So soll es sein: Ein fröhlich Mühn

In Hoffnung, Zucht und Redlichkeit.

Dann wird’s aus Trümmern wieder blühn;

Nur neue Tat schafft neue Zeit!

Lied der Deutschen.

Wir waren noch im Unglück groß;

Uns barg Germanias Mutterschoß.

Da kam die Lüge, der Verrat,

Da kam des Teufels schlimmste Tat:

Verrat hat uns zerbrochen.

Er nahm die Freiheit, nahm das Brot,

Er gab uns Leib- und Seelennot,

Er gab das heilige Vaterland

In schamvergessner Würger Hand.

Wir wollen deß gedenken.

Für’s neue Glück die neue Saat,

Wie nennt sie sich? Sie nennt sich: +Tat!+

Hier schwören wir aufs Fahnentuch:

Den treffe seiner Kinder Fluch,

Der jetzt noch faul und feige!

Und nun empor den Blick gewandt!

Der uns das tiefste Leid gesandt,

Er ließ uns eines noch: die Kraft,

Die hoch die alte Fahne rafft

Und sie nicht läßt im Sterben.

Schleswig-Holstein.

Aus meiner Kindheit Träumen blüht ein Land

Der sanften Hügel, drinnen Helden schlafen,

Der goldnen Felder, die ins Blau des Himmels

Hinüberflimmern wie ein früher Traum,

Der stillen Ströme, die, dem Meer verwandt,

Mit ernstem Schweigen breite Schiffe tragen,

Ein Land der weiten, saftgetränkten Triften,

Wo schwere Rinder durch den Nebel brüllen,

Ein Land, wo See’n und Wälder sich umarmen

In selig-stummem Anschau’n ihrer Prächte,

Ein Land, wo zwischen Dorn und wilden Rosen

Die Vögel sich mit Singen bau’n ihr Glück.

Aus meiner Kindheit Tagen glänzt ein Land

Der sanften Frau’n, die ohne Falschheit lächeln,

Die bei der Arbeit singen, weil ihr Herz

Des Himmels hellem Auge offen liegt,

Der Frauen, die sich leicht im Tanze schmiegen

Und starke, wangenrote Kinder nähren,

Die Gudrun gleich in graue Fernen harren,

Im Blick der Treue unbewegte Glut,

Bis der Ersehnte kehrt aus Kampf und Not.

Aus meiner Kindheit Tagen strahlt ein Land

Der ernsten Männer hinter Pflug und Amboß.

Sie reden wenig und sie lachen selten

Und singen kaum; allein sie träumen viel.

Sie blicken zweifelnd auf, wenn von Verrat sie

Und Falschheit hören, und sie fassen’s kaum.

Denn ohne Arglist suchen sie das Glück

In eigner Kraft und nicht in fremdem Weh.

Ihr Gang ist aufrecht; ihre Brust ist breit,

Sanft strahlt das Auge unter freier Stirn.

Nicht laut ist ihre Kraft, nicht rauh und wild;

Doch wer sie je verkannte, hat’s gebüßt.

Von Schwert und Axt und Morgenstern erklingt

Des Lands Geschichte und von Männern, die

Wie Mauern standen. Nimmer reichte weiter

Des Manns Geduld als seines Herzens Stolz.

Ihr kennt dies Land, ihr schaut ihm in die Augen,

Wenn ihr ins Antlitz eurer Kinder blickt:

In seine jungen, hoffnungshellen Augen.

Dies Land, dies flutumbrauste, sei ein Leuchtturm,

Dem jeder deutsche Schiffer froh vertraut. --

Halt aus in Nacht und Not, mein Land, mein Licht!

Holsteinische Abendlandschaft.

Unschuld lugt aus dem Hain, und Freude spielt um die Hecken;

Heim in sonniger Ruh wandelt der redliche Fleiß.

Dir, solange sie klingt, erheb ich die funkelnde Schale

Dankbar kindlichen Blicks, Heimat, du heiliges Land!

Tausend Bereiche der Welt sind sonniger, stolzer, erhabner;

Aber aus deinem Gefild singt mir ein kindliches Herz.

Deutsche Weihnacht.

(~Dies natalis invicti.~)

Weihnachten, Tag der Hoffnung, bist du da?

Du stiller Tag, da früh die Sonne sinkt?

Allein durch Nebel lacht sie rötlich schon

Erlösung uns aus langer Wintersnot.

Herbei, ihr Glaubenden, ihr Wartenden,

Ihr Helden, die Verrat zu Boden warf,

Ihr Nackten, die verruchte Gier entblößt,

Herbei! Ist auch noch fern der Ernte Fest,

So sollt ihr doch das Fest der Hoffnung feiern.

Vergeßt auf wenige Minuten nur

Den Gram, die Sorge; holt ein Zweiglein euch

Vom immergrünen Tannenbaum herbei

Und richtet’s auf im roten Abendlicht,

Und labt an seinem Grün den müden Blick:

Denn wißt, daß in der Tanne unsere

Altvordern schon das Bild des Frühlings sahn!

Die schwanken Zweige raunten leise Kunde,

Daß nicht vergangen sei der Erde Grün

Für immerdar; nein, leuchten werde bald

Der Anger wieder in verjüngter Pracht,

Der Wald ein neues Lied des Lebens rauschen

Und reich die Ähre schwanken auf dem Halm.

Wenn nun die heil’ge Nacht gekommen war,

Da sich das Glück der dunklen Mächte wendet

Und seine goldnen Pfeile prüft das Licht,

Da, unbesiegt von Sturm- und Wolkenschauern,

Die Sonne neu beginnt den frohen Lauf --,

Dann ließen sie auf einer starken Achse

Ein riesengroßes Rad sich drehn, nachdem sie

Zuvor des Rades Kranz in Brand gesteckt.

Da griff der Sturmwind in die Flammenspeichen

Und trieb es um mit Prasseln und mit Sausen

In rasend wildem Schwung, daß weit umher

Durchs Grau’n der Nacht ein goldner Regen fiel.

So war das Flammenrad ein Bild der Sonne,

Der unbezwungnen, großen Lebensmutter,

Die rüstiges Vertrauen nie betrog,

Und so begingen sie mit Hoffnungsjubel

Das „Auferstehungsfest der Unbesiegten“. --

Herbei, ihr Knechte denn und Bettler all,

Ihr Wartenden, ihr Horchenden, herbei,

Vereint euch brüderlich am kalten Herd

Und feiert eurer stillen Hoffnung Fest.

Laßt einmal nur die Last des Kummers sinken,

Liebkost den frischen, duft’gen Tannenzweig

Und glaubt mit brünstigem, bewegtem Herzen,

Daß einst die Flur der Heimat neu ergrünt.

Erhebt die Herzen durch ein starkes Wort,

Und sprecht ihr dann vom großen Kampf, der kommt:

Gewiß, daß eurem innern Blick erscheint

Das Rad der Zeit, von flammenden Gedanken,

Vom Sturme der Begeisterung beschwingt,

Die’s treibt und treibt, daß goldne Funken sprühn.

Dann sollt ihr an die goldne Sonne denken,

Die ihr ersehnt und die gewiß einmal

In heil’ger Morgenröte kommen wird ...

Und sollt im leisen Lächeln dieser Stunde,

Im stumm-beredten Druck der Hand begehn

+Das Auferstehungsfest der Unbesiegten+.

VIII. Kunst und Dichter.

Der Ruf.

Schon trat aus ferner, tannendunkler Pforte

Der Schlaf hervor.

Schon raunte mir die ersten, leisen Worte

Der Traum ins Ohr.

Da klang von nahen Zweigen

Ein tiefer Freudenschall,

Und klang getrost und stark durch Nacht und Schweigen.

In meinen Traum sang eine Nachtigall.

Ich ritt durch flimmerdunkle Waldesräume

Im Traum, im Traum.

Nur fern, o fern, durch mitternächt’ge Bäume

Ein lichter Saum.

Doch horch: von jenen Röten

Ein süß geheimer Hall,

Ein weiches, tiefes, morgenstilles Flöten!

In meinen Traum sang eine Nachtigall.

Nun weiß ich auch, daß mir dieselbe Stimme

Von je erklang

Und mir das Herz in Kampf und Leidensgrimme

Voll Hoffnung sang.

Ein Land des Lichtes träumen

Wir armen Seelen all!

Ich aber höre Klang aus jenen Räumen:

In meinen Traum singt eine Nachtigall.

Wintermärchen.

Auf dem Baum vor meinem Fenster

Saß im rauhen Winterhauch

Eine Drossel, und ich fragte:

„Warum wanderst du nicht auch?

Warum bleibst du, wenn die Stürme

Brausen über Flur und Feld,

Da dir winkt im fernen Süden

Eine sonnenschöne Welt?“

Antwort gab sie leisen Tones:

„Weil ich nicht wie andre bin,

Die mit Zeiten und Geschicken

Wechseln ihren leichten Sinn.

Die da wandern nach der Sonne

Ruhelos von Land zu Land,

Haben nie das stille Leuchten

In der eignen Brust gekannt.

Mir erglüht’s mit ewigem Strahle

-- Ob auch Nacht auf Erden zieht --,

Sing ich unter Flockenschauern

Einsam ein erträumtes Lied.

Dir auch leuchtet hell das Auge;

Deine Wange zwar ist bleich;

Doch es schaut dein Blick nach innen

In das ewige Sonnenreich.

Laß uns hier gemeinsam wohnen,

Und ein Lied von Zeit zu Zeit

Singen wir von dürrem Aste

Jenem Glanz der Ewigkeit.“

Schiller.

In einer großen Stadt, wo ich gewohnt,

In einem volk- und häuserreichen Viertel,

Sah ich aus meiner Kammer unterm Dach

In das Gewirr der Steine oft und lang.

Schier unabsehbar lagen vor mir da

Kamine, Mauern, Dächer und Mansarden,

Ein wirres Auf und Ab und Durcheinander,

Ein steinern Meer, im Wellenspiel erstarrt.

Und aus den Schlünden dieses Meeres drang

Des Alltags Raserei in Lust und Angst:

Des Hungers Seufzen und Gebrüll des Rausches,

Der Schrei der Gier, der Kindheit Morgenlachen,

Der Arbeit Hämmern und des Tanzes Spiel.

Und immer, immer, wenn ich Sinn und Seele

An diesem Brei von Dunst und Lärm ersättigt,

Schlich glücksgewiß und still mein Blick zur Seite,

Wo sich ein Wunder groß und ernst erhob.

Da, dicht umwühlt von Essen, Erkern, Giebeln,

Und ganz doch unberührt von ihrem Schwall,

Ein ewig strömender Gesang von Stein,

Stieg eines Domes Turm zu Himmelshöhn.

In breiten Massen wuchtig aufgeschichtet,

Schwang er doch leicht sich auf ins reine Blau.

Es überschlug der Blick sich, der ihn maß,

Und sank nach innen, schauernden Entzückens;

Denn seine herrlich ragende Gewalt

Umfloß der Schönheit ruhiges Gewand.

Von Zeit zu Zeit erdröhnte dumpf erhallend

Der Glocken tiefer Ton -- dann drang ein Zittern

Bis in der Häuser, in der Herzen Grund,

Und wohl durch manche Seele, manches Haus

Ging Wunsch und Hoffnung, groß und rein zu sein.

Und klang am Feierabend gar ein Lied

Vom Turm herab, dann quoll’s wie Rosenwolken

Durch allen Gassendunst, ein Duft von Frieden

Durchdrang den Lärm, und hoch an rauchgeschwärzten

Gemäuern hing ein stiller Abendglanz

Wie herbstlich rotes Weinlaub ...

Aber auch

Wenn er geheimnisvoll und schweigend stand,

Wie ewige Gedanken überdenkend,

Stieg mancher Blick empor an seinen Zinnen,

Empor in eine ahnungsreiche Welt.

Ja, auch die nie durch seine Pforte schritten,

Die ihn nur ragen sahn aus ferner Gasse --

Sie sahn ihn mit Bewunderung, mit Andacht,

Ja ja, sie liebten ihn aus dunklem Drang

Und wandten gern zu ihm den müden Blick --

Denn daß er groß war, das war Trost und Glück.

Daß er aus Qual und Qualm und Last und Lärm

Erhaben sich und schönheitsmild erhob,

Das war Befreiung aus bedrängtem Leid.

Daß er aus allen Engen sich entriß,

Das war Erlösung.

Und die Zweifler selbst,

Die Hoffnungslosen schauten milden Blicks

Auf diesen Weiser nach dem beßren Land.

Schon mehr als hundert Jahre stand der Turm,

Und ragen wird er durch Jahrhunderte

In ferne Zukunft. Und aus Tür und Fenster

In Hütte und Palast wird manch ein Antlitz

Sich neigen und dies Mal der Hoffnung suchen,

Und manche Seele wird an ihm empor

In unsrer Sehnsucht Heimatland entschweben.

Goethe und Tasso[2].

So wird sich wieder denn der Vorhang heben

Vor Belriguardos lorbeerstillen Gärten,

Wo zarte Fraun Gedankenkränze winden

Und alle Schönheit ahndevoll umfangen,

Ein edler Fürst die Kunst beschützt, weil er

Nicht Regeln ihr, nein, Recht und Freiheit gibt,

Nicht Ketten, sondern Flügel ihr verleiht,

Und wo in Sonnenglanz und Myrtendüften

Torquato Tassos traurige Geschichte

Sich zuträgt, der mit traumgeschwellten Segeln

Gescheitert einst am starren Fels des Lebens --

Um ihn in höchster Not doch zu umklammern.

Des unglücksel’gen Sängers Schicksal hat

Ein glücklicherer Genius uns gesungen.

Und war er glücklicher? Nahm ihm das Schicksal

Nicht nur die äußre Bürde von den Schultern,

Daß tiefer er den innren Schmerz empfinde?

O glaubt: er hat das eigne Leid gesungen

In Tassos Schmerzen! Ach, in süßen Worten

Hat laue Kälte ihn, wie oft, gekränkt,

Gefrorner Neid mit scharfen Eisesnadeln

Sein Herz verletzt wie oft! Doch Qual vor allem

Ist gottgeborner Seelen tiefster Drang:

Der Dichtung Traum dem Leben zu versöhnen!

Ach, all ihr Leben ist ein schmerzlich Fragen:

Warum ward unter Seligen ich geboren,

Wenn unter Menschen ich mein Leben lang

Die Heimat suchen soll? --

Allein er suchte

Und suchte mit dem treusten Menschenherzen

Geruhige Wohnstatt unter seinen Brüdern.

Denn Mensch war er, und unter Menschen wollt er

In Liebe wohnen. Und im Angesichte,

Im ungeheuren Rätselangesichte

Des Lebens forscht’ er Tag für Tag und Stunde

Für Stunde. Und war seelentief beglückt,

Wenn aus des Lebens dunklem Auge ihn

Ein heimlich, heilig Wissen überdrang.

Da weckte solch ein Licht in seinem Busen

Das große Feuer seines Herzens auf,

Und seine Kunst, in goldnen Flammen sang sie

Ein selig Wissen uns vom harten Leben.

Ja, glücklich war er! Seine Stirn berührte

Das Heldenglück des Lebensüberwinders --

Das Glück, das einst Ferraras armer Sänger

Mit irrem Flügelschlag umsonst gesucht.

Und wir, vereint in seinem großen Namen,

O suchten wir ein gleiches Glück und fänden’s!

Noch fliehen irrend Leben sich und Lied.

Des Lebens Helle suchte einst die Kunst

Und zagte feigen Blicks vor seinen Nächten --

In seines Dunkels Schrecken drang sie vor

Und haßte lichtvergeßnen Aug’s die Sonne --

Vergessen und verloren hatte sie

Das Werk des großen Schöpfers aller Dinge,

Das Lied des Weltendichters: Tag und Nacht.

Und da sie’s endlich wiederfindet, jubelnd

Die Arme breitet nach des Lebens Fülle --

Verwehrt sich ihr das Leben streng und kalt.

Nicht will’s mit ihr des Lorbeers Schatten teilen,

Den trauten Namen „Freundin“ ihr nicht gönnen,

Wehrt ihr den Thron, den ihr Natur errichtet

Zur Seite des Gedankens und der Sitte,

Und spricht voll Hochmut dröhnende Gesetze:

„Du sollst!“ und „Du sollst nicht! Weil mir’s beliebt!“

Ach, nicht von edler Frauen roter Lippe,

Nein, von des Eifrers zorngesträubtem Munde,

Von Pharisäer- und Pedantenlippen

Gellt nun der Ruf: „Erlaubt ist, was sich ziemt!“

Versöhnung unser Werk! Es kam der Frühling;

Goldregen hängt herab aus leichten Lüften,

Und aus der Tiefe steigt die Lilie auf,

Demselben Schoße beide sie entsprungen.

Oh, daß dereinst in einem neuen Frühling

Entgegenwüchsen Leben sich und Lied,

In Mutterarmen der Natur versöhnt!

Wohl käme dann auch Tassos „goldne Zeit“!

Am Zeitenstrom hinwandelten sie beide,

Die Kunst, das Leben, Aug’ in Aug’ versunken

Im starken Frieden spät erkannter Liebe.

Nicht mehr begehrte eines, was das andre

Nicht willig aus verwandtem Trieb gewährt.

So führend wie geführt, frohlockten beide

Dem lichtumkränzten Ziel der Ströme zu,

Und im Geriesel warmer Sonnenfluten

Und im verborgnen Silberklang der Quellen,

Im rauschenden Gesang aus Busch und Bäumen

Bewegte das Erlösungswort die Welt,

Das selige Wort: „+Erlaubt ist, was gefällt!+“

[2] Als Prolog gesprochen bei einer Tasso-Aufführung in Hamburg.

Hebbel der Nibelungendichter.

Prolog zu einer Nibelungen-Aufführung.

Von Siegfried tönt ein hoher Klang.

Ein Siegfried war es, der ihn sang.

Von Friedrich Hebbeln heb ich an,

Der war ein stolzer Knab und Mann.

Den nackten Stecken in der Hand,

Zog er allein durchs deutsche Land

Und schaut’ nach starken Schmieden aus

Und fand die rechten bald heraus

Und übt’ in Feuers Licht und Brunst

Bei großen Meistern seine Kunst.

Er schlug, daß hell die Welt erklang

Und Splitter rings und Funke sprang,

Und schmiedet’ sich ein funkelnd Schwert,

Das macht’ ihn tausend Ritter wert.

Er zwang die Riesen Not und Leid,

Wusch sich im Blut des Drachen Neid,

Gewann das Kleid Unsterblichkeit

Und deutsche Kunst, die Sternenmaid.

Wie früh sein irdisch Auge brach!

Der Tod ihn hinterrücks erstach.

Doch ruht auf deutscher Seelen Grund

Des werten Helden goldner Fund

Und strahlt in Tag und Nacht hinein

Mit tiefer Glut und klarem Schein.

Der ihn errang, lebt ewig-jung

Wie Siegfried lebt, der Nibelung.

Elise Lensing[3].

An einen armen Dichter denk ich heute,

Der eines nebligen Novembertags

Von Hamburg mit der Post gen Norden fuhr.

In Kiel ward Rast gemacht. Die Passagiere,

Nach wohl durchrüttelter, durchfrorner Nacht

Der nahen Labung froh, entstürzten fröhlich

Dem Wagen, riefen nach dem Wirt und heischten

Ein gastlich Zimmer und ein dampfend Mahl.

Nur Friedrich Hebbel schwieg. Die Barschaft reichte

Zu einem warmen Trunke kaum. Gegessen

Hatt’ er am Abend und am Morgen nicht;

Auch jetzt entschlug er rechnend sich des Mahls.

Er hatte seinen Deutschen erst die „Judith“

Geschenkt, darum auch war es ihm versagt,

Ein Zimmer zu bezahlen. Unter Knechten,

Fuhrleuten, die sich lärmend unterhielten,

Saß er im Postkontor und schrieb ein Brieflein.

Er schrieb: „Als ich Dich gestern nun verlassen,

Als ich im Wagen saß, schloß ich die Augen

Und öffnete sie eher nicht, als bis

Die Tore Hamburgs wir im Rücken hatten.

Nichts sollte mir Dein liebes Bild verdrängen

Ich wollt es mit mir nehmen in die Nacht,

Und sieh, in Traum und Schlummer dieser Stunden

Wie viel hab’ ich an Dich gedacht, Elise.“

Du Liebesmacht des Weibes, sei gesegnet

In Ewigkeit. Blickt hin auf die Geschichte

Erhabner Geister, die im Kampf bestanden:

Wie oft blüht neben ihrem lauten Ruhme

Nicht eines edlen Weibes stiller Ruhm.

Denn eines Weibes Liebe, merkt es wohl,

Ist ganz so stark wie eine Welt voll Haß.

„Männer gebären soll das Weib, nicht Männer morden“,

So klingt ein mächtig Wort in dieser „Judith“.

Ich aber weiß ein Höhres noch dem Weibe:

In Not und Nacht uns Männer zu erhalten.

So lang der Name Friedrich Hebbel leuchtet --

Und strahlen wird er durch Jahrhunderte --

So lange werden neben ihm erglänzen

Wie stille Flammen, die im Sturm nicht beben,

Zwei Namen auch: Elise und Christine.

Zweimal war er dem Untergange nah,

Und zweimal hat ihn eines Weibes Liebe

Uns neu geschenkt. Christine und Elise!

Ihr gabt so viel uns, wie der Dichter gab,

Ihr gabt uns Hebbeln. Und ihr lebt wie er!

Noch freut Christine sich des Sonnenlichts,

Die edle Frau, um deren hohe Scheitel

Ein jubelnd Volk des Dankes Lorbeer schlingt.

Seit vielen Jahren aber schläft Elise

Den traumlos tiefen Schlaf. Oh, kämen Träume

In diesem Schlaf, gewiß umschwebte sie

Das Bild des Helden, den sie so geliebt,

Wie einst ihr Bild ihm in die Nacht gefolgt.

Allein, wie tief und fest dein Schlummer sei,

Unsterblich ist, was wahrhaft einst gelebt:

So wacht in treuen Herzen deine Treue.

Ja, +deine+ Treue, +deine+ Liebe ist’s,

Die zum Gedächtnis dir ein Mal errichtet,

Und was des Steines Inschrift immer sei,

Vom Feuer +deines+ Herzens wird er klingen

Und rufen in die haßerfüllte Welt:

Durch Liebe lebt, was groß und köstlich ist!

[3] Als Prolog gesprochen bei einer Judith-Aufführung zum Besten

eines Elise Lensing-Denkmals in Hamburg.

Der Gekrönte.

Von eines kunstgeweihten Tempels Stufen

Stieg er herab: der Sieger im Gesang.

Im abendlichen Dunkel dicht gedrängt,

In langen Reihen harrte sein die Menge.

Wohin er lächelnd schritt, da brandete,

Brausend im Anprall die Begeisterung;

Der Fackeln Glut umflog die hohe Stirn

Ganz wie das düstre Flackerlicht des Ruhms.

Und mit ihm ging die Woge ihres Zurufs

Und trug ihn wie auf holdbewegter Flut.

Erstiegen war der Gipfel -- und vergessen

War das verschwiegene Elend langer Jahre,

Sein nie belohntes Ringen um den Preis,

Der Massen Stumpfsinn, Niedertracht und Hohn.

Des Volkes Gunst erhob ihn über alle

Und trug ihn nun gewiß zum sichren Hafen.

Und wie er dankend, lächelnd schritt dahin,

Hört’ er Gelächter neben sich -- Gelächter ...

Hört’ er dergleichen nicht in frühern Tagen?

Und einen Mann erblickt’ er bald, bedrängt

Von einer Schar von Spöttern. Und sie riefen:

„He, Freundchen, schau: so sieht ein Dichter aus!

Betracht ihn recht! Allein, wie ist mir denn?

Du bist ja +auch+ ein ‚Dichter‘! Wenigstens

Glaubst du es selbst! Ja, willst du denn dem Sieger

Nicht deinen Gruß entbieten? Nicht die Hand

Ihm reichen als -- Kollege? Hahahaaa!“

Und lauter scholl das Lachen.

Der Geschmähte

Sah fern ins Dunkel, bleich bis in die Lippen;

Die Seele war noch jung genug zum Schmerz.

Der Sieger kannte nicht den so Verhöhnten,

Nicht seines Liedes Kraft. Allein er kannte

Vortrefflich Stimm’ und Antlitz jener Edlen.

Das waren ganz dieselben breiten Fratzen,

Die in den Morgen seines jungen Glaubens

Hineingegrinst, dieselben Stimmen waren’s,

Die ihm das reine, adlerfrohe Herz

Mit Geifer überströmt. Der Pöbel war es,

Der ungeheure, der nicht Götter hat,

Nein Götzen nur, Idole, selbstgemachte,

Und der nach vornen nicht kann beten, ohne

Mit Eselshufen hinten auszuschlagen.

Der Seele Gleichgewicht verlangt es so.

Und sah er überall nicht gleiche Züge?

Auch hier -- und hier? Und solch Gesindel pries ihn

Und hob ihn jauchzend himmelhoch empor --

Da griff in des Gekrönten Herz das Heimweh

Nach seines Kummers reinen, stolzen Tagen,

Heimweh nach tiefer Nächte heiligen Schatten,

Nach ihrer Stimmen, ihrer Sterne Gruß;

Heimweh nach seines Glaubens Morgenröten,

Nach hohen Festen seiner Einsamkeit,

Nach jener Jünglingsträne, die nicht fließt,

Weil sie des Auges Glut zu rasch verzehrt,

Heimweh nach bittrem Jubel, trotziger Lust,

Nach reicher Not und königlicher Schmach.

Und Heimweh zog sein Herz zu seinen Brüdern,

Die er verlassen, die in Staub und Hunger,

Verhöhnt, verfolgt, in dunkler Tiefe keuchten,

Indessen er auf freier Höhe stand ...

Ausstreckt’ er weit die Hand, daß der Verhöhnte

Sie jäh ergriff mit dankbewegter Hast. -- --

Wem hohe Kraft die Schöpferseele füllt

-- Trägt auch der Menge Gunst ihn bis ans Ende --

An seiner Frühe Leiden hängt sein Herz;

Bei den Verschmähten ist sein Heimatland.

Glosse.

Im Fleiß kann dich die Biene meistern,

In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein;

Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern;

Die Kunst, o Mensch, hast du allein.

Schiller.

Du rühmst, o Mensch, der Arbeit dich, der harten.

Tritt in den sommerlichen Tag hinaus!

Ein emsig Völklein wirkt in deinem Garten

Von früh bis spät mit ewigem Ein und Aus.

Ein Schwarm von nimmermüden Segensgeistern!

+Im Fleiß kann dich die Biene meistern.+

Bestaunst du deiner Hände Werk so gerne,

Wenn zierlich dir’s und anmutvoll gelang?

Geh hin zum stillen Seidenwurm und lerne:

Ein Fädchen spinne du so zart, so lang!

Es kann, und spinnt dein Finger noch so fein,

+In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein+.

Jedoch dein Geist: was hat er nicht ersonnen!

Strömt Weisheit nicht aus deiner Stimme Schall?

Allein -- hat er das letzte Ziel gewonnen?

Und atmet nicht ein Gott im weiten All?

Kannst du das Weltenrätsel je bemeistern?

+Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern.+

So bei mir denkend, bin ich trüb gewandelt

Durch Nacht und Tag. Und brennende Begier

Nach jenem Geiste, der +allwissend handelt+,

Verzehrte meine durstige Seele schier.

Da rührte mich sein Hauch -- ein Lied ward mein:

+Die Kunst, o Mensch, hast du allein!+

Die Künstler.

Denen, die der Wüste Sand durchschreiten,

Denen, die das wilde Meer befahren,

Wenn Verzagen ihren Geist umdunkelt,

Hilft die wundertät’ge Fee Morgana.

Aus den Wellen, aus dem Sand erhebt sie

Palmengrüne Küsten und Oasen,

Hohe Säulentempel, die der Osten

Überspinnt mit wunderbarem Lichte. --

Unsrer Wüstenwandrung winkt ein Eden,

Unsrer Meerfahrt solch ein selig Eiland.

Jene schauen’s, die das Ruder lenken,

Die voran dem Wüstenzuge reiten.

Schauen’s nicht in seiner wahren Schönheit;

Zitternd nur in ferner Luft begegnet

Ihrem Blick das Trugbild der Morgana --

Und ihr Auge glüht in Seherflammen.

Und den wild verzweifelnden Genossen,

Die, am Boden schmachtend, sich verfluchen,

Künden sie mit schauerndem Erstaunen

Alle Wonnen der beglückten Ferne.

Seltsam strömt’s von den beredten Lippen,

Und in nie gehörten, heiligen Lauten

Singen in prophetischer Begeistrung

Sie der Menschheit kommende Vollendung.

Wer die Seher sind? Wie oft, o Seele,

Rafftest du dich auf zu neuer Wandrung,

Wenn in seligen Tönen und Gestalten

Ihre Hoffnung sprach vom Paradiese! --

Denen, die des Lebens Meer befahren,

Die des Daseins Wüstensand durchschreiten,

Wenn Verzagen ihren Geist umdunkelt,

Hilft die wundertät’ge Fee Morgana.

IX. Gott und Gedanke.

Gesegnete Wandrung.

In fernes Licht hinein

Schreit’ ich schon lange, lange;

Um graue Trümmer hängt’s

An jenem Felsenhange.

Um Sagentore blühn

Die abendroten Ranken;

Durch Fensterhöhlen schau’n

Verschollene Gedanken.

Und meine Seele schwebt

Durch Tor- und Fensterbogen

Ins Land des warmen Lichts,

Allmächtig hingezogen.

Ich weiß es nun gewiß:

Es schwebt ein selig Leben

Schon über dieser Welt

Und ist uns schon gegeben.

Ich weiß seit diesem Tag:

Es klingt Gesang und Reigen

Aus einer reinen Welt

In jedes tiefe Schweigen.

Alles ist ewig.

In den morgenfrischen Bäumen

Hing ein letzter Hauch der Nacht,

Und die Blumen machten Augen

Wie ein Kind, wenn es erwacht --

Holder Schreck entriß mich plötzlich

Lächelnder Versunkenheit --:

Eine Rose hat geduftet

Wie ein Lied aus Kinderzeit! --

Aufgehoben bleibt im Ganzen

Jedes Atems leises Wehn;

Einst an einem großen Morgen

Wirst du’s lächelnd wiedersehn.

Eine Rose hat geduftet

Wie ein Klang aus Kinderzeit;

Duft und Klingen, Heut und Gestern

Weben all an +einem+ Kleid.

Hingebung.

Das All erstrahlt von Millionen Sternen.

Die Erde blickt hinauf in stummer Ruh

Und haucht in selbstvergessenem Entzücken

Dem Himmel ihren warmen Odem zu.

Gedichte(#75501) · 第 8 / 12 段