Und doch gibt sie des Herzens Glut dahin
Und sieht sich selbst in Schnee und Eis erstarren.
Der ferne Glanz belohnt die Dulderin.
Der Wahrheit Sternen opfert so der Denker
Das Leben, das in seinen Adern glüht.
Dem fernen Lichte gibt er sich zu eigen
Und fragt nicht, ob ihm hier ein Frühling blüht.
Andacht im Gebirge.
Im Tal vernahm ich’s: „Zwischen Felsenmauern
Wird dich die Macht des Ewigen durchschauern;
Dein Ich zermalmen wird der tote Stein.
Er wird zu dir mit Donnerworten sprechen;
Dann wird dein Menschenstolz zusammenbrechen,
Und wie ein Nichts wirst du dir selber sein.“
Und ich erhob den Stab mit frohem Wagen
Dorthin, wo ich bis in die Wolken ragen
Der Berge schneebekrönte Gipfel sah.
Der Jugend raschen, kecken Mut zu kühlen,
Schritt in des Felsendomes Chorgestühlen
Ich fort und fort, dem Thron der Blitze nah.
Verloren bald im öden Meer der Steine,
Verirrt, verlassen von des Tages Scheine,
Stand ich allein in nebelweißer Nacht.
Dann sank der Mond hinab zu früher Stunde,
Und fern erhob wie mit metallnem Munde
Der Herrn des Sturms den ersten Ruf zur Jagd.
Da fuhr’s auf wucht’gen Schwingen durch die Lüfte
Und überschrie den Klang der Felsenklüfte,
Wo lauter Donner aus den Schlünden brach.
Aus dunkler Tiefe klommen ohn’ Ermatten
Zu mir herauf des Abgrunds Riesenschatten,
Bis sie ein jäh gezückter Blitz durchstach.
Und jetzt -- des Felsentempels Säulen zittern!
Durchrast ein ganzer Aufruhr von Gewittern
Die Täler rings zum Auferstehungstag?
Erdröhnend schob sich’s an den Felsenwänden
In Sturmeslauf hinab, um jäh zu enden
Mit gellend wiederholtem Donnerschlag.
Die Bäume reckten sich mit tiefem Stöhnen;
Ihr Angstruf klang aus dem Gewirr von Tönen
Wie aufgescheuchter Vögel Klageschrein.
Ein blauer Strahl aus weitem Flammenrachen --
Und mir zu Füßen schlug mit lautem Krachen
Ein Föhrenstamm zerborsten auf den Stein.
Da riß es sich in trotz’gem Überschwange
Vom Munde mir: „Frohlockend deinem Klange
Geb ich, Natur, mein klopfend Herz dahin:
Euch übertönt des Herzens Schlag, ihr Stürme,
Euch überragt, ihr grauen Felsentürme,
Des Menschen hoher, lichtgeborner Sinn!
Vor euch nicht sink ich in den Staub danieder;
Nein, eure Donner sind mir Freudenlieder,
Das Herz mir füllend mit erhabner Lust.
Mag nur der Sturm in euren Klüften hausen!
Fliegt er vorüber mir mit Zornesbrausen,
Werd’ ich der stärkern Schwinge mir bewußt.
In Nichts sollt ich vor euch zusammenschrumpfen?
Hier sollte sich das Schwert des Geistes stumpfen?
Dies Schwert, fürwahr, zerspringt auf keinem Stein!
An seinem Stahl zerbrechen eure Blitze,
Mit ihm bewaffnet, dringt zum Himmelssitze
Der Wahrheit einst der Mensch, der Kämpfer, ein.
Seid mir gegrüßt, erhabne Bergesriesen,
Erhaben, weil ihr mir den Weg gewiesen
Zu meines Menschentums Erhabenheit.
Willkommner Schemel seid ihr meinen Füßen,
Von eurem Rücken aus den Bau zu grüßen,
Den unermeßlichen, der Ewigkeit.“ --
Den Weg ins Tal fand ich am frühen Morgen;
Die Berge hielt, den Himmel mir verborgen
Ein Wolkenschleier. Aber klar und fern,
An meines Geistes Himmel aufgegangen
Mit überirdisch morgendlichem Prangen,
Stand selig lockend des Gedankens Stern.
Menschenlos.
Das ist ein Augenblick der Seligkeit,
Wenn uns ein weltbeleuchtender Gedanke
Das Hirn durchzuckt und so die Seele faßt,
Daß sie durchbrochen wähnt des Denkens Schranke,
Wenn unser Geist den Brand entzündet glaubt,
Der in des Daseins Rätseltiefen leuchtet,
Und sich im Rausche des begeisterten
Entzückens unvermerkt die Wimper feuchtet.
Da wähnt der Blick, er sähe groß und klar
Den Geist des Alls durch Erd’ und Himmel wandeln;
Aufatmend spricht das Herz: „Ich bin getrost:
Fest ruht fortan mein Fühlen und mein Handeln.“
Gewißheit: -- Schöner Wahn des Augenblicks!
Bald wieder wird der alte Zweifel nagen;
Der feste Boden weicht -- dir schwindelt -- weit
Ins öde Meer hinaus wirst du verschlagen.
Die kluge Antwort, die dein Hirn ersann
Auf Fragen, die die Menschenbrust zerfleischen,
Sie löste sich in tausend Rätsel auf,
Die doppelt gierig neue Antwort heischen.
Dem Schiffer gleich fährst du auf hohem Meer
In Nacht und Sturm durch lange, düstre Jahre,
Bis endlich deinem Fuß das Schicksal gönnt,
Daß er der Heimat festen Grund gewahre.
Doch kurz ist deine Rast! Von neuem bläht
Der Wind am hohen Mast die weißen Linnen:
Kaum hast du noch des Ufers Sand geküßt,
So jagt des Zweifels Qual dich neu von hinnen.
Zum Strande der Gewißheit lenkt dein Schiff
Nur, um ins Unbestimmte neu zu fliehen,
Bis einst auf hoher See in ihren Schoß
Das sturmzerschlagne Wrack die Wellen ziehen.
Das Gesicht der Wahrheit.
„Wenn Menschen schweigen,
werden die Steine schreien.“
Seit wenig Tagen geh’ ich fromm und froh
Durchs Treiben dieser Welt; denn eine Mär
Kam mir von irgendwo und irgendwann,
Die mir das Herz mit jungem Glauben füllt. --
Gefangen hatten ihn die Häscher nun,
Den Herben, Wilden, Stolzen, dem der Spott
Wie ätzend Gift vom Munde floß -- doch war’s
Ein heilsam Gift -- dem die Begeisterung,
Wie Donnerflammen aus dem Krater, prasselnd
Von heißer Lippe sprang. Doch ging er leicht
Und stolz in seinen Fesseln; denn ihn trug
Geheime göttliche Allgegenwart.
Allgegenwärtig fühlt’ er seinen Gott,
Wo er auch ging und stand, den neuen Gott!
Und so vermaß er sich verwegner Hoffnung:
Auch seine Richter müsse ja berühren
Die Nähe dieses Gottes und die Kraft
Und Reinheit seines Atems.
Denn er war
Ein Mann an Stolz und Trotz, ein Kind an Hoffnung.
Die Richter aber thronten rings auf Stühlen
Von Eisen, und die Stühle hießen Ordnung
Und Religion und Sitte und Gewohnheit.
In diesen Stühlen ruhten breit und fest
Die Fundamente des gemeinen Wohles.
Wenn aber vor der Glut der neuen Lehre
Die wackern Stühle schmolzen, so gerieten
Die Fundamente des gemeinen Wohles
In glühende Bedrängnis. Und so bliesen
Die Richter denn mit hoheitsvollen Backen
Den Hauch der prallen Sonne sich vom Leibe
Und saßen tot auf ihren toten Stühlen.
Und sprachen dann: „Er soll am Pranger stehen
Auf off’nem Markt, vor allem Volk, nachdem man
Zuvor die Ohren ihm vom Kopf geschnitten.“
Auf den Tribünen hatte rings das Volk
Gelauscht, und als der Richter Weisheit nun
In jenem Spruch sich froh und stolz befestigt,
Zerstreute schwatzend, lachend sich die Menge,
In Ehr’ und Zucht des Gaudiums gewärtig,
Das ihr der heil’ge Sonntag bringen werde. --
Hoch aus dem surrenden und plappernden
Und gurgelnden und schnatternden Gebrodel
Der Menge, die den weiten Markt erfüllte,
Stieg schwarz und grausenhaft der Prangerkasten,
Der den Verdammten noch dem Blick verbarg,
Und schwärzer gähnte drin das Loch, in dem
Des armen Sünders Kopf erscheinen sollte.
Mit faulen Äpfeln, Eiern und noch manchem
In stiller Emsigkeit gehäuften Unrat
Höchst sorgsam ausgerüstet, harrt die Menge,
Harrt stundenlang. Denn neben ihrem Zorn,
Dem Löwen, ruht das Eselein Geduld.
Auf hoher Balustrade leuchten Rat
Und Älteste der Stadt, des schönen Wetters
Und der im tiefsten Herzen sanft empfund’nen
Weltordnung froh --
den armen Sünder packte
Ein wilder Schauder vor dem nahen Greuel.
An beide Ohren preßt er bang die Hände --
Nah ist hier keiner, der ihn retten möchte.
Denn jeder haßt ihn -- +könnte+ wohl ihn lieben,
Doch haßt ihn. Und ihm ist, als trennt’ ihn doch
Von diesen allen nur ein dünner Vorhang --
Er klagt sich an, daß er das rechte Wort,
Das eine, kurze, klare Wort nicht fand,
Das +alle+, +alle+ überzeugen mußte --
Ja, wenn er jetzt --! Allein nun war’s zu spät.
Und tief im Kopfe hub ein Singen an
Von lauen Jugendtagen. Warum blieb er
Nicht still am warmen Herde seiner Heimat?
Und sanft und fest in seiner Mutter Schoß
Fühlt’ er sein Haupt gedrückt -- und auf der Wange
Fühlt’ er die rauhe, warme, gute Hand:
Mein Junge bist du -- mein -- mein guter Junge -- --
Der Henker winkt. -- -- --
Die Augen fest geschlossen,
Des Hagels von Geschossen schon gewärtig,
Zwängt er den Kopf durchs enge Loch des Prangers;
Im Hirne braust und wirbelt wilde Scham -- --
Da stößt ein süßer Schreck ihm tief ins Herz,
Und seliges Erschauern rinnt ihm kalt
Vom Wirbel bis zur Zeh’. Und fühlt sogleich,
Daß alle, alle, die dort unten stehen,
Derselbe große, stille Strom durchrinnt.
Und schlägt die Augen auf -- und sieht das Volk,
Das hängt mit +einem+ Blick an seinem Antlitz
Und starrt hinauf und schweigt. Und starrt -- und schweigt.
Und sieht um seinen Mund, den Blut benetzt,
Ein zuckend Lächeln, sieht die dunklen Haare
In feuchten Strähnen an den Wangen kleben,
Und aus den Haaren, an den Wangen nieder
Rinnt Blut, rinnt Blut -- so stumm und so geschäftig,
Das warme Blut -- und hilflos starrt der Kopf
Hervor aus schwarzer Wand, und hilflos irren
Die Blicke hin und her: Wo seid ihr, Hände?
Was helft ihr nicht? O wischtet ihr mir nur
Das Blut vom Mund! -- Und klagend glänzt das Auge.
Und vor dem hilflos armen Kopf erbleicht
Der Rat der Stadt, und ganz geheim ins Ohr
Schreit gellend, jauchzend ihm die Totenstille ...
Da schwirrt vom Markt ein Lerchenstimmlein auf,
Und sieh, ein Kind, ein Mägdlein, steigt behende
Zum Schandgerüst empor und trägt ein Kränzlein
Von Löwenzahn, den es am Rain gepflückt.
Und streckt den Kranz empor und langt und langt
Und kann es nicht erreichen. Und ein Greis
Folgt ihm geschäftig, hebt das Kind empor,
Und in die nassen, wirren Haare drückt es
Mit leiser Hand den weichen, goldnen Kranz. -- --
Seit wenig Tagen geh ich fromm und froh
Durchs Treiben dieser Welt; denn eine Mär
Kam mir von irgendwo und irgendwann,
Die mir das Herz mit jungem Glauben füllt. --
Das Dogma.
„Wenn aller Welten Ende nun erscheint,
Dann wird ein Hirt und eine Herde werden,
Und Millionen Augen werden selig
Sich baden in dem einen Strom des Lichtes,
Der von dem Throne des Allweisen rinnt.
Dann wird kein Streiten sein und kein Entzweien;
Sie glauben all an +einen+ Gott und folgen
Dem guten Hirten auf die ewige Weide.“ --
Also verheißen wird’s von Priestermund.
Wer aber will die Weitverstreuten sammeln,
Die hier in Wüsten wandeln, dort auf Meeren
In schwankem Fahrzeug treiben -- hier auf Bergen
Fernblickend schreiten, dort in tiefen Tälern
Nichtsahnend schlummern in des Stumpfsinns Träumen,
Und zwischen ihnen Felsen, Wüsten, Meere!?
Ha, wie ihr selbstbewußt die Lippen aufwerft
Zu salbungsvoller Straf- und Donnerrede,
Ihr Weihrauch-, doch nicht Himmelshauchumwehten,
Die ihr statt Gottes nur das Dogma kennt!
Euch dünkt, gelingen müss’ es, alle Wesen
Zum ewigen Lobe Gottes zu vereinen,
Wenn in des Dogmenzwanges enge Hürde
Die Willigen und Trotzigen, die Toren
Und die Vernünft’gen ihr zusammenpfercht!
Und wenn ihr frisch die Geißel schwingt, vermeint
Ihr gar, der Liebe Hirtendienst zu tun!
Ihr kennt der Menschheit Pilgerstraße nicht.
Den ihr gefunden und uns aufgedrungen,
Der ist nicht Gott; doch den wir rastlos suchen
Mit ewig nie ermattendem Verlangen
Und den wir jubelnd ahnen: der ist Gott!
Kennt ihr die Schranke, die den Nachbarn scheidet
Vom Nachbarn, ob auch ihre Hütten traulich
Im gleichen Tal am gleichen Abhang lehnen?
Kennt ihr die Schranke zwischen Ich und Ich,
Die selbst nicht sinkt, wenn Mann und Weib ihr Lieben
In süß erschauernder Umarmung tauschen?
Ein dichtumwachsnes, engummauertes
Geheimnis ist die scheue Menschenseele.
Selbst nicht der Liebe Wort vermag die Fülle
Des Herzens bis zum Grunde auszuschöpfen,
Und nie vermählt ein Ich sich ganz dem andern.
Nein, es bewahrt in frommer Keuschheit sich
Für jene einzige Braut, die kommen wird,
Daß wir sie ganz besitzen, wie sie uns.
Einsam harrt jede Menschenbrust der Wahrheit. --
Einsam? Und ewig abgeschlossen läge
Der Garten einer Menschenseele da,
Nur sich erblühend und dem fernen Himmel?
O nein! Prangt auch die Rose dunkelglühend
Auf diesem Grund, auf jenem schimmernd weiß;
Singt auch die Nachtigall in bangen Seufzern
Aus diesem Strauch und schmetternd hell aus jenem,
Hoch in die Luft erhebt sich Duft und Sang,
Und über Hecken, über Mauern fließen
In eins zusammen Klang und Blumendüfte.
Kein Menschengeist umschließt die Wahrheit ganz;
Doch flammt ein Teil von jenem Lichte, das
Die Welt durchrinnt, in jedem Erdendasein.
Ja, selbst des Tieres Dämmerleben bebt
In froher Ahnung auf zum Sonnenlicht.
Und lebte wo ein Wesen, das die Gottheit
Einsam im ewig Dunkeln ließe tasten,
Das nimmer Teil gewänne an der Wahrheit,
So wär die Wahrheit aller Lügen größte
Und unerhörteste und grausenvollste.
Die Wahrheit ist -- und ist darum in +allen+.
Aus allen Kehlen wird mit siegender
Begeisterung der Ruf erschallen: „Land“,
Wenn einst an einem großen „Allerseelen“
Wir ans Gestade der Erlösung stoßen.
Dann wird des Jünglings trotzig kühnes Wort
Sich mit des Greises mild bedachter Rede,
Der kaum erwachten Kindesseele Stammeln
Sich mit dem Hauch aus Gräbern des Vergangnen,
Der Glanz im Tau, im schimmernden Gestein
Sich mit dem Licht im Blick des Adlers einen,
Und jeder Strom des Daseins wird erbrausen
Im endlichen Triumphgesang der Wahrheit.
Ein Besuch.
In jenem Hause war ich, wo man Tiere
Bewacht und füttert, welche Menschen heißen,
Wo dem gebornen Wahnsinn ein Asyl
Man bietet und den Stumpfsinn zärtlich pflegt,
Daß dem Gesunden sich bei seinem Anblick
Vor starrem Schreck das Hirn im Kopfe löst
Und einen eigensinnigen Wirbel tanzt. --
In jenem Hause war ich, wo der Mensch
Am Boden hockt wie ein verschüchtert Tier.
Die Augen rot und stumpf, die Haare gelb
Wie trocknes Stroh und schwammig aufgedunsen
Die grauen Wangen --: so, sich selbst begeifernd,
Die Zähne fletschend oder äffisch grinsend,
Dann plötzlich wild die ungeschlachten Glieder
Wie Mühlenflügel drehend, sah ich sie,
Aus deren Lallen Gott kein Lob erschallt. --
Sieh diesen da, wie er die Nägel gräbt
In die Matratze, wie er kratzt und kratzt,
Aufwühlend seines Lagers Eingeweide:
Er sucht, so scheint mir, seines Daseins „Zweck“.
Und jener Greis, der uns entgegengrinst,
Der närrisch tanzend unsre Hände faßt
Und uns sein Spielwerk zeigt: ein blökend Schäflein,
Das ihm auf Rollen durch die Stube folgt --
Mich packt und schüttelt Frost -- hinweg! -- er wird
Sogleich uns gellend in die Ohren schreien:
„Verfluchte Welt, wo ist mein Menschentum?“
Auf der Materie weißes Blatt gedrückt
Hat hier der Geist ein schief-verschwomm’nes Bild.
Stoff ohne Geist erblick ich schaudernd hier,
Und tiefer schaudernd noch empfind ich Geist,
Der der Materie Grenzen überschritten
Und heimatlos in öder Leere schwärmt. --
In jenem Hause war ich -- wenn du dort
Gewesen, mundet dir die Welt nicht mehr
Für lange Zeit, und erst mit vielen Monden
Rollt auch der Vorhang des Vergessens nieder.
Was du gesehen, legt so schwer und dumpf
Sich hinter deine Stirn, daß du nur leis
Des Geistes Auge aufzuschlagen brauchst,
Um stets das gleiche Grauenbild zu sehn.
Und immer fragst du dich: Wozu die Sonne
Am Himmel noch? Wozu noch wandeln Sterne?
Warum entströmt der nimmermüden Erde
Mit jedem Lenz der Auferstehung Duft?
Wozu ihr blüh’nder Leib, wenn er, befruchtet,
Ein Menschenkind als eklen Wurm gebiert?
Ist nicht das Streben unsres Geistes, ist
Nicht sein Besitz ein großer, hohler Bettel?
Denn -- fanden wir das Glück -- wo bleiben diese?
In jenem Hause war ich; fortgeschleudert
Von diesem Erdball schien ich mir; ich sah
Wie eine taube Schnuppe ihn den Weltraum
Durchirren, und von diesen Tollen einer
Schlug mit der Hand danach: Ein Wölkchen Staub!
Herbei, ihr glaubensvoll beglückten Brüder,
Die mitten ihr ins All den Gott uns setztet,
Euch selbst zur tröstlichen Beruhigung,
Herbei und wandelt mit durch diese Hallen!
Das Übel dieses Daseins ist entweder
Von Gott gesandte Strafe oder Prüfung.
Nicht wahr, so lehrt ihr doch? Und werft dabei
Des läst’gen Zweifels brennende Gedanken
Aus einer Hand behutsam in die andre,
Bis sie sich abgekühlt. Warum nun wird
Allhier gestraft und wozu wird geprüft?
Ein artiges Problem für euren Witz!
Wir Gottes Ebenbilder? Und was sind
Nun diese? Gottes Ebenbilder auch?
Wollt’ er in genialer Schöpferlaune
Sich selbst verhöhnen, als er diese schuf?
Das konnt’ er nicht! Denn Gott ist ja die Liebe,
Und Liebe weint, die solchen Jammer sieht.
Wie, oder büßen sie der Väter Sünden?
Ich bitt’ euch, sagt das nicht, auch denkt es nicht!
Denn wer es nur in meiner Nähe denkt,
Dem Pharisäer fahr’ ich an die Kehle! --
Kommt mit, wir wollen lieber beten gehn.
Ich bete mit, wenn mir’s schon nicht behagt,
Auf eure Art zu beten. Habt ihr dort
Den mißgebornen Seelen eine Kirche
Nicht jüngst erbaut? Wir weihen sie nicht besser,
Als wenn wir Gott in ihren Hallen suchen
Und also betend vor ihm niedersinken:
„Allmächtiger, gerechter Gott der Liebe!
Du träufelst Tod auf die erblüh’nden Lippen
Des holden Säuglings, den in Schlummer wiegt
Die frohe Mutter; Sterben träufelst du
Dem Mann ins heitre Aug’, das hoffend blickt
Ins weite Feld der goldnen Zukunftssaaten;
Zum letzten Schlaf berauschest du die Braut,
Wenn schon ihr Geist im Myrtenzauber träumt --
So laß mit ernstem Ringen dich erbitten:
Auf diese Stätte einen Tropfen Tod!
Des Todes Wolke laß auf diesen Greuel
Herniederfallen, den du nicht gewollt!“
Denn, meine Brüder im Gebet, gewiß:
Jehovah reut es, daß er diese schuf.
Die Bibel lehrt uns ja, daß er bereut.
Er will sich nur von diesem Irrtum nicht
So wohlfeil lösen wie durch jene Flut,
In der er alles Lebende ersäufte.
Wenn aber wir ihn bitten mit der Kraft
Inbrünstigen Gebets, wenn in die Hand
Wir ihm mit allem Schmerz des Mitleids fallen,
So muß sich ja sein göttlich Herz erweichen,
Und segnen muß er unsre Hände, wenn
Sie töten, was dem Tod geboren ward.
O seid versichert: Dankend und frohlockend,
Mit heißen Tränen himmlischen Erbarmens
Empfängt er den verlornen Staub zurück.
Fortströmen läßt er ihn von neuem dann
Ins All und -- um unsäglich Leid zu lohnen --
Läßt er auf bess’rem Stern zu Tage keimen,
Was hier erlöst in Todesnacht versank,
Läßt er, was hier verdorrt am Zweige hing,
Den Morgentau des Paradieses trinken! --
Pestalozzi.
(1896.)
Ein fremder Klang fürwahr in unsrer Zeit:
Der Name Pestalozzi! Zwar gehört
Hat man ihn oft genug in diesen Tagen;
Herab von tausend Rednerbühnen klang er
Und hallte nach von Millionen Lippen;
Doch der herabbeschworne Genius findet
Ein anderes Geschlecht, als er ersehnt.
War er nicht schwach im Kleinen, stark im Großen?
Und also ganz ein Gegenteil von uns?
War er nicht ungeschickt und unbeholfen?
So ratlos und so hilflos wie ein Kind?
Besaß er Biegsamkeit und Witz genug
Für jene vielgewandte Kunst des Rechts?
Verstand er Zeit und Menschen zu gebrauchen?
Verstand er zu regieren und zu herrschen?
Ach, nicht einmal den eignen Vorteil kannt’ er;
Den andern konnt’ er helfen, aber nicht
Sich selber. Hat er jemals wohl verstanden,
Zu einer „immer gleich gestellten Uhr“
Die Schule aufzubaun, zum Mechanismus,
Erstaunlich, wunderbar, von einem Punkt aus
Geregelt und bewegt und täglich, stündlich
Abschnurrend in vortrefflich ödem Tiktak?
In diesen Walzen, diesen Rädern freilich
Bewegung gibt es viel und viel Geschnarre;
Doch ist das Kunstwerk leider, leider tot.
Was Pestalozzi schuf, war nur ein Garten,
Von einem ewig frischen Quell genährt.
Aus seinem Herzen stark und eben floß
Der immer gleiche, reine Strom der Liebe,
Und hundert welke Blumen hoben rings
Die müden Köpfchen, von verschmachtetem
Gezweig erglänzte junges Frühlingslächeln;
Durch halb erstorbne Wesen ließ er strömen
Des Lebens Atem und des Morgens Kraft --
Und diese Kunst verstehn wir leider nicht.
Er, dessen Bild euch grüßt, war ein Genie,
Das heißt, er ward verachtet und gemieden,
Das heißt, er ward verspottet und gehaßt.
Doch solcher Geister köstlichster Besitz
Ist ein geheimes, felsenfestes Wissen.
Und tief gelassen zog er sich zurück
In seines Ringens still beglückten Frieden.
Er brauchte Kinder nur zu seinem Werk;
Denn alles andere besaß er selbst.
Und alle sollten klug und glücklich werden,
Die ärmsten und die schmutzigsten und kränksten --
Und solcher Kinder fand er bald und viel.
Sie zog er sanft in seinen Zauberkreis.
Und herrlich klingt sein Wort: „Sie waren außer
Der Welt; sie waren außer Stanz; sie waren
Bei mir und ich bei Ihnen.“ Bebt darin nicht
Der stille Jubel eines Siegergeistes? --
Die Neider kamen und verklagten ihn:
Er weicht von den gewohnten Wegen ab!
Er treibt es anders, als wir’s Tag für Tag
Und Jahr um Jahr zu treiben längst gewohnt;
Er will ein Andrer, Bessrer sein als wir.
Es kann nicht gut und echt sein, was er tut;
Denn wir durchschauen’s, wir begreifen’s nicht!
Und als das Werk des Sonderlings man prüfte:
Sieh, da durch Wolken drang zum erstenmal
Die Sonne Pestalozzis klar und groß,
Da ward des Ruhmes grünster Lorbeer ihm,
Als man gestand: Er weiß die Kraft zu wecken.
Kein höherer Ruhm ist ihm zuteil geworden;
Denn höheren gewährt die Erde nicht.
Der Großen edles Vorrecht war’s von je,
Im Morgensonnenlicht das Ziel zu zeigen
Und neue Wanderfreude zu erwecken
In müden selbst und staubbedeckten Seelen.
Und ob er tausendfältig auch geirrt:
Am fernen Morgenhimmel sah er deutlich
Die lichten Berge unsrer Hoffnung glänzen;
Mit einem Wink wies er die rechte Bahn,
Und heut noch weckt in uns geheime Kraft
Sein großer Blick aus großen Liebesaugen.
Oh, wär er ganz lebendig noch in uns,
Oh, trüg er uns aus aller dumpfen Kleinheit
Zur Freiheit seiner Größe mit empor!
Nun, da er längst gestorben, längst gekrönt,
Nun ist es kein Verdienst, zu tausend Kränzen
Noch einen neuen Lorbeer aufzuhängen.
Doch bleibt uns andres, edleres Verdienst:
Das Große zu erkennen und zu lieben
Und aufzunehmen in das eigne Herz.
Wohlan denn, Freunde, weitet euer Herz,
Im Innersten den Helden zu empfangen.
Groß sei euch groß, und klein sei wieder klein,
Weckt aus geheimstem Seelengrund die Kraft.
Wo Kraft ist, da ist Tat, und nur wo Tat ist,
Ist Freiheit.
Comenius.
(1892.)
Ein Licht aus Finsternissen stieg empor:
Der Frühling kam mit seinem Morgenglanze.
Das Leben bricht, ein frischer Quell, hervor
Und spielt mit seiner Hoffnung Blumenkranze;
Was in beschränkte Sorgen sich verlor,
Taucht freudedürstend wieder in das Ganze,
Und alles jauchzt, vom Taumel fortgerissen:
„Willkommen, holdes Licht aus Finsternissen!“
Wie fügt sich’s gut, in solcher Werdezeit
Sich dankbar eines großen Manns zu freuen,
Der wie ein Sämann, stets zum Wurf bereit,
Durchs Leben ging, der Liebe Saat zu streuen,
Der durch die Nacht geleuchtet klar und weit
Mit Lichtgedanken, ungeahnten, neuen
Und früh der Menschenbildung Ackerfeld
Mit Sonnenschein und lindem Tau bestellt.
Aus Finsternissen stieg empor ein Licht,
Als jene Furie schnob durch Deutschlands Gauen,
Die, Wahn und Gier im grassen Angesicht,
Das Land beschattete mit blut’gem Grauen.
Recht, Ordnung, Sitte, Treu und Nächstenpflicht
Vom Riesenschwert der Barbarei zerhauen --
Und unersättlich schüren neues Hassen
Der Großen Laune und der Wahn der Massen.
Von Gott erwählt zu sein zum Kampf für ihn:
Der Wahn läßt Deutschlands Völker sich zermalmen;
Die Schwerter wüten, Völkerstämme fliehn;
Das Feld steht öd; die Frucht stirbt auf den Halmen;
Die Pest, den Hunger im Gefolge, ziehn
Die Horden durch das Land, die Dörfer qualmen --
Haß, Wut und Mord der Scharen Religion,
Ihr Götzenbild -- die heil’ge Konfession!
Von diesem Haß auch er verfolgt, gehetzt,
Der edle Weise heimatlos, vertrieben,
Dem Elend und der Sorge ausgesetzt!
Sein Hab und Gut, was er erdacht, geschrieben,
Ein Raub der Kriegesfackel noch zuletzt --
Er aber hegte treu sein großes Lieben;
Und als man endlich Duldung fand und Frieden,
War seinem Glauben Duldung nicht beschieden.
Und blieb im Kampfe doch ein Friedensheld!
Rings blutete die Welt aus tausend Wunden,
Da hat sein Geist, von heiligem Strahl erhellt,
Ein tief versöhnend Ideal gefunden:
Nicht mehr nach Gütern, Rang und Stand zerspellt,
Nein, innig-fest nach Menschenrecht verbunden,
Soll sich versammeln vor der Weisheit Stuhle
Des ganzen Volkes allgemeine Schule!
Fürwahr ein Genius, der in weite Ferne
Der Zukunft seines Geistes Blitze sendet!
Noch heute locken uns dieselben Sterne,
Zu denen er den Seherblick gewendet;
Noch ladet uns die Frucht, in deren Kerne
Er Nahrung für Jahrhunderte gespendet,
Noch steht’s der Nachwelt staunenswürdig da,
Sein stolzes Werk: ~Magna Didactica!~