„Violin, Violin“, seggt dat Geigeken ...“

Ja, ich fahre fort. Nach sieben Flaschen

Tranken wir -- ich glaub’: zum drittenmal --

Während Frühling wie ein Schweinchen gluckste,

„Du und du“ mit läutendem Pokal.

Einmal, ach, entfiel mir aller Mut --

Aber darnach ward mir wieder gut;

Wieder sprang mir auf der Sternensaal.

„Un dorbi wohnt hee noch jümmers ...“

Aber stehn in duft’ger Flut der Stunden

Blieb im Ohre mir ein Donnerwort,

Das aus klarster Höhe hergeklungen:

+Aus der Lämmerstraße zieh’ ich fort+!

Mit der Faust zerschmissen und zerkracht

Hab’ ich heut, was mich zum Knecht gemacht.

Noch ist keine Sehne mir verdorrt.

Allzuvielen frechen Staatsphilistern

Unterwarf ich mich in halbem Scherz;

Manchem Pinsel trug ich fromm die Schleppe;

Denn mir ward ein täppisch-dummes Herz.

Auch das Nörglerpack, perfid und faul,

Schlag’ ich nächstens unversehns aufs Maul

Schlank und gut mit einem Werk von Erz.

„Kann mokn, wat ick will.“

Auf dem Heimweg durch das Dunkel, Liebchen,

Eine Garbe gold’nen Feuers stieg

Wirbelsausend mir empor im Kopfe,

Und das Klopfen meines Herzens schwieg.

Weit aus Fernen her die Stimme flog,

Jene Stimme, die mich nie betrog:

Kampf und wildes Leid -- und Sieg und Sieg!

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Holde, warme Regenflut von Küssen ...

Liebchen, brach der Sommer schon herein?

Solch ein Opfer innersten Entflammens,

Göttern kann es nicht bereitet sein.“ --

Als im Osten gelb der Morgen stand,

Riß ans Herz sie betend meine Hand,

Und versöhnt mit Bacchos schlief sie ein. --

[1] Aus der Humoreske „Die Kunstreise nach Hümpeldorf“.

Ein neues Trinklied.

Ich hatt’ ein Tönnlein Freud’ im Haus,

Da kamen Gesellen in Haufen.

Ich kriegt’ ein Oxhoft Leid ins Haus,

Das durft’ ich selber saufen.

Da hat sich hell mir aufgetan

Die Zecherregel feine:

Mit Freunden teil’ ich meine Lust;

Mein Leid trink ich alleine.

Da sinkt mein Auge tief hinab

In kühle Dämmerungen,

Und leise spricht der Sinn der Welt

In wunderbaren Zungen.

Und steigt das trunkenvolle Herz

Aus Bechers Grund zum Lichte,

Dann sind ihm Mensch und Fels und Hain

Umleuchtete Gesichte.

So trank ich denn in mancher Nacht

Von manchen herben Weinen

Und stand nach jedem Bacchanal

Nur fester auf den Beinen.

Und wenn das stumme Fest gewährt

Bis an die frühe Sonne,

Dann war das dunkle Weh verweht

Vor einer klaren Wonne.

Auch hab’ ich ja in weiter Welt

So viele Trinkgesellen.

Ich hör’ sie wohl und seh’ sie wohl

In ihren stillen Zellen.

Durchs Dunkel fand ich ihren Blick,

Wenn unterm Abendsterne

Ich leise sprach: Ich bring’ es euch,

Ihr Brüder in der Ferne.

Nur ein -- ein lieblicher Kumpan

Sitzt lebend mir zur Seite

Und heischt den schlimmst’ und schwersten Wein

Und zecht mit mir im Streite.

Von seinem Durst und seiner Treu

Ach, Wunder wollt’ ich künden --

Doch singt ein rechter Ritter nichts

Von seiner Dame Sünden.

Zuflucht.

Nach wilder, hetzender Gedankenfahrt

Kehr’ abends ich zurück in deine Arme,

Die Augen müd’ vom heißen Tageslicht,

Die Seele voll von ungestilltem Harme.

Und wieder fuhr ich früh am Morgen aus;

Die Hoffnung wehte stark und frisch vom Lande --

Und wieder bring ich kaum mich selbst zurück,

Und wieder liegt mein Boot zerschellt am Strande.

Mir logen um die Wette Meer und Wind;

Mir log ein Stern -- ein leuchtender Gedanke! --

Um mich zu retten aus der Zweifel Wut,

Umkrallt’ ich meinen Trotz -- die letzte Planke.

Und nur bei dir kein Zweifel! Denn gewiß:

Du wünschtest mich zurück mit Angst und Sehnen;

Und lieg’ ich einmal still und bleich am Strand,

Gewiß: du netzest mich mit reichen Tränen.

Nur hier ein Port, ein Hort, ein Ankergrund,

Ein Licht, das ruft! Durch Schlamm- und Schaumgestiebe!

Bei Menschenkindern suche Bessres nicht

Als eines starken Weibes ganze Liebe.

Verstoßen.

So komme das harte Leben,

So komme der kalte Tod;

Wir wollen uns treulich lieben

In allen Tagen der Not.

Mich haben sie geächtet,

Weil meine Zunge zu keck

Die heuchelnde Gemeinheit

Vertrieben aus ihrem Versteck.

Du aber in deiner Liebe

Hast dennoch nicht gewankt;

Das haben sie dir, du Treue,

Mit Haß und Fluch gedankt.

So laß uns einsam wandern,

Geruhig Hand in Hand;

In unsern Herzen tragen

Wir das gelobte Land.

Angelika.

Von der raschen Lebenswelle,

Die mein Herz durchfloß,

Die in sel’ger Stundenschnelle

Brausend dich umschloß,

Von der Liebe Schönheitsrausche

Taumelnd übermannt,

Hab’ ich oft im Liebestausche

„Engel“ dich genannt. --

Schweigend Platz an unserm Tische

Längst die Sorge nahm;

Deiner Wangen holde Frische

Tilgt ein früher Gram.

Seh’s mit nagender Beschwerde,

Seh’s mit stiller Qual,

Wie du jenen Gast am Herde

Nährst mit deinem Mahl.

Hielt ich gern ein Leid verborgen,

Nimmst du’s dennoch wahr;

Denn die Sprache stummer Sorgen

Ist dir offenbar.

Was uns einst so fest umschlungen,

Hält uns noch geeint:

Tränen, die ich still bezwungen,

Hast du still geweint. --

Oft umspinnen lichte Träume

Die Gedanken mir,

Durch des Hauses traute Räume

Folgt mein Auge dir:

Eine Hülle seh ich fallen

Wie ein irdisch Kleid,

Einen Schimmer dich umwallen

Wie aus künft’ger Zeit.

Und in solcher Liebesstunde

Ernst verschwiegnem Glück

Kehrt mir immerdar zum Munde

Jenes Wort zurück.

Denn der Liebe sonder Klage

Rührende Gewalt

Wandelt mehr mit jedem Tage

Dich zur Lichtgestalt.

Kameraden.

Manchmal aus aller Wirrnis und Plage

Hebst du den Blick,

Schweigend zu forschen, wie ich sie trage:

Sorgen und Mühen -- unser Geschick.

Manchmal am dunklen, schleichenden Tage

Sucht dich mein Blick,

Sucht dich mit stummer, mit bebender Frage:

Wie noch erträgt sie’s, unser Geschick?

Dann an milderen, lichteren Tagen

Mag es geschehn,

Daß unsre Augen sich finden im Fragen

Und ihr zitterndes Leuchten verstehn,

Daß sie sich bannen -- und stiller dann leuchten,

Stille. -- Und fern,

Fern aus den Nächten, die ewig uns däuchten,

Wächst ein milder, ein ewiger Stern!

Natur und Liebe.

Fordre nicht, daß ich mit Worten sage,

Was mich quält und peinigt jeden Tag!

Müde bin ich, daß ich keine Worte

Auch von deinen Lippen hören mag.

Menschen haben mir so viel mit Weisheit

Und mit leerem Troste zugesetzt,

Daß vor ihrer wortbehenden Liebe

Wahrlich sich mein scheues Ohr entsetzt.

Laß du mich in deine weichen Hände

Stumm vergraben Stirn und Wangen nur;

Dann empfind ich schauernd deine Liebe

Wie den leisen Odem der Natur.

Hin zu dir zieht mich dieselbe Lockung

Ewigen Friedens, der ich oft gelauscht,

Die aus Quellen flüstert und aus Blumen

Und von hohen, heiligen Bäumen rauscht.

Gedenke!

Was streichelst du so sorglich mir die Stirn

Und küssest sie, wenn ich im Arm dich halte?

Ich ahn’ es wohl: verscheuchen möchtest du

So gern die eine, tiefgegrabne Falte.

Umsonst, mein Kind; sie grub ein schneidend Weh,

Das mir das Herz versehrt in jungen Jahren,

Und nimmer schwinden wollte sie seither,

Was ich auch Liebes je durch dich erfahren.

Ach, nur aus deinen Augen kamen mir

Die Sonnenblicke, die mich je getroffen --

Allein sie kamen! Und das war genug,

Nach jedem Schiffbruch wieder neu zu hoffen.

So zürne nun der treuen Falte nicht,

Will von der ernsten Stirn sie nimmer weichen!

Daß deiner Lieb’ und Langmut ich bedarf,

Sei dieser Schatten dir ein stilles Zeichen.

Reue.

Über meiner Brust gelegen

Hat die Nacht ein dunkler Gram,

Den mir auch des schnellsten Traumes

Flügel nicht von hinnen nahm.

Ob die schwingenfrohe Seele

Bis zum letzten Sterne kam --

Über meiner Brust gelegen

Hat die Nacht ein dunkler Gram.

Und wie gut es Erd’ und Himmel

Mir heut nacht im Traum gemeint,

Immer auf verborgnem Grunde

Hat ein leiser Quell geweint.

Wie nun kam der späte Morgen,

Stand am Himmel noch die Not,

Über wilde Wolkenmauern

Schrie ein böses Morgenrot. --

Dann auf den geschloss’nen Lidern

Fühlt’ ich warmen, duftigen Tau --

Und in ihre weichen Arme

Zog mich die geliebte Frau.

Lächelte mich an beglückend,

Eh’ ich nur ein Wort gesagt;

Denn sie weiß, die Milde, Feine,

Daß ich selber mich verklagt,

Und sie will aus tiefer Liebe

Schonen meinen stolzen Sinn --

Heut bedeck’ ich dich mit Rosen,

Herrliche, du Königin!

Liebeszeichen.

So lieb ich dich, so liebst du mich,

Daß selbst bei frohem Spiel und Scherz

In heilig ernsten Schauern oft

Geheim erzittert unser Herz,

Daß uns inmitten lauter Lust

Ein schweigendes Erinnern rührt

An jene Treue, die uns einst

Durch alle Not und Qual geführt --

So mag’s geschehn, daß Blick in Blick

Mit seligem Lächeln sich ergießt

Und eine Träne doch zugleich

Verstohlen auf die Wange fließt.

Nächtliche Wanderung.

Ich schreite einsam durch den Wald,

Die Nacht webt schwarz um düstre Tannen;

Vor meinem Geist steht Weh und Lust

Der langen Jahre, die verrannen.

Hat mehr des Leides, mehr der Lust

Mich angefaßt im Weltgetriebe? --

Ob allem, was verweht, vergeht,

Stand ewig leuchtend deine Liebe.

Auch heute, da durch Nacht und Graun

Mein müder Fuß zum Ziele schreitet,

Sagt mir das Herz, daß mich dein Geist

In dieser Einsamkeit begleitet.

Liebesrausch und selige Klarheit.

Wenn wir uns tief erglüht umfangen,

Wenn sich in langem Kuß ergießt

Der volle Strom des warmen Lebens,

Der pochend unser Herz durchfließt,

Da tauchen unter die Gedanken,

Von wilder Leidenschaft umschäumt;

Die Welt, die laute Welt -- vergessen!

Wir selbst -- versunken und verträumt! -- --

Doch sinken der Gefühle Fluten

Zu leis bewegtem Wellenschlag,

Dann leuchtet auf in unsrer Seele

Ein stiller, morgenklarer Tag.

Was wir geweint, was wir gejubelt

Am Winter- oder Sommertag,

Das klingt in solcher Feierstunde

In unsern Herzen leise nach.

Und erst, wenn so zu reinster Klarheit

Der Liebe Stern sich frei erhebt,

Dann fühlen wir, wie eine Seele

Untrennbar in der andern lebt,

Wie unser Denken und Empfinden,

Ob auch der Wonne Glut verraucht,

Durch jeden Tausch von Lust und Leiden

In der Verjüngung Bronnen taucht.

Freudiges Erwachen.

Wie still du liegst im Sarg! Ein heiliger Odem

Umzittert deinen hingestreckten Leib.

Ein Engel starb in dir; ich aber breche

Zusammen, schmerzenstumm. Du warst mein Weib! --

Da preßt ein Mund sich warm auf meine Lippen,

Und ich erwache: -- Lächelnd stehst du da,

Mit roten Wangen, so lebendig blühend,

So jugendschön, wie ich nur je dich sah.

So bist du nur im Traum mir tot erschienen?

Ich presse dich ans Herz im Tagesschein,

Noch voll des Jammers, daß ich dich verloren,

Und voll Entzücken, weil du mein noch, mein! --

Ich fühl’s mit Beben, fühl’s mit tiefen Schauern

Wie Ruf des Himmels durch die Seele gehn:

Ich soll in Jubel dich und Ängsten lieben,

Als könntest morgen du von hinnen gehn.

Apologie.

Wohl werden manche meine Lieder schelten,

Weil oft sie in des Friedens weichen Tönen

Der Liebe Glück mit hohem Preise krönen;

Doch laß ich’s meine Muse nicht entgelten.

Oh, möchte ihre Huld mir Lieder schenken,

Die dich, mein Lieb, für alle Zeiten preisen;

Wohl acht ich’s wert, in gotterfüllten Weisen

Solch eines Weibes jubelnd zu gedenken.

Einst mag sich wohl zu meinen Liedern wenden

Ein krankes Herz, das diese Welt verachtet,

Weil Menschen es mit Grimm und Gram umnachtet

Und ihm sein Glück zerstört mit rohen Händen.

Mir ahnt, wie manch ein Herz, das so gelitten,

Sich neu im Glauben an die Menschheit weite,

Wenn ich ihm künde, daß an meiner Seite

Ein Engel durch dies Erdental geschritten.

Meiner Muse.

Dein geworden sind die Lieder

Alle, die ich einst ersonnen,

Die als Jubel, die als Seufzer

Von der Lippe mir geronnen.

Oft ertönt in meinem Hause

Leis ein wohlbekanntes Klingen,

Und von deinem Munde hör ich

Meines Frühlings Lieder singen.

Du mein Weib und meine Muse,

Täglich schenkst du neue Lieder

Und erweckst, ein zartes Echo,

Alte, längst verklungne wieder.

Und solange du mir lächelst

Mit den Augen sternenhelle,

Weicht der Dichtkunst süße Gnade

Nicht von meines Hauses Schwelle.

Ewiges Glück.

Langsam durchschnitt ein Schiff die schwarzen Fluten.

Weit dehnte sich das Meer, unnennbar groß,

Und über ihm im bleichen Mondenstrahle

Stand schimmernd eine Möve, regungslos.

So schwebten unsre Seelen still im Lichte.

Du saßest an des Schiffes Bord gelehnt;

Ich stand vor dir, und Auge sank in Auge,

Und unser war, was wir so lang ersehnt.

Kein Laut entheiligte das süße Schweigen;

Voll war das Herz, und Worte waren weit.

Das Glück war unermeßlich; aus den Fluten

Und in den Herzen klang’s: Unendlichkeit! --

Gedenken muß ich jener fernen Stunde,

Da wieder vor uns wogt das blaue Meer.

Hell glänzt der Tag -- die Woge rollt zum Strande;

Sie rauscht und sprüht -- sonst Stille ringsumher.

Wir ruhn am Ufer, traumversunken beide.

In jener klugen Welt, der wir entflohn,

Da reden sie vom Glück der reinen Liebe

Nur noch mit Lachen und mit kaltem Hohn.

Wo gierendes Gewinnen und Genießen

Die Menschen eint und voneinander reißt,

Da raunten sie mir in das Ohr, daß Liebe

Ein Trug und Rausch für kurze Stunden heißt.

Ins Meer blick ich hinaus: Noch immer haucht es

Ins Herz mir Schauer der Unendlichkeit.

In deinem Auge such ich deine Treue,

Und ruhig lächelt’s: „Für die Ewigkeit!“

V. Kinder und Frohsinn.

Kindheit.

Komm, liebes Weib, und laß die Arbeit ruhn;

Mit mir des späten Tags genieße nun.

Sieh, wie die Sonne brennt im dunklen Wald.

In leuchtend Blut zerfließt der Westen bald.

Heb’ unser Kind empor ans milde Licht,

Daß sich ein Strahl in seinem Auge bricht.

Ein Himmelsglanz die goldnen Locken streift --

Sieh, wie’s begehrlich nach dem Lichte greift!

Das ist des Kindes Märchenseligkeit:

Noch ahnt es nicht, daß ihm ein Ziel zu weit.

Die bunte Welt mit ihrem Drang und Schwall

Ist ihm ein großes Bild, ein wirrer Schall.

Der Tag ist ihm nicht Zeit, er ist ihm Licht,

Und unsre Abendwehmut kennt es nicht.

Zusammen fließt ihm Leben noch und Tod,

Und Abendglanz ist ihm wie Morgenrot.

Der Erbe.

Ich hebe meine Geige

Ganz heimlich unters Kinn

Und zieh mit leisem Bogen

Ganz heimlich drüber hin.

Da hebt mein blondes Dirnlein

Den Fuß zum Tanzeschritt;

Der Braunen lichtes Stimmlein

Singt schon die Weise mit.

Die Jüngste wiegt ihr Püppchen:

„Marie Maruschka-ka“ --

Mit großen dunklen Augen

Sitzt stumm mein Bube da.

Er kennt vor unserm Fenster

Den alten Weidenbaum.

Wiegt auf dem höchsten Wipfel

Im Winde sich sein Traum?

Mein Sohn, in meinen Tönen

Hörst du der Winde Tanz?

Mein Sohn, in meinen Tönen

Siehst du der Wolke Glanz?

Mein Sohn, ich bin ein König,

Willst du mein Erbe sein?

Du wirst im Sonnenpurpur

Ein Fürst der Ferne sein.

Ich hab’ ein Schloß voll Schimmer

An einem fernen Meer --

Heb ich ans Kinn die Geige,

Kommt Gruß und Glück daher.

Glück.

Um einen Trunk bat mich zur Nacht mein Kind,

Mein wilder Kamerad in Spiel und Scherzen.

Sein Stimmchen bettelte so warm und lind --

Und reiche Liebe strömte mir vom Herzen.

Es schaute groß und still mich an beim Trinken

Und gab verschwiegnen Dank, indem es nahm,

Und schien in meinen Anblick zu versinken,

Als tränk es mit, was mir vom Herzen kam.

Vater Harlekin.

Warum ich tanz’ vor meinem Sohn und singe

Und wie ein Harlekin Grimassen schneide?

Daß einst ein heimlich Lachen ihm gelinge,

Wenn er verlassen steht im Lebensleide ...

Laßt mich nur tanzen und Grimassen schneiden,

Daß er sich meiner Liebe noch erlabe,

Daß er ein lächelndes Erinnern habe,

Wenn ich versunken längst mit meinen Leiden.

Aus einer Nacht.

Und wieder müd’, zerschlagen

Kam er am Abend heim,

Und wieder schwoll im Herzen

Ein alter, böser Keim:

Der Keim des Wahnsinns, den er

In stummer Seele trug --

Ob Wahnsinn noch mit Lachen

Einst seine Welt zerschlug?

Denn der Gemeinen Frechheit

War stärker als sein Mut,

Und kälter war die Roheit

Als -- ach, sein heißes Blut.

Und schlauer war die Dummheit

Als sein beschwingter Geist,

Und stets an allem Ende

Stand er allein -- verwaist.

Er fiel aufs harte Lager,

Und war ihm recht zu Sinn,

Als flöss’ aus tiefer Wunde

Sein Leben ganz dahin.

„Laß rinnen und verrinnen!

Ich stille nicht das Blut.

Kein Hoffen, kein Verzweifeln:

So ist mir’s wohl und gut.“

Doch wieder aus dem Dunkel

Brach Hoffnung licht hervor --

Doch wieder aus der Tiefe

Verzweiflung fuhr empor --

Er krampfte wild die Hände:

Es möchte stille sein!

Und weckte selbst sich immer

Zu neuer, neuer Pein.

Sein Knäblein schlief daneben,

Das hat sich laut geregt

Und hat im Traum das Händchen

Ihm auf die Stirn gelegt.

Das war ein Gruß vom Leben!

Was klang so sanft und hell?

Natur wollt ihn erquicken

Aus einem jungen Quell.

Auf seine Augen drückt’ er

Das Händchen leis und weich,

Da quollen schwere Tränen

Und quollen warm und reich.

Und sah die feinen Finger

Mit mild bewegtem Sinn --

Und sprach auf dieses Händchen

Sein Leid still vor sich hin.

Und als das Licht der Kerze

Verschmachtet ging zur Ruh,

Sah er dem letzten Scheine

Mit stiller Hoffnung zu.

Am Abend.

In der Hängematte lag ich,

Tief zerfallen mit dem Leben,

Leises, lächelndes Verzichten

Im zerwühlten, müden Hirn.

Ließ die roten Wolken wandern,

Ließ die weichen Falter spielen,

Ließ vom Baum die Blüten schweben,

Und mit keinem ging mein Blick.

Da vom Gitter klang ein Lachen;

Hinterm Gitter stand mein Knabe

Und verbarg sich, mich zu necken,

Sprang mit Jauchzen dann hervor.

Wie die Seele klang im Lachen! --

Und dann kam ein stilles Wunder;

Denn die Abendsonne sah ich

Aus den jungen Augen glühn:

Ach, das war ein seltsam Ringen!

Wehmut rang mit junger Freude.

Leise schwand der müde Schimmer,

Und ein selig Leuchten blieb.

Sklavenmoral.

Mein Junge, du wirst zu treu und zu gut --

Fast möcht ich dich wecken!

Ich seh’s mit schwellendem Stolz und ich seh’s

Mit wachsendem Schrecken.

Dein Auge feuchtet ein keuscher Glanz

Wie Tau einer Blüte;

Es atmet durch deinen weichen Mund

Die träumende Güte.

Dir zuckt’s um die Lippen bei fremdem Schmerz,

Und du willst ihn lindern --

Ein wunderbares, befremdliches Ding

Bei der Menschen Kindern.

Pass’ auf, sie werden dich früh genug

Vor den Karren spannen;

Und hast du die Last zu Berge geschleppt,

Man hetzt dich von dannen.

Weh dir, wenn ein Gott in den Geist dir gelegt

Gewalt des Propheten --

Sie werden überbrüllen dein Wort

Und im Kot dich zertreten.

Du wirst sie mit blankem, sausendem Schwert

Zum Siege führen --

Dann aber wirst du dich krümmen im Staub

Vor ihren Türen.

Ich seh’s um deine zarte Stirn

Wie Dornen und Blut --

Und ich reiße dich wild ans hämmernde Herz

In aufjubelnder Glut.

An der Wiege.

Wundersames Lächeln

Träumend unbewußt

Eines zarten Kindes

An der Mutterbrust!

Sei dafür mit Tränen

Still ans Herz gedrückt,

Engel, der seit Monden

Stammelnd uns beglückt!

Nur gedämpfter Schimmer

Dir ins Auge fällt:

Hinter Ahnungsschleiern

Dämmert dir die Welt,

Und dem Ohr vorüber

Zieht verwehter Klang,

Der vom Weltgebrause

Fern herüberdrang.

Sieh, und doch schon lächelt

Hold dein Angesicht,

Schon durchströmt die Seele

Ein geheimes Licht. --

Laß uns nicht verzagen,

Wenn das Leid uns drängt,

Wenn der Schmerz umklammernd

Uns die Brust beengt!

Denn durch diese Tale

Wandeln wir im Traum:

Was uns wirr umflutet,

Wir verstehn es kaum;

Doch auf anderm Sterne

Werden wir’s versteh’n,

Wenn dies Kind noch irrend

Wird auf Erden gehn.

Wie des Kindes Auge

Schon der Zukunft lacht,

Ob es auch aus tiefen

Nächten kaum erwacht,

So in dankerfüllter,

Ahnungsvoller Ruh

Lächle unser Antlitz

Jenen Fernen zu.

Wiegenlied.

(Aus der Märchenkomödie „Marienkind“.)

Ruhe nur! Auf tausend Bäumen

Wachsen Früchte, die dir munden.

Ruhe nur! Noch nicht entsendet

Ist der Pfeil, dich zu verwunden.

Ruhe nur! Schon springt die Quelle,

Deinen Gaumen süß zu netzen.

Ruhe nur! Noch nicht gewachsen

Ist der Dorn, dich zu verletzen.

Ruhe nur! Auf goldner Brücke

Tritt vom Heute in das Morgen.

Ruhe nur! Noch nicht geboren

Ist die Stunde deiner Sorgen.

Nacht und Morgen.

Ich lag auf meinem Bette

In später Nacht noch wach.

Noch immer schritt der Schatten,

Der grause, durchs Gemach,

Der mich die Nacht gemartert

Mit ewigem Auf und Ab,

Ein ruheloser Schemen,

Den ausgespien das Grab.

Mit aufgerissnen Lidern

Hab’ ich gespäht, gewacht --

O grauer Wandrer Sorge,

Wann endet diese Nacht!

Wenn mich mit zartem Schleier

Der Traum bedecken will,

Stehst plötzlich du am Fuße

Des Lagers drohend still,

Bohrst mir ins Hirn die stieren,

Die grauen Augen dann --

Und gleichen Schritts von neuem

Hebst du zu wandern an.

Erbarmungsloses Pendel,

Dein Schlag ist Ewigkeit!

Gärt’s nicht im kranken Herzen

Wie tiefgeheimer Neid,

Wenn draußen durch die Bäume

Ein Traumgeflüster weht

Und rings der leise Atem

Der längst Entschlafnen geht? --

Doch sieh, was wächst aus Dämmrung

Der Frühe dort hervor?

Mein Kindlein richtet langsam

Im Bette sich empor

Und blickt mit großen Augen

Ins erste Morgenlicht,

Und frohes Staunen leuchtet

Im lieblichen Gesicht --

Noch immer blickt durchs Fenster

Sein Auge selig fern,

Und leis von seinen Lippen

Fällt’s wie im Traum: „Ein Stern!“

Unsterblich.

Unlängst, als die Größte von den Kleinen,

Meinen Hals umschlingend, vor mir stand,

Fand sie jene Spur an meiner Schläfe,

Wo der Tod hinstrich mit zager Hand.

Größer wurden ihre großen Augen.

„Vater -- schau! Ein graues Härchen! Schau!“

Und nach einem langen Sinnen sprach sie:

„Warum werden wohl die Menschen grau?“

„Nach der Sonne Glück, des Regens Trauer,

Nach der Tage Glanz, der Nächte Tau

Werden gelb die schönen grünen Blätter,

Und der Menschen Haare werden grau.“

Lange sah sie gradaus mir ins Antlitz.

Plötzlich rief sie: „Väterchen, nicht wahr?

Bitte, bitte, wenn es ausgefallen,

Ach, dann gibst du’s mir, das liebe Haar!

Betteln will ich auch bei Mutter, daß sie

Jedes graue Haar mir geben muß.

Sammeln will ich sie in meinem Kästchen,

Und für jedes kriegt ihr einen Kuß.“ --

Tod, du siehst, ich sitze gut im Sattel,

Tod, mein guter Freund, ich spotte dein.

Jedes Haar, das du gezeichnet, trägt mir

Schönheit eines jungen Lebens ein.

Sieh, mein Herz hab’ ich mit festen Händen

Hier im Grund des Hauses eingepflanzt;

Seine Fülle wird noch Blüten treiben,

Wenn der Wind mit meinem Staube tanzt.

Sonntagskind.

Wir haben ein heiliges Kind.

Am Sonntag, im feinsten Gewande,

Das Haar ihm genestelt mit schimmerndem Bande,

Entschlüpft es geheim und geschwind.

Und schleicht sich ins schönste Gemach,

Da kennt es die Blumen und Bilder!

Und leise -- wie ferne -- erhebt sich ein milder

Gesang wie von Lerchen vor Tag

Und löst sich von Lippen und Brust

Nun stärker und süßer und freier --!

Dem strahlenden, schöneren Tage zur Feier

Erbebt es in klingender Lust.

Und einst, so beschlichen wir’s beid’:

Da schaut es so groß in die Helle --

Und plötzlich nun dreht sich’s im Tanze so schnelle --

Und streichelt dann zärtlich sein Kleid.

Und wieder zum Fenster gekehrt,

Beginnt sie mit neuen Gesängen,

Fügt träumende Worte zu ahnenden Klängen,

Die sie wohl keiner gelehrt.

Du klingendes Seelchen, nur zu

Und trinke dir Schönheit vom Leben!

Wir hören’s beglückt, daß ein Kind uns gegeben

Voll dankender Sehnsucht wie du!

Sonnentage.

„Vater, sieh doch unsre junge Fichte,

Wieder säumt sie hell ihr grünes Kleid.

Und wie ist sie rank und schlank gewachsen!

Welkte sie, mir wär es ewig leid.“

Also rief sie, unter Blumen stehend,

Selber schlank und lieblich wie der Baum,

Ahnungslos in allertiefster Seele,

Daß sie schlank und lieblich wie der Baum.

Dir, du weltenweiter Sommerhimmel,

Streck’ ich unsichtbare Arme aus:

Nimm mit Garbenduft und Wälderklingen

Meinen Jubel in dein heilig Haus!

Traumhüter.

Unter meiner Obhut schlummert

Mir ein Töchterlein im Zimmer,

Kindesunschuld in den Zügen,

Auf den Wangen Rosenschimmer.

Und vom Buch, darin ich lese,

Laß ich oft die Blicke gleiten

Nach dem Kindlein, dessen Antlitz

Glüht in Traumesseligkeiten.

Blühend mag sich einst entfalten

Jene Knospe dort im Kissen,

Und es wird die Welt ihr schenken

Für den Kindertraum -- das Wissen.

Und die frommen Mädchenaugen

Werden groß ins Leben schauen,

Und in Zweifel wird sich wenden

Manch ein seliges Vertrauen.

Wüßt’ ich einen ihr zur Seite,

Der mit sorglichem Bemühen

Von den jungen Augen wendet

Allzu dreisten Lichtes Sprühen!

Der den Tag des Welterkennens

Bannt, daß er in Gnaden säume

Und zu früh nicht blendend dringe

In das Reich der Kinderträume!

Das Feuerwerk.

„Vater, nun komm!“

„Wohin denn, Kind?“

„Hin zum Feuerwerk! Komm doch geschwind!

Sonst fängt es an und wir kommen zu spät!“

„Hab’ leider nicht Zeit. Aber geht nur, geht.“

Die Wahrheit zu sagen: ich hatte wohl Zeit,

Aber nicht Mut zur Fröhlichkeit.

’s war wieder mal einer der grauen Tage,

Da man sich fragt: Wozu all’ die Plage?

Wozu der ewige Kampf und Streit,

Keinem zur Lust, nur sich selber zum Leid?

Die Erde gebiert, der Tod schwingt sein Messer,

Und vieles wird anders, und nichts wird besser --

Gedichte(#75501) · 第 4 / 12 段