Als wär mein Lebenswerk vollbracht,
Ein starkes, ruhiges Entsagen,
Als möcht ich sterben über Nacht.
Und weiß, ich grüße dich, o Morgen,
Mit neuem, siegesfrohem Mut
Und trag dir mit der jungen Erde
Entgegen meine Liebesglut.
Von nie gekannten Lebenskräften
In tiefer Seele regt sich’s nun
Und ruft mit tausend hellen Stimmen:
„Noch ist die Stunde nicht, zu ruhn.
Dein selbstzufriedenes Genügen
War einer schwachen Stunde Wahn;
Sieh hin! Aus Nebeln steigt die Sonne:
Ein neuer Weg ist aufgetan!“
Leise Stimmen.
Den Kopf auf deinem Schoß -- o Blumenlager!
O Pfühl, aus dem geheime Träume blühn!
Dein Auge glänzt, ein sehnsuchtdunkler Frager,
Wie reife Trauben aus dem Schatten glühn.
Nun sinkt die Wimper -- wie der weiche Flügel
Des Abendfalters, der durch Dämm’rung zieht.
Der wilde Tag flog über Tal und Hügel,
Und deine Lippe summt ein träumend Lied ...
Drückt nicht ein bleiches Antlitz sich ans Fenster?
Erinn’rung ist’s, der stille Abendgast.
Er schlüpft herein nach Weise der Gespenster
Und schmiegt ins Polster sich zu langer Rast.
Was mahnt er mich an düst’re Jugendtage,
Da mich die Hoffnung an den Spott verriet?
Ins große Meer versunken ist die Klage --
Im Ofen raunt der Wind ein fernes Lied ...
Und Tage kamen, Jahre, da mein Ringen
In stummer, bitt’rer Qual vergebens war.
Nicht glücken wollt’ es mir, sie zu bezwingen,
Die dichtverschlung’ne Obskurantenschar.
Die Staatsperücken ließen mich nicht gelten,
Weil ich den Puder und die Schminke mied;
Vom hohen Thron herab erklang ihr Schelten --
Die Grille geigt ein leises Schelmenlied ...
Ich +kam+ hindurch! Von Morgenkraft durchschauert,
Trag’ ich ein fröhlich blinkend Waffenkleid;
Doch überall in Busch und Hecken lauert
Mit giftigem Geschoß der Schuft, der Neid.
Die feigen Schurken, daß sie Gott verdamme ...!
Wie straff empor der Strom der Lampe zieht!
Nach oben, nur nach oben strebt die Flamme
Und trägt empor ein leises, feines Lied ...
Im Nachtzug.
Es donnerte, polterte, rollte der Zug
Durch fröstelnde Winterfrühe;
Noch ruhte in Städten und Weilern die Welt
Von Lust- und Leidensmühe.
Am Fenster stand ich und starrte hinaus,
Da war nur Nacht zu schauen,
Und tiefer und tiefer trank sich mein Blick
Hinein in Dunkel und Grauen.
Da sah ich fern aus niederm Gemach
Ein zitternd Licht erblühen:
Die Arbeit stand taumelnd vom Lager auf
Zu neuen, alten Mühen.
Und hier ein Licht -- und dort ein Licht,
Die grüßten von Ferne zu Ferne;
In Schloß und Hütte gingen auf
Der Mühsal bleiche Sterne.
Auf daß die Lust im Sonnenglanz
Den muntren Tanz erneue,
Entfachen lange vor Tag ihr Licht
Die Pflicht, die Sorge, die Treue.
Ist noch die Welt ein dumpfer Schlaf,
Ihr Traum ein irres Lachen,
Es grüßt sich schweigend im Morgengraun
Die stille Gemeinde der Wachen.
Fernes Licht.
Winkt ein stilles Licht aus weiter Ferne
Nächtlich her in meiner Stube Schatten,
Wenn des Tages flackernde Bewegung
Sich gestillt zu schweigendem Ermatten.
Ruhe winkt das Licht aus weiter Ferne.
Unser Leben, Tag um Tag genommen,
Ist ein töricht Fliehen vor der Ruhe
Und ein reuevolles Wiederkommen.
Jeden Abend aus der Qual des Strebens
Steig ich auf in diesen heiligen Frieden.
Vor mir, hinter mir ein dunkles Schweigen,
Ich -- wie von der Erde längst geschieden.
Hier nur fühl’ ich Brust und Arme wieder
Froh verlangend sich ins Weite dehnen,
Und zurück ins Herz mit starken Fluten
Kommt der Jugend heißes, reines Sehnen.
Niemand weiß es, wie ich hier gesunde,
Wenn durch schwarze, undurchdrung’ne Weiten
Sicher auf den feinen, weißen Strahlen
Unbeirrte, hohe Träume gleiten.
Was ich dann, am Kreuz des Lebens hangend,
Schlimmes leide und noch Schlimm’res lerne --
Nächtlich her in meiner Seele Schatten
Winkt ein stilles Licht aus dunkler Ferne. --
Erscheinung.
Eine düstre Wolke seh ich schwimmen
Durch den abendlichen Himmelsraum.
Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen
Zarte Lichter wie ein Flockensaum.
Gleichwie starrgewalt’ge Bergesschroffen
Ragt die Wolke hoch in den Azur.
Doch um ihre Stirne lichtgetroffen
Hängt des Alpenglühens Rosenflur.
Denn verborgen hinter jener Mauer
Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts,
Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer,
Blickt nach dort verklärten Angesichts.
Also sah ich düst’re Menschenstirnen
In den Grenzen dieser Erde auch:
Sie umfloß wie Glanz der Alpenfirnen
Eines fremden Lichtes leiser Hauch.
Augen sah ich, die dem Hier entrinnen,
Das mit Tränenschatten sie umhüllt;
Doch versunken war ihr Blick nach innen
Und von dort mit seligem Glanz erfüllt. --
An die Zeit.
Du bist als mächt’ge Trösterin befunden
Von vielen, welche Leid und Gram beschwert;
Denn wer vergessen kann und minder wert
Das einst Geliebte halten, mag gesunden.
Ich will von dir nicht Heilung meiner Wunden,
Die doch wie Gift an Geist und Herzen zehrt;
Was ich gerecht bewundert und begehrt,
Das gelte teuer mir zu allen Stunden.
Du wirkst der edlen, reinen Säfte Stockung;
Des Alters Siechtum, schleichendes Verderben
Und Tod verbirgst du unter Trostes Schein,
Und dem, der kraftlos nachgibt deiner Lockung,
Gibst du statt schnellen Tods ein ewig Sterben
Und zum Vergessen das Vergessensein. --
Sonett.
Bist du im Recht, und will man dir’s verdrehen,
Und gilt es ein geringes -- schweige gern!
Es ziemt dir wohl, von niedrer Zanksucht fern,
Den Streit um eitle Dinge zu verschmähen.
Doch gilt’s ein Ideal, das du ersehen
Zu deines Lebens wandellosem Stern,
Will man Gedanken in den Staub dir zerr’n,
Die rein und klar an deinem Himmel stehen,
Dann tausche nicht um feigen Frieden ein
Dein gutes Recht; dann streite sonder Beben,
Stirbst du auch einst verlassen und allein.
Denn besser ist’s, in Acht und Bann zu leben,
Als stets sein Ohr dem Ruf nach Frieden leihn
Und Licht und Recht den Narren preiszugeben.
Mein Freund.
Als ich jüngst im Garten wandelte,
Ward mir unverhoffte, tiefe Freude:
Aus dem tiefen Dunkel wirrer Zweige
Winkten mir zwei Blumen wie zwei Augen.
Näher trat ich, durchs Gebüsch mich zwängend --
Sieh, im düst’ren Schatten alter Bäume,
Fast erdrückt vom wuchernden Holunder,
Stand ein armer Strauch der Alpenrose.
Zwischen seinen krummen, mag’ren Ästen
Spann ihr feucht Gespinst die ewige Nacht;
Abgetrennt von Luft und Sommersonne,
War er leidend Jahr um Jahr gewachsen;
Doch aus Leidensnächten hob er Blüten,
Starke, lächelnde, betränte Blüten,
Seines Ringens Ende, still empor.
Und dem Gärtner rief ich: „Diesem Strauche
Gib den besten Platz in meinem Garten.
Tu es bald -- ich hab es ihm versprochen.“
Waldidyll.
Voll Haß und Unrast lief ich in den Wald:
Mein Herz war heiß; die Welt war tot und kalt.
Du, Bächlein, bist so wild und kraus wie ich!
Komm, schäumender Gesell, und lehre mich: --
Du gleitest singend über Blum’ und Moos --
Was ist im großen Weltenspiel dein Los?
Und sprühend, perlend klang es aus dem Schaum,
Ein Lied, die Welle sang es wie im Traum:
„Im Schoß der Berge kurze Stunden träumen,
Ein froher Sprung vom steilen Hange her --
An starren Felsenklippen sich zerschäumen --
Und seinem Selbst entsagen fern im Meer.“
Noch lange horcht ich. Klang’s vom Himmel her?
„Und seinem Selbst entsagen fern im Meer.“
Im Garten.
Ja, ich weiß, daß hier um Aug’ und Wangen
Eine Flut von Duft und Schimmer drängt,
Weiß, daß eine Traube schwerer Knospen
Fast herab bis auf die Stirn mir hängt --
Aber laßt mich doch die Sinne schließen
Vor dem Drang, mit dem der Frühling naht,
Und mich nur die Offenbarung fühlen,
Daß mein Herz noch Kraft zur Freude hat.
Denn ich ging durch einen langen Winter,
Stand vor einer tief zerstörten Welt;
Spöttisch hatt’ ich zwischen Furcht und Hoffen
Meine Lebenswage festgestellt.
Als mich heut nun diese Sonne weckte,
Sprang mein Herz, ach Freunde, sprang mein Herz,
Riß mit einem Schrei sich aus der Tiefe,
Schluchzen hört ich’s wie vor Lust und Schmerz.
Laßt mich, laßt mich nur die Sinne schließen;
Dieser Fülle weiß ich sonst nicht Rat.
Einen Tag lang will ich’s klingen hören,
Daß mein Herz noch Kraft zur Freude hat.
Aus gesegneten Tagen.
Heißen und gerechten Haß im Herzen,
Schritt ich achtlos durch den Morgenglanz;
Lug und Trug der Schurken auszumerzen,
Trieb mich der Gedanken Wirbeltanz.
„Ja, zermalmen will ich, will vernichten,
Was mir Kraft und Freude stiehlt und Schlaf!“
Und -- ich stockte jäh vor einer lichten,
Warmen Glut, die meine Augen traf.
Einem Garten war ich zugetrieben,
Wohl von tausend Rosen überflammt:
„Oh, wir leben!“ jauchzten sie, „wir lieben!
Oh, wir blühn und schaffen allesamt!
Wandeln wollen wir in Duft und Farben
Dieses Sommers gnadenreiches Licht!“
In die schwellendste der Rosengarben
Neigt ich tief und still mein Angesicht.
Und ich fühlte heiligen Erbebens,
Wie’s mit Doppelglut mich überkam.
Aus den Blumen schlug die Glut des Lebens,
Aus der Brust mir quoll die Glut der Scham.
Stiller Besuch.
An einem Tag, da Haus und Halde schwieg,
Lag ich auf meinem Ruhebett und schaute
Verhalt’nen Atems meinem Söhnlein zu,
Das fromm aus Hölzern einen Tempel baute.
Am Fenster lag im Abendlicht ein Buch,
Versonnen beugte sich mein Weib darüber;
Im Käfig saß der Vogel auf dem Stock
Und lugte dunklen Aug’s zu ihr hinüber.
Da war’s, daß ich gewußt: das Glück ist da ...
Ein Atem ist mir übers Herz gegangen ...
Die Luft ist hell von einem gold’nen Blick ...
Ein duftend Haar liegt weich auf meinen Wangen ...
Und flüstern wollt ich: seht, das Glück ist da!
Doch hielt gebunden mich ein ahnend Bangen --
Das Vöglein sprang von seinem Stock herab --
Da war der lichte, leise Gast gegangen.
Ruhe des Herzens.
Wie heimlich glüht ein Bild
Aus langer Dämm’rung:
Ein Sommerabend war’s
Im Heimatdorfe;
Noch lag ein Sonnenhauch
Auf Dach und Giebeln,
Und hell stand schon der Mond
In leerer Straße.
Der Nachbar sprach ein Wort
Von Tau und Regen,
Er sprach zu seinem Weib
Drin in der Kammer;
Er zog das Fenster an,
Es klang der Riegel;
Ein erstes Sternlein trat
Aus lichtem Dunkel.
Aus fernen Gärten klang
Ein Mädchenlachen;
Ein letzter Nachhall dann
Und letzte Stille.
Und all die Sommerwelt
Ging wie ein Atem
Geruhig ein und aus
Durch meine Lippen. --
Nun weiß ich’s, da mein Haar
Beginnt zu bleichen:
Was damals ich geatmet, war
Das Glück.
An einem leisen Bach.
An einem leisen Bach auf grünem Stein
Lag abendstill ein Sonnenschein,
Wohl größer kaum als eines Menschen Angesicht,
Jedoch ein heimlich-wunderbares Licht.
Ich kniete still ins Laub, und dieses Leuchten sprach
Von einer sanften Frau, die einst des Kranken pflegte,
Vom Zweige über ihm die schönste Blüte brach
Und lächelnd ihm aufs weiße Kissen legte ...
In ferner Frühe war’s, ein Kindheitstag,
Da unter Bäumen ich gebettet lag ...
Wo bliebst du, holde Frau? Nie fand ich deine Spur.
Du warst ein tiefes Glück, drum kamst du einmal nur.
Nur einmal --
fröstelnd schreck’ ich auf und seh mich um --
Mein redend Licht erlosch. Die Welt ist stumm. --
Und sehnend sucht’ ich heut den alten Stein --
Auf Moos und Welle glomm ein toter Sonnenschein.
Nie kehrt der Glanz von gestern mir zurück,
Das weiß ich wohl. Er war ein Menschenglück.
Jäher Zweifel.
Wo sich Weidenlaub zum Dache bog
Und durch Nacht ein stilles Wasser zog
Trieb ich lange schon den müden Kahn,
Meiner Sorge schweigend untertan.
Meine Ruder taucht’ ich in die Nacht --
Ob mir nie ein freundlich Ufer lacht?
Plötzlich Laub und Dunkel aufgetan,
Und ich schwamm auf lichtbeglänzter Bahn:
Aus des Ufers dunklem Wiesengrund
Prallte blendend weiß ein Säulenrund;
Laut davor in weh’ndem Fackelglanz
Schwang bekränzte Jugend sich im Tanz.
Lachen schallte, und die Zither klang;
Über Blumen wiegte sich Gesang --
Dank und Jubel mir im Herzen quoll;
An die Ruder griff ich freudevoll -- --
Da -- bevor ich noch den Kahn gewandt,
Hielt ein andres Bild mich festgebannt:
Spiel und Tanz auch drunten in der Flut,
Marmorblinken auch und Rosenglut.
Aber drunten in geheimem Glanz
Lautlos alles -- stumm -- ein Schattentanz.
Nah dem Glück, das mich empfangen will,
Steht mein Herz in bangem Zweifel still.
Welches ist das Ziel, das mir ersehn,
Und wo wird sich’s seliger ergehn:
Droben, wo die helle Zither klingt?
Drunten, wo sich stumm der Reigen schlingt?
Eines Tages.
Durch die silberflimmernden Gardinen,
Über rote Blumen floß ins Zimmer
Immer-immerfort die Sommersonne;
Am Piano saß das blonde Mägdlein;
Unter seinen rosenzarten Fingern
Sprangen flink und hell empor die Töne,
Klang das Liedlein „Mit dem Pfeil, dem Bogen“ --
Aber was ergriff den Mann im Zimmer
Nebenan? Den Blick noch kaum erhob er,
Kaum dem Klange neigt er noch das Ohr --
Packt ein Schütteln ihn bei beiden Schultern;
In die Hände drückt er jäh das Antlitz,
Und ihn wirft ein wildes, stummes Weinen.
Weckt’ ihm wohl das Lied ein tot’ Erinnern?
Eines längst versunk’nen Frühlings Helle?
Nein.
Des Menschen Herz ist eine Schale,
Die die ungeweinten Tränen auffängt,
Alle, alle unvergoss’nen Tränen
Aufhebt einem unbekannten Tag.
Tränen, die dein Aug’ im Jugendlachen,
In der Mannheit Stolz, im Rausch des Kampfes
Einst zurückwies, sammelt still die Schale,
Tränen selbst, um die du nie erfahren,
Stumm-geheim vom Leben zubereitet,
Sammelt sie auf einen stillen Tag.
Ist der unbekannte Tag gekommen,
Braucht es nichts als einer Blume Atem,
Eines Sonnenstrahls geheimes Klingen
Oder eines Liedes Flügelwehn --
Über strömt die übervolle Schale,
Und dein Leben sinkt, ertrinkt im Schmerz.
Von den Armen hob den Kopf er langsam,
Starrte über Nahes in die Ferne,
Und in feuchter, silberreiner Helle
Stieg aus Tränenfluten ihm die Welt.
Lied eines Armen.
(Aus dem Volksstück „Hochparterre und Keller“.)
„Der wahre Bettler ist doch einzig
und allein der wahre König.“
Lessing.
Mich drückt das Gold nicht auf der Stirn;
Mich drückt’s nicht in der Tasche;
Ich fürchte nicht, daß je der Neid
Nach meinen Freuden hasche;
Kein Schmeichler schleicht an mich heran,
Und keinem Pöbel frön’ ich.
Der wahre Bettler ist allein
Der wahre König.
Mit meinem Liebchen thron’ ich oft
Auf waldbekränztem Hügel;
Dann tragen Kleider wir von Licht
Und haben goldne Flügel.
Mit Blumen dann zur Königin
Das holde Mädchen krön’ ich;
Der wahre Bettler wird alsdann
Ein wahrer König.
Einst flattert auf mein stilles Grab,
So denk ich, eine Meise;
Hat auch nur, was der Tag beschert,
+Ein+ Kleid und ihre Weise.
Den toten Bettler kennt sie wohl
Und zwitschert silbertönig:
„Hier ruht ein seltner Mann; hier ruht
Ein wahrer König.“
In Gunst bei der Wetterhexe.
Schwirren, Flimmern mir zu Häupten --?
Unter ihren goldnen Fächer
Nimmt Fortuna, die Despotin,
Lächelnd mich, den armen Schächer?
Platz ist unter diesem Segen!
Wer da trauert: her geschwind!
Jubelnd such’ ich, sehnend such’ ich
Ein verhärmtes Menschenkind!
Zuspruch.
Es ist nicht wahr, was dir die Menschen sagen,
Daß sich das Glück mit jedem Winde dreht.
Wer wird denn viel nach Wind und Wetter fragen?
Die Sonne bleibt, wie oft sie untergeht.
Ein Sonnenlicht mußt du im Herzen tragen,
Das durch Gefahr und Leiden mit dir geht.
Ob’s tausendmal versinkt, es kehrt zurück;
Der Glanz in deiner Brust -- der ist das Glück.
Schranken des Glücks.
Durch die Seelen der guten Menschen
Bebt ein Seufzer geheimen Wehes,
Gellt ein Schrei verborgener Schmerzen
Selbst in der Stunde des höchsten Glückes. --
Wohl umfangen auch sie in berauschter,
Stammelnder Wonne das Glück der Erde,
Und sie vergessen, darein versinkend,
Alles Vergangenen düst’re Beschwerde.
Sie auch pressen in nächtlicher Kammer
Das Geliebte ans schauernde Herz,
Sie auch taumeln im Tanz des Lebens
Von der Verzweiflung zum trunkenen Scherz.
Ja, als lebte mit ihnen im Glücke
Alles, was sie lebendig umkreist,
Senden im Glück sie dankende Seufzer
Zu dem „allgütigen Weltengeist“.
Aber sie tragen die stille Mahnung
An das ewige Leid in der Brust;
Werden doch immer sich des gemeinen
Erdenloses die Guten bewußt!
Sie mögen allein
Nicht glücklich sein.
Den eigenen Glücksstern seh’n sie erblinden
In einer Nacht von fremdem Leid;
In gleicher Sekunde jauchzt ihr Herz --
Und zittert in weinender Einsamkeit. --
Durch die Seelen der guten Menschen
Bebt ein Seufzer geheimen Wehes,
Gellt ein Schrei verborgener Schmerzen
Selbst in der Stunde des höchsten Glückes. --
Vor dem Zuchthause.
Ein düstrer Steinkoloß ragt in die Schatten
Der Nacht hinauf. Die grauen Wände starren
Gespensterhaft empor, und sie umflattert,
Aufzuckend hier und da, ein fahler Schimmer
Der Gaslaterne, die im Hofe brennt
Und deren Glas von Sturm und Regen klirrt.
Auf harten Steinen gellt der Tritt der Wache;
Von Eisengittern starren tote Fenster --
Ein Zuchthaus. --
Ein scheußlich Ungeheuer, brütet es
In dumpfer Finsternis und haucht Verdammnis.
In später, dunkler Nacht schreit ich vorüber
Einsam und stumm. Doch tief geheimes Grauen
Durchfröstelt mein Gehirn. -- Ein öder Friedhof
Ist gegen diese stille Menschenwohnung
Ein lächelnd schöner Paradiesesgarten,
Ist eine Stätte süßer Lust, verglichen
Mit diesem Grabe der Lebendigen. --
Wir schreiten leichten Fußes dran vorüber,
Behaglich eingehüllt in unsre Mäntel
Und in den warmen Frieden unsrer Tugend.
Wir wandeln durch den hellen Sommertag
Und unterm Sternenglanz der Winternächte --
Und über unser Antlitz fliegt kein Schatten.
Wir drehen uns im kerzenhellen Saale
Zum lust’gen Schall der Geigen und Trompeten;
Wir schlürfen lachend aus kristallnen Bechern
Den roten Wein, daß er das Hirn durchglute
Mit holden, wundersamen Phantasien --
Und über unser Antlitz fliegt kein Schatten.
Wir wärmen uns am stillen Herd des Hauses
Und ziehen an die Brust das schöne Haupt
Des friedlich-sanften Weibes und der Kinder
Vom Jugendsonnenglück umstrahlte Häupter, --
Und über unser Antlitz zieht kein Schatten.
Wer aber diesem steinernen Gespenst
In sturmzerrissner Nacht vorüberschreitet,
Dem bohrt sich ein Gedanke tief ins Hirn,
Und in das Ohr raunt ihm ein Unsichtbarer:
„Sieh diese Stätte schuldbeladnen Elends
Und überschlag den Wert der eignen Tugend!
Wer fiel von diesen, deren Klageruf
An unbarmherzig kalte Mauern gellt --
Wer fiel in Schande, weil du mitleidlos
An seinem Jammer einst vorübergingst,
Als er noch gut war, doch vom Glück verlassen?
Wer fiel in Schande, weil du ihn verkannt?
Wer fiel in Schande, weil du seiner Jugend
In frevlem Leichtsinn eitle Lehren gabst,
Die abwärts führten, statt hinauf zum Lichte?
Wer fiel in Schande, weil du lässig warst,
Zum Guten ihn zu führen, seine Seele
Mit reinem Himmelslichte zu erfüllen,
Weil du in Faulheit deines eignen Wohlseins
Behaglich nur gewartet und sein Herz
Dalag, ein toter Acker, nur bedeckt
Vom Herbstesnebel eines öden Daseins?
O ihr, ihr Glücklich-Tugendsamen, Reinen!
Klebt euer Schuh, wenn er zum Tanze hüpft,
Nicht fest zuweilen an dem glatten Boden
Vom Blute eines Mords? -- Dringt nicht zuweilen
Durch alle Wohlgerüche eurer Gärten,
Durch eurer Kammern liebliches Arom
Der scharfe Pesthauch einer eklen Sünde? -- --
Die ihr das Haupt so frei zum Himmel hebt,
Vergeßt mir nicht in eurem guten Herzen,
Daß hinter diesen grauen Kerkermauern
Ein redlich Teil von eurer Sünde wohnt,
Und laßt in eurem Innern widerhallen
Den wilden Schmerzensschrei der hier Begrabnen,
An deren Fuß die schwere Kette klirrt
Und die verdammt sind -- auch um eure Schuld!“ --
Das verwandelte Lied.
Mit meinem Lieb durchstrich ich deutschen Wald,
Und froher Rausch aus grünem Licht und Duft,
Aus Windes-Orgelklang und Bergesluft
Ergriff die freudeoffenen Herzen bald.
O Kuß in eines Walds geheimstem Grund!
Fern oben über Wipfeln rauscht die Welt
Und weiß es nicht, daß unten, Mund auf Mund,
Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken!
Der Lippen Duft wie junges Tannengrün,
Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht,
Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt!
O sternendunkler Abgrund, ende nicht,
Und laß uns ewig deine Dämmrung trinken -- --
Doch ach -- ein Eichhorn, tückisch, schadenfroh,
Zerbricht ein Reis -- und bricht den Zauberbann.
Sie huscht davon -- ein Strahl im nächtigen Tann! --
Und steht -- und neigt das Haupt -- ein Kuckuck ruft
Fern, märchenfern im Lande Irgendwo.
Und wir, mit Küssen, zählen: Eins -- und zwei --
Und drei -- und vier -- schon schweigt er? Weiter, Schuft!
Und er gehorcht! Nun fünf -- und sechs -- und sieben --
Und schüttet uns von Leben und von Lieben
Die Herzen voll so ohne Maß und Ziel,
Daß sie mich von sich stößt und ächzt: „Nun wird’s zu viel!“
Zuviel, zuviel der Lust! Das Herz tut weh
Von so viel Kraft und Glück, und könnt’ ich schrei’n
Wie --
Still! Da fällt ein fremder Klang herein --
Von fern ertönt ein Horn -- o je, o je!
Genießen müssen wir -- da gibt es kein Entflieh’n --
Die Weise „Wenn die Schwalben heimwärts zieh’n“.
Nicht übel blies der gute, ferne Mann;
Doch wenn man nun einmal ein Lied nicht leiden kann --
Und seltsam: meinem Lieb ging’s ebenso:
Es war ein traurig Lied und stimmt’ uns herzlich froh.
Gefühlvoll blies er sehr vom Abschiedsbangen --
Wir näselten und dudelten’s ihm nach
Wie zwei der Zucht zu früh entlaufne Rangen.
Und lachten, lachten -- -- und verstummten jach.
Denn uns entgegen kam am Stock gegangen
Ein Mensch -- war’s noch ein Mensch? War’s noch ein Gehn?
Zu jedem Schritt mußt’ er die Kraft erst sammeln;
Ein Tasten war sein Gang, ein banges Stammeln --
Nie hab’ ich solch ein arm Gesicht gesehn!
Und jeder Zug darin ein zuckend Mühn:
„Nur diesen Sommer säh ich gern verblühn!“
Und aus den Augen -- ach, aus diesen Augen,
Die sich mit langem Blick ins Hirn mir saugen,
Sprach mehr zu mir als Leiden, mehr als Leid:
Schrie bettelnd jener herzgrundtiefe Neid:
„Warum gebt ihr mir nichts von eurem Leben!
Ihr seid doch überreich und könntet gern mir geben,
Und drückt euch stumm vorbei --“
Als wir vorübergehen,
Berührt sein Stab den Saum von ihrem Kleide.
Wir schritten weiter, ohn’ uns anzusehen.
Von selbst und heimlich flocht sich Hand in Hand,
Und ferngewandten Auges sahn wir beide
Mit großem Blick ins dunkle Schicksalsland.
Willkommne Rast am birkenkühlen Hang --
Und wieder hallte herüber des Hornes Klang
Und klagte: „Ob ich dich einst wiederseh?“ --
Da ward uns beiden ums Herz zum Weinen weh.
Es war ein Lied -- mocht’s viel, mocht’s wenig taugen --
Ein Lied war’s mit zwei sterbenden Menschenaugen. --
Sorge.
Willkommen, stiller Mond, im Schlafgemach!
Gieß deine Lichtflut neben mich aufs Kissen
Und laß in deine Strahlen mich die bleichen
Gedanken meines Grames flechten!
Wohl,
Du bist gewohnt, der Liebe sanfte Klagen,
Der Wonne Hauch als Opfer zu empfangen,
Und Glück, das in verschwiegner Nacht erblüht,
Vor dem verwandten Zauber deines Lichtes
Erschließt es seufzend seinen Kelch. Doch ich --
Mit der gemeinsten Sorge nah ich dir,
Und deine Freundschaft, dein Vertraun erfleh’ ich
In wacher Einsamkeit der stummen Nacht.
Ja, küsse dieses Weib! Sieh, wie erlöst
Ihr edles Haupt ins Kissen hingesunken!
Ist sie nicht schön? Die Arme ausgebreitet,
Die Lippen warm erschlossen -- hingegeben
Der Wonne ganz, vom Tag erlöst zu sein.
Befreit von niedrer Sorge und nun ganz
Ein Engel! Ja, verweil’ mit deinem Lichte
Auf dieser Stirn, versenk’ ihr Träumen ganz
In deine Silberflut! Ein hoher Geist
Träumt hinter dieser Stirn von lichten Tagen.
Doch ihn erdrückt des Tages harte Last,
Und er erstickt im Staube.
„Nahrung -- Brot!“
In diesem Schrei stirbt unser Leben hin.
Vergebens hehl ich ihr die grasse Not;
Verstellung schmilzt so bald im Strahl der Liebe!
Im Strahl der Liebe? Will er nicht erblassen?
In Hungers Knechtschaft ringen sie und ich
Mit Arm und Geist, und atemlos geschäftig
Gehn wir am Tag einander stumm vorbei.
Kaum noch gekannt lebt einer mit dem andern,
Des Glücks nicht achtend ob der größern Not,
Durch Leid entfremdet nicht, allein durch Sorge.
„Fürs nackte Leben heisch ich eure Kraft,“
So schreit uns Armut an, „und nicht fürs Lieben.
Was brauchen Bettler denn das Festgewand
Der Liebe, um ihr Leben dreinzuhüllen!
Das ist mein Fluch, das ist mein rastlos Mühn:
Die Seelen so mit Sorge zu umklammern,
Daß sie einander nie gehören können
Und müd und stumpf der Liebe sich entwöhnen!“