Siehst du, o Mond, auf deiner weiten Bahn

Noch irgendwo im reichen Erdengarten

Aus dunkler Nacht so duftige Rosen blühn

Wie diese Kinder? Du umschmeichelst selbst

Der zarten Glieder weiche Lieblichkeit

Mit sanfter Welle. Sieh, ein Händchen hascht

Im Traum nach Früchten, die der Traum gereift!

Die Lippen lallen Worte eines Spiels --

Ein helles Lachen jetzt -- und ganz im Schlaf,

Im festen, ruhigen, zufriednen Schlaf!

Sie atmen noch im Ganzen der Natur;

Ihr Leben Traum, und selbst ihr Traum noch Leben.

Ein Engel hütet sie: sie pflücken Blumen

Am Abgrund unsres Elends ...

O verdammt

Sei diese ewige Qual und giftige Pein!

Willkommen, Schmerz! Zerreiße du mein Inn’res

Und laß mein Blut dahin in Strömen fließen,

So will ich sterben und die Erde segnen!

Laß mich auf deinem Schlachtfeld sterben, Erde;

Allein erstick mich nicht durch deinen Schlamm,

Durch deinen eklen Kot! Ist’s denn erlaubt --

O Narrenspiel der Welt! -- ist’s denn erlaubt,

Daß diesen wunderbaren Bau des Hirns

In tausend Windungen nur ein Gedanke

Durchkreist, daß eine einz’ge Mahnung nur

In diesem Herzen klopft und pocht und daß

Sich dieses Lebens reicher Quell erschöpft

Nur um das Eine: daß wir fressen können?

O Schmerz, ein Sohn des Himmels bist du sonst;

Erlosch’ne Geister schürst du wieder an

Zu hellen Bränden; aus verdorrten Herzen

Lockst du in heißen Wellen rotes Blut;

Die Stirn des schwachen Menschen schmückst du herrlich

Mit Götterglanz; den Weg durch Meer und Wüste

Führt ihn fortan des Trotzes Feuersäule.

Doch diese Sorg’ ums Brot -- o pfui -- sie ist

Ein widerwärtiges, gemeines Weib,

Das unverschämt im Haus die Herrin spielt,

Auf off’nem Markt sich in den Arm uns hängt,

Vor Edlen uns erröten macht, zugleich

Vor Schurken uns erniedrigt. Heilig ist

Kein Winkel ihr in unserm ganzen Innern;

Sie höhnt mit schmutz’gem Lachen unsre Andacht

Und speit auf unsern Stolz. Ja selbst, wenn Krankheit,

Wenn Tod uns und Verrat zu Boden schlugen,

So hockt sie triumphierend an den Herd

Und sucht mit frechem Grinsen unsern Blick,

Wenn er ins Leere starrt ...

Du schwindest, Mond;

O fliehe nicht; denn bin ich einsam, raunt

Der Tod aus meinen Kissen ... Nein, ans Fenster!

Ich will dich sehen, bis du ganz versinkst.

Laß mich mit dir durchwandeln diese Nacht!

Laß durch den Nebel, der mein Haupt umwogt,

Die Ströme deines weißen Lichtes rinnen --

Vielleicht ertastet doch mein müder Geist

Nach aller Qual den Weg zur Morgensonne! --

Um eine Hoffnung ärmer.

Betratst du je ein Haus

Mit hoffendem Verlangen

Und bist von dannen drauf

Gesenkten Blicks gegangen,

Um eine Hoffnung ärmer?

Wie anders schien die Welt

Auf deinem ersten Gange,

Als da du kehrst zurück

Mit sorgenbleicher Wange,

Um eine Hoffnung ärmer!

Wie bohren sich ins Hirn

Die heißen Sonnenstrahlen!

Wie bebt das kranke Herz

In wilden Fieberqualen,

Um eine Hoffnung ärmer!

Zerreißend dringt ins Ohr

Der Straßen Lärmgewühle --

Ach, daß du könntest ruhn,

Das Haupt auf weichem Pfühle --

Um eine Hoffnung ärmer!

Ach, daß das schwere Herz

Der Tränen sich entlüde!

Geduld! Noch kurzen Weg! --

Wie wandelst du so müde,

Um eine Hoffnung ärmer!

Da endlich winkt das Heim ...

Wohin sollst du dich wenden?

Aus allen Winkeln raunt’s

Und von den düstern Wänden:

„Um eine Hoffnung ärmer!“

Müde.

Ich zog auf fernen Wanderungen

An manchem stillen Ort vorbei,

Wo mich’s mit Allgewalt durchdrungen,

Wie selig dort die Ruhe sei.

Mit hohen Wipfeln sah ich ragen

Den Föhrenwald am Felsenhang;

Wie leiser Gruß aus fernen Tagen

Der Wind durch seine Kronen klang.

Ein Wasser ging in seinem Grunde --

Es weilte still mein Bild darin --

Von Stein zu Stein, von Stund’ zu Stunde

Mit ewig gleichem Sang dahin.

Und rings zersprengte Felsenmauern

In altbemooster Einsamkeit --

Auf einem Felsblock sah ich kauern

Ergraut und stumm die tote Zeit.

Ich zog auf fernen Wanderungen

An manchem stillen Ort vorbei,

Wo mir die Sehnsucht vorgesungen,

Wie selig dort die Ruhe sei.

O wie bescheiden wir uns stille

Mit jedem jungen Traum zuletzt!

Mich hat des Schicksals harter Wille

Durch Angst und Not und Qual gehetzt.

Nach aller Sorgen Gift und Kummer,

Nach dieses Lebens Schein und Trug --

Zur letzten Rast, zum langen Schlummer

Ist jeder Winkel gut genug.

Auf lautem Markt, im Tagesscheine

Geht mir’s verlangend durch den Sinn:

Ich legte mich auf diese Steine,

Wie gern! zur letzten Ruhe hin.

Johannisnacht.

Leuchtkäfer schwammen in der schweren Nacht;

Auf bleichem Rasen schliefen die Syringen;

Nur der Jasmin blieb wach und horchte still

Mit mondverklärten Augen einem Klingen.

Aus blauen Schatten sang die Nachtigall,

Ein Jauchzen war’s und jugendwildes Weinen.

Sie sang das Lied der jungen Sinnenkraft,

Das Lied, in dem sich Tod und Leben einen.

Und rückgesunk’nen Blicks, geschloss’nen Auges,

Fühlt’ ich der Erde Schuld und Angst verwehn,

Und alle, alle hab’ ich sie verstanden,

Die frommen Sünden, die wir rein begehn.

In bangen Schauern hab’ ich sie verstanden,

Die süßen Sünden trunk’ner Lässigkeit,

Die einst mit grassem Blick vor uns erstehen

Als spätes, als erbarmungsloses Leid.

Trügender Strahl.

Freundlicher Gefährte später Stunden,

Kleiner Vogel, warum singst du nun?

Nacht und Schlaf hat längst die Welt umwunden.

Ließ die späte Lampe dich nicht ruhn?

Durch des Käfigs Hüllen wohl verirrte

Sich ein Strahl, der dir ins Auge drang,

Und dein helles Stimmlein klang und schwirrte --

Armer Freund! Der Morgen säumt noch lang.

Auch mein Mut erhob im Traum die Schwingen --

Aber Nacht umhüllt’ mich schwer und dicht.

Und mein Herz begann von selbst zu klingen --!

Welchem Licht es sang -- ich weiß es nicht.

Der Einsame.

Ein schwarzer Ballen klatscht mit wildem Schlage

An meine Scheiben -- und fällt schwer herab.

Ich öffne rasch das Fenster --: eine Drossel,

Vom Falk gejagt, stieß das Genick sich ab.

Im Schnabel Blut, so liegt sie zuckend, schauernd,

Das Auge wach in heller Todesangst --

Du armer Schelm, ich fühl’s wie mein Verschulden,

Daß du dem bittern Tod entgegenbangst.

Bei deinen Qualen zuckt in meinem Herzen

Ein alter, heimatloser Menschenschmerz.

Wie kann ich’s deiner bangen Seele sagen:

„Dies Haus von Stein umschließt ein gastlich Herz?“

Nach dem Gewitter.

Grell entfuhr der Blitz den umwölkten Höhen,

Und der Donner Wut übertönte, lange

Dumpf verhallend noch, den in schwarzen Strömen

Rauschenden Regen.

Nun ist alles stumm. -- Nur wenn hin und wieder

Über Blum’ und Blatt ein geheimer Schauer

Huscht, fällt erdenwärts, wie in Träumen leise,

Tropfen auf Tropfen. --

Unheil traf dein Herz, und am heitern Tage

Trat das Unglück wild in dein junges Leben.

Schlag traf schnell auf Schlag, und des Lebens Traum ist

Eilig zerstoben.

Öde ruht dein Herz. -- Durch den müden Leib nur

Hin und wieder fliegt ein erinnernd Beben,

Und vom Auge rinnt, dem geschlossnen, leise

Tropfen auf Tropfen. --

Leben und Tod.

Heut mittag war’s; der Regen floß

Vom Himmel schwarz und dicht.

Ich saß an einem Sterbebett

Mit nassem Angesicht.

Wir waren allein im stillen Gemach,

Mein bester Freund und ich.

Ich jung und frischen Lebens voll,

Er jung -- und todessiech.

Ich sprach ihm Trost und Hoffnung ein;

Da ward ihm die Wange rot;

Da sprach noch grasser aus seinem Blick

Der nahe, schreckliche Tod.

Wir fühlten beide in stiller Brust

Des Scheidens bittres Muß,

Und unsre Lippen trafen sich

Im ersten und letzten Kuß. --

Nun sank der Tag -- der Freund ist tot.

Du ruhst in meinem Arm,

Du schönes, königliches Weib,

So jung und liebewarm.

Du küssest heiß denselben Mund,

Den ich dem Sterbenden bot:

So nahe wohnt das Leid der Lust,

So nah das Leben dem Tod.

Auf meinen Lippen fanden sich

Die beiden an einem Tag --

Was hemmt so jäh mir in der Brust

Des Herzens schnellen Schlag?

... Ich seh ein Bett ... ein Totenbett! ...

Daraufgestreckt ein Weib,

Mich selbst davor, und wilde Angst

Durchrüttelt meinen Leib;

Ich kenne die kleine, blasse Hand

Und presse sie wild ans Herz ...

Und ich erwach aus meinem Traum;

Denn du schriest auf vor Schmerz. --

Aus umnachteten Stunden.

Du liegst so lächelnd schön

Auf deinem weißen Bette,

Als ob ein süßer Traum

Dich fest umsponnen hätte.

Wie schlummerst du so tief

Mit schweigendem Behagen! --

Sie haben mir ins Haus

Viel duftige Blumen getragen.

Die schwellenden Düfte wehn

Betäubend durch die Räume;

Es kreisen durch mein Haupt

Die wilden Liebesträume.

Mit reicher Blumenpracht

Will ich dich leise schmücken;

Wenn du’s erwachend siehst,

Wie wird es dich beglücken!

Die goldne Primel ins Haar,

Daß wie ein Stern sie gleiße,

Die dunkle Nelkenglut

Auf deiner Schultern Weiße.

Um deine knospende Brust

Die kaum erblühten Rosen,

In deine weiße Hand

Die Lilien, die makellosen.

O komm! Erwach’, erwach’,

Daß ich dich heiß umfange! --

Huscht nicht ein warmes Rot

Über die zarte Wange?

Die schwellenden Düfte wehn

Betäubend durch die Räume;

Es kreisen durch mein Haupt

Die wilden Liebesträume.

O komm! Erwachst du nicht

Von meines Herzens Pochen?

Hat meine Sehnsucht nicht

Im Traum zu dir gesprochen?

Ich küsse in taumelnder Lust

Dein Antlitz, das süße, bleiche --

Dein Lager ist ein Sarg,

Und du bist eine Leiche. --

Am Grabe eines Freundes.

I.

Auf deinen Sarg fällt manche Träne nieder,

Und weher Klageruf zerreißt die Luft.

Ich starre trocknen Auges in die Gruft;

Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider.

Ich steh betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder,

Und faß es nicht, daß unter Glanz und Duft

So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ...

Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder.

Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen:

„Die Besten müssen früh von hinnen gehen!“

Dann wird zu dir mich die Erinnrung tragen;

An deiner Gruft werd ich im Geiste stehen,

Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen

Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen.

II.

„Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen

Den müden Geist zu dichterischem Flug,

Und schon seit langem streb’ ich ernst genug,

Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.“

So schriebst du einst nach qualerfülltem Ringen,

Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug

Dein brennend Aug’ umsonst Verlangen trug,

Und heute hör’ ich’s noch im Herzen klingen.

Begnüge dich! Du trägst nach heißem Ringen

Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen

Die große Poesie der Herzensreinheit.

Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen

Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen,

So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.

An den frischen Gräbern.

Die alten Gräber ruhen

Verborgen unterm Laub;

Vieljährige Tannen düstern

Über dem alten Staub.

Kaum weht um diese Stätten

Wohl noch ein Klageton,

Wo das Vergessen schweigend

Sitzt auf ewigem Thron.

Im kalten Winterwehen

Hebt dorthin sich mein Fuß,

Wo noch um die Kreuze flattert

Ein junger Blumengruß.

Die frische Gräberstätte!

Ein weites, kahles Feld!

Ein irrender Strahl der Sonne

Den gelben Sand erhellt.

Hier haucht die Luft noch Jammer,

Hier schleicht noch verlassene Not,

Und alles ist blutendes Wehe

Und alles ist herber Tod.

Ein reiches Blumenprangen

Verschüttet schier den Pfad;

Da liegen volle Rosen,

Die schon ein Fuß zertrat.

Wie hatt’ ich ganz vergessen

Das Sterben, das Vergehn

Und Lachen nur und Leben

In liebenden Augen gesehn --

In schmeichelnden Sommerlüften,

Wenn golden die Sonne loht,

In heulenden Winterstürmen:

Wie üppig blühst du, Tod!

Rhapsodie.

~Fortuna, quem nimium

fovet, sapientem faciat.~

Als ich geboren ward,

Rauschte der Sturm im Wald.

Auf nachtumschatteten Schwingen

Flog er durch nebelumgraute Weiten,

Trug er den Tod ins blühende Land.

Durch Tore und Gassen

Trieb er die Wolken erstickenden Staubs

Und warf an die Fenster

Dürre Blätter und tote Blumen. -- -- -- -- -- -- -- --

Als ich, geliebtes Weib,

Einst mit fiebernder Glut dir

Preßte die zarte Hand,

Als ich dich bebend gefragt:

„Liebst du mich denn?“

Als du ans Herz mir sankst,

Zitternd und heimlich bejahend:

Sieh! da troff unendlicher Regen

Aus grauer, wolkenumschleierter Höhe,

Und wir standen in herbstdurchschauerter Nacht. -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- --

Wenn ich sterbe dereinst,

Mög es herrlich prangender Frühling sein!

Mit hellstrahlendem Glanz

Grüße durchs Fenster mich singend und klingend,

Grüße mich jubelnd der letzte Tag!

Neidlos sterben im Frühling,

Wenn sich der andern Leben erneut:

Gebt mir, Götter, die Kraft selbstvergessender Liebe!

So nur trüg’ ich die Schuld ab,

Die sich mir aufgewälzt,

Als des Glückes ich friedlich genossen,

Während viel andre gewandelt

Einsam den Pfad der Dornen.

Nimmer zürne dereinst,

Von hinnen scheidend, meine Seele,

Daß der Tag, der vielen zur Wonne glänzt,

Mir die welkende Wange bleicht

Und auf mein Antlitz

Ewige Schatten des Todes legt.

Mahnung.

Eine Sense hängt im Baum.

Hat der Mäher sie vergessen?

Oder wessen ist sie -- wessen? -- --

Sah man heut den Gärtner? -- Kaum.

Kirsche blüht und Apfelbaum.

Aber alle Blüten schauen,

All auf mich mit stillem Grauen --

Jemand schleicht am Gartensaum.

Durch den lenzerhellten Raum

Ohne Zwitschern, ohne Singen

Schlüpft die Amsel; ihre Schwingen

Heben sich vom Boden kaum.

Unser Leben Schlaf und Traum --

Soll ich nun so bald erwachen?

Sonne scheint und will nicht lachen.

Eine Sense hängt im Baum.

Das eine Ziel.

Ich war ein Kind und bat die Schickung:

„O mach’ mich groß und stark und frei!

Zerreiß, die mir die Seele schnüren,

Der Kindheit Bande reiß entzwei!“

Ich war ein Jüngling und ich flehte:

„O Schicksal, schmiede mich zum Mann,

Daß ich das Glück mit stärkrem Arme

Ergreifen und umschlingen kann!“

Ich war ein Mann und bat in Schmerzen:

„O gib der Weisheit Ruhe mir!

Laß mild des Abends Sonne scheinen

Und schweigen meiner Wünsche Gier!“

Da stand der Tod an meiner Pforte.

„Wer“, rief ich bleich, „wer rief denn +dich+?“

Er sprach: „Du rufst seit langen Tagen,

Seit Kindheitstagen rufst du mich.“

Friedhof in Hannover.

Zwei Liebende, zu kurz vereint auf Erden,

Schloß diese Gruft mit schweren Quadern ein.

„Niemals soll dieses Grab geöffnet werden“ --

Ihr letzter Wille schrieb es auf den Stein.

Ein Reislein klomm aus schmalem Spalt nach oben

Und ward ein Reis, ein Baum, ein Riese gar;

Der Deckel sprang, und weit zurückgeschoben

Liegt der granitne Block schon manches Jahr.

Das Reislein schickten +sie+ aus düstrer Zelle,

Und ihre Sehnsucht hob des Steins Gewicht.

Allmächtig überschritt die Felsenschwelle

Des Menschenstaubes Heimweh nach dem Licht.

Dem Andenken meines Vaters.

Was oft in Tagen, die in Nacht versanken,

Mit gleicher Glut in unsern Herzen brannte,

Was dann im Tausch verschwiegener Gedanken

Ein froh-beredter Blick dem andern nannte,

Aus diesen Blättern sollt’ es dich umwehn

Mit der Erinnrung traumbeglänztem Flügel --

Nun wird’s allein durch meine Seele gehn

Als Geistergruß von einem stillen Hügel.

Allein im Dunkel.

Her durch Wände und geschloßne Türen

Schwebt ein Spiel von leisen, weichen Händen,

Oft so zart -- ich weiß nicht: ist’s des Weltalls

Tönend Schweigen, oder ist es Klingen?

Ist es Klingen?

Klang es nicht wie längst verwehtes Leben?

Ja, es rief wie erste Kindertage,

War wie alter Ahnen leises Rufen,

Die noch wachen in vergeßnen Gräbern,

In vergeßnen Gräbern.

Meinen Enkel einst umhaucht mein Leben

Wie ein fernes Spiel von leisen Händen --

Hörbar kaum, wie Traum von einem Klange,

Wird es klingen durch verschloßne Türen --

Durch verschloßne Türen. --

VII. Vaterland und Heimat.

Deutschland.

Deutschland, geliebte Mutter,

Du gabst mir, was ich bin;

Du sangst das Lied der Hoffnung

In meinen Kindersinn,

Und ruhig wuchs mein Wille

Wie deiner Felsen Hang;

Durch meines Herzens Gründe

Ging deiner Ströme Klang.

Wo ich nun weil’ und wandre,

Bleib ich in deiner Haft;

Ich trank ja deine Liebe,

Du Land voll Morgenkraft.

In Not und Fremde such ich

Dein Auge groß und lind

Und weiß, ich bin geborgen

Wie einer Mutter Kind.

So nimm auch, heilige Mutter,

Nimm meine Liebe an,

Und will der Neid dich schänden,

O fordre, fordre dann!

Mein Herz mit allen Wünschen

Sei dir ein Opferbrand,

Ruht einst nur seine Asche

In deiner Mutterhand.

An mein Vaterland.

(1914.)

O mein Deutschland, wie sie dich ehren!

Sieben Völker mit ihren Heeren

Fielen tapfer über dich her;

Denn für sechse wär es zu schwer.

O mein Deutschland, wie mußt du stark sein,

Wie gesund bis ins innerste Mark sein,

Daß sich’s keiner allein getraut,

Daß er nach sechsen um Hilfe schaut.

Deutschland, wie mußt du von Herzen echt sein,

O wie strahlend hell muß dein Recht sein,

Daß der mächtigste Heuchler dich haßt,

Daß der Brite vor Wut erblaßt!

Wär es zu denken, könnt’ es sich fügen,

Deutschland, könntest du unterliegen --

Wer einer Welt von Feinden sich stellt,

Ist auch im Sturze der siegende Held.

Aber du wirst sie zermalmen zu Staube,

Die dich umschlichen zu nächtlichem Raube.

Fege die Welt vom Truge rein,

Laß die Unschuld geborgen sein!

Stürz’ dich ins siebenfache Gewimmel,

Morde den Teufel und hol’ dir vom Himmel

Sieben Kränze des Menschentums,

Sieben Sonnen unsterblichen Ruhms!

Gewittersegen.

(1914.)

Mag die Welt in Wettern beben,

Bis sie Deutschland fürchten lernte.

Heldentod ist ewiges Leben;

Heldensaat ist ewige Ernte.

Die singenden Helden.

Das waren unsre Jüngsten, schier noch Knaben,

Die stürzten sich mit Singen in die Schlacht.

Daß sie am Todestor gesungen haben,

Des sei, solange Deutschland lebt, gedacht.

England, sieh her auf deiner Feindin Söhne

Und fühl’ im Herzen deinen tiefsten Neid:

Im Land der Lieder klingt wie Jubeltöne

Der Söhne Sterben und der Mütter Leid.

Du rissest sie aus ihrer Mütter Armen,

Die edlen Knaben, jugendzart und hold;

Du hast für keiner Mutter Sohn Erbarmen,

England, du Spottgeburt von Gift und Gold.

Doch sei gewiß: den Reigen der Gestirne

Bewegt ein Sehender, der nimmt und gibt:

Verdorren soll dein Leib, du Mammonsdirne,

Und keinen Sohn mehr tragen, der dich liebt.

Dich aber, Deutschland, werden Geister tragen

Zu jedem Sieg mit unhemmbarem Schritt;

Denn überall, wo deine Zeichen ragen,

Dies Lied der Helden zieht im Winde mit.

Wo immer ihr Gesang auf Purpurschwingen

Einher vor deinen stolzen Scharen weht:

Anheben wird ein Herz- und Schwertersingen,

Vor dem kein Teufel dieser Welt besteht.

Das Kindergesicht

(1915.)

+Sie zeigen im Tod ein Kindergesicht.+

So schrieb ein Mann, der sie sterben gesehen,

Die in die Schlacht wie zum Brautlauf gehen.

Ich las dies Wort und vergeß es nicht.

Das ist ein Wort wie ein Gedicht.

Ich hör’s die deutsche Sage singen,

Aus Strömen und Wäldern der Heimat klingen --

Ist es das Lied von Deutschland nicht?

Die deutsche Seele glaubt ans Recht,

An den Sieg der Unschuld in künftigen Tagen;

Drum wird sie von Engeln zum Siege getragen,

Drum wird sie zur Flamme in Sturm und Gefecht.

Da graust es dem Feinde, da starrt ihm ins Herz

Vieltausendfach das Aug’ der Gorgone,

Da bricht ihm das Knie vor Deutschlands Sohne;

Des Blick ist Stein, sein Arm ist Erz.

Sein Blick ist Stein -- bis das Auge bricht.

Da fällt die Maske! -- O mögen sie sagen

Von Deutschlands Helden in ewigen Tagen:

„+Sie zeigen im Tod ein Kindergesicht.+“

Ostern 1915.

Wieder kreischen wilde Pöbelhorden.

Deutschland wollen sie am Kreuze morden.

Kann dies Deutschland blutend je vergehn,

Dritten Tages wird es auferstehn.

Der Sohn.

Seinem Vater schuf er Zorn;

Seiner Mutter schuf er Leiden,

Und im Herzen wie ein Dorn

Saß sein wildes Leben beiden.

Hielten sie ihn an der Brust,

War er kindlich und voll Reue.

Schwamm er fern im Strom der Lust,

So verpraßt’ er Pflicht und Treue.

Und sie fügten still sich schon,

Ihre Hoffnung auszumerzen.

Nächtlich: „Ein verlorner Sohn --!“

Schluchzten heimlich ihre Herzen. -- --

„Jene Brücke wird gesprengt!“

Die es tun, sind Toderkorne.

Stürmisch aus den Reihen drängt

Hellen Augs sich der Verlorne.

Und die Kunde kam nach Haus:

„Als ein Held ist er gefallen.

Dieses Sieges Rosenstrauß,

Er hat ihn gepflückt vor allen!“ --

Lächelnd sprach der Vater: „Sieh,

Wieder ist er uns gegeben.

Was er lebte, das war nie!

Dieser Tod ist nun sein Leben.“

Das Gold dem Vaterlande.

I.

Dein Bruder gibt sein Blut. Willst du dein Gold nicht geben?

Behalt’s: so ist es tot. Gib’s hin: so wird es leben!

II.

Ringsum ist Kampf und Not. Ringsum ist bittres Muß.

Freiwillig gib dein Gold: du gibst vom Überfluß.

III.

Bist du so undankbar, an deinem Gold zu kleben?

Du gibst es nur zurück; dein Land hat dir’s gegeben.

IV.

Verflucht ist alles Gold, das du mit Inbrunst liebst.

Zum Segen wird der Fluch, wenn du’s dem Ganzen gibst.

Was denkt der Schuft?

(1916.)

Es zogen Sechzigjährige hinaus

Und trugen, jung gestrafft, des Kriegs Beschwerde.

Die hart verdiente Ruh’ verschmähten sie

Und lösten sich vom liebgewohnten Herde.

Sie dachten: Unser Leben blüht von vorn! --

Was denkt der Schuft?

Er denkt: Wie wuchre ich mit meinem Korn?

Es stürmten Sechzehnjährige zum Kampf

Und dachten nicht, im Mutterarm zu warten.

Ein ganzes Leben -- ihnen galt’s so viel,

Um Breschen auszufüllen oder Scharten.

Sie dachten: Wer vorm Feinde fällt, stirbt nie! --

Was denkt der Schuft?

Er denkt: Wie hoch verschachre ich mein Vieh?

Und Mütter setzten in das grause Spiel

Drei Söhne, vier und mehr, so viel sie hatten;

Sie zahlten in den Schatz des Vaterlands

Mit Kindesblut und mit dem Blut der Gatten.

Sie dachten: Siegt mein Volk, so lohnt der Kauf!

Was denkt der Schuft?

Er denkt: Wie treib ich meinen Zins hinauf?

Und kommen wird der Tag, da Blumen blühn

Aus jedem Grab, in das ein Glück versank,

Und kommen wird der Tag, da Ähren stehn

Auf jedem Grund, der Blut und Tränen trank,

Und Deutschland preist sein eisernes Geschick!

Was denkt der Schuft?

Er denkt nicht mehr; er hängt, will’s Gott, am Strick.

Unsere gefangenen Brüder.

(1919.)

Sie rufen euch! Hört ihr’s? Sie rufen euch!

Die Frankreichs Niedertracht, die Englands Roheit

In Ketten hält, aus Hunger, Gram und Schmach

Her gellt ihr Schrei:

„Ist Deutschland wirklich tot?

Lebt keine deutsche Seele mehr, kein Herz,

Das unser Elend fühlt und seine Schande?

Wir hören: Deutschland tanzt! Doch das ist Lüge,

Muß Lüge sein. Das Volk, von dem wir schieden,

Als wir zu Felde zogen, das war groß,

Und Unglück macht die Großen doch nur größer!

Nein, nein, das ist gewiß: Unzähl’ge Hände

Im heil’gen Vaterlande regen sich,

Uns zu befrein! Was einen Stein erbarmt,

Was ein Franzos’ ersinnt, ein Brite tut,

Das muß dem niedrigsten der Erdenkinder

Das Eingeweid’ aufwühlen -- wie nicht sollt es

In Flammen setzen unsrer Brüder Herzen?!

O macht uns frei! Von Tag zu Tag, von Stunde

Zu Stunde, von Minute zu Minute

Erharren wir, erhoffen wir, ersehnen,

Erflehen wir die Freiheit! Ach, wann helft ihr?

Wir möchten unsre Kinder wiedersehen

Und unsere Weiber, Mütter -- unsre Lieben!

Wann wird das sein? Ob’s morgen ist? Ob heute?“

So rufen sie! Hört ihr es nicht? Sie rufen!

Was gebt zur Antwort ihr? Antwortet ihnen:

„+Wir sind am Werk!+ Wir rasten nicht noch ruhn,

Euch zu befrein. Und zögert das Gelingen,

So habt Geduld und nehmt euch dies zum Trost:

Mit jedem Tag, der euch in Tränen aufgeht,

Wächst unsre Lieb zu euch, wächst euer Lohn!

Mit jedem Tag, den ihr in Gram verhaucht,

Wächst Deutschland aus der Nacht, wächst Deutschlands Kraft!

Mit jedem Tag, den ihr im Grimm verflucht,

Wächst schrecklich die Verdammnis eurer Henker!

Auf seinem Weltenthrone sitzt noch immer,

Gewärtig und gerecht, der Weltenrichter.

Am Tage des Gerichtes sollt ihr kommen

Und in die schwere Schale ihrer Schuld

Die Zeiten eures bittren Jammers legen,

Nicht Tag für Tag, nicht Stund’ für Stunde, nicht

Minute für Minute, nein! Ihr sollt

Sekunde für Sekunde wiederzahlen

All eure Pein, auf daß die bleichen Schelme

Tropfen für Tropfen würgen an dem Gift,

Das sie dem Unglück fühllos eingetränkt.

So schwer’s auch falle, faßt euch in Geduld!

Es kommt ein Lenz und mit ihm Deutschlands Tag.

Es kommt ein Tag erlösenden Gewitters,

Der Deutschlands Fluren segnet mit Gedeihn

Und seiner Feinde geile Saat zerschlägt.

Je höh’r die Schuld, je näher die Vergeltung!

Acht Worte sind’s, in diese beißt die Zähne:

+Je höh’r die Schuld, je näher die Vergeltung!+“

An jeden Deutschen.

Das grab dir, Deutscher, tief ins Herz:

Kein Fremder fragt nach deinem Schmerz.

Auf andre bau’n macht dich zum Spott.

Hilf du dir selbst, so hilft dir Gott.

Das Notwendigste.

Mein hart geprüftes Volk, verzage nicht!

In jeder Nacht wird dir ein Stern entbrennen,

Reicht nur dein eigner Genius dir das Licht,

In Ehrfurcht deine Genien zu erkennen.

1922.

So war es einst: Vom Neid umkreist,

Stand Deutschland stolz in Stein und Erz!

Nur war im Erz zu wenig Geist,

Nur war im Stein zu wenig Herz.

So ist es jetzt: Geschrei und Zank,

Und Leib und Seele darbt und friert.

Das Vaterland zum Tode krank,

Und Torenweisheit triumphiert.

Gedichte(#75501) · 第 7 / 12 段