Ein für diese Zeit sehr bezeichnendes Bild ist die Verkündig

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Liebhaber-Ausgaben

[Illustration]

Künstler-Monographien

In Verbindung mit Andern herausgegeben

von

H. Knackfuß

X

Murillo

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1896

Murillo

Von

H. Knackfuß

Mit 59 Abbildungen von Gemälden und Zeichnungen

Zweite Auflage

[Illustration]

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1896

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

[Illustration]

Murillo.

Am Neujahrstage 1618 ließ zu Sevilla ein Mann Namens Gaspar Estéban

Murillo den Sohn, den ihm seine Ehefrau Maria Perez zum Jahresschluß

geschenkt hatte, in der Pfarrkirche St. Magdalena auf die Namen des

Apostels Bartholomäus und des Blutzeugen Stephanus taufen. Das ist

alles, was man über die Herkunft des gefeierten Malers weiß, dessen

Werke zuerst und am weitesten den Ruhm der spanischen Malerei über die

Pyrenäen hinaustrugen. Was über sein Leben in alten Nachrichten erzählt

wird, dem haben die eingehenden Forschungen unserer Zeit kaum etwas

Neues hinzugefügt, außer urkundlichen Nachweisen über die Bestellung

und die Entstehungszeit einzelner Werke. Man kann bei Bartolomé Estéban

Murillo kaum von einer Lebensgeschichte sprechen. Der Lauf seines

Daseins bewegte sich in engem Kreise. Sein Leben war seine Arbeit.

Auch das Stoffgebiet, das er bearbeitete, erscheint, wenn man an die

Vielseitigkeit von manchen seiner berühmten Zeitgenossen denkt, als

ein eng begrenztes; und dennoch war seine Kunst eine vielumfassende:

sie blickte hinab in den Alltagsstaub der Gassen von Sevilla und

hinauf in lichterfüllte Himmelshöhen, die sich nur dem frommen Glauben

erschließen, sie gestaltete das Gewöhnlichste wie das Unfaßbarste mit

der gleichen Meisterschaft.

Neigung und Beruf zur Malerei müssen sich bei dem Knaben Bartolomé

Estéban früh zu erkennen gegeben haben. In seinem zehnten Jahre

verwaist und gänzlich mittellos, wurde er von seinem Vormund zu dem

Maler Juan de Castillo in die Lehre gebracht. Das Bildermachen war

damals in Spanien ein Erwerbszweig, der so gut wie ein anderer seinen

Mann rechtschaffen ernähren konnte. Juan de Castillo war kein großer

Künstler; er gehörte zu den vielen, welche das Heil der Kunst darin

erblickten, daß die Formensprache der Italiener, die „gute Manier,“

mit mehr oder weniger Handwerksgeschick nachgeahmt wurde. Den jungen

Murillo beschäftigte er mit der Anfertigung von sogenannten Sargas,

bemalten Tüchern, welche als Wandbekleidungen statt der Teppiche,

als Vorhänge, als Schiffsflaggen und dergleichen gebraucht wurden.

Derartige Arbeiten galten als ein Mittel, den Anfängern „die Hand

zu lösen.“ Und gewiß mit Recht; denn die Art ihrer Ausführung, mit

Leimfarben auf ungrundierter Leinwand, gestattete nicht das Anbringen

nachträglicher Veränderungen und Verbesserungen, es war darin also ein

Übungsmittel von nicht hoch genug zu schätzendem Wert gegeben. Man hat

keinen Grund, die Verdienste, welche der Lehrer Murillos sich um dessen

erste Ausbildung erworben, gering anzuschlagen. Jedenfalls brachte er

demselben eine bedeutende Handfertigkeit bei.

Im Jahre 1639 siedelte Juan de Castillo nach Cadiz über. Der junge

Murillo blieb gänzlich sich selbst überlassen und mußte zusehen, wie er

es ermöglichen sollte, sich Brot vom Tag zum Tage zu verschaffen. So

stellte er denn seine Begabung in den Dienst der allerbescheidensten

Kunstansprüche und malte billige Ware für die Händler, welche auf den

Messen Andachtsbilder zu Markte brachten. Es ist nicht zu verwundern,

daß spätere Zeiten sich bemüht haben, Bilder Murillos aus diesem ersten

Abschnitt seines Lebenswerks zu entdecken. Jene Marktware konnte

natürlicherweise nur ein vergängliches Dasein haben. Aber es ist ja

auch nicht ausgeschlossen, daß er ab und zu einmal einen besseren

Auftrag gegen bescheidenen Lohn bekam. Überlieferung und Vermutung

haben mehrere Bilder dieser Art bezeichnet, die zum Teil sich noch in

Sevilla befinden, zum Teil nach anderen Orten verstreut worden sind.

So wird im Museum zu Cadiz ein Gemälde, welches die heilige Anna mit

Maria und dem Christuskind darstellt, als Jugendwerk Murillos gezeigt.

Es ist ein Bild von trübem und schwärzlichem Ton, aber nicht ohne

künstlerischen Reiz in Bezug auf die Anordnung der Gruppe und die

Verteilung von Hell und Dunkel. Wenn dieses Bild wirklich ein Überrest

aus jener Frühzeit Murillos sein sollte, so würde die geringe Meinung,

welche seine Mitschüler bei Juan de Castillo von seiner Begabung gehabt

haben sollen, nicht ganz gerechtfertigt erscheinen.

[Illustration: Abb. 1. ~Bartolomé Estéban Murillo.~

Gemalt von ~Don Alonso Miguel de Tobar~, angeblich nach einem

verschollenen Selbstbildnis des Meisters, im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Einer dieser ehemaligen Mitschüler war es, dem Murillo die

entscheidende Wendung in seinem Leben verdankte. Pedro Moya -- so

hieß der junge Mann -- war mit den Soldaten nach Flandern gezogen,

er hatte dort das frische und gesunde Kunstleben kennen gelernt,

das so unabhängig war von der italienischen „guten Manier“ des

verflossenen Jahrhunderts, er hatte sich von den Niederlanden aus

nach England begeben und rühmte sich, mit dem bewunderten van Dyck

persönlich bekannt geworden zu sein. Nach Sevilla zurückgekehrt,

erzählte er seinem Schulfreund von all den Wundern der Kunst, die

er gesehen, und er unterdrückte gewiß nicht die Bemerkung, wie

unendlich altmodisch ihm alles, was man in Sevilla malte, vorkäme.

Nach dem Anhören von Moyas Schilderungen ertrug Murillo den Gedanken

nicht länger, in ausgetretenem Geleise wandelnd, in der Nacht der

Vergessenheit versinken zu sollen. Er wollte die Malweise der Fürsten

der Kunst kennen lernen, am Anblick ihrer Werke sich schulen und dann

weiterstreben zum Höchsten. An eine Reise nach den Niederlanden konnte

er freilich bei seiner Mittellosigkeit nicht denken. Aber auch in

Madrid befanden sich ja in den Schlössern des Königs zahlreiche Gemälde

der besten Meister. Und in Madrid lebte ein Sevillaner, Don Diego

Velazquez, in der angesehenen Stellung eines Hofmalers Seiner Majestät:

der würde sich des Landsmannes und Kunstgenossen gewiß annehmen. Die

Mittel zu einer Reise nach Madrid mußten beschafft werden, dann sollte

alles andere sich schon finden.

[Illustration: Abb. 2. ~Der heilige Diego die Armen speisend.~

Gemälde aus dem Fraziskanerkloster zu Sevilla, jetzt in der Akademie S.

Fernando zu Madrid.

Übersetzung der Unterschrift:

Dem armen Darbenden gibt Diego Speise,

Er läßt sich geben, daß der Arme esse,

Der Arme ißt, und Diego nimmt befriedigt

Auf seine Rechnung alle Schuld des Dankes.

Er sieht im Armen Gott, aus seinem Herzen

Bringt Nächstenliebe Gott ihr duftend Opfer.

Nach in Werkthätigkeit verbrachtem Leben

Erfreut der Heilige sich der Himmelskrone.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Murillo bedeckte eine große Leinwand mit einer Menge kleiner

Erbauungsbildchen, für die er in den Unternehmern, welche Schiffe

nach den Niederlassungen jenseits des Weltmeers befrachteten,

Abnehmer suchte und fand. So wanderten Murillos Erzeugnisse mit den

Indienfahrern nach Südamerika, und er wanderte auf weiter Straße, durch

die Felsenwildnis des Scheidegebirgs zwischen Andalusien und Castilien

und über das eintönige Hochland der Mancha nach Madrid. Das war im

Jahre 1643.

Der große Velazquez nahm den lernbegierigen jungen Mann, der im Alter

von 25 Jahren das Studium sozusagen von neuem beginnen wollte, mit

Wohlwollen auf. Er verschaffte ihm die ersehnte Gelegenheit, die im

Besitz des Königs befindlichen Gemälde zu studieren und in den Werken

der Tizian, Rubens, van Dyck, Ribera eine neue Welt der Malerei, die

Kunst der Farbe, vor sich aufgehen zu sehen. Er gab ihm Ratschläge,

heißt es; als besten vermutlich den nämlichen, den zweitausend Jahre

früher der Altmeister von Sikyon dem Lysipp gegeben hatte: Du fragst,

welcher Künstler das beste Vorbild sei? -- Geh hinaus auf den Markt und

sieh dir die Natur an!

Murillo verweilte zwei Jahre in Madrid, lernend und sich übend. In

Sevilla hatte er keinem etwas von der Reise gesagt, und von keinem

wurde er vermißt.

Als er heimkehrte, hatte er das Glück, daß ihm gleich ein ansehnlicher

Auftrag zu teil wurde.

[Illustration: Abb. 3. ~Das Wunder des heiligen Diego~ („Die

Engelküche“).

Im Louvremuseum zu Paris.]

Im großen Franziskanerkloster zu Sevilla sollte ein Kreuzgang mit

Gemälden geschmückt werden. Murillo bewarb sich um diese Arbeit, und

sie wurde ihm übertragen; als Grund seiner Bevorzugung vor den anderen

Bewerbern wird angegeben, daß seine Preisforderung die bescheidenste

war.

Es handelte sich um eine Reihe von Darstellungen aus der Geschichte von

Heiligen des Franziskanerordens. Dieselben waren als einzelne Ölgemälde

auszuführen, denn die Kunst der Freskomalerei hatte in Andalusien

keinen Boden gefunden. Murillo malte diese Bilder, elf an der Zahl,

die einen von größerer, die anderen von geringerer Breitenausdehnung,

in den Jahren 1645 und 1646. Durch sie wurde er mit einem Schlage

zum berühmten Mann. Ganz Sevilla staunte ihn an. Denn niemand wußte,

so heißt es in der alten Lebensbeschreibung, woher er den neuen,

meisterhaften, unbekannten Stil hatte, für den es in Sevilla weder

Vorbild noch Lehrer gab. Man glaubte, da die Reise nach Madrid Murillos

Geheimnis blieb, er habe sich während der zwei Jahre in seiner Wohnung

eingeschlossen gehalten, um unausgesetzt Naturstudien zu malen. Daß

in dem eingehenden und erfolgreichen Studium der Natur das Geheimnis

der überraschenden Wirkung dieser Gemälde lag, das war allerdings

zutreffend. -- Das Kloster war stolz auf den außerordentlichen

Kunstbesitz. Die Bilder wurden zum Schutz mit Vorhängen versehen und

nur an Festtagen enthüllt. Aber das schlimme Jahr 1810 gab sie den

Räuberhänden preis. Als Joseph Bonaparte am 1. Februar jenes Jahres

seinen Einzug in Sevilla gehalten hatte, wurde das Kloster geplündert,

die Bilder wurden in die Welt hinaus verstreut. Nur zwei der kleineren

sind in Spanien verblieben; sie befinden sich in der Gemäldesammlung

der Akademie von S. Fernando zu Madrid.

[Illustration: Abb. 4. ~Sitzender Bettler.~ Studienzeichnung in den

Uffizien zu Florenz.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Das eine dieser beiden ist die dem Stifter des Ordens gewidmete

Darstellung: der heilige Franciscus wird durch himmlische Musik

getröstet. In heller und scharfer Beleuchtung erscheint ein

geigenspielender Engel, in blaßrötliche und matt-moosgrüne Gewänder

gekleidet, von einem bräunlich-goldigen Lichtschein umgeben, in der

schwarzbraunen Finsternis der engen Mönchszelle; vom Licht und Klang

geweckt, richtet sich der Heilige, der auf dem harten Boden eine

kärgliche Ruhe gesucht hat, wie traumbefangen empor. Die Schwärze

des Hintergrundes und die dunkelfarbige Kutte lassen den Kopf des

Mönchs lebhaft hervortreten, der in seiner ganz aus der Wirklichkeit

gegriffenen Bildung und in dem meisterhaft gegebenen Ausdruck des

verzückten Lauschens so viel künstlerischen Wert besitzt, daß er die

etwas nüchterne Fassung des Ganzen aufwiegt. Dieser naturwahre Kopf

ist bewunderungswürdig. Die Verbildlichung des Überirdischen aber

läßt noch nicht viel von dem Meister ahnen, der später in himmlischen

Lichterscheinungen so Unvergleichliches geschaffen hat.

Das andere Bild bewegt sich ganz auf irdischem Boden, es zeigt sich

uns als ein Meisterwerk der Naturbeobachtung. Es ist mit einer so

schlichten Treue aus der Wirklichkeit gegriffen, daß man sich sehr wohl

das Aufsehen vorstellen kann, welches ein solches Werk erregen mußte,

das statt der phrasenhaften Gestalten der landläufigen Heiligenmalerei

dem Volke sein eigenes Abbild zeigte; da konnte man wohl von einem

„neuen unbekannten Stil“ sprechen. Der Held der Darstellung ist kein

weltbekannter Heiliger, sondern ein schlichter Laienbruder des Ordens

mit Namen Diego, der im Kloster zu Alcalá im ersten Viertel des XV.

Jahrhunderts ein still bescheidenes Leben geführt hatte, von dem

aber Begnadigungen und Wunder erzählt wurden, auf Grund deren er von

Sixtus V im Jahre 1588 unter die Kirchenheiligen aufgenommen wurde.

Der heilige Diego war von Geburt ein Andalusier; wohl aus diesem

Grunde wurde ihm in dem Sevillaner Kloster eine größere Anzahl von

Bildern gewidmet, als irgend einem der anderen Heiligen. Hier ist

er dargestellt, wie er Suppe unter die Armen verteilt (Abb. 2). Das

Bild hat sozusagen keine Farbenwirkung, auch keine Wirkung von Hell

und Dunkel; es bewegt sich in grauen und braunen Tönen, in die, neben

den wenigen helleren Gesichtern und Händen, nur ein paar Flecken von

verschossenem Rot, Blau, Grün und schmutzigem Weiß hineingestreut

sind. Und dennoch, wie packt das Bild den Beschauer gleich beim ersten

Anblick! Der geringe Reiz der Farbe, die trockene Malweise und was

man etwa an der Aufstellung der Figuren im Raume mangelhaft finden

könnte, -- alles das verschwindet ganz und gar hinter der schlagenden

Lebenswahrheit, von der eine jede Gestalt bis ins kleinste erfüllt

ist. Das sind dieselben bejammernswerten Gestalten, die heute noch

die Kirchthüren umlagern -- und jenes Gesicht kommt einem vor, als

wäre man ihnen eben erst auf der Straße begegnet --, es ist dieselbe

Geschäftsmäßigkeit des Bittens und dieselbe Gelassenheit beim Hinnehmen

der Gabe, die auch heute noch dem spanischen Bettler eigen sind. Und

die Kinder, -- man glaubt noch die Stimmchen nachklingen zu hören,

mit denen sie, noch nicht von dem gemessenen Wesen der Alten erfüllt,

in eindringlicher Eintönigkeit den freundlichen Geber bestürmt haben;

und jetzt sind sie so vollständig befriedigt, sie besitzen für

den Augenblick gar keinen Wunsch mehr, und sie falten die kleinen

schmutzigen Hände, damit Diego doch nicht ganz allein das Dankgebet für

alle zu sprechen braucht. Die betenden Hände des Heiligen und sein Kopf

-- nebenbei auch Meisterwerke des malerischen Könnens in technischer

Beziehung -- sind der Glanzpunkt des Bildes. Das Ganze wird von diesem

Kopf als seinem künstlerischen Mittelpunkt beherrscht, dem Kopf eines

echten Spaniers, eines echten Mannes aus dem Volke und eines echten

Heiligen.

[Illustration: Abb. 5. ~Knabe, die Guitarre spielend.~ Studienzeichnung

in der Albertina zu Wien.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 6. ~Studienkopf.~ In der königl. Gemäldegalerie im

Haag.]

Von den größeren Bildern aus dem Kreuzgang des Franziskanerklosters

ist eines nach Paris in die Galerie des Louvre gelangt. Das ist ein

merkwürdiges Bild; eine Dichtung von liebenswürdigster Unbefangenheit,

so kindlich, wie die Legende, die es behandelt. Man braucht die

Legende nicht zu kennen, das Bild erzählt sie (Abb. 3). Diego, der

Laienbruder, ist mit dem Küchendienst beauftragt worden. Aber fromme

Anmutungen haben ihn diese weltliche Aufgabe vergessen lassen; dem

irdischen Boden entrückt, kniet er in der Luft, anbetend in der

Anschauung unsichtbarer Geheimnisse, schon umleuchtet von dem Glanz

seiner zukünftigen Heiligkeit. Damit aber die Gnade, welche Diego zu

teil wird, den Brüdern keine irdische Benachteiligung bringe, haben

Himmelsboten inzwischen die Verrichtung seines Kirchenamts übernommen.

In der Mitte des Bildes stehen zwei große Engel, die sich über die

Besorgung von Speise und Trank beraten; der eine, in lichtviolettem

Gewand, mit dunkelgoldigem Schimmer auf den weißen Flügeln, schickt

sich an, zur Füllung eines großen Thonkrugs davonzueilen; der andere,

in gelbem Gewand mit grünlichblau überflogenen Fittichen, berührt

mit der Hand ein auf dem Küchentisch liegendes Stück Lammfleisch. Im

Vordergrund sind zwei nackte Engelkinder am Gemüsekorb beschäftigt,

ein etwas größeres Kind stampft im Mörser. Ein Engelmädchen stellt

die Eßnäpfe auseinander, ein anderes weiter hinten sieht am Herd

nach dem kochenden Wasser. Die ganze geflügelte Gesellschaft ist so

in Anspruch genommen von der ungewöhnlichen Beschäftigung, daß sie

weder den in der Hinterthür der Küche erscheinenden Frater, der stumm

vor Staunen die Hände spreizt, bemerken, noch auch den Prior, der in

Begleitung zweier schwarzgekleideten vornehmen Herren durch die vorn am

Bildrand befindliche Thür hereintritt und so Zeuge des Wunders wird.

-- Murillo hat die Sache in einer Weise dargestellt, als ob er selbst

auch Augenzeuge gewesen wäre, mit einer unbefangenen Gläubigkeit, die

dem phantastischen Hergang sozusagen den Anschein der Glaubhaftigkeit

gibt. Den leblosen Inhalt der Küche hat er mit dem Fleiß eines braven

Schülers nach dem Wirklichen gemalt und mit der Geschicklichkeit eines

niederländischen Stilllebenmalers ausgeführt.

[Illustration: Abb. 7. ~Das Mädchen mit dem Geldstück.~ Im Pradomuseum

zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Es versteht sich von selbst, daß ein Maler, bei dem das Neue seines

Stils zum besten Teil auf der Beobachtung der Wirklichkeit beruhte,

nicht nachließ, die Natur zu studieren. Unter den wenigen Blättern,

welche als Zeichnungen von Murillos Hand gelten (in den großen

Sammlungen zu Wien, Florenz, Paris), befinden sich einige, die sich

als schnelle Niederschriften nach dem Leben zu erkennen geben (Abb. 4

und 5). Im allgemeinen darf man annehmen, daß Murillo seine Studien

mehr mit Farbe und Pinsel, als mit dem Zeichenstift machte. Was er

malte, um sich im Erkennen und Wiedergeben von Form und Ausdruck

zu üben, beschränkte sich, soweit man nach dem Erhaltenen urteilen

kann, nur selten auf den beziehungslos hingestellten sogenannten

Studienkopf (Abb. 6); vielmehr rundete es sich ab zum sogenannten

Genre- oder Sittenbild. Das Pradomuseum zu Madrid, welches die reichste

Sammlung von Werken Murillos besitzt, enthält zwei solcher zu Bildern

ausgearbeiteten Studien. Beide sind Brustbilder. Das eine zeigt das

verschrumpfte Gesicht einer alten Frau, die müde aus den einst gewiß

sehr lebhaft gewesenen schwarzen Augen blickt, während ihre Hände sich

mit dem Spinnrocken beschäftigen. Das andere zeigt ein lachendes junges

Mädchen. Das sonnverbrannte Gesicht der frischen Bauerndirne glüht aus

dem weißen Kopftuch, das sich von einem dunkelgrauen Grund abhebt,

farbig hervor; lustig blitzen die braunen Augen uns an. Alles ist Saft

und Kraft an dieser kleinen Person; zwischen dem Kopftuch und dem

Hemdärmel lacht ein Streifchen von der braunen Sammethaut der runden

Schulter dem Beschauer entgegen, und man könnte bedauern, daß das

große weiße Tuch und die über das rotbraune Mieder geschlagene graue

Decke die Umrisse der Gestalt so vollständig verbergen. Dem in fester

und gediegener Malerei sorgfältig ausgeführten Kopf ist eine flüchtig

gemalte Hand hinzugefügt, welche ein blankes Silberstück hält: eine

äußerliche Begründung des lachenden Ausdrucks, durch welche der Maler

seine fleißige Studie zu einem verwertbaren Bild gemacht hat (Abb. 7).

[Illustration: Abb. 8. ~Die Anbetung der Hirten.~ Im Museum des Prado

zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Auf die Ausführung der Bilderreihe im Kreuzgang des

Franziskanerklosters folgte nicht so bald wieder ein Auftrag

von ähnlichem Umfang und gleich großer Bedeutung. Aber bei dem

außerordentlichen Erfolg seiner ersten Arbeit konnte es nicht

ausbleiben, daß Murillo mit zahlreichen Bestellungen einzelner Gemälde

für Kirchen und Kapellen, Klöster und Stiftungen bedacht wurde. Aller

Nahrungssorgen enthoben, in ganz Sevilla persönlich beliebt und um

seiner Kunst willen gefeiert, dachte er bald an die Gründung eines

eigenen Hausstandes. Im Jahre 1648 verheiratete er sich mit einem

Mädchen aus einer vornehmen Familie Sevillas, Doña Beatriz de Cabrera

y Sotomayor.

[Illustration: Abb. 9. ~Mariä Verkündigung.~ Im Museum des Prado zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Im Museum zu Madrid befindet sich eine ganze Anzahl von Bildern

Murillos, die mit größerer oder geringerer Sicherheit als Arbeiten

aus diesen und den nächstfolgenden Jahren erkannt werden. Es ist

bemerkenswert, daß in einigen derselben Anklänge an die Art und

Weise der Meister, deren Gemälde er in Madrid studiert hatte, sich

wahrnehmen lassen. Nicht etwa als ob Murillo als Nachahmer erschiene;

aber man sieht, daß er mit großem Fleiß in das Wesen seiner Vorbilder

einzudringen und deren Vorzüge zu erkennen bemüht gewesen ist, und

das hierbei Gelernte spiegelt sich nun in den eigenen Arbeiten

wieder. Überall ordnen sich die fremden Anklänge einer künstlerischen

Eigenart unter, die so bestimmt ausgeprägt ist, daß man -- bei aller

Verschiedenartigkeit der Gemälde unter sich -- einen Murillo aus dieser

Zeit ebenso gut wie einen späteren unter allen anderen Gemälden gleich

herauserkennt. Murillo selbst scheint sich dessen auch völlig bewußt

gewesen zu sein, daß er mit keinem anderen mehr verwechselt werden

konnte; nachdem er von den Bildern im Franziskanerkloster einige mit

seiner Namensunterschrift bezeichnet hatte, hat er dies später kaum

jemals wiederholt.

Vielleicht das älteste von Murillos Gemälden im Prado ist die Anbetung

der Hirten (Abb. 8). Die Farbe bewegt sich in vorherrschend bräunlichen

Tönen, die sich im Hintergrund zum Schwärzlichen vertiefen; darin

stehen das rote Kleid und der grüne Mantel Marias als kräftige

Farben, und der feine Kopf der Jungfrau, deren kastanienbraunes

Haar ein graugelblicher Schleier umschlingt, und das zartfarbige,

fast schattenlose Kindlein in der weißen Windel bilden die starken

Helligkeiten, die den Blick des Beschauers festhalten. Bei allem

Ansprechenden, das die Darstellung besitzt, empfindet man in derselben

doch einen gewissen Mangel an künstlerischer Unmittelbarkeit; das

etwas trocken gemalte Bild macht den Eindruck des „Komponierten.“ Bei

den Figuren der Hirten ist Murillo noch nicht darauf gekommen, frei in

das Leben hineinzugreifen und solche Hirten, wie sie die Wirklichkeit

ihm zeigte, zu malen, sondern er hat sich hier mehr nach der Art und

Weise gerichtet, wie Ribera -- an dessen Auffassung überhaupt das ganze

Bild ein wenig erinnert -- diese Gestalten zu bilden pflegte.

Ein für diese Zeit sehr bezeichnendes Bild ist die Verkündigung (Abb.

9). In der Bildung der beiden Gestalten -- die in der altherkömmlichen

Weise einander gegenübergestellt sind --, im Wurf der Gewänder zeigt

sich Murillos Eigenart, die in diesen Dingen lieber Zufälligkeiten

der Natur als überlieferten Regeln folgte. Ganz sein Eigentum ist die

Verbindung des Himmels mit der Erde durch das Herabsenken einer grauen

Wolke, die sich öffnet und zwischen einem Rahmen von allerliebsten

Englein in einen goldfarbigen Lichtschein blicken läßt, in welchem das

Göttliche -- hier der heilige Geist in Gestalt der Taube -- erscheint.

Der Künstler hat ein Gedicht der Farbe und des Lichtes schaffen

wollen, aber der nachmalige große Meister dieser malerischen Poesie

zeigt sich hier noch als unfertig. Die Stimmung hat etwas Kaltes.

Maria trägt ein lilagraues Kleid und blaugrünen Mantel, der Engel ein

rötlich-lilafarbenes Gewand, das im Licht ins Hellgelbe übergeht,

mit bräunlich-grüner Umgürtung; seine Flügel nehmen das Lila des

Gewandes und das dunkle Grau der Wolkenwand mit einer Vertiefung bis

ins Schwärzliche auf. Auch die Schatten gehen ins Schwarze. Nur an

zwei Stellen kommt ein warmes Rot vor: in der Decke über dem braunen

Holzmöbel, auf welchem das Gebetbuch liegt, und in dem Nähkissen, das

in dem zwischen den beiden Figuren auf dem Boden sichtbar werdenden

Arbeitskorb unter einem weißen Tuch zum Vorschein kommt. Besonderheiten

der Malerei erinnern in diesem Bilde entschieden an die Rubenssche

Schule, vielleicht mehr an van Dyck als an den großen Antwerpener

Meister selbst.

[Illustration: Abb. 10. ~Rebekka und Elieser.~ Im Museum des Prado zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Noch augenfälliger tritt die Erinnerung an die Art des Rubens in einem

Bilde kleineren Maßstabs in die Erscheinung, das im übrigen durch

seinen sonnig warmen Ton einen weiteren Fortschritt in der Entwickelung

Murillos zu bezeichnen scheint: Rebekka und Elieser am Brunnen (Abb.

10). Wie reizvoll leuchtendes Frauenfleisch auf einem blaugrauen

Luftton stehen kann, das hat Murillo dem Niederländer sehr glücklich

abgelauscht: er hat sogar dreien der Mädchen, die sonst die echtesten

Andalusierinnen sind, blondes Haar gegeben. Die vier nahe zusammen

stehenden Mädchenköpfe mit dem von Weißzeug umgebenen Fleisch der Hälse

und Arme bilden eine einheitliche Lichtmasse, welche den Haupteffekt

des Bildes ausmacht. Was aber dem Bilde seinen eigentümlichen Reiz

verleiht, ist das von Murillo aus sich selbst heraus Empfundene: die

Stimmung des drückend heißen Sommertages, die einem so fühlbar wird,

wenn man in die graue Felsenlandschaft blickt, die sich weithin unter

dem von bleifarbigem Gewölk durchzogenen Himmel ausdehnt; der ehrliche

Durst des Mannes, der solch baum- und wasserloses Bergland durchwandert

hat und jetzt begierig die Lippen an das große Schöpfgefäß setzt:

die Lebhaftigkeit der schwarzbraunen spanischen Augen, die auch in

den Gesichtern der Blondhaarigen funkeln. -- In den Gewändern sind

warme Farben vorherrschend. Elieser hat einen gelblichen Turban und

einen ähnlich, nur kräftiger gefärbten Rock, der von einem hellblauen

Gürtel scharf durchschnitten wird, ein rotbrauner Mantel hängt auf

seiner Schulter; Rebekka hat ein rotes Tuch über den schwarzen Rock

geschlagen; das vom Rücken gesehene Mädchen ist am Oberkörper mit einem

gelblich-grauen Stoff bekleidet, ihr Rock hat einen stumpfen, dunklen,

ins Blau-Grünliche gehenden Ton. Die Mauer, welche den Hintergrund

dieser Figur bildet, ist wieder gelblich, saftig grünes Laub hängt von

ihr herab; die Brunneneinfassung besteht aus roten Backsteinen.

[Illustration: Abb. 11. ~Heilige Familie~, zubenannt ~+del pajarito+~

(~mit dem Vögelchen~). Im Museum des Prado zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 12. ~Die Jungfrau und das Christuskind.~ Im Museum

des Prado zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Ganz unabhängig von allem Herkömmlichen -- in künstlerischer wie in

sachlicher Beziehung -- ganz unbefangen aus dem Leben schöpfend,

tritt uns Murillo in einem Gemälde entgegen, welches die heilige

Familie in rein menschlichem Beisammensein darstellt (Abb. 11). In

einem Gemach mit kahler grauer Wand sitzt der heilige Joseph, dessen

männlich kräftigen Kopf dichtlockiges schwarzes Haar umwallt, mit einem

schwarzen Rock und einem über die Kniee geschlagenen bräunlich-gelben

Übergewand bekleidet, und nimmt väterlich teil an dem kindlichen Spiel

des Jesusknaben. Das goldlockige Kind, dem über das weiße Hemdchen ein

gelblich-graues Wollentuch mit einer hellblaugemusterten Schärpe als

Röckchen umgebunden ist, lehnt sich an den Pflegevater an und belustigt

sich munter mit einem weißen Hündchen, vor dem es einen kleinen Vogel

in die Höhe hält. Maria sitzt etwas zurück im Halbschatten, der das

übliche Rot und Blau ihrer Kleidung, die außerdem zum großen Teil von

einem grauen Brusttuch bedeckt ist, so dunkel macht, daß diese Farben

wenig sprechen; sie unterbricht auf einen Augenblick ihre Arbeit an der

Garnwinde, um mit dem liebenswürdigen Ausdruck der zufriedenen Mutter

ihre Blicke auf dem Spiel des Kindes ruhen zu lassen. -- Es ist nicht

möglich, weiterzugehen in der Verzichtleistung auf jede Kennzeichnung

der Heiligkeit. Nur Rembrandt hat Ähnliches gewagt. Man kann sich aber

denken, daß gerade in dem strengreligiösen Spanien ein Bild, welches

das heilige Vorbild des Familienlebens so ohne jeden trennenden Vorhang

der Unnahbarkeit vor die Augen der Gläubigen rückte, den höchsten

Beifall finden mußte.

[Illustration: Abb. 13. ~Das auf dem Kreuze schlafende Christuskind.~

Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Auch Murillos Madonnenbilder haben diese Eigenschaft des rein

Menschlichen, die in den Augen der Zeit und des Volkes gewiß ihren

größten Vorzug bildete. Diese junge Mutter, die mit dem meistens ganz

nackten Kind auf dem Schoße dasitzt, hat niemals etwas Übersinnliches,

nicht einmal etwas von den Zufälligkeiten irdischer Erscheinung

befreites Allgemeines, „Ideales“; sie kommt im Gegenteil dem Volke,

welches vor sie hintritt, so nah wie möglich: sie ist Spanierin.

Vielleicht nur in einigen seiner allerältesten Madonnenbilder hat

Murillo versucht, die Form des Gesichts zu verallgemeinern. Für

die meisten seiner späteren Madonnen geht selbst die Bezeichnung

„Spanierin“ zu weit; sie sind reine Andalusierinnen. Untereinander

sind sie außerordentlich verschieden. Auch das Kind ist ein wirkliches

Menschenkind, und zwar ein spanisches. Dennoch würde man sehr unrecht

haben, wenn man diese Madonnen profan finden wollte. Wenn man von dem

Weihevollen, das in der Farbenstimmung liegen kann, ganz absieht:

man braucht sich nur in die Augen von Mutter und Kind zu vertiefen,

deren Blick so ruhig und so zutrauenerweckend auf uns haftet, und man

wird es bald empfinden, mit welcher ernsten, innerlichen Religiosität

Murillo diese Gestalten geschaffen hat. -- Ein Madonnenbild im Prado,

ganz ungewöhnlich düster im Ton des Rot und Blau der Gewänder, die mit

dem Schwarzgrau des Grundes zusammen eine Dunkelheitsmasse bilden,

durch welche das lichterfüllte Fleisch grell hervorgehoben wird

(Abb. 12), steht in Bezug auf den Reiz der Gesamtwirkung vielleicht

manchen ähnlichen Gemälden des Meisters nach; aber es besitzt eine

künstlerische Kostbarkeit, ein Juwel der Malerei in dem braunhaarigen,

schwarzäugigen Jesuskind. -- Kinder hat überhaupt niemand so zu

malen verstanden, wie Murillo, -- auch Rubens und Tizian nicht. Im

Museum zu Sevilla wird ein sehr dunkel gehaltenes Madonnenbild als

Andenken an Murillos früheste, vor der Madrider Reise liegende Zeit

aufbewahrt. Da sieht man, wie der junge Maler sich abgemüht hat, um

ein hübsches Kind nach der Natur zu malen; man sieht, wie das kleine

Modell gequält worden ist, um von Zeit zu Zeit wenigstens still zu

halten, und wie er sich geplagt hat, den Reiz des Lebendigen zu

erfassen, wobei schließlich doch nun ein wenig ansprechendes Geschöpf

mit feisten Gliederchen und viel zu kleinem Kopf, mit unglückselig

steifer Haltung herausgekommen ist; vom vielen Herumarbeiten ist

die Farbe so trüb geworden, daß der Maler, um dieses Fleisch noch

hell erscheinen zu lassen, kein anderes Mittel wußte, als daß er den

Hintergrund schwarz machte und auch die Gewänder Marias bis auf ein

paar Lichtflecke zunächst dem Kinde mit schwarzer Dunkelheit überzog.

Aber schon in den lustigen Engelputten auf dem in Paris befindlichen

St. Diegobild bekundet Murillo eine außerordentliche Feinfühligkeit für

Form, Bewegung und Ausdruck der Kinder. Und ehe noch im übrigen seine

künstlerische Entwickelung völlig zur Reife gelangte, war er schon

ein thatsächlich unerreichter Meister in diesen Dingen. Gern malte er

Kinder allein. Der als Kind auf der Erde erschienene Gott gab ja für

einen phantasiebegabten Künstler Stoff genug zu derartigen Bildern. So

zeigt ein eigentümlich ergreifendes Gemälde im Prado das Christuskind

auf dem Kreuze schlummernd, das rechte Händchen auf einen Totenkopf

gelegt; etwas wie eine schmerzliche Ahnung von Leiden und Tod liegt

auf dem Gesichtchen des kleinen Schläfers. Die Farbe des Körperchens

ist wunderbar zart, silberig, mit leichter Röte angeflogen, die Lippen

frisch und rot, das Haar goldbraun. Der Fleischton wird reizvoll

hervorgehoben durch die schön zusammenklingenden Töne des braunen

Kreuzes, des rötlich violetten Tuches und der grünlichgrauen Steinbank;

die beiden letzteren Farben kehren auch im Dunkel des Hintergrundes

wieder (Abb. 13).

[Illustration: Abb. 14. ~Ein schlafendes Kind.~ In der Czernin-Galerie

zu Wien.]

Um Himmelskinder malen zu können, mußte Murillo natürlich ganz

gewöhnliche Menschenkinder studieren (Abb. 14). Da machte es denn

dem Maler, der in der Armenspeisung des heiligen Diego so köstliche

Bettelkinder dargestellt hatte, bisweilen auch Vergnügen, das kleine

Volk der Gassen in selbständigen Bildern wiederzugeben, wie es da

war, im schlichtesten Naturalismus, aber vollendet künstlerisch. So

entstand eine Anzahl von Bildern, in denen irgend etwas zufällig

Gesehenes, blitzschnell Aufgefaßtes, mit unfehlbarem Künstlergedächtnis

Festgehaltenes, in glücklichster Stunde auf die Leinwand gebracht, sich

zum vollendeten Kunstwerk gestaltet hat; Bilder, die bei sichtlich ganz

müheloser Ausführung die gediegenste Durchbildung aufweisen und in

lebensgroßem Maßstab die Treue von Augenblicksaufnahmen besitzen.

[Illustration: Abb. 15. ~Die schmausenden Gassenbuben.~ In der königl.

Pinakothek zu München.

(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 16. ~Die Melonenesser.~ In der königl. Pinakothek

zu München.

(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Derartige Darstellungen fanden allgemein verdienten Beifall, sie

wurden gern gekauft und gingen von einem Besitz in den anderen über.

Durch sie wurde man zuerst auch im Ausland auf Murillo aufmerksam,

ja gerade von ausländischen Kunstliebhabern wurden diese Erzeugnisse

eines spanischen Malers bald so hoch geschätzt, daß Spanien schließlich

kein einziges dieser Bilder behalten hat. Die größte Anzahl derselben

-- fünf -- besitzt die Münchener Pinakothek, darunter zwei, die

zu Murillos allerköstlichsten Werken dieser Gattung gehören: „Die

würfelspielenden Gassenbuben“ und „Die schmausenden Gassenbuben.“

Der Reiz dieser beiden wie mit einem schimmernden Lichtton gemalten

Bilder ist ein außerordentlicher. Eine größere Lebenswahrheit, eine

feinere Beobachtung der Bewegungen bis in das Einzelne hinein ist

nicht denkbar. Mit welchem Eifer sind jene Kinder der Straße bei dem

Glücksspiel, das in diesem Augenblick ihr ganzes Sein in Anspruch

nimmt! Mit welchem Behagen verzehren diese anderen die saftigen

Früchte! Man freut sich beim Zusehen, wie es ihnen schmeckt (Abb. 15).

Dabei ist die äußere Erscheinung der Dinge, die Oberfläche von Haut

und Haaren, Stoffen und Früchten ebenso meisterhaft beobachtet und

wiedergegeben wie das innere Leben des sorglosen kleinen Volks. Auch

die drei anderen Münchener Bilder, die Melonenesser mit dem Hündchen

(Abb. 16), die kleinen Obstverkäuferinnen, die ihren Erlös überzählen,

der Junge, der unter der mit ländlich-sittlicher Unbefangenheit durch

die Mutter vorgenommenen Säuberung seines Kopfes, im Spielen mit einem

jungen Hündchen und im Kauen an seinem Brot ein dreifaches Wohlbehagen

genießt (Abb. 17), sind Meisterwerke ihrer Gattung. Mehrere Werke

dieser Art befinden sich in englischen Sammlungen; darunter die von

so echtem Humor erfüllte Zusammenstellung eines mürrischen und eines

vergnügten Buben in der Dulwichgalerie (Abb. 18). -- Während wir bei

den genannten Gemälden, mit Ausnahme von einem, uns im Freien befinden,

vor der Stadt oder in den engen Gassen Sevillas, die ein durch oben von

Haus zu Haus gespannte Tücher gedämpftes Sonnenlicht erfüllt, werden

wir durch ein nicht minder kostbares Bild der Louvresammlung in einen

finsteren Raum versetzt, in welchen durch das viereckige Fensterloch

ein breiter, voller Strahl der aufsteigenden Sonne eindringt. Es ist

ein echter, goldener Sonnenstrahl, den Murillo da hingemalt hat;

scharfes, fast blendendes Licht und weiche, warme Reflexe in dem

graubraunen Raum und auf den graubraunen Lumpen und der bräunlichen

Haut eines Jungen, der die freundliche Helligkeit, welche die Sonne

in seinen Schlupfwinkel entsendet, dazu benutzt, auf die kleinen,

quälenden Blutsauger Jagd zu machen, die ihm die Ruhe verkümmern (Abb.

19).

[Illustration: Abb. 17. ~Die Kopfreinigung.~ In der königl. Pinakothek

zu München.

(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]

[Illustration: Abb. 18. ~Zwei Bauernjungen.~ In der Dulwichgalerie zu

London.

(Nach einer Photographie von Gray & Davies in Bayswater.)]

Wenden wir uns von diesen Wirklichkeitsbildern wieder zu religiösen

Kinderdarstellungen, zu solchen, welche Kinder in den Jahren erlangter

Freiheit und Selbständigkeit der Bewegung zum Gegenstand des Bildes

machen, so finden wir im Museum zu Madrid zwei Gegenstücke, die

bei einer Wahrheit in der Wiedergabe des Kindlichen, welche ebenso

vollkommen ist wie bei jenen, eine so reiche Poesie enthalten, die in

der Auffassung und in der verklärenden Farbe ein über das Alltägliche

sich so hoch erhebendes Wesen -- Idealität, wenn man will -- besitzen,

daß sie durch diese Eigenschaften ebenso unwiderstehlich fesseln

und vielleicht nachhaltiger erfreuen, wie jene anderen durch ihre

irdische Naturtreue. Die Kinder Jesus und Johannes sind in diesen

liebenswürdigen Gemälden dargestellt. Jesus ist als der gute Hirt

aufgefaßt. Während die Herde im Thale auf üppigem Felde zwischen

goldfarbenen Saaten weidet, ist er einen steinigen, mit dürftigem

braun-grünen Kraut bewachsenen Berg hinaufgestiegen, um das eine

verirrte Schaf zu suchen. Ermüdet von der beschwerlichen Wanderung

sitzt er da auf einem Stein, und indem er die Hand auf das verlorene

und wiedergefundene Schäflein legt, richtet er die großen dunklen

Kinderaugen mit einem wunderbar inhaltvollen Blick auf den Beschauer.

Ein helles Licht, wie ein Strahl von am Wolkenrand dem Hervortreten

naher Sonne, bescheint den kleinen Hirten und wirft auf das blühende

Fleisch, das blaßviolette Röckchen und die bräunlich-weiße Wolle des

Lammes einen lichtgoldigen Schein, daß die Lichter sich hell abheben

von dem blauen, weißbewölkten Himmel (Abb. 21). Hier ist göttliche

Ruhe, die noch mehr hervorgehoben wird durch den Gegensatz der Erregung

in dem Bilde des Vorläufers. Der kleine Johannes, bekleidet mit einem

bräunlichen Fließ und roten Überwurf, kniet in einer wilden Landschaft,

in einer Felseneinöde, deren braunes Gestein sich in der Ferne in

kahler, grauer Kette fortsetzt. Er berührt mit der einen Hand, die

einen Kreuzesstab hält, ein Lamm, dessen sinnbildliche Bedeutung das

an dem Stab befestigte Schriftband mit den Worten: „Siehe das Lamm

Gottes“ erläutert, und drückt die andere Hand mit inniger Empfindung

auf die Brust, während seine Blicke sich erwartungsvoll nach oben

wenden, von wo ein Lichtstrahl sich aus der bewegten Luft auf ihn

herabsenkt (Abb. 20). Die beiden Bilder haben eine prächtige, trotz

der kräftigen Schatten sehr lichte Farbenwirkung. Zart und duftig im

Gesamtton, weich in der Behandlung ohne jede Beeinträchtigung der

Bestimmtheit der Formen, erscheinen sie hinsichtlich der Malerei fast

als das Entgegengesetzte des Bildes der heiligen Familie (mit dem

Vögelchen), in welchem bei der Festigkeit der körperhaften Durchbildung

die Bestimmtheit fast zur Härte geworden ist. Dennoch braucht man nicht

anzunehmen, daß eine lange Reihe von Jahren zwischen der Entstehung

dieses Bildes und jener beiden liege. Murillo vervollkommnete sich

mit großer Schnelligkeit. Wenn den ersten Werken, die er nach seiner

Rückkehr nach Sevilla malte, noch hin und wieder einige Trockenheit

eigen ist, wenn man eine gewisse Neigung zu schweren Tönen, besonders

in den kräftig sprechenden Farben, bemerkt und ein mühsames, nicht

immer siegreiches Ringen um das Erreichen einer völlig harmonischen

Farbenwirkung wahrnimmt, so zeigen bald darauf folgende Werke, daß

Murillo diese Unvollkommenheiten in verhältnismäßig kurzer Zeit

gründlich überwunden hat; dieselben verschwinden ebenso vollständig,

wie die vereinzelten Anklänge an fremde Art und Weise, die sich hier

und da erkennen ließen.

[Illustration: Abb. 19. ~Der Betteljunge mit dem Floh.~ Im Louvre zu

Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Das Bestreben, eine Übersicht über den Entwickelungsgang eines Malers

aus seinen Werken herzuleiten, hat bei der Spärlichkeit vorhandener

Jahresangaben zu einer Gruppierung der Werke Murillos nach gewissen

Besonderheiten der Farbengebung und der Malweise geführt, und man

spricht hiernach von seinem ersten, zweiten, dritten und letzten Stil

oder auch -- ebenfalls im Sinne zeitlichen Aufeinanderfolgens -- von

seinem kalten, warmen und duftigen Stil.

Die Einordnung der Gemälde in ein solches Schema ist aber nur in

beschränktem Umfang möglich. Wenn man vor denselben steht, so gewahrt

man bald, daß Murillo, nachdem er einmal völlig zur Reife gelangt war,

eine so uneingeschränkte Herrschaft über alle Mittel der Malerei besaß,

daß er mit einer staunenswürdigen Freiheit und Vielseitigkeit seine

Malweise immer dem Gegenstand der Darstellung anzupassen vermochte, daß

Farbenstimmung und Behandlung sich ihm jedesmal aus dem, was er malte,

ergab. Daher entzieht sich eine ganze Menge seiner Bilder jedem Versuch

einer auch nur annähernden Bestimmung der Zeit ihres Entstehens.

[Illustration: Abb. 20. ~Das Kind Johannes.~ Im Museum des Prado zu

Madrid.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.)]

Jedenfalls war Murillo beim Ablauf des ersten Jahrzehnts nach seiner

Heimkehr ein völlig ausgereifter Meister, der über sein Wollen und

Können durchaus im klaren war. Das bewies er, als ihm im Jahre 1655 der

Auftrag zu teil wurde, ein großes Gemälde für die Kathedrale seiner

Vaterstadt auszuführen. Dieses prächtige Bild, welches die Geburt

Marias darstellt, in einer Auffassung, die ganz Murillos besonderster

Eigenart entspricht, ist in der Franzosenzeit entführt worden und

befindet sich jetzt im Louvre (Abb. 22). Es ist ein wunderbares Werk;

ein duftiger, farbiger Lichtzauber. In der Mitte des langgestreckten

Bildes ist ganz im Vordergrund das neugeborene Kind der Mittelpunkt

der Hauptgruppe. Zwei Frauen, von denen die ältere, etwas beleibt und

mit einem stehenden Lächeln in den Zügen, eine köstliche Abschrift aus

dem Leben ist, haben das kleine Wesen in weiße Tücher eingeschlagen;

neben ihnen fühlt ein junges Mädchen, mit Schleifchen geputzt und in

lebhafte Farben gekleidet, nach der Wärme des Wassers in der kupfernen

Badewanne; ein anderes Mädchen, das man vom Rücken sieht, bringt

leinene und wollene Tücher herbei. Das ist alles ganz naturgetreue

Schilderung eines menschlichen Vorgangs, ebenso wie dasjenige, was wir

im Hintergrund sehen: hier die Mutter Anna, matt im Bette liegend,

auf dessen Fußende Vater Joachim sitzt, der sorglich und liebevoll

den Blick auf sie geheftet hält, dort, vor der geöffneten Thür zum

Nebenzimmer, zwei am Kaminfeuer beschäftigte Frauen. Aber zu dem

Menschlichen gesellt sich das Überirdische. Der Himmel nimmt Anteil

an diesem Familienereignis und entsendet seine Engel, um in dem Kinde

die zukünftige Mutter des Erlösers zu begrüßen. Engel in der Bildung

halbwüchsiger Mädchen, in lichte, hellfarbige Gewänder gekleidet,

beugen sich verehrend über die Neugeborene. Ein paar kleine Engelkinder

suchen sich in kindlicher Weise nützlich zu machen, indem sie im

Wäschekorb kramen wollen, wobei das eine sich nach dem Spitzhündchen,

das auch mit zusieht, umblickt mit einer Bewegung und einem Ausdruck,

daß man es sagen hört: „Schön artig sein!“ Dieses menschliche Gebaren

der kleinen Engel und die ganze Durcheinandermischung von Irdischem

und Himmlischem ist mit einer solchen Liebenswürdigkeit gegeben, daß

der Eindruck des Anmutenden denjenigen des Befremdenden überwiegt: es

liegt in dem Ganzen eine unbefangene fromme Kindlichkeit, als ob der

Schöpfer des Werks nicht im XVII., sondern im XV. Jahrhundert gelebt

hätte. Der größte Wert des Bildes aber liegt in seiner Farbenpoesie.

Es ist ein gemalter freudiger Festgesang. Auf dem warmen grauen Ton,

welcher im Hintergrund vorherrscht, wirkt die geschlossene Hauptgruppe

mit den Köpfen der Engel und der Frauen, dem Fleisch und den

zartgefärbten Gewändern der Engel, mit den paar kräftigen Farbentönen

in den irdischen Stoffen, welche die ganze Lichtmasse nur beleben, mit

dem in weiße Windeln eingeschlagenen Kind als Mittelpunkt, gleichsam

wie ein Hügel von zartfarbigen Blumen, die rings um eine weiße Blüte

herum aufgeschüttet sind; und immer mehr Rosen regnen aus der Luft

herab -- die Engelkinder, die noch oben schweben. Durch das dunkelgrüne

Kleid des vom Rücken gesehenen Mädchens, welches die Gruppe auf der

einen Seite mit kräftiger Dunkelheit abschließt, wird der blumenhafte

Eindruck der rosigen Lichtmasse noch entschiedener hervorgehoben. Der

volle Zusammenklang von Licht und Farbe in der Hauptgruppe tönt an

zwei Stellen nach, welche das Dunkel des Hintergrundes unterbrechen:

auf der linken Seite des Bildes in einem Sonnenstrahl, der auf dem mit

roter Decke überzogenen und mit einem bläulichroten Himmel überdeckten

Bette der Wöchnerin spielt und warme Reflexe umherstreut; rechts --

mit verminderter Kraft -- in dem Herdfeuer und dem Durchblick in das

weißgetünchte Nebenzimmer.

[Illustration: Abb. 21. ~Der gute Hirt.~ Im Museum des Prado zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Wenn man die Pracht der Wirkung dieses Gemäldes in Hell und Dunkel und

im Reichtum der Farben mit dem in der nämlichen Sammlung befindlichen,

in der Größe ähnlichen und im künstlerischen Gedanken einigermaßen

verwandten Engelwunder des heiligen Diego vergleicht, das hierneben

dürftig in der Farbe und zersplittert in der Wirkung erscheint, so

staunt man über den Abstand, den Murillo in den zehn Jahren, welche

zwischen der Entstehung der beiden Bilder liegen, auf dem Wege der

Vervollkommnung durchmessen hat.

Murillo(#58257) · 第 1 / 5 段