Wesen nach nicht dazu geschaffen, aus der Werkstatt

herauszutreten und in Reibungen mit der Außenwelt seine Kraft zu

verbrauchen.

[Illustration: Abb. 25. ~Der heilige Antonius.~ Im königl. Museum zu

Berlin.

(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 26. ~Der heilige Ferdinand.~ Im Kapitelsaal der

Kathedrale von Sevilla.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Vom Domkapitel erhielt Murillo nach einigen Jahren einen weiteren,

allerdings weniger gewichtigen Auftrag: die Ausführung von einigen

zum Schmuck des Kapitelsaales bestimmten Bildern von geringer Größe.

Dabei wurde ihm zugleich die Ausbesserung von vorhandenen Gemälden,

allegorischen Darstellungen des im Jahre 1618 verstorbenen Pablo de

Céspedes, eines richtigen „Manieristen,“ übertragen. Murillos Bilder

befinden sich oberhalb der Wände des Kapitelsaales, zwischen den

Stuckverzierungen der Überwölbung, einer länglich runden Kuppel. Es

sind acht rings herum verteilte Brustbilder von Heiligen und ein

Marienbild von größerem Format an der dem Eingange gegenüberliegenden

Seite. Sie stehen zwischen den kleinen Rundfenstern, welche die Kuppel

durchbrechen, in gleicher Reihe mit diesen, befinden sich also in

überaus ungünstigen Beleuchtungsverhältnissen. Da zudem der Saal sehr

hoch ist, mußte Murillo mit starken Mitteln arbeiten, um seine Bilder

zur Wirkung zu bringen. Die Brustbilder zeigen zunächst dem Marienbild

die zwei königlichen Heiligen Hermenegild und Ferdinand (Abb. 26), dann

die zwei heiligen Bischöfe von Sevilla, Isidor und Leander, darauf

die Heiligen Pius und Laureanus und zum Schluß die Stadtpatroninnen,

die heilige Justa und die heilige Rufina; es sind sämtlich schöne,

wirkungsvolle Köpfe. Das Marienbild zeigt eine Darstellung, welche den

Sinn einer Verbildlichung der theologischen Lehre von der unbefleckten

Empfängnis Marias hat. Die Jungfrau steht in den Wolken, mit gefalteten

Händen und gesenkten Blicken: unter ihren Füßen ist der Mond, und

ein goldfarbiger Lichtglanz umgibt ihre ganze, mit einem weißen

Gewand bekleidete und von einem blauen Mantel umwallte Gestalt; der

Wolkenrand ist belebt von einer Schar köstlicher Kinderengel. -- Diese

liebliche Schöpfung Murillos ist eine von vielen des gleichen Inhalts,

die er in den verschiedenen Zeiten seines Lebens mit nie versiegendem

Reichtum der Einbildungskraft gestaltet hat. Er soll im ganzen mehr als

dreißigmal die Verbildlichung der unbefleckten Empfängnis gemalt haben,

das erste Mal vielleicht schon in seiner Anfangszeit; die letzten

Behandlungen dieses Gegenstandes sind die bekanntesten und gefeiertsten

Werke aus der Endzeit seines Lebens. Es hat seinen besonderen Grund,

daß gerade dieser Gegenstand im Lebenswerk des Sevillaner Malers

eine so große Rolle spielt. Derselbe hat für Sevilla eine besondere

Bedeutung. Die Lehre, daß die Mutter des Heilandes ausgenommen gewesen

sei von der Behaftung mit dem Makel der Erbsünde, hatte damals noch

nicht die Bedeutung eines Glaubenssatzes der katholischen Kirche

-- als solcher wurde sie erst im Jahre 1854 verkündigt --; sie war

jahrhundertelang mit ebensoviel Eifer bestritten wie verteidigt worden.

Aber seit dem Jahre 1617 war es durch ein päpstliches Breve untersagt,

in öffentlicher Predigt jene Lehrmeinung als eine irrige anzugreifen.

Daß es hierzu gekommen, sahen die Sevillaner als ihr Verdienst an.

Einige Jahre vorher hatte nämlich in Sevilla ein Dominikaner, der

die von seinem Orden immer behauptete Ansicht, Maria sei ebensogut

wie die übrigen Nachkommen Evas mit der Erbsünde behaftet zur Welt

gekommen, in seinen Predigten ausgesprochen und zu begründen versucht

und dadurch die ganze Stadt in Aufregung versetzt; die Stadt stellte

sich mit leidenschaftlich aufflammender Begeisterung auf die Seite der

Franziskaner, welche die Ansicht von der vollkommenen Makellosigkeit

Marias zu der ihrigen gemacht hatten. Die Sevillaner hatten dann eine

Abordnung an König Philipp III entsendet, mit der Bitte, daß er, dem

das Volk den Beinamen „der dritte Heilige“ -- der dritte neben dem

westgotischen Königssohn Hermenegild und dem kastilischen Ferdinand III

-- gegeben hatte, seinen Einfluß beim päpstlichen Stuhl geltend machen

möge, um zu bewirken, daß die Lehre von der unbefleckten Empfängnis

Marias zum Glaubenssatz der Kirche erhoben würde. Der Erfolg war jenes

von Paul V erlassene Breve gewesen. Seitdem entstanden in Sevilla

Gemälde, welche dieser Lehre bildlichen Ausdruck geben sollten, in

großer Zahl. Es bestand damals schon eine Form für die Verbildlichung

des Lehrsatzes, die sich im Laufe der Zeit allmählich festgestellt

hatte. Um die vollkommene Makellosigkeit Marias, die ihr vom ersten

Augenblick ihres Daseins an verliehene Ausnahmestellung unter allen

Menschenkindern, bildlich zu kennzeichnen, hatte man zuerst zu einer

Häufung von Darstellungen gegriffen, die auf alle Stellen der heiligen

Schrift, welche auf Maria und ihre übernatürliche Reinheit gedeutet

wurden, hinwiesen. In der Mitte all dieser teils aus Figuren, teils

aus Sinnbildern bestehenden Darstellungen erschien Maria selbst als

das Weib der geheimen Offenbarung, „mit der Sonne bekleidet, den Mond

zu ihren Füßen, auf ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen.“ Ein

solches Bild war ohne eine gelehrte theologische Erklärung unmöglich zu

verstehen; der Zweck eines Gemäldes, durch sich selbst zum Beschauer

zu sprechen, war auf diese Weise nicht zu erreichen. Das fühlten die

Maler und ließen daher immer mehr von dem umgebenden Beiwerk, das

begreiflicherweise auch der Erzielung einer künstlerischen Wirkung

Schwierigkeiten bereitete, weg. Die Kathedrale zu Sevilla besitzt ein

Bild aus der Schlußzeit des XVI. Jahrhunderts, von der Hand des Juan de

las Roelas, eines Sevillaners von flandrischer Abkunft. Da ist das Weib

der geheimen Offenbarung dargestellt als eine anmutige Mädchengestalt,

die betend und mit niedergeschlagenen Augen auf der Mondsichel steht;

die Bekleidung mit der Sonne ist angedeutet durch einen sie umgebenden

Lichtglanz, der in Vergoldung ausgeführt ist; über ihrem Kopf halten

zwei Engel die Sternenkrone. Ihre Kleidung zeigt die bei Marienbildern

von altersher üblichen Farben blau und rot; aber das Rot ist zu

einer leichten Rosenfarbe geworden. Ganz oben im Bilde erscheint die

heilige Dreifaltigkeit. Unten drängt sich in der Finsternis eine Schar

schwarzer Teufel, welche in ohnmächtigem Grimme emporgrinsen; Cherubim,

zu beiden Seiten von Marias Füßen in Reihen geordnet, halten denselben

krystallene Schilde entgegen. In dieser Darstellung der Abwehr der

unreinen Geister durch das reine Krystall hat der Maler ein für seine

an Allegorien gewöhnte Zeit leicht und vollkommen verständliches

Mittel zur Bezeichnung der Reinheit gefunden. Darum hat er aber doch

die Sinnbilder der mittelalterlichen Darstellungsweise noch nicht ganz

weggelassen: links und rechts vom Kopfe Marias schweben Engel, welche

herabhängende Ketten von aneinander gereihten Bildchen tragen, und

in diesen Bildchen sind Dinge dargestellt, welche die sinnbildlichen

Bezeichnungen Marias vergegenwärtigen, die in der Lauretanischen

Litanei genannt werden. -- Zu Murillos Zeit war man dazu übergegangen,

unter Weglassung des gesamten schwerfälligen Beiwerks sich auf

das Bild der über alles Irdische erhaben dastehenden Jungfrau zu

beschränken. Selbst von den aus der geheimen Offenbarung entnommenen

Zeichen wird nur der unter ihren Füßen befindliche Mond beibehalten,

wohl mehr als ein gegebenes Mittel, um den Begriff der Höhe anzudeuten,

als in dem hineingelegten Sinne, daß durch das Stehen auf dem Monde

das Erhabensein über die Wandelbarkeit ausgedrückt werden solle. An

das Sonnenkleid erinnert noch der goldfarbige Lichtton, von dem die

Gestalt sich abhebt. Die Gestalt selbst ist heller als dieser helle

Grund; die weiße Farbe ihres Kleides scheint zuerst aus malerischen

Gründen gewählt und dann sinnbildlich gedeutet worden zu sein.

Das Himmelsgewölk, welches die Jungfrau umgibt, ist von Engeln in

Kindergestalt belebt; wenn von diesen der eine oder andere bisweilen

noch irgend ein allgemein verständliches Sinnbild, welches die Reinheit

bezeichnet -- wie eine Lilie oder einen Spiegel --, in den Händen hält,

so ist das nur eine ganz nebensächliche Beigabe, der keine wesentliche

Bedeutung mehr beigelegt wird. -- Murillo hat diese Darstellungsform

nicht geschaffen; aber er hat sie mit der größten Vollkommenheit

ausgestaltet. Keiner hat so wie er in der Gestalt der betenden Jungfrau

selber die Reinheit zu verkörpern gewußt. Jedes von seinen Bildern der

unbefleckten Empfängnis trägt mit vollem Recht den Namen, mit dem der

Spanier die Darstellung dieses Geheimnisses zu bezeichnen pflegt: +la

Purísima+, die Allerreinste. Und seine Farbentöne sind die wunderbarste

Musik zu dem geistlichen Lobgesang von der Allerreinsten.

[Illustration: Abb. 27. ~Der Traum des Patriziers Johannes.~ Gemalt für

die Kirche Santa Maria la Blanca in Sevilla; jetzt in der Akademie San

Fernando zu Madrid.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

[Illustration: Abb. 28. ~Der Patrizier Johannes vor dem Papst und die

Gründung der Kirche Santa Maria +ad nives+ in Rom.~ Gemalt für die

Kirche Santa Maria la Blanca in Sevilla; jetzt in der Akademie San

Fernando zu Madrid.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Das Bild der Immaculata im Kapitelsaal zu Sevilla ist durch ein

hohes Maß von Lieblichkeit ausgezeichnet. Durch die Eigenschaft der

Großartigkeit ragt ein im Museum zu Sevilla befindliches Bild über alle

hervor. Dasselbe stammt aus dem Franziskanerkloster und nimmt schon

durch seine räumliche Ausdehnung -- es ist in überlebensgroßem Maßstab

ausgeführt -- eine besondere Stellung unter Murillos inhaltsgleichen

Gemälden ein. Maria erscheint als eine majestätische Gestalt von

mächtigen Formen. Sie ruht mit dem linken Knie auf einer weißen

Wolke, ihr rechter Fuß tritt auf den Mond, der hier nicht als Sichel,

sondern als volle Kugel erscheint, mit einer Bewegung, die weniger

ein Aufstützen, als vielmehr ein Hinabdrücken ausspricht. Sie hat mit

vorgestreckten Armen die Hände gefaltet und blickt mit einer Wendung

des Kopfes hinab in die Tiefe. Die Tiefe scheint vor unseren Augen zu

wachsen. Denn eine machtvolle Aufwärtsbewegung geht durch das Ganze.

Die dichte Wolke scheint, schräg aufsteigend, sich zu heben; die

unsichtbare Macht, welche sie empordrückt, wird unterstützt durch vier

Engelknaben, Gestalten von schon weiter entwickelter Körperbildung, als

wie wir sie sonst bei Murillos Kinderengeln zu sehen gewöhnt sind. Der

Zug nach oben treibt Marias Mantel in mächtig schlagenden Falten empor,

und ihr Haar weht ausgebreitet zur Seite. Man empfängt den Eindruck,

daß die überirdische Höhe, in der die Erhabene erscheint, sich zur

Unermeßlichkeit steigert.

[Illustration: Abb. 29. ~Die heilige Elisabeth die Kranken pflegend.~

Gemälde aus der Kirche des Hospitals de la Caridad zu Sevilla, in der

Akademie San Fernando zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Murillo(#58257) · 第 2 / 5 段