„Er wußte nur die Geister zu vergnügen,

Drum ließen ihn die Körper ohne Brot.“

So auch mit unerbittlich harten Zügen

Trat ihm vor Augen oft die bleiche Not;

Er aber sah mit seligem Genügen

In eines Jenseits Duft und Morgenrot;

Ein Vaterland dem müden Pilgrim wies

Weltferner Schimmer: ~Lux in tenebris!~

Auf seines Lebens wechselvoller Reise

Erhob ihn oft Prophetenvision.

Nicht war’s ein Mann nach unsrer Zeiten Weise,

Doch ein Genie und aller Zeiten Sohn.

Die Sonnen ziehn in eigenem Geleise --

Was Dogma, Glaube, Sekte, Konfession!

Was ihm die Nachwelt dankt mit höchstem Ruhm,

War kraft- und liebereiches Menschentum.

O helft, ihr reinen Geister, die in Treuen

Um unser Liebstes weit die Flügel breiten

Und die, wie schwer ihm Lug und Narrheit dräuen,

Den Geist des Werdenden zur Klarheit leiten!

O hilf uns du, des wir uns heute freuen,

Dem wir erhobnen Sinns ein Fest bereiten:

Wenn wir zur Kriegesfahrt die Segel hissen,

Strahl’ uns voran, ein Licht in Finsternissen!

Chidhr.

(Ein Epilog.)

Ein wunderbarer Traum hat mich besucht.

Ich saß an eines Berges Hang und schaute,

In einer flüchtigen Minute Raum

Gedrängt, den Daseinswechsel langer Zeiten.

Im Tal zu meinen Füßen sah ich Blumen

Auf Blumen sich erschließen und vergehn,

Sah Bäum’ und Sträucher keimen ich und sprossen

Und wachsen, blühen, welken und vermodern,

Und sah ich Menschen von der Wiege bis

Zum Sarg des Lebens kurzen Tag durchwandeln.

Ich sah sie lachen, weinen -- weinen, lachen,

Sah sie verzweifeln, hoffen und -- verzweifeln,

Sah, wie das Glück dem Unglück reicht die Rechte,

Wie Unglück seine Rechte reicht dem Glück

In ewiger Kette.

Namenlose Trauer

Sank mir mit schweren Schatten in die Seele.

„Wann endlich,“ dacht’ ich, „sinnlos-blödes Spiel,

Wirst du dich enden? Auf und ab und auf

Wiegt seit Äonen sich die Lebensschaukel

-- Auf einer Seite staunend sitzt das Leben,

Und auf der andern grinsend wippt der Tod --

Und auf und ab, stumpfsinnig, wird die Wippe

Durch Ewigkeiten gehn. Wo lebt der Gott,

Den dieses grause Einerlei vergnügt?

Der ärmste Menschengeist, er hätte längst

Voll Überdruß und Ekel dieses Spielzeug

Zertrümmert --!“

Wie ich also bei mir dachte,

Sah ich am Boden plötzlich einen Schatten --

Ich hob den Blick, und einen Jüngling sah ich

Mit himmelsheit’rer Stirn, wie junge Rosen

Der frohe Mund, das Auge sonnentief.

Er hob den Arm und winkte freundlich „Komm!“

„Wer bist du?“ rief ich. Er drauf: „Chidhr bin ich,

Der Grüne, Ewig-junge, der im Lande

Der Finsternis des Lebens Quellen hütet.

Komm, folge mir.“

Und Falterflug des Traumes

Entführte mich auf lautlos dunklen Schwingen

In eine schreckendüst’re Felsenwelt. --

Doch sieh, aus tiefem Spalt granit’ner Berge

Sprang bläulich-silbern einer Quelle Strahl,

Der wie ein ewig junges Lachen klang.

Und Chidhr sprach: „In hundert Jahren furcht

Der ruhlos rege Quell sein hartes Bette

Um eines Fingers Breite. Alexander,

Den bis nach Indien trug der Siegeswagen,

Stand einst wie du an diesem Lebensquell.

Seit jenem Tage grub der Silberstrang

Um einen Fuß sich tiefer ins Gestein.

Und einst wird diese Quelle im Verein

Mit ihren Schwestern diese Felsen wandeln

In ein begrüntes Tal, wie du’s verlassen.

Hier maß der göttergleiche Alexander

Sein Werk und seinen Ruhm am Maß der Welt

Und ging von diesem Ort zerstörten Herzens.

Und du, der schwach und klein ist bei den Menschen,

Kannst, wenn du willst, ein Gott von hinnen gehn.

Wohl ihm, dem Freude sprüht aus dieser Quelle,

Wohl ihm, der ihr geheimes Lied versteht.

Wohl bleichen ihm die Lichtlein, die den Pfad

Ihm durch ein enges Leben schwach erhellten,

Die Lichtlein Ruhm, Unsterblichkeit und Macht.

Doch hinter weltenweiten Finsternissen

Geht eine Sonn’ ihm auf, die alle Sonnen

Und Sonnenchöre selig überstrahlt.

Er fühlt, wie klein der Mensch, und fühlt, wie groß,

Wie unbegreiflich schön, wie über alles

Verdienst und Ahnen göttlich sein Beruf,

Und aus dem Klang der Quelle trinkt sein Herz

Zwei Kräfte wundersam: Geduld und Sehnsucht,

Geduld, die heiß und tief verlangt, und Sehnsucht,

Die sich am Glanz des Zieles still getröstet.

O Menschen, habt Geduld, und tut es nicht

Den Kindlein gleich, die in den Boden kaum

Den Samen senkten und nach Blumen schon

Und reifen Früchten spähn! Taucht die Gedanken

Ins märchengraue Alter dieser Welt

Und steigt empor dann und erkennt, daß gestern

Der Mörder Kain seinen Bruder schlug.

Du dachtest recht, mein Freund: wär’ diese Welt

Ein Einerlei, die Macht, die sie erschaffen,

Sie hätte längst zerstört ihr blödes Spiel.

Doch sieh, soweit in diesem Reich des Lebens

Die Wasser wandern, hat noch nie ein Quell,

Noch nie ein Strom den Weg zurück genommen --

So glaube: auch der Strom des Lebens nicht.

„Vorwärts, zum Licht!“ das ist der Sinn der Quellen,

„Vorwärts, zum Licht!“ das ist der Ströme Sinn,

Die deine Seele, deinen Leib durchrinnen.

Er, der die Welt gewollt, und dessen Namen

Kein endlich Wesen nennen darf noch kann,

Er gab, daß eures Wesens tiefste Quellen

Zum Lichte gehn -- und gab euch, daß ihr’s +wißt+.“

So sprach der Ewig-junge. Oder sprach’s

Der Quell? Im Silberklange rann zusammen,

Was Chidhr sprach und was die Quelle sang.

Und Falterflug des Traumes hob mich lautlos

Von dannen, und vom Tageslicht geblendet,

Erwacht’ ich jäh.

Am Waldesrand erwacht’ ich,

Wo singend aus dem Fels die Quelle springt,

Wo Morgenlicht von tausend Himmeln floß.

X. Sprüche und Spruchartiges.

Kopf hoch!

Freuden, die sich dir heute verschließen,

Morgen wirst du sie doppelt genießen.

Lächelnd einst blickst du auf heute zurück;

Alles wird einst Erinnrungsglück.

Glaub’s!

Ich sag’s mit Ernst: Bleib froh gesinnt!

Werd ganz ein Mann und bleib ein Kind!

Nimm klein nicht groß, nimm leicht nicht schwer!

Es hilft zu nichts; es drückt nur mehr.

In ein Kinderalbum

zum Besten kranker Kinder.

Mein Kind, gelangst du einst zu Rang und Ruhm und Macht --

Ein Mann und Vater sagt dir dieses mit Bedacht:

Erwächst aus deinem Tun nur +einem+ Kranken Heil,

So sei dir dieser Ruhm um keinen Lorbeer feil.

Freundliches Schicksal.

Mensch, schließ der Auster gleich dich ein und laß kein Loch,

Es hilft dir alles nichts; gefressen wirst du doch.

Bleib aber eingedenk: der Lose schönstes ist,

Wenn dich wie jenes Tier ein Mensch vor Liebe frißt.

Zur Seelendiät.

Wenn Verleumder kleinlich dich begeifern,

Wurmt’s dich auch, du sollst dich nicht ereifern.

Frage dich -- das wird dir Ruhe schenken --:

Wie werd’ ich nach Jahren drüber denken?

Triumph!

O Menschheit von heute, nun hast du Flügel!

Zur schwebenden Schwinge machst du das Erz.

Dein Leben rast ohne Zaum und Zügel;

Nur eins schläft langsam ein: dein Herz.

Zweierlei Begeisterung.

Begeistrung nur beginnt ein großes Werk,

Und nur Begeistrung führt’s zum guten Ende.

Sie wirft den ersten Blitzstrahl in den Geist;

Sie führt ans Ziel die nimmermüden Hände.

Durchhalten.

Ein erster Sturm, ein rasches Wagen

Gelingt wohl auch dem wilden Blut.

Stark sein heißt schlagen und ertragen.

Nur langer Mut ist Heldenmut.

Schützensprüche.

I.

Sich’re Hand und klares Auge,

Ob das nur dem Schützen tauge?

Nein, es frommt in jedem Stand

Klares Aug’ und sich’re Hand.

II.

Was die Welt erfüllt, das sauge

Durstig ein mit weitem Auge;

Was dir dient in Meer und Land,

Ohne Zittern pack’s die Hand.

III.

Daß dein Werk dem Ganzen tauge,

Stärk’ die Hand und schärf’ das Auge;

Wer mit Ruh’ eräugt sein Ziel,

Lenkt die Kugel wie den Kiel.

IV.

Freund, halte die Brust nicht allzu keck

Den Pfeilen der Feinde offen;

Denn hast du das Herz auf dem rechten Fleck,

So wird es sicher getroffen.

V.

Mit schlechten Schützen treibe nicht Scherz

Und merke, mein Freund, dir eines:

Ihr Bolzen trifft ein großes Herz

Weit leichter als ein kleines.

Passionsgeschichte.

„Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“

Und sieh, ein Licht ist dort entglommen,

Das überstrahlt das Erdenrund,

Und seine Macht ist allen kund.

Und heute wie zu Christi Zeiten

Nasrümpfen alle Dumm-Gescheiten,

Des alten Wahnes unbenommen:

„Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“

Ewig dasselbe.

Die großen Geister werden recht erkannt

Erst, wenn sie tot. Die kommenden Geschlechter

Empfinden dann mit hochgequollner Brust,

Daß sie verständnisvoller und gerechter.

„Wie konnte man nur jenen großen Alten

Die lauteste Bewundrung vorenthalten!

Wie klein sind gegen diese Koryphäen

Der ‚Jetztzeit‘ Epigonen und Pygmäen!“

So schwatzen sie und treiben’s unverdrossen

Nach altem Stil mit ihren Zeitgenossen.

Anwartschaft des Ruhms.

Ein Schwätzer schmähte jüngst ein Werk von Künstlerhand.

Der Pöbel fiel ihm bei. Ein andrer Künstler fand

Dies Werk und sah’s mit Lust und rief gar, als er dann

Den Mob gehört, voll Schmerz:

„Beneidenswerter Mann.“

Gefahrvolles Schwanken.

Laß die entschiedene Kraft nicht wechseln in dir mit der

Schwachheit,

Oder du weckst dir gewiß Fluch nur, Verachtung und Hohn.

Wenig Stärke genügt, der Schwächlinge Haß zu entfesseln;

Ihn zu bezwingen, verlangt Tatkraft, die nimmer sich beugt.

Schwerstes Unglück.

Kein Dornenkranz, den uns das Schicksal flocht,

Bohrt so ins Hirn sich wie der Reue Zahn,

Wenn wir ein großes Werk zu tun vermocht

Und tun gesollt -- und feige nicht getan.

Spruch.

Wie manchen hat ein Zufall nur gestürzt!

Er schleicht verfemt, verachtet durch das Leben --

Du fluch ihm nicht; daß du gestrauchelt, sei

Dir Grund genug, Gefallnen zu vergeben.

~Hic Rhodus.~

Sucht ihr der Freiheit schlimmste Feinde?

Betrachtet die übergroße Gemeinde,

Welcher die Knechtheit sitzt im Bauch,

Die lieber atmet in Qualm und Rauch,

Als hinauszuwandern auf muntern Füßen,

Selber das Morgenrot zu grüßen.

Wie jeder von Freiheitsreden schwitzt!

Aber vom Recht, das er längst besitzt,

Macht so ein widerwärtiger Gauch

Aus lauter Faulheit keinen Gebrauch.

Erkennen und Lehren.

Zu der Erkenntnis Höh’n klimmst du aus finsterem Tale

Freudig-sicheren Schritts; droben ja winkt dir das Licht!

Aber willst du von sonnigen Höhen die Gabe des Lichtes

Tragen ins finstere Tal, fehlt dir im Dunkel der Pfad.

Guter Rat.

Heut, da die Ohnmacht sich brüstet und Meinungen jeder zu Markt

trägt,

Die er vom Baume gerupft, eh die Vernunft sie gereift,

Sei dir ein Weggenoß im tollen Gedränge der Zweifel;

Aber im Frieden für dich pflanze der Zukunft die Tat.

Einem Neunmalweisen.

Ein Stümpchen Licht, mein Freund, strahlt hell genug,

Ein Fleckchen Rost auf edlem Stahl zu finden;

Doch einer Sonne Glanz nur kann dem Trug,

Dem Graun der Nacht die bange Welt entwinden.

Moderne Gesellschaftsstützen.

„Dem Ernst gehört die heutige Zeit

Dem praktischen Verrichten!

Heut’ ziemt’s dem wahren Manne nicht,

Zu träumen und zu dichten!“

So spreizt sich in der Gegenwart

Staatsmann, Soldat und Krämer

Und dünkelt sich, an männlichem Ernst

Shakespeare und Schiller beschäm’ er.

Frommer Eifer.

„Vermißt du dich, mit Gott zu rechten

Und seinen Ratschluß anzufechten?!“

So fauchen zornerbebend die Pfaffen

Und lassen vor dir die Hölle klaffen,

Wenn du rechtest mit +ihren+ Verdrehungskünsten,

Mit +ihren+ pfiffigen Hirngespinsten,

Wenn du, weil du nach Gott verlangst,

Für einen Popanz dich bedankst.

Zeitbild.

Einem andersgläubigen Prinzen

Wird sie sich demnächst vermählen;

Darum abtun ihren Glauben

Wird sie und den seinen wählen.

Einst die religiöse Hebung

Schnöder Untertanenseelen

Wird mit gottgewisser Salbung

Sie der Geistlichkeit empfehlen.

Kollegialität.

Wer kennte die Herren Kollegen nicht,

Die unsere Leistungen benagen,

Wenn wir, die ihnen „so gut bekannt“,

Ein Neues, Unerhörtes wagen!

Das sind die Kritiker, die stets

Die „größeren Alten“ zu Markte tragen --

Hätte Christus mit ihnen die Schule besucht,

Sie hätten ihn mit ans Kreuz geschlagen.

Auf einen Typus.

Der schnöde Knirps! An den größten Mann

Drängt er sich brüderlich-frech heran,

Weil er ihn hie und da verstand.

Ja, wenn einst Gott am Zeitenrand

Uns löst das Rätsel dieser Welt,

Ruft er: „So hab’ ich’s mir vorgestellt!

Du hast mir das Wort vom Munde genommen;

Ich konnte nur nicht auf den Ausdruck kommen.“

Tatsache!

Und es ist so, was ihr auch zu sagen beliebt;

Ich beweis’ es, bis jeder Zweifel zerstiebt,

Und ich schwör’ es euch zu mit tausend Eiden,

Und Naturhistoriker mögen’s entscheiden;

Wahr ist es und bleibt’s: daß es Flöhe gibt,

Die den Adler um seinen Flug beneiden.

Fortschritt.

Ein Hündlein lief vorm Wagen her,

Machte dem Pferd die Arbeit schwer.

Das wackre Tier nicht stehen blieb

Und vor sich her den Köter trieb.

„Die Hundeseelen“, so dacht ich heiter,

„Sie bellen; aber sie müssen weiter.“

Geburtstagsverse.

Einem Fünfzigjährigen.

Die, eigner Stärke bar, auf fremde Schwächen lauern,

Sie möchten gar zu gern das Leben dir versauern.

Allein des Lebens Mahl, wofern es sonst geraten

Und man noch Zähne hat, schmeckt auch als Sauerbraten.

Desgleichen.

Dem Dichter, wenn ihm schon das Haar ergreist,

Die Muse immer höh’re Gunst erweist.

Er blüht und reift -- sein Alter ist nur Schein --

Und wächst voll Lust in Gottes Schoß hinein.

Einem Sechzigjährigen.

Das Schönste hat man dir gesagt, gewünscht --

Und doch bleibt mir noch eins zu wünschen -- leider!

Bewahre dich in Sieg, Triumph und Glück

Ein guter Gott vor dem Geschmeiß der Neider!

Einem Fünfundsiebzigjährigen.

Der braucht mit nichten zu zagen,

-- Was auch die Zeit entrafft --

Dem stark das Herz geschlagen;

Du lebst noch fernen Tagen

Nach Mayers Erhaltung der Kraft.

Dein Werk ist still-lebendig

-- Mag Schnee darüber weh’n --

Die Kraft sitzt ihm inwendig,

Die wacht und wirkt beständig.

Im Frühling wird man’s seh’n.

Marie v. Ebner-Eschenbach.

(Zum 80. Geburtstage.)

Wer wurde nicht fromm, wenn du erschienst?

Melde mich auch zum Mariendienst

Und wollte, meines Mundes Hauch

Würd’ lauter Myrrhen und Weihrauch.

Zwar wehrst du dem Dank mit schlichtem Mut;

Aber unseren Herzen tut er gut.

Petrus Rosegger.

(Zu seinem 70. Geburtstage.)

Der Peter saß mit frommem Sinn,

Flickte sein Netz und sang dazwischen.

Sprach Jesus: „Leg die Nadel hin,

Von nun an sollst du Menschen fischen“.

Mozart.

(1906.)

Über Rosenwolken ein geflügelt Schreiten,

Gott im Auge, Blumen in der Hand;

Dann ein jähes, großes Flügelweiten

In das ewige, das dunkle Land.

XI. Fröhlicher Krieg.

Frau Beate Stupiditas.

Stupiditas, das gesunde Weib,

Saß am Markt und sonnt’ ihren Leib,

Tät über dem Bauch die Hände falten

Und feil einen Korb voll Fische halten.

Fett glänzt’ ihr Haar und breit ihr Scheitel;

Auf ihre Hüften war sie eitel;

Um Hüften saß und Schultern breit

Zum Platzen glatt ein honettes Kleid.

Schon zwanzig Minuten in guter Ruh

Sah sie einem Orgeldreher zu

Und sah die Kurbel sich drehn und drehn,

Konnte daran nicht satt sich sehn.

Hinter den Wangen blank und dick

Quoll hervor der bleierne Blick;

Die Unterlippe sank so tief,

Daß ihr das Wasser vom Munde lief.

Mit einem Male „hihi, huhu!“

Lachte sie laut und gluckste dazu;

Denn über den Markt mit Wimmern und Schrein

Hinkte ein Hündlein mit blutendem Bein;

Johlende Buben hinterher,

Bewaffnet mit Steinen groß und schwer.

Kam auch daher eine Nachbarin,

Hatte ein Kind im Bündel drin:

„Ach gute Frau Stupiditas,

Ihr wißt ja doch immer zu allem was;

Seht nur die Augen von meinem Kind!

Wie rot und dick! Es wird noch blind!“

„Bind’t Nußschalen drauf, tut Spinnen darein,

Die saugen die Augen blank und rein.“

Stupiditas ist früh und spat

Geschwind zur Hand mit klugem Rat;

Die Leute plaudern gar gern mit ihr;

Denn reden kann sie dort und hier.

Der Bürgermeister, der Syndikus

Nicken ihr würdig vertrauten Gruß;

Die Ältesten, eh’ sie zu Rate gehen,

Bleiben bei ihr ein Weilchen stehen;

Der Richter und der Staatsanwalt

Machen bei ihrem Korbe halt

Und forschen bei ihr, ob sie jemand weiß,

Der der Obrigkeit gezeigt den Steiß.

Dem Priester küßt sie den Mantelsaum,

Er sieht sie gern im heil’gen Raum;

Der Deputierte Schwenkebier

Holt sich ~vox populi~ von ihr,

Und der Professor und Meister der Schule

Läßt einen Vortrag von der Spule,

Behauptet am Schluß mit schmunzelnder Ruhe:

„~Faber quisque fortunae suae.~“

Stupiditas stöhnt: „Ach Gott, wie gelehrt!“

Und fühlen beide sich hoch geehrt;

Dann schwärzt sie ihm einen Dorsch mit ein,

Der töter ist als sein Latein.

Sogar von der Oper der Herr Tenor

Singt ihr ein paar Passagen vor;

Ihr Blick verschwimmt in Dampf und Dunst

Und winselnd haucht sie: „Die Kunst, ach die Kunst?!“

Mit einem Male -- halli hallo!

Was jagt durch die Gassen mit Joh und Oho?

Sie bringen einen in Ketten gebunden,

Der hat ein künstliches Brot erfunden,

Für jeden erreichbar! Zu Ende die Not!

Darum auch schlägt man ihn heute tot.

Stupiditas mitten unter der Menge,

Verliert einen Schlarren im Gedränge;

Aber wild-begeistert und heiter

Schlampt sie auf einem Pantoffel weiter.

Wie schwappt ihr Fleischwerk auf und ab,

Ein Haarschwips hängt bis zum Kinn herab!

Die Menge rast, die Zähne gefletscht,

Einer erdrückt, ein andrer zerquetscht,

Ein Dritter unter Rädern zermalmt,

Daß Hirn und Blut vom Pflaster qualmt;

Aber es gibt zu schaun, zu schaun!

Ein Erfinder wird totgehaun!

Der hebt noch die Hände beschwörend und spricht --

Und sieht Stupiditas ins Gesicht -- --:

Da erblaßt er tief und verstummt sogleich

Und neigt sich lächelnd dem letzten Streich.

Plötzlich vom anderen Ende -- ei!

Tatarata und Hochgeschrei!

Ein weiter Platz von Menschen erfüllt;

Ein großes Denkmal wird enthüllt.

Stupiditas mitten im Schwarme dicht

Hört zu dem Redner mit sanftem Gesicht:

Hört von des Gefeierten Kampf und Not,

Von seiner Sorge ums liebe Brot,

Wie er vergeblich sein’ Kraft verschwendet

Und endlich im Wahnsinn einsam geendet.

Stupiditas macht das Mäulchen klein

Gleichwie ein sanft-fromm Mägdelein,

Spricht seufzend zur Nachbarin: „Schrecklich, nicht?

Wie schwer das Große Bahn sich bricht!“

Da plötzlich wird es ihr licht im Sinn:

„Ich will’s ihr sagen, Gevatterin:

Die Dummheit! Die Dummheit! Wär’ die aus der Welt,

’s wär’ um uns alle besser bestellt!“

Trotz der Lüge.

Hast du dir in der Seele

Gelobt mit starkem Eid,

Zu kämpfen für die Wahrheit

In jedem Erdenstreit,

So darfst du nie dich zeigen

Entwaffnet und besiegt,

Wie schreckbar auch und drohend

Der Feind im Felde liegt.

Vielleicht, daß ein Gewalt’ger

Dich richtet und verdammt,

Weil deines Geistes Leuchte

Zu hell die Nacht durchflammt;

Doch schlimmer sind die Feinde,

Die meuchlings dich bedroh’n

Mit Trug und feiger Lüge,

Mit scheelem Neid und Hohn.

Du wirst sie kennen lernen,

Die angstvoll-herbe Qual,

Daß du um solche Feinde

Verzagst am Ideal,

Daß alles dir im Geiste

Zusammenbricht und fällt

Und dir entgegendüstert

In öder Nacht die Welt.

Dann aber darfst mit nichten

Du still von dannen gehn,

Es darf in deinen Augen

Nicht eine Träne stehn!

Sonst bricht in frechen Tönen

Der Feinde Jubel los;

Sie nähren ihre Freude

Mit deinen Schmerzen groß.

Nein, lachen sollst du, lachen

Der schnöden Meuchlerzunft!

Und ob sie schon nicht hörten

Die Stimme der Vernunft,

Ob sie des Mitleids Regung

Fühllos vernommen nie --

Dein trotzig, fröhlich Lachen

Betäubt, vernichtet sie.

Da prallen Pfeil und Lanze

Von deinem Panzer ab;

Du schreitest klaren Auges

Hin über Tod und Grab.

Die Feinde werden scheuen,

Führst du mit Lachen Krieg

Und mit geruhigem Glauben

An den gewissen Sieg.

Adler und Pfau.

„Welch dummer Stolz,“ so sprach der Adler einst

Zum Pfau, „um solch ein glänzendes Gefieder,

Da man doch eine Stimme hat,

Die allen Hörern gleich zuwider!“

„Du sprichst vom Hahn?“ versetzt der Pfau frohlockend,

„Ei freilich, dieser Geck, auf seinem Miste hockend!

Mit seinem Schrein beleidigt er mich täglich;

Auch mir ist längst sein Dünkel unerträglich.“

Schwan und Gans.

„O Schwester!“ sprach der Schwan zur Gans,

„O Schwester, könnt ich mich doch dir vergleichen!

Du übertriffst mich weit durch deines Kleides Glanz;

An edler Windung muß mein Hals dem deinen weichen,

Oh, glitt ich auf dem See dahin

So stolz wie du, der Wellen Königin!“ --

Das Gänschen sprach: „Ich seh es, in der Tat,

Wie sehr mich die Natur bevorzugt hat;

Den eignen Wert erkenn’ ich mehr und mehr,

Und deine Huldigung erfreut mich sehr.“ --

„Du dumme Gans!“ fuhr da der Schwan heraus,

„Glaubst du, mein Schmeicheln wollte da hinaus?

+Dein+ Lob zu singen, tat es mir nicht not!“

Und wütend biß der Schwan das Gänschen tot. --

Die beiden Hähne.

Ein junges, keckes Hähnchen schrie

Hell in die Luft sein Kikriki.

Das klang so kräftig-wunderbar,

So herzerfrischend-morgenklar:

Tausend Nachtmützen, unerhört!

Wurden vom Kissen aufgestört.

Beschwichtigend rief ein alter Hahn:

„Schlaft weiter!“ Ich hab’ es nicht getan,

Nicht ich, der amtliche Wächter im Hof,

Der besoldete Dünger-Philosoph.

Es war die Stimme des Dilettantismus,

Ein frecher Neuling war’s, der schrie.

Es hat keine Ahnung, das gute Vieh,

Vom akademischen Kikerikismus.

Das Zentral-Eichamt.

Der Affe Bimbo saß im Wald

Und rezensiert’ mit Mordsgewalt:

„Ich“, rief er, „bin dazu berufen,

Die Sänger richtig abzustufen.

Es ist zum Lachen und Entsetzen,

Wie sich die Leutlein überschätzen.

Ich werde sie nunmehr rangieren

Und ihren Größenwahn kurieren.

Die Nachtigall dünkt sich die Erste.

Daß sie nur nicht vor Dünkel berste!

Mein Zeugnis lautet: ‚2-3‘!

Dem Buchfink geb ich eine ‚2‘.

Die Drossel -- wenn sie’s auch verletzt --

Wird ‚3-4‘ von mir geschätzt;

Dem Kuckuck, ist er auch nicht frei

Von Mängeln, geb ich ‚1-2‘;

Rotkehlchen, Lerche (Anempfinder!)

Sind ‚4-5‘, nicht mehr, nicht minder --.“

So sitzt der Affe und orakelt,

Und jeder Stolz wird abgetakelt.

Der Rabe hört und sieht es stumm,

Dann wird ihm das Gewäsch zu dumm.

Er lacht aus vollem Hals und spricht:

„Bedenk, du aufgeblas’ner Wicht,

Du würdest nicht Zensuren schrein,

Wenn du nicht glaubtest, +Mensch+ zu sein.“

Der alte Hahn.

Ein alter Hahn,

Der stets mit Fleiß das Seinige getan,

Lag schnappend, abgelebt und mager

Auf seinem Sterbelager,

Und schluchzend,

Glucksend

Umstand der Gattinnen, der Kind’ und Kindeskinder Heer

Den armen Mann.

„Ach, meine Lieben, ach,“ so keucht’ er schwer,

„Wie ich gelebt, ich kann

Vor Gott und Hühnern es nicht eben rühmen.

Ich folgte nur zu gern den ungestümen

Begierden meiner Brust;

Umkrallt hielt mich die schnöde Sinnenlust;

O glaubt es, glaubt es mir: sie ist vom Teufel!

Jetzt steht mir’s außer Zweifel.

O meine Lieben, seid --“ er haucht’s gewaltsam

Mit letzter Kraft -- „Geliebte, seid enthaltsam!“

Erschöpft sank er zurück.

Das Korps der Hennen

Ließ nicht mit Sicherheit erkennen,

Was seine Meinung sei.

Man widersprach nicht, stimmte aber auch nicht bei

Und sah zu Boden keuschen Angesichts.

Auch Söhn’ und Enkel sagten lange nichts -- -- --

Bis dann der jüngste,

Nicht geringste

Der Gockel doch das Schweigen brach

Und sprach:

„Verehrter, heißgeliebter Urpapa!

Von deines Worts erhabener Gewalt

Erschüttert steh’n wir da;

Bewahren wollen wir es im Gedächtnis

Als heiligstes Vermächtnis.

Wir freilich sind nun wohl zu alt,

Um einen andern Weg noch einzuschlagen;

Doch wollen wir’s -- das schwören wir dir zu --

Mit Ernst und Nachdruck +unsern Kindern+ sagen!“

Darauf verschied der alte Hahn in Ruh’.

Wahlgeschichten.

1. Der Regierungskandidat.

Die Hasen wollten sich vertreten lassen

Durch einen Abgeordneten beim Jäger:

Das sollte den aufs Blut bedrängten Massen

Ein Anwalt sein und ihres Rechtes Träger.

Da trat des Jägers Hund in ihren Kreis

Und sprach -- er ließ sich gern herab zu wedeln --:

„Wer euch noch einen bessern Anwalt weiß

Als mich, der rede frei heraus, ihr Edeln!

Des Jägers Ohr, so darf ich schmeicheln mir,

Besitz ich ganz, und unverbrüchlich treu

Fühl ich mit euch, wohlweises Mitgetier,

Vor unserm Herrn die gleiche fromme Scheu.

Bekannt sind beide Teile mir auf Grund

Langjähriger Erfahrung, und beständig

War mein Int’resse -- dafür bin ich Hund! --

Für Jäger wie für Hasen gleich lebendig --“

Da scholl Hurra aus tausend Hasenkehlen,

Und jeder drängte sich, den Hund zu wählen.

2. Die freie Wahl.

Gedichte(#75501) · 第 10 / 12 段