»Archimedes grüsst den Dositheos. Früher habe ich dir brieflich das
damals mehrfach behandelte Theorem, dass jedes Parabelsegment 4/3 des
Dreiecks ist, das mit ihm gleiche Grundlinie und Höhe hat, mit den
Beweisen zugesandt. Danach bin ich auf einige noch nicht bewiesene
Sätze gestossen und habe die Beweise ausgearbeitet. Es sind folgende:
Erstens, dass die Oberfläche der Kugel das Vierfache ihres grössten
Kreises ist, sodann, dass der Fläche jedes Kugelsegments ein Kreis
gleichkommt, dessen Radius[1] gleich der Verbindungslinie des Scheitels
mit einen Punkt des Grundkreises ist; dazu kommt der Satz, dass jeder
Cylinder der den grössten Kreis zur Basis und den Kugeldurchmesser zur
Höhe hat, das anderthalbfache der Kugel ist, wie seine Oberfläche von
der der Kugel«.
[1] Der Radius heisst ἡ ἐκ τοῦ κέντρου; zu ergänzen ist γραμμή die
Linie aus dem Zentrum, das Wort Radius ακτις kommt, vergl. ¨Simon¨
Euklid 1901, p. 80 Anmerk. 1 zuerst bei Cicero. Timaeus cap. VI vor.
Es folgt dann die schon bei Eudoxos erwähnte Stelle über die Sätze mit
denen dieser die Demokritische Formel über die Volumina der Pyramiden
und Kegel bewiesen hatte. Wichtig sind die Annahmen, die sich an die 6
Axiome der Einleitung anschliessen.
1) Von den Linien, welche dieselben Endpunkte haben, ist am kürzesten
die Gerade.
¨Archimedes hat auch nicht im mindesten die Absicht mit dieser
Forderung eine Definition der Geraden zu geben.¨
2) Von zwei nach denselben Seiten hohlen (gekrümmten) Verbindungslinien
zweier Punkte ist die umschlossene die kleinere.
3) Ebenso ist von den Flächen, welche dieselben Grenzen haben, falls
diese Grenzen in einer Ebene liegen, die Ebene die kleinste.
4) Von zwei solchen Flächen, welche nach derselben Seite hohl sind, ist
die umschlossene die kleinere.
5) Auch ist bei ungleichen Linien, Flächen oder Körpern der Unterschied
so beschaffen, dass es durch Vervielfältigung desselben möglich ist
jede Grösse derselben Art zu übertreffen.
¨No. 5 ist das Archimedische Prinzip in allgemeinster Fassung.¨
Es folgt dann die Integration oder Quadratur der Kugelfläche in der
auch in unsern Elementarbüchern leider noch oft gegebenen Weise als
Grenze einer Summe von Kegelmänteln und die des Kugelvolumens durch
den Satz eine von Kegelflächen begrenzte Figur die in eine Kugel
eingeschrieben ist, ist gleich einem Kegel, dessen Grundfläche die
Fläche der eingeschriebenen Figur ist, und dessen Höhe gleich dem Lot
vom Zentrum auf die Kante eines der Kegel ist; also als Grenzfall:
Kugel = Kegel dessen Grundfläche die Kugel, dessen Höhe der Radius ist.
[Sidenote: Archimedes' Kreismessung.]
Im Ephodion II hat Archimedes dann uns verraten, dass er erst das
Kugelvolumen mittelst Integration (durch geschickte Benutzung des
Hebelsatzes, die heute überflüssig ist) gefunden hat und dann die
Kugelfläche wie wir, durch den Satz, dass die Kugel eine Pyramide ist,
welche die Fläche zur Grundfläche und den Radius zur Höhe hat, der
heute jedem mit Grenzbetrachtung vertrauten Primaner einleuchtet.
Zugleich berichtet er uns in der Anmerkung, dass die ¨Kreisberechnung¨
ihn auf diesen Gang geführt und man sieht, dass die Kreisberechnung
faktisch der Kugelberechnung voranging, was ich schon in der Vorlesung
von 1903 gesagt hatte.
Archimedes hat wohl mit Fug und Recht das Buch I der Sphaira als
seine bedeutendste Leistung angesehen, obwohl er u. a. im zweiten
Teil unter No. 5 die Aufgabe löste von einer Kugel durch einen ebenen
Schnitt einen gegebenen Bruchteil abzuschneiden, die auf eine Gleichung
dritten Grades und zwar auf den casus irreducibilis führt und in enger
Beziehung zur Winkelteilung steht.
Das Eindringen in die Prinzipien der Integralrechnung und seine
Kenntnis der Integrale rationaler Integranden tritt am deutlichsten
in der Abhandlung No. 4 über Konoide und Sphäroide hervor, d. h.
über Rotations-Paraboloide und -Hyperboloide (Konoide) und
Rotations-Ellipsoide (Sphäroide). Hier quadriert er auch die Ellipse,
den Schnitt des spitzwinkligen Kegels, und zeigt, dass er die Gleichung
der auf ihre konjugierten Axen bezogenen Ellipse und Hyperbel kennt.
Ich komme zur κυκλου μετρησις, sie ist dem Wesen nach schon vor der
sphaera entstanden, aber später redigiert. (Vorlesung 1903.) Sie
beginnt mit dem wieder auf das Prinzip gestützten Nachweis, dass der
Kreis gleich einem Dreieck, dessen Grundlinie die Peripherie und dessen
Höhe der Radius ist. Es wird wohl niemand mehr bezweifeln, dass er das
gleichschenklige Dreieck, dessen Grundlinie das Bogenelement ist, als
Differential und die Kreisfläche selbst als Integral ansah, wodurch
es sich auch erklärt, dass er die Existenz eines solchen Dreiecks bei
seiner Verkleidung der Infinitesimalrechnung stillschweigend annahm.
Durch diesen Satz I hat Archimedes die Probleme der Quadratur und
Rektifikation des Kreises vereinigt. Die beiden Sätze, welche gestatten
die Kette der ein- und umgeschriebenen regulären 2^k n Ecke beliebig
weit fortzusetzen, sind heute Inventar unserer Schulgeometrie. Die
Arbeit gipfelt in dem berühmten Satz III, den ¨Ulrich v. Wilamowitz¨ in
sein Übungsbuch aufgenommen hat:
Παντος κικλου ἡ περιμετρος της διαμετρου τριπλασιων εστι, και ετι
ὑπερεχει ελασσονι μεν η ἑβδομω μερει της διαμετρου, μειζονι δε η δεκα
ἑβδομηκοστομονοις., wo dann in den griechischen Zahlwörtern und den
Dativen ελασσονι etc. jedes Philologenherz schwelgen kann. »Jedes
Kreises Umfang ist des Durchmessers Dreifaches und geht darüber hinaus
durch einen Teil des Durchmessers der geringer ist als ein Siebentel
und grosser als 10 Einundsiebzigstel.« Ausgegangen wird vom 6 Eck,
als Grenze dient das ein- und umgeschriebene 96 Eck. Wie er die
Quadratwurzeln mit solcher Genauigkeit gezogen, steht noch nicht fest,
doch hat er sich vermutlich eines Kettenbruch ähnlichen Algorithmus
bedient und vermutlich auch die Formel gekannt
a ± b/(2a) > √(a^2 ± b) > a + b/(2a ± 1)
[Sidenote: Spirale.]
Für Kreismessung und Kugel-Cylinder sind die Handschriften am
verdorbensten. Eng an die Kreismessung schliesst sich die Schrift περι
ἡλικων, ¨über die Archimedische Spirale¨, erzeugt durch einen Punkt
Μ, der sich gleichförmig auf einem sich gleichförmig drehenden Radius
bewegt. Da die Gleichung der Kurve in Polarkoordinaten r = a . Θ, wo
a2π gleich der Strecke ΑΘ ist, welche Μ auf dem Radius während eines
vollen Umlaufs zurücklegt, so gibt die Kurve sowohl den Kreisumfang als
auch jede beliebige Bogen- oder Winkelteilung. Sie wird mit den denkbar
einfachsten geometrischen Mitteln behandelt, noch elementarer als in
der kleinen analytischen Geometrie, Sammlung ¨Göschen¨ No. 65, auch der
Flächeninhalt durch Integration des Polarflächenelements 1/2 r^2 dΘ
ermittelt. Die Einleitung ist für die Datierung der Werke wichtig, sie
wiederholt die vor langen Jahren an Konon gesandten Sätze, darunter
zwei Vexiersätze, es heisst: Es trifft sich, dass darunter zwei Platz
gefunden haben, welche eine Erfüllung (nämlich der Forderung sie zu
beweisen) vermissen lassen, damit die Leute, welche behaupten, sie
könnten alles finden, während sie doch keinen Beweis herausbringen,
überführt werden, dass sie hier mal eingestanden haben, das Unmögliche
zu finden.
[Sidenote: Archimedes: Ephodion.]
Über das ἐφόδιον habe ich schon Einiges gesagt. Es führt im Palimpsest
¨Heiberg¨, Hermes 42 p 243 den Titel Archimedous peri tōn mechanikōn
Theōrematōn pros Eratosthenen ephodos; seine Existenz war bis 1903 nur
durch eine Stelle des Lexikographen ¨Suidas¨ bekannt, und 1903 durch
ein Zitat in dem von Schoene herausgegebenen Codex Constantinopolitanus
der Metrika des Heron von Alexandria. Die beiden von Heron angeführten
Sätze über die kubierbaren Körper, den Cylinderhuf und den Schnitt
zweier im selben Würfel eingeschriebener Cylinder mit aufeinander
senkrechten Achsen werden gleich in der Einleitung als Hauptleistungen
des έφοδος, der Methode, angeführt. Den ersten Satz habe ich als
Primaner unter ¨Bertram¨, der ihn wohl durch ¨Schellbach¨ kannte,
selbst bewiesen, und seit 1873 meinen Primanern fast regelmässig
vorgesetzt. Wer ihn wieder aufgefunden weiss ich nicht, vielleicht
¨Luca Valerio¨ »der zweite Archimedes«. Als Beispiel der Methode gebe
ich die Kugelberechnung, aus der sowohl die Kunst des Archimedes als
auch die eigenartige Verquickung von Statik und Differentialrechnung in
der Methode auf das deutlichste hervorgeht.
[Sidenote: Archimedes: Ephodion, daraus Kugelberechnung.]
[Illustration]
II. Dies (die Parabelquadratur) ist zwar durch das jetzt Gesagte nicht
voll bewiesen, aber es gibt doch gewissermassen den Nachweis, dass die
Schlussfolge richtig sei etc. Dass aber jede Kugel das vierfache (im
Text fehlt der Doppellängsstrich über das δ von διπλασια) des Kegels
ist, der zur Basis den grössten Kugelkreis und zur Höhe den Kugelradius
hat und von dem Cylinder, der den grössten Kugelkreis zur Basis und
eine Höhe gleich dem Kugeldurchmesser hat, das anderthalbfache ist,
wird folgendermassen nach dieser Methode erschaut. Gegeben eine
Kugel, in welcher ein grösster Kreis αβγδ (s. Fig.) αγ u. βδ seine
zwei aufeinander senkrechte Durchmesser, und um den Durchmesser βδ
sei der auf den Kreis αβγδ senkrechte Kreis gezogen und von diesem
senkrechten (Kreis) aus, sei ein Kegel beschrieben der seinen Scheitel
im Punkte α habe und nachdem seien Oberfläche ausgezogen soll der
Kegel geschnitten worden sein von einer Ebene durch γ parallel zur
Basis. [Sie wird aber einen Kreis schaffen senkrecht auf] αγ, und
sein Durchmesser [ist ζε]. Und von diesem Kreis aus soll ein Cylinder
angeschrieben worden sein, der eine Achse hat (άξονα) welche αγ
gleich ist, und Kanten des Cylinders solle ελ und ζη sei. Und γα ist
verlängert worden (eig. weiter geworfen, vom Seil mit dem die Gerade
ursprünglich konstruiert wurde) und es wurde ihr gleich gesetzt αθ
(κειμαι ist hier nicht liegen, sondern wie häufig Passiv von τιθημι
setzen), und es werde γθ als Wagebalken gedacht dessen Mitte Punkt α,
und es sollte irgend eine Parallele gezogen werden zu βδ, die Linie μν
(wörtlich die für βδ vorhanden seiende), und sie soll den Kreis αβγδ
schneiden in den Punkten ξ und ο [Punkt wird durch den Strich über ξ
und ο angedeutet] und den Durchmesser αγ in σ und die Gerade αε in π,
und αρ in ρ und von der Geraden μν aus soll eine Ebene senkrecht zu
αγ gestellt worden sein. Diese wird nun in dem Cylinder als Schnitt
bewirken [den Kreis dessen Durchmesser μν sein wird und in der Kugel
αβγδ] den Kreis dessen Durchmesser ξο sein wird und in dem Kegel αερ
den Kreis dessen Durchmesser πρ sein wird. Weil nun das Rechteck aus μσ
und σπ -- denn αγ ist gleich σμ und ασ gleich πσ -- und das Rechteck
aus γα und ασ gleich ist den Quadrat über αξ, das heisst ξσ^2 plus
σπ^2, so ist folglich das Rechteck aus μσ und σπ gleich ξσ^2 + σπ^2.
[Ich bemerke dass Zeile 22 am Schluss statt α gelesen werden muss
ὑ.] Und weil γα : ασ wie μσ : σπ und γα gleich αθ, folglich θα : ασ =
μσ : σπ, d. h. gleich μσ^2 : μσ . σπ. Das Rechteck aus μσ und σπ wurde
gleich erwiesen ξσ^2 + σπ^2; also αθ : ασ wie μσ^2 : (ξσ^2 + σπ^2)
wie μν^2 : ξο^2 + πρ^2. Sowie μν^2 : ξο^2 + πρ^2 so verhält sich der
Kreis im Cylinder mit dem Durchmesser μν zu der Summe der Kreise, des
im Kegel mit Durchmesser πρ und des in der Kugel dessen Durchmesser
ξο. Also θα : ασ so wie der Kreis im Cylinder zu den (beiden) Kreisen
(zusammen) dem in der Kugel und dem im Kegel. ¨Wegen dieses Verhältnis
von θα : ασ wird der Cylinderkreis in bezug auf Punkt α den beiden
Kreisen zusammen mit den Durchmessern ξο und πρ, fortgetragen und so
zu θ gesetzt, dass θ der Schwerpunkt jedes der beiden Kreise ist,
das Gleichgewicht halten¨ etc. ... »Nachdem nun der Cylinder von dem
angenommenen Kreise ¨ausgefüllt¨ ist«. Wegen dieser selbstverständigen
Abkürzung, die auch heute noch wohl jeder, der den Satz und Beweis in
der Prima vorträgt, gebrauchen wird, ist ¨ein Archimedes beschuldigt¨
worden, den Körper gleich der Summe von Flächen, wie aus gleichem
Grunde bei Satz I, der Parabelquadrierung, die Fläche als Summe von
Linien angesehen zu haben, hundert Jahre nach Aristoteles und noch dazu
wohl kurz nach seinem Weggang aus Alexandrien, wo doch wahrlich ein
strenger Dogmatismus herrschte! Heranzuziehen ist aus der Einleitung
des Arenarius die Stelle 63. 2, επει γάρ το τάς σφαιρας κέντρον
ουδέν έχει μέγεθος etc.) wird der Cylinder im Punkte α der Kugel und
dem Kegel zusammen das Gleichgewicht halten. Da der Schwerpunkt des
Cylinders im Punkte κ liegt und der der beiden andern Körper in θ,
so wird nach dem Hebelgesetz, das in ἑπιπεδων ἱσορροπιων I bewiesen
ist, der Cylinder doppelt so gross sein, als die beiden andern Körper
zusammen. Mit diesem Nachweis ist das Theorem, da der Kegel nach
¨Demokrit¨ und ¨Eudoxos¨ 1/3 des Cylinders ist, der mit ihm gleiche
Grundlinie und Höhe hat, im wesentlichen bewiesen. Man sieht auch,
dass das Buch I vom Schwerpunkt ebener Flächen der Ausgangspunkt für
Archimedes gewesen und dass er um Buch II schreiben zu können seine
Differentialrechnung ausbilden musste, ich setze daher das Ephodion
gleich hinter Buch I der Konzeption nach. --
[Sidenote: Archimedes: Die zwei Bücher vom Schwerpunkt.]
¨Buch I der Schrift über den Schwerpunkt¨ ist die erste von Archimedes
veröffentlichte Schrift, ¨Nizze¨ vermutet wohl richtig, dass sie dem
¨Konon¨ gewidmet gewesen, sie ist auch inhaltlich wohl die erste
gewesen. Sie ist vermutlich kurz nach des Archimedes Rückkehr in die
Heimat verfasst worden, denn er war unter dem Einfluss der stark auf
angewandte Mathematik gerichteten Alexandrinischen Schule, wie auch aus
der Erfindung der κοχλιας hervorgeht, viel mit Mechanik beschäftigt.
Es ist vom Standpunkt der reinen Mathematik zu bedauern, dass er seine
Differentialrechnung von vornherein mit statischen Ideen belastet hat.
Der Inhalt dieses ersten Buches fehlt in keinem elementaren Schulbuch
der Physik, das Hebelgesetz selbst ist in Satz 6 und 7 auseinander
gezogen, da es für kommensurable und inkommensurable Massen gesondert
bewiesen wird, es wird Buch II, 1 noch einmal bewiesen, mit Hilfe der
einfachsten Sätze über den Schwerpunkt des Parallelogramms I, 9 und 10.
Den Begriff Schwerpunkt definiert er nicht, da er ihn als dem Konon
bekannt voraussetzt.
[Sidenote: Schwerpunkt II.]
Buch II beschäftigt sich im wesentlichen mit parabolischen Flächen,
es zeigt vor allem eine ausserordentliche Vertrautheit mit dem
Proportionenkalkül, sicher ein Rüstzeug aus der Alexandrinischen
Schule, doch ist es von geringerer Wichtigkeit wie Buch I. Die beiden
Bücher über ¨schwimmende Körper¨ gehören zu seinen grössten Leistungen,
sie enthalten die unverrückbare Grundlage der Hydrodynamik, auch ¨ihr¨
Inhalt ist uns in succum et sanguinem übergegangen. Annahme I, Satz
6 und 7 enthalten die eigentlichen Prinzipien und werden heute als
¨Archimedisches¨ Prinzip bezeichnet. Unter Gewicht ist, wie Nizze
bemerkt, immer das spezifische Gewicht zu verstehen. Buch II wiederholt
das Prinzip und geht dann auf die speziellen Fälle in Flüssigkeiten
eingetauchter Umdrehungsparaboloide ein. Die Annahme 11 von Buch I
ist keine genügend klare Fassung des Prinzips von der gleichmässigen
Fortpflanzung des Druckes in Flüssigkeiten. Buch II ist für die
Beurteilung der vis mathematica des Archimedes von hohem Wert und seine
Theorie der Hydrostatik ist auch für beliebige Körper anwendbar.
Das Werk hat ein eigentümliches Schicksal gehabt. Der Dominikanermönch
Wilhelmus de Morbeca hat es um die Mitte des 13. Jahrh. aus
griechischem Text lateinisch übersetzt; ob dem Verfasser des general
trattato, Nik. Tartaglia, ein griechischer Codex vorgelegen, ist
nicht sicher, er gab Buch I lat. 1543 (Venedig) heraus und aus seinem
Nachlass veröffentlichte Trojanus Curtius 1565 das zweite Buch. Jetzt
berichtet ¨Heiberg¨ dass der Palimpsest den Text von περι οχουμενων
fast vollständig enthält und konnte daraufhin schon die Unechtheit des
von ¨A. Mai¨ aus Vatikanischen Codices edierten Fragments, Forderung 1
und die 8 ersten Sätze, feststellen.
[Sidenote: Wahlsätze.]
Von den ¨Wahlsätzen¨, dem liber assumptorum sind als echt erwiesen
die Sätze über den Arbēlos, das Schustermesser und über die
fälschlich Wogenfläche, richtiger Eppigblatt genannte Fläche σέλινον.
Meine Didaktik und Methodik weist die Lehrer auf diese bei der
Kreisberechnung in Secunda so erwünschten Aufgaben hin. Für den Arbēlos
verweise ich auf meine Entwicklung der Elementar-Geometrie (1906) No.
9 p. 87 f. Die 15 Sätze sind aber alle miteinander für den Unterricht
sehr verwendbar, sie machen übrigens durchaus nicht den Eindruck, als
ob sie von verschiedenen Autoren herrühren und können ganz wohl aus
einem Buch des Archimedes über Kreisberührungen stammen.
[Sidenote: Archimedes: Arenarius (Sandzähler).]
Von arithmetischen Werken ist unzweifelhaft in der Fassung des
Archimedes nur ein einziges erhalten, der ψαμμίτης, ¨arenarius, der
Sandzähler¨. Die Einleitung der an den König Gēlon, den Sohn des Hiero
gerichteten Schrift lautet:
»Es glauben manche, König Gēlon, des Sandes Zahl sei unendlich der
Menge nach, ich spreche aber nicht nur von dem um Syrakus und das
übrige Sizilien, sondern auch von dem auf jedem Raum, bewohnten wie
unbewohnten.
Es gibt aber auch Leute, welche zwar nicht annehmen, dass derselbe
unendlich sei, aber doch, dass keine aussprechbare Zahl existiere,
welche die Menge des Sandes überträfe. Wenn diejenigen, welche solche
Ansicht haben eine aus Sand zusammengesetzte Kugel sich denken würden,
so gross im übrigen wie die Erdkugel, aber so, dass auf dieser alle
Meere und Höhlungen bis zur Höhe der höchsten Berge ausgefüllt würden,
so würden sie noch viel mehr der Meinung sein, dass keine Zahl genannt
werden könne, welche die Menge des Sandes ihrer Kugel überträfe.
Ich aber will versuchen dir durch mathematische Beweise, welchen du
beipflichten wirst, zu zeigen, dass unter den von mir benannten Zahlen,
welche sich in meiner Schrift an den Zeúxippos finden, einige nicht
nur die Zahl des Sandes übertreffen, der die Grösse der Erde hat,
ausgefüllt so wie wir gesagt haben, sondern auch dessen, der die Grösse
des Weltalls hat.
Du weisst ja, dass die meisten Astronomen unter Kosmos eine Kugel
verstehen, deren Zentrum das Zentrum der Erde ist und deren Radius
vom Zentrum der Erde bis zum Zentrum der Sonne reicht. Denn dies wird
gewöhnlich geschrieben, wie du von den Astronomen erfahren hast.
¨Aristarch von Samos¨ dagegen gab schriftlich einige Hypothesen
heraus, aus denen, nach dem Vorliegenden hervorgeht, dass die Welt
vielmal grösser sei als die eben genannte. Er nimmt nämlich an, dass
die Fixsterne und die Sonne unbeweglich seien, die Erde aber sich
in einer Kreislinie um die Sonne, welche mitten in der Bahn steht,
herumbewege. Die Kugel der Fixsterne nun, mit der Sonne um dasselbe
Zentrum liegend, habe eine solche Grösse, dass der Kreis, in welchem
nach seiner Annahme die Erde sich bewegt, zur Entfernung der Fixsterne
ein solches Verhältnis hat wie das Zentrum der Kugel zur Oberfläche.
Dies ist nun in seiner Unmöglichkeit ganz offenkundig [Archimedes setzt
nun auseinander, dass Aristarchos das Verhältnis der Erde zur Welt
dem der Kuben der Radien des Erd- und Fixsternkreises gleich erachte,
ein wie Nizze mit Recht hervorhebt absichtliches Missverstehen der
eigentlichen Meinung, dass die Erde gegen die Welt als verschwindend zu
betrachten sei]. Der Schluss lautet: Ich behaupte nun, dass wenn auch
eine Kugel aus Sandkörnern existieren sollte von der Grösse welche nach
der Annahme des Aristarch die Fixsternsphäre hat, auch dennoch von den
in den »Anfangsgründen« (Αρχαι) benannten Zahlen sich einige aufweisen
lassen würden, welche an Fülle die Zahl des Sandes überträfen, der
eine Grösse hat gleich der besagten Kugel, und zwar auf folgenden
Grundlagen.«
Kulturhistorisch wichtig ist besonders Paragraph 3 und 4, sie zeigen,
wie grundlos das Vorurteil ist, dass die Alten nicht experimentiert
hätten, was z. B. noch ¨Ch. Thurot¨ in den Recherches hist. sur le
princ. d'Arch., Rev. d'Archéol. 1868 B. 18 etc. ausspricht; es ist
dies Vorurteil ebenso unausrottbar wie die Anschauung, dass sie die
Brüche etc. nicht als Zahlen angesehen, oder die Bewegung nicht als
Hilfsmittel für die Konstruktion zugelassen.
Die »Archai« sind eine verlorene Schrift an den Ζεύξιππος, der wohl zum
Freundeskreis aus der Studierzeit gehörte, sie handelte vermutlich von
der Zahl und dem Zählen.
Exkurs über das elementare Rechnen der Griechen.
[Sidenote: Exkurs über das elementare Rechnen der Griechen (Logistik).]
Hier ist nun die Stelle, wo ich gezwungen werde auf die griechischen
Zahlzeichen und die praktische Rechenkunst, die Logistik, einzugehen.
Als Quellen führe ich Ihnen an: ¨J. B. J. Delambre¨, Arithm. d. Grecs,
Anhang zu Peyrards Übersetzung des Archimedes von 1807 und noch in
Hist. de l'astron. anc. Par. 1817, ¨Nesselmanns¨ treffliche Algebra der
Griechen nach den Quellen bearbeitet Berl. 1842, leider nur ein Band,
¨G. Friedlein¨ die Zahlzeichen und das elementare Rechnen der Griechen
und Römer, Erl. 1869; ¨F. Hultsch¨ script. Graec. metrol. 1864,
¨S. Günther¨ Gesch. der Math. und Naturw. im Iwan Müller, und dann die
Geschichtswerke.
Anfänglich sind wie überall Striche die Zahlzeichen, dann zur Zeit
des ¨Solon¨ etwa, bezeichnete man die Zahl mit den Anfangsbuchstaben
des Zahlworts: Π war πεντε (τα) fünf, Δ war δεκα zehn, Η war 100, sie
heissen Herodianisch nach einem späteren Alexandrinischen Grammatiker,
so findet sich z. B. auf der Tafel von Salamis ΗΗΗΔΔΔΔΠΙΙΙΙ = 349. Von
hier aus war zur Annahme des Semitischen Gedankens die Zahlen mit den
Buchstaben des Alphabets zu bezeichnen, nur ein kleiner Schritt, und
diese Methode verbreitet sich von 500 ab. Dabei nahmen sie 3 Buchstaben
des phönicischen Alphabets die Lautabstufung bezeichneten, die
Hellenischer Zunge oder Kehle unaussprechbar waren als sogen. επισημα
(Zusatzzeichen) auf; es sind das ϛ Bau oder Wau für 6, ϙ Koppa für 90
und sampi ein liegendes ϡ für 900. Sie schreiben also:
1 2 3 4 5 6 7 8 9
α β γ δ ε ϛ ζ η Θ
ι κ λ μ ν ξ ο π ϟ
ρ σ τ υ φ χ ψ ω ϡ
Die untereinander stehenden Zahlen unterscheiden sich durch den Faktor
10 also 349 gleich τμΘ.
Sollten die Buchstaben Zahlen bedeuten, so bekamen sie meistens einen
wagerechten Strich oberhalb z, B. ᾱ (die jetzigen Grammatiken ἁ). Die
9 Tausender werden durch die betreffenden Einer mit einem kleinen
Strich darunter dargestellt, also ᾳ...Θι. Das Zeichen für 10000 war M
oder Μυ von Μυριοι Myrioi) 10000 z. B. ϛ/M für 60000. Häufig wird nur
ein Punkt gesetzt z. B. δ.γιυνη ¨gleich¨ 43458. So konnte man bis 9999
Μυ + 9999 also 10^8 - 1 kommen, griech. ΘιϡϟΘ.ΘιϡϟΘ. Die Brüche wurden
meist nach ägyptischem Vorbild in Stammbrüche zerlegt und dann nur der
Nenner mit einem Akzent geschrieben, also ἡ = 1/8, besondere Zeichen
gab es (Ägypten) für 1/2: ϙ und 2/3: Κ. Wurde der Bruch unzerlegt
hingeschrieben, so deutete man den Zähler durch einen Akzent an und
schrieb den Nenner doppelt mit 2 Akzenten also λδ′ ωπη″ ωπη″ = 34/888.
¨Addition¨ und ¨Subtraktion¨ waren von der unsrigen nicht verschieden,
man schrieb die gleich benannten Zahlen unter einander, addierte sie
und behielt die überschiessenden Einheiten im Kopf, und entsprechend
verfuhr man bei der Subtraktion, wofür das Beispiel aus Eutokios
Kommentar zur κυκλου μετρησις entnommen ist.
Θ.γιχλϛ 93636
β.γιυ Θ 23409
------- -----
ζ. σκζ 70227
Auch die Multiplikation vollzog sich unschwer, nach dem Schema des
Eutokischen Beispiels.
φοα 571
φοα 571
--------- -------
κεγ.εφ 25....
ΜΜ ' 35...
5..
γεδϡο 35...
Μ'' 49..
7.
φοα 571
--------- -------
λβ.ϛμα 32^m6041
Μ '
αθϛ' 1009-1/6
'
αθϛ' 1009-1/6
'
ρθρξϛϙϛ' 1009166½ + 1/6
Μ'
θπααϙ 9081
' 1½
ρξϛϙϛ'ακλϛ' 166½ + 1/6
1½ + 1/36
--------------- --------------------
ραηυιζγλϛ' 1018417-1/3 + 1/36
Μ'
¨Delambre¨ sagt mit Recht sie ist leichter als unsere, weniger Fehlern
ausgesetzt, nur etwas länger. Für die Division haben wir bei Eutokios
kein ausgeführtes Beispiel, aber in ¨Theon¨ des Alexandriners Kommentar
zum Almagest findet sich eine Anleitung zum Rechnen mit Astronomischen
Brüchen d. h. mit Sexagesimalzahlen (s. Babylon) welche genau unsern
Dezimalbrüchen entsprechen, der Algorithmus der Division bei Theon
ist nur etwas zeitraubender, während das Quadratwurzelausziehen vom
unsrigen nicht verschieden ist.
[Sidenote: Archimedes, Arenarius.]
Im ¨Sandzähler¨ nimmt ¨Archimedes¨ das einzelne Sandkorn so klein an,
dass 10^4 auf ein Mohnkorn gehen.
Dann weist er nach, dass 64000 Mohnkörner ein Volumen liefern, grösser
als eine Kugel von 1 Zoll (Finger) Durchmesser, also ist die Zahl der
Sandkörner, welche diese Kugel fassen kann < 64 . 10^7 also < 10^9,
also die Sandzahl der Kugel von 100 Zoll kleiner als 10^6 . 10^9 oder
10^{15} und die der Kugel von 10^4 Zoll Durchmesser < 10^{21}. Aber
ein ¨Stadion¨ zu 600 Fuss hat nur 9600 Zoll, also ist die Sandzahl
der Kugel vom Durchmesser eines Stadion kleiner als die Zahl 10^{21},
und die von 100 Stadien kleiner als 10^{27} und die von 10000 Stadien
kleiner als 10^{33} und die Sandzahl der Kugel vom Durchmesser 10000
Millionen Stadien kleiner als 10^{51}.
Nun hat auf Grund der experimentellen Untersuchung des Gesichtswinkels,
in § 3 und § 4 erzählt, Archimedes festgestellt, dass der
Sonnendurchmesser grösser sei als die Seite eines reg. Tausendecks, das
in einen grössten Kreis der Weltkugel eingeschrieben ist, also ist der
Umfang dieses Tausendecks kleiner als 1000 Sonnendurchmesser. Setzt
man nun den Sonnendurchmesser nicht grösser als 30 Monddurchmesser
und den Monddurchmesser kleiner als den des Erddurchmessers, so ist
der Umfang des Tausendecks kleiner als 30000 Erddurchmesser, also der
Durchmesser des Welthauptkreis kleiner als 10000 dieser. Archimedes
setzt nun, was für seinen Zweck möglichst hohe Zahlen abzählbar
zu machen, ein Vorteil, den Erdumfang auf weniger als 3 Millionen
Stadien, (eine gegen die fast gleichzeitige Eratosthenessche Messung
auffallende Überschätzung) und kommt so für den Weltdurchmesser zu der
oberen Grenze von 10000 Millionen Stadien, deren Sandzahl kleiner als
10^{51} war. -- ¨Archimedes¨ zählt nun zunächst in gewöhnlicher Weise
bis zur oberen Grenze, d. h. also Myrio Myriaden -- 1. ΘιϡϟΘ.ΘιϡϟΘ =
99,999,999. Diese Zahlen nennt er ¨erste¨, d. h. ¨erster Ordnung¨,
und macht nun 10^8 zu einer neuen Einheit, die er ¨zweite¨ nennt, und
kann nun bis Myrio Myrioi Myriaden d. h. 10^{16} - 1 zählen, dann
kommen die Zahlen dritter Ordnung von 10^16 bis 10^24 - 1, und so
fort, d. h. also er teilt die Zahlen ab nach ¨Oktaden¨. Aber auch
die Ordinalzahlen, die er zur Abzählung der Oktaden braucht, werden
mit der 100 Millionsten weniger Eins erschöpft, er fasst also die
bisher benannten Zahlen zusammen als Zahlen der ¨ersten Periode¨, er
gelangt so zu einer Zahl welche wir mit 799,999,999 Neunen schreiben
würden, die Zahl 99,999,999 der 99,999,999sten Ordnung, er macht nun
(10^8)^{(10^8-1)} oder (10000^2)^{(10000^2-1)} zu einer neuen Einheit
und zur zweiten Periode und gelangt so schliesslich zur Zahl 10^8, der
Ordnung 10^8 der Periode 10^8 welche wir mit 1 und 80000 Billionen
Nullen schreiben würden.
Der Paragraph 9 der Nizzeschen Übersetzung (Heiberg 268 f.) zeigt
dass Archimedes keineswegs wie Nesselmann meint, nur neue Zahlworte
geschaffen hat, sondern tatsächlich das Positionssystem gefunden und
ebenso zeigt § 10 wie dicht er an ¨Potenz¨ und ¨Logarithmenrechnung¨
gestreift hat. Er führt darin den Begriff des Abstands ein, und nur
dadurch, dass er der Einer-Ziffer den Exponent 1 statt 0 gibt, wird
seine Regel 10^{n+1} . 10^{m+1} = 10^{n+m+1} von unsern Fundamentalsatz
10^a . 10^b = 10^{a+b} abweichend.
Die gefundene Zahl 10^{51} ist die 3. Stelle der 7. Oktade, steht also
ziemlich am Anfang der ersten Periode, welche 100 Millionen Oktaden
weniger einer enthält, aber selbst wenn er statt der Weltkugel die
Fixsternkugel wie er sie dem Aristarch zuschreibt, annimmt, deren
Durchmesser kleiner ist als 10^4 Weltdurchmesser, so wird die Sandzahl
kleiner als 10^{63} d. h. als die 8. Stelle der 8. Oktade.
[Sidenote: Archimedes: Rinderproblem, Eratosthenes.]
An den Psammites schliesst sich das Rinderproblem, προβλημα βοων an, es
ist in Distichen abgefasst und an Eratosthenes gesandt; gefunden wurde
es von ¨Gotthold Ephraim Lessing¨ als Bibliothekar in Wolfenbüttel
und 1773 ediert. Wenn auch die Echtheit der Verse zweifelhaft sein
mag, so ist es jedenfalls ein »Archimedisches Problem« und Heiberg
sagt, dass kein Grund vorliegt, es Archimedes selbst abzusprechen.
Die Einkleidung des Problems schliesst an Odyssee V. 7 an: νηπιοι οἱ
κατα βους Ὑπεριονος Ἡελιοιο ἡσθιον, es soll die Zahl der Rinder des
Sonnengotts auf Trinakria (Sizilien, nach seiner dreieckigen Gestalt
genannt), berechnet werden. Es handelt sich um weisse (w), blaue
(b), gelbbraune (g) und scheckige (s); Stiere und Kühe durch Striche
unterschieden. Zur Bestimmung der 8 Unbekannten hat man 7 Gleichungen
ersten Grades, es handelt sich also um eine sogen. Diophantische
Aufgabe. Dazu kommen noch zwei Bedingungen w + b soll eine Quadratzahl,
g + s eine Dreieckszahl, d. h. von der Form (n [**ueber] 2) sein. M. E.
hat Nesselmann und nach ihm Struve etc. den Text ganz missverstanden,
nach meiner Auffassung lauten die sieben Gleichungen:
w = 5/6 b + g + g′ w′ = 7/12 (b + b′) und: w + b = n^2
b = 9/20 s + g + g′ b′ = 9/20 (s + s′) g+s = n(n-1)/(1·2)
11/20 s = 13/42 w + g + g′ s′ = 11/30 (g + g′)[4]
g′ = 13/42 (w + w′)
Heiberg ist mit Fug und Recht der Ansicht, dass die Behandlung eines
solchen Systems die Kräfte eines Archimedes nicht überstieg, dessen
im Sinne ¨H. Webers¨ spezifische mathematische Begabung ihresgleichen
nicht gefunden hat. Übrigens ist die Weglassung des Faktors [4]
(τετραχη) bei der Gleichung für s′ unberechtigt. Zur Durchführung fehlt
es mir an Zeit.
Der zweite der Heroen des 3. Jahrhunderts, wenn auch in weitem Abstand
von Archimedes ist ¨Eratosthenes¨. Quellen: ¨F. Susemihl¨, Geschichte
der griechischen Literatur in der Alexandrinerzeit; ¨Bernhardy¨,
Artikel Eratosthenes im Ersch und Gruber; ¨Berger¨, Die geographischen
Fragmente des Eratosthenes, Leipzig 1880; Quellen über sein Leben;
¨Suidas¨ und ¨Strabon¨.
[Sidenote: Eratosthenes (vita).]
Eratosthenes wurde 276 in Kyrene geboren, zuerst in seiner Heimat durch
den Grammatiker Lysanias unterrichtet, studierte dann in Alexandria
unter ¨Kallimachos¨, dem berühmten Dichter und Leiter der Ptolemäischen
Bibliothek, ging dann nach Athen, wo er bei den der stoischen Richtung
angehörigen Philosophen ¨Ariston¨ und ¨Arkesilaos¨ sich philosophisch
aber auch besonders mathematisch bildete und eigene bedeutende
Schriften verfasste. Er folgte etwa um 235 einem Rufe des Ptolemäos
Euergetes als Nachfolger des Kallimachos und blieb bis zu seinem Tode
Leiter der Bibliothek. Da er infolge seiner angestrengten Arbeit
zu erblinden fürchtete, so tötete er, der Stoiker war, sich durch
Nahrungsverweigerung im 80. oder 82. Lebensjahre etwa um 196 v. Chr.
Ein hervorragender Zug des Eratosthenes ist seine Freiheit von
nationalen Vorurteilen; im Gegensatz zu ¨Aristoteles¨ hat er Alexanders
grossartige Idee Orient und Okzident zu verschmelzen, voll gewürdigt,
und ist so ziemlich der erste, wenn nicht einzige Hellene, der fremde
Kultur objektiv zu beurteilen vermochte.
Wie erzählt wird, ward er β genannt nach einer Version, weil er es
in allen Künsten und Wissenschaften zum Rang des zweiten gebracht,
nach andern als zweiter Platon; auch πενταθλος wird er genannt, der
Fünfkämpfer, denn er war in der Tat einer der vielseitigsten Gelehrten
aller Zeiten. Am bedeutendsten war er wohl als Geograph und Astronom,
wenn ihn auch auf letzterem Gebiet Hipparch von Nicaea (Bithynien) der
auch nach Rhodos genannt wird, übertroffen hat. Wir haben von seinen
drei Büchern Γεωγραφικα bedeutende Fragmente, und ihr Inhalt ist uns
durch Strabon und durch die Kritik Hipparchs erhalten.
[Sidenote: Eratosthenes: Geographie.]
Eratosthenes hat besonders die sogenannte mathematische und
physikalische Geographie als Wissenschaft im heutigen Sinne geschaffen,
allerdings Vorarbeiten des Dikaiarchos benutzend. Im 1. Buch gibt
Eratosthenes eine kritische Geschichte der geographischen Kenntnisse
der Hellenen bei Homer und Hesiod, wobei er sich nicht im geringsten
scheute die Unwissenheit des homerischen Zeitalters zu betonen, dann
wandte er sich zu der Geographie, beginnend mit ¨Anaximander¨, dem
Schüler und Freunde des Thales.
Das 2. Buch enthält sodann die mathematische und physikalische
Geographie nebst dem Bedeutendsten der eigenen Leistungen; die
Grundlage bildet seine Gradmessung. Eratosthenes hatte bemerkt, dass
am längsten Tage in Syēne die Sonne um Mittag den Boden eines Brunnens
bescheint, d. h. im Zenith steht, also Syēne unterm Wendekreis des
Krebses liegt, und glaubte, dass Alexandria und Syēne auf demselben
Meridiane lägen. Er mass nun am längsten Tage in Alexandria die
Kulminationshöhe der Sonne, bezw. die Zenithdistanz mittelst eines
¨Skaphion¨, einer hohlen Halbkugel, und bestimmte dadurch im Gradmass
die Distanz Siene-Alexandria, dann mass er, allerdings auf Grund der
ägyptischen nomen oder der Gaueinteilung, die direkte Entfernung und
bestimmte so die Länge des Grades.
Die Methode ist im Prinzip die noch heute angewandte, nur irrte sich
Eratosthenes darin, dass Alexandria und Syēne auf demselben Meridian
lägen. Weil aber auch die alten nomen ziemlich fehlerhaft waren, so
glichen sich die Fehler so ziemlich aus und die Angabe des Eratosthenes
auf 109 kil. statt 111 ist merkwürdig genau. Die Gradmessung scheint
er nach Makrobios schon vorher in einer eignen Schrift mitgeteilt
zu haben. Den Umfang der Erde bestimmte er auf rund 250000 Stadien,
genauer 252000.
Der 3. Teil enthält eine kurz gefasste Einteilung und Beschreibung der
bewohnten Erde. Er teilte die bewohnte Erde durch einen Parallelkreis
von Gibraltar bis China in nördliche und südliche Hälfte und jede
Hälfte durch Striche zwischen je zwei Meridiane in »σφραγιδες« d. h.
wörtlich: Siegelabdrücke, die er dann topographisch und ethnographisch
beschrieb und kartographisch aufnahm.
[Sidenote: Chronographie.]
Nicht minder bedeutend waren seine zwei andern Hauptwerke:
1) περι χρονογραφιων vermutlich eine Kritik der bisherigen
Zeitbestimmungen und eine Anweisung einen chronologisch richtigen
Abriss der Geschichte inkl. der Literaturgeschichte zu schreiben.
Wahrscheinlich ist Eratosthenes der Urheber der Einführung des
Schalttages bei den Ägyptern durch das Edikt von Kanopus, das bei
Ägypten erwähnt ist.
Er beschränkte sich nicht auf die politische Geschichte, er bevorzugte
die Kulturgeschichte, Philosophen, Dichter etc. und hat ein eigenes
Werk: »Ολυμπιονικαι« geschrieben. In der Schrift περι της αρχαίας
κωμωδιας. zeigte er sich als feinster Kritiker und wissenschaftlich
recht bedeutender Philologe und als Kenner alles dessen, was zur
Bühnentechnik gehört, auch gibt er eine Menge geschichtlicher
Notizen z. B. über Einrichtung bei den Olympischen und anderen
Spielen. Übrigens war er auch selbst kein unbedeutender Dichter, vide
¨E. Hiller¨, Er. carminum reliquiae Leipzig 1872.
[Sidenote: Würfelverdopplung.]
Von seinen mathematischen Werken ist nur wenig erhalten, das
meiste in dem schon erwähnten Brief an den Ptolemaios III über die
Würfelverdoppelung im Kommentar des Eutokios zu περι σφαιρας etc.
¨Heiberg¨, Arch. p. III S. 102-114.
Nach dem historischen Bericht gibt Eratosthenes seine eigene Lösung
mittelst eines Instruments das nach Pappos und Vitruv »Mesolabos« (von
den mittleren Proportionalen) hiess. Es bestand aus drei massiven
kongruenten Rechtecken, welche zwischen zwei mit je drei Nuten
versehenen Linealen übereinander geschoben werden konnten.
[Illustration]
Die Anfangslage ist bei Eutokios die der Figur. War nun ΑΕ die grössere
ΔΘ die kleinere Strecke, so musste man die Rechtecke so verschieben,
dass das erste einen Teil des zweiten, dieses einen Teil des dritten
verbarg, und zwar so, dass die Linie ΑΔ durch die Punkte Β und Γ ging,
an denen die Diagonalen sichtbar wurden; siehe Figur. ΒΖ und ΓΗ sind
dann die mittleren Proportionalen, da ΑΖ, ΒΗ, ΓΘ einander parallel sind.
[Illustration]
Der Brief ist von ¨E. Hiller¨ angezweifelt, insbesondere erklärt er
das Epigramm am Schluss für zweifelsohne unecht. Aber Proklos hat
p. 111 Z. 23 den Vers von den Menächmischen Triaden zitiert und das
Missverständnis des »ολιγου« im ersten Vers wirft auf den Scharfsinn
des Herausgebers kein günstiges Licht. Die von ¨Ambros Sturm¨ l. c.
angeführte Begründung Hillers ist sehr schwach, noch dazu gegenüber
Eutokios und Proklos und ¨Heiberg¨ fertigt sie mit den Worten »nulla
idonea causa adlata« ab.
Auf diesem allerdings mechanischen Wege »¨organica¨ mesolabi ratione«
(Vitruv) konnte man wie Eratosthenes selbst angab, beliebig viele
Mittlere erhalten, d. h. durch n + 1 Täfelchen die n-Wurzel ziehen.
Verloren ist eine Schrift »über Mittelgrössen« περι μεσοτητων auch
»Orte in bezug auf Mittelgrössen, τόποι προς μεσοτητας« genannt,
von der wir durch Pappos Kunde haben. ¨Zeuthen¨ vermutet in seinem
ausgezeichneten Werke: ¨die Lehre¨ von den Kegelschnitten im Altertum,
deutsche Ausgabe 1886, dass es sich, in Ergänzung der harmonischen
Polare eines Punktes als Pol für einen gegebenen Kegelschnitt, um die
Orte des arithmetischen und geometrischen Mittels der Sehnenschaar des
Pols gehandelt habe. Es ist leicht zu zeigen, dass die beiden Orte
Kegelschnitte sind, welche dem gegebenen ähnlich sind.
Vielleicht aus einer verlorenen grösseren arithmetischen Schrift
ist uns in der Arithmetik des Nikomachos (s. u.) die noch heute
gebräuchliche Methode erhalten die Primzahlen unter p »herauszusieben«,
die noch heute Sieb (κοσκινον, cribrum) des Eratosthenes heisst. Völlig
verloren sind die rein philosophischen Schriften, deren bedeutendste
die von ¨Strabon¨ genannte über Gutes und Böses, περι αγαθων και
κακων gewesen sein soll, darunter bedauerlicherweise auch die Schrift
Πλατωνικός, ein Kommentar zu der Pythagoräischen Kosmologie in
¨Platons¨ Timaeos.
[Sidenote: Apollonios von Pergae (vita).]
[Sidenote: Konika (Kegelschnitte).]
Der eigentliche »Aemulus«, der Nebenbuhler des Archimedes im Ruhme der
Alten, ¨Apollonios von Pergae¨ in Pamphylien war erheblich jünger als
jener, er ist frühestens um 265 unter Ptolemaios Euergetes geboren
und hatte seine Blütezeit unter Ptolemaios Philopator. Gestorben ist
er gegen 190. Er studierte in Alexandria bei den Schülern des Euklid
Mathematik, Hultsch P. III S. 678 oder nach Hultsch ein Scholiar des
Pappos sagt: συσχολασας τοις ὑπο Ευκλειδου μαθηταις εν Αλεξανδρεια
πλειστον χρονον ὁθεν εσχε και την τοιαυτην ἑξιν ουκ αμαθη. Die ganze
nicht gerade geschmackvolle Stelle lautet eigentlich wörtlich: Da er
die Schule teilte mit den Schülern des Euklid in Alexandrien sehr
lange Zeit, woher er auch ein solches nicht unmathematisches Verhalten
hatte. (!) Demnach würde Apollonios ein direkter Schüler des Euklid
gewesen sein von mässiger mathematischer Begabung! Aber im eigentlichen
Hauptkodex steht nur σχολασας und das heisst mit dem Dativ bei jemanden
in die Schule ging, und so ist die lateinische Übersetzung von Hultsch
zutreffend, die Konjektur dagegen scheint mir nicht glücklich. Dann
lebte er in Pergamon und in Ephesos befreundet mit einem Eudemos, dem
er sein grosses Werk über die Kegelschnitte, die »κωνικα« widmete.
Eudemos starb aber vor der Vollendung des Werkes und daher gab
Apollonios dem vierten Buch einen Widmungsbrief an den König Attalos
I. von Pergamon mit, in welchem er den Tod des Eudemos beklagte. Dem
Attalos sind dann auch die folgenden Bücher gewidmet. Von dem Werke,
das dem Verfasser nach dem Zeugnis des Geminos (¨Eutokios¨, Heiberg
S. 170) den Beinamen des grossen Mathematikers μεγας γεωμετρης eintrug,
sind nur die vier ersten Bücher mit dem Kommentar des ¨Eutokios¨
erhalten, die drei folgenden in arabischer Übersetzung. Das letzte
Buch ist verloren, doch haben wir eine Inhaltsangabe bei Pappos, auf
Grund derer der durch seinen Komet noch heute viel genannte ¨Halley¨
1710 eine Rekonstruktion versuchte. Die vier ersten Bücher wurden
zuerst von Joh. Baptist Memus schlecht ins ¨Lateinische¨ übersetzt
und von seinem Sohn 1537 ediert. Weit besser ist die Übersetzung von
¨Federico Commandino¨, dessen wir schon bei Euklid und Archimed rühmend
gedenken mussten, sie enthielt auch den Kommentar des Eutokios und
die Lemmata des Pappos. Ins ¨Arabische¨ wurden die 7 ersten Bücher
schon unter Al Mamun, 830 übertragen, aber diese Übersetzung ist
bisher nicht aufgefunden. Dagegen kam eine zweite von ¨Abulphat¨ von
¨Ispahan¨ 994 verfasste, im 17. Jh. durch den Leydener Orientalisten
und Mathematiker Golius nach Europa, der das Exemplar dem Grossherzog
von Toskana verkaufte. Es wurde von dem Orientalisten Abraham v.
Echelles in Gemeinschaft mit dem bedeutenden Mathematiker ¨Borelli¨
(s. Euklid) 1671 Lateinisch ediert, und bestätigte glänzend die kurz
vorher von ¨Viviani¨ (einer der bedeutendsten Schüler Galileis, der
Urheber des »Florentiner« Problems der Quadrierung einer durchbrochenen
Kugelkappe) versuchte Restitution des 5. Buches. Der Anfang des 5.
Buches, wohl das bedeutendste, ist nach dem Arabischen des mehrfach
genannten ¨Thabit ibn Qurrah¨ 1899 von Nix in Leipzig herausgegeben.
Die einzigen Griechischen Ausgaben sind die von ¨Halley¨, Oxford
1710 Folio mit Eutokios und der Divinatio libri octavi und die von
¨Heiberg¨ mit Eutokios Kommentar und Fragmentensammlung Teubner
1890-93. Von besonderer Bedeutung für Apollonios Wertung ist das oben
genannte Werk von ¨Zeuthen¨. Eine freie Bearbeitung der Konika gab
¨H. Balsam¨, Berlin 1861. Die Kegelschnitte des Apollonios haben die
Eigenschaften der Kurven in solcher Vollständigkeit aufgedeckt, dass
eigentlich nichts Neues im Laufe der Jahrtausende gefunden ist. Selbst
der Satz von ¨Desargues¨ und seine selbstverständliche Anwendung, der
Satz von ¨Pascal¨, sind eigentlich schon bei Apollonios. Involution,
Brennpunktseigenschaften, Erzeugung durch projektive Punktreihen,
Asymptoten, konjugierte Hyperbel etc., alles findet sich bei ihm.
Dass er nun seine Vorgänger, insbesondere Archimedes und Euklid und
Aristaios benutzt hat, das ist selbstverständlich, aber es bleibt doch
ein gewaltiges Quantum selbständiger Arbeit, und Pappos selbst sagt,
dass er die 4 Bücher κωνικα des Euklid stark vermehrt habe (αναπληρωσας
και προσθεις) und dann noch die 4 weitem Bücher hinzugefügt habe. Vor
allem hat Apollonios zuerst bewiesen, dass die Triaden des Menaichmos
aus jedem beliebigen Kegel 2. Grades herausgeschnitten werden können.
Er hat die vollständige Hyperbel d. h. beide Äste in welche sie
zerfällt betrachtet, er hat die Kurven aus den Bestimmungsstücken
konstruiert, nachdem schon Euklid die ebene Konstruktion aus Leitlinien
und Brennpunkten gekannt hatte. Für Genaueres, insbesondere auch die
Werke des Aristaios, verweise ich auf ¨Zeuthens¨ mehrfach zitiertes
Werk über die Kegelschnitte im Altertum; nur die Vorrede mochte ich
Ihnen nicht vorenthalten.
Apollonios sendet dem Eudemos Grüsse. Es wäre schön wenn es dir
körperlich gut ginge und alles übrige nach Wunsch stände. Mir selbst
geht es ja auch ziemlich. Als wir seinerzeit in Pergamos beisammen
waren, bemerkte ich, dass du dich lebhaft für meine Arbeiten über die
Kegelschnitte interessiertest. Ich schicke dir nun das völlig richtig
gestellte erste Buch; das übrige werde ich senden, sobald es mich
befriedigt haben wird. Ich glaube aber du erinnerst dich noch wohl von
mir gehört zu haben, weshalb ich diese Arbeit unternahm. Naukrates
der Geometer hatte mich dazu aufgefordert, als er bei mir während
seines Aufenthalts in Alexandria weilte und deswegen gab ich sie ihm,
in 8 Büchern behandelt, von dort aus mit, und weil er im Einschiffen
begriffen war, konnte ich sie nicht sorgfältig bereinigen, sondern
schrieb alles gerade so hin wie es mir unterlief, indem ich mir eine
letzte Durcharbeitung vorbehielt. Und da ich jetzt dazu Zeit gefunden,
so gebe ich was eben ganz richtig gestellt ist, heraus. Da es sich
aber traf, dass auch einige andere meiner Genossen vom ersten und
zweiten Buch vor der Verbesserung Kenntnis gewonnen haben, so wundere
dich, bitte, nicht, wenn dir abweichende Fassungen begegnen.
Von den 8 Büchern fiel den vier ersten die Einführung in die
Elemente zu. Es enthält aber das erste Buch die Erzeugung der 3
Schnitte und der gegenüberliegenden sowie deren Grundeigenschaften
vollständiger und umfassender ausgearbeitet im Vergleich mit den
früheren Bearbeitungen. Und das zweite enthält die Eigenschaften der
Durchmesser, Axen, Asymptoten und anderes, was zum Gebrauch für die
Konstruktionsbedingungen nötig und hinreichend ist. Was ich unter
Durchmesser und Axe verstehe, wirst du aus diesem Buche ersehen.
Das dritte Buch enthält viele und auffallende Sätze, welche brauchbar
sind für die Konstruktionen der körperlichen Orte und für die
Existenzbedingungen, von denen die meisten und schönsten neu sind.
Und nachdem ich sie ersonnen hatte, sah ich ein, dass von Euklid der
Ort zu drei und vier geraden Linien nicht aufgestellt sei, sondern
nur ein zufälliger Teil desselben und auch dieser nicht gerade gut
getroffen. Es ist auch gar nicht möglich ohne die von mir gefundenen
Sätze die Synthesis durchzuführen. Das 4. Buch gibt an, auf wie
vielerlei Art die Kegelschnitte mit einander und der Peripherie des
Kreises zusammentreffen, und anderes darüber hinaus, worüber von meinen
Vorgängern nichts geschrieben worden ist, z. B. in wieviel Punkten ein
Kegelschnitt und eine Kreislinie zusammentreffen. Der Rest geht noch
weit darüber hinaus. Da handelt ein Buch ausführlich über Minima und
Maxima, ein anderes über gleiche und ähnliche Kegelschnitte, noch ein
anderes über Satze, welche Existenzbedingungen angeben, und das letzte
bringt Probleme über Bestimmungen von Kegelschnitten. Und fürwahr, dann
erst wenn alles herausgegeben ist, ist es denen die darauf stossen
erlaubt es zu beurteilen wie es wohl jeder von ihnen für richtig hält.
Gehab dich wohl.
Was zunächst des Aristaios τοποι στερεοι betrifft, so ist nach
Zeuthen diese Schrift noch vor des Euklids 4 Bücher κωνικα erschienen,
sie behandelte zweifelsohne Aufgaben über geometrische Orte, welche
sich als Kegelschnitte herausstellten. Die Alten unterschieden die
körperlichen Orte, das sind die Kegelschnitte, von den ebenen Orten,
das sind Gerade und Kreis, und später noch die linearen Orte, zu denen
alle andern und auch die Raumkurven gehörten. Hiervon verschieden sind
die 2 verlorenen Bücher des Euklid die τοποι προς επιφανειαν, das sind
Flächen als geometrische Orte.
[Sidenote: Apollonios, Ort zu 3 und 4 Geraden.]
Sodann der Ort zu 3 und 4 Geraden. Man nennt ihn gewöhnlich nach Pappos
die Pappos'sche Aufgabe. Es handelt sich im allgemeinen Falle um den
Ort der Punkte, deren Abstände in gegebener Richtung gemessen von vier
gegebenen Geraden der Gleichung genügen xy/zu = c. Dabei werden die
Linien x = 0, z = 0, und y = 0, u = 0 als gegenüberliegend bezeichnet.
Apollonios hat die Aufgabe vollständig gelöst und den Nachweis, dass
der Ort ein Kegelschnitt ist, direkt geführt. Für das Nähere, den
Zusammenhang mit der projektiven Geometrie, Newtons Wiederherstellung
der Apollonischen Lösung etc. verweise ich auf Zeuthen bezw. auf meine
analytische Geometrie in der Sammlung Schubert. Soviel steht fest, so
unberechtigt es ist, von einer Erfindung der Differentialrechnung durch
einen der Neueren, es sei nun Galilei, Fermat, Leibniz oder Newton
zu sprechen, angesichts der Werke des Archimedes, so unberechtigt
ist es auch, den Alten angesichts der Werke des ¨Archimedes¨ und des
¨Apollonios¨ die analytische Geometrie abzusprechen. Apollonios hat
nicht nur Koordinaten, sondern auch Koordinatentransformation und
Archimedes analytische Geometrie dreier Dimensionen.
[Sidenote: Apollonios, Verhältnisschnitt.]
Auch die andern geometrischen Schriften des Apollonios hängen eng
mit der Theorie der Kegelschnitte zusammen. Da kommen zunächst die
beiden Schriften: De sectione rationis, die αποτομη του λογου, der
Verhältnisschnitt, und De sectione spatii die αποτομη του χωριου,
der Flächenschnitt. Die 2 Bücher der ersten Schrift sind nach einer
arabischen Handschrift, welche der Prof. ¨Bernard¨ in Oxford gefunden,
1706 von ¨E. Halley¨ herausgegeben. Die Aufgabe besteht darin, durch
einen Punkt P (s. Fig.) eine Linie so zu ziehen, dass sie auf zwei
gegebenen Linien ¯L¯ und ¯L¯_{1} von zwei gegebenen Punkten ¯A¯ und
¯A¯_{1} aus Strecken ¯AM¯ und ¯A¯_{1}¯M¯_{1} abschneidet, welche in
einem gegebenen Verhältnis stehen. Die Aufgabe wird im zweiten Buch auf
den im ersten behandelten speziellen Fall zurückgeführt, wo ¯A¯_{1}
mit dem Schnittpunkt ¯A¯_{1}^1 der beiden Geraden zusammenfällt. Diese
Aufgabe wird gelöst durch Ziehen der Parallelen ¯PB¯ zu ¯A¯_{1}¯M¯_{1}
und desgleichen durch den Schnittpunkt ¯A¯_{1}^1 von ¯L¯ und ¯PA¯_{1},
welche ¯PMM¯_{1} in ¯M¯_{1}^1 schneidet und Annahme eines Hilfspunktes
¯C¯ auf ¯L¯, der so gelegen, dass ¯BP¯/¯AC¯ = ¯A¯_{1}^1¯M¯_{1}^1/¯AM¯
= λ, dann folgt durch Umstellung ¯AM¯/¯AC¯ = ¯A¯_{1}^1¯M¯_{1}^1/¯BP¯
= ¯A¯_{1}^1¯M¯/¯BM¯ -- und durch Subtraktion: ¯BM¯ · ¯MC¯ =
¯BA¯_{1}^1 · ¯AC¯ = gegebener Fläche.
[Illustration]
[Sidenote: Sectio spatii und determinata (Involution).]
Die Aufgabe ist, wie man leicht sieht, identisch mit der Aufgabe:
von einem gegebenen Punkt aus an eine durch zwei Tangenten und deren
Berührungspunkte gegebene Parabel die Tangenten zu ziehen (Simon,
Parabel 1878). Das 3. Buch Satz 41 handelt von der Parabeltangente,
Satz 42 und 43 von den entsprechenden Aufgaben: Von einem gegebenen
Punkte aus an eine durch konjugierte Durchmesser gegebene Ellipse oder
Hyperbel die Tangenten zu ziehen und zeigt, dass dies spezielle Fälle
der Aufgabe sind von einem gegebenen Punkt P eine Gerade zu ziehen,
welche auf 2 gegebenen Geraden von gegebenen Punkten aus Strecken
abschneidet, deren Rechteck gegeben ist. Diese Aufgabe hat Apollonios
in den beiden Büchern der Schrift de sectione spatii behandelt, welche
¨Halley¨ nach der Inhaltsangabe bei Pappos und der Angabe ihrer
Übereinstimmung mit der ersten Schrift in der Form gleichzeitig
rekonstruiert hat. Zu diesen beiden Schriften gesellt sich als dritte
die von ¨Rob. Simson¨ nach Pappos wiederhergestellte de sectione
determinata, της διωρισμενης τομης βιβλια β, über den involutorischen
Schnitt. Wenn ¯ABCD¯ gegebene Punkte einer Geraden ¯l¯ sind, soll ein
Punkt ¯P¯ auf ¯l¯ so bestimmt werden, dass ¯AP¯ . ¯CP¯/(¯BP¯ . ¯DP¯) =
λ ist d. h. also die Theorie der Involution, welche er wie wir mittelst
der Theorie des Kreisbüschels und der Zentrale des Büschels gelöst
hat; und er hat sie benutzt um den Schnitt einer Geraden mit einem
durch 5 Punkte gegebenen Kegelschnitt zu bestimmen. Die Halley'schen
und die Simson'sche Bearbeitungen sind frei wiedergegeben von ¨Ad.
Diesterweg¨, ganz besonders lesenswert ist das Programm des um die
Elementarmathematik hochverdienten ¨v. Lühmann¨, weiland Subrektor zu
Königsberg in der Neumark, von 1882: die Sectio rationis, sectio spatii
und sectio determinata des Apollonios.
[Sidenote: Taktionsproblem.]
Es geht aus diesen Schriften hervor, dass Apollonios die Erzeugung der
Kegelschnitte als Enveloppe der Verbindungsgeraden zweier projektiven
Punktreihen kannte, die sich erst wieder findet in ¨Newtons¨ principien
lib. I L. 25. Die Brennpunktseigenschaften und die Konstruktionen bei
gegebenem Brennpunkt haben dann, wie Zeuthen hervorhebt, Apollonios auf
die Beschäftigung mit dem nach ihm genannten Taktionsproblem geführt.
Ist doch schon die Aufgabe, den Schnitt einer Geraden mit einer durch
Leitlinie und Brennpunkt gegebenen Parabel zu bestimmen identisch mit
der Aufgabe, einen Kreis zu konstruieren, der durch zwei gegebene
Punkte geht und eine gegebene Gerade berührt, also zwei 0-Kreise und
einen unendlich grossen. Nach ¨Pappos¨, Hultsch S. 848 hat Apollonios
die Lösung auf den Spezialfall des ¨Castillon'schen¨ Problemes
zurückgeführt, in dem alle 3 gegebenen Punkte auf derselben Graden
liegen. Die Geschichte des Taktionsproblems siehe ¨Simon¨, Entwicklung
der Elem. Geom. Das Problem selbst gehört heute zur eisernen Ration
der Gymnasiasten, mit den Lösungen aus ¨Fr. Vietas¨ Apollonius Gallus,
und zugleich hat Apollonios sich in der Schrift περι πυριου über
Brennspiegel, der Brennpunktseigenschaften der Umdrehungsflächen 2.
Grades bedient. Zeuthen vermutet, und ich glaube mit Recht, dass der
Parabolische Spiegel, der praktisch wichtigste, schon von ¨Archimedes¨
erfunden sei und dass die Sage, er habe mit Brennspiegeln die Römische
Flotte verbrannt, hier ihren Ursprung habe.
Ausserdem hat Apollonios auch eine Schrift geschrieben περι νευσεων.
»Über Einschiebungen auf mechanischem Wege«, dadurch dass ein Lineal
oder ein Streifen meist von gegebener Strecke so bewegt wird -- häufig
durch Drehung der zu ihr gehörigen Geraden um einen festen Punkt --
dass sie zwischen zwei gegebene Linien fällt. Die Neusis galt sowohl
den ältern Mathematikern als auch dem Archimedes, der sich ihrer
bei der Arbeit über die Spirale wie überhaupt zur Winkeldrittelung
bedient hat, als auch dem Apollonios und überhaupt den angewandten
Mathematikern für ein durchaus erlaubtes Hilfsmittel, wie sie ja auch
¨Newton¨ gebilligt hat, erst die Neuplatoniker strikter Observanz
wie Pappos missbilligten sie und ersetzten sie durch Kegelschnitte,
was stets möglich, sobald die gegebenen Linien den zweiten Grad
nicht übersteigen. Die Schrift des Apollonios ist nach Pappos
wiederhergestellt von dem Ragusischen Patrizier Marino Ghetaldi 1607.
[Sidenote: Würfelverdoppelung.]
Sie enthielt vielleicht die von ¨Eutokios¨ l. c. mitgeteilte
Würfelverdoppelung auf welche Pappus I p. 56 hingewiesen hat
(Heiberg 3, p. 78.) Es sei aus den beiden gegebenen Strecken ΑΒ und
ΑΓ das Rechteck ΑΒΘΓ konstruiert, dann ist die Gleichung des ihm
umgeschriebenen Kreises wenn ΑΓ = a und ΑΒ = b gesetzt wird x^2 -
ax + y^2 - by = 0, oder (x - a) : (b - y) = y : x. Die Gleichung
einer Hyperbel, welche durch Θ geht und ΑΒ und ΑΓ zu Asymptoten
hat, ist aber xy = ab also haben wir für den zweiten Schnittpunkt M
nach leichter Rechnung a : x = x : y = y : b. Zur Konstruktion des
Schnittpunkts M benutzt Apollonios den Umstand, dass die Abschnitte
einer Hyperbelsehne zwischen Asymptote und Kurve gleich sind, und dass
die Kreissehne vom Mittelpunktslote halbiert wird. Es braucht also nur
ein Lineal so um Θ gedreht werden, dass die Punkte Δ und Ε in denen es
die Axen schneidet vom Zentrum des Rechtecks gleich weit entfernt sind.
S. Fig. unten.
In einer verlorenen Schrift περι κοχλιου hat Apollonios sich mit der
Schraubenlinie auf dem Cylinder beschäftigt.
Der »grosse Geometer« hat sich aber auch mit den einfachsten Elementen
der Geometrie beschäftigt, wie wir schon bei Euklid erwähnt haben,
u. a. danken wir ihm die Halbierung der Strecke mit den beiden gleichen
Kreisen um die Endpunkte, Proklos Friedl. S. 276: »Απολλωνιος δε ὁ
Περγαιος τεμνει την δοθεισαν ευθειαν πεπερασμενην διχα τουτον τον
τροπον.«
[Illustration]
[Sidenote: Apollonios, Arithmetische Schriften.]
Auch auf arithmetischem Gebiete hat der Pergaier Grosses geleistet.
Eutokios erzählt Heib. 3 S. 300: Man soll auch wissen, dass Apollonios
der Pergaier in seinem Okytokion (Schnellgeburt, Schnellrechner)
dasselbe durch andere Zahlen gezeigt hat, die einander noch näher
kommen, d. h. er hat die Zahl π in noch engere Grenzen als Archimedes
eingeschlossen. Ob der Okytokion dieselbe Schrift war, von der Pappos
im 2. Buch grosse Stücke uns aufbewahrt hat, wird von den besten
Kennern, von Nesselmann und Hultsch stark bezweifelt, doch spricht der
Titel eigentlich dafür. Auch jene zweite Schrift hat im wesentlichen
die Abkürzung des Algorithmus insbesondere der Multiplikation zum
Gegenstande. Die Schrift schloss an den Sandzähler des Archimedes an,
nur dass Apollonios statt der Oktaden die den Griechen geläufigen
Tetraden, die Myriaden, setzte, die er als erste, zweite, dritte
u. s. w. bezeichnete, die er durch Μβ, Μγ etc. bezeichnet und deren
Ordnungsziffer er durch Division mit 4 bestimmte. So ist z. B,
4444444444444 = 4 . 10^{12} + 4 . 10^{11} + .. = Μγ υμδ και Μβδ_{1}
υμδ και Μαδ_{1} υμδ. Auf Grund seiner Ordnungszahlen lieferte er dann
ein Verfahren zur Multiplikation, das im Grunde das unsrige ist;
die Ordnungszahlen werden addiert und die Πυθμενες, d. h. unsere
Einerziffer, die aber hier aus dem Tableau von α bis ϡ genommen werden
konnten, multipliziert. Auch Apollonios, und er fast noch mehr als
Archimedes, hat die Grundgedanken des Positionssystemes, und wie
¨R. Baltzer¨ in seinem Brief an ¨Hultsch¨ auf den ich noch zurückkommen
werde, sehr richtig bemerkt, sind beide an Buchstabenrechnung und
Dezimalrechnung nur dadurch gehindert worden, dass die Hellenen von
den Kanaanäern die Buchstaben als Zahlzeichen übernommen hatten. Die
aller Wahrscheinlichkeit nach bedeutendste Leistung des Apollonios auf
arithmetischem Gebiete ist leider bis dato nur ganz fragmentarisch
erhalten, sie war vermutlich Pappos entweder selbst zu schwierig oder
schien ihm auf einen zu geringen Interessenkreis rechnen zu können. Die
Schrift war eine Weiterführung der Theorie der Irrationalzahlen, wie
sie für quadratische und biquadratische durch das X. Buch des Euklid
gegeben war. Aus einem Kommentar zum X. Buch, von dem ¨F. Woepcke¨
eine Arabische Übersetzung durch Abu Ottmân den Damascener aufgefunden
hat und von dem er die auf Apollonios bezüglichen Stellen Arabisch und
Französisch herausgegeben hat, geht hervor, dass dieser in die Theorie
der algebraischen Zahlen, soweit sie durch Radicale darstellbar sind,
sehr tief eingedrungen war. Den Kommentar selbst vindiziert Woepcke dem
Griechisch schreibenden Römer ¨Vettius Valens¨ (5. Jh. n. Chr.) und die
Übersetzung würde etwa ins 9. Jh. fallen.
[Sidenote: Apollonios als Astronom.]
Ob Apollonius mit dem unter dem Namen Epsilon berühmten
zeitgenössischen Astronomen, der sich besonders mit der Mondtheorie
beschäftigt hat, identisch ist, ist nicht unwahrscheinlich, aber steht
nicht fest. Dass der grosse Geometer ein hervorragender Astronom war,
wissen wir aus Ptolemaios megale syntaxis XII, 1, wo er den Stillstand
und die Rückläufigkeit der Planeten mit der Theorie der Epizyklen
mathematisch ableitet und dabei eine Maximumsaufgabe löst, welche den
grossen Leistungen des 5. Buches der Konika nicht nachsteht.
[Sidenote: Elementarmathematik.]
Noch ist für seine Leistungen auf dem Gebiete der Elementarmathematik
nachzuholen, dass der Satz X des sogen. 14. Buches der Elemente des
Euklid: »Die Volumina des derselben Kugel eingeschriebenen regulären
Ikosaëders und Dodekaëders verhalten sich wie die Oberflächen,« von
ihm herrührt, laut der Vorrede des Verfassers des 14. Buches, des
¨Hypsikles¨. Hypsikles knüpfte daran die Folgerung, dass die Umkreise
der Seitenflächen beider Körper gleich sind.
Mit Eudoxos, Archimedes und Apollonios hat die reine Mathematik der
Griechen ihren Höhepunkt erreicht, die Theorie des Irrationalen und des
Kontinuums, die Prinzipien der Infinitesimalrechnung, die analytische
Geometrie, die rechnende und projektive Geometrie, sind geschaffen
und neue Methoden, die auf allgemeine Problemklassen anwendbar sind,
treten nicht mehr auf. Der eben erwähnte ¨Hypsikles¨ schliesst sich
wohl unmittelbar an Apollonios an, M. Cantor setzt das 14. Buch um 180
an, er war ein tüchtiger Mathematiker, der auch noch eine uns erhaltene
Schrift über die Aufgänge der Gestirne, im Anschluss an ¨Autolykos¨
und ¨Euklid¨ geschrieben hat. Sie ist vergl. ¨M. Cantor¨ I p. 344
dadurch merkwürdig, dass sich in ihr zum ¨ersten¨ Male auf Hellenischem
Boden die ¨babylonische Teilung des Kreises in dreihundertsechzig
Grade¨ findet. Auch auf arithmetischem Gebiete haben wir Hypsikles als
Vorgänger des ¨Nikomachos¨ (s. u.) für die Theorie der figurierten
Zahlen zu erwähnen.
Die theoretische Mathematik sinkt nun im 2. Jahrh. langsam von ihrer
Höhe oder richtiger das Interesse der bedeutenden Geister wendet sich
den angewandten Disziplinen zu; Astronomie und in ihrem Gefolge die
Trigonometrie, Mechanik, Medizin etc. nehmen ihre Stelle ein. Dazu kam
für Hellas das Anwachsen der bildungsfeindlichen römischen Macht und
für Alexandrien das mörderische Regiment des Ptolemaios VII. Physcōn
(Schmerbauch, auch Euergetes II.) 141-116, der nach Ermordung seines
Neffen Eupator sich des Thrones bemächtigt hatte und die bedeutendsten
Gelehrten und Künstler von Alexandria vertrieb. Da nun der Unterricht
im wesentlichen auf dem Vortrag im Kolleg beruhte -- Archimedes und
Apollonios hatten gewissermassen nur zufällig an ihre auswärtigen
Freunde Schriftstücke gerichtet -- so machte sich jetzt der Mangel
an Büchern und damit an einer festen Formelsprache geltend und man
kann annehmen, dass schon im Laufe des Jahrhunderts manches von den
Leistungen der Heroen verloren ging. Das Entscheidende sind wohl die
Brände der Alexandrinischen Bibliothek unter Cäsar und vor allem in
den wüsten Emeuten des fanatischen Mönchpöbels und seiner würdigen
Patriarchen. Die Sage von der Vernichtung der grossen Bibliothek durch
¨Omar¨ gehört zu den böswilligsten Fälschungen der Weltgeschichte. Auch
die grosse Bibliothek von ¨Pergamon¨, das sich zur Konkurrenzstadt
Alexandriens unter Attalos und Eumenes entwickelt hatte, ging verloren,
nachdem sie Antonius an Kleopatra geschenkt hatte.
[Sidenote: Nikomedes.]
[Sidenote: Die Konchoide.]
Dort in Pergamon war vermutlich wenn nicht die Wiege, so doch das
¨Domizil¨ des Nikomedes, den M. Cantor vorsichtig ins 2. Jahrh.
verweist, während P. Tannery ihn nicht ohne triftigen Grund zwischen
Eratosthenes und Apollonios einschiebt. Dass er der Erfinder der
¨Konchoide¨, der Muschellinie gewesen, unterliegt keinem Zweifel,
¨Proklos¨ sagt Friedlein S. 272 im Anschluss an die Winkelhalbierung
bei Euklid: ¨Nikomedes¨ drittelte mit der Konchoide, deren Erzeugung,
Gestalt und Eigenschaften er überlieferte, jeden geradlinigen Winkel,
und er selbst war es der ihre Eigenart gefunden hat. ¨Pappos¨ und
¨Eutokios¨ haben ihre Anwendung zur Lösung des (ersten) Delischen
Problemes durch Nikomedes ausdrücklich bezeugt, und da sie genau
übereinstimmen, so ist es sicher, dass die Lösung sowohl wie ihr Beweis
ganz auf das Konto des Nikomedes zu setzen ist. In der Stelle Hultsch
246 oben nimmt Pappos die Winkeldrittelung durch die Konchoide nicht
für sich in Anspruch, er sagt nur, dass er die Kurve dabei gebraucht
habe, dagegen sagt er 246 unten (§ 42) ganz bestimmt er habe zur
Konstruktion des Nikomedes für die Würfelverdoppelung den Beweis
geliefert, was der Angabe des Eutokios widerspricht. Dass Nikomedes
sich des Zusammenhangs beider Probleme, die er mit der einen Kurve
löste, klar bewusst war, scheint mir völlig sicher, es entspricht das
dem ganzen historischen Gange der Griechischen Mathematik. Nikomedes
kannte die Winkeldrittelung des Archimedes durch die Neusis, die
Einschiebung, und wie dem Archimedes der Zusammenhang zwischen der
Kugeldrittelung und der Winkeldrittelung nicht hat entgehen können, so
hat auch Nikomedes gesehen, dass es sich bei Würfelverdoppelung und
Trisektion um Probleme 3. Grades handelte.
[Illustration]
[Sidenote: Trisektion.]
Die Kurve selbst ist eine ebene Kurve, sie wird erzeugt durch Drehung
einer Geraden um einen festen Punkt, so dass sie eine gegebene
Leitlinie schneidet und beschrieben durch einen Punkt Κ der sich
drehenden Geraden, der von dem Schnittpunkt Ε einen unveränderlichen
Abstand hat. Nikomedes hat das ¨abgebildete¨ einfache Instrument zur
mechanischen Erzeugung angegeben, es besteht aus einem Richtscheit, in
dessen horizontalem Lineal ein Schlitz in der Mitte ist, während das
vertikale den Pol durch einen Nagel angibt. Ein drittes Lineal ist fest
mit den beiden verbunden und hat in Ε einen Zapfen der in dem Schlitz
des zweiten Lineals gleitet, während ΕΚ der gegebene Abstand ist. Legt
man die x-Axe durch den Pol Δ nennt den Abstand b und den Abstand des
Pols vom horizontalen Lineal a so ist die Gleichung der Kurve r : b
= y : (y - a), also quadriert und multipliziert (x^2 + y^2)(y - a)^2
= b^2y^2. Die Kurve ist also vom 4. Grade, geht durch die imaginären
Kreispunkte im Unendlichen, und hat in Δ einen Doppelpunkt. Die
vollständige Kurve, welche Nikomedes auch betrachtet zu haben scheint,
da er die hier konstruierte als erste Konchoide bezeichnete, besteht
aus der oberhalb der Axe und der unterhalb der Axe beschriebenen.
Ausser den in ¨Wölffings¨ so höchst dankenswerter Bibliographie
angegebenen Monographien verweise ich auf ¨G. de Longchamps¨ cours de
Math. spec. und auf das Journal von ¨Bourget¨.
Nikomedes hat gezeigt, dass ΑΒ eine Asymptote ist, und dass jede Gerade
zwischen ΑΒ und der Kurve diese schneidet, ¨Eutokios¨, Heiberg Archim.
3 S. 118 und 120 findet sich der Beweis, während Pappos l. c. nur die
Tatsache angibt.
[Illustration]
[Sidenote: Trisektionen bei Montucla.]
Die Anwendung zur Winkeldrittelung ist uns von Pappos p. 275
überliefert, sie ist, wie ¨Montucla¨ in der noch heute lesenswerten
Histoire des recherches sur la quadrature du cercle Nouv. Edition (par
¨Lacroix¨) 1831 p. 240 sagt, fast selbstverständlich, und stimmt im
Prinzip mit der des Archimedes überein.
Ist αβγ (s. Figur) der gegebene Winkel, so ist nur nötig, von β
als Pol aus eine Strecke δε zwischen αγ und der verlängerte ζα so
einzuschieben, dass δε gleich 2αβ ist, dann ist εβγ = 1/3αβγ. Man
findet also ε durch den Schnitt von ζα mit der Konchoide, deren Pol β,
deren Axe αγ und deren Abstand 2αβ ist.
¨Montucla¨ gibt l. c. 243 an, dass auch die Konstruktion des Archimedes
mittelst der Konchoide gelöst werden kann, nur muss ihr Zweig unter
der Axe benutzt werden. Ist ¯ABC¯ der gegebene Winkel, (Figur) so
beschreibt man mit ¯C¯ als Pol, ¯BA¯ als Axe und ¯BC¯ als Abstand die 2
(untere) Konchoide, welche den Kreis um ¯B¯ mit ¯BC¯ in ¯D¯ schneidet,
so ist ¯DBE¯ = 1/3 ¯CBA¯.
[Illustration]
Montucla gibt auch den Hinweis auf den Appendix ¨Newtons¨ zur
Arithmetica universalis, der so recht deutlich zeigt, wie innig Newton
mit der hellenischen Geometrie vertraut war. Nachdem ¨Vieta¨ (Oper. ed.
van Schooten 1615) gezeigt hatte, dass die Gleichung dritten Grades
sich auf die Würfelvervielfältigung und die Trisektionsgleichung
zurückführen lasse, hat Newton l. c. für alle Arten gemischter
kubischer Gleichungen den zu trisezierenden Winkel und die Lage
des Pols und die Grösse des Abstands angegeben (berechnet). Er hat
ausgesprochen, dass zur Lösung von Gleichungen dritten Grades die
Konchoide des Nikomedes das bequemste Mittel ist; dass dieser sich des
Vorzugs seiner leicht konstruierbaren Kurve vor der Probiermethode des
Eratosthenes voll bewusst war, kann man bei Eutokios nachlesen.
[Sidenote: Würfelverdopplung nach Nikomedes.]
Schwieriger gestaltet sich die Anwendung der Kurve für die
Würfelverdoppelung, die Lösung der reinen kubischen Gleichung oder die
Auffindung der beiden Mittleren. Eutokios beginnt den Bericht also:
Nachdem dies bewiesen (nämlich dass ΑΒ Asymptote, das Wort fehlt,
was auch für höheres Alter als Apollonios spricht, etc.) seien die
gegebenen Strecken ΑΔ und ΓΛ senkrecht aufeinander, zu denen es den
beiden kontinuierlich proportionalen (δυο μεσας αναλογον κατα το
συνεχες) zu finden gilt. Mache das Rechteck ΑΒΓΔ fertig, halbiere ΑΒ
in Δ und ΒΓ in Ε. Verlängere ΛΔ und ΓΒ bis sie sich in Η schneiden,
errichte in Ε auf ΒΓ die senkrechte ΕΖ, mache ΓΖ gleich ΑΔ und verbinde
Ζ mit Η und ziehe zu ihr parallel ΓΘ. Und nun konstruiere man die
Konchoide von Ζ als Pol, ΓΘ als Leitlinie und ΔΑ = ΓΖ als Abstand,
welche ΗΓ in Κ schneidet, ziehe ΚΛ, schneidet ΒΑ in Μ so behaupte ich,
dass ΓΛ : ΚΓ = ΚΓ : ΜΑ = ΜΑ : ΑΛ ist.
[Illustration]
Die Pointe ist, dass ΘΖ gleich ΜΑ ist. Sei ΜΑ = x und ΚΓ = y, ΑΛ = a
und ΓΛ = b so ist x : a = b : y, und ΖΘ : (1/2 b) = 2a : y also ΖΘ : a
= b : y also ΖΘ = x, ferner weil ΖΕΓ und ΖΕΚ rechtwinklige Dreiecke
mit der gemeinsamen Kathete ΕΖ, so ist (x + 1/2 b)^2 - (y + 1/2 a)^2
= (b/2)^2 - (a/2)^2 oder x(x + b) = y(y + a), x/y = (y + a)/(x + b) =
ΒΚ/ΜΒ = ΓΚ/ΓΔ. Die Lösung des Nikomedes ist von Newton l. c. wesentlich
vereinfacht worden. Die Konchoide auf zirkulärer Basis ist von
¨Roberval¨ Limaçon de Pascal, Pascalsche Schnecke, genannt worden, sie
ist vielfach im Journ. élém. (v. ¨Bourget¨) behandelt worden.
[Sidenote: Diokles: Kissoide.]
[Sidenote: Würfelverdopplung mit Kissoide.]
Mit Nikomedes wird stets, infolge des Kommentars des Eutokios,
¨Diokles¨ genannt, von dessen Lebensführung uns zwar so gut wie nichts
bekannt ist, der aber nach seiner Kugelteilung welche Eutokios,
Heib. 3, S. 188 ff. mitteilt, und ebenfalls nach seiner Lösung der
Würfelverdoppelung, ib. S. 78, ein sehr achtbarer Geometer gewesen
ist. Nach dem gedanklichen Inhalt der beiden Fragmente aus seiner
Schrift περι πυρ(ε)ιων halte ich ihn für ziemlich gleichzeitig mit
Nikomedes und für nur wenig jünger als Apollonios. Das Fragment über
die Kugelteilung enthält zwar schon die Apollonischen Benennungen
Ellipse, Hyperbel, Asymptote, aber es ist sicher von ¨Eutokios¨
überarbeitet, der wie ¨Heiberg¨ S. 207 anmerkt, die Konstruktion der
Hyperbel, wenn die Asymptoten und ein Punkt gegeben worden sind »de
suo« hinzufügte. Das Problem der Würfelverdoppelung löste Diokles
mittelst der ¨Kissoide¨, die er wie folgt konstruierte. Man zeichne
einen Kreis um ¯M¯, den Leitkreis, mit Radius ¯r¯, ziehe darin den
Durchmesser ¯SS′¯ gleich ¯d¯. Ziehe ¯BC¯ und ¯B′C′¯ senkrecht zu ¯SS′¯
und symmetrisch zu ¯M¯. Ziehe ¯SB′¯ welche ¯BC¯ in ¯P¯ schneidet,
so ist die Kurve der Ort des Punktes ¯P¯ wenn ¯B′C′¯ sich von ¯S′¯
nach ¯S¯ bewegt (die allgemeine Kurve entsteht: wenn man ¯A′B′¯ sich
unbegrenzt in der Richtung ¯S′S¯ und daher ¯AB¯ von ¯S¯ nach ¯S′¯
zu bewegen lässt). Nimmt man als 0-Punkt ¯S¯ und als + x-Axe den
Strahl [**vector](¯SS′¯), zieht ¯AC¯ und nennt es z, so ergeben die
elementarsten Sätze die Proportion (d - x) : z = z : x = x : y d. h. x
und z sind zwischen d - x und y die Mesoteten. Will man nun zwischen
a und b die mittleren einschalten, so braucht man der Symmetrie wegen
nur auf dem zu ¯SS′¯ senkrechten Durchmesser einen Punkt ¯K¯ so zu
bestimmen, dass ¯S′M¯ : ¯MK¯ = a : b ist und ¯S′K¯ auszuziehen, bis es
die Kissoide in ¯P¯ schneidet, so ist nur noch d - x und y proportional
in a und b zu verwandeln.
[Illustration]
Da aus dem grundlegenden Streifensatz folgt, dass ¯SP¯ = ¯B′D′¯ ist
(entsprechende Querstrecken), so lässt sich die Kurve auch bequemer so
erzeugen, dass man von ¯S¯ aus nach allen Punkten des Leitkreises die
Strahlen zieht und das Stück zwischen der festen Tangente in ¯S′¯ und
dem Kreise von ¯S¯ aus auf den Leitstrahlen bis ¯P¯ abträgt.
[Illustration]
[Sidenote: Newton'sche Erzeugung.]
Aus der ersten Erzeugung durch Diokles lässt sich ebenso elementar
(vgl. a. Samml. Göschen 65 p. 148) die mechanische Herstellung der
Kurve von Newton (l. c.) ableiten, welche Montucla l. c. S. 139
beschreibt. Er bedarf dazu nur noch eines Richtscheites, dessen einer
Schenkel d ist, Endpunkt ¯B″¯, und der in der Mitte einen Stift ¯P¯
hat. Dreht man das Richtscheit um den Pol ¯M′¯, so auf ¯SS′¯ gewählt,
dass ¯M′S¯ = r ist, so dass ¯B″¯ auf dem konjugierten Durchmesser zu
¯SS′¯ gleitet, so beschreibt ¯P¯ die Kissoide.
[Sidenote: Diokles.]
[Sidenote: Zenodoros.]
[Sidenote: Isoperimetrie.]
Die Kurve hat die Gleichung (x^2 + y^2)x = dy^2, ist also eine Kurve
3. Grades, geht auch durch die beiden unendlich fernen imaginären
Kreispunkte, hat die Kreistangenten ¯S′¯ zur Asymptote, ist
Fusspunktenkurve, Rollkurve, durch reciproke Radien transformierte
der Parabel. Sie ist elementar behandelt l. c., auch vielfach im
Journal de Math. spec. Dass die Kurve in ¯S¯ eine Spitze hat wusste
schon Proklos, der die Kurve viel erwähnt, Friedl. S. 126 sagt: »ὁταν
δε αι κισσοειδεις γραμμαι συννευουσαι προς ἑν σημειον, ὡσπερ τα
του κισσου φυλλα -- και γαρ την επωνυμιαν εκειθεν εσχον -- ποιωσιν
γωνιαν«. Wenn die Kissoidenlinien sich nach einem Punkt zu neigen,
wie die Blätter des ¨Efeu¨ -- und sie hat ja davon ihren Namen -- so
bilden sie einen Winkel. Sehr auffallend ist, dass Proklos trotz der
häufigen Erwähnung der Kurve den ¨Diokles¨ nicht nennt, so wenig wie
Pappos, der ihrer zweimal gedenkt. Aber wenigstens bei Proklos ist im
Zusammenhang des Textes die Auslassung des Autornamens ganz sachgemäss,
S. 111, 6 z. B. wird von der Einteilung der Kurven durch Gemīnos
geredet, wobei die Kissoide (Kittoide) nur als Beispiel einer Figur
bildenden Kurve erwähnt wird, woraus übrigens hervorgeht, dass Gemīnos
schon die Asymptote der Kurve kannte. So liegt kein Grund vor, dass
zuverlässige Zeugnis des Eutokios zu bezweifeln. Und dies um so weniger
als Pappos auch den Namen des dritten hervorragenden Mathematikers
verschweigt, der um 200 anzusetzen ist, den des ¨Zēnodoros¨, von
dessen Lebensumständen nichts weiter feststeht, als dass er nach
Archimedes und vor Quintilian gelebt hat, also ein Spielraum von fast
400 Jahren. Aber ¨Hultsch¨ und ¨Cantor¨ setzen ihn auf Grund seiner
Sprache und seines engen Anschluss an den Gedankenkreis des Euklid und
Archimedes gewiss mit Recht in die Nähe des Archimedes, vergl. dazu
noch ¨W. Schmidt¨ Enestr. 1901 S. 8. Und man kann wohl hinzusetzen,
dass der Gegenstand, den er sich zum Vorwurf nahm, auch auf Vorangang
des Apollonios schliessen lässt. Mit dem Namen des ¨Zenodoros¨ sind
die Probleme, welche wir heute als pars pro toto, isoperimetrische
nennen, für immer verknüpft. Er selbst hat zwar seine Schrift, wie
¨Hultsch¨, Papp. III, 1189 hervorgehoben über Inhalte von gleichen
Massen, περι ισομετρων σχηματων genannt, aber man versteht heute
unter Isoperimetrie sowohl Untersuchungen über Konfigurationen, die
bei gleichen Massen der Begrenzung den grössten Inhalt haben, als
diejenigen, welche bei gleichem Inhalte grösste Begrenzung bieten. Es
ist jene hochwichtige Problemklasse aus der sich im 18. Jahrh. die
¨Variationsrechnung¨ entwickelte. Die Notiz des ¨Simplicius¨ welche
W. Schmidt, Eneström 1901 S. 5 anführt, bezieht sich m. E. nur auf die
Kreis- und Kugelmessung durch ¨Archimedes¨, welcher ja de facto in
sehr vielen Fällen den Beweis für die Isoperimetrie des Kreises und
der Kugel liefert. Die Schrift selbst ist uns inhaltlich auf dreierlei
Art erhalten, a) sowie es scheint, wörtlich, durch den Kommentar des
¨Theon¨ von Alexandrien zum Almagest (Pariser Ausgabe 1821 ¨Halma¨,
33 ff.), b) freier aber völlig zu a) stimmend durch Pappos, Buch V,
S. 308 ff.) c) Abhandlung eines Anonymos über die isoperimetrischen
Figuren, welche ¨Hultsch¨, Papp. III 1138-1165 herausgegeben hat,
ebenfalls vielfach wörtlich zu Theons Mitteilung stimmend.
Die Arbeit zerfällt in einen planimetrischen und einen stereometrischen
Teil, sie gipfelt in den Sätzen, dass unter allen ebenen Figuren von
gleichem Umfange der Kreis den grössten Inhalt hat und unter allen
räumlichen Gebilden von gleicher Oberfläche die Kugel das grösste
Volumen hat. Dass beide Sätze nicht streng bewiesen sind, braucht
kaum bemerkt zu werden, hat doch ¨Jacob Steiner¨ nicht vermocht,
den planimetrischen Satz streng zu beweisen, und der Satz über die
Isoperimetrie der Kugel ist erst 1884 von ¨H. A. Schwarz¨ mit den
Mitteln der höchsten Analysis bewiesen worden.
[Illustration]
Der ebene Teil des Werkes ist deutsch bearbeitet von ¨A. Nokk¨,
Programm Freiburg 1860. Nokk hat dort Zenodoros, der bis dahin als
Zeitgenosse des Oinopides also auf 500 v. Chr. geschätzt war, als
Epigonen des Archimedes erwiesen, auch auf die Bestätigung der
Authentizität von ¨Theons¨ Wiedergabe durch ¨Proklos¨ hingewiesen;
Friedlein S. 165 Z. 24: εστι γαρ τριγονα τετραπλευρα, καλουμενα
παρ' αυτοις ακιδοειδη παρα δε τω Ζηνοδωρω κοιλογωνια. »Es gibt eine
dreiwinklige (Figur) mit vier Seiten, von Jenen (Theudios und Euklid?)
[Lanzen] spitzenförmig geheissen, vom Zenodoros aber ¨hohlwinklig¨. Und
dieser Ausdruck kommt bei Theon vor. Zu bemerken ist, dass die Winkel
auf solche, welche kleiner als der gestreckte, beschränkt waren, d. h.
auf solche die im Dreiseit vorkommen konnten und dies noch bei Proklos,
der allerdings wie die Neuplatoniker überhaupt, archaistisch ist. Die
Figur galt also dem Euklid und Proklos als dreiwinklig, trotz ihrer 4
Ecken und 4 Seiten. Der Ausdruck ¨hohlwinklig¨ ist sehr auffallend, es
scheint aus ihm hervorzugehen, dass ¨Zenodoros¨ die Figur schon für
vierwinklig ansah und seine Lebenszeit würde dadurch noch herabgedrückt
werden, wenn es nicht wahrscheinlicher wäre, dass ein literarisch so
gebildeter Autor wie Proklos den Ausdruck eben aus ¨Theons¨ Kommentar
entlehnt hat; wodurch dann wieder sein Zeugnis für die Echtheit von
Theons Wiedergabe entkräftet würde.
[Sidenote: Zenodoros' Satz: Der Kreis ist grösser als das
isoperimetrische regelmässige Vieleck.]
Als Probe gebe ich Ihnen den Beweis des zweiten Satzes nach ¨Nokk¨.
Wenn ein reguläres Polygon mit einem Kreise gleichen Umfang hat, so hat
der Kreis den grösseren Flächeninhalt.
[Illustration]
Der Kreis sei ¯ABG¯, das reguläre Polygon von gleichem Umfange ¯DEZ¯.
Das Zentrum des Kreises sei ¯H¯, das des Polygons sei ¯T¯, man
beschreibe um den Kreis ¯H¯ das dem Polygon ¯DEZ¯ ähnliche, (Fig.).
Verbinde ¯H¯ mit ¯B¯, fälle von ¯T¯ auf ¯EZ¯ das Lot ¯TN¯ und ziehe
¯HL¯ und ¯TE¯. »Da nun der Umfang des Vielecks ¯KLM¯ grösser ist als
der Umfang des Kreises ¯ABG¯, ¨wie es vom Archimedes in seiner Schrift
über Kugel und Cylinder unterstellt wird¨, der Umfang des Kreises
¯ABG¯ aber, dem des Vielecks ¯DEZ¯ gleich ist, so ist auch der Umfang
des Vielecks ¯KLM¯ grösser als der von ¯DEZ¯. Allein die Vielecke
sind ähnlich, mithin ¯BL¯ grösser als ¯NE¯ und ¯HB¯ > ¯NT¯. Also
das Rechteck aus dem Umfang des Kreises und ¯HB¯ > als das Rechteck
aus dem Umfang des Vielecks und ¯NT¯. Allein das erste Rechteck ist
»¨wie Archimedes¨ gezeigt hat« das doppelte der Kreisfläche und das
zweite das doppelte der Fläche des Polygon und somit der Satz bewiesen
(allerdings mit Hilfe des Axiom: Archimedes Kugel und Cylinder Annahme
2).
[Sidenote: Hipparch von Rhodos.]
In diese Epoche der durch Archimedes, Eratosthenes und Apollonios
herbeigeführten Erweiterung des mathematisch-physikalischen
Gesichtskreises der Hellenen, fällt auch der grösste Beobachter des
Himmels unter den Hellenen, ¨Hipparch¨ von ¨Nicaea¨ oder auch von
¨Rhodos¨. Hipparch ist allerdings beim geozentrischen Weltsystem
stehen geblieben, obwohl kurz vorher ¨Seleukos¨, der Kopernikus des
Altertums wie ihn ¨Susemihl¨ nennt, das Weltsystem des ¨Aristarch¨ von
¨Samos¨, dessen wir beim Psammites gedachten, auf wirkliche Beweise
stützte. ¨Seleukos¨ hat auch als der erste auf den Einfluss des
Mondes für Ebbe und Flut hingewiesen und als Grund für die Annahme
der Rotation der Erde darauf, dass die Flut am Äquator am stärksten
ist. ¨Hipparchos¨ muss etwa um 190 geboren sein, seine Beobachtungen
von 161 bis 126 sind uns durch Ptolemaios erhalten, seine letzten
Beobachtungen, Mondbestimmungen, sind vom Juni 126 aus Rhodos.
Ptolemaios nennt ihn Almagest III, 2 p. 140, einen Mann von Arbeits-
und Wissenstrieb. Von seinen Schriften ist uns nur eine einzige
erhalten, eine Exegese zu den Phainomena des Eudoxos (und Aratos) in
3 Büchern, von ¨Vettori¨, Florenz 1567 Folio, herausgegeben, kritisch
und mit deutscher Übersetzung 1894 Leipz. von ¨Manutius¨. Es war
vermutlich eine Jugendarbeit, weil er darin noch nicht die vielen
Abweichungen der Beobachtungen des Eudoxos von den seinen auf die
Präzession zurückgeführt hat, die er später genau feststellte und damit
die Dauer des Jahres von 365,25 Tagen um 5′ reduzierte. Er berechnete
ferner die Exzentrizität der Sonnenbahn, wenn auch etwas zu gross,
desgleichen die der Mondbahn, legte sowohl die Sonnenbahn als die
Mondbahn durch Beobachtung der Fixsterne, welche ihre obere Kulmination
hatten wenn jene ihre untere, genau fest, gab die Entfernungen der
Sonne und des Mondes weit genauer, (namentlich letztere) an, als seine
Vorgänger, kritisierte die bisherigen Planetentheorien, und erklärte
die Ungleichheit der Jahreszeiten durch die Annahme der ¨exzentrischen
Kreisbahn¨, welche ¨Kepler¨ vielleicht die Anregung zur Auffindung
seines ersten Gesetzes gab. Hipparchs Methode die Sonnendistanz
(Parallaxe, d. h. der Winkel unter dem der Erdradius von der Sonne
aus gesehen erscheint) mittelst der Mondparallaxe zu bestimmen durch
den von ihm gegebenen Satz: »Die Summe der Parallaxen von Sonne und
Mond ist gleich der Summe der scheinbaren Halbmesser der Sonne und des
Schattenkegels der Erde«, ist theoretisch richtig. -- Das Auftreten
eines neuen Fixsternes im Jahre 134 brachte ihn auf den Gedanken einer
möglichen Eigenbewegung derselben, und er soll (vgl. ¨Gartz¨ und
¨Schaubach¨) mittelst von ihm erfundener Instrumente, Astrolabien, und
verbessertem Visierrohr oder ¨Diopter¨ (Archimedes im Psammites) die
Position und scheinbare Grösse des Sternes genau festgestellt haben.
Jedenfalls nahm er hier Veranlassung einen ¨Sternkatalog¨ anzulegen und
verzeichnete Ptolemaios zufolge selbst 1080 Fixsterne. Aus der Arbeit
von ¨Frz. Boll¨ 1901 in München entnehme ich, dass der Sternkatalog
des Hipparch zufolge des Fundes von A. Olivieris 1898 höchstens 850
Sterne umfasste, so dass die Meinung ¨Tannerys¨ und ¨Delambres¨ der
Ptolomäische Katalog sei der des Hipparch gewesen, hinfällig wird.
Sein Beweggrund war, späteren Astronomen die Erkenntnis zu ermöglichen,
nicht nur ob Sterne verschwänden und neue entständen, sondern auch, ob
sich die Lage der Fixsterne gegen einander nicht ändere und ob ihre
scheinbare Grösse nicht zu- oder abnähme. Diese Beobachtungen führten
ihn eben zur Auffindung der Präzession; denn als er die seinigen
mit etwa 100 Jahre älteren verglich, fand er, dass sich zwar die
Breiten, die sphärischen Abstände von der Ekliptik oder Sonnenbahn,
nicht geändert, wohl aber die Längen um den konstanten Betrag von
1-1/3° vergrössert hatten, d. h. also, dass die Äquinoktialpunkte
auf der Ekliptik gegen die Bewegung der Sonne hin fortrückten. Wir
verdanken auch diese Kunde dem Almagest, die theoretische Erklärung der
Präzession durch die Rotation der Erdaxe um die Axe der Ekliptik aus
der Anziehung von Sonne, Mond, Jupiter etc. auf dem Wulst des Äquators
gab erst D'Alembert.
[Sidenote: Heron von Alexandria.]
¨Hipparch¨ wird aber auch als der Begründer der ¨Trigonometrie¨
angesehen, wenn überhaupt von einem solchen (vgl. Ägypten) die Rede
sein kann. ¨Theon¨ teilt uns in dem schon erwähnten Kommentar zum
Almagest mit, dass jener in einem grösseren Werke περι της πραγματειας
των εν τω κυκλω ευθειων eine Sehnentafel gegeben. Siehe hierzu die
Bestätigung bei ¨Heron¨ in der Metrik S. 58, 3. 19, wo der Titel (s. u.
Heron) angegeben ist. Es steht jetzt so ziemlich fest, dass die ganze
Sexagesimalbruchrechnung inkl. Wurzelausziehung Eigentum des ¨Hipparch¨
war (cf. ¨Hultsch¨, die Sexagesimalrechnungen in den Scholien zu
Euklids Elementen, Biblioth. Math. 5, 1904, 225).
Nach arabischen Nachrichten hat er auch über quadratische Gleichungen
geschrieben und durch Strabon sind wir über seine Schrift προς
Ερατοσθενην gut unterrichtet. In den beiden ersten Büchern gab er
eine scharfe und nicht immer gerechte Kritik, denn genaue Längen- und
Breitebestimmungen waren dem Eratosthenes nicht möglich, im dritten
die Begründung seines eigenen Systems und die Tabellen der Breiten von
12 Städten und Bestimmung der Finsternisse. Wenn man von Eratosthenes
Sphragides absieht, ist Hipparch auch als Begründer des ¨sphärischen
Koordinatensystems¨ anzusehen.
An Hipparch, den Astronomen, schliessen wir Heron, den Mechaniker an; ὁ
μηχανικος nennt ihn ¨Proklos¨, Fried. 305, 24; 346, 13, und in der Tat
ist er in Mechanik und Technik geradeso der Lehrer der Welt gewesen wie
Euklid für Geometrie. Ob Heron Nachfolger oder Vorläufer des Hipparch
gewesen ist, steht nicht einmal absolut fest. Doch wird in der Metrik
die von Theon erwähnte Schrift unter dem Titel περι των εν κυκλω
ευθειωνπερι των εν κυκλω ευθειων als vollkommen bekannt zitiert.
[Sidenote: Lebenszeit.]
Die sogen. ¨Heronische Frage¨ ist eine der diffizilsten, die Ansichten
der berühmtesten Historiker schwanken zwischen dem 3. Jahrh. v. Chr.
und dem zweiten Jahrh. n. Chr. Ein Forscher von dem Range ¨Diels¨
setzt ihn um 100 n. Chr., ¨De Vaux¨ und ¨Paul Tannery¨ sogar um 200,
der Herausgeber der neuesten Gesamtausgabe ¨W. Schmidt¨ setzt ihn etwa
auf 56 v. Chr. Dem gegenüber stehen ¨Susemihl¨, der genaue Kenner der
Hellenistik, der ihn um 200 v. Chr. ansetzt und ¨M. Cantor¨, der ihn
um 100 v. Chr. setzt. Ich glaube, dass Cantor im ganzen das Richtige
getroffen und neige dazu Herons Geburt etwa um 150 zu setzen und
stimme der Beweisführung ¨Edmund Hoppes¨ im Programm des Hamburger
Wilhelm-Gymnasiums von 1902 bei, welche ich noch bekräftigt finde durch
die von ¨H. Schoene¨ 1903 zum ersten Mal herausgegebene »Metrika«,
deren Handschrift ¨R. Schoene¨ 1896 im Codex Constantinopolitanus
aufgefunden hatte. Da Programme bekanntermassen wenig bekannt zu werden
pflegen, so setze ich den Schluss der ¨Hoppe¨'schen Arbeit hierher, und
um so lieber, als ich bedauerlicherweise vergessen habe, diese tüchtige
Arbeit in der 2. Aufl. meiner Methodik von 1907 unter den historischen
Programmen anzuführen, obwohl sie mir seit 1903 bekannt war. Hoppe
schliesst: Wenn er den älteren Poseidōnios zitiert hat, rückt Heron
gänzlich in das zweite Sec. v. Chr. »Dahin passt er auch seinem ganzen
Inhalte nach durchaus. Heron steht ausschliesslich auf den Schultern
des Archimedes und Ktesibios in seiner Mechanik und Pneumatik, in der
Philosophie und Mathematik ist er abhängig von Aristoteles, Platon,
Pythagoras und Euklid, welche er alle zitiert. Alles Spätere ist
für Heron nicht vorhanden. Heron aber geht über seine Quellen weit
hinaus. Die physikalischen Anschauungen, welche er in der Einleitung
zur Pneumatik darlegt, hat vor ihm keiner und auch nach ihm keiner.
Wohl in Einzelheiten finden sich bei früheren Anklänge, aber ein solch
umfassendes Wissen von der Mechanik der Gase, von der Elastizität etc.
hat keiner seiner Vorgänger. Nach ihm hat man dies alles nicht mehr
verstanden, die römischen Epigonen griechischer Kulturwelt konnten
wohl Automaten und Wasserorgeln nachmachen, aber seine physikalischen
Gedanken begriffen sie nicht. Das charakterisiert Heron als den letzten
einer untergehenden Schule. Darum muss man Heron ansetzen zu einer
Zeit, wo Ägypten vor einer Katastrophe stand, nach einer Periode der
Blüte. Diese Blüte war unter den Ptolemäern, die Katastrophe war das
Einsetzen der Römerherrschaft. Somit spricht alles für den Ausgang des
zweiten sec. a. Chr. Macht man, wie Schmidt es will, Philon von Byzanz
und Ktesibios zu Zeitgenossen des Archimedes, so wäre möglich für Heron
die Zeit am Anfang des zweiten sec. anzunehmen. Setzt man Ktesibios
an das Ende des zweiten sec., so bleibt für Heron die Zeit um 100 n.
Chr., wie Cantor annimmt, bestehen; ein weiterer Spielraum scheint
ausgeschlossen.«