Setz, was du willst, mein Freund, den Deutschen vor,

Nur keine -- wenn ich raten darf -- Komödie.

Sie richten Lerchenlied und Rosenflor

Standhaft nach den Gesetzen der Tragödie.

Pharisäer und Heuchler.

Wie um Kleist, um Hebbel sie klagen

In spätem Bewunderungsfieber! --

Hört zu: Sie wurden erschlagen

Durch Kerle von +eurem+ Kaliber.

Der „Tiefe“ im Lustspiel.

Und lachen Götter und Menschen und Engel --

Er ist zu bedeutend; drum lacht er nie.

Recht hast du, erhabener Würdebengel;

Das Lachen scheidet den Menschen vom Vieh.

Auf einen Polizeiminister.

In jeglichem Erlasse trachtest du,

Wie du mit Ketten fester uns umschließest.

Das wär’ fürwahr dein trefflichster Erlaß,

Wenn du dich selber uns erließest.

Diplomatie.

Seid ihr mit Pulver und Blei bewehrt,

Dann laßt die Diplomaten schalten!

Die werden solange den Frieden erhalten,

Bis einer von ihnen den Krieg erklärt.

Der Bescheidene.

„Ich weiß, ich habe viel und große Mängel!“

Er spricht es nicht mit Scham, nein, mit Erdreisten!

Und denkt bei sich: Ein so famoser Bengel

Wie ich kann sich ein Schock von Fehlern leisten.

Kein Wunder.

Das wär’ mein Stück? Das kann ich nicht verstehen!

Als baren Unsinn zeigt mir’s dieser Mann!

„Ich ließ dies Drama durch den Kopf mir gehen,“

So schreibt der Kritikus.

Ja freilich: +dann+ -- --!

Auf einen Hosenknopf-Naturalisten.

„Fort von der Bühne Traum- und Fabelwesen!

Man spuke nicht! Allein man spucke dreist!“

O wäre Shakespeare doch wie du gewesen!

Wir hätten einen Hamlet ohne Geist.

Bescheidenheit.

Wir sagen’s frei: „Wir Menschen irren alle.“

Bescheidenheit stand keinem jemals schlecht.

Nur -- zeigt man uns an einem Einzelfalle,

Daß wir geirrt -- so sind wir da im Recht.

~Hinc illae lacrimae.~

Es gibt kein Stück, das ihn bewegt;

Er beißt und spuckt wie nur ein Lama.

Wo sonst ein Herz den Menschen schlägt,

Trägt er ein ungespieltes Drama.

~Le précieux ridicul de Berlin.~

Er ist ein Fatzke, meiner Seel’;

Doch manchmal hat er auch Urteil und Schick,

Und kurz und gut: er ist ein Juwel

Im Schmockkasten unsrer Theaterkritik.

Der lautere Künstler.

(Faust I, Hexenküche.)

Weh denen, die durchs Drama Geld erwarben!

Mit Gift bespeit er sie in vollen Garben.

Wie glücklich würde sich der Affe schätzen,

Könnt’ er nur auch in jenes Lotto setzen!

Zierden des Vaterlands.

(1910.)

I.

Vier Anonymi fielen mich an:

Ich sei -- bum bum! -- kein deutscher Mann.

Lieb Vaterland, magst ruhig sein:

Vier Hunde kneifen die Schwänze ein.

II.

Verzeiht, ich habe mich geirrt;

Schaut her, wie sich das Bild entwirrt:

Nicht vier der Hunde -- das muß ich ergänzen --

+Ein+ Köter war es mit vier Schwänzen.

Altes Lied von der Zufriedenheit.

Herr Plutus lehrt bescheid’nen Sinn;

Er singt so schön, er singt so gut:

„Was fragt ihr viel nach Geld und Gut,

Wenn ich zufrieden bin?“

Inschrift.

Warum ihr Frau Justizia heut

Mit einer Binde schaut?

Sie sieht nicht, was das Zünglein deut’,

Und nicht, wohin sie haut.

Ein Biedermann.

„Mir handelt es sich nie um die Person!

Mein Sinn ist auf die +Sache+ nur gestellt!“

Er überzeugt durch echten Herzenston;

Denn jene hehre Sache ist das Geld.

Verbesserte Auflage.

Zum zweitenmal erscheinen deine Lieder.

„Verbessert“ schriebst du drauf mit kühnem Sinn.

Ich blätt’re zweifelnd nach -- und blätt’re wieder --

Und wirklich sind jetzt weniger darin.

Der beliebige Meyer.

Ich bin blamiert! Ich bin moralisch tot!

Mein Ruhm ist futsch! Mein Ansehn ist zum Geier!

Denn Meyer schreibt, ich wär’ ein Idiot.

Wer?

Meyer!

Meyer??!

Ausgerechnet: Meyer.

Meyer II.

Daß nichts ich kann, sucht Meyer euch zu zeigen;

Was kann dagegen Meyer, dieser Held!

Er kann mir rückwärts auf- und niedersteigen

Und Einkehr halten, wo es ihm gefällt.

Meyer III.

Er hat ein Stück um ein Klosett geschrieben,

Und dennoch ist es ungespielt geblieben.

Dies sei dir Trost, du wilder Stückerichter;

Noch spielt man nicht die wahren Afterdichter.

Derselbe.

Den Abort hat er in ein Stück gebrungen

Und ist damit nicht an das Licht gedrungen.

Hinfüro hat er fremde Kunst besprochen,

Und sieh: Der fromme Dichter wird gerochen.

Hartgesotten.

„Geh in dich!“ rief ein Moralist,

„Gott warnt durch mich zum letzten Male!“

Was gab zur Antwort der Sophist?

„Ich gehe nicht in schlechte Lokale.“

„Haltet den Dieb!“

Ei, ob der Mann gescheit ist, sapperlot!

Soll er ein Drama mit Kritik bedenken,

So schimpft er „Schwachkopf“, „Stümper“, „Idiot“,

Um auf den Dichter den Verdacht zu lenken.

Ein Typus.

Mit neunzehn entließ ihn die Oberklasse;

Dann hat eine Zeitung ihn angestellt;

Mit zwanzig ertrank er im Tintenfasse

Und richtet von dort aus nun Menschen und Welt.

~Nil admirari.~

Das ist dein Grundsatz: „Ich bewundre nie.

Und bringt ihr zehnmal Gold -- ich nenn es Messing.“

Ja, zeugte kalte Schnauze von Genie,

Dann wäre freilich jeder Hund ein Lessing.

Je nachdem.

Hand aufs Herz und ohne Phrasendunst:

Fällt nicht euer Urteil ganz, „wie’s trefft“?

Wenn ihr’s selber machtet, war es Kunst;

Wenn’s ein andrer machte, war’s „Geschäft“.

Auf einen Berliner Preßjüngling.

Wie du die Dichter schmähst mit sittlichem Erbosen,

Das, holder Freund, muß jedem klar beweisen:

Wär’n ihre neuen Stücke alte Hosen

Und +deine+ Ware, würdest du sie preisen.

Der Selbstdichter.

„Noch fehlt uns das moderne Trauerspiel,

Mit dem ein Shakespeare bald uns überrasche!

Das Drama unsrer Zeit im großen Stil -- -- --“

Na ’raus damit, du hast’s ja in der Tasche.

Noch einer von den vielen.

(Frei nach Gerhart Hauptmann.)

Auch dieser Schimpfbold schrieb ein Trauerspiel

Mit Namen „Sehnsucht“, welches nicht gefiel.

Weshalb er mir den Hals nun umzudrehn sucht.

A jeder Schmierfink hat halt seine „Sehnsucht“.

Ältester Adel.

Wähne sich auch noch so alt dein Adel --

Herr v. Protz trägt ältren Adels Zier.

In der Wüste sonder Furcht und Tadel

Sprang sein Ahn schon um das goldne Tier.

Poetaster.

Wer nach dem Ausdruck sucht, ist darum nicht schon Poetaster;

Wer nach Eindrücken sucht, das ist der Stümper von Fach.

Die „Ernsthaften“.

Die rechten Kritikaster die seyn finster;

Ein hell und herrlich Jauchzen bringt in Zorn sie,

Und lacht aus ödem Kraut ein goldner Ginster,

So schnaubt und grunzt das seriöse Hornvieh.

Auf eine Reklamegröße.

Wie kommt’s, daß diesen Dichter alle kaufen?

Man ist nach seinen Büchern auf der Jagd!

Wie macht’ er nur so schnell sich einen Namen?

Ei, einen Namen hat er sich -- gemacht.

Auf einen Jambenrassler.

Das brüllt und lärmt und spritzt nach jeder Richtung

Und ist ein ewig Gischt- und Schaumgetrief’!

Ein wildes Wasser, Freund, ist deine Dichtung --

Und stille Wasser, sagt man, wären tief.

Auf einen käuflichen Literaten.

Zehntausend Bogen füllt nun dein Geschmier;

Für Lug und Schwindel wächst dir Gold in Klumpen.

Drum wandelst du dich mählich in Papier,

Und das ist freilich der Beruf der Lumpen.

Der Handelsmann im Norden.

Ja, „Rundschau“ nennt er sein Monatsheft

(Man ergänze: „über mein Büchergeschäft“!)

Und tut wie der einzige große Christoffer.

Nicht „Rundschau“ sagen! Sag: „Musterkoffer“.

Nur bescheiden.

Wer Großes mit Bewußtsein schafft,

Den nennen die Lumpe dünkelhaft.

Ein rechter Leu muß, wie sie meinen,

In einer Eselshaut erscheinen.

Die Rechten.

Und bist du der beste der Menschen gewesen,

Und öffnet Gott selbst dir das Himmelstor,

So rufen just die gemeinsten Streber:

„Er drängt sich vor!“

Der größte Lacherfolg.

In allen Künsten dieser Zeit

Wetteifert vieles in Lächerlichkeit.

Eins aber bleibt ohne Konkurrenz:

Die große Gebärde der Impotenz.

Einem kleinen Kometen ins Stammbuch.

Der Himmel blüht von Millionen Welten --

Wir blinzeln faul hinauf und gehn fürbaß.

Du aber bist geschwänzt und machst dich selten --

Begeistert sucht dich jedes Opernglas.

Amnestie.

Wie? Alles lobt und preist mit vollen Wangen

Ihn, dessen Werk man gestern frech verhöhnt?

Ihm starb sein Weib. Von Wahnsinnsnacht umfangen,

Ging er ihr nach.

Nun ist der Neid versöhnt.

An ein Rauhbein.

Was höhnst du die Höflichkeit so bitter

Und die guten Formen, die feinen und zarten?

Sie sind die unentbehrlichen Gitter

In einem zoologischen Garten.

Das „~Dr.~“ vor dem Namen.

Tief vor deinem „~Drrrr~“ soll ich erschauern,

War dies „~Drrrr~“ doch deines Studiums Zweck.

Sterb einst ich, so wird mein Name dauern;

Stirbst hingegen du, so bleibt ein Dr...

Auf einen Rezensenten namens Kuh.

Herr +Kuh+ versucht, mich in den Staub zu zieh’n.

Wieso denn „Kuh“? Warum so feminin?

Falsche Rechnung.

„Viele Hunde sind des Hasen Tod“;

Also hetzt ihr wie die schwere Not.

Dennoch geht der Fang euch aus der Nase;

Seid ihr Hunde, bin doch ich kein Hase.

Disputation.

„Ich opfre dem Glauben gern den Verstand!

Das +muß+ man!“ schrie er fromm entbrannt.

Vergiß nur nicht, mein lieber Mann,

Es kommt auf die Größe des Opfers an!

Ein Frommer.

„Willst du vollkommen sein“ -- das fiel ihm ein --

„Verkauf dein Gut und gib’s den Armen hin!“

Und er empfand’s mit dankerfülltem Sinn:

Gottlob! ein Mensch kann nicht vollkommen sein!

Unsere Protestanten.

„Kampf gegen jede Fäulnis und Zermorschung!

Gewissensfreiheit! Freie Bibelforschung!“ --

Wie hab’ ich euren Mut so oft bewundert;

Das alles fordert ihr -- fürs sechzehnte Jahrhundert!

Den Dunkelmännern.

Was nicht ihre Gesinnung bekundet,

Schelten sie „unreif“ mit bösem Gekeif.

Ist denn die Distel darum reif,

Weil sie dem Esel mundet?

Ökonomie.

Ward je ein großes Glück dir zugemessen,

Zwei Drittel schiebe still davon beiseit’.

Bei einem denk’: „Das wird die Scheelsucht fressen“;

Beim andern sage dir: „Das frißt der Neid“.

Der Prophet im Vaterlande.

Sie ehren das Große der Heimat nie.

Sie schließen im stillen nach Analogie:

Wie wüchsen wohl große Geister hier,

Wo solche Kälber gedeihn wie wir.

[Illustration]

Gedichte(#75501) · 第 12 / 12 段