1. Der sich bewegende Körper, der durch unzählig viele Punkte
hindurchgehen müsste, was nicht möglich.
2. Der ¨Achilleus¨; Achilleus, der 100mal schneller als die Schildkröte
ist, kann diese, wenn sie einen Vorsprung von einem Stadion hat, nicht
einholen, denn während er das Stadion zurücklegt, kommt die Schildkröte
um 0,01 vorwärts, und so fort in inf.
3. Der fliegende Pfeil müsste in einem bestimmten Augenblick an einem
bestimmten Orte sein und nicht sein.
Ein vierter Beweis bezieht sich auf die Relativität der Bewegung.
(Einem ruhenden Körper gegenüber scheint die relative Bewegung zweier
sich mit gleicher aber entgegengesetzter Geschwindigkeit bewegender
Körper verdoppelt.) Sie sehen, wie bei Zeno der Begriff der unendlichen
Reihe nach Gestaltung ringt; den infinitären Prozess hat er erfasst,
aber noch nicht seinen Abschluss, den ¨Grenzbegriff¨, auf dem die
¨Konvergenz¨ der Reihe beruht, und der zugleich das ¨Differential¨
liefert. Den hat erst ein grösserer als Zeno, den hat ¨Demokrit¨
erkannt. Aber Sie sehen auch, dass die ganze Lehre von der Bewegung,
von der Veränderung überhaupt, von der Stetigkeit, von der Grenze
ihre Quelle bei ¨Zeno¨ hat, der seinerseits in der Erfassung des
Widerspruchs an die Pythagoräer anknüpft.
Die Bearbeitung der Paradoxien des Zeno hat sehr viel Gedankenarbeit
hervorgerufen, ist doch nach ¨Hegel¨ die Auflösung des Widerspruchs
die Hauptarbeit des menschlichen Geistes. Die Paradoxien des Zeno
kehren in anderer Form immer wieder. Es genügt, an ¨Berkeley¨ zu
erinnern und seine Kritik des infiniment petit. Aber sie haben noch
heutigen Tages ihre Geltung für nicht hinlänglich philosophisch
durchgebildete Mathematiker, erst vor wenigen Wochen las ich in einer
mir zur Durchsicht gegebenen pädagogischen Arbeit so ziemlich dieselben
Einwände.
Insbesondere haben sich, wie in der Natur der Sache liegt, die
Scholastiker mit Zenon beschäftigt, und namentlich der grösste der
Scholastiker und einer der grössten Denker überhaupt, ¨Thomas von
Aquino¨, hat die Paradoxien mit grossem Scharfsinn kritisiert.
Die völlige Überwindung der Schwierigkeiten danken wir ¨Galilei¨,
¨Leibniz¨, ¨Bolzano¨, an den ¨Kerry¨ in Versuch eines Systems der
Grenzbegriffe anknüpft. Aber vor allen diesen, insbesondere auch
vor ¨G. Cantor¨, hat ¨Aristoteles¨ das schwierigste Paradoxon, B 1,
aufgeklärt. Die einzelnen Punkte der Raum- und Zeitstrecke zwischen
Anfang und Ende der Bewegung lassen sich gegenseitig eindeutig einander
zuordnen, d. h. in der Sprache ¨G. Cantors¨: die Raum- und Zeitstrecke
sind von gleicher ¨Mächtigkeit¨, und dieser so hochmoderne Begriff hat
seine Quelle bei ¨Aristoteles¨, der Zeno gradezu als den ¨Erfinder der
Dialektik¨ bezeichnet.
Was den Achilleus betrifft, so bildet er heutzutage eins der typischen
Beispiele der Grenze, indem die Differenzen zwischen den Reihenzahlen
1,[=01] und [1-1/9] eine ¨Nullreihe¨ bilden.
Mit den Paradoxien des Zeno haben sich auch ¨Bayle¨, ¨Descartes¨
und ¨Leibniz¨ beschäftigt, von Neueren nenne ich ¨Ch. L. Gerling¨
(Marburg). ¨Ed. Wellmann¨, Prgr. Frankf. a. O. 1870, ¨P. Tannery¨,
Rev. philos. B. X, 1885. ¨Tannery¨ behauptet, dass Zeno nur habe
beweisen wollen, dass der Raum nicht aus Punkten, die Zeit nicht
aus Augenblicken bestehe, aber ohne Beweise für seine Behauptung
beizubringen. Diese Sätze selbst sind von ¨Aristoteles¨ Phys. VI, 1,
231 a 24 bewiesen. Ich erwähne noch ¨J. H. Loewe¨, Böhm. Gesellsch. d.
Wiss. VI. Folge 1. Bd. 1867, und ¨Überweg¨, System d. Logik 5. Aufl.
1882 S. 245 ff.
[Sidenote: Paradoxien des Zenon; Anaxagoras, Oinopides.]
Das Mathematikerverzeichnis des ¨Proklos¨ erwähnt den Zeno
nicht, es wertet die »Begriffsmathematiker« nicht, sondern grade
so wie noch heute, zählt es nur die doch gegen jene sekundären
»Problemmathematiker«, die geschickten Handwerker der Mathematik, zu
den wirklichen Mathematikern. Zunächst wird ¨Anaxagoras¨ erwähnt, aber
nicht als Philosoph, nicht wegen des monotheistischen Prinzipes, der
Vernunft, des νους, der die Welt geordnet hat, sondern weil er sich
im Gefängnis mit der Quadratur des Zirkels beschäftigt hat. Danach
wird ¨Oinopides¨ genannt, der die Konstruktion des zu fällenden Lotes
aus Ägypten importiert haben soll, und es fährt dann mit Hippokrates
aus Chios fort, den man nicht mit Hippokrates aus Kos, dem Vater
der Medizin, verwechseln darf. Proklos sagt: »Nach diesen wurden
¨Hippokrates der Chier¨, der die Quadratur der Möndchen fand, und
¨Theodoros¨ aus Kyrene in der Mathematik berühmt.«
[Sidenote: Hippokrates von Chios und seine Möndchen.]
¨Hippokrates¨ gehörte dem Pythagoräischen Kreise an, ¨Aristoteles¨
erwähnt seiner als eines Menschen, der im gewöhnlichen Leben unbeholfen
und stumpfsinnig gewesen, »βλαξ και άφρων,« und doch ein tüchtiger
Mathematiker. (Übrigens auch heute noch nichts Seltenes.) Nach Verlust
seines Vermögens soll er in Athen von mathematischem Unterricht gelebt
haben. Ob er wirklich Mitglied des Bundes war, ist nicht sicher,
jedenfalls knüpft seine Beschäftigung mit der Quadratur und der
Winkelteilung an den Gedankenkreis der Pythagoräer an. Seine Blütezeit
fällt etwa um 430 v. Chr.
[Sidenote: Lunulae Hippocratis.]
Ihnen allen sind ja die Lunulae Hippocratis bekannt. Sie haben den Satz
gelernt in der Form: die beiden Halbmonde, begrenzt von den Halbkreisen
über den Katheten nach aussen und dem über der Hypotenuse nach innen
sind gleich dem rechtwinkligen Dreieck. Und dieser Satz steht als
Satz des Hippokrates selbst in der 6. Aufl. des einzigen in bezug auf
historische Angaben zuverlässigen Elementarbuches, das ich kenne, »die
Elemente der Mathematik« von ¨R. Baltzer¨, ja selbst im ¨Rouché¨ von
1900.
¨Hippokrates¨ hat nur einen Mond (Meniskos, lunula) quadriert und
zwar zuerst den, dessen äusserer Bogen der Halbkreis, dessen innerer
der Quadrant ist. Den allgemeinen Satz von den Lunulae gleich dem
rechtwinkligen Dreieck fand ich weder bei ¨Heron¨, noch ¨Pappos¨, noch
bei Cardano, Vieta, Clavius, Gregorius a. St. Vincentio, und Sturm,
wohl aber in der Ausgabe des ¨Taquet¨ von ¨Whiston¨ und zwar schräg
gedruckt, also nicht von Taquet herrührend, und noch früher in der 4.
Ausgabe der Elemente der Geometrie von 1683 bei ¨Pardies¨, Soc. Jesu.
Der Satz ist aber zweifelsohne erheblich älter. -- Die Arbeit des
Hippokrates ist durch einen Glücksfall erhalten.
¨Simplicius¨ aus Kilikien, der Neuplatoniker, der zu den von Justinian
529 vertriebenen Professoren der Hochschule Athen gehörte, hat einen
umfangreichen Kommentar zur Physik des Aristoteles verfasst und uns
darin ein Bruchstück aus des ¨Eudemos¨ Geschichte der Mathematik
aufbewahrt. Es ist zuerst von ¨Bretschneider¨ griechisch und deutsch
1870 publiziert nach der lateinischen Ausgabe ¨L. Spengel's¨: »Eudemi
Rhodii Peripatetici Fragmenta quae supersunt.« Berlin 1865, 2. Aufl.
1870, während der Kommentar des Simplicius schon 1526 bei Aldus
Manutius in Venedig gedruckt ist und 1882 in dem grossen Kommentar der
Aristoteles-Ausgabe der Berliner Akademie von ¨H. Diels¨.
Die wichtigste neuere Arbeit zur Simpliciusfrage ist die von ¨Rudio¨
1902 in der Bibliotheca mathematica von Eneström: »Der Bericht des
Simplicius über die Quadraturen des Antiphon und des Hippokrates.«
Aristoteles bekämpft in seiner Physik im 1. Buch an einer Stelle die
eleatische Weltanschauung, die das Seiende als eins und unwandelbar
auffasste, und erklärt dabei, dass man nicht alle falschen Sätze
widerlegen müsse, sondern nur solche, die nicht schon von vornherein
gegen die Prinzipien verstossen, und als Beispiel gibt er an: So ist
zum Beispiel der Geometer verpflichtet, die Quadratur (sc. des Zirkels)
mittelst der Segmente zu widerlegen, die des Antiphon aber nicht. Und
hierzu gibt Simplicius einen Bericht über die genannten Quadraturen,
der für uns vorn historischen Standpunkt aus gradezu unschätzbar ist.
Es ist ¨Rudio¨ gelungen, nach Vorarbeiten von ¨P. Tannery¨, dem
vor kurzem gestorbenen grossen Kenner hellenischer Mathematik und
hellenischer Wissenschaft, und ¨Allman¨, seinem englischen Nebenbuhler,
den Text des Eudemos wohl so ziemlich endgültig festgestellt zu haben.
Rudio hat durch eine einzige, ganz nahe liegende, schlagend einfache
Konjunktur Licht und Klarheit in den ganzen Bericht und zugleich in den
Gedankengang des Hippokrates gebracht und zugleich sein Urteil über
Simplicius als eines durchaus tüchtigen Mathematikers, wie dies ja
von Simplicius dem Philosophen schon feststand, begründet. Es handelt
sich um das Wort τμήμα, das von τεμνω schneiden herkommt und allgemein
irgend einen Abschnitt, im speziellen Kreissegment, bezeichnet, aber
auch, wie Rudio bemerkt, den Sektor und an der entscheidenden Stelle
kann es nur Sektor heissen; dann lautet die Stelle nach Rudio:
»Aber auch die Quadraturen der Möndchen, die als solche von nicht
gewöhnlichen Figuren erschienen wegen der Verwandtschaft mit dem
Kreise, wurden zuerst von Hippokrates beschrieben und schienen nach
rechter Art auseinandergesetzt zu sein, deshalb wollen wir uns
ausführlicher mit ihnen befassen und sie durchnehmen. Er bereitete sich
nun eine Grundlage und stellte als ersten der hierzu dienenden Sätze
den auf, dass die ähnlichen Segmente der Kreise dasselbe Verhältnis
haben wie ihre Grundlinien in der Potenz (δύναμις), d. h. im Quadrat.
Dies bewies er aber dadurch, dass er zeigte, dass die Durchmesser in
der Potenz dasselbe Verhältnis haben wie die Kreise. Wie sich nämlich
die Kreise verhalten, so verhalten sich auch die ähnlichen Sektoren
(τμήματα). Ähnliche Sektoren nämlich sind die, die denselben Teil des
Kreises ausmachen wie z. B. Halbkreis und Halbkreis und Drittelkreis
und Drittelkreis; deswegen nehmen die ähnlichen Segmente auch gleiche
Winkel auf. Und zwar sind die aller Halbkreise rechte und die der
grösseren kleiner als rechte, und zwar um so viel, um wie viel die
Segmente grösser als Halbkreise sind, und die der kleineren grösser und
zwar um so viel, um wie viel die Segmente kleiner sind.«
Sie sehen, Hippokrates kannte die Sätze vom Peripheriewinkel
ganz genau; er hat den wichtigen Satz Euklid, Elem. XII, 2;
k : k´ = d^2 : d´^2 bewiesen, vermutlich wie Euklid, ihm war
die Ähnlichkeitslehre völlig vertraut wie allerdings schon den
Pythagoräern, er kannte, wie aus dem folgenden hervorgeht, auch den
sogenannten ¨erweiterten¨ Pythagoras.
Was nun die Quadratur der Halbmonde betrifft, so kann es keinem Zweifel
unterliegen, dass Hippokrates von folgender von Tannery, aber auch
schon einige Jahrhunderte früher von ¨Vieta¨, angegebenen Erwägung
ausgegangen ist:
ε : i = p : q z. B. 5 : 3; ε/5 = i/3 und ε/p = i/q
Dann sind die Segmente e_{1} und i_{1}, welche von den kleinen
Sehnen abgeschnitten werden, ähnlich und es ist e_{1} : i_{1} =
r_{e}^2 : r_{i}^2. Wenn nun r_{e}^2 : r_{i}^2 gleich q : p gemacht
wäre, so wäre e_{1} : i_{1} = q : p (hier 3 : 5) und damit pe_{1} =
qi_{1}, d. h. aber ¨der Sehnenzug im äusseren Bogen schneidet so viel
an Fläche ab, als der des inneren hinzubringt¨ und das Möndchen ist
gleich der von des beiden Sehnenzügen begrenzten geradlinigen Figur.
Damit aber der Halbmond quadrierbar sei, ist nötig, dass die Figur mit
Zirkel und Lineal konstruiert werden könne, und dies tritt ein für p/q
= 2/1; 3/1; 3/2; 5/1; 5/3.
Sie sehen aus der Gleichung Winkel ε/i = p/q = r_{i}^2/r_{e}^2 oder
r_{e}^2 . ε = r_{i}^{2}i, dass die Sektoren AEB und AJB flächengleich
sein müssen, dazu ist AB = AB, also r_{e} sin ε/2 = r_{i} sin i/2, also
haben wir die entscheidende Gleichung: √p . sin i/2 = √q . sin ε/2.
[Illustration]
Die elementare Behandlung findet sich bei ¨Vieta¨ (Variorum de rebus
mathem. responsorum liber VIII 1593). ¨Hippokrates¨ hat die Fälle 2/1,
3/1, 3/2 erledigt; die Fälle 5/1 und 5/3 von ¨Th. Clausen¨, Crelle 21
(1840). Sämtliche 5 quadrierbare Möndchen finden sich aber schon in
der Dissertation von M. ¨J. Wallenius¨ (Abveae 1766). Vgl. den Artikel
6 bei ¨M. Simon¨, Über die Entwicklung der El. Geom. im 19. Jh. p. 73
(1906). Der Fall 2/1 ist der bekannteste, er sichert Hippokrates das
Verdienst, die erste krummlinige Figur quadriert zu haben. Den Fall
3/2 findet man ausführlich bei ¨F. Enriques¨ Questioni riguardanti
la Geom. elem. (1900) p. 518, er bietet, trigonometrisch behandelt,
keinerlei Schwierigkeit. Den Fall 4/1 behandelt ¨Vieta¨. Er führt auf
eine reine Gleichung 3. Grades und damit auf die ¨Verdoppelung des
Würfels¨, und dass Hippokrates diesen Weg gegangen, das geht klar
daraus hervor, dass er nach dem Zeugnis des ¨Proklos-Geminos¨ und
dem wichtigeren des ¨Eratosthenes¨ das Problem auf die Einschiebung
zweier mittleren Proportionalen zwischen a und 2a zurückgeführt hat,
a : x = x : y = y : 2a und so Proklos zufolge das erste Beispiel einer
απαγωγή, einer Zurückführung eines Problems auf ein anderes, noch
dazu in einem über das Elementare hinausgehenden Fall geliefert hat.
¨Hippokrates¨ ist auch der erste Grieche, der »¨Elemente¨« geschrieben
hat, wie Proklos im Mathematikerverzeichnis angibt, und sie können nach
dem Muster von Hippokrates Darstellung aus des Simplicius Kommentar in
der Form nicht sehr wesentlich vom Euklid verschieden gewesen sein,
wenn nicht Eudemos (oder Simplicius) redigiert haben. Hippokrates hat
dann auch noch, wie wir bei Simplicius lesen, die Summe eines Mondes
und eines Kreises quadriert, den Zirkel selbst natürlich nicht, obwohl
er höchstwahrscheinlich bei der Suche nach dieser Quadratur auf seine
Monde gekommen ist.
[Sidenote: Antiphon.]
[Sidenote: Bryson.]
Der gleichzeitig erwähnte ¨Antiphon¨, ein Sophist, Zeitgenosse des
Sokrates, glaubte die Quadratur des Zirkels dadurch gefunden zu
haben, dass er in den Kreis ein reguläres Polygon, z. B. ein Quadrat
einschrieb, dann über die Seiten gleichschenklige Dreiecke u. s. f.,
und annahm, dass eines dieser Polygone dem Kreise gleich sein müsste.
Wenn nun auch Aristoteles die Annahme des Antiphon als gegen die
Prinzipien der Logik verstossend scharf getadelt hat, so hat doch
¨Hankel¨ vollständig recht, wenn er sagt: er verdient einen ehrenvollen
Platz in der Geschichte der Geometrie, denn er hat, als der erste, den
völlig richtigen Weg betreten, um den Flächeninhalt eines krummlinigen
Raumes zu ermitteln, indem er ihn durch Vielecke von immer wachsender
Seitenzahl zu erschöpfen (exhaurire) suchte. Der gleichzeitig mit ihm
genannte ¨Bryson¨ hat dann das umgeschriebene Polygon hinzugefügt;
lächeln wir auch heute über seinen Schluss, »weil der Kreis zwischen
dem ein- und umgeschriebenen Quadrate 2r^2 und 4r^2 so schön in der
Mitte liege, wie 3 zwischen 2 und 4, so müsste der Kreis gleich 3r^2
sein,« so haben doch Antiphon und Bryson den Weg gewiesen, auf dem dann
¨Archimedes¨ gegangen und der das Riesenproblem beherrscht hat, bis er
schliesslich Vieta zu dem unendlichen Produkt für π/2 führte.
Auf Hippokrates und seine Elemente folgt bei Proklos unmittelbar
¨Platon¨, aber eine Geschichte der Mathematik, welche zugleich auf die
Begriffsbildung Wert legt, darf an den beiden ihm an Tiefe ebenbürtigen
Vorgängern ¨Heraklit¨ und ¨Demokrit¨ nicht vorübergehen.
[Sidenote: Heraklit.]
¨Heraklit¨, Ηράκλειτος, aus Ephesos in Kleinasien, aus der angesehenen
Familie des Gründers von Ephesos, des Kodriden Androklos, war ein
Zeitgenosse des Xenophanes, er hat seine Blütezeit um 500. Wir haben
als Hauptquellen für seine Lehre die Fragmente seiner einzigen Schrift
περι φύσεως (Von der Natur, ed. von ¨H. Diels¨ 1901) und Platons
Dialog ¨Kratylos¨, ferner ¨Aristoteles¨ und seine Kommentatoren.
Daneben kommen ¨Plutarch¨ und ¨Diogenes Laertios¨ in Betracht. Eine
für ihre Zeit ausgezeichnete Darstellung gab der bekannte ¨Ferdinand
Lassalle¨ in seiner Schrift »Die Philosophie Herakleitos des Dunkeln,«
Bd. 2, Berlin 1858, aus neuester Zeit nenne ich ¨W. Kinkel¨, l. c.
1906. ¨H. Diels¨, Her. von Eph., Berl. 1901, ¨P. Natorp¨, Neue
Heraklitforschung, Ph. Monatsh. 24. Heraklit, der Dunkle, ὁ σκοτεινός,
war kein Systematiker, aber vor seinen tiefsinnigen, orakelhaften
Weisheitssprüchen stand das ganze Altertum voll staunender Ehrfurcht.
Er erinnert an ¨Nietzsche¨, der formaliter und materialiter sehr viel
von Heraklit entlehnt hat. Am bekanntesten ist das πάντα ῥεῖ, alles
fliesst; πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει, alles weicht und nichts bleibt;
-- πόλεμος πατήρ πάντων, der Streit ist der Vater der Dinge. In der
Kosmologie knüpft Heraklit zunächst an seine Ionischen Landsleute, an
Anaximander und besonders an dessen schwächeren Nachfolger Anaximenes
an, der die Luft als Grundstoff (ὑλη) ansah. Heraklit nimmt das Feuer
als Substanz aller Dinge an, aber ein ideales Feuer, das zugleich die
Weltvernunft, der ¨Logos¨, die Weltseele ist. Im bewussten Gegensatz
zu den Eleaten, insbesondere zu Xenophanes, denn Parmenides ist
jünger, leugnet er alles Sein, und erfasst die Welt als in beständiger
Veränderung, in ewigem Wechsel befindlich. »Wir steigen nicht zweimal
in denselben Strom.« Ein Schein des Beharrens wird nur dadurch erzeugt,
dass Abfluss und Zufluss des Feuers annähernd gleich ist. Er ist in
noch höherem Masse und mit voller Klarheit Pantheist als Xenophanes.
Das Urfeuer oder die Gottheit, ist, in beständiger Umwandlung
begriffen, in allem, soweit es überhaupt ist. »Dieses Weltganze
(Kosmos) hat keiner von allen Göttern und keiner von allen Menschen
geschaffen, sondern es war, ist und wird sein ein ewig lebendiges
Feuer, das sich entzündet und verlöscht nach bestimmter Ordnung.« Man
sieht, es ist die ¨Kategorie Bewegung¨, die er, etwa wie seinerzeit
¨Ad. Trendelenburg¨, als das Bleibende im Wechsel setzt, während die
Eleaten grade die Bewegung leugneten. Und indem ihm der Widerspruch im
Begriff des Werdens, das zugleich ein Sein und Nicht-sein ist, nicht
entging, fasste er eben diesen Widerspruch als »Vater der Dinge«.
¨Hegel¨ hat in seiner Logik an Heraklit angeknüpft, der Widerspruch,
überall vorhanden und doch für uns undenkbar, erfordert seine Auflösung
und Versöhnung als unsere geistige Arbeit. Die späteren Stoiker
schliessen sich direkt an Heraklit an wie auch ¨Philon¨ von Alexandria
in seiner Logos-Lehre. Für uns kommt vom Standpunkt der exakten
Wissenschaft besonders in Betracht, dass sich bei ihm der erste Gedanke
eines ¨physikalischen Kreisprozesses¨ findet. »In dieselben Ströme und
aus denselben steigen wir.«
Rein mathematisch ist von Bedeutung die grosse Betonung der
Veränderlichkeit aller Werte und Grössen; auffallend ist es, dass er,
der kein Entstehen und Vergehen der Materie, sondern eine beständige
Bewegung gelehrt hat, das Zeitproblem, wie es scheint, nie gestreift
hat.
Die Dunkelheit des Heraklit erklärt sich zum Teil daraus, dass er für
seine tiefe Lehre vom Logos keine termini technici vorfand, welche
begriffliches Denken mitteilsam machen, immerhin ist er der erste
Philosoph, welcher das Problem der Erkenntnis als solches empfunden
hat, »εδιζησαμην εμαυτον« (ich suchte mir mich selbst zu verschaffen).
[Sidenote: Empedokles, Sophisten.]
Ich übergehe ¨Empedokles¨ aus Agrigent, so wichtig er auch für die
Physiker und Chemiker ist, denn er hat zuerst die 4 Elemente, Feuer,
Wasser, Luft und Erde, als qualitativ und quantitativ unveränderliche
Urstoffe aufgestellt, um mich zu den sogen. Atomikern zu wenden zum
Leukipp und seinem grossen Schüler ¨Demokrit¨. Vorher aber noch
ein paar Worte über die so übel berüchtigten »¨Sophisten¨«, deren
Bekämpfung das Leben des Sokrates galt, und zugleich der Tod. Denn
dadurch, dass er jene mit ihrer eignen Waffe, der Dialektik, bekämpfte,
hielt ihn das Volk für den Hauptsophisten, und er fiel dem Aufbäumen
des Volksgeistes gegen die unsittliche Lehre der Sophisten zum Opfer.
Das geistige Haupt der Sophisten ist ¨Protagoras¨ aus Abdera, von
480-410; von Zeno, Heraklit und Leukipp beeinflusst, war er an sich von
durchaus ernster, wissenschaftlich nicht unbedeutender Beschaffenheit,
so schildert ihn auch der gleichnamige Dialog des Platon, ein Kunstwerk
ersten Ranges.
Indem Protagoras ganz wie ¨Kant¨ empfand, dass wir das Ding an
sich nicht erkennen, sondern nur unsere Wahrnehmung, kam er zu dem
Faustischen: »Seh ein, dass wir nichts wissen können,« wenigstens
nichts von allgemeiner, sondern nur etwas von subjektiver Wahrheit. Und
indem er ausspricht, dass ¨unsere¨ Wahrnehmung, für ¨uns¨ wahr ist,
formulierte er den Satz: »¨Der Mensch ist das Mass der Dinge.¨« Von
diesem Standpunkt aus kamen seine Nachfolger Gorgias, Hippias etc. zu
einer Verwerfung aller sittlichen Normen und von allen Wissenschaften
blieb nur die Dialektik übrig oder die Rhetorik, die Kunst, den eignen
Willen, das eigene Mass, den anderen aufzuzwingen. Zeitlich traf ihre
Blüte mit dem grossen Aufschwung des öffentlichen Lebens in Hellas
nach den Perserkriegen zusammen, wodurch eine zweckmässige Vorbildung
der Staatsmänner nötig wurde. Die Sophisten fanden daher als Lehrer
der Redekunst gewinnreiche Tätigkeit, Protagoras selbst war ein sehr
geschätzter Wanderlehrer. So haben die Sophisten, die prinzipiellen
Gegner des Wissens, dennoch die Wissenschaft der Satzbildung, der
Grammatik, des Wohlklangs gradezu geschaffen, und was sie für uns
Mathematiker wichtig macht, sie haben die Lehre vom Beweis mächtig
gefördert.
Ich komme zu den Atomikern. Vom ¨Leukipp¨ wissen wir so wenig, dass
¨Epikur¨ meinen konnte, er habe gar nicht existiert. Das Zeugnis des
¨Aristoteles¨ ist aber unanfechtbar. Leukipp ist wohl der Urheber des
Grundgedankens, aber in der überragenden Persönlichkeit seines Schülers
¨Demokrit¨ ist er verschwunden. Zeller fasst beide zusammen als
Atomiker.
[Sidenote: Demokrit.]
¨Demokrit¨ ist in ¨Abdera¨ etwa um 470 geboren, und ist zwischen 90
und 100 Jahre alt geworden. An umfassender Bildung nur dem Aristoteles
vergleichbar, hat er das Wissen, das er auf vielen Reisen, insbesondere
nach Ägypten und Babylonien, erworben, in einer Reihe von Schriften
niedergelegt, von denen leider zurzeit nur wenige Bruchstücke,
meist ethischen Inhalts, erhalten sind. Glücklicherweise hat sich
¨Aristoteles¨ sehr viel mit Demokrit beschäftigt, während Platon in
auffallender Weise über ihn schweigt. Platon neigt überhaupt nicht
zu literarischen Angaben in seinen Dialogen, und wird wohl in seinen
Vorlesungen sich genügend mit Demokrit beschäftigt haben, auch konnte
er die Lehre des Demokrit zu seiner Zeit als bekannt voraussetzen.
Jedenfalls ist beim Charakter Platons irgendwelche böswillige
Absichtlichkeit zurückzuweisen. Soviel steht fest, je tiefer die
Quellenforschung ging, um so höher ist die Gestalt des Demokrit
emporgewachsen, den wir jetzt neben Platon und Aristoteles als den
dritten grossen Hellenischen Philosophen werten. Trotz des geringen
Umfangs der erhaltenen Fragmente können wir uns von der Fülle und
Kühnheit seiner Gedanken ein ziemlich deutliches Bild machen.
Mit den ¨Eleaten¨ hat er die Ewigkeit und Unveränderlichkeit des
Seienden gemeinsam, die Überzeugung von der Unzerstörbarkeit der
Materie. Aber ¨Heraklit¨ missverstehend, fassten jene sein »Werden«
als ein Vergehen und Entstehen der Materie und nicht als einen Wechsel
der Form im Kreisprozess, und da sie den Unterschied zwischen »Werden«
und »Veränderung« verfehlten, leugneten sie schlankweg die Bewegung
und damit die ganze erkenntnistheoretische Physik der Erscheinung,
welche ja in der reinen Bewegungslehre besteht. Hier setzen Leukipp
und ¨Demokrit¨ ein, sie müssen den Begriff der Materie umarbeiten, um
die Bewegung begreiflich zu machen. Das Seiende ist ihnen nicht, wie
dem ¨Parmenides¨, die kugelförmig gedachte, lückenlose Masse alles
reell Existierenden, sondern es sind die unteilbaren, αδιαιρητα,
Atome, ὁι ατομοι, die er hochmodern als der ουσια, dem Wesen nach,
ganz gleich denkt, nur mathematisch, d. h. in bezug auf Figur, Grösse
und Zahl verschieden. Leukipp und Demokrit haben den Begriff des Atoms
geschaffen, diesen Hilfsbegriff, den Physik und Chemie bis auf den
heutigen Tag und in alle Zukunft nicht entbehren können; ein sehr
bekannter Chemiker sagte mir: »Was ¨Demokrit¨ über die Atome gesagt,
bildet die beste Einleitung zu einem modernen Lehrbuch der Chemie.«
Und von ¨Heraklit¨ entnahm er den Gedanken der beständigen Bewegung
und Veränderung in der Zusammensetzung der Atome zu Molekülen. Die
Atome bewegen sich ewig und anfangslos, weil das in ihrem Wesen liegt,
nach einem Grund dieser Bewegung zu fragen, erklärt er für töricht,
wie etwa die Frage, warum ein Löwe Fleisch frisst. Dass aber die Atome
sich ¨bewegen können¨, das liegt daran, dass sie voneinander durch den
¨leeren Raum¨ getrennt werden, und auch dieser für die Mathematik so
entscheidend wichtige Grenzbegriff des leeren Raumes und der Porosität
hat bei Demokrit seine Formulierung gefunden, denn »das Leere« (το
κενόν) der Pythagoräer ist wohl nur ein Synonym für Raum überhaupt,
obwohl selbstverständlich Keime für Demokritische Gedanken bei den
Pythagoräern liegen.
Dieser leere Raum, von dem er mit ironischer Anpassung an des
Parmenides »ἔστι γὰρ εἶναι, μηδὲν δ΄ οὐκ ἔστι« (Es gibt ein Sein, ein
Nichtsein gibt es nicht) sagt, dass er das Nichts ist, ermöglicht alles
wirkliche Sein der Aussenwelt. ¨Aristoteles¨, Metaph. I, 4, 985b:
Λευκιππος δε και ὁ ἑταιρος αυτου Δημοκριτος στοιχεια μεν το πληρες και
το κενον ειναι φασι, λεγοντες τι μεν ον το δε μη ον, το 'των δε τι μεν
πληδες και στερεον το ον, το δε κενον γε και μανον το μη ον, αιτια δε
των οντων ταιτα ως ὑλην. Leukipp und Demokrit, sein Genosse, erklären
das Volle und das Leere als die Elemente und nennen jenes das Seiende,
dieses das Nichtseiende, und diese beiden sind die Ursache, der Stoff,
alles Wahrnehmbaren. Ja mit bewundernswerter Kühnheit der Spekulation
sagt Demokrit: »το δεν ον μαλλον εστι η το μηδέν.« Das Nichts ist
ebenso existenzberechtigt als das »Ichts«.
Wie das Atom nichts anderes ist als das ¨Differential, der Ursprung der
Masse¨, so ist dieses »μηδέν« nichts anderes, als das ¨Differential,
der Ursprung des Raumes¨. Dass dies keine leere Vermutung ist, dass
¨Demokrit¨ als der erste erreichbare Urheber der ¨Differentialrechnung¨
anzusehen ist, dafür haben wir jetzt einen Beweis in dem 1907 von
¨Heiberg¨ aus dem Palimpsest entzifferten »εφόδιον« (so viel wie
Methode) des ¨Archimedes¨, welche ¨H. Zeuthen¨ übersetzt hat. Die
Formel für das Volumen der Pyramide und des Kegels, die nach der Angabe
des Archimedes von ¨Eudoxos¨ streng d. h. euklidisch bewiesen, die
habe, steht im Ephodion, ¨Demokrit¨ gefunden aber nicht bewiesen d. h.
nicht streng, grade so wie Archimedes seine mit Differentialrechnung
gefundenen Formeln nur für wahrscheinlich aber nicht für streng
bewiesen erachtet. Das Verfahren des Demokrit kann kein anderes gewesen
sein als das des ¨Cavalieri¨, das Volumen ist das Integral, die Summe
der unzählig vielen unendlich kleinen Prismen, deren Grundflächen
die veränderlichen Querschnitte sind. Man vergleiche dazu die Angabe
Plutarchs, Diels Fragmente 155 (auch Anmerkung S. 723): »Es machte ihm
nämlich die Frage Schwierigkeiten, ob, wenn man einen Kegel parallel
der Basis durchschnitte, die so entstehenden Schnittflächen einander
gleich seien oder nicht. Schon ¨Aristoteles¨ hat darauf hingewiesen,
wie stark mathematisch durchtränkt die Lehre des Demokrit gewesen, der
sich, Plutarch zufolge, rühmte, selbst die Ägyptischen Harpedonapten
in der Reisskunst zu übertreffen. Bisher schwebte diese Angabe in
der Luft, jetzt ist sie durch den Palimpsest bestätigt worden. Ich
mache auch auf den uns erhaltenen Titel der Schrift: περι διαφορης
γνωμης η περι ψαυσεως κυκλου και σφαιρας und auf seinen Einfluss auf
¨Archimedes¨ und dadurch auf ¨Galilei¨ aufmerksam. Dass sich Demokrit
eingehend mit dem Problem der Kontinuität beschäftigt hat geht aus dem
erhaltenen Titel der verlorenen Schrift: περι αλογων γραμμων και ναστων
(über irrationale Strecken und das Kontinuum) hervor.
¨Demokrit¨ ist von Grund aus Naturforscher im Gegensatz zu ¨Platon¨,
dem Dichter und Metaphysiker, er hat zum ersten Male versucht ernsthaft
eine mechanische Welttheorie durchzuführen. Seine Wirbelbewegung
treffen wir bei ¨Descartes¨ wieder, wie auch seine Unterscheidung
der primären Qualitäten (Schwere, Härte, mathematische Gestalt
etc.), der Eigenschaften der Atome, von den sekundären, wie Farbe,
Geschmack etc. Die Zahl und die Figur der Atome ist es, welche die
wesentliche Verschiedenheit der Dinge bewirkt, mit der Trias, Atom,
leerer Raum, Bewegung haben Leukipp und ¨Demokrit¨ die mathematische
Naturerkenntnis geschaffen. Das Atom sowohl wie der leere Raum sind
¨Ideen¨, das Wort rührt von Demokrit her, und an Demokrit knüpft die
Platonische Ideenlehre an. ¨H. Cohen¨ zählt in seinem vorzüglichen
Marburger Programm Demokrit mit vollem Recht zu den Idealisten und
zum recht eigentlichen Vorgänger von Platon. Wie dieser bezeichnet
er die Sinneswahrnehmung als dunkele, die logische als klare
Erkenntnis; ¨W. Kinkel¨ sagt, es ist schwer begreiflich wie man ihn
hat zum Materialisten stempeln können. Ich möchte aber bemerken, dass
der Idealismus sowohl des Demokrit als der übrigen idealistischen
Philosophen im Grunde eine Doppelnatur besitzt, eine ¨skeptische¨,
insofern er die Realität der Sinneswahrnehmung leugnet, und eine
supranaturalistische, insofern er die Realität des Geistigen lehrt.
Daher ist es ganz begreiflich, dass von Demokrit eine Schule der
Materialisten ausgehen konnte, wie von Platon Skeptizismus und
insbesondere Mystizismus (Plotin, Augustin). Jedenfalls ist die
»tyche« D.'s nicht der blinde Zufall, sondern das Schicksal als eine
durchaus vernünftige Gesetzmässigkeit des in Erscheinung tretenden
(der Phänomena). Nicht bloss auf metaphysischem Gebiet ist Demokrit
ein Vorläufer des Platon, sondern auch auf ethischem Gebiet, in der
Auffassung des Menschen als μικρόκοσμος -- das Wort ist demokritisch
-- in der Wertung der Erziehung berührt er sich mit Platon. Ich
nenne hier ausser Zeller und Kinkel noch ¨P. Natorp¨, Forsch. z.
Gesch. des Erkenntnisproblems im Altertum; ¨G. Hart¨, Zur Seelen-
und Erkenntnislehre des Dem., Progr. Mühlhausen (im Elsass) 1886;
¨P. Natorp¨, Die Ethik des Dem., Marburg 1893.
[Sidenote: Platon.]
¨Platon¨, der Göttliche, wie ihn Schopenhauer bezeichnet, ist im
Todesjahre des Perikles 429 aus vornehmster Familie geboren, mit ihm
erreicht die Hellenische Philosophie ihren Höhepunkt. Wie in einem
Brennpunkt fasst er alle bedeutenden Gedanken seiner Vorgänger, der
Pythagoräer, der Eleaten, des Heraklit und vor allem des Demokrit
zusammen, um sie als Bausteine seiner Theorie des Erkennens zu
verwenden. Es ist das Kennzeichen der Allergrössten, dass sie über
den Parteien stehen, oder richtiger, wie ¨Lange¨ in der Geschichte
des Materialismus sagt, dass sie die Gegensätze ihrer Epoche in sich
zur Versöhnung bringen. Er ist mit ¨Kant¨ der grösste Idealist aller
Zeiten, und keiner hat auf Kant solchen Einfluss geübt, nicht einmal
Hume, wie Platon.
Ich verstehe aber unter ¨Idealismus¨ in der Philosophie diejenige
Weltanschauung, welche die Welt der Dinge nur insofern als seiend
auffasst, als sie Gegenstand oder Objekt der Erkenntnis eines
erkennenden Subjektes ist. Sagt doch ¨Platon¨ oft gradezu (z. B. Rep.
529, Phaed. 833, Tim. 513) das Seiende ist das Unsichtbare, das von
uns nicht Wahrnehmbare, sondern nur Gedachte, das was das Bewusstsein
selbst bei sich selbst sieht. Unter ¨Realität¨ der Erscheinung
versteht man im idealistischen Sinne diejenige Eigenschaft derselben,
vermöge derer sie zu in Zeit und Raum geordneten Gegenständen der
Erfahrung werden. Es ist Platons ewiges Verdienst, dass er das Problem
des Erkennens als das eigentliche Grundproblem der Philosophie in diese
Wissenschaft eingeführt hat, die er mit der Frage τι εστι επιστήμη, was
ist Wissen, eigentlich erst als Wissenschaft geschaffen hat.
¨Kant¨ trifft auch darin mit ¨Platon¨ zusammen, dass beide für ihre
Erkenntnistheorie von der Frage nach dem Erkenntniswert der Mathematik
ausgingen. Ich nehme hier Gelegenheit den Dank auszusprechen, den
ich für das Verständnis des Philosophen Platon der trefflichen
Jugendschrift ¨H. Cohens¨, Plato und die Mathematik, Marburg 1878
schulde. Platon den Dichter und Gottsucher schildert eine Broschüre
¨Windelbands¨ in hervorragender Weise.
Viel schuldete er seinem Lehrer ¨Sokrates¨, sowohl in bezug auf das
Interesse an der Ethik, an den sittlichen Gesetzen und Idealen der
Menschheit, als besonders hinsichtlich des Bestrebens die einzelnen
Begriffe scharf zu definieren. Nach dem Tode des Sokrates floh er aus
Athen, und brachte etwa 10 Jahre auf Reisen zu, überall den Verkehr
mit den geistigen Grössen suchend. In Cyrene hat er beim Pythagoräer
¨Theodoros¨, dessen wir schon bei Gelegenheit des Theätet gedacht
haben, sich das mathematische Wissen der Pythagoräer angeeignet, in
Unteritalien den grossen ¨Archytas¨ von Tarent kennen gelernt, und in
Sizilien ebenfalls viel mit Pythagoräern verkehrt; dass er von Sizilien
aus Ägypten besucht hat, ist sehr wahrscheinlich.
Nach Athen zurückgekehrt, gründete er dort den Freund- und Schülerbund
der ¨Akademie¨, ein Gymnasium bei Athen, nach dem attischen Heros
Ακάδημος benannt, wo Platon ein Landgut besass. Ein glücklicher Zufall
hat uns das Testament des Platon erhalten, es findet sich bei ¨Diogenes
Laertios¨ und ist von ¨U. v. Wilamowitz¨ und Kiessling Phil. Unters.
IV. ediert.
Schon 2000 Jahre vor den Amerikanischen Multimillionären hat hier
ein Privatmann aus seinen Mitteln eine Universität gegründet, die
Universität Athen, die bedeutendste des Altertums, an der Euklid und
Cicero studierten, welche etwa 900 Jahre blühte, bis sie Justinian
529 n. Chr. aufhob, teils um sich ihren Besitz anzueignen, teils weil
die Professoren auf Seiten der Gemahlin des Kaisers, der ¨Theodora¨,
standen, und das Heidentum oder richtiger den Neuplatonischen
Mystizismus unterstützten, während der Kaiser das Christentum oder das
Gottesgnadentum des Monarchen als Staatsreligion durchführen wollte.
Eine zweite Reise nach Sizilien 367 ist wohl von Dion, dem Freunde
des Platon und Schwager des Dionys I., der s. Z. Platon seiner
Freimütigkeit wegen als Sklaven verkaufen liess, veranlasst.
Platon sollte den jungen Dionysios II. nach den in der »Republik«
niedergelegten ethischen und politischen Prinzipien erziehen.
Aber wie fast alle Theoretiker der Pädagogik war er kein glücklicher
Praktiker. Noch einmal 361 unterbrach eine zugunsten des Dion
unternommene Reise seine im höchsten Grade erfolgreiche akademische
Lehrtätigkeit, die bis zu seinem 347 im 80. Jahre eingetretenen Tode
angehalten haben soll.
Was nun Platon als Mathematiker von Fach betrifft, so ist die Legende
von Platons Leistungen in der speziellen Problemmathematik schon von
¨C. Blass¨ in seiner Dissertation »de Platone mathematico«, Bonn 1861,
zerstört worden; als reinen Mathematiker haben ihn seine Zeitgenossen
¨Archytas¨, ¨Theätet¨ und besonders der grosse ¨Eudoxos¨ von ¨Knidos¨
sicher weit übertroffen, er ist von der Philosophie zur Mathematik
gekommen und nicht umgekehrt. Platon hat nicht die Philosophie der
Mathematik geschaffen, wie M. Cantor sagt, -- das würde weit eher
auf Demokrit und Eudoxos passen --, aber was eben so wertvoll ist,
er hat die Bedeutung der Mathematik für die Philosophie erfasst, und
es bedarf nicht des seit ¨Melanchthon¨ immer wieder zitierten μηδεις
αγεωμετρητος εισιτω μου την στεγην, »Kein der Mathematik Unkundiger
betrete meine Schwelle«, aus der zweifelhaften Quelle des ¨Tzetzes¨, um
uns darüber zu belehren. Platon erkannte, dass die Mathematik für die
Philosophie dieselbe Bedeutung als Hilfswissenschaft hat, welche der
Physik für die Mathematik zukommt. Einerseits liefert sie für die Logik
die einfachsten und schlagendsten Beispiele, wie uns denn Aristoteles
den Beweis der Pythagoräer für die Irrationalität der Wurzel aus 2 als
Beispiel eines indirekten Beweises erhalten hat, andrerseits liefert
sie für die Erkenntnistheorie die Probleme, an deren Lösung sich die
Philosophie entwickelt hat. Und Platon gab mit der Betonung dieser
Bedeutung der Mathematik den mächtigen Impuls, der die Blütezeit der
Hellenischen Mathematik im 3. Jahrhundert herbeiführte. Ganz besonders
sind die erkenntnistheoretischen Probleme, welche die inkommensurabeln
Streckenbrüche geben, von Platon und seinen Schülern und Mitarbeitern,
von ¨Theätet¨ und insbesondere von ¨Eudoxos¨ bearbeitet worden.
[Sidenote: Platon und die Mathematik.]
Und noch in einer zweiten Richtung sind wir Platon den grössten Dank
schuldig; ohne ihn und die scharfen Worte, mit denen er den gewaltigen
Wert der Mathematik für die Bildung der Jugend dargelegt hat, würde
wahrscheinlich die Mathematik ihre Stellung als Hauptfach in unseren
Gymnasien weder erhalten noch behauptet haben. In seiner Schrift vom
Staate, der »πολιτεια«, der bedeutsamsten Utopie, die je geschrieben,
in der er als der Erste den grossen Plan einer idealen staatlichen
Erziehung der Jugend ¨ins Einzelne¨ durchgeführt, entwirft, sogar
bis auf die Schulzimmer, vergleicht er die Bedeutung, welche die
Mathematik in seiner Zeit hat, mit der, welche sie haben sollte. Er
geht in seiner Wertung der Mathematik als Bildungsmittel von dem
Fundamentalsatz aus: die Wahrnehmungen zerfallen in zwei Klassen, die
einen finden eine Ergänzung durch das reine Denken, die andern nicht.
Politeia 523 heisst es: »Ich zeige dir also, wenn du es (ein)siehst,
einiges was gar nicht die Vernunft herbeiruft, es wird schon durch die
Wahrnehmung hinlänglich beurteilt, andres hingegen, was auf alle Weise
die Wahrnehmung zu untersuchen auffordert. (Ähnlich Timäos § 46.) Und
diese Untersuchung der Wahrnehmung, welche sie umprägt in Erfahrung
im Kantischen Sinne, bewirkt in erster Linie die Mathematik. Sie ist
ihm der »Paraklet«, der Wecker der reinen, vernünftigen, der wahren
Erkenntnis.
Zunächst die Arithmetik, d. h. nicht die praktische Rechenkunst, die
Logistik, sondern die wissenschaftliche Zahlenlehre, deren Hauptteil
die Lehre von der relativen Zahl, von den Verhältnissen, bildet, die
»θεά«, die innere Schau, der Zahlenverhältnisse. Und dasjenige in der
Wahrnehmung, was solche Verhältnisse liefert, das ist dadurch, das
es uns veranlasst, über die Gründe dieser Verhältnisse nachzudenken,
der Herbeirufer, der Paraklet, der reinen Vernunft. Die Betonung der
dritten Quelle, aus der unser Zahlbegriff fliesst, der Kategorie oder
Konstituente des Bewusstseins Relation, bildet ein grosses Verdienst
Platons um die Begriffsbildung in der Mathematik. Aus zahlreichen
Stellen (man vgl. auch Theon Smyrneus trad. du Grec en Français p.
J. Dupuis 1892) geht hervor, dass ihm die Zahl vorzugsweise relative
Zahl oder Masszahl ist, auf der alle Erweiterungen des Zahlbegriffs
beruhen, da die Cardinalzahl, die Vieleinheit, und die Ordinalzahl, die
Reihungszahl, eine Begriffserweiterung nicht zulassen.
Die gleiche Bedeutung wie der Arithmetik erkennt er der ¨Geometrie¨
zu. Er weiss sehr wohl, dass ihr Ursprung, der Veranlassung nach,
die Wahrnehmung, d. h. der sinnliche Eindruck ist, und spricht dies
nicht nur in der Republik, sondern auch im Timäos ganz unumwunden
aus. Aber, sagt er, der Begriff des Gleichen, die ¨Idee¨ Gleichheit,
steckt nicht in der Wahrnehmung gleicher Steine, obwohl wir ihn ohne
diese Wahrnehmung nicht hätten. [Die gleichen Steine dienten als
Rechenpfennige, daher ψηφιζειν lat. calculare für »rechnen«.] Und er
warnt nachdrücklich davor, die Wertung der Geometrie von ihrem Nutzen
für die Praxis abhängig zu machen, sondern sie lehrt und erleichtert
uns die Erkenntnis »του οντως οντος« des Wahrhaft-Seienden, der Idee,
ja sie bewirkt, dass die höchste Idee, die Idee des Guten leichter
geschaut werde.
[Sidenote: Platonische Ideen.]
Da es Platon ist, der zuerst die Bedeutung der Idealisierung für die
reine Geometrie erkannt hat, wird es nötig auf die so viel umstrittene
Platonische Ideenlehre näher einzugehen. Sie ist der Grundstein
seiner Philosophie, und zugleich von Anfang an grade durch seinen
bedeutendsten Schüler, durch ¨Aristoteles¨ missverstanden, verspottet
und entwertet worden. Nur aus dem Verständnis der Platonischen Idee
lässt sich einsehen wie viel Kant für seine transzendentale Ästhetik
des Raumes aus Platon entnommen hat. Über die Beziehung zwischen Kant
und Platon verweise ich auf einen kleinen Aufsatz in den Philos.
Arbeiten, her. von ¨H. Cohen¨ und ¨P. Natorp¨ Bd. 2 Heft 1 1908 »Über
Mathematik«.
Vom Sokrates nahm er die Betrachtung, dass dem allgemeinen (Gattungs)
Begriff jeder einzelne Gegenstand, von dem er abstrahiert wird,
zukommt. Von den Pythagoräern das Interesse für die geistigen
Prozesse der Mathematik, von den Eleaten den Grundgedanken, dass nur
dem durch die Vernunft erkannten bleibendes Sein zukommt, von den
Atomikern die Erkenntnis, dass die Zahl- und Raumbegriffe, grade weil
sie vom sinnlichen Standpunkt aus Nichts sind, das wirkliche Sein
repräsentieren und schmolz alles zusammen in seiner Idee. Durch eine
wahrhaft göttliche Eigenschaft der Vernunft wird dieselbe, und zwar
am leichtesten durch Vermittlung der Mathematik, angeregt, in den
einzelnen Erfahrungen, die das Daseiende (τὰ όντα) liefert, das dauernd
Seiende (το οντως ον), die Urbilder, die Ideen zu erschauen, Hypothesen
oder Grundlegungen der reinen Vernunft. Von ihnen als dem ewig
Seienden, obwohl in keiner einzelnen Erscheinung verkörpert, empfängt
das Daseiende sein Sein, seine Essenz, seine Substanz.
Sind die Ideen wie die des Gleichen, des Schönen, des Wahren, und
die höchste Idee, welche alle andern trägt, die des Guten erschaut,
denn Idee, ἰδέα, kommt von ιδείν (schauen), so werden ihnen die
Erscheinungen untergeordnet, und nun wird im einzelnen die Idee
geschaut, im breiten Strich die Gerade, im Ball die Kugel etc. Beim
reifen Menschen geht die Idee der sinnlichen Erscheinung voraus. »Ehe
wir also anhuben zu sehen und zu hören und die Aussenwelt wahrzunehmen,
mussten wir in uns, irgend woher genommen, die Erkenntnis des
Gleichen angetroffen haben, das, worauf wir die aus den Wahrnehmungen
stammenden Gleichheiten beziehen können« (Phaedon p. 758, Theätet p.
186 c). Die Platonische Idee nähert sich, wie aus dieser Darstellung
hervorgeht, der (idealistisch aufgefassten) Kategorie der ¨Substanz¨
einerseits, und berührt sich andererseits mit dem Begriff der ¨Kraft¨,
denn z. B. die Idee des Guten ist die Ursache aller Vollkommenheit,
sie ist gradezu die göttliche schöpferische Vernunft. Die Idee, wie
z. B. Sophist 248 A beweist, hat Bewegung, Leben, Seele, wie die
¨Leibniz¨sche Monade, sie wird öfters gradezu ἑνας oder μόνας, Einheit
genannt.
Die Stellung, welche Platon der Mathematik anweist, erinnert
unwillkürlich an Kant, auch bei Platon hat die Mathematik eine
Zwischenstellung zwischen Sinnlichkeit und Logik, auch bei ihm ist
sie »reine Sinnlichkeit a priori«, die in das Objekt der sinnlichen
Wahrnehmung, Zahl und Gestalt hineinsieht und als Ewig-Seiendes, die
»im barbarischen Schlamme der Sinnlichkeit« steckende Seele hinleitet,
im Abbilde das Urbild das wahrhaft Seiende zu sehen. In der Republ.
529 D, 520 C, im Timäos 28 heisst es: Das, was ihr Wirklichkeit
nennt, die bunten Gestalten am Himmel und auf Erden, sind nur die
Abbilder von den Urbildern in der Erkenntnis und dem Bewusstsein.
In seiner Lehrtätigkeit, welche der Hauptfaktor seines Einflusses
auf seine Zeitgenossen war, unterschied er Empfindung; Anschauung;
Hinzuziehung von Mass und Zahl -- διάνοια; und Hinzuziehung der Idee,
die transzendentale Erkenntnis, die νόησις.
[Sidenote: Raum bei Platon.]
Platon hat das Kategorische des Raumbegriffes oder besser die Idealität
des Raumes, die ja schon die »richi« der Inder empfunden haben,
scharf hervorgehoben, während er Zeit und Bewegung nicht hinlänglich
geschieden hat. Die bekannteste Stelle findet sich 50-52 des Timäos,
des schwierigsten Dialogs, welcher beweist, wie völlig Platon im Alter
unter den Bann pythagoräischer Gedankenkreise geraten war (vgl. den
zitierten Aufsatz von 1908). Es heisst da: Der Raum ist die aufnehmende
¨Mutter¨, die Idee, das reine Erzeugnis der Vernunft, der ¨Vater¨ der
Gegenstände der Wahrnehmung der Natur (50 D). Er bildet die 3. Art
der Erkenntnis, der ewige unvergängliche Raum (52 B), der uns durch
nichtsinnliche Wahrnehmung (μεθ' αναισθησιας) durch eine Art von
unechter Vernunfttätigkeit mühsam klar wird, den wir ¨mit offenen Augen
träumen¨. Das ist nichts anderes als der ideale Raum Kants, die reine
Form des äusseren Seins für das erkennende Bewusstsein als solches,
losgelöst von aller Individualität.
Seit Aristoteles und durch Aristoteles ist die Meinung verbreitet,
dass Platon Raum und Materie identifiziert hat, und ¨Fr. Ast¨ hat
dies 1816, Plat. Leben und Schriften Note p. 362 in feiner Weise
aus dem Gedankengang Platons abzuleiten versucht. Dass ich anderer
Meinung bin, habe ich schon in dem erwähnten Aufsatz der Marburger
philosophischen Arbeiten von 1908 gesagt, es handelt sich bei der
Ableitung der Körperwelt im Timäos im wesentlichen um eine Kombination
Pythagoräischer und Demokritischer Gedanken. Auf Demokrit weist auch
die so wichtige Auffassung des Punktes als ¨Streckendifferential¨,
als »αρχή γραμμής«, Ursprung der Linie. ¨Proklos¨ (Friedlein S. 88)
sagt, »aber es liegt in ihm verborgen eine unbegrenzte Macht Längen zu
erzeugen.«
So hoch das Verdienst Platons um die erkenntniskritische Untersuchung
des Raumbegriffs zu veranschlagen ist, so muss doch auch die Sage
von Platon als dem Erfinder stereometrischer Sätze als unbegründet
zurückgewiesen werden. Er hat dies selbst, so drastisch als man es nur
wünschen kann, getan. In der bekannten Stelle der Republik heisst es:
»Ausserdem aber legen sie (die Griechen) hinsichtlich der Messung von
allem was Länge, Breite, Tiefe hat eine bei allen Menschen vorhandene,
eben so lächerliche als schmähliche Unwissenheit an den Tag.«
Kleinias fragt: Welche und wie beschaffene meinst du?
¨Sokrates-Platon¨: Mein lieber Kleinias, habe ich doch selbst ¨erst
spät¨ davon gehört, wie es mit uns in dieser Hinsicht bestellt ist,
nämlich meiner Ansicht nach, nicht wie es sich für Menschen gehört,
sondern für ¨Schweine¨.
Wie es mit den Griechen in dieser Hinsicht bestellt war, erfahren wir
aus Thukydides, wo die Griechen den Inhalt einer Insel dem Umfang
proportional setzen. Platon ist sicher kein Erfinder stereometrischer
Sätze gewesen, sein Verdienst ist auch hier ein methodisches. Durch
seinen Umgang mit ¨Archytas¨ und ¨Eudoxos¨ hat er die Bedeutung der
Stereometrie erkannt, und die ihm zuteil gewordene Anregung auf seine
Schüler übertragen, die denn auch nicht ermangelten die Stereometrie zu
fördern.
[Sidenote: Platon als Mathematiker.]
Eben so falsch ist es, dass Platon die sogen. ¨Analysis¨ zur Lösung
der Konstruktionsaufgaben erfunden habe. Dass Platon die analytische
Methode gekannt hat, geht unwiderleglich aus ¨Menon¨ S. 87 bei der
Frage, ob ein gegebenes Dreieck in einen gegebenen Kreis eingetragen
werden könne, hervor. ¨Proklos¨ p. 58: Sie überlieferten die
trefflichste Methode, und zwar die, welche durch die Analyse das
Gesuchte auf ein anerkanntes Prinzip zurückführt, welche auch ¨Platon,
wie sie sagen¨, dem Laodamas hinterliess, mit der dieser vieles in der
Geometrie gefunden haben soll, dann aber auch jene, die auf genauer
Einteilung beruht, welche Platon ebenfalls stark betonte. (Für letztere
Methode denke man an die Untersuchungen über die Beziehungen zwischen
Gerade und Gerade, Gerade und Kreis etc.) Bei ¨Diogenes Laertios¨ III,
25 heisst es:
Πρωτος ὁ Πλατων τον κατα την αναλυσιν της ζητησεως τροπον εισηγησατο
Λεωδαμαντι τω Θασιω
Aber Pappos, der im Buch VII seiner Kollektaneen, diesem Inventar
Hellenischen Könnens, sehr ausführlich über die Analysis gehandelt
hat, erwähnt mit keinem Wort des Platon. Die Sage liebt es eben, alle
Heldentaten auf das Haupt des Haupthelden zu häufen.
Aber die Sache ist an sich klar, in dem oben erwähnten Überrest der
Arbeit des ¨Hippokrates¨ ist die analytische Methode angewandt,
und jede Gleichung ist ein Beispiel derselben, die Verwandlung des
Rechtecks in ein Quadrat bei den Indern (S. 159) ist ohne Analyse
unmöglich, und im Grunde verfährt jeder Künstler analytisch. Erst muss
das Kunstwerk, der Plan des Architekten, im Kopfe fix und fertig sein,
ehe der erste Pinselstrich, der erste Spatenstich erfolgen kann. Die
Definition von Analysis findet sich Euklid XIII, 5 und sie rührt, wie
¨Bretschneider¨, Geometrie und Geometer vor Euklides, bemerkt hat, von
¨Eudoxos¨ her: Analysis ist die Annahme des Gesuchten als zugestanden
durch die Folgerung hindurch bis zu einem als wahr Bekannten.
¨Platon¨ hat als ¨Philosoph¨ auf die Bedeutung der analytischen Methode
für die Konstruktion und als Beweismittel in jeder Wissenschaft
aufmerksam gemacht und grade an der angeführten Stelle Menon S. 87
wird die mathematische Anwendung als Beispiel gebraucht, weil sie
besonders einfach ist und Plato sagt selbst: Ich brauche den Ausdruck
»Aus der Voraussetzung« so, wie oft die Geometer argumentieren. Ebenso
apokryph ist die unter Platons Namen gehende Lösung des ¨Problems der
Würfelverdoppelung¨. In meinem Urteil über Platon den Mathematiker
schliesse ich mich völlig ¨Blass¨ an, der seine Dissertation de Platone
Mathematico also beendet: nam si amicus Plato, amicior tamen veritas:
et is quoque, qui scientiae amorem aliis iniecit, de scientia bene est
meritus.
Die Würfelverdoppelung.
[Sidenote: Würfelverdoppelung (Delisches Problem).]
Dies Problem, das sogen. erste Delische Problem, ist eins der drei
grossen Probleme: Würfelverdoppelung, Winkel- oder Bogenteilung
(Kreisteilung), Quadratur des Zirkels, an deren Bewältigung sich die
Hellenische Mathematik zu ihrer bewundernswerten Höhe entwickelt
hat. Die beiden ersten Probleme sind von den Pythagoräern und ihren
Ausläufern, unmittelbar nachdem sie durch die nach Pythagoras genannte
Satzgruppe die Probleme, welche auf Gleichungen zweiten Grades führen,
bewältigt hatten, in Angriff genommen worden. Diese Tatsache liefert
einen klaren Beweis, dass der eigentlich leitende Gesichtspunkt der
Hellenen der arithmetische war und dass die Griechen schon zu jener
Zeit klar den Satz des ¨Vieta¨ erkannten, dass mit der Vervielfältigung
des Würfels und der Trisektion des Winkels die Gleichung dritten (und
vierten) Grades allgemein gelöst sei.
In drei aufeinanderfolgenden Programmen von Linz hat ¨Ambros Sturm¨
1895, 96, 97 eine vortreffliche Geschichte »des Delischen Problems«
geliefert, im Anschluss an ¨Montuclas¨ Quadrature du cercle. Über
den Ursprung unseres Problems berichtet ein Brief das ¨Eratosthenes¨
(s. u.), den ¨Eutokios¨, Bischof von Askalon, geb. 480 n. Chr., in
seinem Kommentar zu Archimedes Kugel und Zylinder überliefert hat.
»¨Eratosthenes¨ wünscht, dass es dem Könige Ptolemaios wohlergehe.
Es wird erzählt, dass ein alter Tragiker, den Minos eingeführt habe,
der dem Glaukos ein Grabmal erbauen lassen wollte, und als er dabei
bemerkte, dass es nach allen drei Dimensionen 100 Fuss mass, soll er
gesagt haben:
Zu klein hast du des Königs Grab mir angelegt,
Drum dopple es, doch nicht vergiss der schönen Form,
Verdopple jede Kante schnell des Grabs.
Er schien aber sich geirrt zu haben, denn durch Verdopplung der Seiten
wird das ebene Feld vervierfacht, der Raum verachtfacht. Seitens der
Geometer wurde nun geforscht, wie man einen Körper unter Beibehaltung
seiner Gestalt verdoppeln könne und man nannte dies Problem die
Würfelverdopplung (κυβου διπλασιασμός), denn vom Würfel ausgehend
suchten sie diesen zu verdoppeln. Während aber alle lange Zeit nicht
aus noch ein wussten, wurde es zuerst dem ¨Hippokrates von Chios¨ klar,
dass der Würfel verdoppelt werden würde, wenn zwischen zwei Strecken,
von denen die grössere das Doppelte der kleineren ist, zwei mittlere
Proportionalen in stetiger Proportion gefunden wären. So verwandelte er
diese Schwierigkeit in eine andere nicht geringere.
Nach einiger Zeit sollen einige Delier, welche durch einen Orakelspruch
zur Verdoppelung eines Altars gedrängt wurden, in dieselbe Verlegenheit
geraten sein. Und sie sollen die Geometer aus der Umgebung des ¨Platon¨
in der Akademie gebeten haben das Gesuchte zu finden. -- Die letztere
Version war im ganzen Altertum verbreitet, z. B. ¨Theon von Smyrna¨
(aus einer andern nicht weiter bekannten Schrift des Eratosthenes
»Πλατωνικός« (Ambros Sturm), Plutarch an 2 Stellen »De genio Socratis«
VII; De ει apud. Delphos VI, Joh. Philopömos, (Commentator des
Aristoteles; Προλεγόμενα της πλάτωνος φιλοσοφίας), Vitruv, Valerius
Maximus. Wir sehen hier einen der deutlichsten Beweise für ¨den
Zusammenhang der hellenischen Mathematik mit der indischen¨, nur dass
die Inder, entsprechend der früheren Entwicklungsstufe die Fläche
verdoppeln, d. h. sich mit der quadratischen Gleichung begnügen,
während die Pythagoräer, das kulturelle Problem von den Indern
aufnehmend, das Volumen verdoppeln, d. h. zur Gleichung 3. Grades
fortschreiten.
[Sidenote: Archytas.]
Die älteste Lösung zufolge Eutokios Bericht aus Eudemos (nach
¨P. Tannery¨ aus ¨Sporus¨, der etwa um 300 n. Chr. Eudemos benutzt
hat) ist die des ¨Archytas¨ aus Tarent, den ¨Horaz¨ in der Ode 28 des
Buch I erwähnt »te maris et terrae numeroque carentis arenae mensorem
cohibent, Archyta«, der etwa 430 bis 365 zu setzen ist, wo er durch
Schiffbruch am Kap Matinum den Tod fand. ¨Platon¨ hatte bei seiner
ersten Reise nach Sizilien die Bekanntschaft des als Staatsmann,
Philosoph und Mathematikers gleich ausgezeichneten Pythagoräers
gemacht, und stand mit ihm in Briefwechsel. Archytas soll seinerseits
den Platon in Athen wiederbesucht haben. Von den Schriften, die unter
seinen Namen auf uns gekommen sind, ist fast alles als unecht erwiesen.
Seine Lösung des Delischen Problems, die bedeutendste von allen, zeigt
ihn als erstklassigen Mathematiker. Ich gebe den Wortlaut (s. Figur).
[Illustration]
ΑΛ und Γ mögen die beiden gegebenen Strecken darstellen, verlangt
zwischen ΑΛ und Γ zwei mittlere Proportionalen zu finden. -- Um die
grössere, nämlich ΑΛ, möge der Kreis ΑΒΛΖ beschrieben werden und ihm
werde die Γ gleiche [Sehne] ΑΒ eingefügt, und ausgezogen soll diese
mit der in Λ berührenden [Linie] des Kreises in Η zusammentreffen.
Neben [παρά d. h. parallel] ΗΛΟ möge ΒΕΖ geführt werden, auch ein
Halbcylinder ersonnen werden senkrecht auf den Halbkreis ΑΒΛ und ein
senkrechter Halbkreis auf ΑΛ, welcher in dem Parallelogramm (dem
Achsenschnitt) des Cylinders liegt.
Wird nun der Halbkreis herumgeführt in der Richtung von Λ nach Β,
während der Endpunkt Α des Durchmessers fest bleibt, so wird er die
cylindrische Fläche schneiden und in ihr eine Linie einzeichnen. Und
wenn wiederum herumgedreht wurde [und zwar] bei beharrender [Linie] ΑΛ
das Dreieck ΑΒΛ, in dem Halbkreis entgegengesetzter Bewegung, wird es
für die Strecke ΑΗ eine Kegelfläche erzeugen. Und diese wird bei der
Drehung die Linie auf dem Cylinder in einem gewissen Punkte treffen,
und zugleich wird auch [Punkt] Β einen Halbkreis in der Kegelfläche
beschreiben. An dem Orte des Zusammentreffens der Linien habe nun der
bewegte Halbkreis eine Lage wie etwa Λ′ΚΑ, das entgegengesetzt gedrehte
Dreieck die von ΑΗ′Λ, und der Punkt des besagten Zusammentreffens sei
Κ. Und der von Β beschriebene Halbkreis sei ΒΜΖ und sein Schnitt mit
ΒΛΖΑ sei die [Sehne] ΒΖ. Und es werde von Κ auf die Ebene des Halbkreis
ΒΛΑ das Lot gezogen, so wird es auf die Peripherie des Kreises fallen
wegen des Senkrechtstehens des Cylinders. Es falle also und sei ΚΙ und
die von Ι an Α geknüpfte Linie treffe ΒΖ in Θ, und ΑΗ′ den Halbkreis
ΒΜΖ in Μ. Es möge auch ΚΛ′, ΜΙ, ΜΘ gezogen werden. Da nun jeder der
Halbkreise ΛΚΑ und ΒΜΖ senkrecht steht zur Grundebene, so steht auch
ihr gemeinsamer Schnitt senkrecht zur Ebene des Kreises, daher steht
auch ΜΘ senkrecht auf ΒΖ, das heisst das Rechteck aus ΘΑ und ΘΙ ist
gleich dem Quadrat über ΜΘ. Folglich ist das Dreieck ΑΜΙ jedem der
Dreiecke ΜΙΘ, ΜΑΘ ähnlich, und ist rechtwinklig. Aber auch das Dreieck
Λ′ΚΑ ist rechtwinklig; folglich sind die [Linien] ΚΛ′ und ΜΙ parallel,
und es wird das Verhältnis bestehen wie ΛΑ zu ΚΑ, ebenso ist ΚΑ zu ΑΙ
und so auch ΙΑ zu ΑΜ wegen der Ähnlichkeit der Dreiecke, also sind die
4 (Strecken) ΛΑ, ΑΚ, ΑΙ, ΑΜ der Reihe nach in Proportion und ΑΜ ist
gleich Γ, da sie gleich ΑΒ ist. Zu den beiden gegebenen ΑΛ und Γ sind
also die beiden mittleren Proportionalen gefunden worden ΑΚ u. ΑΙ.
Analytisch geometrisch ist diese Konstruktion, welche ein glänzendes
Zeugnis von dem Können des Archytas ablegt, sehr leicht zu
verifizieren. Wählt man ΑΛ als Abscissenaxe, Α als Anfangspunkt, und
die Tangente in Α an den Kreis ΑΒΛ als Ordinatenaxe, so ist, wenn Κ {
x, y, z; ΑΛ = a und Γ = ΑΒ = b gesetzt wird, da Κ auf Zylinder, Kegel
und Wulst liegt:
1) x^2 + y^2 = ax (Gleichung des Cylinders); 2) x^2 + y^2 + z^2 =
(a^2/b^2)x^2 (Gleichung des Kegels durch doppelten Ausdruck des Cosinus
des konstanten Öffnungswinkels) 3) x^2 + y^2 + z^2 = ắ√(x^2 + y^2)
(Gleichung des Wulstes). Daraus für Punkt Κ: ắ√(ax) = a^2x^2 : b^2 und
a^3x = a^4x^4 : b^4; x^3 = b^4 : a; x = b∛(b : a), √(x^2 + y^2) = ΑΙ =
∛(ab^2) und √(x^2 + y^2 + z^2) = ΑΚ = ∛(a^2b), also ΑΛ : ΑΚ = ΑΚ : ΑΙ =
ΛΙ: ΑΒ.
Dass ¨Archytas¨ seine Konstruktion analytisch d. h. von der gelösten
Aufgabe aus rückwärts gehend gefunden, unterliegt keinem Zweifel und
ebensowenig die Ansicht ¨Bretschneiders¨, dass er vom rechtwinkligen
Dreieck ΑΚΛ′ ausging und ΑΙ auf ΑΚ projizierte.
Die Lösung des Archytas wird bestätigt durch den oben besprochenen
Brief des Eratosthenes, durch Vitruv und Diogenes Laërtios (200
n. Chr.). Wir sehen hier wie hoch etwa um 400 die Kenntnisse der
Pythagoräer stehen; der Potenzsatz (der zweite Hauptsatz vom
Kreise), die Sätze vom rechtwinkligen Dreieck und ihre Umkehr, die
Ähnlichkeitslehre, die Anwendung der Bewegung zur Konstruktion,
allerdings nach dem Vorgang des ¨Hippias¨ von ¨Elis¨ und seiner
Quadratrix (s. u.)
Der Satz: »Stehen 2 Ebenen auf einer dritten senkrecht, so steht ihre
Schnittgerade auch auf dieser senkrecht«, die Kenntnis und Benutzung
der geometrischen Orte; Schnitt eines Cylinders und eines Kegels, und
damit die erste ¨Raumkurve¨, der Wulst und sein Schnitt, die erste
von Proklos »¨spirische¨« benannte Linie, und überhaupt so grosse
stereometrische Kenntnisse, dass es klar wird, dass die Pythagoräer,
vor allem ¨Archytas¨ die Lehrer des Platon gewesen sind, und ¨nicht¨
umgekehrt, wie das ja die oben zitierte Stelle der Gesetze bestätigt.
[Sidenote: Eudoxos.]
Die nächste Lösung führt uns auf den grössten Mathematiker und Astronom
zur Zeit des Platon, auf ¨Eudoxos¨ von ¨Knidos¨, dessen Ruhm durch
den des Platon lange verdunkelt ist und den die zusammenfassende
Geschichte der Mathematik bisher zu stiefmütterlich behandelt hat. Die
Programme von ¨H. Künssberg¨, Dinkelsbühl 1888-90, der Astron., Math.
und Geograph E. v. Knidos, werden ihm gerecht. ¨Eudoxos¨ auf allen
drei Gebieten und auch auf dem der Gesetzgebung gleich bedeutend,
ist etwa um 410 zu Knidos, einer dorischen Stadt in Karien, an der
Küste von Kleinasien, aus armer Familie hervorgegangen, früh kam er
in das ebenfalls dorische Tarent und genoss dort in Mathematik und
Astronomie den Unterricht des grössten Pythagoräers, des ¨Archytas¨.
Etwa 23 Jahre alt ging er nach kurzem Aufenthalt in Athen, wo er
Platon gehört haben soll, nach Ägypten, vermutlich als Begleiter eines
Arztes Chrysippos, mit Empfehlung des Sparterkönigs ¨Agesilaos¨ an
Nektanebos (Necht-Harebhēt). Die Reise fällt gegen 380, da etwa von
394-380 Nektanebos den Aufruhr seiner Ägypter bekämpfen musste. Dort
verkehrte er in Heliopolis mit den Priestern insbesondere mit dem
Priester Chonuphis und indem er völlig ihre Sitten annahm (ξυρομενος τε
ιβην και οφρυς, geschoren am Scham und Augenbrauen) bekam er Einblick
in das riesige astronomische Beobachtungsmaterial und dort schrieb er
seine Octaëteris etwa um 375, vergl. ¨A. Boeckh¨: Über die vierjährigen
Sonnenkreise der Alten 1863. Die Octaëteris ist eine 8jährige Periode
zum Ausgleich des Mond- und Sonnenjahres. 8 · 354 + 3 · 30 = 2922 =
8 · 365-1/4.
Etwa um 370 in der Akme gründete er in Kyzikos in Mysien (Panorma am
Marmorameer) eine Hochschule, die rasch zu grosser Blüte gelangte,
aber schon nach wenigen Jahren trieb ihn sein rastloser Bildungseifer
in die Weite. Zunächst zog er nach Athen und führte eine grosse Anzahl
seiner Schüler dem Platon zu, darunter die bedeutendsten Mathematiker
der Akademie, wie ¨Menaichmos¨, den eigentlichen Entdecker der
¨Kegelschnitte¨, ¨Dinostratos¨, der den Nutzen der Kurve des Hippias
von Elis für die Quadratur des Zirkels erkannte und ihr den Namen
Quadratrix, τετραγωνίζουσα, verschaffte, Athenaios, Helikon etc. Von
Athen zog er nach Sizilien und studierte dort unter dem italischen
Lokrer ¨Philistion¨, vermutlich auch ein Pythagoräer, Medizin. Dann
kehrte er von Knidos zurück, mit grossen Ehren empfangen, und schuf für
die Stadt neue Gesetze.
Unsere fast einzige Quelle über Eudoxos ist Diogenes Laertios, die
sich aber auf gute Autoritäten wie Kallimachos, Sotios, Nikomachos,
Eratosthenes stützt. Sonst haben wir nur eine kurze Notiz in der
Ethik des Aristoteles 172, b. 15, wonach er Hedoniker etwa im Sinne
Demokrits war und in dem bekannten Lexikon des Suidas, der zwar die
drei sehr gelehrten Töchter des Eudoxos mit Namen nennt, aber über ihn
selbst so gut wie nichts sagt. Doch gibt Aristoteles seinem Charakter
ein günstiges Zeugnis. Aber über die wissenschaftliche Bedeutung des
Mannes war das ganze Altertum einig, und ich kann dafür auf ¨Cicero¨
verweisen, den ich, wie sehr Sie auch sein Cato major, sein Lälius,
seine Officien gelangweilt haben mögen, als ¨Historiker¨ nicht zu
unterschätzen bitte. Diogenes Laertios berichtet, dass er in Knidos
statt »Eudoxos« in »Endoxos« umgetauft wurde, d. h. der Anerkannte
und Eratosthenes nennt ihn, den Astronomen, Mathematiker, Geographen,
Philosophen, Mediziner, Staatsmann, der an die »Allmenschen« des
Cinquecento an Leonardo da Vinci und Michelangelo erinnert, den
»Göttergleichen« in dem Epigramm: »θεουδεος Ευδοξοιο καμπυλον εν
γραμμαις ειδος.«
Auch Platon hatte die höchste Achtung vor Eudoxos als Mathematiker, wie
aus seiner 13. Epistel hervorgeht und aus der Angabe bei Plutarch, dass
er die Delier an den Eudoxos verwiesen habe. Er starb 53 Jahre alt um
356.
[Sidenote: Lösung des Delischen Problems von Eudoxos.]
Seine Lösung des Delischen Problems übergeht Eutokios, die kurze
Andeutung bei Eratosthenes war ihm unverständlich, und die ihm
vorliegende Lösung fehlerhaft überliefert. Eratosthenes sagt in dem
zitierten Briefe: »Während nun diese (die Geometer der Akademie)
sich arbeitsfreudig drangaben und zu zwei gegebenen zwei mittlere
zu fassen suchten, soll sie Archytas der Tarentiner mittelst des
Halbcylinders gefunden haben und Eudoxos von Knidos mittelst der
bogenförmig (καμπύλον) genannten Linien. Das Wort Kampylos bedeutet
»gekrümmt« insbesondere gekrümmt nach Art des Kriegsbogens der Griechen
[**symbol], den ¨Homer¨ stets mit diesem epitheton ornans bezeichnet.
Es ist ¨P. Tannery¨ gelungen (Sur les solutions du problème de Delos
par Archytas et par Eudoxe, Mém. de Bordeaux Ser. 2, T. II Paris
1878 p. 277), die naturgemäss eng an Archytas anschliessende Lösung
des Eudoxos wiederherzustellen, dadurch dass er erkannte die Kurve
müsse ein dem griechischen Kriegsbogen ähnliches Aussehen haben und
daraufhin, nicht wie V. Flauti, Geom. di sit. Napol. 1842, 3. Aufl.
die Projektion der Schnittkurve des Wulstes und des Kegels auf die zx
Ebene, sondern auf den Grundkreis, auf die xy Ebene, untersuchte.
[Illustration]
Eudoxos betrachtete die Schnittkurve des Wulstes und des Kegels, d. h.
also er sah zunächst davon ab, dass Punkt Ι der Figur[*] auf der
Peripherie des Grundkreises liegt, immer ist: ΑΘ^2/(ΑΜ^2) = ΑΙ^2/(ΑΚ^2)
= ΑΙ/ΕΔ oder I: ΑΘ^2 = b^2/aΑΙ.
[*] In der Figur ist Θ durch Q, ξ durch ζ, und Ι durch S ersetzt.
Dadurch ist die Projektion eines Punktes Κ der Schnittkurve und
damit ihre Projektion auf die xy Ebene, die Ebene des Grundkreises,
definiert. Sowohl ihre Gleichung wie ihre Konstruktion ist nun ohne
weiteres klar, sobald man noch nachgewiesen, dass Αξ = ΑΘ, wo Αξ die
Abscisse x von Ι (und Κ).
Es ist: ΑΘ/ΑΕ = ΑΙ/Αξ oder ΑΘ . x = ΑΕ . ΑΙ = b^2/a . ΑΙ also nach
Ι x = ΑΘ also die Gleichung der Kurve ΑΙ^2 = x^2 + y^2 = a^2x^4/b^4
d. h. also eine durch die Substitution ξ = x^2, η = y^2 transformierte
Parabel, welche Tannery analytisch untersucht hat. Ihre geometrische
Konstruktion ist äusserst einfach vergl. die Fig. 1 und das richtige Ι
der Punkt wo diese Kurve den Halbkreis schneidet.
Es ist nach Konstruktion: ΑΘ^1 = Αξ^1 und ΑΙ^1/(Αξ^1) = ΑΘ^1/ΑΕ, oder
ΑΘ′^2 = ΑΙ′ . ΑΕ und da ΑΒ^2 = a . ΑΕ so ist ΑΘ′^2 = ΑΙ′b^2/a somit Ι′
ein Punkt des Ortes.
[Sidenote: Mechanische Lösung von Eudoxos (Platon).]
Vom Eudoxos rührt m. E. auch die Konstruktion her, welche Eutokios dem
Platon zuschreibt. ΑΒ und ΒΓ, s. Fig., seien die gegebenen Strecken;
man verlängere sie nach Δ und Ε, so dass ΑΕΔ und ΓΔΕ rechte Winkel
sind, dann ist nach der Satzgruppe des Pythagoras ΓΒ : ΒΔ = ΒΔ : ΒΕ =
ΒΕ : ΑΒ.
[Illustration]
[Illustration]
Die Punkte Δ und Ε lassen sich auf mechanischem Wege leicht
finden mittelst zweier aufeinander verschiebbarer rechten Winkel
(Winkelhaken); es wurde ein eigenes Hilfsinstrument (siehe Figur)
angefertigt, durch einen beilförmigen Einschnitt β in die Lineale
(κανών, Kanon) wurde dafür gesorgt, dass sich ΚΔ nur parallel zu
ΗΘ bewegen konnte, die nähere Beschreibung siehe man bei A. Sturm
l. c. p. 50. Die ganze Konstruktion ist so unplatonisch wie möglich,
wir wissen dass gerade auf Platon die strenge Beschränkung der
geometrischen Hilfsmittel auf Zirkel und Lineal zurückgeht, dass er die
sogenannte Neusis, die Einschiebung von Strecken auf mechanischem Wege
verpönte. Ausserdem berichtet Plutarch ganz ausdrücklich Quaest, conv.
VIII p. c. 1: Platon ¨tadelte¨ Eudoxos, Archytas und Menaichmos, weil
sie die Verdoppelung eines Körpers auf instrumentale und mechanische
Apparate zurückführten. Dagegen passt sowohl die Anwendung des
Satzes von der Höhe im rechtwinkligen Dreieck, den auch ¨Archytas¨
anwandte und die Lösung mittelst eines Instrumentes sehr gut auf
Eudoxos, der als leidenschaftlicher Astronom mit Apparaten durchaus
vertraut war. Ich schliesse hier gleich den Bericht über ¨Eudoxos¨
Gesamtleistungen an. Von Eudoxos rührt fast sicher das ganze 5. Buch
der Elemente des Euklid her, die so diffizile Lehre vom Streckenbuch,
und zwar wörtlich; man vergl. ¨Proklos¨, ed. Friedlein p. 68 und s. u.
Euklid. Und ein Scholion der lat. Ausgabe der 6 ersten Bücher Basel
1550 zum 5. Buch des »Adelos« und im prächtigen Codex des Euklid aus
der Sammlung Mazarin ist von ¨Knoche¨ als von ¨Proklos¨ herrührend
erkannt, es heisst da: Einige sagen dass dieses Buch die Erfindung des
Eudoxos sei, -- und das wird direkt bestätigt durch weitere Scholien
(¨Knoche¨ 1865) und indirekt dadurch, dass Buch 7 der Elemente die
Lehre von den Proportionen für ganze Zahlen noch einmal aufnimmt,
ohne irgend eine Rücksicht auf das 5. Buch. Von Eudoxos rühren die
fünf ersten Sätze des XIII. Buchs samt der Definition von Analysis
und Synthesis her, vermutlich auch ein ganzer Teil der weiteren Sätze
über die 5 Platonischen Körper. Eudoxos, der als grosser Astronom auf
das genaueste mit der Sphärik vertraut war, ist wohl der eigentliche
Schöpfer der später von Theodosios bearbeiteten Sphärik.
Für eine Anzahl wichtigster Sätze der Stereometrie haben wir das
schwerwiegende Zeugnis des ¨Archimedes¨, der in seiner Quadratur der
Parabel, der ersten grossen Leistung der Integralrechnung, das nach
ihm benannte jetzt so viel besprochene Prinzip älteren Geometern
vindiziert, welche damit bewiesen, dass Kreise sich wie die Quadrate,
Kugeln wie die Kuben ihrer Durchmesser verhalten, ferner dass jede
Pyramide der dritte Teil des Prisma von gleicher Grundfläche und Höhe,
jeder Kegel der dritte Teil des Cylinders von gleicher Basis und
Höhe sei. Alles das haben sie durch Annahme des aufgestellten Lemma
bewiesen. Hier wurde Eudoxos Name nicht genannt. Aber in der Einleitung
zum ersten Buch seiner Schrift: περι σφαιρας και κυλινδρου. heisst
es: »Ebenso verhält es sich mit vielen von ¨Eudoxos¨ über die Körper
aufgefundenen Sätzen, die Beifall erhalten haben z. B. dass jede
Pyramide etc., jeder Kegel etc. Denn obgleich diese Sätze über diese
Gebilde schon früher experimentell bekannt waren, so traf es sich doch,
obgleich es vor Eudoxos viele erwähnenswerte Geometer gab, dass sie von
keinem begrifflich erkannt und auch von keinem folgerichtig bewiesen
wurden.«
Demnach hat Eudoxos auch einen bedeutenden Anteil am XII. Buch der
Elemente. Im besonderen sind die wertvollen Beweise XII, 2 -- XII, 10
Eigentum des Eudoxos, und indem sie sich eng an die Definitionen und
Sätze des 5. Buches anschliessen, geben sie wie ¨L. Ofterdinger¨
bemerkt hat, zugleich einen Beweis für das Eigentumsrecht des Eudoxos
auf Buch V. Freilich müssen wir das mathophilosophische Verdienst des
Eudoxos jetzt nach dem Ephodion erheblich einschränken. Das Prinzip
der Exhaustionsmethode des Euklid ist im Grunde nichts weiter als das
unendlich kleine des ¨Demokrit¨, das Eudoxos den Hellenen mundgerecht
gemacht hatte, welche vor der rücksichtslosen Kühnheit, mit der
Demokrit seine Differentiale der Masse und des Raumes einführte,
scheuten. Es ist so ziemlich derselbe Vorgang, welcher sich in der
Neuzeit abspielte, als die Fluxion, das Moment des ¨Newton¨, das
»infiniment petit« des Leibniz von Lagrange durch die Ableitung ersetzt
wurde.
[Sidenote: Das Weltsystem des Eudoxos.]
So gross die Leistungen des Eudoxos auf mathematischem Gebiete waren,
so bedeutend er als Geograph war durch seine »γης περιοδος«, eine
umfassende Länder- und Völkerkunde, am grössten steht er doch als
Astronom da. So leidenschaftlich war seine Liebe zur Sternkunde,
dass er wie Plutarch erzählt, geäussert hat »Ich wünschte auf die
Sonne zu kommen um die Gestalt und Grösse des Gestirnes kennen zu
lernen und wäre es auch um den Preis, wie Phaëton zu verbrennen«.
An den verschiedensten Punkten des Orbis terrarum hat er die Sterne
beobachtet, noch ¨Strabo¨ wurde seine Warte bei Heliopolis gezeigt,
auch eine eigentümliche Sonnenuhr αραχνη (Spinne, wohl von der
Ähnlichkeit mit dem Netze einer Spinne) hat er konstruiert. Wir
verdanken die Kunde seines Weltsystems, ¨des ersten¨, das ¨streng
mathematisch¨ die Bewegungen der Gestirne zu erklären suchte,
Aristoteles in der Metaphysik und besonders dem so wichtigen
Commentar des Simplicius zu Aristoteles de coelo, auf den gestützt
¨I. K. Schaubach¨ in seiner klassischen Geschichte der griech.
Astron. bis auf Eratosthenes Gött. 1802 und der grosse Chronologe
¨Chr. L. Ideler¨ 1806 und besonders 1828, 29 Eudoxos als Astronom
würdigen konnten. Die völlige Aufklärung gab der hervorragende
italienische Astronom ¨G. V. Schiaparelli¨ in Le sfere omocentriche
di Eudosso, di Calippo e di Aristotele (Mil. 1875), gelesen bei
Gelegenheit des 400. Geburtstags des Copernicus zu Mailand 20. Febr.
1875, deutsch von W. Horn im Supplementband des Schlömilch von 1877.
Er konnte dabei schon einen von ¨Brunet de Presle¨ aus dem Nachlass
des bedeutenden Historikers der Mathematik ¨Letronne¨ in den Not.
et extraits des Manscr. de la bibl. imp. T. 18, p. I Par. 1865
veröffentlichten Papyrus des Louvre benutzen, der vermutlich ein aus
190 v. Chr. stammendes Kollegienheft einer alexandrinischen Vorlesung
über Astronomie ist. Ich folge hier im Wesentlichen Schiaparelli und
¨Künssberg¨ Th. I 1889.
Das Prinzip von dem Eudoxos ausging, war dasselbe, dem wir ¨Kepler's¨
harmonice mundi verdanken und das bewusst oder unbewusst jeder annimmt,
das Prinzip: der Kosmos ist nach einem einzigen allgemeinen Gesetze
geordnet. Schiaparelli sagt: »den griechischen Astronomen fehlte das
physikalische Gesetz der allgemeinen Schwere, sie mussten sich daher
an geometrische Gesetze halten«. Nun aber bot der tägliche Umschwung
des Fixsternhimmels eine gleichförmige Kreisbewegung dar und ebenso
schienen die monatlichen und jährlichen Bewegungen des Mondes und der
Sonne gleichförmig in Kreisbahnen vor sich zu gehen. Die Planeten,
besonders die oberen, zeigten zwar grosse Unregelmässigkeiten, sie
beschrieben ja ganz verwickelte Schleifenlinien, aber man entnahm aus
dem obigen Prinzip das Axiom, es müssten sich alle diese Abweichungen
aus dem Zusammenwirken von mehreren gleichförmigen Kreisbewegungen
erklären lassen. Dies Axiom soll nach Gemīnos (Géminus), isagoge
eis phaenomena Cap. I, von den ¨Pythagoräern¨ herrühren und hat die
theoretische Astronomie bis Galilei und Newton beherrscht.
¨Schiaparelli¨ sagt: »Eine andere Bedingung, der sich die, welche
zuerst über den Bau des Universums nachdachten, fügen mussten, war
diese, für denselben die grösste Einfachheit und Symmetrie anzunehmen.
Da bildeten im System des Philolaos (s. Pythagoräer) die Bahnen der
Himmelskörper ein System von Kreisen, die um ein gemeinsames Zentrum
beschrieben wurden, und dieselbe Regel oder wenigstens eine ähnliche
ist in den verschiedenen Systemen des Platon beobachtet. [Timaios 11].
An dieser Grundanschauung hielt auch Eudoxos fest und stellte sich
vor, dass alle seine Sphären konzentrisch um die Erde gleichmässig
beschrieben seien, weshalb ihnen später der Name homozentrische
Sphären beigelegt wurde. Durch diese Anschauung wurde das Problem viel
schwieriger, weil dadurch diesen Sphären jede fortschreitende Bewegung
genommen wurde und dem Geometer zur Erklärung ihrer Bewegung nichts
anderes übrig blieb als die Kombination ihrer Rotationsbewegung, aber
dem Bau der Welt wurde dadurch eine Eleganz bewahrt, von welcher die
Konstruktionen des Hipparch [von Rhodos], des Ptolemaios und alle
andern, selbst des Copernicus weit entfernt blieben und die bis Kepler
ihresgleichen nicht wiederfand.« --
¨Eudoxos¨ dachte sich ungefähr wie Platon, dass jeder Himmelskörper
von einer um zwei Pole in gleichförmiger Rotation drehbaren Sphäre
in kreisförmige Bewegung versetzt würde. Er nahm ausserdem an, dass
derselbe in einem Punkt des Äquators dieser Sphäre befestigt sei.
Zur Erklärung der Planetenbewegung genügte diese Hypothese nicht,
Eudoxos setzte deshalb fest, dass die Pole der den Planeten tragenden
Sphäre nicht unbeweglich bleiben, sondern von einer grösseren, der
ersten konzentrischen getragen würden, welche gleichförmig und mit
einer ihr eigentümlichen Geschwindigkeit um zwei von den vorigen
verschiedene Pole rotiere. Da auch dies noch nicht genügte, so liess
er die Pole der zweiten auf einer dritten konzentrischen grösseren
Kugel fest sein; welche wieder ihre besonderen Pole und ihre besondere
Geschwindigkeit besass. Und wo drei Sphären nicht ausreichten, nahm
er noch eine vierte hinzu, welche die drei ersten umschloss und die
zwei Pole der dritten enthielt, und mit eigener Geschwindigkeit um
ihre Pole rotierte. Für Sonne und Mond fand er 3 Sphären bei passender
Wahl der Geschwindigkeiten, der Pole und der Neigungswinkel genügend,
für die 5 anderen Planeten fand er 4 Sphären nötig. Die bewegende
Sphäre eines jeden Planeten machte er völlig unabhängig von denen der
anderen. Für die Fixsterne genügte eine einzige Sphäre um die tägliche
Bewegung hervorzubringen. Für die Sonne hätte er mit zwei Sphären
auskommen können, da er die sogen. Anomalie, die ungleiche Dauer der
Jahreszeiten, d. h. die Ungleichförmigkeit der Geschwindigkeit nicht
berücksichtigte, aber er glaubte an eine geringfügige Veränderung der
Sonnenbreite in bezug auf die Ekliptik. Somit hatte er 27 Sphären nötig.
[Illustration]
Hier die Figur, das Abbild eines von Künssberg nach Eudoxos
konstruierten Planetolabium ist durchaus geeignet das System klar zu
machen. Kreis I dient dazu die tägliche, Kreis II die Bewegung in der
Ekliptik, Kreis III die Abweichung von der Ekliptik, Kreis IV die
Ungleichförmigkeit des Planeten in Bezug auf Geschwindigkeit und
Richtung zu erklären. Ich hebe hervor, dass Eudoxos den Neigungswinkel
von etwa 5° der Mondbahn gegen die Ekliptik kannte und damit dem
¨Babylonischen Saros¨ von 6585-1/8 Tagen und dass auch die Reihenfolge
der Planeten die ¨Babylonische¨ ist. Ich muss für weiteres auf
¨Schiaparelli¨ und ¨O. Tannery¨ [Note s. le syst. astron. d'Eudoxe,
Mém. de Bordeaux, Ser. II T. 1 (1876) und T. 5 (1883)] verweisen,
welche beide erklären, dass das System nach der Verbesserung durch
Kallippos ebenso gut die Bewegung von Sonne und Mond darstelle,
sowie die hauptsächlichen Unregelmässigkeiten der Planetenbahnen wie
die Epicykeln des Ptolemaios. Nur noch einige Bemerkungen über die
eigentliche Bahn der Planeten, welche durch die beiden innersten Kugeln
3 und 4 hervorgebracht wird, die sogen. ¨Hippopede¨ (Pferdefessel)
des Eudoxos, die erste sphärische Raumkurve, welche Schiaparelli sehr
richtig als ¨Lemniskate¨ bezeichnet.
Eudoxos hat nur auf die Elementargeometrie gestützt das folgende
schwierige Problem gelöst: um zwei feste Pole dreht sich eine Kugel
gleichförmig, um zwei Pole auf dieser dreht sich ebenso eine zweite
mit derselben aber entgegengesetzt gerichteten Geschwindigkeit,
welche Bahn beschreibt ein Punkt des Äquators. Die Kurve ist dadurch
ausgezeichnet, dass ihre Bogenlänge wie die der ebenen Lemniskate
durch ein elliptisches Integral 2. Gattung dargestellt wird. Die
elementargeometrische Behandlung der Kurve wäre eine vorzügliche
Übungsaufgabe.
Die grossen Verdienste des Eudoxos um Geographie und Kalender sind
neben Schaubach auch von ¨A. Boeckh¨ in der cit. Schrift 1863 voll
gewürdigt.
[Sidenote: Lösung des Delischen Problems durch Menaichmos.]
Ich verlasse Eudoxos, den grössten Mathematiker seiner Zeit, der
vermutlich ebenso nüchtern war wie Platon phantastisch war, berichtet
doch Cicero in De Divinatione, dass er die Astrologie der Babylonier
für Unsinn hielt und dies, obwohl er unzweifelhaft von Babylonischer
Astronomie beeinflusst war, wie schon aus seiner Festsetzung des
Verhältnisses von Sonnen- und Monddurchmesser hervorgeht und wende
mich zum Delischen Problem zurück. Knüpfte Eudoxos an seinen Lehrer
Archytas an, so folgte ihm wieder sein Schüler ¨Menaichmos¨, den er
seinerzeit dem Platon zugeführt hatte. Menaichmos, der um die Mitte
des 4. Jahrh. lebte, wird von den Alten einstimmig als der Erfinder
der Kegelschnitte bezeichnet. Eratosthenes nennt sie in dem Briefe,
die Menächmischen Triaden »man braucht nicht die Men. Triaden aus dem
Kegel zu schneiden«. ¨Proklos¨ (oder Gemīnos) beziehen sich auf diese
Stelle (Friedl. p. 111). Und aus des Eutoxios Excerpt aus Eudemos oder
Geminos sehen wir dass die Delische Aufgabe und der Weg des Archytas
und Eudoxos den Menaichmos geleitet haben. Es heisst bei Eutokios:
[Illustration]
»So wie Menaichmos: Es seien die gegebenen Geraden (die Alten kannten
den Ausdruck »Strecke« nicht) Α und Ε, gefordert zwischen Α und Ε zwei
mittlere Proportionalen zu finden. Es sei geschehen und sie sollen
Β und Γ sein, uns möge die im Punkte Λ begrenzte Grade (d. h. der
Strahl) ΛΗ gezeichnet vorliegen [εκκεισθω θεσει.] und bei Λ liege [auf
ihr] die Γ gleiche Strecke ΛΖ, und senkrecht [dazu] werde ΘΖ gezogen
(als Strahl) und ΘΖ [als Strecke] (s. Figur) gleich Β gemacht. Da nun
die drei Geraden Η, Β, Γ, proportional so ist das Rechteck aus Α und
Γ gleich dem Quadrat über Β.« Es ist also ΑΓ = Β^2 = ΘΖ^2 = Α . ΛΖ,
folglich liegt Θ auf der Parabel mit dem Scheitel Λ, der Axe ΛΗ und dem
Parameter A/2. Da auch das Rechteck ΓΒ oder ΛΖ . ΖΘ gegeben ist, weil
es gleich Α . Ε ist, so liegt Θ auch auf der gleichseitigen Hyperbel
mit den Asymptoten ΛΚ und ΛΗ, also ist Θ gefunden. Es folgt dann bei
Eutokios nach dieser Analyse auch die Synthese, ausdrücklich als solche
bezeichnet, und darauf eine zweite Lösung des Menaichmos; von der ich
auch nur die Analysis (s. Figur) gebe.
Es seien die auf einander senkrechten Strecken ΑΒ und ΒΓ die gegebenen,
ΒΛ und ΒΕ die gesuchten, so dass ΓΒ : ΒΛ = ΒΛ : ΒΕ = ΒΕ : ΒΑ. Man ziehe
die Normalen ΛΖ, ΕΖ, so ist ΓΒ . ΒΕ = ΒΛ^2 = ΕΖ^2, also Ζ auf eine
Parabel, deren Achse ΒΕ, deren Parameter 1/2 ΓΒ. Da aber auch ΒΑ . ΒΛ =
ΒΕ^2 = ΛΖ^2 ist, so liegt Ζ auch auf der Parabel, deren Axe ΒΛ, deren
Parameter 1/2ΑΒ ist.
[Illustration]
Die Darstellung ist jedenfalls von Eutokios oder schon von Geminos
redigiert, denn die Namen Parabel, Ellipse, Hyperbel sind erst von
¨Apollonios¨ von ¨Pergae¨ (s. u.) im 3. Jahrh. eingeführt, ebenso wie
das Wort Asymptote.
[Sidenote: Menaichmos, Kegelschnitte.]