Erloschen war des Hundes Wahlmandat.

Der Jäger schoß die Hasen tot wie immer.

Da flog ein Etwas durch den Hasenstaat

Wie erster, schwacher Freiheitsmorgenschimmer.

Zur Neuwahl ließ der Hund die Hasen laden;

Er rief bewegt: „Man juble, man erstaune!

Mein Souverän von Blei und Pulvers Gnaden

Erwachte heut in liberaler Laune.

Er will, daß jeder frei sein Wahlrecht übe

Und ganz nach seiner Überzeugung stimme,

Wer frech das Bild der Volksabstimmung trübe,

Dem droh er schwer mit seinem höchsten Grimme.

Dies ist sein Wunsch. Doch wünscht der Herrscher auch,

Daß ich euch klug zu wählen, gründlich lehre,

Daß ich des Rechts unwürdigen Gebrauch

Beleuchte durch der Folgen ganze Schwere.

Hört nicht auf Freiheitsphrasen, wüst und hohl --

Ihr könntet eure Lage noch verschlimmern --

Die Wahl ist frei! -- Doch was zu eurem Wohl --“

Hier ließ der Hund die Zähne freundlich schimmern --

Und wunderbar: bei vorgenommner Wahl

Fiel auf den Hund der Stimmen ganze Zahl.

3. Die moralische Konsequenz.

Und wieder Wahl nach abgelaufner Frist!

Zur Zeit der Schonung ward sie angesetzt,

Da von den Hasen nichts zu holen ist

Und sie sich mehren dürfen ungehetzt.

Des Jägers Büchse hatte den Etat

An feisten Hasen reichlich eingebracht.

Er sprach bei sich: „Gelegne Zeit ist da,

Daß man zum Schein ein Zugeständnis macht.“

Da ließ der Hund die Hasen sich versammeln.

„Der Jäger will,“ so rief er durch den Hain,

„Ein Hase soll, vernehmt’s mit Dankesstammeln,

In Zukunft euer Deputierter sein.

Denn was sein Volk bewegt im tiefsten Grunde --

Der Herrscher nimmt es ernst mit seiner Pflicht! --

Vernehmen will er’s nun aus Hasenmunde;

Ich aber kandidiere diesmal +nicht+!“

Die Hasen wählten wie aus einem Mund

Zu ihrem Abgeordneten den Hund.

Lehrreiche Fabel.

Vom Zaune schreit ein hocherzürntes Spätzchen,

Ein recht gefräßig-dummes Straßenmätzchen:

„Wie ärgert mich doch diese Nachtigall!

Sie hört nicht auf, mit ihrer Stimme Schall

Tagaus, tagein die Hörer zu entzücken.

Mich will kein Mensch mit seiner Gunst beglücken.

Bequemt sie nur zu einem Seufzer sich,

Dünkt mein Gesang den Menschen lächerlich.

Gewiß: Sie hat Talent, ist musikalisch,

Doch daß sie’s zeigt, ist unkollegialisch!“

Denunziation.

„Huldvollst geruhten Seine Majestät

Dies köstliche Bonmot zu machen: --“

Und ein paar Worte folgen drauf,

Zum Weinen nicht und nicht zum Lachen.

Nur Unsinn ist es eben nicht,

Was Seine Majestät da spricht;

Doch das genügt den öden Kriechern,

Sich untertänigst totzukichern.

Schleppt vor den Richterstuhl die Lecker,

Ihr Hochverratsprozeßaushecker!

Wenn Kön’ge reden mit Vernunft,

Als Wunder rühmt’s die Schmeichlerzunft!

Zweifelhaftes Heldentum.

„Vivat die Propaganda der Tat!“

Ei, Ihr seid mir ja mutige Kerle!

Verputzt die Welt wie eine Schmerle

Oder wie einen Kopf Salat.

Ein roher, hinterlistiger Mord:

+Die+ Tat ist feiger als ein Wort,

Das einer ruhig und unverzagt

Euch Dummköpfen grad ins Gesicht gesagt.

Die unterbrochene Predigt.

Beim Gottesdienst auf freiem Felde hielt

Ein wütend Pfäfflein eine Donnerpredigt.

Mit seines Herrgotts schärfsten Blitzen spielt

Das Männlein ungeniert und unbeschädigt.

Er spricht von einer fernen großen Stadt,

Wo eine Seuche alt und jung verschlingt,

Wo Tag und Nacht durch Werk- und Schlummerstatt

Der Wimmerton der Sterbeglocke klingt.

„Seht,“ ruft er, „seht allda den Finger Gottes!

Seht, wie der Herr die Glaubenslosen schlägt!

Gott ist gerecht! Wie auf die Stadt des Spottes

Der Herr nun endlich seine Hand gelegt --“

Er hob den Blick. Da flog ein Vogel, und

Der schloß durch ein Geschenk aus seinem Schoß --

Ein seltner Glücksfall -- ihm den losen Mund --

Der Vogel, wie mir schien, war ziemlich groß.

Hier sah der Mann den Finger Gottes nicht,

Und das mit Recht. Denn es bedünkt mich schier:

So viel Gefühl, zu strafen diesen Wicht,

So viel Vernunft besitzt wohl auch ein Tier.

Der Sieger.

Der Löwe hält auf offnem Felde Hof,

Und ihn umgibt der Tiere bunt Gewimmel.

Ein kohlenblanker Rappe naht dem Thron,

Mit ihm zugleich ein blütenweißer Schimmel.

„Erhabner König, schlichte du den Streit,“

So riefen sie, „wer schöner von uns beiden.

Ob Schwarz, ob Weiß der Schönheit Preis gebührt,

Wir stritten lang darum; du magst entscheiden.“

Der Leu versinkt darauf in tiefes Sinnen,

Wiegt schwer und lange sein erlauchtes Haupt.

Da tritt bescheidnen und gesenkten Blickes

Ein Esel vor und näselt: „Wenn’s erlaubt,

Daß ich mit meinem Rat euch unterstütze,

Ist weder Schwarz noch Weiß zu etwas nütze.

+Extrem+ sind schwarze so wie weiße Haare,

Und in der +Mitte+ lag noch stets das Wahre.“

„Ha!“ rief der König aus, „nicht Schwarz, nicht Weiß --

Dir, weiser Freund, gebührt der Schönheit Preis;

Du fährst am besten, du, in diesem Streit der dritte,

Ein grauer Esel nur, und doch die goldne Mitte!“

Der Kritiker spricht:

Gott ist gewiß ein begabter Mann;

Nur glaubt er, daß er alles kann.

Säuseln will er und will gewittern --

Ich meine, er sollte sich nicht zersplittern.

Am besten gelingen ihm die Kamele,

Die schuf er mir recht aus der Seele.

Das ist sein Fach! -- Und ich sollte denken,

Er könnte sich wohl darauf beschränken.

Göttliche Komödie.

Zwei Zeitungen haben voll Gift und Wut

Erbitterten Krieg miteinander gemacht;

Ich habe darüber frohgemut

Mich krank -- und endlich gar tot gelacht.

Doch als sie einander mit Würde sodann

Im Anstand Lektionen gegeben,

Da packt’ es mit Rütteln und Schütteln mich an,

Und ich lachte mich wieder zurück ins Leben.

Das erlösende Wort.

Ich hatte mich eifrig fürs Ganze gemüht;

Viel Arbeit und Ärger war mir erblüht.

Ich kämpfte, schuftete ums Gelingen --

Mir sollt’s und konnt’s keinen Vorteil bringen.

Da kommt so’n Mensch, den Gott in die Welt

Als Stütze für’n Naströpfel hingestellt,

Und sagt ganz frech hinter meinem Rücken:

Ich wolle mich nur mit Lorbeern schmücken.

Zwar dumm war’s, doch auch niederträchtig;

Drei Tag’ lang war mir’s im Herzen nächtig.

Am vierten aber, da fiel mir’s ein:

„Der Kerl ist ein Gesinnungsschwein.“

„Gesinnungsschwein“ -- famos! famos!

Gleich war ich allen Kummer los.

Muse, hab’ Dank für das hehre Wort!

Ich pfeif mir ein Lied und wirke fort.

An einen außerordentlichen Professor,

so mich mit einem Elefanten verglich.

Symbol der Weisheit ist der Elefant,

Und heilig hält man ihn am Flusse Ganges;

Er ist des Buddha irdisches Gewand;

Ganesa, Gott der Künste, des Gesanges,

Wird elefantenhäuptig dargestellt;

Auf Elefanten ruht das All der Welt;

Ein Elefant ist Indras Schlachtgenosse --

Nie hört ich gleiches vom Rhinozerosse.

An einen Erfolggekrönten.

„Wie sich Verdienst und Glück verketten,

Das fällt den Toren niemals ein.“

Du wirst dich vor dem Schimpf nicht retten,

Ein „Tantiemenhecht“ zu sein.

Brauchst aber nicht viel danach zu fragen.

Laß du getrost deine Villa ragen

Und in Goldschrift über der Tür anbringen

Die Einladung Götzens von Berlichingen.

Päan.

Heute will ich mit Harfenton

Weiber und Männer besingen,

Die Europens faule Kultur

Fabelhaft vorwärts bringen.

„Umjewertet muß alles sein!“

Dies ist ihr großer Gedanke.

Ärmliches Rinnsal nur ist der Nil;

Aber ein Strom ist die Panke.

„Spießer“ wäre, wer bei der Frau

Und den zwölf Kindern bliebe!

Nur ein doppelter Ehebruch

Ist genialische Liebe.

Eines verbotenen Ehebands

Lieblich-heimliche Schlingung

Ist für eine erhöhte Kultur

Allererste Bedingung.

Äußerst wichtig ist außerdem,

Daß du nicht zahlst, was du schuldest,

Und kein achtungverletzendes Wort

Von dem Gläubiger duldest.

Wenn dein Schneider die viere streckt,

Soll er doch ruhig verrecken!

Gott sei Dank ist die Menschheit da,

Um das Genie zu bezwecken.

„Wahrheit“, „Ehre“, „Gerechtigkeit“

Is ja man „Quatsch mit Soße“.

Alles, was andere schaffen ist Kitsch;

+Euer+ Tun ist „das Große“.

Was euch ragend im Wege steht,

Haut es in Knäuel und Klumpen --

„Herrenmenschen“ nennt man euch dann!

(Früher sagte man „Lumpen“.)

Hamlet im 20. Jahrhundert.

Letzte Szene. Der König, die Königin, Hamlet und Laertes liegen als

Leichen auf der Bühne.

+Fortinbras+ (Herr Schulz):

Laßt vier Hauptleute Hamlet hoch zu Throne

Gleich einem Krieger tragen: bei dem Zug

Laßt Feldmusik und alle Kriegsgebräuche

Laut für ihn sprechen! Nehmet auf die Leichen!

(Zum Publikum:) In Arrangierung solcher Leichenzüge

Ist unsere Firma ohne Konkurrenz.

Zur Übernahme von Beerdigungen

Sowie Beschaffung feinster Trauerroben

Empfiehlt sich dem verehrten Publikum

+Das Trauermagazin von Schulz & Söhne+.

(Trauermarsch. Der Vorhang fällt langsam.)

Nibelungenstrophen des Oberlehrers Ambrosius Fuchser[4].

1. ~Probatum est.~

Uns ward in diesen Tagen verheißungsvolle Mär;

Von einem mitteldeutschen Gymnasio kam sie her.

Von Sexta bis zur Prima jedweder Tadel soll,

Den sich ein Schüler zuzog, geschrieben werden in ein Protokoll.

Zum Beispiel, wenn in Sexta ein Kind so ruchlos war,

Ein andres Kind zu zupfen am Ohre oder Haar,

Vielleicht es gar zu piksen im dicksten Teil des Beins,

So nimmt der Lehrer Feder und Protokoll her und notiert ihm eins.

Dort bleibt nun +bis zum Abgang+ das schnöde Schandmal stehn,

Und all und jedes -- wär’s auch das winzigste Vergehn --

Trägt man +mit echter Tinte+ in diese Blätter ein.

(Das Buch muß selbstverständlich zu diesem Zweck ein ziemlich dickes

sein!)

Steht nun der bange Jüngling im Abiturium,

So wendet der Herr Schulrat bloß diese Blätter um.

Nicht fürchtet ihn der Fromme -- den Bösen trifft sein Fluch;

Des Prüflings ganze Seele, sie liegt ja offen vor ihm wie ein Buch!

O Heil der neuen Schule, die Konduiten schreibt,

Daß auch der kleinste Fehler nicht ungeahndet bleibt!

Hätt’ also man den Goethe traktiert von Anfang an,

Er wär vielleicht geworden ein tugendhafter, ordentlicher Mann.

2. Der Fleck.

O großer, hehrer Schiller, ich geb es gerne zu:

Nicht nur ein großer Dichter, ein großer Mensch warst du.

Du hieltst in reinen Händen das hehre Ideal,

Und das ist stets zu loben, in unsrer tief gesunkenen Zeit zumal.

Doch eins, o großer Schiller, gereicht dir nicht zur Ehr;

Du reistest +ohne Urlaub+ zur Räuber-Première.

Wo hielt dein guter Engel, o Schiller sich versteckt,

Als du dich so vergingest! Das war, ach, nie und nimmermehr korrekt!

Sieh, wenn so stark dein Herz dir nach jenem Mannheim schlug,

So war’s nicht mehr als schicklich, um Urlaub ein Gesuch

Auf längsgefalztem Bogen, mit Achtungsstrich zuletzt,

Zu schreiben an die hohe Behörde, welche Gott dir vorgesetzt!

Und wenn man’s dann dir abschlug, so war es sonnenklar,

Daß es zu deinem Besten und Schwabens Wohle war.

Doch daß du schwänztest -- warst du auch zehnmal ein Genie --

Das bleibt ein Fleck, o Schiller, in deiner sonst so reinen

Biographie! -- --

3. Zur sozialen Frage.

Ich las in einer Zeitung von einer Ladnerin,

Die aus der Kasse Geld nahm, das sich befand darin.

Zum Glück ward die Verworfne zur rechten Zeit erwischt

Und fortgeschleppt zum Kerker, daß ihr Charakter werde aufgefrischt.

Bezog sie auch pro Monat nur dreißig Mark an Lohn

Und war er einbehalten seit zweien Monden schon,

Weil sie zerschmissen hatte verschiednes Porzellan --

Ein +ordentliches+ Mädchen, das hätte so was dennoch nicht getan.

Der Mensch ist frei geboren, ist frei, das steht mir fest,

Und der nur wird verleitet, der sich verleiten läßt.

Und bellte laut sein Magen, viel lauter bellen muß

Aus seines Wesen Tiefe der ~Imperativus categoricus~.

Und geht’s in solchem Falle dem Sünder nicht so schlecht,

So läßt man eben Gnade ergehen mal vor Recht;

Denn Hunger und dergleichen Entschuldigungen gibt’s

+Nicht+ für den +Legislator+, und darf’s auch nicht, aus

Gründen des +Prinzips+!

Wohl gibt’s ein Recht zum Leben, ein Recht auf Arbeit auch,

Ein Recht auf Nahrung nimmer, der Mensch ist +mehr+ als Bauch!

Der Mensch soll eben stark sein, beherrschen soll er sich!

Behandelt man ihn milde, gebärdet er nur immer toller sich.

Käm ich mal in die Lage, zu hungern oder so,

Ich trotzte jeder Lockung und stürbe frei und froh.

Doch eben weil ich ehrlich mich hielt mein Leben lang

Mit ungeheurer Mühe, so hab’ ich Trank und Speise. Gott sei Dank.

4. Die Wissenschaft muß umkehren.

Gib, daß ich heut, o Muse, mit Engelszungen sprech’;

Die Wissenschaft, du Hehre, die wird ’mal wieder frech!

Trotz meines ernsten Mühens weicht sie um keinen Schritt

Und leugnet alte Lehren, die ehmals kein Gesitteter bestritt.

Es wird so ziemlich alles mit frevlem Mut gewagt;

Vermessen nach dem +Alter der Erde+ wird gefragt!

Fünftausendneunmalhundert sind es und dreizehn Jahr,

Seit Gott die Welt erschaffen: das ist, ihr Herr’n, der frömmsten

Einfalt klar!

Nach +Affenmenschen+ sucht man auf Javas ferner Flur;

O bleibt, ihr blinden Toren, bei uns im Lande nur!

Ihr lästert Gott und Menschen mit dem, was ihr bezweckt:

Ich stamme +nicht+ vom Affen, das sag ich euch, zum mindesten

nicht direkt.

Man sollt es gar nicht glauben: Der Schwindel geht so weit

Daß ein gewisser Virchow mit „Wissenschaftlichkeit“

Erklärt: „Des Denkens Vorgang wird bald erkennbar sein.“

Na ja, ich sag euch so viel: In +meinen+ Schädel dringt ihr

+nicht+ hinein!

Ich frage: +Warum greift hier nicht die Regierung ein+?

Kann +sie+ denn bei der Drohung des Virchow ruhig sein?

Sie steure diesem Greuel mit Schneidigkeit und Schwung;

Dazu hat sie ein Recht und -- das wissen alle -- auch Befähigung!

Auch ich bin ein Gelehrter und Freund der Wissenschaft;

Doch über meine +Seele+ gewinnt sie keine Kraft!

Vom frevlen Wissensdünkel halt’ ich mein Herze rein;

Mein Wissen kann nicht anders als immer nur ein höchst bescheidnes

sein!

Stellt gegen +meinen+ Glauben nur +eure+ Wissenschaft,

Und lernt, wem Gott gekrönet die Stirn mit höh’rer Kraft!

Ich lehre und verkünde in Stadt sowohl als Land,

Was Gott der Herr gesprochen und ich als gut und richtig anerkannt.

[4] Ambrosius liebt die in der letzten Zeile achtsilbige

Nibelungenstrophe des Gudrunliedes, weil sie lang nachschleppt

wie der Mantel eines ~rector magnificus~.

Eruption.

In einem Bade, dahin man geht

Wegen beginnender Nervosität,

Saß ich friedlich bei einem Glas Bier,

Eben versöhnt mit der Welt und mir.

Da muß zu meinem starren Entsetzen

Die Kurkapelle die Bögen wetzen,

Die Kurkapelle -- ~mon sort tragigue~!

Denn ich liebe so sehr die Musik!

Entkommen konnt’ ich für kein Geld,

Weil mich mein Freund, der Arzt bestellt,

Klappt’ also hoch meinen Kragen nur

Und unterwarf mich auch dieser Kur.

Die Herren spielten sich ein Programm --

Höll’ und Himmel und Gottverdamm’!

„Die Schmiede im Walde“ -- o ungeheuer! --

Mit Hammerschlag und bengalischem Feuer --!

„Du liebes Aug’, du lieber Stern“ --

„Zigeunerkind hat niemand gern“

Und -- ob sich mir auch das Herz gebäumt hat --

„Weißt du, Mutter, was mi’ träumt hat!“

Tod und Teufel! Mein Freund, der Wicht,

Kommt die Kanaille noch immer nicht?

Nun obendrein noch ein Potpourri --

+Muß+ man nun dazu schweigen? wie?

Was zögert der Freund? Sein Wort soll ihn brennen!

Ist das überhaupt noch „Freund“ zu nennen?

Zu meiner Linken saßen bei Bier,

Tabak und Skat der Mannen vier.

Drei sahen das Meer mit dem Rücken an;

Die Daumen drehte der vierte Mann.

Sie säßen seit sieben Stunden dabei,

Erklärten sie selber offen und frei,

Sie sagten, hier säße man am besten

Im ganzen Ort -- und lüpften die Westen.

Grad vor mir stritt ein edler Haufe,

Wo man das beste „Pilsner“ kaufe,

Und wo es zu warm und wo es kalt sei,

Und ob es mit zwanzig Pfennig bezahlt sei;

Auch applaudierte man dem Konzerte,

Macht’ eine Lebensversich’rungsofferte

Und rief im Mäcenatenton:

„Ach spiel’n Sie noch ’mal die ‚Holzauktion‘!“

Zu meiner Rechten aber, ei ei,

Saßen zierlicher Damen drei:

Die waren im Tagewerk schon weit,

Bei der vierten Torte, beim fünften Kleid.

Bedachten soeben, was sie nun wollten,

Ob sie sich +nochmal+ umzieh’n sollten,

Sprachen von Nizza und anderen Stätten:

Ja, da sehe man nach Toiletten!

Andre als hier! Hier sei es ja kläglich!

Z. B. die Oberstin trage täglich

Das rosageblümte Morgenkleid,

Und das sei ihr auch noch hier oben zu weit.

So kamen sie bald durch Analogie

Auf die Romane der Nataly

Und den Heldenspieler Herrn Bogentritt.

Summten auch schmachtend ein Weilchen mit

„Ist denn kein Stuhl da?“ und ähnliche Lieder,

Fuhren plötzlich zusammen wieder:

„Ob man’s beachtet -- es sei ein Skandal! --

Daß nun heut schon zum zweitenmal

Die Kammerrätin ganz ~sans façon~

Flaniere mit einem Seladon --

Was? Ein Verwandter? Haha! So dumm!“

Da reißt es mir jäh den Kopf herum:

Die spielen bei Gott -- was packt mich denn an? --

Das Menuett aus dem „Don Juan“.

Und da schossen auch schon -- ja scheltet mich „Tor“!

Die Tränen mir wild aus den Augen hervor,

Und in mir rief’s mit Entsetzen schier:

„Allmächtiger Mozart -- was willst du +hier+?!“

Da +war+ er!! Ich sah durch den Garten ihn gehn --

Starrend hab ich ihn angesehn --

Wollt’ es ihm gern mit Blicken beschreiben:

Nicht hier! O +hier+ nicht! +Hier+ kannst du nicht

bleiben ...

Da war er schon fort.

Die Kapelle spielte

Ein Gassenlied, das soundsovielte. -- --

Und jäh verstand ich das heiße Leid

Von alles Großen Einsamkeit.

Griff schnell nach dem Seidel und biß ins Glas --

Nicht heulen! Die Damen merken schon was!

Nahm’s Tuch und schnaufte, erhob mich flink,

Stolperte, stieß einen Stuhl um und ging.

Draußen kam auch mein Freund daher,

Dem beichtet’ ich bald die ganze Mär.

Der schüttelt den Kopf, ich weiß nicht wie:

„Hyperästhesis -- Neurasthenie!

Da sieh dir die andern Leutchen an:

Die sind gesund -- nimm dir’n Beispiel dran.“

Ich blickte zum Himmel: da loderte fern

Venus, der große, blühende Stern.

Und rufen mußt’ ich’s mit lachendem Mund:

„Bin ich denn krank und sind jene gesund --

Dann dank ich dir, Gott, mit bewegtem Sinn,

Daß ich ein Neurastheniker bin!“

XII. +Denkzettel.+

Offenes Visier.

Schlag frei des Geistes Auge auf im Angesicht der Welt

Und modle deine Rede nicht, daß allen sie gefällt;

Der Feige gibt ein schillernd Wort gelegner Deutung hin --

Ein Sinn beherrsche jedes Wort; doch nie das Wort den Sinn.

Karriere.

Er stieg von Amt zu Amt mit stetem Glück,

Verkehrte höflich selbst mit Erzhallunken,

Wich freundlich hier und freundlich dort zurück --

Und so ist er gemach emporgesunken.

Der Diplomat.

Herr Luchs spricht keinem Menschen nach dem Mund; --

Und doch gelang es ihm, so hoch zu steigen?

Ja: denn der Schalk versteht die feinre Kunst,

Den großen Herren nach dem Ohr zu schweigen.

Ein Korrekter.

Das ist ein Kerl nach der Zeiten Gebot!

Und bät ihn Gott selbst um ein Stücklein Brot,

Er fragte zunächst, was, wenn er’s schenke,

Die vorgesetzte Behörde denke.

An eine kleine Pharisäerin.

„Dieser Mann ward arm durch eigne Schuld!

Und mit voller Hand sollt’ ich ihm geben?“

Edle Dame voller Lieb’ und Huld,

Ja! -- Denn von der Schuld kann er nicht leben.

Den Feinden der Mode.

Wer schilt mir noch die Mode gar?

Erscheint’s euch denn so wunderbar,

Daß, was die „halbe Welt“ beglückt,

Die andre Hälfte mit entzückt?

Auf einen feisten Monarchen.

Kein Schlemmer hat bei Spiel und Bauch-Ergetzen

Solch ein Gewicht wie König Rülps erreicht.

Auf seinen Grabstein wird sein Volk ihm setzen

Das schlichte Wort: „Er sei der Erde leicht!“

Der Snob im Theater.

Des Volkes Stimme macht Ihm nie Beschwerde;

Ihm gilt kein Urteil, das nicht Er gefällt.

Er hält ein ganzes Volk für eine „Herde“,

Eh’ Er Sich Selbst für einen Ochsen hält.

Auf einen bürokratischen Emporkömmling.

I.

„Wem Gott ein Amt gibt, gibt er auch Verstand.“

O Lügenwort, das Ohnmacht sich erfand!

Dem Flachkopf, der durch Gunst ein Amt erklommen,

Hat Dünkel bald den Rest von Hirn genommen.

II.

Seitdem er stieg, trägt er ein frommes Kleid.

Ich schätz’ ihn wegen dieser Dankbarkeit.

Er fühlt’s: So dumm sein und so hoch es bringen,

Das geht nur zu mit überirdschen Dingen.

III.

(Er ist vermählt.)

Justitia fit. Wer draußen wird geplagt,

Der findet still daheim, was ihm behagt.

Und wer im Amte frech auf Stelzen wandelt,

Wird meist zu Hause subaltern behandelt.

Aktuell um jeden Preis.

„Nur aktuell, und ganz im Dienst des Tages stehn!“

Der Edle schreit es aus als Grundsatz seiner Zeitung.

Das Korn vom Tag vorher mag auf dem Halm vergehn;

Dem Mäusedreck von heut verhilft er zur Verbreitung.

Auf einen Skandal-Journalisten.

Er schimpft und tobt, ein wahrer Schlammvulkan!

Und tut dabei, als ob nicht Haß ihn triebe.

Und wahrlich habt ihr Unrecht ihm getan:

Er schimpft wie eine Priesterin der Liebe.

Auf einen Redakteur.

Wie kommt der Wicht dazu -- beim Element! --

Sich mastig wie ein Osterochs zu dehnen? --

Der Mann besitzt das Recht und das Talent,

Die Werke eines Shakespeare abzulehnen.

Auf einen finsteren Kunstrichter.

Kein Geschöpf trägt seinen Namen;

Hoffet nicht, ihn zu erbitten.

Unfruchtbare alte Damen

Haben schrecklich strenge Sitten.

Passende Beschäftigung.

Neidgelber Schuft, du suchst dein Element?

Leck ab die Stiefel aller fremden Dichter;

Das spuck den heimischen in die Gesichter,

So wirst du ein moderner Rezensent.

Der Einzige und sein Eigentum.

Er ist und bleibt der schärfste Rezensent;

Denn just das Beste ist für ihn das Schlechte.

Ist jedes Buch, das er als gut erkennt,

Ein frecher Eingriff doch in seine Rechte.

Auf einen Pornographen.

Er hat Talent. Nur muß er sich ergehen

In Schweinerei’n: so glückt ihm sein Gedicht.

Die Muse hat -- verzeihlichstes Versehen --

Geküßt ihn aufs konträre Angesicht.

Beliebtes Rezept.

Das faßt die Jugend heut beim ersten Wink:

Die Ruhmbekränzten muß man dreist vermöbeln!

Selbst kann man nichts -- so bleibt nur eins: sich flink

An Männern von Verdienst emporzupöbeln.

Einem Pessimisten.

Von Weltverachtung strotzen deine Lieder --

Und langst doch gierig nach des Ruhmes Kränzen.

Du lügst. Wem diese Welt im Grund zuwider,

Verachtet es gewiß, in ihr zu glänzen.

Einem jungen Welthasser.

„Unzufrieden bin ich mit der Welt!“

Also rufst du trotzig und entschieden.

Hast du, junger Freund, schon festgestellt,

Ob die Welt denn wohl mit dir zufrieden?

Wohlgemeinter Rat.

Du sollst dich nie so weit verlieren,

Mit einem Esel zu disputieren.

Deine schärfsten Beweise erscheinen ihm ja

Als kollegiales Y--a, Y--a.

~Homo novus.~

Da seht mir den Parvenu, den verrannten:

Er will nicht von tierischen Ahnen kommen!

Kaum ist er ein wenig emporgeklommen,

Verleugnet er schon seine nächsten Verwandten.

Den Rückwärtsern.

I.

„Historisches Werden! Historisches Wachsen!“

Mit euren Phrasen! Mit euren Faxen!

Werden und Wachsen -- kann’s denn geschehn

Ohne die Sonne neuer Ideen?

II.

Neue Ideen (wie die Sonn’ im Lenz!)

Treiben aber mit Vehemenz.

Oder verlangt ihr von Alt und Jung

Temperierte Begeisterung?

III.

Um die Rechte des Volks zu morden,

Was nicht habt ihr als Recht gefodert!

Ja, euer Recht war historisch geworden;

Aber nun ist es historisch vermodert.

Der dichtende Schimpfbold.

Hei, wie hast du die andern verrissen!

Und nun du selber? Du „dichtest“ ja vieh’sch!

Eines, Freundchen, solltest du wissen:

Schimpfen verpflichtet. ~Poeblesse oblige.~

Auf einen Rezensenten.

Der Mann verriß die Verse aller Dichter --

Sein erstes Lied erweist ihn als gerecht:

Nicht war er andern nur ein harter Richter,

Er macht auch seine eignen Verse schlecht.

Der Geheimnisser.

Ein „Magus des Nordens“ in jedem Gedicht,

Fügt er geschäftig Reim an Reim.

Ob er gedacht dabei oder nicht,

Das hält er wunderbar geheim.

Auf einen Herausgeber,

der von einem Schriftsteller namens Alfred Gold abschrieb.

I.

Oh, sein Talent ist nicht so eng begrenzt!

Vielseitig ist er schon, der Sakramenter!

Es ist nicht alles „Gold“, was bei ihm glänzt;

Nein, hin und wieder stahl er auch bei Schlenther.

II.

Kein schmählicher Verdacht verkenne ihn!

Er ist ein ehrliches, ein braves Haus;

Er ist ein neuer heiliger Crispin:

Er stiehlt nicht nur; er gibt ja auch heraus.

III.

Siegfried der Niblung war kein übler Herr:

Doch +deine+ Glorie zehnfach heller prangt.

Er war defekt; doch du bist integer.

Ich meine: was die Hornhaut anbelangt.

Der Mystikus.

O hättest du immer „dunkel“ geschrieben,

Du wärst ein Symbolist geblieben! --

Zum ersten Male schrieb er klar --

Da sah man’s, daß er ein Simpel war.

Neustes Rezept für Lyrik.

Paßt in den Vers das Wort, das mir vonnöten,

So halt ich’s mit der Klarheit und mit Goethen.

Gerät der Ausdruck mir konfus und schief,

Alsdann, ihr Trottel, bin ich eben +tief+.

Auf einen Minister.

Das ist ein Mann! Soll er was Rechtes tun,

So hält er’s „jetzt noch nicht für opportun“,

Und hilft ihm keine Ausflucht dran vorüber,

So stellt er sich „sympathisch -- gegenüber“.

Auf einen Parteiführer.

Ei, seht mir doch den alten Freiheitsknaben!

Wie seine Herrschsucht alles niederhaut!

Die Freiheit liebt er, traun, wie eine Braut;

Er möchte sie für sich alleine haben.

Emanzipierte Frauen.

Ihr spielt mit falschen Bärten, liebe Närrchen.

Wie gern vertraut man echten, starken Frauen!

Nun aber seid ihr nachgemachte Herrchen --

Kein Laie wird, kein Geistlicher euch trauen.

Der kreißende Dichter.

Ein großer Wurf liegt ihm im Sinn,

Wie wogt sein Dichterbusen!

Gleich fallen alle Neune hin!

Zwar Kegel nicht, doch Musen.

Warnung.

Gedichte(#75501) · 第 11 / 12 段