Zu Roß, mein Lieb, mein süßes Lieb,

Wir müssen schnell von dannen,

Von dannen durch die tiefe Nacht,

Durch Feld und Hag und Tannen!

Hinweg von unsrer Feinde Herd,

Die uns nur Fluch und Hohn beschert

Und uns ins Elend bannen.

Blick’ auf, mein Lieb, mein süßes Lieb,

Walpurgisnacht ist heute!

Es schwirren um den starren Berg

Gar wundersame Leute.

Es drehen sich im Hochzeitstanz

Und treiben wilden Mummenschanz

Die grauen Hexenbräute.

Fürwahr, mein Lieb, mein süßes Lieb,

Sie gleichen ganz den Fratzen,

Die unser Glück vergifteten

Mit Drohn und süßem Schwatzen.

Die Augen stieren gläsern kalt;

Die Leiber sind verschrumpft und alt;

Sie fauchen wie die Katzen.

Hinweg, mein Lieb, mein süßes Lieb,

Hier kann das Glück nicht weilen.

Umfasse du mich ohne Graun

Und laß uns fürder eilen!

Wir finden unsre Heimat doch,

Und läg sie in der Ferne noch

Viel hundert, hundert Meilen! --

O sieh, mein Lieb, mein süßes Lieb,

Zerflattert sind die Sorgen!

Da steigt die Sonne rot empor,

Die sich so lang verborgen.

Was ferne glüht in stiller Pracht

Und was so hell in uns erwacht:

Das ist der Maienmorgen!

Liebesschauer

Von wirbelnder Wonne

Zu düsterem Grausen

Schwankt die genießende,

Bangende Liebe.

Du liegst mir im Arme

Mit glühenden Wangen,

Geschlossenen Auges,

Die schwellenden Lippen

Wie träumend erschlossen

Vor lechzender Sehnsucht

Nach brennenden Küssen.

Und immer, immer

Mit neuen Flammen

Durchjagt’s mir die Seele,

Und immer, immer

Die zitternden Lippen

Von neuem press’ ich

Auf Mund dir und Wangen,

Als müßt’ ich dir rauben

Den süßen Atem,

Als müßt’ ich ersticken

Dein warmes Leben,

Als müßt’ ich dich küssen

Unersättlich,

Bis tot an die Schulter

Dein Haupt mir sänke,

Vor Glück entseelt. --

Tot ... entseelt ...

Und wenn er erschiene

Am andern Tage,

Der bleiche Allmächt’ge,

Der tags und nächtens

Die Erde durchschreitet

Und aus den atmenden,

Blühenden Leibern

Unstillbaren Durstes

Das Leben saugt --

Und er +nähme+ mir dich!

Und würfe zum Staub

Deinen blühenden Leib! -- --

Dann käme ein andrer

Als du mir ins Zimmer,

Mit kalten, feuchten,

Knöchernen Fingern

Die Hand mir reichend

Zu ewiger Freundschaft,

Ein seltsamer Fremdling!

Zur Seite mir wär’ er

Bei Nacht und am Tage,

Bald irre Klagen

Ins Ohr mir raunend

Vom Glück der Liebe --

Bald gellend und lachend

Ins Ohr mir schreiend

Verrückte Geschichten

Vom Glück der Liebe! --

Das wäre der Wahnsinn.

Vorahnend schaut ihn,

Entrückt, meine Seele,

Und schon in der Ahnung

Packt er mein Innres,

Als wollt’ er mir Nerven

Und Adern zerreißen -- --

* * * * *

Du aber fürchte

Dich nicht, Geliebte,

Weil wild meine Augen

Starren ins Leere;

Schon sink ich dir wieder

Ans pochende Herz.

Von wirbelnder Wonne

Zu düsterem Grausen

Schwankt die genießende,

Bangende Liebe! --

Auf dem Morgengange.

Laß uns verweilen, du Liebste mein,

Schau in den tiefen Wald hinein!

Spärlich nur durch die Tannen dicht

Irrt hernieder das Sonnenlicht;

Nur einen kleinen, stillen Raum

Hüllt es in einen goldnen Traum.

Vier der Stämme ragen empor,

Die sich allein das Licht erkor;

Aber sie flimmern in hellem Glast

Wie ein lichter Zauberpalast.

Durch die Kronen huscht mit Geflimmer

Flink und behende der Morgenschimmer,

Fliegt und zittert hinauf, hinab,

Bis er alles mit Gold umgab.

Zwischen den Stämmen in der Schwebe

Hängt der Spinne silbern Gewebe;

Käfer im Goldrock, flink und munter,

Hasten die Stämme hinauf, hinunter,

Und ihr Schwirren und Summen leis

Einziger Laut im weiten Kreis! --

Also fiel auch in unsre Brust

Golden das Licht der Liebeslust,

Und inmitten der düstern Welt,

Die uns mit Sturm und Frost umstellt,

Fanden wir strahlende Einsamkeit,

Frieden und tiefe Seligkeit.

Eine stille Sommerpracht,

Uns im Herzen die Liebe lacht.

Sonne trank nun allen Schmerz.

Ahnend zittern durch unser Herz,

Wie das Licht um die hohen Bäume,

Einsame Wünsche, schweigende Träume! --

Beglückender Einklang.

Es lag im leisen Abendtraume

Vor uns die jugendschöne Welt;

Wir wandelten in tiefem Schweigen

Noch immer fort durch Wald und Feld.

Verfallen warst du ganz dem Zauber

Der Schönheit, die uns mild umfing;

Es schien, du hättest mein vergessen,

Weil nur an ihr dein Auge hing.

Du warst so hold in deinem Traume,

In deiner Kindesseligkeit --

Mir ward im Anschaun deiner Schöne

Das Herz von heiligem Drange weit;

Mit Flammenküssen ganz bedecken

Wollt’ ich dein sinnend Angesicht:

Doch fromm beschied ich mich im Herzen

Und störte deine Andacht nicht.

Denn ein Gedanke, tief beglückend,

Stieg mir empor aus froher Brust:

Auch du erglühst vor allem Schönen

Und Herrlichen in reiner Lust;

So ist mein Ahnen und mein Hoffen,

Mein Träumen länger nicht verwaist:

Auch dich erhebt aus Erdenschatten

Der Schönheit göttlich hoher Geist.

Als die Geliebte sang.

Und einmal ward es Abend wieder;

Wir schritten spät am Wald entlang;

Du sangest mir die leisen Lieder,

Die ehmals deine Mutter sang,

Die du in fernen, schönen Tagen

Der Liebereichen abgelauscht,

Als noch an wunderbunten Sagen

Des Kindes Sinn sich fromm berauscht.

Ich sehe dich, die großen Augen

Zur Mutter liebevoll gewandt,

Den Ton von ihren Lippen saugen,

Der zaubrisch deine Seele bannt.

Dann traf ein tödliches Verhängnis

Dein reines Glück -- die Nacht war lang --

Du aber trugst durch die Bedrängnis

Im Herzen treu den milden Klang.

So schön hatt’ ich dich nie gefunden,

Seit ich in dir mein Glück umfing,

Als da an deiner Kindheit Stunden

In Träumen deine Seele hing,

Da du des Herzens tiefste Töne

Der Mutter andachtsvoll geweiht

Und dich zum Lohn mit Morgenschöne

Umströmte die vergangne Zeit.

Leuchtender Tag.

Liebchen!! -- Huschte sie durchs Zimmer?

Ja, ihr Haar blieb mir im Sinn.

Wie ein Quell im Frühlingsflimmer

Floß es reich und hell dahin.

Ist mir’s doch, ich säh es quellen

Fort und fort in goldnem Tanz,

Flinke, immerrege Wellen

Unter einem stillen Glanz ...

+Was+ ich heut nun denke: immer

Bringt es Lust mir und Gewinn.

Wie ein Quell im Frühlingsflimmer

Fließt es reich und hell dahin.

Tändelei.

Bitte bitte! soll ich sagen,

Um ein Küßchen zu erlangen?

Meinen Stolz willst du versuchen,

Allerlistigste der Schlangen!

Schnippisch trotzt das rote Mündchen,

Das so oft zum Kuß bereit war.

Meinst: mein Recht, dich abzuküssen,

Wär’ durchaus nicht unbestreitbar.

Nur durch fromme Unterwerfung

Würd’ ich wert so hohen Lohnes --

So versicherst du „entsklavten“,

Frauenrechtsbewußten Tones.

Und du glaubst, ich würde bitten?

Meine heilige Manneswürde,

Denkst du, würde ruhig tragen

Solcher feigen Knechtschaft Bürde?

Mann bin ich und dein Gebieter,

Und der Macht geziemt kein Bitten;

Doch ein Recht zum Raube hat sie;

Noch ist ihr’s nicht abgestritten!

Und -- schon hab ich meine Beute! --

Nun? Dein Trotzen, sag, wo blieb’s denn? --

Und sie haucht: „Ach, die geraubten

Küsse geb’ ich dir am liebsten!“

Lieb und Traum.

Rings umschattet uns schweigendes Waldesgrün;

Atmende Dämmrung hebt sich sacht zu den Wipfeln;

Nur durch die Lichtung glänzt und glitzert

Des Stromes rinnender Spiegel.

Da faßt du mich lächelnd bei beiden Händen

Und fragst mich, halb scherzend, halb zürnend:

Garstiger Schweiger, was träumst du? --

Was ich träume, fragst du mich, Mädchen?

Hörtest du nicht den leise flötenden,

Lieblich lockenden Ton der fernen Nachtigall?

Sanft zuerst wie ein Hauch, dann schwellend und endlich verklingend;

Und der Ton, wie er sanft erschwoll und zitternd verklang,

Nahm mich hinweg in sinnendes Träumen. --

Still war alles. --

Da kam ein Wehen von den Wipfeln der Bäume,

Und silbern blitzte des Stroms erzitternder Spiegel.

Doch balde, bald versank das silberne Raunen

Und ließ mich drüben allein am Ufer der Träume.

Da traf mich dein Wort wie der Heimat Stimme --

Da schau ich nun dir in dein liebliches Antlitz,

Blick in dein helles, Unschuld lächelndes Auge --

Sieh, und das war mein Traum:

Oh, daß dies Glück nicht verhallte wie Nachtigallsang,

Nicht dahinstürbe wie Wellengeflüster!

Abend.

Lehnst an meine Schulter du

Sanft dein Haupt mit Schweigen,

Spiel ich dir ein altes Lied

Auf der alten Geigen.

Und die Seele, mild gerührt

Ob dem süßen Klingen,

Fliegt zum hellen Abendrot

Auf der Hoffnung Schwingen.

Und im Auge dir und mir

Glänzt die stille Frage:

Bleiben Lieb’ und Seligkeit

Bei uns alle Tage?

Wenn die Rosen sind verblüht,

Wenn die Saiten sprangen,

Wird ob unserm Haupte dann

So der Himmel prangen? --

Stumm noch lauschst du meinem Lied,

Ob ich schon geendet;

In die Weite traumeshell

Ist dein Blick gewendet.

Beredtes Verstummen.

Ich hatte schweres Unrecht dir getan,

Mit rauhen Worten tief dein Herz verletzt

Und deinem flehend sanften Widerspruch

In Blindheit mich verschlossen bis zuletzt.

Da schwiegst du ganz und sahst mit feuchtem Blick

So gut und liebevoll mich an wie je,

Als dächtest du: „Dir dank ich alles Glück,

Wohl überwind ich einst auch dieses Weh.“

Da fiel’s wie Schuppen von den Augen mir;

Die Glut des Zornes wich der Glut der Scham,

Die jäh wie Feuersflut vom Himmel mich

Vor deiner stillen Größe überkam.

Liebesglaube.

(Die Geliebte spricht:)

Ach, mit gepreßtem Herzen

War ich aufs Lager gesunken;

Ich hatte heimlich-verschwiegen

Des Argwohns Gift getrunken.

Ich wähnte das Glück verloren;

In bangen Zweifelstunden

Hatt’ ich in seinen Augen

Die Liebe nicht gefunden.

Doch heut in früher Stunde

Weckte mich leises Ahnen;

Es pochte in meinem Herzen

Ein starkes Frühlingsmahnen.

Da fand ich die Morgensonne

In meiner Kammer zu Gaste;

Es sang mit lautem Schalle

Ein Vogel vom Lindenaste.

Mich überfloß berauschend

Der goldne Strahlenregen;

Aus meinen Kissen lacht’ ich

Dem Morgenglanz entgegen:

Er kann der frommen Treue,

Der Liebe nicht vergessen!

Er kann das Herz nicht töten,

Das er im Glück besessen -- --!

Und ich entschlief. Entschweben

Sah ich den bleichen Kummer.

Mit Blumenträumen bedeckte

Mich leise der Morgenschlummer. --

Versöhnung.

Kennst du die Tage schaurig-öd’,

Da Todesschauer dich umweht,

Wenn nach der grauen Wolken Zug

Dein seherhaftes Auge späht?

Die Bäume friert es bis ins Mark;

Erschauernd sträubt sich ihr Geäst;

Ein düstrer Geist hält jeden Hauch

Der Lust im Grund der Erde fest.

Da siehst du in dem Wolkenheer,

Das endlos zieht am Himmelszelt,

Die Last der Schmerzen, die sich schwer

Dahinwälzt über diese Welt.

Und in dem Winde, der sie treibt,

Der durch die Wälder heult und gellt,

Vernimmst du bebend einen Klang:

„Ich bin der Angstschrei dieser Welt!“

Dann lehnst du in der Dämmrung wohl

Am stillen Fenster, starrst hinaus

Mit irrem Blick ins Graun der Welt

Und in des eignen Lebens Graus.

Wenn’s dann im Dunkel dich umweht

Wie eines Mundes warmer Hauch

Und dich ein weicher Arm umfängt

Nach altem, süß-gewohntem Brauch

Und eine Stimme flüsternd spricht,

So schön, wie’s nur in Träumen klingt:

„Ich will verzeihen!“ und ein Kuß

Dich wie ein Gotteshauch durchdringt --:

Dann rüttelt dich ein jäher Schmerz,

Wie wenn dein zuckend Herz zerreißt,

Ein Wirbelsturm der Lust durchrast

Frohlockend, jauchzend deinen Geist.

Die Nacht brach an. Die Wolken flohn.

Die Pracht der Sterne kam zurück --

Du aber pressest immer noch

Ans Herz dein unbegreiflich Glück!

Bitte.

Du sollst nicht wähnen, daß mein Denken

Sich frei im reinen Lichte wiegt,

Daß über jegliche Versuchung

In mir ein starker Wille siegt.

Ich bin zu dir, o Kind, gekommen,

Um dir ins süße Angesicht

Mit treuen Worten zu bekennen,

Was mir an hohem Wert gebricht.

Und wenn ich alles dir bekenne,

Dann bebe nicht mehr stumm zurück,

Als träfe dich in meiner Liebe

Ein ewig unverdientes Glück.

Vielmehr, wenn still aus meinen Augen

Ein Tropfen rinnt auf deine Hand,

So denke, daß in deinen Armen

Ein irrend Herz den Frieden fand.

Süßer Wahn.

Und kommst du an mein Sterbebett,

Geliebter mein,

Dein Kommen ist wie früh am Tag

Der Morgenschein.

Da sinkt die Nacht, die lastend mir

Das Hirn zerquält,

In der die Stunden ich so oft,

So bang gezählt,

Da schwere, heiße Träume nur

Das Dunkel wob

Und nur der Sorge Seufzer mir

Den Busen hob. --

Nun lächelst du in heiliger Lieb’ --

O sieh mich an!

Ein Glaube kinderfromm und schön

Erhebt mich dann.

Mir ist, als ob des Todes Macht

Vor dir zerbricht --

Leg deine Hand mir still aufs Herz,

Dann sterb ich nicht. --

IV. Weib und Daheim.

Altmodisches Lied

Ich bin ein froher Mann,

Der laut verkünden kann,

Daß ihm die Liebste treu gesinnt,

Und sehe wohl das Greinen

Der Schlauen, so da meinen:

„Man sagt’s von manchem holden Kind.“

Nun hört: Wenn Zweifelsgram

Die Kraft zum Werk mir nahm --

Wer gleitet still auf meinen Schoß

Und spricht von fernen Dingen,

Die mir Genesung bringen,

Und macht mich leis’ der Ketten los?

Und kam ein düstrer Tag

Mit schwerem Wetterschlag --

Was ist’s, das mir ins Auge fällt?

Ein Strauß, ein zarter, neuer,

Von Blumen, die mir teuer,

Von meiner Liebsten hingestellt.

Wenn Hunde mich gehetzt

Und mir das Kleid zerfetzt

Und Menschenhaß im Hirne nagt --

Was schiebt sich leis’ ins Zimmer?

Ein Kind wie Sonnenschimmer

Und lallt, was +sie+ ihm vorgesagt.

Doch ward ein Leid zu schwer,

Verhüllt’s kein Schleier mehr,

Und muß es ausgesprochen sein,

So blickt sie ohne Beben

Mit mir dem argen Leben

Gerad’ ins wilde Aug’ hinein.

Und alles sag’ ich ihr,

Und alles sagt sie mir

Und teilt mit Lust mein schwerstes Los.

Ich sah in manchen Nächten

Aus allen Schattenmächten

Ihr sanftes Auge, klar und groß.

Der Neid zeig’, was er kann;

Ich bin der starke Mann,

Dem eine Seele treu gesinnt.

Ihr Spötter, laßt mir’s gelten,

Und wollt ihr Kind mich schelten,

So bin ich wohl des Glückes Kind.

Am Hochzeitstage.

Laut rollt der Hochzeitswagen durch die Gasse.

Wir ruhen drin, zu stillem Glück geeint.

Sieh, wie die Sonne glänzt durch Regenwolken --

Die Hoffnung lacht -- und die Erinn’rung weint.

So ist’s ein Fest der Wonne wie der Trauer.

Ich fühl’s, da neue Liebe mich beglückt,

Wie lang genossne, unvergoltne Liebe

Mit schwerem Vorwurf meine Seele drückt.

Der Eltern denk ich, der verlassnen, alten.

Und während mich dein Zauber hold umgibt,

Erfaßt es mich mit wehmutsvoller Mahnung,

Wie zärtlich sie mich je und je geliebt.

Sie ließen mich den Traum der Jugend träumen.

Leicht schlug mein Herz! -- ihr Haupt war sorgenschwer;

So zweifle nicht, wenn sich mein Auge feuchtet!

Der Sommer prangt -- ein Frühling kommt nicht mehr.

Wie rasch der Wagen rollt! Wir fliegen selig

Und zukunfttrunken in die Welt hinaus.

Euch Sternen meiner Jugend send’ ich Grüße

Ins abendrotumkränzte, stille Haus.

Verzeiht dem heißen Drang der jungen Seelen,

Der euch des vielgeliebten Sohns beraubt --

Unsterbliches Gedächtnis eurer Liebe,

Und Segen über euer greises Haupt!

Tränen im Glück.

Du weinst? Und uns erblüht ein junges Leben!

Mit Leib und Seele bist du mir gegeben;

Du bist mein Weib -- was wir ersehnten einst,

Hat herrlich sich vollendet -- und du weinst?

Doch sieh! Versenkt mein Blick sich in den deinen,

So will es mir im tiefsten Herzen scheinen,

Als ob auf deiner feuchten Augen Grund

Sich seliges Genüge gäbe kund.

O stille nur! Schon hab’ ich dich verstanden.

Die bangen Tage deiner Leiden schwanden,

Die Tage, da dich Finsternis umfing

Und über Dornen deine Straße ging.

Mitfühlend kann ich deine Lust verstehen.

Du hast des Glückes schönsten Teil ersehen:

An treuer Brust in glückbesonnter Zeit

Die Tränen lösen um vergangnes Leid.

Was Ortrun sprach.

Gib wie immer deine liebe Hand,

Eh’ ich eintret’ in des Schlummers Land.

Sollst im Dunkel mir zur Seite stehen,

Mit mir durch des Traumes Garten gehen.

Sieh, das ist das Süßeste vom Tag,

Daß ich deine Hand noch fassen mag,

Wenn des Tages Ängste von mir sinken

Und des Schlummers milde Schatten winken.

„Meine Zuflucht“, klingt in mir ein Wort,

„Meine Zuflucht“, klingt es immerfort.

Alle, die dich lieben, die dich hassen,

Endlich müssen sie dich mir nun lassen.

Deine Hand nur fühl’ ich noch allein;

Alles andre mag verloren sein.

Ach, in mancher Nacht war mir’s verliehen,

Dich im Traum mit mir hinwegzuziehen.

Und in fernen Himmeln noch empfand

Ich den leisen Druck der teuren Hand,

Wie ein volles, heiliges Umfassen:

„Schreite fest, ich will dich nicht verlassen.“

Soll mir deine Hand erhalten sein,

Tret ich gern in jedes Dunkel ein;

Muß es doch nach allen Schrecken bringen

Einen Traum, in dem die Sterne singen. --

Frauenschönheit.

In glüh’nden Worten,

In Liedern meist

Hab’ ich gejubelt,

Wie schön du seist.

Du sahst im Spiegel

Dein Angesicht

Und glaubtest lächelnd

Dem Schwärmer nicht.

Wie sollte der Spiegel,

Das kalte Glas,

Dir sagen, was ich dir

Vom Antlitz las!

Ein Schlag des Herzens

In deiner Brust,

Ein leichter Seufzer,

Dir unbewußt,

Ein Hauch der Liebe

Von deinem Mund

Tut deine Schöne

Bezaubernd kund.

Wie Sonnenschimmer,

Wie Windeshauch,

So naht der Zauber,

So flieht er auch.

Und kaum geschwunden,

Erfüllt er ganz

Dein Antlitz wieder

Mit neuem Glanz.

Doch nur dem Auge,

Das sorgsam wacht

Ob deinem Leben

Bei Tag und Nacht,

Das selbst die Flammen

Der Sehnsucht zeigt,

Wenn’s tief sich über

Dein Antlitz neigt --

Nur ihm begegnet

Rein und ganz

All deine Schönheit

In flüchtigem Glanz.

Sonnenblick.

Am grauen Tag, im Winterleid

Wir standen am Fenster beide.

Im Nebelkleid die Sorge schritt

Dahin durch Wald und Weide.

Da brach hervor der Sonnenquell,

Die Sorge blich und schwand.

Da standen wir, und wußten’s nicht,

Wie Kinder Hand in Hand.

Genügen.

Wie trüg’ ich wohl ein Fernverlangen,

Da hier der Tag in Rosen blüht,

Die Sonne mich erweckt mit Prangen

Und mir am Abend sanft verglüht?

Vom Garten schon in früher Stunde

Herüberträgt der Morgenwind

Ein Lied aus froher Kinder Munde --

Wie singt so hell mein eig’nes Kind!

Der Mittagsruf klingt durch die Saaten.

Wie Arbeit Stirn und Hände bräunt!

Es winkt, vom Werk sich zu beraten,

Zum Heimweg mir ein ernster Freund.

Wie trüg’ ich wohl ein Fernverlangen,

Da du mein Rebenhaus bewohnst

Und mir mit liebendem Umfangen

Am Abend jede Mühe lohnst?

Beseligt von des Tags Geschenken,

Genieß ich sein in später Ruh’.

Ein letztes, leises Überdenken --

Und träumend fällt die Wimper zu. --

Tiefglücklich.

Das ist der Segen dieser trüben Stunden,

Die mir ein sorgengrauer Himmel sendet:

Die selige Mahnung, daß ich dich gefunden,

Zu der mein Blick aus jeder Nacht sich wendet,

Der Trost, daß meiner heißen Stirn nicht fehle

Die milde Tröstung deiner weichen Wange

Und ich im tiefsten Leid von ganzer Seele

Doch stets nach dir und nur nach dir verlange.

Freundliche Nähe.

Geliebter Menschen holde Nähe

Ist wie der Quelle ferner Sang,

Der leis herüberklingt vom Garten

Den schönen Sommertag entlang,

Ist wie ein frischer Duft vom Walde,

Den laue Winde hergeweht

Und der von früh bis spät uns labend

Und läuternd durch die Seele geht. --

Oft hör ich dich im Hause schalten,

Geliebtes Weib; durch Tür und Wand

Vernehm’ ich fernes Lachen, Singen,

Und hör ich rauschen dein Gewand;

Mir ist, als fühlt’ ich deine Lippen

Wie Tau auf meiner Wange ruhn:

Mein Haupt umschwebt ein selig Glänzen,

Und Segen ruht auf meinem Tun. --

Blühendes Glück.

Als wir für das Leben uns verbanden,

Ganz in Blüte stand der Apfelbaum,

Und sein weißer Schimmer floß wie Segen

Über uns und dieser Stube Raum.

Fast zu reich war dieser Blütensegen;

Denn die Früchte kamen schwer und dicht.

Um uns hüpft und lacht und lärmt und jubelt

Manch ein apfelwangig Angesicht.

Schwer hast du der Mutter Last getragen,

Und vor Sorgen war ich glücklich kaum;

Doch zum Trost an jedem Hochzeitstage

Tausendblütig prangt der Apfelbaum.

Wohl, ich weiß! Es möchte kindisch scheinen,

Daß wir dessen nicht schon längst gewohnt.

Blüten hat man leicht am Hochzeitstage,

Wenn man sich vermählt im Maienmond.

Traun, kein Kunststück! Jeder Narr berechnet

Dieses Wunder an den Fingern dir --

Und trotz alledem: ein süßes Wunder

Ist es immer meinem Weib und mir,

Dünkt uns, wenn wir still am Fenster stehen,

Wie ein Zauber, wie ein seliger Traum,

Daß an jedem Hochzeitstage wieder,

Immer wieder blüht der Apfelbaum.

Großer Prolog

zum Stiftungsfest der ehrenwerten Gastwirte von Hümpeldorf[1].

Nacht war’s, und in meines Weibchens Kammer

Schlich ich mich auf ungewissen Schuh’n.

Alsobald erschloß sich auch ihr Mündchen:

„Ach, du brauchst so leise nicht zu tun.

Stund’ um Stunde lieg’ ich bangend wach,

Träume mir Gefahr und Ungemach,

Träume Mord und Tod und kann nicht ruhn.“

Aber weiter ließ ich sie nicht kommen;

Denn schon hielt ich schmeichelnd ihre Hand;

Auf die Fensterschwelle nah dem Bettchen

Schwang ich mich so mutig wie gewandt.

Breit durchs Fenster lächelte der Mond,

Der, so frommer Klarheit ungewohnt,

Staunend still in ihrem Auge stand.

„Aber rätst du denn, wen ich getroffen?“

Rief ich sicheren Triumphes voll.

„Ahnst du wohl, mit wem ich mich -- berauschte

Unaussprechlich süß und wirbeltoll?

Du -- denselben, der uns einst vereint,

Als du laut gelacht und still geweint

Unterm Flieder, der von Trauben schwoll.

Ja, den Frühling! Denk’ dir, dieser Bengel!

Komm’ ich da bei Bock & Schlump hinein,

Sitzt der Strolch mit hocherhob’nem Glase,

Schielt mich an durch einen blanken Wein.

In der Ecke, weißt du, saß der Freund,

Wo das Steinöl Wand und Decke bräunt

Und beglüht mit bilderreichem Schein.“

„Hahahaaa!“

„Halt -- dieses Lachen küss’ ich!“

„Also im verqualmten Winkel find’t

Mein Gemahl den Frühling! Ach wie niedlich!

Suchst du ihn nicht auch im Kleiderspind?“

„O gewiß, in Schachteln auch und Truh’n

Und in Heringstonnen. Siehst du, +nun+

Sprichst du, was du nicht verstehst, mein Kind.

Sieh, mein Lieb: Entweder ist es Frühling

Oder nicht! -- Erscheint dir klar der Fall?

Gut denn. Ist es aber einmal Frühling,

Nun, so ist er wahrlich überall!

In der Rose und im Rübensaft,

In den Sternen und im Stiefelschaft --

Wie in deines Lachens Glockenschall.

Alles drängt und zwängt er auseinander;

Alles kracht und springt von seiner Kraft;

Schlösser, Ketten, Riegel oder Bänder

Halten kein Verlangen mehr in Haft.

Sieh die Ampel -- wie sie schwillt und blüht,

Eine Rose, sich entfaltend, glüht

In erstickter süßer Leidenschaft ...!

Gut denn, ich erzähle. Ach, was ist er

Für ein lieber Schlingel immer noch!

Nicht im mind’sten hat er sich verändert,

Seit so lieblich uns der Flieder roch.

Auf dem Bänkchen rückt’ er gastlich zu,

Zog an seine Seite mich im Nu --

Mußt’ ich höflich mich bequemen doch.

Wie dir wohlbekannt, bin ich energisch;

Aber konnt’ ich anders? Rede du!

Frühling ist ja nur ein selig Müssen!

Und in solchem Falle noch dazu!

Fest umschlungen hielten wir uns bald;

Zwischen Frankreich und dem Böhmerwald

Schritten wir fürbaß auf leichtem Schuh.

Herr mein Gott, was kann der Kerl vertragen!

Na! -- ich steh’ doch auch sonst meinen Mann.

Und Geschichten weiß er vorzutragen --

Daß man’s gar nicht wiedergeben kann.

Und ein Lied! -- Ach hör’! +Das+ sing ich dir --

Arm in Arm am Fenster standen wir

Und zum Himmel gröhlten wir’s hinan:

„Un dorbi wohnt hee noch jümmers in de Lammer-Lammerstroot,

Lammer-Lammerstroot,

Kann mok’n, wat hee will.

Kann mok’n, wat hee will.

Swig man jümmers jümmers still,

Swig man jümmers jümmers still,

Swig man jümmers -- jümmers -- still. --

Un doo meuk hee sick en Geigeken,

Geigeken perdootz.

„Violin, Violin“ seggt dat Geigeken,

„Violin, Violin“ seggt dat Geigeken,

Un „Vio Violin“, un „Vio Violin“,

Un sin Deern, de heet Katrin!

Un sin Deern, de heet Katrin,

Un sin Deern, de heet Katrin

Un sin Deern, de -- heet -- Ka -- trin.“

Köstlich, was? Und also stand der Stromer,

Mit gespreizten Beinen stand er da,

Gröhlt’ mit feuchten, nektarsüßen Lippen

Himmelan die tollsten Carmina.

Himmelan, ja. Durch den Fensterraum

Schwankte hell ein Zweig vom Sternenbaum,

Der auf Türm’ und Dächer niedersah.

Nur ein Stück erblickten wir: Vom Drachen --

Unterm Drachen ward mir’s heimisch ganz --

Bis zum gold’nen Haar der Berenike --

Aber deines ist von höh’rem Glanz.

Einsam schritt ich an der Himmelsflut,

Suchte mir der reinsten Sterne Glut

Und umflocht sie meiner Stirn als Kranz.

Ach, gesellt den sehnsuchtweiten Sternen,

Trieb mich’s lang’ dahin mit stiller Macht.

Ja, zur Fahrt in unerschloss’ne Hellen

Heb’ ich mich noch einst aus dieser Nacht.

Hör’ ich nicht, wie Sporn und Flügel klirrt?

Lieg’ ich tief im Schoß der Erde, wird

In den Sternen stehn, was ich vollbracht --

„Un dorbi wohnt hee noch jümmers in de Lammer-Lammerstroot ...“

Zweite Stimme sang ich, mußt du wissen;

Mich ergriff der Zauber meines Sangs.

Bei der „Violine“ immer wieder

Dacht’ ich deiner schwermutsvollen Drangs.

Im Gelärm des Lebens bist du mein;

Du auch bist ein zartes Geigelein,

Unerschöpflich reichen, weichen Klangs --

Gedichte(#75501) · 第 3 / 12 段