Gefängnis Rast. O hochwillkommne Ruhe
Nach Hunger, Frost und Staub, nach Schmerz und Qual!
Nur schade, daß der Andrang gar so groß ist
Zu diesen Häusern! Wohl achthundert könnte
Man darin bergen; fast zweitausend leben
Zur Zeit darin. Nicht Platz ist auf den Pritschen --
Und also lagert man im Kot der Dielen
Zur Nachtzeit, ohne Hülle, ohne Pfühl.
Schmutz überall! Vom Schmutz die Wände starren,
Der Boden und die Decke und die Kleider
Der Menschen und sie selbst. Tritt nicht herein,
Der du gewohnt, in freier Luft zu atmen.
Ein fieberschwangrer Pestgestank benimmt dir
Den Atem, ein mephitisch gift’ger Brodem.
Ein sinnverworrnes und -verwirrendes
Geschrei, Geheul, Gezänk erfüllt den Raum,
Und Männer, Weiber, Kinder durcheinander
Erstöhnen, weinen, seufzen, lachen, fluchen.
Und noch ist des Lebend’gen nicht genug
In diesem Stall! Von Ungeziefer wimmelt
Jedweder Fetzen der Gefangenen.
Der trefflichste Erbarmer ist der Tod;
Er hat ein Herz, der Kerl, und sucht sich täglich
Die Schmerzenvollsten aus und würgt sie sanft,
Wenn sie im Fieber von der Heimat träumen.
Hier rast in Phantasie’n ein Fieberkranker,
Und dort -- Entsetzen! -- schlug in jenem Winkel
Der Wahnsinn nicht ein gellend Lachen auf?
Man trennt hier nicht die Irren und Gesunden.
Wozu denn auch? Wer will denn unterscheiden,
Ob das, was höllisch glimmt in diesen Augen,
Sei Wahnsinn oder Wut? Ob dieses Antlitz
In Frohsinn oder Stumpfsinn grinst?! -- Und mitten
In allem diesem Jammer du, Maria!
O sag’, warum dein Blick so starr geworden,
Seit ich zuletzt dich sah? -- Ein Blitz, ein Feuer
Huscht dir ins Auge oft -- wer weiß, woher?
Und irrt ins Ferne hin -- wer weiß, wohin?
Wo ist dein Kind, dein lieblich Kind, Maria?
Ja, komm heran -- ganz nah heran -- ganz nah,
Und sag’ es mir ins Ohr mit leisem Weinen --
Erfroren? Auf dem Weg erfroren? Wie?
Dir an der Brust erfroren? O verzeihe,
Ich frage schon nicht mehr -- sei still -- und weine. -- --
Ich will indessen in den Winkel kriechen,
Das Ohr am Boden, will ich schweigend horchen,
Ob ich nicht Donner höre aus den Tiefen,
Und ob nicht Feuer bricht aus tausend Schlünden,
Und ob nicht die Posaune gellt und klingt,
Bis ihr Metall zerbirst vom Hauch der Rache! --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Und manchen Tag noch schleppte weiter mit
Dem Trupp der Deportierten sich Maria.
Sie, die sie welken, schwinden sahn im Elend,
Die ihren Geist gemach verglimmen sahn,
Vergaßen ihres eignen Grams und weinten.
Nur ein Gedanke lebt ihr noch im Hirn:
„In Werkholensk werd’ ich Wassili sehn.“
Er war fortan ihr Leben, der Gedanke,
Ein dünner Faden nur; doch Tag für Tag
Spann ihn die Sehnsucht weiter. Da geschah’s,
Daß eines Tags sie hörte: „Wie? Wassili
In Werkholensk, dem Dorfe bei Irkutsk?
Du irrst Maria: nicht in Werkholensk,
In Werchojansk lebt Petukoff!“ Und starren,
Verlornen Blickes stammelte Maria:
„Und ist -- wie weit -- wie weit -- bis Werchojansk?“
„Sechshundert Meilen noch! Auf Renntierschlitten
Kommt man dahin auf endlos öder Fahrt!“
Seit diesem Tage war Maria stumm,
Ihr Geist erloschen und ihr Auge tot.
Doch eines Tags, als wieder im Gefängnis
Man Rast hielt, schnellte jählings sie empor,
Und vorgebeugten Haupts, die Hände krallend
Ins Holz der Wände, schien sie mit den Blicken
Ein Etwas zu verschlingen. Dann entriß
Sich ihrer todeswunden Brust ein Schrei,
So wilden Jubels und Triumphes voll,
Daß alles rings erstarrte. Rückgesunken,
Lag sie am Boden dann, entseelt -- erlöst! --
Man kam und fand, was ihren Geist erleuchtet
Zum letztenmal. Gekratzt ins Holz der Wände,
War eine Schrift zu lesen, klar und deutlich.
Und flüsternd las man: „Lebe wohl, Maria!“
II. Mit der Natur.
Hymnus an die Bäume.
O meine Bäume!
Seit meiner Kindheit ahnenden Tagen
Sprech’ ich zu euch, ihr edlen Vertrauten,
Sprech’ ich in stummer, geheimer Sprache,
Und ihr versteht mich
Und atmet mir Antwort.
Wenn von euren dunklen Wänden
Meine Seele widerhallt --
Wie wehende Andacht
Verschwiegener Hallen,
Wie heiliges Grauen
Verlassener Tempel
Faßt es mich an.
In reiner Frühe such ich euch
Erquickten Auges,
Und sieh: in euren Zweigwinkeln lauschen
Tage der Kindheit,
Auf euren Wipfeln wiegen sich
Tage der Wandrung.
Aber am sinkenden Abend,
Wenn silberne Elfenluft durch eure Zweige blickt
Und Birkenschleier im Mondlicht hangen,
Wenn der leuchtende Himmelswandrer
Mondhingewandte Seelen bindet
Mit saugendem Licht,
Dann hangen an euren Stämmen
Schatten der Schwermut,
Und im Gewirr eurer Zweige
Leuchten und dunkeln Geheimnisse
Wie in der Brust erhabener,
Gottversunkener Seelen.
Wie oft, wenn drängende Mittagsglut,
Mit tausend Pfeilen das Haupt umschwirrend,
Zur Qual mir ward,
Fand ich zu euren Füßen
Hundertjährigen Schatten,
Der die Sinne schmeichelnd befängt
Wie hundertjähriger Wein.
Dann, ihr grünen Himmelsleitern,
Lag ich, ein Sohn der Verheißung,
Träumend an eurem Fuß,
Und an euren Ästen stiegen
Auf und nieder
Himmlische Hoffnungen.
Euch, ihr Bäume,
Acht ich des Schöpfers
Göttlichste Kinder.
Ihr wart vor uns Lebenden,
Und eure Kronen bewahren
Vergangenes in rätselvoller Sprache
Ihr werdet nach uns sein,
Und euer Inn’res
Hegt Keime der Zukunft
In ernstem Schweigen.
Und unbekümmert
Um Vergangenes und Künftiges,
Spendet ihr, Wissende,
Frucht und Schatten,
Duft und Schönheit.
In schweigender Hoheit
Wachst ihr empor
Über der Menge Geschrei und Gewühl,
Und überhebt euch nicht,
Neigt euch milde
Zu den Menschen
Und blickt fromm
Zu nächtlichen Sternen.
Menschen, die ihr mich liebt,
Pflanzt Bäume mir auf das Grab,
Daß ihre Wurzeln meinen Leib umfangen
Wie sorgende Arme,
Und ihre Häupter, sich neigend, mir singen
Von Lenzen, die ich ersehnt
Und nicht mehr gesehn.
Wilde Frühlingsboten.
Nicht nur im lindern
Hauche der Lüfte,
Nicht nur im wärmern
Glanze des Lichtes,
Nicht nur im ersten
Zagen, süßen
Augenaufschlag
Des jungen Lebens
Fühl’ ich die Bälde
Kommenden Frühlings,
Ahn’ ich die Nähe
Kommender Lust.
Ihr auch Boten
Des nahen Lenzes,
Ihr auch Künder
Des neuen Werdens,
Seid mir willkommen,
Brausende Winde,
Felder und Wälder
Durchheulende Stürme,
Ihr auch, dunkle,
Donnertragende
Wetterwolken,
Seid mir gegrüßt!
Irgend im weiten
Endlosen Raume
Hebt ihr, Stürme,
Die wucht’gen Schwingen,
und die Blitze,
Den lauten Donner
Zu kühnen Gesellen,
Singt ihr im Fluge
Durch alle Lande
Der neuen Schöpfung
Heiligen Anfang.
Ihr sprecht die Worte
Flammender Sehnsucht,
Ihr singt die vollen,
Allgewaltigen,
Rauschenden Töne
Des kühnen Verlangens;
Ihr seid der Wille,
Der unzerbrechliche,
Ihr die entfesselte
Helle Begeistrung,
Heraufbeschworen
Vom Druck der Ketten
Aus langer, schrecklicher
Winternacht!
Ich möchte werfen
Die Brust entgegen
Dem wilden Gesange,
Dem heiligen Rauschen
Und mit dem Herzen,
Dem sehnsuchtweiten,
Auffangen die Schauer
Des Frühlingssturms!
Horch, wie im Krachen
Zürnender Donner,
Horch, wie im Rasen
Heulender Stürme
Süße Verkündung
Lieblich ertönt:
„Singen bald werden
Die Nachtigallen,
Duften die Wälder
Blühender Rosen,
Wogen die Meere
Goldener Ähren,
Rauschen der Bäche
Schäumende Wasser,
Strahlen die Augen
Glücklicher Menschen,
Jubeln die Herzen
Alle der Welt!“
Vorfrühling.
Welch goldnes Leuchten fließt so ungeahnt
Wie lichter Zauber um die starren Bäume?
Was zittert wie geheimer Feierton
Mit leisem Klingen durch des Himmels Räume?
Die Flut des Lichtes rinnt mit froher Hast
Vom Felsenhaupt bis in des Abgrunds Klüfte,
Und horch! -- schon ruft ein Fink mit leisem Schlag
Zaghaften Jubel in die stillen Lüfte.
Es hat der Lenz in stummer Ungeduld
Der Erde schon gestanden seine Liebe,
Die Lider ihr mit lindem Strahl geküßt,
Daß sie nicht mehr im Schlaf befangen bliebe.
Er hat der tief Entschlafnen zugeraunt
Der Sehnsucht erste, seligbange Frage
Und ihr versprochen, was die Liebe schenkt:
Verklärte Nächte, sonnenschöne Tage! --
Und sieh! Von ihrem Antlitz hebt sie leis
Den duftgewobnen, zarten Nebelschleier
Und schaut mit Augen, die der Traum noch bannt,
Wie zweifelnd auf den leuchtenden Befreier.
Noch faßt sie nicht die ganze süße Lust,
Noch hängt an ihrer Wimper schweres Trauern;
Doch mehr und mehr erkennt sie schon den Freund,
Und leis erbebt ihr Leib in Wonneschauern. --
Später Schnee.
Wir freuten uns schon des Finkenschlags,
Der duftigen Frische, des leuchtenden Tags;
Wohl war der Frühling noch nicht gekommen;
Doch hatten wir einen Ruf vernommen
Vom Grunde des Buchenhags.
Dem Winter gelang’s mit tückischer Hand,
Daß er die Hoffnung überwand.
Wir müssen’s verwinden und müssen warten:
Noch einmal erglänzen Feld und Garten
Im schimmernden Schneegewand.
O Anblick, der das Herz versehrt,
Das lange nach dem Lenz begehrt!
Mir klang’s in gläubig starken Träumen,
Nicht länger werde der Frühling säumen,
Der Held mit dem Sonnenschwert.
Sein harrte die Seele in seligem Leid;
Zum Hochzeitstanz war sie bereit --
Doch in der Nacht vor Spiel und Reigen
Hat sie der Tod mit düsterm Schweigen
Gehüllt ins Sterbekleid.
Präzeptor Frühling.
Einer kam dahergegangen,
Just von meiner Zunft,
Alle jauchzten voll Verlangen
Seiner Wiederkunft.
Neues Lachen, neues Singen
Hat er uns gelehrt
Und mit Kraft zu neuem Ringen
Unser Herz bewehrt.
Lustig in die Staatsperücke
Fuhr er jenem Herrn,
Der uns mit Tyrannentücke
Hielt vom Lichte fern,
Der uns kalte, düstre Narrheit
Greinend vorerzählt
Und uns mit Pedantenstarrheit
Ach, so tief gequält,
Zaust’ ihn, bis dem Freiheithasser
Schopf und Zopf entfiel,
Gab sie dem erweckten Wasser
Hin zu tollem Spiel,
Trieb ihn mit der eignen Rute
Pfeifend vor sich her,
Daß er sich von hinnen spute
Bis ans Schattenmeer!
Schob zurück vom Himmelsfenster
Dann den Wolkengraus,
Stoben Eulen und Gespenster
Wirr und wild hinaus.
Und sogleich durch alle Räume
Schwoll ein weicher Glanz,
Schwang um Hügel, Busch und Bäume
Sich ein Strahlentanz.
In die Schule uns genommen
Hat der lichte Mann.
„Laßt die Kindlein zu mir kommen!“
Rief’s in Flur und Tann.
Und wir alle wurden Kinder,
Wollten Kinder sein,
Süßer floß uns und gelinder
Junges Leben ein.
Und er küßt’ uns auf die Stirnen,
Zog uns bei der Hand,
Männer, Weiber, Buben, Dirnen,
In sein grünes Land,
Wo Natur in stillen Wäldern
Traum und Ahnung webt
Oder über lichten Feldern
Mit der Lerche schwebt.
Wies uns einer jungen Blume
Leisen Werdegang,
Morgenduft der Ackerkrume,
Der die Welt durchdrang,
Deutete der dunklen Föhren
Traum am Hügelhang,
Ließ uns einen Atem hören,
Der im Winde klang.
Also der Natur aufs neue
Eng ans Knie geschmiegt,
Sind Verzagen, Angst und Reue
Still in uns versiegt.
Tageslast und Abendfeier
War uns tief verschönt;
Leib und Seele wurden freier
Und in eins versöhnt.
Ach, da brauste neu im Herzen
Unermessne Kraft,
Süße Sturmeskraft des Märzen
Brach aus dunkler Haft.
Neue Lust zu neuem Werden,
Alles kam zurück,
Was uns blüht im Kranz der Erden:
Hoffnung, Friede, Glück. --
* * * * *
Soll uns eure Lehre frommen,
Wählt zum Meister ihn,
Der der Nacht ihr Reich genommen
Und uns Trost verliehn.
Seid Erwecker und Erneuer
Recht nach seinem Sinn,
Und auf eure Wege streu’ er
Licht und Blumen hin.
Freistatt.
Was die Flügel regt im Blauen,
Was die Füße hebt im Staub,
Hat ein Dach und einen Frieden
Unter dieses Gartens Laub.
Keines weicht vor meinen Schritten;
Jedes weiß: hier ist ein Hort.
Zwischen uns ein still gegebnes
Und ein still verstandnes Wort.
Was der Welt du gibst an Liebe,
Findet holden Widerhall.
Horch, o horch: seit gestern abend
Wohnt sie hier -- die Nachtigall!
Einem Sommer.
Sommer, eh du nun entwandelst
Über sonnenrote Höhn,
Soll dir meine Seele sagen,
Wie du mir vor allen schön!
Wähne nicht, daß meinem Herzen
Sommer so wie Sommer sei;
Seltsam wie der Wolken Wandel
Ziehn die Zeiten ihm vorbei.
Und wie +du+ hervorgetreten
Aus der Zukunft ernstem Tor,
Atmete aus dumpfen Qualen,
Atmete dies Herz empor ...
Dankbar will ich das nun singen:
Wie die Wiese lag im Glanz
Und du gingst am Rand im Schatten,
Und dein Gehn war Klang und Tanz --
Wie auf Wolken du gefahren,
Deren Weg dein Hauch gebeut,
Wie du in den hohen Himmel
Weiße Rosen hingestreut --
Wie du aus des Nußbaums Wipfel
Durchs Gezweige sahst herab --
Wie du rote Blüte gossest
Über ein versunknes Grab --
Wie im Wald am schwarzen Stamme
Stumm du standest, schwertbereit,
Als ein sonnenblanker Ritter
Aus verklung’ner Heldenzeit --
Wie du alle Glocken schwangest
Im beglühten Turm des Doms --
Wie du rötlich hingewandelt
Auf der Wellenflur des Stroms,
Oder wie du braun von Wangen
Westlich schrittest durch das Feld
Und mit einer Amsel Tönen
Leis’ erweckt die Sternenwelt ...
Hoher, ehe du entwandelst
In den Saal „Vergangenheit“,
Nimm mit dir wie Hauch der Felder
Diesen Hauch der Dankbarkeit!
Wo gestorb’ne Sommer wandeln
Hinter nachtumraunten Höhn,
Wo nur Schatten dich umschweigen,
Soll er singend mit dir gehn.
Ausflug.
Heut saß ich wieder an meinem Klavier;
Sein blankes Holz war Spiegel mir;
Drin sah ich mich und mein stilles Zimmer,
Den Garten, die Gasse -- und fern einen Schimmer
Des lichten Himmels.
Und meine Hand
Erging sich spielend im fernsten Land. --
Und hört -- o hört --: da kam ein Klang,
Den +sah+ ich, als er durchs Zimmer sich schwang,
Als er dahin übern Garten zog,
Leise die flimmernden Wipfel bog,
Und weiter, weiter, die Straße entlang
Schwebte, strebte der heilige Klang.
Rührt’ eines Kindes Scheitel an,
Daß gleich sein Haar zu leuchten begann --
Strich über eines Baumes Dach,
Darunter hervor ein süßes Ach
Aus eines Vögleins Herzen quoll
Und jäh zu hellem Jauchzen schwoll.
Leis über einen Schmetterling,
Der am erglühten Kelche hing,
Kam hergeweht das süße Klingen,
Da dehnt der Falter die stummen Schwingen,
Daß ihre scheu verhohlene Pracht
Wie eines Auges Glut erwacht!
Und hoch durch eines Waldes Hallen
Ging hin der Klang. Das mochte schallen
Wie fern erklungener, sehnender Gruß --
Der stumme Wanderer hemmt den Fuß
Und staunt hinauf, durchschauert ganz,
Im großen Auge geheimen Glanz.
Und weiter hinaus über Wiesen und Feld,
In eines Tales versunkene Welt
Hinschwebte der Hauch und streichelte mild
Mit klingendem Flüstern das Ährengefild --
Da glänzt es wie Gold!
Und rührte die Glocken
Des ganzen Tals, daß mit Frohlocken
Sich jede dem Himmel entgegenschwang
Und friedliche Vesper vom Felsen klang.
Und wallte, hallte hinaus übers Meer,
Der klingende Hauch. Wie staunte so sehr
Der junge Schiffer im treibenden Boot,
Wie spannt sich die Brust ihm in seligster Not --!
Von schimmernden Brüsten blinkte die Flut,
Von winkenden Augen voll schillernder Glut!
Und seufzend blickt er empor und hinaus:
Die Sonne ging heim in ihr goldenes Haus.
Zu ihr entschwebte das klingende Wehen --
Zu ihr strebt alles in Kraft und Vergehen!
Und hinter leuchtenden Schleiern verlor
Den letzten Ton -- mein dürstendes Ohr.
Und da sah ich mich um -- da fand ich mich hier --
An meinem schweigenden Klavier. -- -- --
Tränende Augen, was habt ihr gesehn?
Zitternde Seele, was ist dir geschehn?
Du flogst mit einem seligen Klang
Die weite Sommerwelt entlang ...!
Im Sommerglanz.
Ich segne mir die klaren Sommerstunden,
Da willenlos die Seele sich versenkt
Ins weite, warme Meer des goldnen Lichtes,
Das ewig-liebevoll die Sonne schenkt.
Dann lieg ich hingestreckt auf stiller Halde,
Trunken vom Licht, von seiner Glut betäubt,
Und sehe, wie im Blattgewirr der Büsche
Zu tausend Funken jeder Strahl zerstäubt.
Ein träger Glast hängt zitternd in den Lüften,
Und aus der Erde, aus dem trocknen Laub
Hebt sich ein schwerer, heißer Lebensodem
Und schwebt in Wolken aufwärts mit dem Staub.
Im halben Schlaf der wonnig müden Seele
Taucht mir in den entrückten Sinnen auf
Ein lichtes Schauen künftiger Gefilde,
Ein leiser Klang von andrer Welten Lauf.
Und mit der fernen, stillen Wolkenherde,
Mit jenem Strom, der hoch im Blauen geht,
Entsend’ ich in die rätselvolle Ferne
Ein selig Ahnen und ein fromm Gebet.
Nur fernher ruft, wie aus der Erde Tiefen,
In bangen Tönen noch das Erdenleid;
Doch bald verklingt’s -- und alles irdische Fühlen
Verschwebt zum Sonnentraum der Ewigkeit. --
Spätsommer.
„Eben noch so klar und glänzend
Leuchtete der Himmelsbogen,
Und im Nu von grauen Wolken
Ist er weithin überzogen!“
Mahnen will es uns, Geliebte:
„Trinkt den Duft der letzten Rosen!
Draußen über grüne Wipfel
Geht der Sturm mit wildem Tosen,
Geht der Sturm mit wildem Tosen,
Daß er jene Wolken jage
Und mit Dunkel bald bedecke
Alles Glück der Sonnentage.“
Auflösung.
In weiter Öde schreit ich längst allein.
Kein Ton, kein Hauch. Kein Fünkchen Sonnenschein.
Ein dünner, grauer Regen rieselt sacht;
Aus feuchtem Boden langt empor die Nacht.
Und in mir schwillt’s wie Riesenschatten auf;
Verloren hab ich Welt- und Stundenlauf.
Nur selbst ein Schatten noch, ein Nebelhauch,
Schweb’ ich vorbei an Sumpf und Heidestrauch.
Und endlich hebt es leise mich empor --
Tief unter mir zerfällt’s wie Spinnenflor --
Und droben schweb’ ich hin, wo ungesehn
Ins unbekannte Land die Winde gehn.
Die schlafenden Tage.
Kennst du die schlafenden Tage?
Da kommt die leuchtende Sonne nicht,
Verloren hat sie ihr Flammenlicht;
Ein träger Schimmer fließt herab;
Die Welt ist umschattet wie ein Grab.
Über der Dächer, der Türme Bau
Schleicht ein ewiges Wolkengrau.
Du bist allein -- und die Welt des Lichts
Ist versunken ins schweigende Nichts. --
Wohl kenn’ ich die schlafenden Tage!
Da ruht das Herz, und mit leisem Schlag
Folgt es dem still verrinnenden Tag;
Nur in den Adern rollt das Blut,
Verborgen rinnt die Lebensflut.
Die Stille, die das All durchfließt,
Allmächtig sich ins Herz ergießt --
Kein Glück, kein Schmerz durchglüht die Brust,
Vergessen ist alles: Leid und Lust --
Ich liebe die schlafenden Tage.
Die schlummeratmende Seele schafft
Für den kommenden Kampf die siegende Kraft,
Die Kraft, die das blühende Glück erträgt
Und die kein Unglück zu Boden schlägt.
Hoch von den ziehenden Wolken auch
Weht hernieder ein Geisterhauch:
„Not ist Freude, Freude Not,
Tod ist Leben und Leben ist Tod.“
Kennst du die schlafenden Tage?
Winternachmittag an der Elbe.
Durch den Schnee, der Schlucht und Gräben füllt,
Wandert meine Seele ruhumhüllt.
Ach, sie möchte sich Genüge tun,
Lebenswarm im weißen Totenlinnen ruhn!
Denn es wacht wie eine Flamme mein Gemüt
In der Stille dieser Schlummerzeit.
Wie ein einzig Licht in Waldesnächten glüht,
Brennt mein Herz in Wintereinsamkeit.
Horch, wer hat den toten Hain erschreckt?
Überlast des Schnees fiel von den Zweigen.
Einen Laut hat sich Natur erweckt,
Weil ihr graute vor dem eignen Schweigen.
Durch beschneite Zweige kann ich ferne sehn,
Wo die stillen Segel gehn.
Aus dem Reich der stummen Nebelhöhn gesandt,
Ziehn sie lautlos in des Traumes Land. --
Holder Tag, der unterm Eis verrinnt,
Ewig wirst du mir im Herzen sein!
Tief gebettet dort, wirst du noch einst ein Wein,
Der die alten Augen mir mit Licht umspinnt.
Wintermorgen.
O sterbensmüder Friede,
O düstres Morgengraun!
Wie ein Gefild des Todes
Ist diese Welt zu schau’n.
Die kahlen Bäume schwanken,
Vom Morgenwind umkreist,
Als irrte durch die Kronen
Ein wahnverstörter Geist.
Darüber drohen Wolken
In stummer, dunkler Wut
Gleich Wogen einer jählings
Im Sturm erstarrten Flut.
Am düstren Morgenhimmel
Hängt noch der fahle Mond,
Ein kalter, bleicher Herrscher,
Der über Schatten thront.
Das wird ein trübes Leuchten,
Das dieser Tag uns bringt,
Weil solchen Dust der Erde
Die Sonne nicht durchdringt!
Dort steigt sie auf am Himmel
In lichtdurchsprühtem Dampf;
Sie wird das All durchwandeln
In ruhelosem Kampf.
So will ich denn erharren
Aufgang und Untergang --
Auch mich umwogt das Dunkel;
Mein Kampf wird schwer und lang.
Und will von ihr es lernen,
Wie man im Kampf besteht
Und wie ein Held am Abend
Verblutend untergeht.
Winter.
Die Sonne schwimmt in Nebeln rot;
Es lockt kein Laut vom dunkeln Walde.
Verödet liegt im Schnee die Halde;
Die weite Welt ist still und tot.
O Friede wundersam und mild!
Ruht nicht das Herz vom hast’gen Schlage?
Ist nicht verstummt die laute Klage,
Die ehedem kein Trost gestillt?
Mein Auge sah am Frühlingstag
Den Tod aus bunten Blumen locken;
Am liebsten unter Blütenflocken
Er seinen Samen streuen mag.
Mein Auge sah durch Winternacht
Den Lichtglanz holder Freude glühen,
Auf bleichen Wangen Rosen blühen,
Vom Hauch der Liebe schnell erwacht.
Drum, stille Hoffnung, grüne auf!
Scheu nicht des Winters Hauch, den kühlen;
Das Herz in seinem tiefsten Fühlen
Hat seinen eignen Jahreslauf.
Entsagung.
Sonnenschein, du tief geheimes Glück,
Kommst du wieder mir zurück?
Schmerzestrunken
War ich in mein dunkles Selbst versunken,
Und in Nächten, nimmer zu erhellen,
Trank ich tief aus meines Kummers Quellen,
Sank in Schlaf und Todestraum. --
Letztes, leises Licht erlosch am Erdensaum. --
Über Stirn und Wange rann es leis und warm --
Und ich hob den Blick aus Nacht und Harm:
Sonnenschein, verschwiegener Erbarmer!
Großer Weltumarmer!
Du, ja du kamst mir zurück,
Sonnenschein, du letztes Menschenglück!
Spaziergang.
Der Sturmwind springt mit rasendem Schwung
Über leuchtende Wiesen.
Er packt die Eichen bei Wurzel und Ast,
Die knarrenden Riesen.
Mir zum Triumph bestreut er den Weg
Mit breiten Zweigen,
Und hoch in Lüften spielt er mir auf
Mit juchzenden Geigen.
Die Erde klingt meinem harten Tritt
Auf schweigenden Wegen --
Was ist mir noch an der lauen Welt,
An mir selber gelegen?
Was ich gewesen, was ich gelebt,
War Jammer und Schwäche.
Mir spannt sich die Faust, auf daß ich den Tand
Mit Fäusten zerbreche.
Ich wachse, ich steige, ich werde frei,
Sturm werde mein Wille! --
Mein Denken fliegt wie ein Jubelschrei
Durch die Winterstille.
III. Junge Liebe.
Gesicht.
(Das Mädchen spricht:)
Die Glut im Ofen
Zerfällt mit Knistern --
Ich bin bei den Eltern,
Unter Geschwistern;
An jedem Abend
In engem Zimmer
Sind wir versammelt
Beim Lampenschimmer.
Sie alle grollend
Und finster schweigend --
Ich in Gedanken
Zu dir mich neigend.
Du bist geächtet
In diesen Räumen --
Du steter Gast mir
In stummen Träumen.
Ich bin gefangen
In dumpfer Klause;
Ich bin verlassen
Im Elternhause!
Und oft doch will mir’s
Die Brust zersprengen,
Ans Herz der Eltern
Mich hinzudrängen --
Ich bin verlassen
Unter den Meinen;
Ich bin gefangen
Und darf nicht weinen.
Da -- welch ein Klingen
Durchflog den Raum?
Es fiel wie Amen
In meinen Traum!
Ein helles Jauchzen
Und leises Klagen,
Ein wehmutbanges
Und süßes Fragen!
Von ferne hört ich’s
Herüberwehen,
Wo durch das Dunkel
Die Winde gehen.
Kaum, daß ich vernommen
Den Hauch der Töne --
Da standst du vor mir
In aller Schöne,
Mit hellen Augen,
Mit blühenden Wangen,
Als könnt’ ich mit Armen
Dich liebend umfangen ...
Du wolltest mich grüßen
Aus dunkler Weite
Und gabst dem Verlangen
Ein Lied zum Geleite.
Es hat mich gefunden,
Da ich getrauert,
Es hat mir selig
Das Herz durchschauert!
Du hast mich wieder
Mit Licht umgeben;
In meinem Kerker
Blüht neues Leben!
Tödlicher Traum.
Heut nacht im Traum kam Liebe mir vom Himmel:
Ja Lieb’ von mehr als irdischer Gewalt!
Still wuchs empor aus dunklem Traumgewimmel
Ein lichtes Weib von seliger Gestalt.
Wie groß ihr Auge unter langen Brauen!
Wie fest und ruhig schlug ihr heilig Herz!
Aus Menschenniedrigkeit sie anzuschauen,
Erdrückte mich wie der Verbannung Schmerz.
Sie aber -- sie -- aufs Knie sinkt sie zur Erde
Und küßt mit Lippen, feucht und rosenweich,
Den Fuß mir -- mit verwirrender Geberde --
Erbarmung war’s und süße Glut zugleich.
Und uns umfloß verschwiegenes Genügen,
Und meine Brust war erdenfrei und rein,
Und nur noch Liebe ging in gleichen Zügen
Durch meine offnen Lippen aus und ein. -- --
Nun, harter Tag, erbarmungsloser Scherge
Der Wirklichkeit, treibst du mit Grinsen ein,
Was wir, von deiner Last erdrückte Zwerge,
Im Traum geborgt von einem süßern Sein.
Mit hämisch gleichem, hartem Schritt der Stunden
Entrückst du mir das zartgewobne Bild.
Jetzt nur ein Schleier noch -- und jetzt entschwunden!
Und Sehnsucht irrt im nebelnden Gefild. --
Aus Traumbereichen kommt uns keine Kunde.
Nur hier im Herzen blieb ein feiner Stich.
Ein leiser Strom aus tiefversteckter Wunde --
Verblutet die Erinn’rung -- oder ich?
Erwartung.
Ob noch kein Strahl der neuen Sonne
Ins Herz der bangen Erde traf?
Wie lange hältst du schon umfangen
Die öde Welt, o tiefer Schlaf!
Doch stellt mit jedem düstern Tage
Sich glühender das Hoffen ein:
Wie herrlich wird nach allem Harren
Der erste Tag der Wonne sein!
Wann wirst du dich zum Ende neigen,
Du meiner Seele grauer Tag?
Fern liegt mein Glück; doch ihm entgegen
Drängt sich mein Herz mit jedem Schlag.
Nur noch in +einem+ Lichtgedanken
Ertrag ich dieser Jahre Pein:
Wie herrlich wird nach solchem Harren
Der erste Tag der Wonne sein!
Walpurgisnacht.