Unser Werdegang müsste uns nun eigentlich nach Indien und China
führen, aber die Kultur der Inder und Chinesen ist so abhängig von
Babylon, oder, was richtiger ist, ganz Asien bildete von 4000 v.
Chr. bis etwa 100 n. Chr. ein einziges Kulturgebiet, Ägypten bis
zum Nil eingeschlossen, dass wir uns zunächst gleich nach ¨Hellas¨
wenden. Die Hellenen sind das erste Volk, das die Wissenschaft um der
Wissenschaft willen getrieben hat, das Volk, von dem man wohl sagen
kann, dass ihm an Begabung für Kunst und Wissenschaft kein anderes je
gleichgekommen ist, und unter ihnen erwuchs im 6. Jahrh. v. Chr. aus
den Handwerksregeln ägyptischer und babylonischer Priester die reine
Mathematik als Wissenschaft.
Wohl steht seit den Ausgrabungen ¨Heinrich Schliemanns¨ fest, dass
die Hellenische Kultur und Kunst sich unter starkem orientalischen
Einflusse, Ägypten eingeschlossen, entwickelt hat, aber schon für
¨Kreta¨, ja selbst für ¨Cypern¨ ist auch die selbständige Entfaltung
Hellenischen Geistes deutlich. Die Aufeinanderfolge ist wohl diese.
¨Cypern¨ fast völlig unterm Einfluss Babyloniens (Phöniziens);
¨Kreta¨: Ägypten und Babylon vereint. Für Kreta sind epochemachend
die Ausgrabungen von ¨Evans¨ zu ¨Knossos¨, Annalen der brit. Schule
in Athen 1899 ff. bes. 1902 (Bd. 8) u. ff. Daneben die der Italiener
in ¨Phaistos¨, Acad. dei Lincei Bd. XII (1902) ff. Das von Evans in
Knossos gefundene herrliche Kunstwerk des becherkredenzenden Epheben
(Jüngling, Page) geht über die Orientalischen Vorbilder schon hinaus,
auch Architektur und Kleinkunst, z. B. die ¨polychromen Vasen¨ (sogen.
Kamaris-Stil) ist selbständig.
Es folgt dann die durch ¨Schliemanns¨ Ausgrabungen in Mykene, Tyrinz,
Troja zeitlich früher bekannte »¨Mykene-Periode¨«. Auch sie bekundet
starken Verkehr mit dem Orient durch kretische Vermittlung, aber sie
zeigt auch Kreta gegenüber eigenartige Entwicklung. Die Palastanlage
ist ganz verschieden, sie ist genau die von Homer beschriebene. Was
die Kleinkunst betrifft, so genügt es an die Becher von ¨Vaphio¨ zu
erinnern. Für die Mykeneperiode verweise ich auf ¨C. Schuchhardts¨
Wertung der Schliemann'schen Funde (2. Aufl.). Die Beziehung zwischen
Mykene und Kreta ist zurzeit eine brennende Streitfrage. ¨Dörpfeld¨,
kret. u. hom. Paläste, Athen. Mitteilungen Bd. 30 (1905 p. 257),
unterscheidet für die kretischen Paläste zwei Perioden, a) eine
ältere genuin-kretische, b) eine jüngere, in der Mykenische Eroberer
ihre Paläste auf den zerstörten Resten der älteren erbaut hätten.
Gegen Dörpfeld hat ¨Mackenzie¨, Annals of brit. School XI u. XII
die Einheitlichkeit und Selbständigkeit der kretischen Paläste mit
triftigen Gründen behauptet. Dörpfeld hat 1907, Athen. Mitt. 32 p. 576
erwidert. Die Herkunft der altkretischen Schrift ist zurzeit noch nicht
entschieden, möglicherweise ist sie hetitisch.
Die politische Geschichte der Hellenen und die Geschichte der
Hellenischen Kunst zu schildern, muss ich den Historikern und
Archäologen von Fach überlassen.
[Sidenote: Mathematikerverzeichnis des Proklos.]
Die wichtigste Stelle für die Geschichte der hellenischen Mathematik
ist das sogenannte Mathematikerverzeichnis bei ¨Proklos¨. Es ist
vermutlich ein bei ¨Geminus¨, einem Schriftsteller des ersten Jahrh. v.
Chr. erhaltener Auszug aus der Geschichte der Mathematik des ¨Eudemos¨,
von der leider nur wenige Fragmente, z. B. in dem Kommentar des
¨Simplicius¨ zu Aristoteles uns erhalten sind.
[Sidenote: Thales von Milet.]
Beginnen wir also mit ¨Thales von Milet¨. Herodot sagt in seinem ersten
Buch, dass Thales von phönizischer Abkunft gewesen, unzweifelhaft
lebte er im 7. Jahrh. v. Chr. und war ein Zeitgenosse des Krösos und
Solon. Proklos gibt p. 250 der ¨Friedlein¨'schen Ausgabe an, dass
er den Satz von der Gleichheit der Basiswinkel im gleichschenkligen
Dreieck gefunden habe und zwar habe er die Winkel nicht ἴσας sondern
ὁμοιας genannt; p. 299 Satz von der Gleichheit der Scheitelwinkel;
p. 157 Satz, dass die Durchmesser den Kreis halbieren, und p. 352
sagt Proklos, nach Eudemos, dass Euclid I, 26 der sogenannte 2.
Kongruenzsatz von Thales herrühre, der sich seiner notwendig bedienen
musste bei seiner Methode die Entfernung der Schiffe im Meere zu
bestimmen.
¨Marcus Junius Nipsus¨, ein römischer Agrimensor, gibt (¨M. Cantor¨)
folgende alte Methode, die so ziemlich die einzige sein kann, die mit
den geringen Kenntnissen, welche nach Proklos dem Thales zur Verfügung
standen und zugleich mit der Angabe des Eudemos stimmt:
Die Dreiecke ASD und DCB (s. Fig.) sind nach den 2 Congr. congruent und
damit ist CB die gesuchte Entfernung.
[Illustration]
Ausser Proklos haben wir Angaben von ¨Plutarch¨ (100 n. Chr.
Neuplatoniker, ziemlich zuverlässig), in septem sapient. conviv.,
wonach Thales die Höhe der Pyramide durch Messung ihres Schattens
bestimmt habe; aber die Quelle dieses Berichtes ist nach ¨Diogenes
Laertios¨ (Kompilator des 3. Jahrh. n. Chr.) Hieronymos von Rhodos,
welcher sagt, er mass die Pyramiden aus dem Schatten, wenn der Schatten
der Pyramidenhöhe gleich, d. h. bei einer Sonnenhöhe von 45°. Noch weit
unsicherer ist die Angabe bei Diogenes Laertius: ¨Pamphila¨ (Ende des
1. Jahrh. n. Chr.) erzählt uns, dass er als der erste, den Halbkreis
in den rechten Winkel einschrieb, und dass er bei dieser Gelegenheit
einen Ochsen opferte. Andere, z. B. ¨Apollodoros¨, der Rechenmeister,
schreiben diesen Zug den Pythagoräern zu. Da Proklos den Satz
ausdrücklich erst den Pythagoräern zuschreibt und eine bei Eutokios
erhaltene Stelle dies bestätigt, so verliert die Nachricht der Pamphila
ihren Wert.
Auch als Astronom wird Thales gerühmt; im Theätet des ¨Platon¨ p. 174
lesen wir die Anekdote, dass, als er, den Blick nach oben gerichtet
um den Himmel zu schauen, in den Brunnen fiel, eine thracische Magd
ihn verspottet habe: das was am Himmel vorginge, wäre ihm bekannt,
aber was vor seinen Füssen läge, das sähe er nicht. (¨Socrates¨ setzt
bekanntlich hinzu, dass man mit diesem Spott noch immer gegen die
ausreiche, die in der Philosophie leben.) Die von ihm vorausgesagte
Sonnenfinsternis ist, wie Herodot berichtet, die vom 28. Mai 585
bei der Schlacht zwischen Medern und Lydern. Nach ¨Eudemos¨ hat er
auch die Ungleichheit der Jahreszeiten gekannt. Beides würde auf
babylonische Bildungsquellen deuten; und das wird ganz sicher durch
ein Missverständnis des ¨Diogenes Laertius¨, er habe die Sonne als
720 mal Mond angegeben, während der eigentliche Autor ¨Apulejus¨
klar und deutlich sagt, er habe den Sonnendurchmesser als 1/720 der
Ekliptik gefunden. Soviel steht fest durch das einwandfreie Zeugnis
von ¨Herodot¨, ¨Platon¨, ¨Aristoteles¨, ¨Eudemos¨ und wohl auch
von ¨Xenophanes¨, des zeitlich ersten Eleaten: sein Ruhm war sehr
bedeutend, er steht stets an der Spitze der sieben Weisen, und nach
Aristoteles ist er der Begründer der ionischen oder physikalischen
Philosophenschule, des (fälschlich) sogenannten ¨Hylozoismus¨.
Aristoteles sagt, dass Thales im Wasser die eigentliche Urmaterie
gesehen habe und setzt hinzu, er vermute, dass er dazu durch die
Beobachtung geführt sei, dass die Nahrung aller Tiere feucht ist und
dass alles aus Samenfeuchtigkeit entstehe.
[Sidenote: Thales von Milet, Anaximander.]
¨Aristoteles¨ (περί Ψυχής, de anima) fügt hinzu, Thales habe vielleicht
angenommen, dass alles voll Götter sei; beispielsweise habe er gesagt,
dass der Magnet eine Seele habe. Noch müssen wir seinen Schüler oder
wohl richtiger jüngeren Stadtgenossen ¨Anaximander¨ erwähnen, obwohl
das Mathematikerverzeichnis ihn nicht nennt. Anaximander markiert
in der Geschichte des Erkenntnisproblems die Stelle, in der das
Mathematisch-Unendliche auftritt. Er lehrte, der Weltstoff müsse
unendlich sein, damit er sich nicht in der Erzeugung erschöpfe. Er darf
daher nicht unter den empirisch gegebenen Stoffen gesucht werden, und
es bleibt nur das Merkmal der zeitlichen und räumlichen Unendlichkeit
übrig. Daher sagte er αρχη εστι το απειρον. Anaximander erklärte also
die sinnliche Welt durch ein Gedachtes, er sagt: απειρον ist αιδιον,
und ist somit ein Vorläufer der Pythagoräer, und er hat auch eine
Vorstellung davon, dass gegen das Unendliche die Endliche Anzahl
verschwindet.
[Sidenote: Pythagoras.]
Die dem ¨Thales¨ zugeschriebenen Schriften sind alle Fälschungen; der
nach ihm von Proklos genannte Mamerkos samt seinem Bruder, dem Dichter
Stesichoros, sind spurlos verschollen, nicht aber der zu dritt genannte
¨Pythagoras¨, der einzige Mathematiker, der in den ganz und halb
gebildeten Schichten aller Kulturnationen populär geworden ist. Und
doch ist in dem Fabelmeer, in dem er geradezu ertrunken ist, sehr wenig
wirklich festes Land zu finden.
¨E. Zeller¨ sagt: »Unter allen Philosophenschulen, welche wir kennen,
ist keine, deren Geschichte von Sagen und Dichtungen so vielfach
umsponnen und fast verhüllt, deren Lehre in der Überlieferung mit
einer solchen Masse späterer Bestandteile versetzt wäre wie die der
Pythagoräer.«
[Sidenote: Pythagoräer.]
Die Schriftsteller vor ¨Aristoteles¨ erwähnen des Pythagoras und seiner
Schüler nur selten. Aus dem 5. Jahrh. haben wir einzelne Angaben von
Xenophanes, Heraklit, Empedokles, Jon aus Chios, Herodot, Demokrit; aus
dem 4. Jahrh. von Platon, Isokrates, Anaximander II, Andron, Heraklid,
Eudoxos, Lyko, dem Pythagoräer. ¨Platon¨, der doch in die Schule der
Pythagoräer ging, ist sehr zurückhaltend mit historischen Nachrichten.
¨Aristoteles¨ hat zwar die pythagoräische Philosophie in eigenen
Schriften behandelt; was uns erhalten ist, ist wenig und besonders
was die Zahlenlehre betrifft, nicht frei von Unklarheiten. Pythagoras
selbst spielt dabei nur eine geringe Rolle. Unter den Schülern des
Aristoteles beginnt schon die Sage das Leben des Pythagoras zu
umspinnen, aber erst in der Zeit des Neupythagoreismus vom 1. Jahrh.
v. Chr. ab sind Romane wie die des ¨Apollonios von Thyana¨ und des
¨Porphyrios¨ und des ¨Jamblichos¨ entstanden.
Feststeht durch das Zeugnis ¨Herodots¨, IV., 95, der ganz beiläufig
dort den ¨Pythagoras¨ erwähnt, dass er als Sohn des Mnesarchos in
Samos geboren, feststeht, dass er um die Mitte des Jahrhundert, etwa
von 580-500 gelebt hat, als reifer Mann 530 etwa nach Unteritalien
ausgewandert ist, in Kroton eine Kongregation, die etwa nach Art der
Freimaurer organisiert war, gegründet hat, und hochbetagt in Metapont
gestorben ist. Vorher soll er zu seiner Bildung lange Jahre Reisen in
so ziemlich alle Länder des orbis terrarum gemacht haben, und dies
scheint nicht unwahrscheinlich. Ganz besonders lange soll er in Ägypten
verweilt haben; aber dann wäre es im höchsten Grade auffallend, dass
¨Herodot¨, der etwa 100 Jahre nach ihm Ägypten bereist hat, und der den
Spuren des Hellenentums dort sehr sorgsam nachgegangen ist, kein Wort
davon erwähnt.
Der Bund der Pythagoräer war ein religiös ethischer; er sollte eine
Pflanzschule der Mässigkeit, der Tapferkeit, der Ordnung, des Gehorsams
gegen Obrigkeit und Gesetz, der Freundestreue, überhaupt aller jener
Tugenden sein, die zum griechischen und insbesondere zum dorischen
(Spartaner) Begriff eines wackeren Mannes gehören. Neben den religiösen
Beweggründen, die sich aus dem Walten der Götter und vor allem aus
des Stifters Lehre von der Seelenwanderung für das sittliche Ideal
ergaben, wurde von ihm auch als Bildungsmittel in erster Linie auf die
Beschäftigung mit Mathematik, Musik, auch auf Diätetik und Beschwörung
mittelst Zahl und Musik zur Heilkunst hingewiesen. Da der Bund seiner
ganzen Natur nach sehr bald politisch oligarchisch wurde und die
Regierungsgewalt in den grossen unteritalienischen Kommunen Kroton,
Tarent, Metapont etc. an sich riss, so richtete sich die demokratische
Strömung gegen ihn und in den Kämpfen, die um die Wende des 5. Jahrh.
die Aristokratie der Städte stürzten, wurde der Bund gesprengt, ein
grosser Teil der Pythagoräer getötet, darunter vielleicht ¨Pythagoras¨
selbst, die andern vertrieben.
Diese Vertreibung hatte eine Wirkung, die wir mit der durch die
Eroberung von Constantinopel geweckten ¨Renaissance¨ vergleichen
können. Die mathematischen, philosophischen, naturwissenschaftlichen
Kenntnisse, die bisher auf einen kleinen Kreis beschränkt waren, wurden
nach Griechenland, Kleinasien, Sizilien verbreitet und bewirkten dort
das Aufblühen der mathematischen Wissenschaften.
Von den Lehren der ¨Pythagoräer¨ ist am bekanntesten die Lehre von der
Seelenwanderung (Metempsychose) und die Anschauung, dass das Wesen
der Dinge die Zahl sei, dann ihre Kosmologie mit der Ordnung der
Sphären, dem Zentralfeuer, der Sphärenmusik, und dann die Harmonielehre
gestützt auf die Auffindung der Intervalle mittelst des Monochords.
Ihre ganz hervorragende Pflege der Mathematik ist unbestreitbar und
ebenso, dass sie zuerst das Bedürfnis nach Systematik und wirklichen
Beweisen empfanden und befriedigten. Wie weit aber die Kenntnisse
der Pythagoräer selbst reichten, ist ganz unmöglich zu bestimmen
und schwierig ist es auch den Stand des Wissens in der Schule der
Pythagoräer, die wir bis zu ¨Platon¨ und ¨Archytas¨ rechnen, zu
skizzieren.
[Sidenote: Philolaos.]
Die ersten wirklichen Nachrichten über die Lehre des Pythagoras rühren
von ¨Philolaos¨ her, einem älteren Zeitgenossen des Sokrates und
Demokrit, der nach der Vertreibung aus Unteritalien sich nach Theben
geflüchtet hatte. Es scheint, dass ¨Platon¨ seine Schrift von den Erben
in Sizilien gekauft und daraus seine Kunde des Pythagoreismus und auch
viele Anregung für seine eignen mathematischen und philosophischen
Gedanken geholt hat. Sein Neffe und Nachfolger in der Leitung der
Akademie, ¨Speusippos¨, hat die Schrift geerbt und dessen Bibliothek
hat ¨Aristoteles¨ gekauft, der das Werk veröffentlichte, d. h.
mehrfach abschreiben liess. Nicht unbedeutende Fragmente dieses
Glaubensbekenntnisses der Pythagoräer haben sich erhalten und ¨Aug.
Boeckh¨ hat ihre Echtheit dargetan. Ausserdem besitzen wir eine geringe
Anzahl echter Bruchstücke des Archytas und haben an guten Quellen die
Dialoge des ¨Platon¨: Philebos, Theätet, Timäos, der ganz besonders
wichtig ist, und die Physik und Metaphysik des absolut zuverlässigen
¨Aristoteles¨, sowie einige Stellen des ¨Eudemos¨, die uns besonders
durch Proklos erhalten sind.
¨Philolaos¨ bezeichnet die Zahl als das Gesetz und den Zusammenhalt der
Welt, als herrschende Macht über Götter und Menschen, die Bedingung
aller Bestimmtheit und Erkenntnis. ¨Das Begrenzende aber und das
Unbegrenzte, diese zwei Bestandteile der Zahlen, sind die Dinge, aus
denen alles gebildet sei.¨ Die Zahl ist nicht bloss die Form, durch
welche der Zusammenhang der Dinge bestimmt wird, sondern auch die
Essenz, das Wesen, (nicht etwa die Materie), aus welcher sie bestehen,
oder vielleicht richtiger ¨das Gesetz¨, welches die Dinge erschafft.
In Fortbildung des auf Naturerkenntnis gerichteten Gedankengangs der
Ionier erkannten sie die Bedeutung der Zahl, insbesondere der relativen
Zahl, für eben diese Erkenntnis. Philolaos braucht die Ausdrücke ουσια,
Wesen, und αρχη, Grundlage. ¨Aristoteles¨ und ¨Philolaos¨ selbst geben
als Grund an, dass alle Erscheinungen nach Zahlen geordnet sind, dass
namentlich die Verhältnisse der Sphärenharmonie und der Töne, alle
ästhetischen, alle räumlichen Bestimmungen, von gewissen festen Zahlen
und Zahlenverhältnissen beherrscht sind. (Symbolische Rundzahlen
z. B. 40. Kabbala der Chaldäer), und dass unsre Erfahrung nur in der
Feststellung der Zahlenverhältnisse besteht (vgl. Diels, Fragmente der
Vorsokratiker p. 250).
Die Zahlen zerfallen in gerade und ungerade und die gerad-ungeraden
2 (2n + 1). Eins, die unteilbare monas, steht ausser oder richtiger
über den Zahlen; in der reinen Eins, die geradezu mit der Gottheit
identifiziert wird, sind die Gegensätze vereinigt, und so wird auch
die Eins als gerad-ungerad bezeichnet.
Zunächst möchte ich die scheinbaren Widersprüche, die sich bei
Aristoteles in seinem Bericht über die Grundlagen der Pythagoräischen
Philosophie finden, rechtfertigen. Zwischen der »phantastisch
orakelnden, grossartig erhabenen« Sprache des ¨Philolaos¨ und der
Darstellung bei ¨Archytas¨, dem grossen Mathematiker, sind sicher
nicht bloss zeitliche, sondern auch sachlich bedeutende Differenzen.
Ich zweifle gar nicht, dass Archytas der Pythagoräer gewesen, dessen
einfache Klarheit ¨Dionysios von Halikarnassos¨ rühmt (Boeckh l. c. p.
43). Und zwischen beiden gab es sicher zahlreiche Nuancen. Übrigens
interpretiere ich die Stelle Metaph. XIII, 8, 1083b so: »Die Körper
bestehen auf Grund von Zahlen (Verhältnissen).« Auf chemische Ideen der
Pythagoräer habe ich schon in meinem Aufsatz »Über Mathematik«, Bd.
II, Heft 1 der Cohen-Natorp'schen Hefte hingewiesen. Die Pythagoräer
haben die Tonempfindungen durch den Monochord in Zahlenverhältnisse
umgewandelt, und so sind sie es gewesen, welche zuerst den Schritt von
ungeheurer Tragweite getan, Qualitäten in Quantitäten umzusetzen und
so die Welt der äusseren Erscheinungen, die Physik, in die Welt der
inneren Verknüpfungen, die Mathematik, umzuwandeln. Und so kommen sie
naturgemäss darauf als ουσια, als Substanz, nicht als ὑλη, Materie, der
Dinge, das Bleibende in der Vergänglichkeit, die Zahl zu setzen, d. i.
das math. Gesetz. Als Belag für diese Auffassung genügt es auf die von
Boeckh p. 141 angeführte Stelle aus ¨Stobäos¨ zu verweisen; Boeckh hat
sie frei in dem eben angeführten Sinne übersetzt, und den Vergleich mit
dem Gnomon meisterhaft interpretiert: »Das Erkannte (die Dinge) wird
von dem Erkennbarmachenden (der Zahl) umfasst und ergriffen, wobei eine
ursprüngliche Übereinstimmung und Anpassung, wie des ¨Gnomon¨ um sein
Quadrat herum vorausgesetzt wird.«
Das Gnomon ist die ungerade Zahl 2a + 1, welche durch ihr Hinzukommen
aus a^2 das Quadrat von (a + 1) liefert und zwar in der geometrischen
Form des Winkelhaken.
[Illustration]
Eine nähere Ausführung zeigt die Analogie mit den Chaldäern noch
deutlicher, die Zuordnung von Zahlen an die Planeten und an bestimmte
Begriffe. Die Gerechtigkeit z. B. entsprach dem ισακις ισος, dem
Gleichmal gleichen, d. h. der 4 oder der 9, als der ersten geraden,
bezw. ungeraden Quadratzahl; 5 als Verbindung der ersten männlichen mit
der ersten weiblichen Zahl gleich Ehe, die Einheit Vernunft, weil sie
unveränderlich, die 2 Meinung, weil sie veränderlich etc.
Das Männliche und Weibliche bezieht sich auf die bekannten 10
Gegensätze des ¨Philolaos¨: 1) Grenze und Unbegrenztes. 2) Ungerade und
Gerade. 3) Einheit und Vielheit. 4) Rechts und Links. 5) Männliches und
Weibliches. 6) Ruhendes und Bewegtes. 7) Gerades und Krummes. 8) Licht
und Finsternis. 9) Gutes und Böses. 10) Quadrat und Rechteck.
¨Aristoteles¨ berichtet uns auch in der Metaphysik über das dekadische
System. Die Zahlen über 10 sind nur Wiederholungen der ersten 10. (Eine
¨Art arithm. Kongruenzidee¨.) Die Dekas umfasst alle Zahlen und alle
Kräfte der Zahlen; sie heisst daher bei ¨Philolaos¨ gross, gewaltig,
alles vollbringend, Anfang und Führerin des göttlichen wie des
irdischen Lebens, sie gilt ihm nach Aristoteles als das Vollkommene,
welches das ganze Wesen der Zahl einschliesst. Wir danken es nur ihr,
dass uns ein Wissen überhaupt möglich ist.
Eine ähnliche Bedeutung hatte die 4heit nicht als 2^2, sondern
weil 1 + 2 + 3 + 4 = 10, so wird in der Tetractys, dem Schwur der
Pythagoräer, die Zehn, d. h. die Zahl selbst als Wurzel und Quelle der
ewigen Natur gefeiert.
Auch von den anderen Zahlen hat jede ihre eigene Wesenheit, z. B. 3 ist
die erste vollkommene, denn sie hat nur Anfang, Mitte und Ende (|||
älteste Zahlenschreibung); 6 die zweite gleich der Summe ihrer Teiler
1 + 2 + 3; 3, 4, 5 sind die Zahlen des vollkommensten rechtwinkligen
Dreiecks.
Sie sehen in dieser »Zahlenspielerei« den Ernst der Zahlentheorie,
und wenn Aristoteles uns erzählt, dass der Pythagoräer Eurytos die
Bedeutung der einzelnen Zahlen dadurch beweisen wollte, dass er
die Figuren der Dinge, denen sie äquivalent gesetzt wurden, aus
der entsprechenden Zahl von Steinchen (Kinderspiel: Pythagoras)
zusammensetzen wollte, so sehen Sie hier die Richtung gewiesen, welche
die griechische Arithmetik (nicht die Logistik, die Rechenkunst)
während der ganzen klassischen Epoche eingehalten hat; man vergleiche
die Kapitel des Hauptarithmetikers ¨Nikomachos von Gerasa¨ über die
figurierten Zahlen.
Ich komme damit auf die Anwendung der Zahlenlehre auf die geometrischen
Figuren. ¨Aristoteles¨ sagt, sie haben die Linie durch die Zahl 2
erklärt. ¨Philolaos¨ nennt 4 die Körperzahl, ¨Platon¨ scheint die 3-
und 4-Zahl als Flächen- und Körperzahl von ¨Philolaos¨ entnommen zu
haben. Die Pythagoräer setzten die Einheit den Punkten gleich, weil die
μόνας (Leibniz' Monade) unteilbar; die gerade Linie als 2, weil sie
durch 2 Punkte bestimmt sei, das Dreieck durch 3 Punkte, der einfachste
Körper durch 4 Punkte bestimmt seien.
Der Körper ¨besteht¨ ihm zufolge auf Grund der ihn umschliessenden
Linien und Flächen, wie die Linien und Flächen durch Punkte und Linien
determiniert werden. Von den 4 Elementen weisen sie nach ¨Philolaos¨
der Erde den Kubus, dem Feuer das Tetraëder (eine Ableitung von
Pyramide), der Luft den Oktaëder, dem Wasser den Ikosaëder zu, dem
fünften alles umfassenden Element, dem Äther, den Dodekaëder, d. h. sie
nahmen an, dass die kleinsten Teile dieser Elemente die betreffende
Form hätten. (Hier haben wir also schon den Grundgedanken der
Stereochemie, nur kommt der Tetraëder dem Feuer statt der Kohle zu.)
Daher heissen diese Körper oft die kosmischen, und, da sich ¨Platon¨ im
Timäus von ¨Philolaos¨ diese Zueignung angeeignet hat, so heissen sie
auch oft die platonischen.
Es scheint nicht unglaubhaft, dass der fünfte Körper, der Dodekaëder,
eine Entdeckung der Pythagoräer gewesen und im Zusammenhang damit steht
die Konstruktion des regelmässigen Fünfecks und damit des goldenen
Schnittes.
[Sidenote: Boeckh's Interpretation des Philolaos.]
In der Geschichte des Erkenntnisproblems, das die eigentliche
Geschichte der Kultur ist, bezeichnen die Pythagoräer einen grossen
Fortschritt gegenüber den Ioniern, da sie zum ersten Mal nicht in
religiöser sondern in philosophischer Form die Erkenntnis haben, dass
die sinnliche Erscheinung der Welt nicht das letzte, sondern dass ein
geistiges Prinzip dahinterstehe. Sie fanden es in der Mathematik, die
ja auch Plato als zwischen den Dingen und den Ideen stehend auffasst;
und nicht weil sie sich mit Mathematik beschäftigten, sahen sie in der
Zahl die Substanz der Dinge, sondern umgekehrt, weil sie nach einem
die Erscheinungswelt beherrschenden Gesetz der Vernunft ¨suchten¨,
¨fanden¨ sie dies in Mass und Zahl. Das Hauptwerk für die Philosophie
der Pythagoräer ist neben ¨Brandis¨ und ¨Zeller¨, die Geschichte der
Phil. von ¨Ritter¨ 1828, wozu die Kritik von ¨Ernst Reinhold¨ (Jena)
im Jahrb. für wiss. Kritik 1828 p. 358 zu vergleichen ist. Am tiefsten
scheint mir der grosse Philologe ¨August Boeckh¨ in den Geist der
Pythagoräer eingedrungen zu sein in seiner Schrift: ¨Philolaos¨ des
Pythagoräers Lehren etc., Berlin 1819. Gegenüber Zeller, dem Klassiker
der griechischen Philosophie, der aber auch m. E. nach den Pythagoräern
nicht gerecht geworden ist, ist ¨W. Kinkel¨ in seiner Geschichte
der Philosophie als Einleitung in das System der Philosophie Bd. 1,
1906 neben eigenen Auffassungen vielfach auf ¨Ritter¨ und ¨Boeckh¨
zurückgegangen. Bei dieser Sachlage sei mir ein näheres Eingehen auf
den Kern des Pythagoreismus gestattet.
Auch über den dunkelsten Punkt der Lehre des Philolaos hat Boeckh
mit bewunderungswürdig genialem Instinkt Licht verbreitet: Es ist
die Stelle Metaphysik I, 5 des Aristoteles: Του δε αριθμού στοιχεια
το τ' αρτιον και το περιττόν, τούτων δε το μεν πεπερασμενον το δε
άπειρον, το δ' ἑν εξ αμφοτέρων ειναι τουτων [και γαρ αρτιον ειναι
και περιττον], τον δ' αριθμον εκ του ἑνος. »Grundlegungen der Zahlen
sind das Gerade und das Ungerade, das erste begrenzt, das andere
unbegrenzt. Die Eins besteht aus beiden. Die Zahl aber stammt aus
der Eins.« Was zunächst die Gegensätze begrenzt (bei Philolaos und
Platon richtiger begrenzend oder Grenze) und Unbegrenztes, und Gerade
und Ungerade, wie überhaupt die 10 Gegensatzpaare der Pythagoräer
betrifft, so stimme ich Ritter bei, dass sie den einen Heraklitischen
Gedanken verkörpern, der Streit (id est die Polarität) ist der Vater
der Dinge. Gerade in der Ausgleichung dieser Gegensätze besteht nach
Philolaos die pythagoräische ¨Harmonie¨. Dann aber hat Boeckh es
hervorgehoben, dass hier in andrer Form in der Bildung der Zahl aus
Grenze und Unbegrenztem, auch Unbestimmtem, eigentlich schon von den
Pythagoräern genau dasselbe ausgedrückt wird, was ich 1884 chemisch
rein von Kenntnis des Pythagoreismus auf S. 1 meiner »Elemente der
Arithmetik als Vorbereitung auf die Funktionentheorie«, sub 4, d gesagt
habe: »d) wird die erzählte Zahl als Anzahl des abgezählten Komplexes
erhalten durch eine eigne Tätigkeit, welche den Zählprozess abschliesst
(begrenzt).« Und 1906 fügte ich hinzu: Hierin haben wir die erste
Äusserung des so entscheidend wichtigen ¨Grenzbegriffs¨ (Meth. der
elem. Arithm. p. 9 u.). Und ganz analog dem was bei Boeckh S. 55 über 1
und die unbestimmte Zweiheit, die erst durch Anwendung der begrenzenden
Eins zur zwei wird, gesagt wird, habe ich l. c. gesagt, dass zwei im
Grunde die einzige Zahl sei, und die Drei eine neue Zwei. In diesem
doppelten Zusammentreffen sehe ich wieder eine Bestätigung meines
Lieblingssatzes: Nie hat irgendwer irgendwas gefunden.
Der Grund, weshalb in sekundärer Weise die ungeraden Zahlen dem
Begrenzenden zugeordnet werden und die geraden dem Unbegrenzten,
scheint mir darin zu liegen, dass aufgelöst in Einheiten die ungeraden
Anfang, Mitte und Ende haben, die geraden nur Anfang und Ende, und die
Mitte unbestimmt ist. Ausserdem hat Boeckh wohl auch darin recht, dass
im Volke eine Bevorzugung der ungeraden Zahl herrscht: (Aller guten
Dinge sind 3, 1001 Nacht etc.).
Auch der Zusammenhang der Zahl mit der Zeit findet sich angedeutet.
Zeit und Raum verlegen sie an die Peripherie der Welt, von wo aus sie
in die Welt eintreten, und indem sie sich mit der schöpferischen Eins
verbinden die Erzeugung des Seienden bewirken. Hier liegt, wenn auch
bildlich verschleiert, die Ahnung von Zeit und Raum als Bedingung der
Erfahrung vor und zugleich davon, dass die Kategorie Zeit mittelst der
Kategorie Zahl die Welt der Erscheinungen realisiert d. h. begreiflich
macht.
[Sidenote: Kosmogonie und Pantheismus der Pythagoräer.]
Die Kosmogonie der Pythagoräer ist von ¨Boeckh¨ l. c. und in seinen
Arbeiten zum ¨Timäos des Platon¨ erschöpfend behandelt, sie ist voll
tiefer Gedanken und der des Aristoteles entschieden überlegen. Aber die
gewaltige Autorität des Aristoteles, dem sich ¨Poseidonios¨ anschloss,
hat die Entwicklung heliozentrischer Ideen wie sie sich schon bei
Philolaos und noch mehr bei ¨Hiketas¨ finden auf Jahrtausende gehemmt,
bis infolge der Renaissance ¨Kopernikus¨ auf die Pythagoräer zurückging.
Nur noch ein paar Bemerkungen, welche für die Frage nach der Priorität
des Pythagoräischen Satzes wichtig sind. Der bei Philolaos (vgl. Boeckh
und Ritter) scharf ausgesprochene ¨Pantheismus¨ und die ¨Weltseele¨
weisen deutlich auf Indien, wie die Zahlenmystik, das grosse Weltjahr
auf Babylon. Wie die Babylonier den einzelnen Göttern einzelne
Zahlen zuordnen, so werden hier den einzelnen Göttern, d. h. den
Personifikationen von Kräften des Einen einzelne Winkel zugeordnet.
Möglicherweise können auch die ¨Orphiker¨ mit ihrer Geheimlehre die
Vermittler zwischen dem Orient und den Pythagoräern gewesen sein.
[Sidenote: Mathematische Kenntnisse der Pythagoräer.]
Nach diesem Exkurs fahre ich in dem Bericht über die rein
mathematischen Kenntnisse der Pythagoräer fort.
Es ist sehr glaubhaft, dass ihnen das Sternfünfeck, das Pentalpha oder
pentagramma bekannt gewesen und dass sie sich desselben als Symbol für
»sei gesund« bedienten, wofür die bekannte Stelle aus Lukianos (pro
lapsu in salut.) angeführt wird (s. Fig.).
[Illustration]
Das Θ statt des Diphtonges ει, die Figur als Anfang der Briefe statt
des sonst üblichen: »sei gegrüsst«.
In Verbindung damit steht die Kenntnis von den Proportionen, der
arithmetischen a - b = c - d, der geometrischen a : b = c : d, und der
Spezialfälle a - b = b - c, a : b = b : c, d. h. des arithmetischen
und geometrischen Mittels, dem sie als drittes das harmonische Mittel
anreihten: (a - b)/(b - c) = a/c; (2/b = 1/a + 1/c); harmonisch, weil
die Seitenlängen des Grundtones c der Quinte g der Oktave C 1, 2/3, 1/2
diese Proportion bilden, denn 1 - 2/3 : 2/3 - 1/2 = 1/(1/2). Dass sie
diese Verhältnisse kannten, bezeugt ¨Philolaos¨ ausdrücklich und ebenso
¨Eudemos¨, und sie fanden sie auch am Würfel anschaulich vor.
In der Geometrie schuldet man ihnen nach dem Zeugnis des Eudemos bei
Proklos den Beweis des Satzes von der Winkelsumme im Dreieck durch
Ziehen der Parallele und den Satz von den Wechselwinkeln.
Nach der durch Geminos, dem Eudemos vorlag, verbürgten Notiz im
Kommentar des ¨Eutokios¨ zu den Kegelschnitten des Apollonios bewiesen
»die Alten den Satz für jede besondere Form des Dreiecks einzeln,
zuerst für das gleichseitige aus der Sechsteilung des Kreises, dann für
das gleichschenklige und zuletzt für das ungleichseitige.«
Diese Notiz ist für die ¨Geschichte des Parallelenaxioms¨ von grösster
Bedeutung, sie beweist, dass der vielleicht neueste Weg das Axiom zu
begründen, von der Sechsteilung des Kreises aus, zugleich der älteste
ist.
Wir haben ferner das Zeugnis des Eudemos, Proklos I prop. 44, dafür
dass die Pythagoräer sich schon mit den drei Aufgaben beschäftigten,
welche die Grundlage der Kegelschnitte enthalten: An eine gegebene
Strecke einen gegebenen Flächenraum zu entwerfen (παραβαλειν) bezw.
die Aufgabe (Euclid 1, 44 Eucl. 3, 28, 29) so zu verallgemeinern, an
eine gegebene Strecke AB einen gegebenen Flächenraum als Rechteck
Ay so anzulegen, dass ein Quadrat By übrig bleibt (ελλειψις) oder
überschiesst υπερβολή. Man sieht in der Tat (s. Fig.), wir haben: ax =
y^2; ax - x = y^2; ax + x^2 = y^2.
[Illustration]
[Sidenote: Das Irrationale bei den Pythagoräern.]
Nehmen wir dazu noch die Kenntnis der Pythagoräer von der
¨Irrationalität der √2¨ und damit die Entdeckung des Irrationalen,
oder, wie es zuerst weit passender genannt wurde, des ἄρρητον, so fehlt
uns nur noch der Pythagoräische Lehrsatz selbst.
Von der ungeheueren Revolution, die diese Entdeckung des Irrationalen
in den Köpfen der griechischen Mathematiker hervorbrachte, haben wir
noch deutliche Spuren. Es wird uns erzählt, dass sie diese Kenntnis
als das Hauptgeheimnis behandelten und dass ein Pythagoräer, der es
unter die Leute gebracht, zur Strafe ertrunken sei. Man denke sich
nur den Eindruck! Die Zahl, die das Mass aller Dinge, die Grundlage
aller Ordnung und damit Erfahrung, hier versagte sie, und Grössen,
deren Verhältnis in der Potenz, έν δυνάμει, im Quadrat, das denkbar
Einfachste, haben in der Linie kein Verhältnis. Die ganze Grundlage des
Gebäudes wankte, alle Satze, wie z. B. die Streckenteilung, mussten neu
geprüft werden. ¨Aristoteles¨ hat uns den mutmasslich ältesten Beweis
erhalten:
»Wenn eine √2 existierte, so müsste Gerades gleich Ungeradem sein.«
Wir wissen aus dem Theätet, dass dann geometrische Beweise gegeben
sind; der für 2 ist im Euclid erhalten, der für ist vermutlich der,
den Bretschneider und ich selbst unabhängig von ihm gegeben, für 5 ist
er selbstverständlich. Theätet erzählt bei Plato, dass der Pythagoräer
Theodoros von Schritt zu Schritt bis zu 17 solche einzelnen Beweise
gegeben und dann den allgemeinen auf arithmetischer Grundlage, indem er
die Zahlen in Quadratzahlen und in Rechteckzahlen geteilt, d. h. in
solche die nicht in zwei gleiche Faktoren zerlegt werden können. Der
Beweis war also arithmetisch:
n = p^2q, √n = λ, λ^2 = p^2q, λ = p√q, √q = ν, q = ν^2 gegen die
Voraussetzung.
Resumieren wir, so waren den Pythagoräern im wesentlichen die
geometrischen Sätze bekannt, die auf Gleichungen ersten und zweiten
Grades führten; das erste und zweite Buch des Euclid, ein grosser
Teil des dritten und des zwölften; und ihre Ausläufer insbesondere
¨Archytas¨ und ¨Hippokrates¨ haben schon die Probleme dritten Grades in
Angriff genommen.
[Sidenote: Der Pythagoräische Lehrsatz.]
Ich wende mich nun zu dem Satz, der den Namen des Pythagoras seit über
2 Jahrtausenden trägt.
Über diesen grossen Satz, den magister matheseos, auf den die
Flächenrechnung und die Trigonometrie sich stützen, drückt sich
¨Proklos¨ sehr vorsichtig so aus: »Wenn wir auf die, welche alles
erzählen wollen, hören, so finden wir, dass sie diesen Satz auf
Pythagoras zurückführen und sagen, bei der Auffindung habe er einen
Ochsen geopfert.« Der erste Schriftsteller, welcher ganz bestimmt
Pythagoras nennt, ist der römische Architekt ¨Vitruv¨, und nur
in Verbindung mit der Hekatombe wird die Sache erzählt. ¨Hankel¨
sagt: »Doch möchte ich nicht so weit gehen, den Satz dem Pythagoras
abzusprechen, obwohl keine einzige nur einigermassen glaubwürdige
Nachricht darüber vorhanden ist.« ¨Cantor¨ plädiert für Pythagoras
selbst, und er hat darin wohl recht, dass die Schule durch den Meister
den Satz kennen gelernt; den Satz selbst aber hat Pythagoras aus Asien
und mit ausserordentlicher Wahrscheinlichkeit aus Indien. Auf Babylon
weist die Zahlenmystik, die Symbolisierung der Begriffe in Zahlen, und
auf Indien der Lehrsatz und die Lehre von der Seelenwanderung.
[Sidenote: Die Geometrie der Inder.]
¨M. Cantor¨ hat noch in der 2. Aufl. die indische Geometrie als nicht
original erklärt, er hat es wiederholt, dass wir die Geometrie nur
auf indischer Grundlage nicht begreifen können, ja, er hat sie von
Heron von Alexandria, dessen Blüte zwischen 100 v. Chr. und 100 n.
Chr. schwankt, abhängen lassen, und das, obwohl er die Existenz der
¨Sulba-sutras¨, d. i. der ¨Schnurregeln¨, der Zimmermannsregeln für
die Herstellung der Opferstätte aus ¨Thibauts¨ schöner Arbeit in
der Asiatic society of Bengal von 1875 kannte. Dabei hat 1884 der
Sanskritist ¨Leopold v. Schröder¨ ein Buch geschrieben: »Pythagoras und
die Inder,« in welchem er bereits ziemlich entscheidende Beweise für
die Beeinflussung der Pythagoräer durch die Inder beigetragen hat.
Ich schiebe hier einiges aus meinem Vortrag im mathem. Kolloquium
vom 2. Febr. 1903 ein. -- Als ich für die Enzyklopädie den Artikel
Pythagoras abschliessen wollte, machte mich unser Indologe ¨Leumann¨
auf die damals gerade erschienene Arbeit von ¨A. Bürk¨ über das
Apastamba Sulba-sutra (Zeitsch. d. Deut. Morgenl. Ges. Bd. 55,
1901, p. 543) aufmerksam. ¨Leumann¨ gab mir auch die Schrift
¨L. v. Schröders¨ »Pythagoras und die Inder« Dorpat 1884. Auf Grund
dieser Arbeiten inkl. Thibauts trat ich den Ansichten Schröders und
Bürks, dass der Pythagoras bei den Indern weit älter als bei den
Hellenen und vermutlich von den Indern her entlehnt sei, bei und
machte die Mathematiker auf die Arbeit ¨Bürks¨ aufmerksam, ¨Hoffm.
Ztsch.¨ 33, S. 183, 1902. Wie ¨Bürk¨ legte auch ich besonderen Wert
auf das Auftreten des Satzes vom ¨Gnomon¨, d. i. von der Gleichheit
der Ergänzungsparallelogramme, bei den Indern. Etwa ein Jahr später
erschien, auf Verlangen ¨Cantors¨ beschleunigt, im Archiv ein Artikel
desselben, in dem er ebenfalls von der Arbeit Bürks Notiz nahm. Aber
statt dass nun Cantor die Selbständigkeit oder wenigstens die relative
Selbständigkeit der Inder, d. h. die Unabhängigkeit ihrer Geometrie
von den Griechen zugegeben, drückt er sich äusserst gewunden aus, ja
selbst seine Heron-Hypothese gab er nicht auf, indem er sie hinter
der zweifelnden Frage am Schluss versteckt, ob nicht am Ende in
den Sulba-sutras verhältnismässig moderne Einschiebsel seien. Das
Auftreten von Stammbrüchen bei den erstaunlich genauen Näherungswerten
von √2 sollte auf Heron und Ägypten hinweisen; aber sieht man näher zu,
so liegt gerade hier ein entscheidender Unterschied. Während bei den
Ägyptern die gemeinen Brüche als Summe von Stammbrüchen erscheinen,
haben wir bei den Indern auch Differenzen oder genauer Aggregate; und
die Stammbruchform rechtfertigt sich als Bruchteilung der Massschnur.
Kulturzusammenhänge bezweifle ich so wenig wie jeder der sich nicht
bloss mit der Kultur eines einzigen Volkes beschäftigt hat. Angesichts
der babylonischen Zahlenzerlegungen und der quadratischen Gleichungen
der Ägypter glaube ich persönlich, dass der Pythagoras Babyloniern wie
Ägyptern vielleicht schon vor 3000 v. Chr. bekannt war. ¨Aber Glauben
ist kein Beweis.¨
Und was den Einschub in das Sulba-sutra nach Apastamba betrifft, so
wäre der gleiche Einschub bei Taittirīya, Baudhāyana, Maitrāyana,
Katyāyana und Mānava, und im Satapatha-Brāhmana gemacht worden!
Als ich Heft 9 des ¨Bühler¨'schen Grundrisses der Indo-Arischen
Philologie, Astronomie, Astrologie und Mathematik von ¨G. Thibaut¨
las, wunderte ich mich, wie befangen sich dieser hervorragende Kenner
des indischen Wissens auf dem Gebiet der exakten Wissenschaften der
Autorität ¨Cantors¨ gegenüber zeigte. Derselbe Mann, der 1875 so
treffend geschrieben hatte: »Was nur immer fest mit altindischer
Religion verknüpft ist, muss betrachtet werden, als bei den Indern
selbst entsprungen, wenigstens so lange bis das Gegenteil erwiesen«,
der liess sich verblüffen durch Argumentationen von solcher
Ungeheuerlichkeit, wie die rhetorische Frage: »Kann unmittelbare
Anschauung zur Erfindung neuer Satze führen?« Ich sehe von ¨Jakob
Steiner¨ ganz ab, von dem es ja notorisch ist, wie viele seiner
Sätze, gelegentlich auch unrichtigen, er der unmittelbaren Anschauung
verdankt, sondern weise nur auf ¨E. E. Kummer¨ hin, gewiss ein reiner
Mathematiker wie nur einer, und doch der eigentliche Urheber der
Modellgeometrie für Flächen. Herr ¨Bürk¨ hat sich dann auch nicht
geniert, die Schwäche der Cantor'schen Argumente auch bezüglich der
Seilspannung beim Tempel von ¨Edfu¨ -- nebenbei bemerkt erst 237 v.
Chr. -- aufzudecken, und er wies mit Recht auf ¨H. Hankel¨ hin, dessen
dünnleibige Fragmente von einem fast prophetischen, wahrhaft genialen
Verständnis für die Seele der Völker zeugen. Angesichts einiger
Bemerkungen möchte ich hier sagen, dass ich von Bewunderung für die
beinahe übermenschliche Arbeitsleistung Cantors erfüllt bin, aber die
betreffenden Äusserungen in meiner Entwicklung der Elementargeometrie
aufrecht halte. Das Recht zur Kritik, das mir ¨Weierstrass¨ zugestand,
lasse ich mir von niemandem und niemand gegenüber rauben, und wenn an
irgend einer Stelle, so gilt für die Wertung der indischen Mathematik
durch Cantor das Horazische:
Interdum bonus dormitat Homerus,
Nec semper arcum tendit Apollo.
Übrigens ist die indische Verwandlung des Rechtecks in ein Quadrat
ohne eine schulgerechte Analyse unmöglich, und bei der Ausmessung der
Saumiki vedi findet sich derselbe Beweis, den wir heute noch für die
Flächenformel des Trapezes geben.
Erklärlich wird das Verhalten Cantors durch sein Dogma, dass die
Hellenen speziell für Geometrie, die Inder für Arithmetik, insbesondere
für Rechnen begabt waren. Leider ist dies in dem Umfange, wie es
Cantor annimmt, falsch. Der leitende Gesichtspunkt der Entwicklung
der griechischen Mathematik war ein rein arithmetischer. Sie haben
erst die Gleichungen ersten Grades in Form der Proportion gelöst, dann
die der zweiten vermöge der Satzgruppe des Pythagoras und dann die
Gleichungen dritten Grades angegriffen, wie man absolut deutlich aus
den beiden sogenannten Delischen Problemen, der Verdoppelung, bezw.
Vervielfachung des Würfels und der Trisektion des Winkels erkennt,
an die sie sich unmittelbar nach der im zweiten Buch des Euclid
ausführlich behandelten Lösung der quadratischen Gleichungen machten.
Und die Inder, welche im Anfang ihrer Geschichte in der Astronomie und
damit in der Rechenkunst durchaus abhängig von Babylon waren, haben
höchst wahrscheinlich ihre Geometrie infolge ihres Kultus selbständig
entwickelt.
[Sidenote: Abhängigkeit der Pythagoräer von den Indern.]
Für die Abhängigkeit der Pythagoräer von den Indern hat ¨v. Schröder¨
auf die Lehre von der Seelenwanderung hingewiesen; sie war ein
Hauptbestandteil der Pythagoräischen Lehre, unzweifelhaft, schon
Xenophanes berührt sie; Philolaos trägt sie vor; Aristoteles bezeichnet
sie als pythagoräisch; Plato hat seine poetische Darstellung von dem
Zustand nach dem Tode den Pythagoräern nachgebildet. Philolaos sagt,
die Seele sei an den Körper ¨zur Strafe¨ gefesselt und gleichsam im
Körper begraben. Diese Anschauung hat ¨Platon¨ in dem durch und durch
von Philolaos beeinflussten ¨Timäos¨ angenommen, im Gegensatz zu seiner
früher z. B. im Phädon aufgestellten Ansicht.
¨Herodot¨, der die Seelenwanderung als durchaus unhellenisch
bezeichnet, schreibt sie den Ägyptern zu, aber die Denkmäler der
Ägypter, soviel sie sich auch mit dem Tode und dem Leben nach dem
Tode beschäftigen, weisen keine Spur der Metempsychose auf. Und was
für einen Zweck hätten dann die riesigen Opfer, welche die Ägypter
für die Behaglichkeit des Kha brachten, ihre Pyramidenbauten, ihre
Einbalsamierung gehabt? Ein einziges ägyptisches Märchen, das von den
drei Brüdern, könnte allenfalls herangezogen werden, doch das gehört
unzweifelhaft in den Kreis der Osirissage.
[Sidenote: Altindischer Kulturzustand.]
Aber in Indien da beherrschte und durchdrang gerade um diese Zeit
die Lehre von der Seelenwanderung das ganze Volk. Wir wissen mit
Bestimmtheit, dass gerade um diese Zeit der Buddhismus hereinbrach,
als dessen Ziel einzig und allein die Befreiung von dem Kreislauf
der Geburten, von der Wanderung der Seelen durch immer neue
Existenzen bezeichnet werden muss. Und nicht Buddha Gautama war der
erste (¨Oldenberg¨ 1881, Buddha, sein Leben, seine Lehre, seine
Gemeinde), sondern vor und mit ihm durchzogen schon Asceten, Mönche,
Wanderpriester teils einzeln, teils schon Orden und Kongregationen
bildend das Land, um in Busse das Ziel der Erlösung zu suchen.
Buddhas Erfolg beruht gerade darauf, dass er den Zug nach Erlösung von
der sich immer wiederholenden Qual des ¨Sterbens¨ durch seine Lehre
befriedigte.
[Sidenote: Der Rigveda und der Yajurveda.]
Die Lehre von der Seelenwanderung entwickelte sich in Indien
naturgemäss im Zusammenhange mit der Lehre vom All-Einen, deren Wurzeln
schon in dem Rigveda, der Sammlung der uralten heiligen Lieder, die
die Inder zum Teil beim Einwandern aus Afghanistan mitbrachten, zu
finden sind. Wohl sind auch ein paar weltliche Lieder dabei, aber sie
finden sich erst im 10. Buch des anerkannten Textes, der Redaktion der
Çakalaschule, das erst etwa um 1000 v. Chr. den übrigen 9 Büchern oder
mandala zugefügt ist, wenngleich ihr Ursprung natürlich viel älter
ist. Wenn wir uns den Kulturzustand der Inder, der Arya zurzeit der
Entstehung des Rigveda vergegenwärtigen wollen, so brauchen wir nur die
Germania des Tacitus zu lesen, nicht einmal der Spieltrieb fehlt, wie
10, 34 bekundet: »Nach seinem Weibe greifen fremde Hände, indes mit
Würfeln er auf Beute ausgeht.« Auch hier ein freies Volk, der König
eigentlich nur Herzog, d. h. Heerführer im Kampfe, der Hausvater,
der Sippenälteste, Herr und König in seinem Hause und zugleich auch
Priester. Eine eigentliche Priesterkaste, ein Bramanentum gab es noch
nicht, überhaupt kein Kastenwesen, auch keine Witwenverbrennung. Das
alles hat sich erst in der folgenden Periode entwickelt und hängt mit
der Ausbildung des Opferrituals eng zusammen. Wohl spielt auch im
Rigveda das Opfer, insbesondere das des Agni und noch mehr des Soma
eine bedeutende Rolle, aber im Vordergrund steht doch der Hymnus.
Übrigens ist die Periode des Rigveda nicht mehr die altindogermanische,
wie aus dem Zurücktreten des indogermanischen Lichtgottes Djaus, Zeus,
des Tiu der Germanen, angerufen als Djaùs-pitar, Griech. Ζευ πατερ,
umbrisch Dispiter, Lat. Jupiter (vgl. A. Kaegi, der Rigveda Anm. 112),
des Lichtgottes, des Himmelsvaters, und der Gäa, der ¨Mutter¨ Erde,
Prithivi, hervorgeht.
Auch die Götter des Rigveda müssen in der Brahmanen-Periode dem
Dreigestirn Brāhman, Vishnu, Çiva weichen. Der erstere eine
priesterliche Abstraktion der Weltseele, die beiden anderen, in den
Veden erwähnt, aber doch erst später hervortretend gegen ¨Varuna¨, den
Himmel, und ¨Indra¨, den Kriegsgott, den eigentlichen Nationalgott
des Rigveda. Namentlich der Kult des schrecklichen Zerstörers Çiva
entstammt so recht eigentlich dem Grund der einheimischen Volksseele,
welche die Gewalt der Naturmächte oder Götter als schwer versöhnliche
Feinde der Menschheit empfindet. Im übrigen sei für die altindische
Kultur zur Vedenzeit auf ¨H. Zimmers¨ klassisches Werk: Altindisches
Leben (1879) verwiesen.
[Sidenote: Die Bedeutung des Opfers.]
In der auf die Rigvedazeit folgenden Periode, der des Yajurveda,
der Lehre vom Opfer, und der Brāhmana-Texte, der Kommentare der
einzelnen hervorragenden Weisen, nimmt der Zug nach Erlösung von der
Qual des Wiedersterbens seinen Anfang. Und auf der andern Seite in
der Flucht der Erscheinungen bildet nur eins den ruhenden Pol, der
Kern aller Wesen, der Atman Brahman, der in allem ist, die heilige
Weltseele. Seelen, die in der Hölle der Existenz wandern, werden durch
Busse erlöst zu einem seligen Sein auf dem Monde, aber die gleiche
Vorstellung findet sich bei den Pythagoräern, nur dass an Stelle des
Mondes die Sonne tritt, wie im Satapatha Brāhmana die seligen Seelen
als Sonnenstäubchen erscheinen.
Gemeinsam ist auch in der Buddha- und Pythagorassage die Erinnerung an
den früheren Seelenzustand.
¨v. Schröder¨ sagt in Pythagoras und die Inder:
»Wer nun mit dieser durch mehrere Jahrhunderte sich erstreckenden
Epoche der indischen Kulturgeschichte vertraut ist, der nur eigentlich
vermag es ganz zu ermessen, welch eine Rolle zu jener Zeit das Opfer
mit seinen unzähligen Details im Geistesleben der Inder spielte.
Das gesamte Sinnen und Trachten des hochbegabten Volkes ist in
diesem Jahrhundert auf das Opfer, seine Vorbereitung und Ausführung
gerichtet. Die umfangreiche Literatur, die als Zeuge jener Zeiten
zu uns redet, handelt vom Opfer und immer nur vom Opfer. Dem Opfer
in allen seinen Einzelheiten wird die höchste Bedeutung beigelegt,
die Kraft Götter und Welten zu zwingen, Natur und Menschen zu
beherrschen. Wunderbar übernatürliche Macht wohnt ihm inne und selbst
die Kosmogonie geht auf das Opfer zurück. Aus Opfern sind alle Welten
und Wesen, alle Götter und Menschen, Tiere und Pflanzen entstanden.
Das Zeremoniell des Opfers, wie schon die Yajurveden zeigen, ist ein
ungeheuer kompliziertes und die kleinste Äusserlichkeit wird mit
einem Nimbus von Wichtigkeit umgeben, der für uns nicht selten das
Lächerliche streift. Die Vorbereitung zum Opfer, die Fertigstellung
des Opferplatzes etc. spielt hier eine hervorragende Rolle. Dabei
ist natürlich die ¨Konstruktion der Altäre¨ von allerhöchster
Bedeutung. Jede Linie, jeder Punkt, jedes Formverhältnis war hier von
entscheidender Wichtigkeit und konnte nach dem indischen Glauben jener
Zeit, je nachdem es ausgeführt war, Segen oder Unheil bringen. Über
die ¨Gestalt¨ und ¨Grösse¨ der ¨Altäre¨, ihr Verhältnis zueinander und
zu ihren einzelnen Teilen, zu den mannigfachsten abstrakten Begriffen,
ihre symbolische Bedeutung und die richtige, nicht bloss gottgefällige,
sondern selbst Götter ¨zwingende¨ Art ihrer Herstellung haben
Generationen eines hochbegabten, für Spekulation und Abstraktion und
namentlich für rechnerische Leistung sehr beanlagten Volkes gegrübelt
und immer wieder gegrübelt.«
Und ¨Bürk¨ und ¨Leumann¨ stimmen dem zu.
Es mussten daher die Inder schon in jener sehr frühen Zeit gezwungen
werden, wenigstens auf dem Opferplatze eine Feldmesskunst auszubilden.
¨Cantors¨ Ansicht ist um so unbegreiflicher als er selbst sagt, dass
die Sulba-sutras Schriften von geometrisch-theologischem Charakter
sind; wie sie abgesehen von einigen ägyptischen Inschriften in keiner
Literatur sich wiederfinden.
[Sidenote: Konstruktion der Opferstätten und Altäre.]
Wenn nun ¨Pythagoras¨ in Indien war, so konnte er nicht nur, so musste
er von dort den Satz über das Quadrat der Hypotenuse mitbringen. Selbst
¨Cantor¨ hat sich dem, wie erwähnt, nicht ganz verschliessen können.
Das Apastamba-Sulbasutra, die Lehre von der Messschnur nach Apastamba,
gehört in den Ausgang der Brāhmana-Literatur, der Zeit, die auf die
Veden folgt.
Die Veden, von Veda (Lehre, Wissenschaft), enthalten die ältesten
religiösen Satzungen: den Rigveda, soweit sie sich in Liedern
formulieren, und den (schwarzen und weissen) Yajurveda, der vom Opfer,
seiner Zurüstung, den Zeremonien etc. handelt. Die Veden sind kurz und
dunkel. Die riesige Brāhmana-Literatur bestand in Kommentaren zu den
Veden, die die Veden selbst als bekannt voraussetzen. Gehören die Veden
der Zeit von 1200-1000 an, so gehen die Brāhmanas bis etwa 600, der
Zeit vor dem Auftreten Buddhas.
Die Sulba-sutras bilden in den verschiedenen Lehrbüchern der Schulen
ein Kapitel der Kalpa-Sutras oder Çrauta-Sutras, deren Aufgabe es ist
das Opferritual übersichtlich darzustellen, und ihr Sulba-Sutra gibt
die Regeln für die genaue Abmessung des Opferplatzes, der verschiedenen
Altäre etc.
Diese Schulen entsprechen den Babylonischen Tempelhochschulen, und wie
die Fürstpriester Babylons stehen die altindischen Weisen, die rishi,
an genialer Begabung für religiöse und philosophische Spekulation
keinem Platon und Aristoteles nach.
Die Anfänge des indischen Opferwesens reichen bis in die Zeit des
Rigveda zurück; schon in ihm werden die Altar-Stätten (vedi) und der
dreifache »tri-schadhastha« Sitz des Agni, des Feuers (= lat. igni-s),
des sozusagen irdischen Gottes im Rigveda, die drei geschichteten
Altäre erwähnt: der Altar des Hausherrn, der garhapatya -- der
ahavanīya -- Opferaltar -- und der daksinagni -- Südaltar. Nach den
Angaben des Yajurveda handelte es sich bei dieser Dreiteilung um
Quadrate, Kreise und Halbkreise, die von gleicher Fläche sein mussten.
[Sidenote: Altindische Geometrie.]
Das Verfahren wird selbstverständlich in dem Rigveda, den wir auf
1200 v. Chr. setzen, nicht erwähnt, doch heisst es: »kundige Männer
massen den Sitz des Agni aus.« Die eigentliche Blütezeit des indischen
Opferwesens war die Periode der Brahmanas, welche nach ¨Leumann¨ sich
bis ins 7. Jahrhundert vor Chr. erstreckt. ¨L. v. Schröder¨ sagt in
»Pythagoras und die Inder«, was ¨Bürk¨ und ¨Leumann¨ akzeptieren: »Auf
Grund dieser Sulba-Sutras und unter Berufung auf noch bedeutend ältere
Werke wie die Taittirīya-Samhita (Sammlung) und das so hochbedeutende
Satapatha-Brāhmana (die hundertpfadige Lehre) lassen sich nun die
geometrischen Kenntnisse bestimmen, welche die Konstruktion der Altäre
erforderte,« und ich werde hier also Gelegenheit nehmen auf die
altindische Geometrie näher einzugehen.
Bei den Altären unterscheidet man die vedi, d. h. das Altarbett, und
den Agni, d. h. den beim Agni-Opfer und beim Soma- (dem heiligen
Trank-) Opfer aus meist quadratischen Backsteinen geschichteten
Feueraltar. Das Somafest wurde zu Ehren Indras, des Kriegsgottes,
gefeiert. Der Gott und die Krieger sollten sich berauschen an dem
Somatrank, der aus einer stark milchsafthaltigen Pflanze bereitet
wurde. Es hatte so hohe Bedeutung, dass der Somatrank selbst zum Gott
gemacht wurde.
I. ¨Vedi.¨ Die Inder legten grossen Wert auf genaue rechtwinklige
Herstellung ihrer Altäre, und Apastamba lehrt zu diesem Zwecke bei
der Vedi für das Somafest mehrere $ganzzahlig$ rechtwinklige Dreiecke
anzuwenden, deren Masse zum Teil schon im Taittirīya- Text und im
Satapatha-Brāhmana vorkommen. Und auf diese bei der Saumiki vedi
gelehrte Methode der Ausmessung weist er bei einer Reihe andrer Vedis
zurück. Unter diesen ist erstens noch die Vedi der Sautramani-Zeremonie
hervorzuheben, welche nach einer alten Vorschrift 1/3 der Saumiki vedi
messen soll (¨Thibaut¨). Es handelt sich dabei um das Opfer für Indra
Su-trāman (Ζευς σωτηρ). Ihre Konstruktion geschah entweder mit Hilfe
der tri-karani oder trtīya-karani (der drei oder 1/3 machenden), d. h.
entweder mittelst der geometrischen Konstruktion von √3 oder √1/3,
und das geht nicht ohne Pythagoras (denn √1/3 = 1/3√3). Apastamba
Kap. II, 2 steht die Figur (s. S. 158), natürlich ohne Buchstaben.
Ferner die vedi beim asvamedha (Rossopfer); da diese doppelt so gross
als die Saumiki vedi sein soll, wird sie mit der dvi-karani; der √2,
ausgemessen.
[Sidenote: Grundriss des Normalaltar.]
Damit ist auch die trtīya-karani erklärt: das Quadrat über der
tri-karani ist in 9 Teile zu teilen (Fig. S. 158).
Nur wenn die Vedi genau den Vorschriften entsprach, war das Opfer Gott
wohlgefällig, im andern Fall eine Beleidigung. Die genannten Arten der
Vedi und die meisten andern hatten die Form eines Achsentrapez; dies
musste zuerst in ein Rechteck verwandelt werden (Ap. V, 7), dessen
Berechnung, z. B. Ap. S. V 7 und 9 gelehrt wird.
II. ¨Agni -- geschichteter Feueraltar.¨ Alle in den Brāhmanas und
Sutras vorkommenden Vorschriften beziehen sich, wenn nicht anders
angegeben wird, auf den catur-asra syena-cit, auf den viereckig
falkenförmigen. Der atman (Wesen, Seele, Körper) des Altars, der die
Gestalt eines Falken in rohen Umrissen nachahmte, bestand aus vier
Quadraten über dem purusa (Menschenlänge) und der Schwanz und jeder
Flügel aus einem Quadrat-purusa; um der Gestalt des Vogels noch näher
zu kommen wird jeder Flügel um 1 aratni (Elle = 1/5 purusa) und der
Schwanz um 1 pradesa (= 1/10 purusa) verlängert (s. Fig.). Gemäss
seiner Zusammensetzung heisst dieser Altar auch agni saratni-pradesa
saptavidha (z. B. Ap. Sulb. s. XV, 3.).
[Illustration]
[Sidenote: Altindische Geometrie zur Konstruktion der Altäre.]
Bei der Anlage der Grundfläche handelt es sich nun um die Konstruktion
von Quadraten, wofür Apastamba zwei Methoden überliefert. Die erste
Ap. VIII, 8 bis IX, 2 beschrieben, ist höchst altertümlich und
primitiv (Fig. 2), sie ist älter als die bei Thibaut beschriebene von
Baudhāyana zum caturasra-karana. Für alle vier Quadrate sieht sie aus
wie Fig. 3, aus der sich dann die von Baudhāyana beschriebene Fig. 4
entwickelt hat.
[Illustration]
Die zweite jüngere ist die mittelst des visesa, d. h. mit einem Rest,
d. h. der Näherungswert 17/12 (Thibaut) für die √2, also 1,417, Fehler
< 0,003; sie setzt den Pythagoras voraus für den Spezialfall. (Ap.
Sulba sutra IX, 3), bei Apastamba 577/408 = 1,4142156; der Bruch ist
auf 5 Dezimalen richtig