vor Euklides 1870 p. 156 ff., wiederhergestellt. Derselbe Eutokios
erzählt in seinem Kommentar zu des Apollonius Kōnika, dass die Alten
den Kegel nur erzeugten durch Rotation eines rechtwinkligen Dreiecks um
eine seiner Katheten. Je nachdem nun der Öffnungswinkel spitz, recht
oder stumpf war, erhielt Menaichmos Ellipse, Parabel, Hyperbel, wenn
er den Kegel durch eine Ebene, welche auf einer Seitenkante senkrecht
stand, durchschnitt. Die Ellipse war übrigens als Cylinderschnitt
schon den Ägyptern (vergl. die Säulen des Tempels von Luxor) und auch
den Hellenen vor Menaichmos bekannt, ihr alter Name war ἡ (γραμμή)
του θυρεού. [vielleicht die Schildförmige Linie, das Oval, obwohl das
ovale Schild gew. ἀσπίς und nicht θυρεός heisst]. Die Erzeugung des
Menaichmos gab sofort die Hauptachsen des Kegelschnitts. Men. erkannte
die ¨Verwandtschaft¨ seiner Kurven mit dem Kreise, da er sah dass
dieselben ¨Projektionen¨ des Kreises waren, und suchte daher nach
einem Analogon zum Potenzsatz, im Anschluss an Archytas und Eudoxos,
und fand es auch. Der ¨Begriff¨ der ¨Verwandtschaft¨ gehört zu denen,
welche sich den Geometern von selbst aufdrängen, man vergleiche die
Ähnlichkeitslehre bei Ägyptern und Indern, wenn auch Theorien der
Verwandtschaften als solcher modernen Ursprungs sind. Als Beispiel
nehme ich die Parabel, den »Schnitt des rechtwinkligen Kegels« wie sie
noch bei ¨Archimedes¨ heisst und sogar noch bei Proklos. Es ist ¯LAD¯,
s. Fig. rechtwinklig bei ¯A¯, der Schnitt ¯MIDKN¯ normal gegen die
Kante ¯AC¯ geführt, also ¯ID¯ || ¯AB¯. Es ist ¯IG¯/¯LD¯ = ¯DI¯/¯AL¯
also gleich ¯IG¯ . ¯HI¯ : ¯LD¯^2 = ¯IK¯^2 : ¯DL¯^2 (Potenzsatz des
Kreises). Ferner wenn ¯LM¯ ⟘ ¯LD¯, ist ¯MD¯ : ¯LD¯ = ¯LD¯ : ¯AL¯,
¯LD¯^2 = ¯MD¯ . ¯AL¯ oder ¯IK¯^2 : ¯MD¯ . ¯AL¯ = ¯DI¯ : ¯AL¯, also
¯IK¯^2 = ¯MD¯ . ¯DI¯, dies ist die Grundeigenschaft (Gleichung) der
¨Parabel¨. Analog ist die Herleitung für Ellipse und Hyperbel.
[Illustration]
[Sidenote: Parabel; Trisektion (Dinostratos).]
Da die nächste Lösung, die des Eratosthenes selbst ist, so unterbreche
ich hier die Geschichte des Delischen Problems um mit ¨Dinostratos¨,
den Bruder des Menaichmos der ebenfalls Schüler des Eudoxos und Platon
ist, auf die beiden andern grossen Probleme, welche die Pythagoräer
in die Hellenische Wissenschaft einführten, überzugehen. Zunächst die
Trisektion, die Dreiteilung des Winkels. Das Problem ist unzweifelhaft
von den Pythagoräern gestellt worden, und geradezu im Zusammenhange mit
dem Delischen Problem. Wie die mittlere Proportionale der Natur nach
zusammenhing mit der Halbierung des Bogens, so glaubte man würden die
beiden Medianen mit der Dreiteilung zusammenhängen und indem man die
reinkubische Gleichung lösen wollte, kam man auf die gemischte, es ist
also kein Zufall, dass dies Problem das zweite Delische genannt wurde.
Dass die Kenntnisse der Pythagoräer zu der Aufstellung der Gleichung
ausreichten, ist leicht zu zeigen vergl. Figur. Man muss nur sehen,
dass ¯ABC¯ ≅ αβγ ist. Es werde bezeichnet: αβ = ¯AB¯ = z, ¯A¯α = 2αγ
= y, ¯AD¯ = s, ¯AF¯ = σ, ¯MF¯ = p, ¯BC¯ = u = βγ, dann ist 1) s/y =
(y + z)/z, 2) u^2 + 1/4y^2 = z^2, 3) weil ¯MFB¯ ~ ¯ABC¯, 2up = y(σ - z)
4) σ^2 + p^2 = r^2.
[Illustration]
Setzt man u = zτ, so ist nach 2) y^2/4 = z^2(1 - τ^2) und nach 3)
gleich z^2τ^2p^2/(σ - z)^2 also 5) 1 - τ^2 = τ^2p^2/(σ - z)^2 aus 1)
und 3) folgt 6) s(σ - z)/(2τpz) = 2τp/(σ - z) + 1.
Aus 5) folgt σ - z = τp : μ wo μ = √(1 - τ^2) ist, also z =
σ - τp : μ, also geht 6) über in 7) s = (2μ + 1)2μ(σ - τp : μ); s =
(2μ + 1)(μs - 2τp) woraus nach leichter Rechnung 4τ^3 - 3τ + ps : r^2 =
0 und da ps = ηr, wenn die Höhe des Dreiecks ¨AMD¨ von D aus η genannt
wird, 8) 4τ^3 - 3τ + η/r = 0.
Das ist die bekannte Gleichung für sin φ/3 da η : r = sin φ ist.
Es gewannen also die beiden Delischen Probleme die Bedeutung der
Auflösung der kubischen Gleichung, [da sich für y die Gleichung 4.
Grades y^4 + sy^3 - 3y^2r^2 - 2ysr^2 + s^2r^2 = 0 ergibt, so ist damit
zugleich die Lösung der Gleichung des 4. Grades angebahnt].
[Sidenote: Hippias von Elis, Dinostratos (Quadratrix).]
Das arithmetische Problem vermochten die Pythagoräer nicht zu lösen,
und das geometrische nicht mittelst Zirkel und Lineal, d. h. elementar,
doch scheuten sie sich wie wir bei Archytas gesehen haben, keineswegs
vor Bewegungsgeometrie und so erfand denn der seiner Zeit ziemlich
übel berüchtigte Sophist ¨Hippias¨ von ¨Elis¨ im letzten Drittel des
5. Jahrh. eine mechanische Lösung und damit die erste uns bekannte vom
Kreise verschiedene nach bestimmten Gesetz erzeugte Kurve, die später
vermutlich durch oder doch ¨nach¨ Archimedes, nachdem ¨Dinostratos¨
ihren Gebrauch zur Rektifikation (Streckung) und damit auch zur
Quadratur des Zirkels gelehrt hatte, den Namen τετραγωνίζουσα lat.
Quadratrix erhielt. Es sind sogar gegen die Autorschaft des Hippias von
Elis Bedenken erhoben (Blass, Friedlein) und ¨H. Hankel¨ der genialste
Historiker der Mathematik hat sich sehr scharf gegen die Autorschaft
des Hippias von Elis ausgesprochen, aber Gründe hat er nicht angegeben
und ich muss ¨Cantor¨ beipflichten, der aus der ständigen Gewohnheit
des Proklos nur bei der ersten Erwähnung die Herkunft anzugeben und
sie später als schon genannt wegzulassen, mit grösster Energie sich
für den Hippias von ¨Elis¨ aussprach. Proklos kann nur diesen Hippias
meinen und wenn auch der Hippias major des Platon vermutlich unecht, so
genügt doch der Hippias minor um zu beweisen, dass Hippias seinerzeit
für einen hervorragend tüchtigen Mathematiker galt. Pappos, dem wir
die Kenntnis der Kurve verdanken, erwähnt den Namen des Hippias nicht.
Die Kurve und ihre Konstruktion finden sich Buch IV prop. 25 p. 253
der ¨Hultschen¨ Ausgabe. Während der Radius αβ, vergl. die Fig., sich
gleichförmig um α bis αδ dreht, verschiebt sich ebenfalls gleichförmig
βγ bis αδ, unsere Kurve ist der Ort des Schnittpunktes ζ der beiden
sich bewegenden Strecken. Die Grundeigenschaft ist: βκ/αβ = (Bogen
βε)/(Bogen βεδ) = Θ/(π/2). Damit ist nicht nur die ¨Trisektion¨ sondern
sogar die ¨Multisection¨ vollzogen, denn nichts hindert αβ oder irgend
ein Stück von αβ in beliebig viele gleiche Teile zu teilen. Es folgt:
(αβ - βκ)/αβ = (π/2 - Θ)/(π/2) oder 1) y . π/2 = [**arc]εδ, daraus
y_{1} : y_{2} = [**arc]ε_{1}δ : [**arc]ε_{2}δ und als Gleichung der
Kurve 2) x = y cot yπ/2. Die Proportion 1, kann auch heissen Quadrant/r
= [**arc]εδ/ζυ. Dinostratos, der mit Demokritischen Gedanken vertraut
war, bemerkte nun, dass der Bruch rechts auf der Grenze, wenn αε
unendlich nahe bei αδ ist, weil der Sektor dann in ein Dreieck übergeht
gleich δε′ : ηη′ = αδ : αη gleich r : x_{0} ist, womit zwar nicht
die Quadratur aber doch die Rektifikation des Kreises mittelst der
gezeichnet vorliegenden Kurve vollzogen ist. Der Beweis des Dinostratos
den Pappos l. c. mitteilt, rechnet selbstverständlich nicht mit dem
Unendlich kleinen, sondern ersetzt die Differentialrechnung durch
die Grenzmethode, wie das auch Archimedes selbst noch getan, obwohl
wir aus dem Ephodion sehen, wie genau er sich der Tragweite der
Infinitesimalrechnung bewusst war. Man braucht ja nur an des Cavalieri
»geometria indivisibilium« zu denken, die er umarbeiten musste, weil
seine Zeitgenossen an dem nackten Unendlich kleinen und grossen, am
Differential und Integral des Volumens, Anstoss nahmen. ¨Newton¨ der
Urheber des selbständigen Differentialkalküls hat in den Prinzipien
und in seinen geometrischen Werken ängstlich die Methode verschleiert
und noch heute gibt es Mathematiker genug, welche vor dem »infiniment
petit« scheuen, wie etwa Pferde vor einem Automobil.
[Illustration]
[Sidenote: Theaítetos und Theudios.]
Sind Menaichmos und Dinostratos die produktivsten Mitglieder des
Platonischen Kreises, »derer um Platon,« so sind Theaítetos der
Athener und Theudios der Magnesier, (wohl in Karien) diejenigen,
welche die methodische Seite der Akademie am energischsten vertreten.
Von Θεαίτητος, dem schon oft genannten, rührt ein grosser Teil der
selbst für uns Heutige nicht leichten Sätze des X. Buchs der Elemente
des Eukleides her, das selbst ein Petrus Ramus, obwohl ein genauer
Kenner von Proklos' Kommentar zum I. Buch, nicht verstand, und
Θευδιος ὁ Μαγνης hat das Lehrbuch der Akademie verfasst. Von ihm sagt
Proklos: Er brachte gute Ordnung in die Elemente und verallgemeinerte
vieles in den einzelnen Abschnitten (Friedl. p. 67, wenn ὁρικων, was
Friedlein bezweifelt, richtig ist, so kann es auch vielleicht besser
als »begrenzt« d. h. »zu eng gefasst« übersetzt werden, »er machte die
Begrenzungen weiter«).
[Sidenote: Aristoteles.]
Die Elemente des Theudios gehen denen des Euklid unmittelbar voran, und
auf sie beziehen sich die mathematischen Angaben bei ¨Aristoteles¨.
[Sidenote: Zeit bei Platon.]
Dieser weltumfassendste Geist nicht bloss des Altertums, der
Wissenschaft und Kunst fast 2000 Jahre lang beherrscht hat und die
formale Logik sogar bis auf ¨Sigwart¨, d. h. bis zum letzten Drittel
des 19. Jahrhunderts, hat noch weit mehr als Platon die Mathematik
nur als Hilfswissenschaft der Philosophie insbesondere für die Lehre
vom Schluss und von den Beweisen betrachtet, und allenfalls für die
Astronomie, in der er wie ¨Kant¨ den stärksten Beweis des für sein
System ganz unentbehrlichen Gottesbegriffes sah. Es steht nicht einmal
fest, ob Aristoteles auf der vollen Höhe der mathematischen Bildung
seiner Zeit gestanden hat, von höheren Problemen streift er eigentlich
nur einmal ganz gelegentlich in de coelo die Quadratur des Zirkels.
Dass er die Kegelschnitte nicht beachtet hat, versteht sich von selbst,
da sie ja gerade zu seiner Zeit von seinem Mitschüler ¨Menaichmos¨
gefunden wurden. Aber um so grösser ist seine Bedeutung für die
Grundbegriffe der Mathematik. Während ¨J. L. Heiberg¨ (Teubner Abh.
z. Gesch. der Math. Wiss. Heft 18, 1904) das spez. Mathematische bei
Aristoteles gesammelt hat, ähnlich wie Theon Smyrneus die Mathematik
bei Platon, ist ¨A. Görland¨ in seiner Dissertation und besonders
in dem Werke: Aristoteles und die Mathematik, Marburg 1899 auch der
begrifflichen Seite gerechter geworden. Aristoteles ist auch der
erste der Hellenen der sich genauer mit dem Begriff Zeit beschäftigt
hat. ¨Platon¨, wie er den Aristoteles an schöpferischer Kraft der
Phantasie weit überragt, übertrifft ihn auch in der Erkenntnis gerade
der tiefsten Quellen unserer Erkenntnis, aber dass die Zeit auch eine
Idee sei, wie das Gute, ist dem Idealisten κατ ἐξοχήν entgangen. Die
Hauptstelle findet sich Timäos 366-370. Gott schuf die Welt als Abbild
der ewigen Ideen (personifiziert durch die einzelnen Götter), und in
der Freude über seine Schöpfung beschloss er sie dem Urbilde noch
ähnlicher zu machen und schuf dazu die Zeit als ¨bewegliches¨, nach
Zahlenverhältnissen fortschreitendes, ewiges Abbild. Denn Tage und
Nächte und Monate und Jahre gab es nicht, bevor der Himmel geschaffen,
sondern damals als dieser zusammengesetzt wurde, bewirkte er zugleich
auch ihre Entstehung. Alle diese (die Tage etc.) sind Teile der Zeit,
und das »¨Es war¨« und das »¨Es wird sein¨« sind entstandene Formen
der Zeit, die wir ¨unvermerkt¨ auf das ewige Wesen übertragen, und
mit ¨Unrecht¨. Denn wir sprechen von einem »es war, es ist, es wird
sein« jener aber kommt in Wahrheit nur das »Es ist« zu, das »war«
und das »wird sein« aber ziemt es sich von der in der Zeit sich
bewegenden Entstehung auszusagen. Wenn hier auch die transzendentale
Idealität der Zeit gestreift ist, so sind doch Zeit und Bewegung nicht
scharf geschieden, und insbesondere scheint die Zeit selbst als Dauer
aufgefasst zu sein, was schon eine Anwendung der Kategorie Raum auf die
Zeit einschliesst.
[Sidenote: Aristoteles über Zeit.]
¨Aristoteles¨ hat sich besonders in der Physik mit der Zeit
beschäftigt, er hat den Zusammenhang der Zeit mit der Zahl erkannt und
im direkten Gegensatz zu Kant die Zeit auf die Zahl zurückgeführt. Im
Buch IV der Physik heisst es: die Zeit ¨scheint¨ die Bewegung einer
Kugel zu sein, weil durch sie die übrigen Bewegungen (Rotationen)
¨gemessen¨ werden. -- Ganz ähnlich heisst es in der Naturphilosophie
¨Lorenz Oken's¨, des Vorgängers von Darwin, die Zeit ist gleichsam
eine fortrollende Kugel, die immer in sich selbst wiederkehrt. -- An
anderer Stelle nennt er die Zeit die ¨Zahl des Kontinuums¨, und die
Zahl der Bewegung in bezug auf ¨vorher¨ und ¨nachher¨, Mass der Ruhe
und Bewegung. Wichtig ist, dass er Phys. 10 auseinandersetzt, dass die
Zeit nicht aus Momenten bestehe und ganz des Aristoteles würdig ist die
Stelle Phys. IV Kap. 10: Ob das Jetzt, das Vergangenheit und Zukunft
trennt, immer ein und dasselbe sei, oder anderes und anderes, das ist
nicht leicht zu entscheiden.
[Sidenote: Aristoteles (vita).]
¨Aristoteles¨, der ¨Stagirite¨, wie er oft genannt wird, ist 384 in
Stageira einer Stadt der athenischen Landschaft Chalcidice geboren.
Sein Vater Nikomachos war Leibarzt des Königs Amyntas von Macedonien,
des Vaters Philipps der die entzweiten Hellenen unter das Macedonische
Joch einte. Im 18. Jahre kam er nach dem Tode beider Eltern als ein
wohlhabender und wohlerzogener Hellene nach Athen vermutlich um
Platons willen, dessen Schule er bis zum Tod Platons, zwanzig Jahre
lang angehörte. Daneben muss der Sohn des Arztes mit dem Fleiss und
der ungeheuren Arbeitskraft eines grossen Genius geschafft haben um
sich auf naturwissenschaftlichem und politisch-historischem Gebiete
das Riesenmaterial von Kenntnissen anzueignen, das in seinen Schriften
verarbeitet ist. Zwei Strömungen von ganz ungewöhnlicher Stärke sind in
Aristoteles vereinigt, einerseits ist er der erste grosse ¨Biologe¨,
der mit gleicher Sorgfalt das grösste wie das kleinste Lebewesen
beobachtet, er hat es ja selbst ausgesprochen, dass es für den
Forscher nichts Grosses und nichts Kleines gebe, -- andererseits ein
Systematiker von extremer Nüchternheit und Klarheit.
Dass der über dreissigjährige Mann in den letzten Jahren seines Lehrers
dem Platonismus schon mit kritischem Geiste gegenüberstand, ist an sich
im höchsten Grade wahrscheinlich, auch wenn es nicht durch den Klatsch
der Schule bezeugt wäre. Insbesondere richtete sich seine Kritik wohl
damals schon gegen die Ideenlehre. Aristoteles hat hier wohl von
Anfang an dem Schwunge des Dichters nicht folgen können, vermöge einer
Schwäche seiner Begabung gerade auf dem Gebiete der Phantasie. Und
dann muss gesagt werden, dass Platon selbst seine eigene grossartige
Auffassung der Idee, des reinen ewigen Urbilds, die über den Dingen
stehend, die Kraft ist, welche die Dinge schafft, mit zunehmendem
Alter mehr und mehr verdunkelt und abgeschwächt hat, man vergleiche
die »νόμοι«, die Gesetze, auch den Zusatz, die επινομις. So erklärt es
sich, dass in der Darstellung des Aristoteles die Ideenlehre in die
Zahlenmystik der Pythagoräer überging.
Doch war und blieb er Platoniker, wie schon daraus hervorgeht, dass er
unmittelbar nach dem Tode des Meisters Athen für lange Zeit verliess,
und zwar in Gemeinschaft mit dem leidenschaftlichsten Verehrer Platons,
dem ¨Xenokrates¨, der nach dem Tode von Platons Neffen Speusippos
der Leiter der Akademie war. Aristoteles brachte die nächsten drei
Jahre bei seinem Bundesbruder Hermias, dem Fürsten von Atarneos und
Assos zu, und heiratete nach dessen Tode die Schwester oder Nichte
desselben. Im Jahre 343 (oder 342) übernahm er die Ausbildung des
damals dreizehnjährigen ¨Alexander¨, und diese Verbindung, obwohl sie
nur 3 Jahre dauerte, da Alexander schon mit 16 Jahren die Vertretung
seines Vaters Philipp in Macedonien übernahm, wurde für beide grosse
Männer von höchster Bedeutung. -- Aristoteles ging zunächst in seine
Heimatstadt Stageira, er blieb aber bis kurz vor Alexanders Tode, bis
er durch die Torheit seines Neffen Kallisthenes jenem entfremdet wurde,
in innigster Verbindung mit dem Könige. Mit königlicher Freigebigkeit
gewährte Alexander die Mittel, welche er zu seinen Arbeiten brauchte,
alle fremden Tiere und Pflanzen wurden ihm zugesandt, und die Summen,
derer er zu seiner grossen Bibliothek bedurfte, verdankte er wohl auch
zum grossen Teil dem Könige. Aristoteles ist der erste Gelehrte, von
dem wir wissen, dass er sich eine grosse Büchersammlung angelegt hat,
und das war damals ein noch weit kostspieligeres Vergnügen als heute,
um so mehr als er auch dafür sorgte, dass die wichtigsten Werke durch
Abschriften weiteren Kreisen zugänglich gemacht wurden. Die Sammlung
hat er seinem bedeutendsten Schüler, dem ¨Theophrast¨ hinterlassen.
Dreizehn Jahre nach dem Tode Platons kehrte er nach Athen zurück, nahm
den Unterricht in der Rhetorik, den er schon bei Lebzeiten Platons sehr
erfolgreich geführt hatte, wieder auf, und eröffnete jetzt ebenfalls
bei einem Gymnasium, dem Lyceum, eine eigene Philosophenschule und
begründete den dazu gehörigen Freundschaftsbund. In den Parkanlagen des
Lyceums auf- und abgehend, disputierte er mit seinen Schülern und von
dieser Gewohnheit erhielten die Jünger den Namen der »Peripatetiker.«
Übermenschliches hat er in den 12 Jahren seiner Lehrtätigkeit
geleistet. Abgesehen von einzelnen Dialogen, welche schon zu
Platons Zeiten veröffentlicht waren, sind fast alle seine grossen
Lehrschriften, die ja im wesentlichen Vorlesungshefte für seinen und
seine Schüler Gebrauch waren, hier entweder entstanden oder doch wenn
nicht konzipiert, so doch redigiert. Aristoteles starb 332 zu Chalcis
auf Euboea, wo er ein Landgut besass, an einem Magenleiden.
[Sidenote: Aristoteles, Werke.]
Ich erwähne zuerst seine grossartigen naturwissenschaftlichen Werke,
als Systematiker beginnt er mit der unorganischen Natur. Zunächst die
¨Physik¨, φυσικη ακροασις, 8 Bücher, zu denen uns der sehr wichtige
Kommentar des Simplicius erhalten ist. Dies Werk hat bis an das 18.
Jahrh. heran den Stoff für die Vorlesungen über Physik gegeben. Dann
die Astronomie, περι ουρανου de coelo, 4 Bücher (dazu Kommentar des
Simplicius). Er kritisiert die Pythagoräer, den Hiketas, den Aristarch
von Samos, welche die zentrale Stellung der Erde im Weltsystem
aufgegeben; und seine Autorität hat bis auf Kopernikus den Weg zum
Fortschritt versperrt. In de coelo β 13, 293 lesen wir: δειν τη γη του
μεσου χωραν αποδιδοναι. Man muss der Erde die Stelle des Mittelpunktes
wiedergeben: denn χώρα Raum steht bei Aristoteles häufig für τόπος
Ort. Weiter nenne ich die Schrift über Entstehen und Vergehen, περὶ
γενέσεως καὶ φθορᾶς 2 Bücher, die Meteorologie 4 Bücher, woran sich
auch ein Werk über Mathematik im engeren Sinne angeschlossen haben
soll, was aber nicht gerade wahrscheinlich ist. Es schliessen sich dann
die Werke über die lebenden Wesen an, beschreibende und untersuchende.
Zunächst die grossartige ¨Zoologie¨, περὶ τα ζῷα ἱστορια. 9 Bücher,
dann 7 Bücher ¨Anatomie¨, dann die (physiologische) ¨Psychologie¨,
περὶ ψυχής, Wahrnehmen und Wahrgenommenes, Gedächtnis und Erinnerung,
Traum und Wachen. -- Ferner über Kurz- und Langlebigkeit, Leben
und Tod, und damit verbunden, über das Atmen. Über die Teile der
Tiere, die Erzeugung und den Gang der Tiere (wahrscheinlich unecht).
-- Die 2 Bücher über die Pflanzen sind verloren, weil sie von der
reichhaltigeren Schrift des ¨Theophrast¨ aufgesaugt und verdrängt
sind, eine im Altertum häufige Erscheinung. -- An die Zoologie, welche
mit dem Menschen endet, reihen sich dann folgerichtig die grossen
Werke über das sittliche Handeln des einzelnen Menschen, und über
sein Leben im Staate an, Ethik und Politik. Von den drei Ethiken ist
die grosse sog. ¨Nikomachische Ethik¨ unbezweifelt das echte Werk
des Aristoteles, während die andere die Eudemische ein Kollegienheft
des Eudemos ist, und die dritte, die sog. grosse Moral ein Auszug
aus dem Eudemos ist. Die Ethik handelt von dem höchsten Gut, von der
Tugend, von der Freundschaft etc. Das höchste Gut sieht sie in der
reinen Denktätigkeit; die wissenschaftliche Arbeit um ihrer selbst
willen, diese ist göttlich. Ihr zunächst steht im Werte die Tugend, die
ethische Tugend ist auf den ¨Willen¨ gerichtet, der lernen muss, um es
kurz auszudrücken, die richtige Mitte zwischen zwei Lastern zu halten.
Tief empfunden und wahrhaft beredt ist, was Aristoteles über die
¨Freundschaft¨ sagt, ohne die ihm zufolge keine Gemeinschaft bestehen
kann.
Von den ¨staatswissenschaftlichen¨ Werken ist uns die Politik
erhalten, 8 Bücher, unvollendet, aber wie ¨Zeller¨ sagt, eins von
den reifsten und bewundernswertesten Erzeugnissen seines Geistes.
Verloren sind bis auf wenige Bruchstücke, die sog. πολιτείαι, eine
wahrscheinlich lexikalisch geordnete Sammlung der Verfassung von 158
Staaten oder Städten, anfangend mit Athen. Vor wenigen Jahren ist
gerade die Verfassung Athens in der Leichenbinde einer ägyptischen
Mumie gefunden und von ¨Keibel¨ und ¨Kiessling¨ meisterhaft
übersetzt worden. Sie zeigt uns was wir verloren haben und ist
unschätzbar für die Beurteilung des Aristoteles. Während dieser in
den exakt-wissenschaftlichen und philosophischen Schriften in Sprache
und Form meist trocken, nüchtern und knapp ist, -- er hat ja die
philosophische Fachsprache, ich möchte sagen, den Jargon geschaffen,
der die meisten philosophischen Werke so ungeniessbar macht, --
begreifen wir hier wie ¨Cicero¨ sagen konnte, Aristoteles habe die
alten Rhetoren »suavitate et brevitate dicendi,« durch Anmut und
treffende Kürze der Sprache, weit hinter sich gelassen.
Zugleich aber bekommen wir auch zum ersten Male ein genaues Bild vom
alten Athen und sind imstande die Anziehungskraft zu begreifen, welche
Athen auf die Hellenen ausübte. Wir sehen hier eine Verfassung von
solchem echten Liberalismus und von solcher Humanität, wie sie noch nie
zum zweiten Male existiert hat. Selbst die Staatssklaven der Athener
erfreuten sich einer Freiheit, die in vieler Hinsicht grösser war als
die der heutigen Staatssklaven, der Beamten. Interessant ist auch die
Rolle, welche die Erbtochter schon damals spielte.
Die Anschauung des Aristoteles über ¨Kunst¨ kann ich hier nur flüchtig
streifen, erhalten ist nur die ¨Poëtik¨, und auch sie nur als
Fragment, aber Sie wissen, welchen langdauernden Einfluss die sog.
drei Einheiten, welche Aristoteles für das Drama forderte, die Einheit
des Orts, der Zeit und der Handlung, gerade weil die Forderungen
missverstanden wurden, insbesondere auf das klassische Drama der
Franzosen gehabt haben.
Nun zu den eigentlichen philosophischen Schriften des Aristoteles.
Zuerst bereitet er sich den Boden für das Verständnis seiner Gedanken
dadurch, dass er die Gesetze, denen unser Denken unterworfen ist,
die Lehre vom Schluss und vom Beweise, die formale Logik, als der
Erste genau formulierte. Die Logik des Aristoteles zerfällt in 2
grosse Abteilungen, die ¨Topik¨ und die Analytik, zusammengefasst
als ¨Organon¨ id est Werkzeug. Ich nenne hier ¨F. Kampe¨, die
Erkenntnistheorie des Aristoteles Leipz. 1870, ¨R. Eucken¨, die
Methode der arist. Forschung Berl. 1872. Von neuen Ausgaben seien die
der Berliner Akademie von 1831-70 in 5 Bänden und die auf 35 Bände
berechnete der griech. Kommentare hervorgehoben, darunter die ¨Physik
des Simplicius¨ von ¨H. Diels¨ 1882 und eben desselben Astronomie von
¨J. L. Heiberg¨ 1894.
Die Grundlagen jeder wissenschaftlichen Arbeit sind im Organon für ewig
gelegt. Die Logik wird als wissenschaftliche Technik aufgefasst, er
will keine vollständige Erkenntnistheorie geben, etwa wie ¨H. Cohen¨'s
Logik der reinen Erkenntnis, sondern zunächst eine Untersuchung über
die Formen und Gesetze der wissenschaftlichen Beweisführung. Die Topik
beschäftigt sich mit der Dialektik, der Lehre vom Beweisbaren und
dem Wahrscheinlichen; von den Analytiken beschäftigt sich die erste
mit dem Schlusse, die andere mit der Beweisführung gestützt auf den
Syllogismus. Die Syllogistik hat es mit der Erkenntnis derjenigen
Denkformen zu tun, denen zufolge mit Hilfe eines Zwischenbegriffs,
der im einen Urteil Prädikat, im anderen Subjekt ist, entschieden
werden soll, ob ein Begriff unter einem andern subsumiert werden soll,
ganz oder teilweise, oder nicht. Aristoteles hat die Urteile nach
Quantität und Qualität eingeteilt, und zwar nach Quantität: generelle,
partikuläre, singuläre, (allgemeine, besondere, einzelne) und nach
Qualität: affirmative und negative (bejahende und verneinende).
Ein Punkt der für Mathematiker besonders wichtig ist muss betont
werden. Nicht ¨Schopenhauer¨ hat zuerst die Forderung erhoben: der
wahre Beweis muss nicht nur dass etwas ist, sondern warum es ist,
aufdecken, sondern ¨Aristoteles¨ hat περι ψυχής II, 2 mit grösster
Schärfe das nämliche gefordert.
[Sidenote: Aristoteles Philosophie.]
An die Logik, die Wissenschaftslehre, schliesst sich die ¨Metaphysik¨
an. Aristoteles setzt die Platonische Philosophie voraus, und indem
er sie umbildet, verbildet und fortbildet, ist er der Vollender der
Begriffsphilosophie. Die Metaphysik beginnt mit der berühmten Tafel
der ¨Kategorien¨, der irreduzibeln Stammbegriffe der Vernunft, die
Grundformen aller Aussagen. Sie sind bei ihm nicht völlig das was ich
¨Konstituenten¨ des Intellekts nenne, Methoden grosse Gruppen von
Erkenntnissen zusammenzufassen und zu ordnen.
[Sidenote: Aristoteles über Grösse.]
Er unterscheidet: 1) Substanz (ουσία, Wesenheit) 2) Grösse, Quantität,
ποσόν., 3) Beschaffenheit, Qualität, ποιόν, 4) Beziehung, Relation,
πρός τι., 5) Worin, Raum, χώρα., 6) Wann, Zeit, πότε., 7) Lage, θέσις,
8) Haben, ἕξις, 9) Wirken, ποιεῖν, 10) Leiden, πάσχειν. Lage und
Haben scheinen nur aufgestellt, um die Zehnzahl der Pythagoräer voll
zu machen, er lässt sie im Laufe der Untersuchung fallen. Doch wird
die θέσις die Lage von ihm als Grundeigenschaft des Raumes erkannt.
Uns interessiert am meisten was er über Grösse sagt. Alles was sich in
substantielle Teile teilen lässt, ist eine Grösse (dieselbe Definition
gab ¨Weierstrass¨ im Colleg.). Sind die Teile zusammenhängend, so ist
die Grösse ¨stetig¨ (συνεχές), die Lehre von der kontinuierlichen
Grösse geht wie beinahe jede scharfe begriffliche Untersuchung auf
Aristoteles zurück, der auch die recht eigentlichen mathematischen
Probleme, die Zusammensetzung und Trennung des Kontinuums erfasst
hat. Ausführlicher spricht er sich über Kontinuität in der Physik c.
3, 227 und 10 aus: Es sei etwas stetig, wenn die Grenze eines jeden
zweier aufeinander folgenden Teile, in der dieselben sich berühren,
¨ein und dieselbe ist¨, und sie, wie es auch das Wort bedeutet, (συν
zusammen, έχω halten) zusammengehalten werden. Sind die Teile in einer
bestimmten ¨Lage¨, so sind die Grössen extensive oder Raumgrössen,
das ¨Ungeteilte¨ oder die ¨Einheit¨, mit der sie gemessen wird, und
die ¨Messbarkeit¨, dass sie ein Mass hat, ist das unterscheidende
Merkmal der Grössen. Auch die für die Ausbildung des Integralbegriffs
grundlegenden Probleme der Zusammensetzung und Trennung des Kontinuums
sind von ihm gestellt. Und wenn auch περι ατομων γραμμων vielleicht
wie Tannery meint, nur ein Schülerheft, so ist doch περι φύσεως
unbestritten. Das Argument mit dem Aristoteles bewies, dass Raum und
Zeit nicht aus Punkten bestehen (es hätten sonst z. B. Seite und
Diagonale des Quadrats gleichviel Punkte und wären gleich) haben die
Arabischen Aristoteliker, (wie Averroës), gegen die Mutakallimun
(Logiker) gebraucht.
Für die Qualitäten werden zwei Hauptarten unterschieden, diejenigen,
welche sich auf einen substantiellen Unterschied und diejenigen, welche
sich auf Bewegung und Tätigkeit beziehen. Als ein charakteristisches
Merkmal der Qualität wird der Gegensatz des Ähnlichen und Unähnlichen
betrachtet; zu bemerken ist hier, dass Kategorien der Anschauung von
Aristoteles nicht aufgestellt werden, wie z. B. Abstand, Richtung.
Der wichtigste Stammbegriff ist der der Substanz, der der Träger der
Übrigen ist, und so ist es die Untersuchung über das Seiende als
Seiendes von der die Philosophie, welche den Zweck hat die Erfahrung
zur Einheit zusammenzufassen, ausgehen muss. Ich führe hier als den
wichtigsten Satz an das berühmte: το δ' ειναι ουσια ουδενι., der
widerspruchsfreie Begriff begründet keine Existenz des Definierten, mit
dem z. B. der ontologische Beweis des Daseins Gottes und die Grundlage
¨Spinozas¨ zusammenbricht. Die erste und höchste Philosophie hat die
Aufgabe die letzten (A. sagt richtiger die ersten) und allgemeinsten
Gründe der Dinge zu erforschen, sie gewährt das umfassendste Wissen,
dasjenige, welches am schwersten zu erlangen ist, da die allgemeinsten
Prinzipien von der sinnlichen Erfahrung am weitesten abliegen, das
sicherste, weil sie es mit den irreduziblen Begriffen und Axiomen zu
tun hat, das was am meisten Selbstzweck ist, weil es die Zwecke, denen
alles dient, feststellt. Sie muss alles Wirkliche schlechthin umfassen,
denn die letzten (πρώτας) Gründe sind nur die, welche alles Seiende als
Solches erklären. Andere Wissenschaften, wie Medizin und Mathematik,
beschränken sich auf ihr Gebiet, das sie nicht weiter definieren, die
Wissenschaft von den letzten Gründen muss die Gesamtheit der Dinge
auf ihre ewigen Ursachen und in letzter Instanz auf das Unbewegte und
Unkörperliche, d. h. auf ¨Gott¨ zurückführen, von dem alle Bewegung
und Gestaltung des Körperlichen ausgeht. Er nennt diese Wissenschaft,
die Metaphysik, erste Philosophie auch Theologie. Angesichts des
Schwungs der Sprache und der Wucht der Gründe mit denen Aristoteles
den Gottesbegriff stützt, wird es begreiflich, wie die Scholastik, wie
ein Thomas von Aquino im Gegensatz zu Platon, mehr und mehr sich auf
Aristoteles stützen musste, der fast zu einem Heiligen der katholischen
Kirche geworden ist. Verbot doch im Jahr 1624 das französische
Parlament jeden Angriff gegen seine Autorität bei Todesstrafe.
[Sidenote: Aristoteles und die Ideenlehre.]
Indem er nun näher auf dasjenige eingeht, was allen Seienden als
solchem zukommt, untersucht er den Satz vom Widerspruch, der ja in der
Mathematik eine so entscheidende Stelle im indirekten Beweis einnimmt,
denken Sie nur an die grosse Menge stereometrischer Sätze, welche sich
auf den Widerspruch gegen das Parallelenaxiom zurückführen lassen. Er
knüpft an seine Untersuchung den Satz vom »ausgeschlossenen Dritten«
(aut est, aut non est, tertium non datur). Ich muss für Aristoteles'
Metaphysik auf Bonitz, Windelband, Zeller etc. verweisen, nur seine
Gestaltung der Ideenlehre muss ich besprechen, denn in ihr besteht
ja seine Emanzipation von ¨Platon¨. Aristoteles hat die Idee Platons
missverstanden, vielleicht weil Platon sich nicht mit Konsequenz dahin
ausgesprochen, dass seine Idee auf der Ausschaltung des Zufälligen
beruht. Letzteres ist für uns unbefriedigend und indem wir es auffassen
als etwas, was sein oder nicht sein kann, verstösst es gegen den Satz
vom Widerspruch. Die Platonische Idee, als zeitlose Norm aus wenigen
Erfahrungen vermöge eines Grundtriebs unseres Intellekts geschaffen,
steht ¨über¨ den Dingen, Aristoteles und vermöge seiner Autorität fast
alle Nachfolger fassen sie als ¨neben¨ den Dingen, ἑν παρα τα πολλα.,
als ausserhalb der wirklichen Welt und in keinem Zusammenhange mit
ihr stehend, wie die ¨praestabilierte Harmonie des Leibniz¨, wo ihre
Wirkung dann allerdings unerklärlich ist. Aristoteles fasst die Idee
als ἑν κατα πολλα, als in jedem Dinge, jedes Ding existiert eigentlich
nur insoweit, als es seine Idee ausdrückt. Man sieht, dass er Platon
missversteht, um im Grunde auf ihn zurückzugreifen. Aristoteles
unterscheidet die ὑλη, den Stoff, die Materie, die gestaltlos, nur die
Möglichkeit, die δύναμις, zum Wirklichen, zur ενεργεια hat, das ihnen
allein durch die Idee εἶδος, die Form zugeführt wird. Die Idee ist
zugleich die ¨Zweckursache¨, der gemäss die Wesen sich entwickeln, sie
ist die Seele jedes einzelnen Dinges.
[Sidenote: Aristoteles, Stoff und Form.]
Man darf den aristotelischen Begriff der Form nicht mit unserm Wort
verwechseln, ein toter Mensch ist der Idee nach kein Mensch, noch ein
gefällter Baum ein Baum. Stoff und Form wechseln, Bauholz ist in Bezug
auf den lebenden Baum Stoff, in Bezug auf den unbehauenen Stamm Form,
Erz für den Bildhauer Stoff, für den Erzgiesser Form etc. So stellt
sich die Gesamtheit alles Seienden als eine Stufenleiter dar, deren
unterste Stufe, die erste Materie oder πρωτη ὑλη, unterschiedslos,
unbestimmt und formlos, deren oberste eine letzte Idee, der mit gar
keinen Stoff behaftete absolute göttliche Geist. Der Gottesbegriff des
Aristoteles hat etwas Überwältigendes. Er hat den ontologischen, den
kosmologischen, den teleologischen, den moralischen Beweis für das
Dasein Gottes geschaffen, er beherrscht die katholische Theologie nicht
nur durch das ganze Mittelalter, sondern noch heute und Metaphysik
XII finden Sie in einen bei Aristoteles ganz ungewöhnlichen fast
dichterischem Schwung die Schilderung des Wesens der Gottheit.
In dem Verhältnis des Stoffs zur Form hat nun Aristoteles die beiden
für sein System und für die ¨Mathematik¨ gleich wichtigen Begriffe
des Potentiellen und Aktuellen, der δυναμις und ενεργεια (auch
εντελεχεια Vollendung), Möglichkeit und Wirksamkeit geschaffen, denken
Sie nur an die potentielle und aktuelle (kinetische) Energie der
heutigen Mechanik. In der Auffassung der Bewegung als Übergang des
Potentiell-Seienden zum Aktuell-Seienden hat er die Schwierigkeit die
der Begriff des Werdens seinen Vorgängern machte überwunden; es ist
ein und dasselbe Sein, um das es sich handelt, nur auf verschiedener
Entwicklungsstufe. Potentiell, κατα δυναμιν ist das Samenkorn ein Baum,
der ausgewachsene Baum ist es aktuell, κατ' ενεργειαν. Potentieller
Philosoph ist Aristoteles, wenn er schläft, der bessere Feldherr Sieger
vor der Schlacht, potentiell ist der Raum ins Unendliche teilbar, die
Zahl ins Unendliche zählbar, potentiell ist Alles, was sich gemäss der
in ihm liegenden Idee entwickeln kann, wenn möglich zur Vollendung, zur
Entelechie, zur vollendeten Darstellung seiner Idee.
[Sidenote: Aristoteles, das Unendliche.]
Diese beiden fundamentalen Unterschiede des Seins, das Potentielle
und das Aktuelle, hat Aristoteles auch im Begriff des Unendlichen
hervorgehoben; von ihm rührt die bis auf den heutigen Tag, ich nenne
¨Georg Cantor¨, herrschende Unterscheidung des infinitum potentia
et actu, des Unendlichen im Werden und des Unendlichen im Sein. Es
ist unmöglich die Scholastiker oder Cusanus zu verstehen, ohne diese
Unterscheidung zu kennen. Aristoteles hat zuerst und bis auf ¨Galilei¨
als der Einzige wissenschaftlich den Begriff Unendlich untersucht. Wohl
hat Zeno den Integralbegriff gestreift, Demokrit diesen ganz bewusst
benutzt, aber hier handelt es sich um eine logische Untersuchung,
denn Unendlichkeitsbetrachtungen sind an sich so alt wie der Mensch.
Schon in den Veden kommt die Göttin des Unendlichen, ¨Aditi¨, vor
und Max Müller sagt in seiner ersten Strassburger Vorlesung »alle
Religion entspringt aus dem Druck, den das Unendliche auf das Endliche
ausübt«. Ich habe l. c. auf den Ursprung des Unendlichkeitsbegriffs
aus dem Werkzeug unseres Intellekts: Zeit hingewiesen, bezw, darauf,
dass wir uns ein Ende unserer Erlebnisse nicht denken können. Wenn
¨Frege¨ in seinen Grundlagen der Arithmetik von 1884 den Versuch macht
die Existenz von (n + 1) mittelst des Schlusses von n auf n + 1 zu
beweisen, so halte ich dagegen die Unendlichkeit der Anzahlenreihe für
das Prius, das unmittelbar durch den Zusammenhang der Ordinalzahl mit
der Zeit gegeben ist. Mit jedem neuen Erlebnis ist eben auch eine neue
Einheitssetzung und damit eine neue Ordinal- und Kardinalzahl gegeben.
Aristoteles kommt wie ¨Gauss¨ zu dem Schluss, dass das Unendliche im
Sein, das infinitum actu oder κατ' ενέργειαν, das ἄπειρον, das wovon
es kein Jenseits gibt, in der Natur nicht existiert, ἡ φυσις φευγει
το απερον, also als sinnlich wahrnehmbar existiert keine unendliche
Grösse. Nur in Gott als der unendlichen Kraft, welche die unendliche
Bewegung der Welt hervorbringt, existiert das infinitum actu. Wohl
aber gibt er zu, dass es ein infinitum potentia (κατά δύναμιν) gibt.
Die Raumgrösse ist unbegrenzt teilbar, aber ein unendlich kleines gibt
es nicht, sondern das ἄπειρον ist nur im Entstehen und Vergehen. Und
die Zeit und mit ihr die Zahl ist unendlich gross im Werden, aber auch
hier ist die Zunahme endlich, die grosse Zahl entsteht und vergeht, und
macht der grösseren Zahl Platz, eine unendlich grosse Zahl existiert
nicht. Aber dieser grosse Denker streift doch schon die Lösung, er
sagt in der Physik Cap. 5, 204: »Vielleicht ist die Untersuchung ob
das Unendliche auch in der Mathematik und in dem Denkbaren und in
demjenigen was keine Grösse hat, existiere, eine weit allgemeinere.«
Die Lösung liegt eben darin, dass das mathematisch Unendliche
überhaupt keine Grösse besitzt. Es genüge hier auf ¨B. Bolzano¨'s
klassische »Paradoxien des Unendlichen« zu verweisen. Bolzano, auf
den ¨Weierstrass¨ und ¨G. Cantor¨ ganz unmittelbar fussen, hat den
Hauptanstoss hinweggeräumt, allerdings wörtlich nach ¨Galilei¨, als
er hervorhob, dass der Begriff des Ganzen keineswegs durch alle seine
Teile hindurchzugehen braucht. Ich verweise hier auf einen Vortrag im
internationalen Kongress zu Rom.
[Sidenote: Raum und Zeit.]
Mit dem was Aristoteles über das ἄπειρον sagt, hängen seine
Betrachtungen über Raum und Zeit und Bewegung eng zusammen. Der Raum
kann wohl unbegrenzt verkleinert, aber nicht unbegrenzt vergrössert
werden, auch gegen den Demokritischen Begriff des leeren Raumes (und
des Atoms) polemisiert er, dagegen nähert er sich der Auffassung
¨Kants¨ und noch mehr der von ¨H. Cohen¨ beträchtlich und führt die
Zeit auf die Bewegung des Jetzt (το νύν) zurück und bemerkt, dass
sie ohne das erkennende Subjekt nicht existiere. Sehr wichtig ist
das, was er vom Zeit- und Raumpunkt sagt: das zeitlich und räumlich
nicht mehr Teilbare ist niemals an und für sich (actu) gegeben,
sondern nur potentiell in der ¨stetigen¨ Grösse enthalten, und wird
nur durch ¨Verneinung¨ d. h. durch negative Prädikate (limitierende
Urteil Cohens) erkannt. Und einigermassen erstaunt war ich, als ich
die Auffassung der Ruhe als Grenze der sich stetig verlangsamenden
Bewegung, welche ich mir vor 30 Jahren ohne noch ¨Leibniz¨ zu kennen
gebildet hatte, dem Wesen nach bei ¨Aristoteles¨ fand, der sagt, dass
es in einem Zeitpunkt weder Ruhe noch Bewegung gibt, sondern nur einen
Übergang und der Körper, wenn er von der Bewegung zur Ruhe übergeht,
noch in Bewegung ist.
¨Aristoteles¨ der heute nach mehr als 2000 Jahren noch lebendig
fortwirkt, der auf Christentum, Judentum, ja selbst auf den Islam
auf das tiefste eingewirkt hat, -- ist doch Moses ben Maimon,
der auf Thomas von Aquino so bedeutenden Einfluss übte, durch
seine Schule gegangen -- der abstrakteste Denker und zugleich der
exakteste Beobachter, der grösste Empiriker und zugleich einer der
grössten Idealisten, hat eigentlich erst die einzelnen Disziplinen
geschaffen. Bis zu ihm gibt es eine Gesamtwissenschaft τα μαθήματα,
von ihm ab und durch ihn existieren die einzelnen Disziplinen. Sein
Schüler Medon schrieb nach seinem Plan die Medizin »Ιατρικα.«, seine
Physik, Astronomie, Zoologie, Psychologie bilden den Inhalt der
Universitätsvorlesungen bis in die Neuzeit, Botanik, Meteorologie,
ja selbst Chemie wie Rhetorik, Poetik etc. werden selbständig, wie
Mathematik und die Philosophie selbst, der er die besondere Aufgabe
zuwies, die Erfahrung zur Einheit zusammenzufassen. Und nicht minder
die Geschichte, das erste Buch seiner Metaphysik ist die erste und
zugleich mit die beste Geschichte der Philosophie und überall hat
er Geschichte und ¨Kritik¨ hineingewoben. Von ihm an beginnt eine
500 Jahre andauernde Periode der Einzelforschung, die erst bei den
Neuplatonikern zur Zusammenfassung führt.
[Sidenote: Aristoteles: Theophrast, Eudemos.]
Die beiden bedeutendsten Peripatetiker, ¨Theophrast¨, der Freund und
Schüler des Aristoteles, der die Botanik seiner Zeit kodifiziert hat,
und ¨Eudemos¨ der Rhodier haben beide eine Geschichte der Mathematik
geschrieben. Die des Theophrast ist spurlos verschwunden, von der
des Eudemos sind spärliche Fragmente durch Proklos, Eutokios und
Simplicius erhalten, sowie eine Notiz aus dem Buch über den Winkel,
περί γωνίας, bei Proklos. Das wichtigste ist das oft erwähnte
Mathematikerverzeichnis bei Proklos. Friedl. Prolog II p. 65 ff., das
aber ¨Tannery¨ zufolge nicht direkt aus Eudemos stammt, sondern aus
einer Verarbeitung des Eudemos durch ¨Geminos¨ im 1. Jahrh. n. Chr. Es
endigt unmittelbar vor ¨Euklid¨.
[Sidenote: Euklid, vita.]
Von dem Verfasser der »Elemente«, des Werkes, das unter allen
mathematischen Werken für die Bildung der Menschheit weitaus das
wichtigste gewesen ist, kennt man weder Ort noch Zeit der Geburt
und des Todes, γενέσεως και φθοράς. Seinen Zeitgenossen und der
nächstfolgenden Generation war Euklid einfach der »στοιχειοτης«,
der Verfasser der Elemente und bald ging die Kenntnis seiner Person
verloren. Viele Jahrhunderte ist er mit dem Philosophen Euklid von
Megara verwechselt worden, der nach dem Tode des Sokrates die Schule
zusammenhielt, und dieser Irrtum findet sich schon bei Valerius
Maximus um 30 v. Chr. und ist dort aus einer falschen Auffassung einer
Stelle bei Geminos (Prokl. p. 60) entstanden. -- Das Wenige, was wir
von ihm wissen, verdanken wir zumeist ¨Proklos¨, einem Neuplatoniker
und Nachfolger (Diadochos) des Plato in der Leitung der Akademie,
d. h. also Rektor der Universität Athen, der um 450 n. Chr. einen
Kommentar zum Euklid verfasst hat, von dem uns die beiden Prologe und
der Kommentar des ersten Buchs der Elemente erhalten sind. Die Stelle
(Friedl. S. 68) lautet: »Nicht viel jünger als diese (Hermotimos, der
Kolophoner und Philippos, der Schüler Platons) ist Eukleídēs, der die
Elemente [τα στοιχεία] verfasste, wobei er vieles was vom ¨Eudoxos¨
herrührte, in zusammenhängende Ordnung brachte, vieles was Theaitet
begonnen, vollendete und ausserdem so manches was früher ohne rechte
Strenge bewiesen war, auf unantastbare Beweise zurückführte. Und
dieser Mann lebte unter Ptolemaios dem ersten, denn ¨Archimedes¨,
dessen Lebenszeit sich an die des ersten Ptolemaios anschliesst,
erwähnt des Euklid [in περί σφαίρας και κυλίνδρου, Heib. I, 2, p. 14]
und zwar erzählt er: Ptolemaios frug einmal den Euklid, ob es nicht
zur Geometrie einen bequemeren Weg gebe als die Elemente. Jener aber
antwortete: Zur Geometrie gibt es für Könige keinen Privatweg [ουκ εστι
βασιλικη ατροπος επι γεωμετριαν]. Er ist also jünger als die [direkten]
Schüler des Platon und älter als Eratosthenes und Archimedes, denn
diese waren Zeitgenossen, wie Eratosthenes irgendwo sagt. Aus Grundsatz
war er Platoniker und in der Platonischen Philosophie zu Hause.«
Danach ergibt sich für Euklid etwa 300 v. Chr. als Zeit seines
Mannesalters (der ακμή, der Zeit blühendster Körper- und Geisteskraft,
welche die Hellenen in das vierzigste Jahr verlegten), und dass er
in Athen an der Akademie gehört hatte und dem engeren Kreise der
Akademiker angehörte.
Zur Charakterisierung des Euklid haben wir noch eine Stelle bei
Stobaios. »Ein Mensch, der bei Euklid Unterricht in der Geometrie zu
nehmen begonnen hatte, frug, nachdem er den ersten Satz der Elemente
kennen gelernt hatte, was habe ich nun davon, dass ich das weiss?
Euklid rief seinen Sklaven und sagte: Gib dem Manne drei Obolen, da er
studiert um Profit zu machen.« Und schliesslich schildert ihn ¨Pappos¨
in der Vorrede zum 7. Buch der Kollektaneen wie folgt: Erat ingenio
mitissimus et erga omnes, ut par erat, benignus qui vel tantillum
mathematicas disciplinas promovere poterant, aliisque nullo modo
infensus, sed summe accuratus. »Er war von mildester Gesinnung und wie
es sich geziemt wohlwollend gegen jeden, der und wär's noch so wenig,
die mathematischen Disziplinen zu fördern vermochte, in keiner Weise
anderen gehässig, sondern im höchsten Grade rücksichtsvoll.« Sie sehen,
dass Euklid in der Tradition seines Volkes als hochgesinnter, reiner
wissenschaftlicher Tätigkeit hingegebener Mann fortlebte.
Gelehrt hat er für reife Leute, ganz in der Weise unserer
Universitätsprofessoren, an der Universität (Museum) ¨Alexandria¨,
wie uns l. c. Pappos berichtet. Unter der den Wissenschaften überaus
ergebenen Diadochen-Dynastie der Ptolemäer entwickelte sich des grossen
Alexander Stadt zur Zentrale des Hellenischen Geisteslebens. Man nennt
diese Periode die ¨Hellenistische¨. Es ist lange Zeit Mode gewesen die
Alexandriner zu verspotten als Pedanten, wegen ihrer grammatischen,
auf die einzelnen Worte gerichteten Untersuchungen, haben sie doch
z. B. die Akzente eingeführt. Aber auf dem Gebiete der exakten
Wissenschaften ist die Hellenistische Periode erstklassig. Euklid grade
hat den Schwerpunkt von Athen nach Alexandrien verlegt, ¨Archimedes¨,
¨Apollonios¨, ¨Eratosthenes¨ sind aus der Alexandrinischen Schule
hervorgegangen. --
[Sidenote: Euklid, Schriften: die Data.]
Die Euklidischen Schriften kennen wir durch die Angaben der Proklos
p. 68 f. und Pappos l. c. Von den Elementen abgesehen sind im
griechischen Urtext erhalten a) die Data, δεδομενα, »Gegebenes,« mit
einer Vorrede des ¨Marinos¨ von Neapolis in Palästina, einem Schüler
des Proklos. Die Echtheit des Textes wird durch die Inhaltsangabe
bei Pappos (300 n. Chr.) bestätigt, welche im Wesentlichen mit dem
Text der Codices übereinstimmt. Die Schrift enthält 95 Sätze (Pappos
90) welche aussagen, dass wenn gewisse geometrische Gebilde gegeben
sind, andere dadurch mit bestimmt sind, also eine Art ¨geometrischer
Funktionentheorie¨. Beispiele: Satz 2: Wenn eine gegebene Grösse zu
einer zweiten Grösse ein gegebenes Verhältnis hat, so ist die zweite
ebenfalls gegeben. Satz 33: In einem gegebenen Streifen ist durch die
¨Winkel¨, welche eine Querstrecke mit den Grenzen bildet, die ¨Länge¨
der Querstrecke bestimmt. Dem Inhalt nach gehen die »Data« nicht über
die »Elemente« hinaus, doch war und ist eine solche Zusammenstellung
praktisch im hohen Grade wertvoll für die Anwendung der seit und durch
Platon sich immer mehr ausbreitenden analytischen Methode, deren Wesen
gerade darin besteht, die durch die gegebenen Stücke mit bestimmten
Punkte, Linien, Figuren aufzusuchen, bis man zu einer konstruierbaren
Nebenfigur gelangt. Die Data sind daher eine sich eng an die Elemente
anschliessende Anleitung zum Konstruieren nach der analytischen
Methode, etwa entsprechend ¨Petersen's¨ bekannten »Methoden und
Theorien«.
[Sidenote: Astronomie.]
Erhalten ist unter dem Titel »Phaenomena« eine Schrift über Astronomie
(lectio sphaerica) mit den Anfangsgründen der Sphärik. Die Schrift
geht bedeutend über die kurz vorhergehende des ¨Autolykos¨ hinaus. Ich
bemerke beiläufig, das die lectio sphaerica bis in die Neuzeit hinein
der Schrittmacher für die Geometrie gewesen, die sich im Lehrplan der
Gymnasien erst aus ihr entwickelt hat. Die Schrift beginnt mit dem
Satz: »Die Erde liegt in der Mitte der Welt und vertritt in bezug auf
dieselbe die Stelle des Mittelpunkts« (Aristoteles) und schliesst mit
dem Satz: »Von zwei gleichen Bogen des Halbkreises zwischen dem Äquator
und dem Sommerwendekreis durchwandelt der eine, beliebig genommen in
längerer Zeit die sichtbare Halbkugel als der andere die unsichtbare.«
Das Wort »¨Horizont¨« stammt aus der Schrift, welche von Pappos im
6. Buch seiner Kollektaneen erläutert und ergänzt wurde. (¨A. Nokk¨,
deutsche Übersetzung Prgr. Freiburg i. Brg. 1850). ¨Heiberg¨ hat
nach einer Bemerkung Nokks bewiesen, dass diese Schrift des Euklid
einen sehr wesentlichen Bestandteil der für unsere elementare Sphärik
grundlegenden Schrift des ¨Theodosios von Tripolis¨ (etwa 100 v. Chr.)
gebildet hat (siehe ¨M. Simon¨, ¨Euklid¨ und die sechs planim. Bücher,
Leipzig 1901).
[Sidenote: Optik.]
Echt Euklidisch sind auch die »Optica«, deren Text Heiberg restituiert
hat. Der sonst gebräuchliche Text geht vermutlich auf ein Kollegienheft
nach ¨Theon¨ von Alexandrien, dem Vater der ¨Hypatia¨, der ersten uns
bekannten ordentlichen Professorin. Sie ist mutmasslich der Autor
unserer Quadratwurzelausziehung und bekannt durch ihre Schönheit
und ihr unglückliches Schicksal. Von dem bestialischen christlichen
Mönchspöbel Alexandriens zerrissen, wurde sie nach ihrem Tode zu
Professorenromanen ausgeschlachtet. Die Schrift Euklids gehörte zu der
Sammlung, welche unter dem Titel »μικρος αστρονουμενος,« der kleine
Astronom, neben den »Elementen« das Rüstzeug des Astronomen bildete,
ehe er an das grosse Lehrbuch des Ptolemaios, die μεγαλη συνταξις
(der Almagest) gehen konnte. Die Schrift gibt die Anfangsgründe der
Perspektive.
Dagegen ist die andere Schrift über Optik, welche unter Euklids Namen
ging, die ¨Katoptrik¨ unecht. ¨Heiberg¨ macht es sehr wahrscheinlich,
dass die von Proklos unter diesem Titel erwähnte Schrift des Euklid
rasch durch das inhaltreiche Werk des ¨Archimedes¨ über den gleichen
Gegenstand verdrängt wurde.
[Sidenote: Euklid, Schriften: Musik.]
Noch über einen anderen Zweig der angewandten Mathematik haben
wir eine Schrift des Euklid, die καταιομη κανονος, die Lehre von
den musikalischen Intervallen, 20 Sätze, wissenschaftlich auf dem
Standpunkt der Pythagoräer. Eine zweite musikalische Schrift, die
Harmonielehre, εισαγωγή ἁρμονική, rührt wie schon ¨Hugo Grotius¨
1599 erkannte von dem Aristoxenianer Kleonides her. [¨Aristoxenos¨,
direkter Schüler des Aristoteles als Philosoph, setzte der auf die
arithmetischen Intervalle gegründete Harmonielehre der Pythagoräer die
Lehre von den harmonischen Sinneseindrücken entgegen].
[Sidenote: Über Teilung.]
Aus ¨Arabischen Quellen¨ besitzen wir durch ¨Dee¨ 1563 eine Bearbeitung
und durch ¨Woepcke¨ 1851 eine Übersetzung der von ¨Proklos¨ zweimal
erwähnten Schrift περὶ διαιρέσεων, über Teilungen, welche wertvolle
Aufgaben über Flächenteilung enthielt. Dort findet sich die noch
heute im Schulunterricht stets vorkommende Aufgabe: ein Dreieck durch
Gerade von gegebener Richtung in Teile zu teilen, welche ein gegebenes
Verhältnis haben; ferner Teilung von Vierecken, von Kreisen, von
Figuren die von Kreisbogen und Geraden begrenzt sind. Euklid zeigt sich
hier als sehr gewandter Konstrukteur, er benutzt ausser den Sätzen der
Elemente nur solche, welche sich mühelos aus ihnen ergeben.
[Sidenote: Euklid, Verlorene Schriften.]
¨Verloren¨ sind die Schriften, welche sich auf die eigentliche höhere
Mathese seiner Zeit beziehen. Zunächst die zwei wichtigen Bücher τόποι
πρὸς ἐπιϕάνειαν, Oberflächen als geometrische Orte, welche Proklos und
Pappos erwähnen. Der Begriff des geometrischen Ortes wird schon von
Pappos gerade so wie heute definiert als die Gesamtheit aller Punkte,
denen ein und dieselbe bestimmte Eigenschaft (Symptoma) zukommt, und je
nachdem diese Gesamtheit eine Linie oder eine Fläche bildete, heissen
die Orte Linien- oder Flächenorte. Davon verschieden sind »körperliche
Orte« (στερεοι), dies sind Linien, welche durch den Schnitt von
Körpern entstehen, wie die ¨Kegelschnitte¨. Die Schrift des Euklid
hat nach Pappos vermutlich Ortseigenschaften der Kugel-, Kegel- und
Zylinderflächen behandelt und scheint in der bedeutenderen Arbeit des
¨Archimedes¨ über Konoide und Sphäroide aufgegangen zu sein.
[Sidenote: Porismata.]
[Sidenote: Elemente.]
Mehr wissen wir von den 3 Büchern »Porismata«, da Pappos den Inhalt
so ausführlich angegeben hat, dass ¨Michael Chasles¨ danach eine
Rekonstruktion versucht hat, nach Vorarbeiten von ¨R. Simson¨, dessen
Euklidbearbeitung von 1756 noch heute für England massgebend ist.
Allerdings hat ¨P. Breton de Champ¨ zuerst erkannt, dass die 29
Sätze in der Vorrede des VII. Buches bei ¨Pappos¨ ein Résumé der 171
Sätze des Euklid enthalten. Das Wort Porisma selbst bildet noch eine
Streitfrage. Es hat 2 Bedeutungen, erstens Zusatz, so kommt es vielfach
in den Handschriften der Elemente vor, zweitens bedeutet es ein
Mittelding zwischen einem gewöhnlichen Lehrsatz und einem sogenannten
Ortssatz, d. h. einem Satz der ausspricht, dass eine bestimmte Kurve
eine bestimmte Eigenschaft hat. Als Beispiel diene der Satz: Der
Ort der Punkte, deren Abstände von zwei festen Punkten ein festes
Verhältnis haben ist der Kreis (des ¨Apollonios¨) dessen Durchmesser
die Strecke zwischen den beiden in diesem Verhältnis zu den gegebenen
Punkten harmonischen auf der gegebenen Graden ist. Ein Porisma wäre
demzufolge in der Geometrie etwa das, was man in der Arithmetik
einen Existenzbeweis nennt, es spräche aus, dass ein bestimmter Ort
existiert, ohne ihn direkt zu konstruieren. Die Porismata bildeten
vermutlich für die synthetische oder direkte Konstruktionsmethode
ein Seitenstück zu den »Data« als Hilfsmittel für die analytische
Methode. Nach dem Résumé bei Pappos gingen sie weit über die Elemente
hinaus und mit ¨Chasles¨ und ¨H. Zeuthen¨ müssen wir annehmen, dass
sie die Grundlagen für die ¨projektive¨ Behandlung der ¨Kegelschnitte¨
enthalten.
Auch über diese zu seiner Zeit höchste Mathematik hat Euklid
geschrieben, vier Bücher Konika. Ebenso wie Euklid die Arbeiten seiner
Vorgänger insbesondere des Theudios für seine Elemente benutzte und
verdrängte, wurden seine Konika nach dem Zeugnis des Pappos von dem
grossartigen Werk der 8 Bücher Konika des ¨Apollonios¨ verdrängt, in
dessen erste 4 Bücher sie vermutlich vollständig Aufnahme gefunden
haben. Sie werden daher auch schwerlich aus arabischen Quellen je
wieder zum Vorschein kommen, wenn sie nicht zufällig als Leichenbinde
einer Mumie gefunden werden.
Verloren ist auch eine Schrift mathophilosophischen Charakters
ψευδαρια, »Trugschlüsse« genannt und zwar sind absichtliche
Falschschlüsse gemeint. Proklos nennt die Schrift »καθαρκεικον και
γυμναστικον«, reinigend und übend durch Anstrengung d. h. die Schrift
war zur Geistesgymnastik der Schüler bestimmt.
Und nun zu dem Werke das den Namen des Euklid unsterblich gemacht hat,
zu den Elementen, die »στοιχεία«, wozu ich meine Schrift Euklid etc.
von 1901 heranzuziehen bitte.
Die Elemente des Euklid.
[Sidenote: Die Elemente des Euklid.]
Den 13 Büchern der Elemente des Euklid wurden schon früh zwei Bücher
angehängt. Das 14. Buch ist eine tüchtige Arbeit des in Alexandrien
etwa 150 v. Chr. lebenden Mathematikers und Astronomen ¨Hypsiklēs¨,
über die fünf regulären (platonischen) Körper; das 15. Buch ist
eine weit schwächere Arbeit und hat nach ¨Tannery¨ und ¨Heiberg¨,
beides grosse Kenner der hellenischen Mathematik, einen Schüler des
¨Isidoros¨, des Erbauers der Sophienkirche um 530 n. Chr. zum Verfasser.
Den Zweck der Elemente gibt Proklos S. 72 an: Elemente nennt man
das, dessen Theorie hinreicht zum Verständnis von allem anderen, und
mittelst dessen man im Stande ist die Schwierigkeiten, welche das
andere bietet, aus dem Wege zu räumen. Stoicheion bedeutet eigentlich
Buchstabe und l. c. sagt Proklos gradezu: die Elemente enthalten
die Sätze, welche als Bestandteile aller folgenden auftreten, wie
die Buchstaben im Wort. Die Grundbedeutung von Stoichos ist eine
militärische es bedeutet das, was wir einen Zug nennen, also auch die
Grundlage der Formation.
Der Zweck und die Notwendigkeit der Euklid'schen Elemente folgt aus der
Entwicklung der hellenischen Mathematik. Die Pythagoräer (s. d.) waren
bei den Problemen zweiten Grades auf die √2, die Savisescha gestossen
oder gestossen worden und damit auf die Irrationalzahl und die
Inkommensurabilität. Damit wurden alle früheren Beweise über Teilung,
Ähnlichkeit, Flächenmessung hinfällig. Das 4. Jahrhundert, ¨Platon¨,
Theaitet, Eudoxos und die Schüler des Platon und Eudoxos, widmeten
sich der methodischen Arbeit die neuen Grundlagen festzustellen. Boten
doch die mathematischen Definitionen Platon vortreffliche Beispiele
seinem sokratischen Hang zur Definition der Begriffe zu folgen. Von
¨Eudoxos¨ rührt das ganze fünfte Buch der Elemente, die Lehre von
den Proportionen in, ich möchte sagen, Weierstrass'scher Strenge,
her, er ist der eigentliche Schöpfer der Exhaustionsmethode, die
vermutlich durch ihn schon bei ¨Aristoteles¨ erwähnt ist, und die
sich später, befruchtet mit dem Demokritischen Differentialbegriff,
bei Archimedes und Apollonios zur Infinitesimalrechnung auswuchs. Von
¨Theaitet¨ wissen wir, dass er die Einteilung der Irrationalzahlen oder
genauer die Lösung von Gleichungen 4. Grades, welche auf quadratische
Gleichungen reduzierbar sind, jedenfalls begonnen hat. Wahrscheinlich
von ¨Platon¨ selbst, jedenfalls aus seiner Schule, rühren die Fassungen
vieler Definitionen und Axiome bei Euklid her, welche Aristoteles (vgl.
¨Heiberg¨, Teubnersche Abh. z. Gesch. etc. Heft 18, 1904) nach den
Elementen des Magnesiers Theudios zitiert. Nach einem Jahrhundert waren
die methodischen Arbeiten zum Abschluss reif und den gab Euklid, bei
dem das methodische Gefühl bereits in so eminenten Grade ausgebildet
ist, dass er mit dem Beweise schliesst: ¨Mehr als fünf regelmässige
Körper kann es nicht geben.¨
Die Aufgabe die er sich setzte auf Grund der notwendigsten
Voraussetzungen die Geometrie und in geometrischer Einkleidung auch die
Arithmetik als ein zusammenhängendes Ganzes unantastbar darzustellen,
hat er in einer Weise gelöst, die alle Vorgänger spurlos verschwinden
liess und die, niemals übertroffen, die Bewunderung aller Zeiten und
aller Völker erregt hat.
Daran schliesst sich die Frage, inwieweit Euklid in den Elementen
Eigenes gegeben. Die Frage ist nur summarisch zu beantworten.
¨M. Cantor¨ sagt: »Ein grosser Mathematiker wird auch da, wo er
anderen folgt, seine Eigentümlichkeit nicht verleugnen, und so war
es sicherlich auch bei Euklid.« Gewiss, denn so ist es ja bei jedem
Schullehrer, der seine Elemente gedruckt oder ungedruckt traktiert.
Aber ebenso klar ist es auch, dass ein Werk wie die Elemente die Kräfte
eines einzelnen übersteigt, und eine ganze Reihe von Vorarbeiten
erfordert, von Hippokrates, Leōn, der die Fülle der Sätze und Strenge
der Beweise erhöhte (Proklos 66 unten) bis auf Theudios, der sich auch
in den anderen Wissenschaften auszeichnete. Die von ¨Heiberg¨ l. c.
gesammelten Zitate aus seinen Elementen zeigen vielfach wörtliche
Übereinstimmung. Ebenso sicher ist die Form des Vortrags die zum Teil
schon von den Ägyptern überkommene gewesen, samt den so berühmten
Schlussformeln »quod erat demonstrandum«, was zu beweisen war, ὅπερ
ἔδει δεῖξαι, und quod erat faciendum, was zu machen war, ὅπερ ἔδει
ποιῆσαι. Euklid gehört wohl vor allem die Auswahl der Definitionen an,
die Forderungen (Erfahrungstatsachen) sind sein Eigentum, wie Heiberg
l. c. festgestellt hat, oder wenigstens ihre Trennung von den Axiomen,
und dann die strenge Durchführung des Prinzips keinen früheren Satz
mittelst eines späteren zu beweisen, kein Gebilde zu benutzen, dessen
Existenz nicht vorher durch geforderte oder gegebene Konstruktion
gesichert ist.
Ferner gehört ihm ein grosser Teil des zehnten Buches, die Vollendung
der Einteilung der Irrationalitäten durch Theaetet. Dem Euklid
gehört der elementare Beweis (ohne Integralrechnung) des Satzes,
dass die Pyramide gleich dem dritten Teil des Prisma ist, dass mit
ihr gleiche Grundfläche und Höhe hat; sodann viele Sätze des 13.
Buches über die Bestimmung von Stücken der regulären Körper und mit
grösster Wahrscheinlichkeit der schon erwähnte Schlusssatz. Etwa 420
war das Dodekaëder den Hellenen bekannt geworden, wenig früher war
überhaupt erst das logische Element in der Geometrie, die Forderung
nach dem Beweise, zur Geltung gekommen. Die Ausbildung des logischen
Sinnes bis zum Bedürfnis eines solchen Existenzbeweises erforderte
sicher ein Jahrhundert. Der einzige, der noch in Frage kommen konnte
wäre ¨Eudoxos¨, doch überwog bei ihm auf der Höhe seiner Kraft das
astronomische Interesse.
[Sidenote: Parallelentheorie.]
Wenn ich aber trotz der verhältnismässig geringen »Produktivität«
Euklids doch ¨M. Cantor¨ beipflichte, der ihn zu den drei Heroen der
griechischen Mathematik im 3. Jahrh. zählt, so tue ich es mit Rücksicht
auf Euklids Behandlung des Parallelenproblemes, dass er so recht
eigentlich in die Welt geworfen hat und das bis auf den heutigen Tag,
ja heute noch mehr als je im Zentrum des Interesses steht. Der gesamte
Aufbau des grundlegenden ersten Buches wird vom Parallelenproblem
beherrscht. Euklid hat rund 2000 Jahre vor ¨Saccheri¨ und ¨Legendre¨
den Zusammenhang des Problems mit dem Satz über die Winkelsumme
im Dreieck erkannt. Schon Proklos hat bemerkt, dass das berühmte
und berüchtigte sogen. »11. Axiom«, richtiger die 5. Forderung,
hervorgegangen ist aus dem vergeblichen Bemühen den Satz: »In jedem
Dreieck sind zwei Winkel zusammen kleiner als 2 Rechte« umzukehren; und
so kam er zu der Forderung in der Fassung: »Und wenn eine, zwei Geraden
schneidende, Gerade mit ihnen innere an derselben Seite liegende Winkel
bildet, die zusammen kleiner sind als 2 Rechte, so schneiden sich jene
beiden Geraden bei unbegrenzter Verlängerung an der Seite, auf der
diese beiden Winkel liegen.«
[Sidenote: Die Elemente des Euklid, Ausgaben.]
Von der Bibel abgesehen, ist niemals ein Werk in so vielen Auflagen und
Bearbeitungen verbreitet gewesen, als die 13 »βιβλία« des Eukleídes,
dessen Namen geradezu mit der Geometrie identifiziert wird. Eine
sehr vollständige Zusammenstellung findet sich in Mem. d. R. Acad.
d. Sc. d. Ist. di Bologna Serie IX, T. VIII und X 1887 und 1890 von
¨P. Riccardi¨; ¨R. Bonola¨, Bull. d. ¨Loria¨ und Festschr. f. Joh.
Bolyai 1902 zählt gegen 1700 Ausgaben. Im Mittelalter und bis in die
Neuzeit wird die Professur für Geometrie häufig als die des Euklid
bezeichnet, die Studenten lasen den Text, sei es ganz, sei es im
Auszug, und der Professor kommentierte, wobei selten mehr als das
erste Buch erledigt wurde. ¨Savile¨, der die noch heute in ¨Oxford¨
bestehende Professur des Euklid stiftete, kam bis zum 8. Satz des
ersten Buches, nur ¨Petrus Ramus¨, dessen Bedeutung in erster Linie auf
seiner Lehrtätigkeit und seiner grossen literarischen Bildung beruht,
rühmte sich die ganzen Elemente in einer Vorlesung erledigt zu haben.
Es war selbstverständlich, dass der Text im Laufe der Jahrhunderte
entstellt, verdorben, erweitert wurde. Letzteres gilt besonders für die
schwierigen Teile des zehnten bis letzten Buches.
[Sidenote: Euklid, Übersetzungen der Elemente.]
Ich verweise auch für die Bibliographie der Elemente auf meine Schrift
von 1901, hervorzuheben ist die Bearbeitung des ¨Theon v. Alexandria¨,
der etwa 350 n. Chr. lebte und lehrte, sie muss die früheren fast
völlig im Buchhandel verdrängt haben, obwohl sie keinen Fortschritt
bedeutete. Alle bis 1808 bekannte Codices, deren Zahl sehr gross ist,
alle Drucke und Übersetzungen sind, wenn man von ¨arabischen Quellen¨
absieht, aus dieser Ausgabe hervorgegangen. Erst 1808 fand ¨F. Peyrard¨
in einer durch ¨Napoleon¨ dem Vatikan geraubten Handschrift (Vatic.
190, 1814 zurückgegeben) die bis jetzt einzige vollständige
Handschrift, welche auf eine ältere und bessere Ausgabe zurückgeht. Aus
diesem Codex konnte man die Änderungen des Theon feststellen und die
Codices kritisieren, eine Arbeit, welche von ¨E. F. August¨ 1826-29 in
seiner griechischen und noch gründlicher von ¨J. L. Heiberg¨ in der
griech.-lat. Ausgabe von 1882-88 geleistet ist. Ausser dem Vat. 190
geht auch der Palimpsest Bologna M. 1721 (¨Heiberg¨, Cant.-Schlöm. 29)
auf ältere Quellen als Theon zurück.
Neben dürftigen Auszügen die, von oder nach ¨Boëtius¨ (etwa 500 n.
Chr.) verfasst, sich in den Klöstern und Klosterschulen hielten und
besonders durch ¨Gerbert¨ den nachmaligen Papst Sylvester II. von
Wichtigkeit wurden, verdankt Europa die Kenntnis der Elemente den
arabischen Übersetzungen und Bearbeitungen. Auf sie geht die erste
gedruckte Ausgabe zurück, die dem ¨Giovanni Campano¨ aus Novara
zugeschrieben wird, der um die Mitte des 13. Jahrh. gelebt hat, und
1482 bei ¨Erhard Ratdolt¨ in Venedig erschienen ist. Die Ausgabe
ist sehr selten, sie ist von ¨A. G. Kästner¨ Gesch. der Math. Bd. I
S. 289 f. genau beschrieben.
Als der hellenische Geist zum zweiten Male für die europäische Kultur
fruchtbar wurde in jener Glanzepoche, die man die ¨Renaissance¨ nennt,
erschienen zunächst lateinische Ausgaben gestützt auf griechische
Codices. Die erste Originalausgabe ist die des Simon Grynaeus des
älteren, sie erschien 1533 bei ¨Herwagen¨, der auch in Strassburg eine
Druckerei besass, leider verarbeitet diese Ausgabe zwei sehr schlechte
Handschriften.
[Sidenote: Euklid-Commentatoren.]
Indem ich wieder auf meine zitierte Schrift verweise, erwähne ich
nur noch die beiden wichtigsten lateinischen Ausgaben, die des
¨Commandinus¨ Pisa 1572, der zuerst unseren Euklid von dem Megarenser
schied, und die des ¨Clavius¨ von 1574. Die Arbeit dieses für seine
Zeit hoch bedeutenden Jesuiten ist von allen Historikern der Mathematik
von ¨Montucla¨ und ¨Kästner¨ bis auf ¨M. Cantor¨ gleich hoch gewertet
worden; Kästner nennt sie die Pandekten der Mathematik, sie soll 22
Auflagen gefunden haben.
¨Die Commentatoren des Euklid¨, vergl. Euklid 1901 p. 16 ff.
Der festgefügte Bau der Elemente hat, wie er seinerseits die höchste
Bewunderung erregte, andererseits die Versuchung erweckt die
Geometrie auf andere Weise ebenfalls zu begründen. Dazu kommt, dass
der Euklid in seinem ersten Buch einen mathophilosophischen Teil
enthält, der die Grundbegriffe der Geometrie und die nötigen und
hinreichenden Voraussetzungen angibt, von denen die ersteren ihrer
Natur nach unauflöslich, die anderen variabel sind. So haben die
Elemente des Euklid, und das ist vielleicht sein grösstes Verdienst,
eine staunenswerte Geistesarbeit hervorgerufen, die besonders in der
Geschichte des Parallelenaxioms zutage tritt. Hier will ich nur (Euklid
1901) einen Überblick über die hervorragendsten Interpretationen geben,
welche zeigen, wie Recht ¨Gino Loria¨ hat, wenn er als Prinzip seiner
schönen Arbeit »Della varia fortuna di Euclide, Roma 1893« das ¨Gesetz
der Kontinuität¨ ausspricht. Es geht ein ununterbrochener Zusammenhang
von Archimedes und Apollonios bis Veronese und Hilbert.
Von ¨Apollonios¨ sind Spuren eigener »Elemente« erhalten; darunter eine
ganz allgemeine Definition des Winkels (Heiberg V S. 88).
¨Archimedes¨ gab eine von Euklid abweichende mechanische
Grundeigenschaft der Geraden (ebenfalls auch der Ebene) an und neue
Prinzipien, darunter das nach ihm benannte, obwohl von ¨Eudoxos¨
oder vielleicht ¨Demokrit¨ stammende für die Exhaustionsmethode, die
er zur Integralrechnung umbildete. Ihm schliesst sich ¨Heron¨ von
Alexandrien, der grösste Mechaniker des 1. Jahrh. an; von seinem
Kommentar sind uns Fragmente durch Proklos und ¨An-Narizi¨ (s. u. bei
Heron) überliefert.
Aus der Zusammenstellung der Euklidstellen bei ¨Heron¨ durch Heiberg
geht klar hervor, dass die Definitionen des Euklid schon zu Herons
Zeit die uns überlieferte Form hatten, Euklid also damals schon, wie
¨Tannery¨ sagt, der unantastbare Klassiker der Elemente war.
Es ist das Parallelenaxiom und die Definitionen, überhaupt die ganze
Anordnung der ersten Bücher, dann gewisse Inkongruenzen zwischen dem
sechsten und den beiden letzten Büchern, der sonderbare Umstand,
dass Euklid die Lehre von den Proportionen ganz allgemein im fünften
Buch begründet, und dann die elementare Lehre von den Verhältnissen
ganzer Zahlen noch einmal im siebenten Buche gibt, was von jeher die
Kommentatoren in Tätigkeit gesetzt hat.
Die Inkongruenz bezieht sich besonders auf die Bewegung. In den
sechs planimetrischen Büchern wird sie ängstlich vermieden; nur zum
Beweis des 4. Satzes (ersten Kongruenzsatz) und seiner Umkehrung wird
sie herangezogen, dagegen scheut sich Euklid im 11. und 12., den
stereometrischen Büchern, absolut nicht die Definition der Körper auf
die Bewegung zu stützen.
Man hat daraus schliessen wollen, »einen Homeros gab es nie, sondern
acht bis zehn«, aber Euklid war Platoniker, und nach Platon und
Aristoteles setzt der Begriff der Bewegung einen körperlichen Raum
voraus.
Auf Heron folgt Gemīnos, bezw. Géminus, von dem Proclus berichtet,
er habe die Verschiebbarkeit in sich der Schraubenlinie auf dem
Rotationscylinder, wenn nicht gefunden, so doch gekannt. Es folgt
eine Ära, in der die zusammenfassende eigentlich philosophische
Geistesrichtung unter dem Einfluss des Aristoteles gegen die Ausbildung
der einzelnen Spezialwissenschaften zurücktritt. Aus dieser Zeit, in
der sich von mathematischen Disziplinen die Trigonometrie (ebene und
sphärische) im Anschluss an die Astronomie entwickelt, wissen wir von
besonderen Kommentaren nichts, aber von den Elementen, dass sie für
unentbehrlich zur Ausbildung der angewandten Mathematiker galten.
Als gleichzeitig mit dem Christentum gegen diese nüchterne Periode
in Anlehnung an den Theosophen Platon zunächst der Neupythagoreismus
sich erhob, war es anfangs die arithmetische Seite des Euklid, die
Bücher 7, 8, 9, die in Nikomachos von Gerasa um 100 n. Chr. dem
»Elementenschreiber der Arithmetik« (¨M. Cantor¨) und in Theon von
Smyrna ihre Kommentatoren fand. Um 300 lehrte dann zu Alexandria
¨Pappos¨, dessen Kollektaneen von unschätzbarer Bedeutung sind. Pappos
hat sicher einen Kommentar zum zehnten Buch geschrieben, von dem Reste
im Vaticanus erhalten sind und der uns nach Heiberg wahrscheinlich ganz
in einem noch unedierten Leydener Manuskripte erhalten ist.
Mit dem ¨Neuplatonismus¨, jener seltsamen Mischung christlicher und
platonischer Mystik, nimmt auch die Mathematik die platonische Richtung
auf die Probleme, welche die geometrischen Grundbegriffe und die
Methodik bieten energisch auf. Ich nenne ¨Jamblichos¨, ¨Porphyrios¨,
von denen uns Spuren ihrer Scholien erhalten sind, ¨Theon¨ und
¨Proklos¨, dessen Kommentar zum ersten Buch uns fast ganz erhalten ist.
Der Kommentar, der bis 1873 nur in der Ausgabe von ¨Simon Grynäus¨
1533 bei Herwagen gedruckt war, ist für die Geschichte der Mathematik
bei den Hellenen einzig; Tannery, der zuverlässigste Detailforscher
hellenischer Mathematik, nennt sein Verständnis geradezu das Problem
der Geschichte der Mathematik.
Die Ausgabe von ¨Friedlein¨ 1873 ist philologisch sehr bedeutend, wenn
auch nach ¨Heiberg¨ noch nicht das letzte Wort über Proklos, aber
griechisch; es existiert nur die lateinische Übersetzung des ¨Barocci¨
von 1560, welche oft nur eine Wortübersetzung ist und von Taylor
ebenso wörtlich ins Englische übertragen ist.
Als ¨Justinian¨ 529 die Schule von Athen, mit der die hellenische
Kultur begann und schloss, aufhob und die Lehrer vertrieb, kam ¨Euklid¨
mit ihnen nach Persien und so an die Araber, wo er, wie schon gesagt,
im 8. und 9. Jahrh. an Haggag und Ishaq Übersetzer fand. Sehr bald
darauf muss es auch arabische Kommentare gegeben haben, wie aus
der Ausgabe des Campanus hervorgeht; der schon erwähnte ¨Nasir ed
Din¨ im 13. Jahrh. ist keineswegs unbedeutend, der auch zuerst die
Trigonometrie als eigenen Zweig behandelt hat.
Die Renaissance macht Proklos bekannt, an ihn schliesst sich
¨Commandinus¨ und ¨Clavius¨ an. Der erstere wirkte besonders auf
die Engländer, auf ¨Savile¨, der die Professur des Euklid in Oxford
begründete, wodurch ¨Wallis¨ und wohl auch ¨Barrow¨ (erste Ausgabe
1652) und durch diese Newton auf Euklid und die Beschäftigung mit den
Grundlagen hingewiesen wurden.
Vor allem haben wir ¨Robert Simson¨ zu nennen, der direkt Commandinus
zugrunde legt und der besonders auf die englische Schulmathematik vorn
allerwesentlichsten Einfluss gewesen ist. Der Kommentar erschien 1756,
Titel: die sechs ersten Bücher des Euklid mit Verbesserung der Fehler,
wodurch Theon und Andere sie entstellt haben etc. mit erklärenden
Anmerkungen (aus dem Englischen übersetzt von Rieder. Herausg. von
Niesert, Paderborn 1806).
¨Clavius¨ kennt den Proklos ganz genau; auch er harrt noch der
deutschen Herausgabe, der er in hohem Grade wert ist; er hat neben
¨Borelli¨ (Euklides restitutus 1658) sicher auf seinen Ordensbruder
¨Saccheri¨ gewirkt, von dessen: Euklides ab omni naevo vindicatus
(Mediol. in 4. 1733), die heutige sogenannte nicht-Euklidische
Geometrie gezählt wird. Es ist wahrscheinlich, dass ¨Lambert¨ in
Chur den Saccheri kennen lernte und fast sicher, dass ¨Gauss¨ wieder
Lamberts Abhandlung im Hindenburg'schen Archiv von 1786 gelesen.
Gauss wirkte dann auf seinen Jugendfreund ¨Wolfgang Bolyai¨ und durch
ihn auf seinen Sohn ¨Johann¨ und durch Vermittelung von Bartels auf
¨Lobatscheffski¨.
Für Frankreich ist ausser Clavius noch ¨Petrus Ramus¨, der
sogenannte »Besieger der Scholastik«, von Bedeutung. Ramus, dem es
an philosophischer Tiefe fehlte, war nicht imstande den Euklid zu
würdigen wie ganz besonders seine Kritik des zehnten Buches beweist,
aber seine revolutionäre Anfechtung der Autorität kommt in Frankreich
im 18. Jahrh. zur Geltung. Hier geht der Weg von Clavius über Tacquet
1659 und Arnauld durch Zurückgreifen auf Ramus zu ¨Clairaut¨ 1741 und
¨Legendre¨ 1794 und ¨Bertrand¨ 1810. ¨Clairaut¨, dessen wahrhaft kühne
Elemente der Geometrie vom Rechteck als der unmittelbar anschaulichen
Figur ausgeht, hat sich auch auf die deutschen Ritterakademien, z. B.
Ilfeld verbreitet. Es scheint, als ob auch ¨Lambert¨ ihn gekannt hat;
doch ist der Ausgangspunkt vom Rechteck ein so natürlicher, dass ich
selbst um 1880 ohne eine Ahnung von Clairaut oder Lambert zu haben, im
Unterricht einen ganz ähnlichen Weg einschlug. Der ausserordentliche
Erfolg und die grosse Verbreitung der »¨Elements¨« ¨Legendres¨ (1794)
ist bekannt und berechtigt; noch heute beeinflussen sie den Unterricht
auf den Mittelschulen nicht nur Frankreichs sondern Spaniens, Hollands
und Deutschlands.
[Sidenote: Euklid-Gegner.]
Was die deutschen Schulen betrifft, so möchte ich auf eine Schrift
¨Hubert Müller's¨ aus Metz aufmerksam machen: »Besitzt die heutige
Schulgeometrie noch die Vorzüge des Euklid-Originals?« Ich kann meine
Kritik in der deutschen Literaturz. 1887 No. 37 nur dahin ergänzen: die
deutsche Schulgeometrie hat sie nie besessen. Weder Johannes Vogelin,
bekannt durch die Vorrede Melanchthons in der Ausgabe von 1536, noch
des Conrad Dasypodius Volumen I und II, noch die Mathesis juvenilis
Sturms oder Wolffs oder Kästners Anfangsgründe oder Thibauts Grundriss,
von Kambly, Mehler, Henrici und Treutlein ganz zu schweigen, sind
jemals dem Gange Euklids gefolgt. Dagegen waren die Studenten und die
Lehrer bis etwa um 1860, wie die rasch auf einander folgenden Ausgaben
beweisen, völlig mit dem Euklid vertraut. Von da an ändert sich die
Sache, und ich bin sicher, dass es nur eine minimale Anzahl von Lehrern
gibt, die den Euklid gelesen haben.
Einen Teil der Schuld an dem Sinken der Autorität Euklids tragen
auch die Angriffe ¨Schopenhauers¨ gegen die »Mausefallenbeweise des
Euklid«. Schopenhauer hatte als Künstler, der er war, für die intuitive
Erkenntnis vollstes Verständnis, aber bar aller mathematischen Bildung,
fehlte ihm jedes Verständnis für die logische Erkenntnis, die oft
ebenso unmittelbar wie jene ist. Nun ist aber die euklidische Geometrie
als Wissenschaft eine chemische Verbindung von Anschauung und Logik,
und darum musste der Versuch, den z. B. ¨Kosak¨ in dem Nordhäuser
Programm anstellte die Geometrie nur auf Anschauung zu begründen,
gerade so scheitern wie der noch berühmtere ¨Bolzanos¨ von 1804 die
Geometrie rein logisch zu begründen. ¨Bolzano¨ hat übrigens viel mehr
von Leibniz entlehnt als bekannt ist. Der grosse »aemulus« Newtons
zeigt sich auch in der Auffassung der Grundlagen als Widerpart.
Während Newton in der Vorrede der Principia phil. nat. ausdrücklich
auf den Ursprung der mathematischen Grundgebilde aus der Mechanik
hinweist: »Gerade Linien und Kreise zu beschreiben sind Probleme, aber
keine geometrischen,« ist Leibniz bemüht der Anschauung so wenig als
möglich einzuräumen. Es scheint wenig oder gar nicht bekannt, dass
schon bei Lebzeiten Leibniz' Ansichten desselben über die Grundlagen
der Geometrie veröffentlicht sind bei ¨La Montre¨ 1691: Les 47 propos.
du I livre des Elém. d'Euclide avec des remarques de G. G. Leibniz.
Ähnlich wie in Deutschland liegt die Sache in Frankreich und Italien,
nur in England folgt Ausgabe auf Ausgabe und noch ist der sogenannte
Syllabus nicht zustande gekommen, der den Euklid verdrängen sollte,
doch ist das Festhalten an Euklid mehr Schein als Wirklichkeit s. mein
Referat von 1906, No. 4 p. 26. Auch in Schweden und Norwegen scheint
sich Interesse für Euklid dauernd erhalten zu haben. Für Deutschland
und Italien ist mit dem Ende des 19. Jahrh. ein Umschwung eingetreten,
man kann geradezu sagen, dass die Kenntnis des Euklid durch die neueste
Richtung, deren Haupt in Deutschland ¨Hilbert¨, in Italien ¨Veronese¨
ist, wieder unentbehrlich wird.
[Sidenote: Euklid's Elemente: Definitionen.]
Über den Inhalt des Euklid muss ich sehr kurz sein, von meinen Hörern
kann ich erwarten, dass sie den Euklid selbst lesen. Nur wenige Worte
über das Wichtigste des Wichtigsten, die ὁροι, αιτηματα, κοιναι
εννοιαι, die Definitionen, Postulate und Axiome des ersten Buches. Eine
Bibliothek ist gleich über die ersten Worte geschrieben: σημειον εστι
ὁυ μερος ουθεν (oft auch οὐδὲν).
Punkt ist das, dessen Teil nichts ist oder das keinen Teil hat. In
beiden Fällen ist klar, dass Euklid, der seinen Platon und Aristoteles
kannte, hiermit ausdrücklich gesagt hat, dass der Punkt nicht unter die
Kategorie Grösse fällt; so klar dies ist, ist es doch niemals gedruckt
worden, ausser bei Kant (Kritik d. reinen Vernunft p. 169), wo es frei
nach ¨Aristoteles¨ heisst: Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen, der
Raum besteht nur aus Räumen, die Zeit aus Zeiten.
Die Definition ist sicher platonisch; Aristoteles sagt der Punkt ist
μονας θεσιν εχουσα eine Einheit, welche Lage hat. Definition 4: ευθεια
γραμμη εστιν, ἡτις εξ ισου τοις εφ' ἁυτης σημειοις κειται. Die Gerade
ist diejenige Linie, welche gleichmässig durch ihre Punkte gesetzt
ist. Auch über diese Definition existiert eine ganze Literatur. Man
hat nicht berücksichtigt, dass Euklid die gerade Linie erst völlig
definiert durch die Forderungen 1 und 2. Es soll gefordert werden
1) dass sich von jedem Punkte bis zu jedem Punkte eine und nur eine
Strecke führen lasse, 2) und diese Strecke sich kontinuierlich auf
ihrer Geraden (vielleicht richtiger bis zur Vollendung der Geraden)
ausziehen lasse. Mit Definition 4 zusammen definiert sie die Gerade
völlig, natürlich nicht anschaulich, denn die Anschauung der Geraden,
die psychologisch ist und experimentell gewonnen wird, setzt Euklid bei
seinen Hörern voraus. Euklid sagt, die Gerade ist eine unterschiedslose
und unendliche Linie, die durch zwei ihrer Punkte völlig bestimmt ist.
Def. 7) Ein ebener Winkel entsteht, wenn zwei Linien der Ebene
zusammentreffen, welche nicht in derselben Geraden liegen, durch die
Biegung von der einen Linie zur andern. Die Definition des Winkels
ist oft und mit Recht getadelt worden. In Schottens vergleichender
Planimetrie füllen die Abänderungen 40 Seiten aus; die von mir
herrührende »der Winkel ist die Grenze des Kreissektors bei über jedes
Mass wachsendem Radius«, ist für den Unterricht ungemein zweckmässig,
aber ich fand sie nachträglich schon 70 Jahre vor mir bei ¨Stein¨ in
Gergonnes Annales Bd. XV (1824) p. 77. --
Das Wort κλισις. »Neigung« kann Richtungsänderung bedeuten, kann
Drehung bedeuten etc. Proklos (Eudemos) setzt daher κλασις in περί
γωνίας. d. h. Brechung. Apollonius definiert: der Winkel ist die
Verengerung der Ebene oder des Raumes an einem Punkte infolge der
Biegung von Linien oder Flächen.
Dass Euklid den gradlinigen Winkel ¨abc¨ im Wesentlichen als eine
Flächengrösse auffasst, das folgt aus der Definition 9 des gradlinigen
Winkels, wo περιεχουσαι »enthaltend« gebraucht wird, und aus der
ständigen Anwendung der Winkel ὑπὸ αβγ d. h. περιεχομενη, der von dem
gebrochenen Linienzug αβγ umschlossene und besonders da er unmittelbar
vom Winkel als der nicht völlig begrenzten Fläche auf die ¨Figur¨
»οχημα« übergeht als der völlig begrenzten.
[Sidenote: Euklid's Elemente: Forderungen.]
Nun zu den fünf Forderungen:
¨Proklos¨ sagt, dass die Forderungen von den Grundsätzen sich
unterscheiden wie die Aufgaben von den Lehrsätzen. Die ersteren
verlangen Konstruktionen, die jeder leicht ausführen kann, die andern
Sätze, die jeder leicht zugibt.
¨Aristoteles¨ sagt: die Forderung ermangelt des Beweises, den man gern
geben möchte, wenn man nur könnte, während der Grundsatz von jedem ohne
Weiteres als richtig anerkannt wird.
Die Unterscheidung des Proklos passt aber nur auf das schon genannte
1. Petitum und das 3. »Und um jedes Zentrum und mit jedem Abstand
sich ein und nur ein Kreis zeichnen lasse«, d. h. dass vom gegebenen
Zentrum aus durch jeden Punkt der Ebene ein und nur ein Kreis geht. Es
enthalten aber No. 1 und 3 Forderungen, die, ich erinnere an Newton,
von der angewandten Mechanik ihre Lösungen empfangen haben. Es darf
daher nicht überraschen, wenn in den Handschriften eine ziemliche
Verwirrung herrscht und sich z. B. in sehr vielen No. 5, das schon
erwähnte Parallelenaxiom, als 11. Grundsatz findet und das schon vor
Theon rezipierte unechte »zwei Gerade schliessen keinen Raum ein« sich
im Vaticanus als Forderung 6 und in andern Codices als Grundsatz 9
findet. Der richtige Unterschied ist der: die Forderungen enthalten
Grundtatsachen der Anschauungen und die Axiome Grundtatsachen der Logik.
Forderung 4: »Und alle rechte Winkel einander gleich seien«.
Sie ist nach Proklos von Geminos und anderen angegriffen als beweisbar.
Ich gebe hier den Beweis des Geminos: Wäre αβγ < δεζ und ¨legte¨ man
δεζ auf αβγ, so dass δε u. αβ zusammenfallen, so fiele εζ als βη
innerhalb und dann wäre κβα das nach Definition des rechten Winkels
= αβη ist > θβα > αβγ, also δεζ zugleich kleiner und grösser als αβγ
(Fig.).
[Illustration]
Der Beweis setzt voraus, dass die Verlängerung von ηβ sich nicht mit
θβ deckt, d. h. also, dass eine Strecke sich nur auf ¨eine¨ Weise zu
einer Geraden verlängern lasse. Darin hat ¨H. Zeuthen¨ recht, aber
dies zu sagen wäre die Forderung eine seltsame Form und Euklid hat
eine ganze Reihe stillschweigender Voraussetzungen ohne die keine
geometrische, d. h. anschauliche Geometrie existieren kann, und die
genannte Forderung hat er in No. 1 und 2 ausgesprochen.
Dem Geminos und den andern, vermutlich den Mechanikern Heron und
Archimedes ist die strenge Aristotelische Auffassung der Bewegung
verloren gegangen; der Beweis verlangt ja auch die Verschiebbarkeit und
Drehung der Ebene in sich selbst, bezw. die dritte Dimension und die
will und kann Euklid von seinem Standpunkte aus hier nicht zu Hilfe
nehmen; so bleibt ihm nur übrig zur Forderung seine Zuflucht zu nehmen.
[Sidenote: Euklid's Elemente: Grundsätze.]
Über die 5. und letzte Forderung, das Parallelenaxiom, und dem was drum
und dran hängt, kann ich auf ¨F. Engel¨ und ¨P. Stäckel¨, Theorie d.
Parallellinien (1895) und auf meine früheren Schriften verweisen. So
gehe ich zu den Grundsätzen. Von Proklos sind als echt bezeichnet:
1) Was demselben (zu ergänzen: dritten) gleich ist, ist unter sich
gleich.
2) Und wird Gleiches zu Gleichem hinzugesetzt, so sind die Ganzen
gleich.