Und Dunkel fraß in mich hinein. --
Da schreck’ ich empor; die Tür fliegt auf:
Mein Mädel kommt heim in sausendem Lauf.
„Vater, Vater, ach hättst du’s geseh’n:
Feurige Räder, die sich dreh’n,
Und Blumen, woran die Bienen sogen,
Und Schmetterlinge wie Regenbogen,
Springbrunnen von Feuer, blau und rot
Und ein Knallen -- ich war vor Schreck halb tot --
Aber auf einmal, was gab es da?
Tausend Billionen Sterne, oha!
Rot und gelb und grün und blau,
Die stiegen bis ganz -- ich sah es genau! --
Die stiegen bis ganz in den Himmel hinein!
Ach, hättest du können bei uns sein!“
So sprach’s und hatte die ganze Pracht
In seinen Augen mitgebracht.
Ich dachte: Mein Kind, was du gesehn,
Ich seh es tausendfach so schön.
Seh’ goldne Augen wie kreisende Sonnen,
Seh’ überströmende Feuerbronnen
Und siebenfarbiger Falter Reigen
Und Sterne, die in den Himmel steigen.
Am Vorabend der Hochzeit.
1. Meiner Ältesten.
(Mel.: „Ihr treuen Geliebten“ aus „Figaros Hochzeit“.)
Es wuchs eine Myrte auf steinigem Grund;
Bald schmiegt sie sich duftend zum krönenden Rund.
Es wob sich ein Schleier aus Tränen und Licht;
Bald rahmt er liebkosend ein selig Gesicht.
So wandelt dahin denn erheiterten Blicks
In Schleiern der Schönheit, auf Myrten des Glücks.
Sei leicht wie der Schleier euch Sorgen und Mühn;
Und Hoffnung erquick euch mit ewigem Grün.
2. Meiner Jüngsten.
(Die Schwestern sprechen.)
Wir bringen Kranz und Schleier;
Ein treuer Mahner spricht
Zu Ernst und Lust der Feier:
Zerreißt den Schleier nicht!
Der Schleier ist der Schimmer,
Der auf den Höhen liegt;
Der Schleier ist der Flimmer,
Der sich auf Ähren wiegt.
Er ist die milde Feuchte,
Die Blumen übertaut;
Auch ist er das Geleuchte,
In dem der Himmel blaut.
Er ist der Hauch, der labend
Von Meer und Strömen winkt,
Und ist das Rot am Abend,
In dem die Sonne sinkt.
Er ist auf Vogels Schwinge
Das flüchtige Farbenspiel;
Er ist der Duft der Dinge,
Ist nichts -- und ist so viel!
Nehmt Myrte denn und Schleier
Ein treuer Mahner spricht
Zu Eurer höchsten Feier:
Zerreißt den Schleier nicht!
Lütt Jan.
Jan Boje wünscht sich lange schon
Ein Schiff -- ach Gott, wie lange schon!
Ein Schiff so groß -- ein Schiff -- hurra:
Von hier bis nach Amerika.
Die höchsten Tannen sind zu klein,
Die Masten müßten Türme sein,
Die stießen -- hei, was ist dabei?
Klingling das Himmelsdach entzwei.
Die Wolken wären Segel gut,
Die knallen wild im Wind vor Wut,
Jan Boje hängt am Klüverbaum
Und strampelt nackt im Wellenschaum.
Jan baumelt an der Reeling, Jan!
Und schaukelt, was er schaukeln kann.
Wenn’s an die Planken plitscht und platscht,
Der blanke Steert ins Wasser klatscht.
Wie greift er da die Fische flink;
Ein Butt bei jedem Wellenblink!
Die dörrt auf Deck der Sonnenschein,
Und Jantje beißt vergnügt hinein.
Jan Boje segelt immerfort,
Spuckt über Back- und Steuerbord
Und kommt zurück trotz Schabernack,
Das ganze Schiff voll Kautabak.
Wer aber ist Jan Boje, he?
Der Teufelsmaat und Held zur See?
Jan Boje ist ein Fischerjung’,
Ein Knirps, ein Kerl, ein frischer Jung’.
Grad liegt er auf dem Bauch im Sand
Und lenkt ein schwimmend Brett am Band,
Und ob die Woge kommt und geht,
Ob sich sein Brett im Wirbel dreht --:
Sein starrer Blick ins Ferne steht.
Da schwillt’s heran im Sonnengleiß
Von tausend Segeln breit und weiß;
Da hebt sich manch ein Riesenbug
Wie düstrer Spuk und Augentrug ...
Das wandert ewig übers Meer.
Wann kommt Jan Bojes Schiff daher?
Ein Freudentag.
Jaja, ich hab’ mir ’ne Pfeife gekauft,
Eine Tabakspfeife von Ton!
Ja, Weibchen, ja: der Sparsamkeit
Und aller Vernunft zum Hohn!
Haha, ich hab’ mir ’ne Pfeife gekauft,
Eine stattliche Pfeife von Ton,
Wie sie Mynheer van Holland raucht,
Der reiche Zuckerbaron!
Ja lache nur, Weib, du hast ganz recht:
Ich rauch’ überhaupt keine Pfeif’;
Doch weil ich so überglücklich war,
So +mußt+ ich sie kaufen: begreif!
Daß unser Junge nun wieder gesund,
Das machte mich wunderfroh.
Und bin ich vergnügt, so kauf’ ich was,
Ganz einerlei was und wo.
Und bin ich vergnügt, so verschwend ich was,
Leichtsinnig, wie ich nun bin.
So bin ich geboren, so sterb ich einst,
So leb’ ich inzwischen dahin.
Und siehst du: so hab’ ich die Pfeife gekauft;
Ist sie nicht schön und lang?
Ich gab, bei Gott! eine Mark dafür,
Ein Markstück rund und blank.
Die Pfeif’ in der Hand, so schlendert’ ich hin
Und sang und summte beglückt.
Die Spießer glotzten und stießen sich an
Und grinsten: „Der ist verrückt.“
Und wenn du, mein Liebchen, dasselbe meinst,
Ich stell’ es dir gänzlich frei.
Ich hab’ meine Pfeife von feinstem Ton;
Da, Junge, schmeiß sie entzwei!
Erwartung der Weihnacht.
Noch eine Nacht -- und aus den Lüften
Herniederströmt das goldne Licht
Der wundersamen Weihnachtsfreude,
Verklärend jedes Angesicht.
Und wieder klingt die alte Kunde:
Wie einst die Lieb’ geboren ward,
Die unbegrenzte Menschenliebe
In einem Kindlein hold und zart.
Nun zieht ein süß erschauernd Ahnen
Durch Höhn und Tiefen, Flur und Feld.
Nun deckt geheimnisvoll ein Schleier
Des warmen Heimes kleine Welt.
Dahinter strahlt’s und lacht’s und flimmert’s
Und ist der süßen Rätsel voll,
Durch alle Räume weht der Odem
Der Freude, die da kommen soll.
Und draußen nicken Bäum’ und Büsche
So leis’ in winterklarer Luft:
Die Kunde kommt, daß neues Leben
Sich wieder regt in tiefer Gruft.
Es knarrt die Eiche vor dem Fenster,
Sie träumt von langer Zeiten Lauf;
Da steigt wohl auch ein froh’ Erinnern
In ihre Krone still hinauf.
O weilt, ihr jugendschönen Stunden,
Verweile du, der Hoffnung Glück!
Vermöcht’ ich’s nur: mit allen Kräften
Der Seele hielt’ ich dich zurück.
Ihr süßen Träume des Erwartens,
Der Wunder und Gesichte voll,
Noch schöner seid ihr als der Jubel,
Die Freude, die da kommen soll.
Heiliger Morgen.
Von den Tannen träufelt Märchenduft;
Leise Weihnachtsglocken sind erklungen --
Blinkend fährt mein Hammer durch die Luft;
Denn ein Spielzeug zimmr’ ich meinem Jungen.
Graue Wolken kämpfen fernen Kampf;
Blau darüber strahlt ein harter Himmel.
Durch die Nüstern stößt den weißen Dampf
Vor der Tür des Nachbars breiter Schimmel.
Kommt Herr Doktor Schlapprian daher,
Zigaretten- und Absinthvertilger!
Voll erhabnen Hohnes lächelt er,
Hirn- und lendenlahmer Abwärtspilger.
Spöttisch grüßend schlendert er dahin
Und -- verachtet mich, den blöden Gimpel,
Der gefügig spannt den dumpfen Sinn
In die Enge, ein „Familiensimpel“. --
Rote Sonne überm Schneegefild:
Und das weite Feld ein Sterngewimmel!
Und ins Auge spann ich euer Bild,
Wundererde -- unerforschter Himmel.
Und den frischen, kalten, klaren Tag
Saug’ ich ein mit gierig starken Lungen --
Pfeifend trifft mein Hammer Schlag um Schlag,
Und ein Spielzeug zimmr’ ich meinem Jungen.
Weihnachtsspaziergang.
Täglich fast aus meines Dorfes Frieden,
Wo ich zwischen Feld und Büschen wohne,
Wo ich sieben Nachtigallen höre,
Wo mich Fink und Amsel lang schon kennen
Und mich keck beäugen, wenn ich nahe,
Wo die Welt im Sommer eine Laube
Und ein silberweißer Dom im Winter,
Wo vom Schreibtisch ich den Habicht schweben
Sehe durch des Himmels große Stille --
Täglich fast aus meines Dorfes Frieden,
Wo ich Ruhe, Traum und Klarheit atme,
Lenk’ ich meinen Schritt zur nahen Weltstadt,
Um zu fühlen, was ich sonst vergäße,
Daß die Welt nicht Klarheit, Traum und Frieden,
Nicht ein heimlich Wohnen zwischen Hecken,
Ach, kein Spiel mit Fink und Drossel ist.
In das weite, wilde Meer der Menschen
Tauch’ ich unter dann und laß mich treiben.
Ja, sie sind wie windverstörte Wellen;
Eine will die and’re überrennen,
Und am letzten Strand zerschäumen alle.
Wie sie jagen, stoßen, knirschen -- wie sie
Not und Habsucht durcheinander wirbelt!
Nur geradeaus den Blick gerichtet,
Drängen sie und trappeln sie und traben,
Sehen nicht das stille Leben fluten,
Sehn nicht, wie es stumm zu beiden Seiten
Fließt und fließt ins große Meer der Stille,
Ewig ungelebt und ungenossen.
Ach, sie leben nicht -- nur, um zu leben!
Vorwärts, vorwärts nur den Blick gerichtet,
Treibt es sie die schattenlose Straße
Fort, hinweg vom Schoß der großen Mutter.
Und versunken in des wilden Meeres
Tote Tiefen ist die alte Kunde,
Daß ein Glück sich dehnt in leichten Lüften,
Friede wandert zwischen Halm und Hecken,
Daß ein off’nes, frohes Menschenauge
Wie ein See des Paradieses glänzt.
Einmal nur im Jahre find’ ich’s anders!
Brach herein der Weihnacht heilige Frühe,
Nehm ich Hut und Stock und wand’re fröhlich
In die große Stadt. So tat ich heute.
Drängen, Treiben seh’ ich heut wie immer,
Seh’ ein wogend Meer wie alle Tage;
Aber auf den Fluten dieses Meeres
Ruht wie Sonnenschein ein einzig Lächeln.
Und -- o frommes Wunder ohnegleichen,
Selbst der Kaufherr, dessen Furcht und Hoffnung
Sonst um Indiens Silberminen kreisen,
Heimgefunden hat er in den Frieden
Einer höheren und stiller’n Welt.
Lächeln seh’ ich in entspannten Mienen
Und wo Lächeln nicht, doch einen Glauben
An das Lächeln. Starre Blicke seh’ ich
Wohl wie sonst, allein sie starren glänzend
In ein Licht, das sie allein erschauen.
Welches Glaubens sie und welches Sinnes,
+Einmal+ wieder haben sie’s vernommen,
+Einmal+ glauben sie die frohe Botschaft,
Daß ein Glück mag kommen aus den Lüften,
Daß ein Friede wohnt in grünen Tannen,
Daß ein liebend Wang’-an-Wange-Schmiegen
Alle Not beschämt und alles Prangen,
Daß ein off’nes, frohes Menschenauge
Wie ein See des Paradieses glänzt.
Von versunk’nen Städten singt die Sage,
Deren Glocken aus der Tiefe klingen.
Geh’ ich weihnachts durch den Schwall der Straßen,
Dringt durch allen Lärm ein stetes Klingen:
Leise aus verlor’nen Gründen hör’ ich
Läuten die versunk’ne Stadt des Glücks.
Weihnachtsepistel.
Weihnacht kommt heran, das Fest der Kleinen,
Da die Großen wie die Kindlein werden,
Arme Hirten, Könige und Weise
Mit den Öchslein um die Krippe stehen
Und ein Kind in tiefster Demut ehren.
Ja, die Großen werden wie die Kleinen.
Halbe Stunden lang sitz ich geduldig,
Ein Stück „Nachwuchs“ auf dem Arm, auf jedem
Knie noch eins, und eines steht dazwischen.
Wie man sieht: ein Fünftes fände schwerlich
Platz noch: höchstens auf den Schultern könnten
Zwei noch sitzen. Los geht das Verhör nun!
„Hast du heut den Weihnachtsmann gesprochen?
Hat er wohl noch solche große Puppe,
Solche, weißt du wohl, die schlafen kann
Und die Arm’ und Beine biegen kann?
Und die richtig schreit?“ -- „Ja, das ist wichtig!“
„Und ein Fläschchen auch dazu mit Lutscher?
Und ’nen Puppenwagen? Und ’ne Küche --“
„Ja, und sonst noch was? Ja freilich hat er
All dergleichen, aber nur für Kinder,
Die nicht eigensinnig sind, wie etwa
Hier mein kleines Dirnchen (in Gedanken
Und in Klammer: „und wie ihr Herr Vater!“)
„Dedda doosche Taffeetanne haben
Un Terwine un Papoffelschüssel --“
„Kriegst du, selbstverständlich.“ „Und ich wünsch mir
Nur ’ne große, ganz ganz große Trommel!“
„Ja, das möcht’st du wohl! Um mir die Nerven
+Ganz+ kaput zu trommeln! Nicht vielleicht auch
Noch ein Glasklavier mit Blechtrompete?
Aber hört! wenn ihr hübsch artig seid
Und die Mutter mir nicht noch vor Weihnacht
In vier Stücke reißt, dann kriegt ihr jeder
Ganz gewiß von mir ein nagelneues
Langes, breites, dickes, wunderschönes
Abgebranntes Zündholz --“. „Hahahaaaaa!“
Allgerechter! Diese Kehlen! Schrecklich
Dankbar ist dies Publikum für „Witze“!
Springen, Lachen, Johlen, Schreien, Strampeln --
Dein gedenk ich, großer Hagenbeck!
„Und was wünschest du dir denn, Papachen?“
„Ja -- das muß ich reiflich überlegen;
Denn die Sache ist mir doch zu wichtig. --
Halt! ich hab’s! Schon wieder hab ich einen
Handschuh irgendwo verloren. Schenkt mir
Einen linken Handschuh!“ „Ja, was kostet
Denn ein Handschuh?“ „Hunderttausend Taler!“
Neuer Sturm. Am Boden selbstverständlich
Endet dieses bürgerliche Schauspiel.
Wie ein Festungswall werd’ ich „genommen“,
Tapfern Fußes jubelnd überschritten,
Wie ein Schneemann werd ich erst gerollt und
Dann geknetet. Ja, du liebe Weihnacht,
Ja, ich sehe deutlich schon das Ende.
Immer weicher wird man, immer milder,
Schließlich kriegt der Kerl sie doch, die Trommel,
Und ich lasse gütigst auf mir trommeln.
Sonst -- ich muß es grad heraus bekennen --
Ist zur Demut mein Talent im Grunde
Außerordentlich gering, und draußen
Mach ich mich nicht gerne klein mit Kleinen.
Unsre großen, freien, stolzen Vorfahr’n
Kannten den Begriff nicht und das Wort nicht.
Erst mit andren Schätzen aus dem Osten
Kam die Demut auch in deutsches Land.
Demut kriecht am Boden, und so ist sie
Immer nah bei Staub, Gewürm und Schmutze;
Aber hohen Blicks geht Stolz einher,
Achtlos tritt er Wurm und Staub mit Füßen.
Nein, die schönste biblische Geschichte
War und bleibt mir immer die vom Jakob,
Der den Engel frisch beim Kragen packte:
„Jetzo segne mich entweder -- oder --“
Seine ganze Schwindelei vergeb’ ich
Ihm für diese echte Menschentat.
Ja, ach ja: zur kleingesinnten Demut
Fehlt mir die Begabung. Nur zu Zeiten --
Wenn die Weihnacht nahekommt -- verkriech’ ich
Tief und stumm mich in mein Innerstes.
Auf der Heimkehr von der Arbeit such’ ich
Stille, kaum betret’ne Wege dann,
Wo die Sonne, müde schon und rot,
In umnebelten Gebüschen hängt,
Selten nur ein Vöglein sich davonhebt
Stummen Fluges durch die träge Luft,
Daß vom kaum gebognen Zweig der Schnee
Lautlos fällt auf Schnee. Auf fernem Wege --
Irgendwo -- und kaum noch zu vernehmen,
Unter schweren Rädern kreischt der Schnee;
Über einer schwarzen Kate flimmert
Hoch und hell mein Stern von Bethlehem.
Dann geschieht’s. Zwei weiche, warme Hände
Kommen leis von hinten und verschließen
Mir die Augen. Süß erschauernd steh ich,
Regungslos gebannt, doch nicht erschrocken.
Dann mich leise wendend, in die Augen,
Große dunkle, feuchte Augen blick’ ich
Eines unergründlich schönen Weibes.
Weich in ihre Arme zieht sie mich,
Und mit warmem Hauch an meiner Wange
Flüstert sie mir zu in Heimlichkeit:
„Mach’s in diesem Jahre und in allen
So wie ich.“ -- Gespannt in allen Fibern,
Hör ich, wie in leisen, starken Strömen
Neue Kraft die Adern mir erfüllt;
Zitternd steh ich, dem Kristallgefäß gleich,
Das mit rotem Feuerwein gefüllt wird. --
Bis vom nahen Strauch ein Vöglein schwebt
Stummen Fluges durch die träge Luft
Und vom kaum gebognen Zweig der Schnee
Lautlos fällt auf Schnee. Mit leisem Frösteln
Fühl ich, daß sie längst gelöst die Arme,
Daß ich längst allein am Wege stehe.
Aufgerafft dann, mit gestrafften Sehnen
Schreit ich weiter, immer gradaus blickend;
Gradaus blickend tret ich in die Türe,
Hut und Mantel leg ich ab; die Kinder
Klammern jubelnd sich an mich, und endlich
Schüttelt ungeduldig mich das Ältste!
„Vater! Vater! Was für Augen machst du!“
Und das Nächste ruft mit Händepatschen:
„Und was +hast+ du heut für rote Backen!“
Dieses also ist mein Fest der Demut.
Schnurrig werdet ihr die Weisheit finden,
Die das Weib mir zugeraunt am Wege,
Schnurrig, daß ich mich vor diesem Weibe
Ohne Stolz in tiefster Andacht neige.
Rätselvoll zum mindesten erscheint euch
Jenes kurze Trostwort der Sibylle.
Aber ich verstehe sie vollkommen;
Auf der Heide schon in früher Kindheit
Lernt’ ich ihre Sprüche still begreifen.
Denn dies Weib mit dicken, braunen Zöpfen,
Jungen Brüsten und erglühten Wangen,
Meine Ur-Ur-Urgroßmutter ist es,
Die Natur. Saht ihr sie nicht im Sturmtanz
Jüngst sich drehen, daß die Röcke flogen?
Wirbelnd fegte sie mit ihrem Röckchen
Welkes, Mürbes, Morsches und Verdorbnes
Und Gestorbenes zum Land hinaus. --
Jetzo sind wir in den stillen Tagen,
Da sie schlummert oder unter Büschen
Tief verborgen träumt und träumend sinnt,
Sinnend schafft und in sich selbst versinkt.
Tief hinunter taucht sie in sich selbst,
Aus geheimstem Grund die Kraft zu holen.
Doch nur wen’ge Tage gönnt sie sich
Andachtsvoller Ruhe: Wenn in diesen
Dunklen Tagen sich die Sonne wendet,
Neu beginnt sie schon den Werdekampf.
In Myriaden dunkler Kammern schlägt sie
Zarte, reizende Gewebe auf,
In Myriaden dunkler, trauter Kammern
Webt sie grüne Blätter, bunte Blumen.
Klatscht sie in die Hände, springen lachend
Überall und überall die Knospen,
Und ans weiße Frühlingslicht hervor
Quellen samtne Blätter, seidne Blüten.
Recht im Licht mit weiblichem Behagen
Spreitet sie ihr leuchtendes Gewand.
Aus den Ställen lockt sie Rind und Schäflein,
Und in Waldesnacht und Bergesgründen
Weckt sie leise, süße Hirtenflöten.
Auch mit Donnern bricht sie wild herein,
Zornesblitze sprüht ihr dunkles Auge,
Wenn zu träge schleicht das Blut der Welt
Und sich staut in kläglicher Ermattung.
Aber in Myriaden dunkler Kammern
Kocht an heißer Glut sie Wundersäfte,
Starke, süß und bittre Lebenstränke,
Backt sie Brot an Millionen Herden,
Singt dazu aus starker, süßer Kehle.
Dann die Schürze fest gefaßt an beiden
Zipfeln, springt sie jauchzend durch das Land.
Aus der Schürze langt sie Birn’ und Apfel,
Wirft sie Bub und Dirnlein an den Kopf,
Während über Stirn und Ohr ihr nicken
Goldene und funkelrote Trauben.
Hat sie alles lächelnd hingegeben,
Dreht sie tanzend, jauchzend sich im Sturme,
Kreischend, wie nur Weiber kreischen können:
Welkes, Morsches und Verdorbnes fegt sie
Und Gestorbenes zum Land hinaus.
Bis sie müde hinsinkt unter Büschen,
Schlummernd liegt mit einem Kinderantlitz,
Harmlos, ahnungslos, wie Kindlein sind.
Wen’ge stille Tage.
Und erwacht dann,
Träumt sie starren Auges, träumend sinnt sie
Sinnend schafft sie, in sich selbst versinkend.
Tief hinunter taucht sie in sich selbst,
Aus geheimstem Grund die Kraft zu holen.
Zärtlich ist sie sehr in diesen Tagen;
Geht am stillen Weg ein Freund vorüber,
Ein verzagter, kampfesmüder Wicht,
Schlingt sie hinterrücks um ihn die Arme,
Flüstert warm ins Ohr ihm: „So wie ich
Mach’s in diesem Jahre und in allen.“
Also laßt uns klein mit Kleinen werden,
Alle Süße der Beschränkung kosten,
Alle großen Wünsche still begraben,
Allen Zorn und Haß und allen Streit.
Schlummern laßt uns, harmlos, ahnungslos
Wen’ge stille Tage. Wunderbarlich
Lockt des Herdes Flamme, liebe Freunde,
Wenn ihr Flackerschein auf rote Wangen
Süßer Kinder fällt und aus den Augen
Eines anmutvollen Weibes glüht.
Ach, im Sessel tief zurückgelehnt,
Seht im Christbaum ihr den Engel schweben
Mit der Himmelsbotschaft: „Frieden, Frieden!“
Laßt uns an den süßen Frieden glauben;
Aber schlummert nicht zu lang. Es kommen
Tage, da dem Engel auf der Lippe
Jäh der Psalm zerreißt und von den Höhen,
Aus den Tälern die Trompete schreit. -- -- --
Weihnacht kommt, das milde Fest der Kerzen.
In die stillen Flammen will ich schauen,
Tief mich in ihr reines Licht versenken
Und mit Kraft und hoher Hoffnung bitten:
„Liebe Brüder, werdet nicht wie Kindlein!“
~Mihi est propositum~ ...
Deckt mir überreich den Tisch
Für die lieben Gäste;
Aber aus dem Keller holt
Mir das Allerbeste!
Daß sie lächelnd sich gestehn,
Wenn sie heimwärts schweben:
Edlen Wein hat er geschenkt
Und ihn gern gegeben.
Wonnig lacht mir deutscher Wein,
Wonniger das Leuchten,
Wenn der Zecher Augen sich
In Entzückung feuchten.
Ist ihr stammelnd Zeugnis doch
Feinste Frucht der Reben:
Edlen Wein hat er geschenkt
Und ihn gern gegeben.
Unser Dichten, unser Tun
Richten Pharisäer.
Rückt indessen um den Tisch
Näher nur und näher.
Will nun mit erhöhter Kraft
Nach dem Ruhme streben:
Edlen Wein hat er geschenkt
Und ihn gern gegeben.
Mag euch nun der Menschenfeind
„Tafelfreunde“ schelten,
Oh, ich weiß: ihr werdet einst,
Was ich gab, vergelten!
Klagend wird’s an meiner Gruft
Euer Herz durchbeben:
Edlen Wein hat er geschenkt
Und ihn gern gegeben.
Und in meiner sichern Truh’
Werd’ ich leise lachen,
Weil Freund Hein es nicht geglückt,
Ganz mich tot zu machen.
Wird ein Tropfen meines Bluts
Doch im Sprüchlein leben:
Edlen Wein hat er geschenkt
Und ihn gern gegeben!
Der freche Sekt.
In meinem Stübchen an der Wand
Hängt ein Goethe von Meisterhand.
Sein großer Blick durchsonnt das Zimmer
Wie Erdenlust und olympischer Schimmer.
Nun war mal ein rechter Jubeltag;
Ich und mein Schatz wir hielten Gelag,
Schenkten den schäumenden Wirbelwein
Eins dem andern mit Singen ein,
Kehrten oberst zu unterst die Stuben --
Führten uns auf wie närrische Buben.
Kam die dritte Flasche dran --
Plautz! den Stöpsel halte, wer kann,
Und ein dicker Strahl Champagnerwein
Dem Goethe -- pscht! -- ins Gesicht hinein! --
Wir schwiegen beide und fühlten beklommen:
Hat er uns das wohl übelgenommen? --
Da lacht er mit seinen zwei Sonnen darein:
Und +ihr+ wollt +Goethekenner+ sein?!
Lob der Sparsamkeit.
(Eigene Melodie.)
Es meint der Filz, sobald er hört
Von Kneip- und Bummelei,
Im Tugendbusen jach empört,
Daß dies Verschwendung sei.
Er rechnet aus, wieviel es bringt,
Wenn er sein Lebtag Wasser schlingt.
Vivallera.
Einseitig wie ja die Moral
Bei solchen Menschen ist,
Was wir ersparen beim Pokal,
Zu schätzen sie vergißt.
Es spart der Mensch, solang er kneipt
Und möglichst lange sitzen bleibt.
Vivallera.
Was spart er nicht beim Bier allein
An Knödeln und an Brot;
Denn wo ein Brauhaus steht, ich mein,
Da ist kein Backhaus not,
Auch wird er keine Schuh zergehn,
Solang sie unterm Biertisch stehn.
Vivallera.
Schont er daheim das Sofa nicht
Und andres Mobiliar?
Und spart er Feurung nicht und Licht?
Was macht das nicht im Jahr!
Was hab ich nicht auf solche Art
An Streichelhölzern schon gespart!
Vivallera.
Es schont, solang er sitzt beim Bier,
Dem Trank, so herb und kühl,
Der Tönekünstler sein Klavier,
Der Dichter sein Gefühl,
Der Bilderhauer seinen Lehm
Und das Modell noch außerdem.
Vivallera.
Der Lehrer schont das Bakelrohr,
Der Richter schont das Recht,
Es schont der Sänger den Tenor,
Je mehr er qualmt und zecht.
Ja manch ein Landesvater schont
Sogar das Volk, worauf er thront.
Vivallera.
Und überleg ich’s mir einmal,
So geht mir’s völlig ein:
Ich muß ein Mann von Kapital
Und schon ein Krösus sein.
Schläfriger Wirt, sei aufgeweckt
Und pump mir eine Flasche Sekt!
Vivallera.
VI. Leben, Leid und Tod.
Neujahrsgruß.
Ans Tor des Türmers hab’ ich heut
Gepocht mit lautem Rufen:
„Komm, führe mich vor Mitternacht
Zum Turm hinauf die Stufen!
Denn ein Gelüsten treibt mich heut,
Mit mächtig hallendem Geläut
Die Welt zu meinen Füßen
Zu grüßen.“
Und an des Alten Seite stumm
Bin ich emporgestiegen.
Tief lag die Erde schneeverhüllt,
Geruhig und verschwiegen.
Die weite Stadt -- ein Lichtermeer!
Das blinkte hold von unten her
Wie goldnes Sterngewimmel
Vom Himmel.
Und oben hab’ ich tiefen Zugs
Den Hauch der Nacht getrunken;
Berauscht von tausend Bildern, ist
Mein Geist in sich versunken --:
Jed’ Licht dort unten schien ihm da
Ein Auge, das ins Ferne sah,
An Tagen, die vergangen,
Zu hangen.
Und jeder Blick erspähte bald
Aus grauem Nebeldampfe
Ein eignes und besondres Bild
Vom ewigen Erdenkampfe.
Wie manche leise Träne rann,
Wie manches feste Herz begann
In still erneuten Fluten
Zu bluten! ...
Hob sich aus fernem Dunkel nicht
Hier -- dort -- ein Totenhügel?
Flog nicht ein freundlich Antlitz her
Auf traumbewegtem Flügel?
O ja, in stiller Neujahrsnacht
Der Toten wird zuerst gedacht,
Der Lieben, die im Hafen
Nun schlafen.
Doch mehr als Tod ist Lebensnot --
Horch, horch -- in mancher Kammer
Gellt jäh durch die Erinnerung
Ein lauter, wilder Jammer!
Ein nie verglommnes Weh entfacht
So manchem diese stille Nacht,
Dem alles, was er träumte,
Zerschäumte.
Und ewig Kampf und ewig Streit
Mit Leiden und Gefahren,
Mit Elend, Krankheit, Lug und Trug
Seit tausend, tausend Jahren!
Und war’s ein Jahr des Glücks vielleicht,
So hat’s uns doch das Haar gebleicht,
So ist es doch verronnen --
Zerronnen --
Wir kämpfen mit der Nagerin,
Der Zeit, der nimmermüden --
Still! War mir’s doch, als ob zur Lust
Von fern Gesänge lüden --
Fürwahr: ein leises Kling und Klang ...
Zum Mund mit Jubel und Gesang
Den Trank voll Glut und Leben
Sie heben! ...
Ja! Eine Freudensonne glüht
Inmitten wilden Krieges:
In allen edlen Herzen ist’s
Die Zuversicht des Sieges!
Doch wo das Schwert, das ihn erwirbt,
Das jeden Höllengeist verdirbt?
Wo glänzt die blanke Wehre,
Die hehre?
Nun Mitternacht! -- Da ließ ich weit
Die Glocke donnernd schwingen,
Und meine Seele schrie hinein
Mit Beben und mit Klingen:
Sie soll uns Schwert des Lichtes sein,
Die reine Siegerin allein
In Nacht- und Sturmgetriebe:
Die Liebe.
Abend und Morgen.
Dich grüß ich still, o linder Abend;
Denn alle Fesseln lösest du,
Die mir am Tag die Seele banden:
Du endlich wehst mir Frieden zu.