6. ¨Konstruktion des besseren Näherungswertes der √2.¨

[Illustration]

Man verlängere das Mass A B um seinen dritten Teil und diesen wieder

um seinen vierten Teil weniger einem 34stel dieses vierten Teils (Fig.

3). Die √2, die dvi-karani von karana »machen«, heisst (sa-visesa)

d. h. ¨die Zahl mit dem Rest¨. Die Verlängerung ist der visesa; √2 ist

also 1 + 1/3 + 1/(3·4) - 1/(3·4·34) = 577/408 = 1,4142156; da √2 =

1,414213, so ist der Fehler kleiner als 3 Einheiten der 6. Dezimale.

Der Näherungswert des Baudhāyana ist 17/12 = 1,417, also genau bis

auf 0,003. ¨G. Thibaut¨ hat ganz richtig (bis auf einen kleinen

Rechnungsfehler) angegeben, wie sie zu beiden Näherungswerten gekommen

sind. Sie suchten zunächst nach einem Quadrat, das doppelt so gross wie

ein anderes sei, und fanden, dass 2·12^2 annähernd gleich 17^2, und

setzten daher √2 = 17/12, wodurch der Gott ja nicht zu wenig erhielt.

Da sie aber genauer verfahren wollten, so setzten sie (17 - x)^2 =

288. Dass ihnen der Satz vom Gnomon bekannt, wird gleich aus dem

Text nachgewiesen werden. Das ergab 34x - x^2 = 1, und indem sie das

ersichtlich sehr kleine x^2 vernachlässigten, setzten sie 34x = 1, also

x = 1/34 und somit die Dvi-karani (rajju) gleich 17/12 - 1/12 · 1/34,

was ja immer noch eine Zugabe enthielt.

Hervorzuheben ist hier zunächst die ¨intuitive Erfassung¨ der

Ähnlichkeit. Sodann setzt die Konstruktion die Teilung der Strecke im

vollen Umfang voraus, aber auch Ansatz und Lösung einer Gleichung.

Ausserdem geht aus der Bezeichnung der √2 als der Zahl mit dem Rest

hervor, dass sie sich bewusst waren, die √2 zwar ¨geometrisch¨, aber

nicht arithmetisch genau konstruieren zu können, d. h. also, dass sie

bis zu einem gewissen Grade in diesem einen Falle die Erkenntnis der

¨Irrationalen¨ hatten. Ob sie den ¨Begriff¨ des Areton, des Alogon

gehabt haben, bleibt freilich durchaus zweifelhaft; aber, und darauf

ist der Hauptwert zu legen, ¨diese Näherungskonstruktion kann keine

Frucht des Zufalls sein, sondern sie musste eine Folge zielbewusster

Tätigkeit sein¨.

Kap. II, 1 wird dann die eben konstruierte Savisesa-Grösse

zur Konstruktion des Quadrats benutzt. Sehr hübsch ist das

Sama-caturasra-karana in I, 7, wo gleich alle 4 Quadrate des Atman des

Falkenförmigen konstruiert werden mittelst der Raute, die aus zwei

gleichseitigen Dreiecken besteht. (Euklid I, prop. 1. Die Figur wird

wohl genügen.)

[Illustration]

II, 2 wird dann, wie schon oben S. 156 beschrieben, die dvi-karani und

mit ihr nach I, 4 die tri-karani und mittelst ihrer in II, 3 die √(1/3)

als 1/3√3 konstruiert.

[Sidenote: Anwendungen des Pythagoras.]

II, 4 wird der Pythagoras zur Addition zweier Quadrate verwandt, II,

5 dann zur Subtraktion; es wird ein ¨regelrechter Beweis¨ in N 6

¨mittelst des Pythagoras gegeben¨. Wir sehen, dass die Bedeutung des

Pythagoras für die Flächenrechnung vollkommen klar erkannt ist; es wird

systematisch multipliziert, addiert, subtrahiert und dann dividiert,

wozu es erforderlich ist, ein Rechteck in ein Quadrat zu verwandeln;

dies lehrt I, 7. Das Rechteck heisst dirgha-caturasra, directum

quadrangulum, die Aufgabe das sama-caturasra-cikirsana. Wünscht man das

Rechteck in ein Quadrat zu verwandeln, so schneide man mit der kürzeren

Seite ab, teile den Rest, füge an beiden Seiten hinzu, fülle den leeren

Platz mit einem zugefügten Stück, dessen Subtraktion gelehrt worden ist.

[Illustration: Addition zweier Quadrate.]

[Illustration: Subtraktion zweier Quadrate.]

[Illustration]

M. H. Diese Verwandlung ¨setzt notwendig die Analysis¨ voraus a(a + b)

= a^2 + ab = a^2 + 2(ab)/2 = a^2 + 2(ab)/2 + (b/2)^2 - (b/2)^2 =

(a + b/2)^2 - (b/2)^2.

¨Sie kommt m. W. bei den Hellenen nicht vor.¨

III, 1. Will man ein Quadrat in ein Rechteck verwandeln, so mache

man eine Seite so lang als man das Rechteck wünscht. (Es ist ganz

klar, dass hier die Rechnung xy = a^2 die Analyse gibt, und dass sie

wissen, dass eine Seite unbestimmt bleibt, also »so lang sein kann als

man wünscht«.) Darauf füge man den Rest zu dem Rechteck hinzu wie es

passt. Die Methode wird dann von dem Kommentator Sundara des Baudh.

an dem Beispiel des Quadrats mit der Seite 6 erläutert (s. Fig.), das

in ein Rechteck mit der Seite 4 verwandelt werden soll 36 = 4 . 6 +

4 . 2 + 4 . 1 = 4(6 + 2 + 1) = 4 . 9.

[Illustration]

Hochinteressant ist es, dass hier die ¨Inhaltsgleichheit¨ wie bei

¨Wolfgang Bolyai¨ aufgefasst wird. Der Kommentator des Baudh.,

¨G. Thibaut¨ 1875 l. c. 247, gibt dann unsere auf den Satz von den

Ergänzungsparallelogrammen gegründete Kegel, doch kommt dies für die

altindische Geometrie nicht in Betracht.

[Sidenote: Verwandlung des Quadrats in den Kreis und v. v.]

III, 2. ¨Verwandlung eines Quadrats in einen Kreis¨ (nötig für den

Aufbau des rathacakra-cit, s. Fig.), denn »so viel als verloren geht,

kommt hinzu«. Der Kreis hat den Radius MN = MG + 1/3 GE und wenn MG =

1 gesetzt wird, so ist MN = 1 + 1/3 des visesa = 1 + 0,414213 : 3 =

1,138071, also 1,138071^2π = 4, also π = 3,0883 = 18(3 - 2√2) = 105/34.

Die Regel scheint durch Probieren gewonnen, die halbe Seite ist zu

klein, und die halbe Diagonale zu gross.

[Illustration]

III, 3. ¨Kreis-Quadratur¨, nötig für Vervielfältigung des

»Wagenradförmigen«. Als Seite wird 13/15 des Durchmessers genommen,

also π = 169 . 4/225 = 3,004. Baudhāyana hat genau den vorhin

ermittelten Wert für π nämlich 105/34 und gibt als Regel an

7/8 + 1/(8 . 29) - 1/(8 . 29 . 6) + 1/(8 . 29 . 6 . 8) vom Durchmesser.

Dies setzt erstens eine ¨sehr bedeutende Gewandtheit in der

Bruchrechnung¨ voraus, zweitens die Auflösung einer reinquadratischen

Gleichung, d. h. die Ausziehung der Quadratwurzel, da der Wert λ =

√(π/4) = √(105/136) = √0,77205882353 = 0,878668[8=] mit seiner Zahl

9785/11136 = 0,878682 übereinstimmt bis auf 13 Einheiten der 6 Dezimale!

III, 7. Eine Schnur bringt jedesmal soviel Reihen hervor als sie Masse

enthält, d. h. ein Quadrat über a Längeneinheiten enthält a Reihen von

Flächeneinheiten zu a; also die Inhaltsformel des Quadrates, die in §

4, 6, 8, 10 spezialisiert ist.

[Illustration]

[Sidenote: Der Satz vom Gnomon.]

III, 9. ¨Der Satz vom Gnomon¨: Es folgt nun eine allgemeine Weise

(nämlich ein Quadrat zu vergrössern, s. Fig.). Man fügt das (Rechteck),

welches man mit der jedesmaligen Verlängerung umzieht, an zwei Seiten

(Norden und Osten) hinzu und an der (nordöstlichen) Ecke das Quadrat,

welches durch die betreffende Verlängerung hervorgebracht wird. --

D. h. also nichts anderes als (a + b)^2 = a^2 + 2ab + b^2.

Der Satz vom Gnomon konnte ihnen, da sie ihre Quadrate vergrösserten

und meist mit quadratischen Backsteinplatten arbeiteten, nicht

entgehen, und dass in ihm die Quelle des Pythagoras liegt, haben

Bretschneider und Hankel gesehen. Der durch die punktierte Linie

angedeutete Beweis, der sich bei Bhaskara findet, heisst noch heute der

indische und beruht vermutlich auf uralter Tradition.

[Sidenote: Dreieck und Trapez.]

Kap. IV, 4 wird gelegentlich der Anlage der drei Feueraltäre (S. 145)

die Konstruktion des Dreiecks aus den drei Seiten gelehrt.

Man teilt eine Schnur gleich dem Abstand zwischen garhapatya und

ahavanīya (der, falls der Opferpriester ein brāhmana war, 8 Schritt

betrug) in 5 oder 6 Teile, fügt einen 6. bezw. 7. Teil hinzu, teilt

das Ganze in 3 Teile und macht am westlichen Drittel ein Zeichen, dann

befestigt man die beiden Enden am garh. und ahav., zieht die Schnur

an dem Zeichen nach Süden und macht ein Zeichen; das ist, gemäss der

Schrift, die Stätte des daksinagni.

Sie wissen, wie man sieht, dass 2 Seiten eines Dreiecks zusammen

grösser sind als die dritte.

[Illustration]

Kap. V ist von besonderer Bedeutung. Zuerst § 1 die Konstruktion der

grossen Vedi für das Somaopfer aus I, 2, nur dass statt des Rechtecks

das Achsentrapez gezeichnet wird; das rechtw. Dreieck oder nach

indischem Sprachgebrauch das Rechteck ist das mit den Seiten 36 und 15

und der Diagonale (Hypotenuse) 39. Ganz besonders ist § 3 interessant.

Es heisst da: [Sind] die beiden Seiten eines Rechtecks 3 und 4, so

ist die Diagonale 5. Mit diesen legt man die beiden amsa (Schultern),

nachdem man sie je um ihr Dreifaches verlängert hat, fest, und nachdem

sie um ihr Vierfaches verlängert worden sind, die beiden sroni (die

Schenkel).

[Sidenote: Ähnlichkeit.]

Hier leuchtet ein, dass sie mit dem Begriff der Ähnlichkeit vertraut

gewesen sind. Das gleiche gilt bei No. 4. Die beiden Seiten 12 und 5,

die Diagonale 13. Mit diesen die beiden Amsa und nachdem sie um ihr

Doppeltes verlängert sind, die sroni.

[Illustration]

[Illustration]

V, 5. Das Dreieck 15, 8, 17 gibt die sroni; sind die Seiten 35 und 12,

so ist die Diagonale 37, mit diesen die amsa.

So viele »(als rational) feststellbare« Konstruktionen der vedi gibt es.

[Illustration]

V, 7. Die grosse Vedi (d. h. die sub 2-5 konstruierte Saumiki

Vedi) misst 972 (Quadrat) pada (Fuss). Man ziehe vom südlichen

Amsa zur südlichen sroni hin zu 12 (s. Fig.). Darauf drehe man das

abgeschnittene Stück um und füge es auf der Nordseite hinzu. ¨So erhält

die Vedi die Gestalt eines Rechtecks.¨ In dieser Form berechne man den

Inhalt 27 . 36 = 972.

Hier haben wir einen vollgültigen Beweis, denselben, den wir heute noch

geben,

V, 8. Für die Sautrāmani-Zeremonie wird gelehrt: Man opfere in dem 3.

Teil der vedi des Soma-Opfers; hier tritt die trtīya-karanī an Stelle

des pramana (des Grundmasses). Oder man konstruiere mit der tri-karani

(√3). ¨Hierbei sind die kürzeren Seiten 8 und 10 und die prsthya¨ (¨die

Rückenlinie¨) das 12fache desselben. (Ich vermute, dass die Vedis den

Querschnitt durch einen menschlichen Rumpf darstellen sollten.) Hier

ist die Ähnlichkeit sogar erfasst als ¨Abänderung des Massstabs¨!

Und das wird durch die Vorschriften in V, 10 und VI, 1 bestätigt. In

V, 10 heisst es: Die Vedi des asva-medha, des Rossopfers, soll das

Doppelte der saumiki vedi sein und in VI, 1 heisst es: Es tritt die

dvi-karani des Masses an Stelle desselben!

Es folgen nun in den Sulba-Sutras die detaillierten Vorschriften für

den Aufbau der verschiedenen Kamyas; sie sind alle in Beziehung auf

die speziellen Wünsche gedacht, der falkenförmige Agni z. B. für den,

der die himmlische Welt zu erlangen wünscht, weil der Falke sich dem

Himmel am nächsten aufschwingt. Die Vorschriften für die Anfertigung

der Ziegel offenbaren ein ganzes Teil mathematischer Kenntnisse,

insbesondere der Flächenteilung, wie beim Anblick der Figur das

vakra-paksa-syena-cit des Falken mit den krummen Flügeln klar wird.

[Illustration: vakra-paksa-syena-cit.]

Aber das hier Mitgeteilte genügt, um den Standpunkt der indischen

Weisen etwa um 900 v. Chr. zu beurteilen. Zunächst ist es Ehrenpflicht,

des Mannes zu gedenken, der zuerst auf die Sulba-Sutras als Schlüssel

zur Geometrie der Inder hingewiesen. Es war ¨A. C. Burnell¨, der in

seinem »Catalogue of a Collection of Sanscrit Manuscripts« 1869 p. 29

gesagt hat: »Wir müssen die Sulba-Teile der Kalpa-sutras ansehen als

die ersten Anfänge der Geometrie unter den Brahmanas.« Die Kenntnisse

selber sind achtbar genug; sie umfassen so ziemlich das ganze erste

Buch des Euklid inkl. I, 47 (der Pythagoras), Streckenteilung,

Flächenberechnung, Ähnlichkeit und die Kenntnis einer Anzahl

ganzzahliger rechtwinkliger Dreiecke.

[Sidenote: Altindische Arithmetik.]

[Sidenote: Die Null bei den Indern.]

Auch die arithmetischen Kenntnisse der Sulba-sutras sind keineswegs

unbedeutend; sie kennen Quadratwurzelausziehung, auch Auflösung

von Gleichungen, sind mit der Bruchrechnung vertraut. Gegen die

Rigveda-Zeit zeigen die Yajur-veden sehr erhebliche Fortschritte.

H. Zimmer l. c. p. 348 gibt an, dass die höchste bestimmte Zahl im

Rig-veda 100000 sata sahasra ist; aber schon in der Yajurveden-Zeit,

wie z. B. in der Taitt. Samh. und im Satapatha-Brahmana finden sich

Zahlworte bis zu 10 Billionen, und im Mahabhārata Zahlworte für

die Potenzen von 10 bis 10^{17}. Im Rig-veda kommen nur wenig Brüche

vor; ardha halb, auch sami, pada ein Viertel (der Fuss des Rindes),

tri-pad drei Viertel, sapha ein Achtel (Halbhuf der Kuh), kala ein

Sechzehntel. Als eine Grosstat, wozu sich zwei gewaltige Götter,

Indra und Vishnu, vereinigen müssen, gilt die Teilung von 1000 durch

3. Dagegen finden sich schon im Satapatha-Br. eigene Namen bis zu

15^{-4}30^{-1} als Zeitmass, und die Sulbas, insbesondere Baudh.,

haben hoch entwickelte Bruchrechnung. Was das indische Positionssystem

betrifft, kann höchstens noch, vgl. Babylonien, die Einführung der

Null in Frage kommen. Nun kommt die Null vor in dem Manuskript von

¨Bakhshali¨. In Bakhshali (im nordwestlichen Indien) wurden 1881

Bruchstücke eines Manuskripts auf Birkenrinde ausgegraben. Da die

Indologen das Alter dieses Manuskriptes oder seines Inhaltes jetzt auf

den Beginn unserer Ära setzen, so müssen wir es hier besprechen. Es

enthält Textgleichungen, auch diophantische, und die Kuttaka- d. h.

Zerstäubungs- id est ¨Kettenbruch¨methode; diese würde damit vermutlich

schon 500 Jahre vor ¨Aryabhata¨ indischer Besitz gewesen sein; ferner

Summation arithmetischer Reihen, ein eigenes Subtraktionszeichen;

und was für uns das Bedeutsamste ist, es enthält die Null in Form

eines Punktes . als Zeichen für das leere Feld und als Bezeichnung

der Unbekannten, die ja auch vorläufig leer ist. Die erste sonstige

Erwähnung der Null, auch in Form eines Punktes, findet sich in

Subandhu's Vasavadatta, wo die Sterne mit Nullen verglichen werden, die

der Schöpfer bei der Berechnung des Wertes des Alls wegen der absoluten

Wertlosigkeit des Samsara (Weltgetriebe) mit seiner Kreide -- der

Mondsichel -- überall auf das Firmament einzeichnete. (¨G. Bühler¨,

Grundriss der Indo-Arischen Philol. u. Altertumskunde II, 11 p. 78.)

Die Null in Kreisform kommt zuerst in den Cicavole Kupferplatten vor.

Ihr Name ist eigentlich sunya-bindu und wird abgekürzt zu sunya oder

bindu. Über die verschiedene Bezeichnung der Zahlen und Ziffern vgl.

Bühler l. c. Kap. VI, die Zahlenbezeichnung.

[Sidenote: Eleaten: Xenophanes, Parmenides.]

Wenden wir uns nun aus Indien nach Hellas zurück und zunächst zu den

Eleaten.

¨Xenophanes¨ aus Kolophon, ein jüngerer Zeitgenosse des Pythagoras, ist

ihr Stifter. Das Weltganze als unvergängliches, ewig unveränderliches,

ewig gleichartiges Sein ist sein Gott, er ist der erste wirkliche

Pantheist. Wenige Fragmente seiner Lehrgedichte sind erhalten, aus

denen ich die Stellen anführe:

ἑις θεος εν τε θεοισι και ανθρωποισι μεγιστος,

ουτε δεμας θνητοισιν ὁμοιιος ουτε νοημα.

Ein Gott unter den Göttern und unter den Menschen der Grösste, nicht an

Gestalt den Menschen vergleichbar noch auch an Denkkraft.

Und an einer andern Stelle sagt er, nachdem er gegen den

Anthropomorphismus geeifert: »Wenn die Pferde und Ochsen ihre Götter

malen könnten, so würden sie dieselben ohne Zweifel als Pferde und

Ochsen darstellen.« Xenophanes ist der Urheber der Lehre vom ἑν

και παν, von der Einheit aller Dinge, wie Platon und Aristoteles,

Theophrast und Timon übereinstimmend bezeugen. Ob der Pantheismus des

Xenophanes von den ¨Pythagoräern¨ beeinflusst ist, ob beide von den

¨Orphikern¨, und diese wieder von den ¨Indern¨ hierin beeinflusst sind,

wage ich nicht zu entscheiden.

¨Xenophanes¨, der sich in Elea in Lukanien niedergelassen hatte, ist

für uns besonders wichtig, als Lehrer des ¨Parmenides¨ aus Elea, des

eigentlichen Hauptes der ¨Eleaten¨, welche noch weit schärfer als

die Pythagoräer, ja bis zum Extrem, die Priorität der Begriffe vor

den Erscheinungen gelehrt haben. Geboren etwa um 515 aus vornehmer

Familie, fällt seine ακμή, seine Blütezeit, etwa um 480. Die Lehre

der Pythagoräer war ihm vertraut; ohne der Schule anzugehören, hat

er sich die Sittenlehre der Pythagoräer zur Richtschnur genommen,

während er als Philosoph die Lehre des Xenophanes, welche hauptsächlich

theologischen Charakter hatte, weiterbildete. Er hat seine Ansichten

in seinem Lehrgedicht περί φύσεως niedergelegt, von dem uns nicht

unbedeutende Bruchstücke erhalten sind, welche zuletzt von ¨Diels¨

mit dem ganzen Rüstzeug philologischer Schärfe herausgegeben sind.

(H. Diels, P. Lehrgedicht, griech. und deutsch, Berl. 1891.)

[Sidenote: Eleaten: Parmenides, Zenon.]

¨Parmenides¨ ging weit über Xenophanes hinaus. Es gibt, ihm zufolge,

nur ein einziges unteilbares lückenloses Kontinuum des Seienden,

unveränderlich, nicht werdend, nicht geworden, unbeweglich, zeitlos.

Es ist klar, dass die Eleaten mit der Veränderung auch das Zeitproblem

ausschalteten. Die Zeit, mitsamt der Vielheit der Dinge, ihr Werden

und Vergehen, wird uns durch die Sinne vorgetäuscht (die ¨Maja¨ der

Inder!), als Bleibendes, als einziges Sein erkannten sie nur das des

Begriffes, und das enthält die Zeit nicht mehr. Indem Parmenides

aussprach, dass wahres bleibendes Sein nur dem Begriffe zukommt,

identifizierte er Denken und Substanz. Das für uns interessanteste ist,

was Parmenides über den Raum sagt. Da zitiere ich l. c. Vers 42 ff. die

Stelle:

αυταρ επει πειρας πυματον, τετελεσμενον εστι

παντοθεν, ευκυκλου σφαιρης εναλιγκιον ογκωι

μεσσοθεν ισοπαλες παντηι· το γαρ ουτε τι μειζον

ουτε τι βαιοτερον πελεναι χρεον εστι τηι η τηι.

»Aber da es eine letzte Grenze gibt, so ist er von allen Seiten aus

abgeschlossen, der wohlgerundeten Kugel ähnlich an Gestalt, von der

Mitte aus an Kräften gleich überall, denn da darf es kein Mehr oder

Weniger, Hier oder Dorten geben.« Hier also bei Parmenides treffen

wir Jahrtausende vor ¨Riemann¨ die Hypothese von der Endlichkeit des

Raumes an und zugleich das Axiom von der Gleichförmigkeit des Raumes.

Parmenides hat auch das Verdienst, auf das ¨Problem¨ der ¨Kontinuität¨

weit deutlicher hingewiesen zu haben als die Pythagoräer, die das

Problem allerdings auch in ihrer geometrischen Veranschaulichung der

Zahlenbeziehungen gestreift haben. Und ¨Zeno¨, der dritte grosse Eleat,

hat grade durch diese Frage seine bleibende Stelle in der Geschichte

der Mathematik:

[Sidenote: Die Paradoxien des Zenon.]

¨Zenon¨ (Ζηνων) aus Elea, der Sohn des Teleutagoras, ist ungefähr

500 geboren und seine Reife fällt um 450. Es ist sein Verdienst, die

Schwierigkeiten und Widersprüche, welche der Begriff der Bewegung,

wie überhaupt der der Veränderung enthält, aufgedeckt zu haben,

Widersprüche, welche zu ihrer Auflösung den ¨Grenzbegriff¨, diesen

wichtigsten aller mathematischen Begriffe erfordern. Eine Geschichte

der ¨Differentialrechnung¨ wird stets von Zeno und seinen berühmten

¨Paradoxien¨ auszugehen haben. Von Zeno aufgestellt, um einerseits

die Einheit und Unveränderlichkeit des Seins und andrerseits die

Unbeweglichkeit des Seienden zu beweisen, sind sie uns in der Fassung

des ¨Aristoteles¨, Physik 202a, 210b erhalten und die Beweise

insbesondere durch den Kommentar des ¨Simplicius¨ zur Physik des

Aristoteles.

A) Beweise gegen die Vielheit des Seienden.

1. Wenn das Seiende Vieles wäre, so müsste es zugleich unendlich klein

und unendlich gross sein. Unendlich klein, denn jede Vielheit ist Summe

von Einheiten, diese selbst aber unteilbar (Pythagoräer), also hat sie

keine Grösse, ist nichts, also ihre Summe desgleichen. Andrerseits muss

jede solche Vielheit, um zu sein, Grösse haben, ihre Teile voneinander

entfernt sein, die Teile der Teile desgleichen und so fort, also müssen

sie unendlich gross sein.

2. Zeigt Zeno, dass das Viele auch der Anzahl nach begrenzt und

unbegrenzt zugleich sein müsste. ¨Begrenzt¨, denn es ist so Vieles als

es ist, nicht mehr und nicht weniger. ¨Unbegrenzt¨, denn zwei Dinge

sind nur dann zwei, wenn sie voneinander getrennt sind; damit sie

getrennt sein, muss etwas zwischen ihnen sein usw.

Als konsequenter Denker und ausgezeichneter Dialektiker ¨leugnet¨ Zeno

in Numero 3 den ¨Raum¨.

3. Die Dinge scheinen sich im Raum zu befinden, aber das ist nicht

wahr, es gibt gar keinen Raum. Denn jedes Ding ist in einem andern; ist

nun der Raum wirklich, so ist auch er in einem andern Dinge, und muss

doch wohl in einem andern Raume sein; von diesem gilt nun dasselbe wie

vom ersten, es ist also kein letzter Raum denkbar, mithin auch kein

erster und überhaupt keiner. (Dies ist wörtlich Kants Antinomie.)

4. Ein fallendes Korn macht kein Geräusch, aber der Scheffel, also auch

das Korn, denn 0 + 0 wäre 0; also täuscht uns das Gesicht, wenn es uns

eine Vielheit von Körnern vorspiegelt.

Geschichte der Mathematik im Altertum in Verbindung mit antiker Kulturgeschichte · 第 33 / 49 题