7) [**symbols] [**symbols]

(Von) 6 5 3 (ist es das) Quadrat.

Also: 653^2= 426409 ist zerlegt in:

400^2 = 160000

122^2 = 14884

30-1/2 · 30-9/20 = 929

114 · 864 = 98496

390^2 = 152100

[Sidenote: Die Tafel von Senkereh.]

Ehe ich diese Rechnung weiter bespreche, möchte ich Ihnen die Tafel

von Senkereh in 4facher Vergrösserung aus dem grossen und kostbaren

Rawlinson'schen Werke vorführen und Sie auf gewisse Eigentümlichkeiten

der Tafel aufmerksam machen. Leider steht mir nur die erste Auflage

und nicht die wesentlich veränderte zweite Auflage zur Verfügung.

Sie sehen in der Tabelle No. 2 die Tafel der Quadrate der Zahlen von

1-60 mit einer Lücke von 25-44, so dass das Quadrat voransteht, d. h.

also die Tabelle ist zum Wurzelziehen eingerichtet und daneben zum

Quadrieren. Die Tabelle, welche die Überschrift Reverse trägt, ist eine

Tafel der Kubikzahlen von 1-32. Die wichtigste Tafel, die (irrtümlich)

die Überschrift Obverse trägt, ist die rechte Tabelle, die für die

Metrologie von entscheidender Bedeutung geworden.

Nun sehen Sie, bitte, mal hier [**symbol] (3) und dort [**symbol]

(121) und bedenken Sie die 4fache Vergrösserung, dann werden Sie

sehen, welche Übung und Schärfe nötig war um die, wie Sie schon an dem

Beispiel 653 gesehen haben und wie bei der Besprechung der Astronomie

noch deutlicher hervorgehen wird, recht komplizierten Rechnungen

auszuführen mit einem System von 2 Ziffern; es ist klar, dass sehr

ausgedehnte Tabellen diesen Rechnern völlig geläufig sein mussten.

Kritisch würde die Sache bei 61 sein, aber ich vermute, denn die Zahl

ist m. W. nicht gefunden, sie würden ebenso wie sie dort [**symbol] 120

sehen, ganz ruhig geschrieben haben [**symbol] und es dem Scharfsinn

des Lesers überlassen haben darin 60 + 1 oder 1 + 1 zu sehen.

[Sidenote: Die magische Rechnung.]

Ich komme nun auf unsere magische Tafel und die Rechnung zurück.

Berossus und Eusebios von Cäsarea berichten uns, dass die Chaldäer

ihre heroische Zeit auf 60 · 653 geschätzt haben, die Bibel gibt

von Erschaffung der Welt bis auf Abraham 292 Jahre und von Abraham

bis zum Ende der Genesis 361, macht 653 Jahre. Gerade diese beiden

Bestandteile der Zahl sind das, was sie zur magischen Zahl gemacht

hat. 5 · 292 = 1460 ist die Sothisperiode, die Anzahl der Jahre, die

vergeht bis der Anfang des bürgerlichen Jahres zu 365 Tagen mit dem

heliakischen (heliakisch = Aufgang in der Morgendämmerung) Aufgang des

Sirius zusammenfällt und 1805 oder 5 · 361 Jahre ist die Lunarperiode,

die Zahl der Jahre, nach welcher der Mond immer wieder die gleiche

Stellung einnimmt sowohl im Vergleich zu den Jahreszeiten als auch in

seinem Abstand von der Sonne (Phasen), in bezug auf das Eintreten der

Finsternisse als auch in seiner Beziehung zu den Sternen.

Nimmt man das tropische Jahr der Babylonier zu 365^d 2475, so sind:

1805^a = 659271^d ferner:

22325 synod. Monate = 659270^d (Neulicht zu Neulicht)

24227 draconische Mon. = 659271^d (Rückkehr zum Knotenpunkt)

24130 Siderische Mon. = 659271 (Rückkehr d. Mondes z. Fixstern).

Ich will auf das Exempel noch weiter eingehen, es ist nach ¨Oppert¨

ein klassisches Beispiel altchaldäischer Zahlenmystik, die unter

dem Namen der Kabbala bis in die neueste Zeit, ja noch heute unter

den Juden Galiziens im Schwange ist. Die Zahl und Rechnung spielten

im Kulturleben der Babylonier eine enorme Rolle, jeder Gott hat

seine eigene Zahl, z. B. Bel das Symbol [**symbol], d. h. Gott, dem

die 20 zukommt, Marduk als Stier des Tierkreises repräsentiert die

[**symbol], die Zahl der Zeichen die er anführt. Sin des Mondes Gott

hat die [**symbol] vielleicht weil er in ältester Zeit der Hauptgott,

wahrscheinlich wegen des Monats von 30 Tagen, die Engel-Brüche etc. Die

Horoskope, die ja auch babylonischen Ursprungs sind, sind ein Ausfluss

solcher Zahlenmystik, die sich von Babylon aus über die ganze Welt

verbreitet hat. Wer unter Ihnen bibelfest ist, wird sich an die Kabbala

im Daniel erinnern (s. u. Pythagoräer).

Wir haben bereits eine grosse Anzahl solcher magischer Tafeln und

sehen, wie wir auch an unserm Beispiel nachweisen können, darin die

Anfänge der wissenschaftlichen Zahlentheorie, man vergleiche Astronomie

und Astrologie.

Unter den wenigen aus Khorsabad geretteten Inschriften haben wir

glücklicherweise die Angabe des Sargon II. über die von ihm gegründete

Stadt Dar Sarkim- (Khorsabad von E. Botta 1842-45). Die Mauer war

rechteckig, sie hat 1647 auf 1750^m. Keine Halle, kein Zimmer, kein

Stadtplan durfte aus religiöser Scheu rein quadratisch sein; dies

scheint als eine Verletzung der Ehrfurcht gegen den Gott gegolten zu

haben, bei dem Allerheiligsten war eine sehr enge Annäherung an das

Quadrat gestattet. In der Inschrift von Khorsabad gibt Sarkin nun an,

dass der Umfang der Mauer die Zahl seines Namens sei; dieser Name ist

sar Fürst und kin das wir allenfalls mit mächtig wiedergeben können;

sar entsprach der Zahl 20 und kin 40; und misst man den Umfang aus,

so findet sich, dass er 20 · 3265 + 40 · 1460 Spannen, d. h. also die

Stadt sollte 20 Phönix- und 40 Sothisperioden überdauern.

»In unserer Tafel haben wir es nun mit einem zyklischen Flächenraum zu

tun, 653^2, und dies ist in Quadrate zerlegt bis auf 99425, das in zwei

Rechtecke zerlegt ist, das ist auffallend, da doch

99425 = 311^2 + 52^2; 305^2 + 80^2; 292^2 + 119^2; 284^2 + 137^2;

280^2 + 145^2; 247^2 + 196^2

und keine dieser Möglichkeiten den Chaldäern unbekannt sein konnte,

die mit der Zerlegung von Quadraten vollkommen vertraut waren.« Ich

halte es für äusserst wahrscheinlich, dass der Pythagoras bereits den

Chaldäern bekannt war und von ihnen nach Indien gekommen ist. Die

Ausschliessungen aller der Zerlegungen muss also ihren guten Grund

gehabt haben.

[Sidenote: Die Zahlenmystik auf Tempel-Grundrisse angewandt.]

Es handelt sich um ein schwieriges arithmetisches Problem: »Ein

heiliges Quadrat von 653 so zu zerlegen, dass der Umfang der Figur

eine Zahl von Phönix- und Sothisperioden und die Tiefe eine ganze

Lunarperiode darstellt.« Demgemäss würde der Tempel folgendermassen

angelegt (nach Oppert). Ein Vorhof von 400 Ellen im Geviert, mit

einer Öffnung von 16 Ellen, einer Vorhalle desgleichen von 122, eine

kleine heilige Stelle von 30-1/2 auf 30-9/20, danach ein langer Gang

von 869 auf 114, eine quadratische Endhalle von 390. Die Tiefe ergibt

1806, was unmerklich von 1805, der Lunarperiode, abweicht, den Umfang

findet Oppert, mittelst der Öffnung zu 5086 = 6 · 653 + 4 · 292. Meine

Berechnung ergibt aber nur 5071 und für das gesamte Mauerwerk 5429.

Die erste Zahl kann mit 2 Öffnungen hinten und vorn auf die Summe von

5 Phönix- und 6 Sothis-Perioden reduziert werden, wodurch die heilige

Zahl des Marduk ihre Ehrung findet, die letztere (unwahrscheinlichere)

auf 1 Phönix- und 3 Sothisperioden mit Zusatz von 8 Ellen für einen

Eingangsvorbau.

[Illustration: Tempel-Grundriss des Sargon.]

Als sehr interessantes Beispiel der Zahlenschreibung hebe ich Zeile

6 aus der von J. Oppert 1903 behandelten magischen Quadrattafel

hervor, wo sich vorne das von Oppert ergänzte Summenzeichen tab

[**symbol] findet, die 118 sar geschrieben werden als 120 - 2,

mit dem Minuszeichen lal, die beiden ner nicht [**symbol] sondern

[**symbol] wiedergegeben sind, und das Wortzeichen für ¨Ibdi¨, Quadrat,

[**symbol], welches selbst in seiner neuassyrischen Form deutlich die

Kombination von Zusammenfassung und Zwei bekundet, wie das Zeichen von

Kubus, Badie, sich durch drei innere Striche kennzeichnet.

[Sidenote: Über das Vorkommen der 0; Entstehung des Sexagesimalsystems.]

Es drängt sich hier die Frage auf nach der 0, denn das ist ja noch das

einzige, was für die Inder zu retten wäre, da der Gedanke die Potenzen

der Grundzahl durch den Stellenwert der Ziffer zu kennzeichnen, wie

Sie gesehen haben, altbabylonisch ist und auf die ältesten Zeiten der

Völker von Sumer und Accad zurückgeht. Da geben nun die Tafeln von

Senkereh keinen Aufschluss, denn weder unter den Quadratzahlen noch

unter den Kubikzahlen der Tafel kommt eine Zahl vor, welche die 0

in der Mitte verlangte. Aber in den Stimmen von Maria Laach haben

die beiden Patres ¨S. J. Strassmaier¨ und ¨Epping¨ eine sehr schöne

Arbeit veröffentlicht »Astronomisches aus Babylon« oder »Das Wissen

der Chaldäer über den gestirnten Himmel«; hier kommt der Fall der 0

des öfteren vor, da ist nun meist die 0 aus der Lücke zu erkennen wie

auch sonst, aber es kommt auch dafür das Zeichen [**symbol], genannt

der ¨Trenner¨, vor. Mit diesem Zeichen für die Null ist die Möglichkeit

näher gerückt, dass die 0 babylonisch ist. Es spricht allerdings

wieder manches dagegen, so schreibt der Babylonier 2 meist [**symbol]

und nicht [**symbol] und 61 wird durch (soss) d. h. [**symbol]

wiedergegeben und z. B. 120 kommt bis dato nicht in der Form [**symbol]

vor, statt [**symbol] oder [**symbol].

[Sidenote: Ursprung des Sexagesimalsystems.]

Nun, meine Herren, lassen Sie uns die allerinteressanteste Frage

berühren: wie ist das Sexagesimalsystem entstanden?

Da waren nun bis vor kurzem alle Autoritäten, vor allen ¨M. Cantor¨

darin einig, dass es vom Himmel stamme, d. h. nicht bildlich sondern

physisch, und dass es auf das Engste mit der Teilung des Kreises in

360 Teile, die als altbabylonisch feststeht, zusammen hänge. Nach dem

Vorgang eines Italieners ¨Formaleoni¨ von 1788 nahm auch M. Cantor

100 Jahre später an, die Quelle der Kreisteilung in 360 sei ein

uralter grober Irrtum der Babylonier über das Sonnenjahr gewesen.

Diese schärfsten aller Himmelsbeobachter, deren ganzes Leben seit

uralter Zeit unter dem Einfluss der himmlischen Konstellationen stand,

deren ganzer Kult ein Kult der Sonne, des Mondes und der Sterne, der

Naturerscheinungen insgesamt war, die hätten einen Irrtum, der so grob

war, dass er in 8 Jahren 42 Tage betrug, nicht eher gemerkt, als bis

sie ihr ganzes Mass-, Münz- und Gewichtssystem darauf zugeschnitten.

Cantor meint nun, sie seien zur 60 gekommen von der Kreisteilung aus,

auf der Suche nach einer passenden Untereinheit hätten sie den Radius

als Sehne in den Kreis getragen und dabei gefunden, dass er 1/6 des

Kreises gleich 60 Grad spanne, und da hätten wir ja glücklich die 60!

Wenn ¨Letronne¨, Journal des savants étrangers 1817 diese Hypothese

aufstellte, so konnte man diesen Versuch anerkennen.

Bis etwa 1900 nahmen die Assyriologen diese Erklärung gedankenlos

hin; sie hatten so viele schwierige Probleme, dass sie das geringe

mathematische Material zunächst beiseite liessen. Wurde doch das

Sexagesimalsystem erst nach 1854 von ¨E. Hincks¨ entdeckt. In dem von

ihm behandelten Mondtäfelchen (Irish academy) handelt es sich um die in

15 auf den Neumond folgenden Tagen sichtbar werdenden Teile des Mondes.

Es seien, heisst es, an diesen 15 Tagen der Reihe nach sichtbar:

|5 |10 |20 |40 1|20

1|36 1|52 2|8 2|24 2|40

2|56 3|12 3|28 3|44 4|

Hincks nahm an, dass die Mondscheibe in 240 Teile zerlegt gedacht sei

und die weiter nach links stehende Zahl 1.60 2.60 etc. bedeutete und

die Beobachtungszahlen in den ersten 5 Tagen einer geometrischen, in

den folgenden 10 Tagen einer arithmetischen Reihe folgen. Nebenbei

bemerkt ist es nicht unwichtig hier eine Kreisteilung in 4 Quadranten

und jeden Quadranten in 60 Teile geteilt zu finden, denn damit ist der

astronomische Ursprung des Grades verurteilt. Die Erklärung Hincks

wurde dann zuerst 1854 durch die Tafeln von Senkereh und dann immer

mehr bestätigt. Um 1900 wendeten sich gleichzeitig drei Assyriologen

¨Mahler¨, ¨Ginzel¨, ¨Lehmann¨ gegen den Ursprung des Systems aus der

Jahresbewegung. ¨Mahler¨ machte höchst zutreffend darauf aufmerksam,

dass das Jahr sich überhaupt nicht zum Massentnehmen eigene, die

Babylonier schon so lange die Denkmäler reichen mit der Zahl 365,2(4)

der Tage vertraut waren und wie auch die Ägypter ein eigenes Fest der 5

Extratage feierten. Er wies darauf hin, dass die tägliche Bewegung den

Lichttag als Hälfte und Vor- und Nachmittag einen Vierteltag ergäbe.

[Illustration]

Noch ansprechender war die Hypothese ¨Lehmanns¨, dass die Babylonier

beobachtet hätten, dass der Sonnendurchmesser 1/720 der Ekliptik und

jedes Tierkreisbild 1/12 und damit das Verhältnis 1/60 gewonnen sei.

Leider stimmt die Sache nicht. Die Wasseruhr war den Babyloniern

bekannt und mit ihrer Hilfe wurde der Sonnendurchmesser zu 32′ 6″

bestimmt. Nebenbei bemerkt, ist die genaue Bestimmung eines der

diffizilsten astronomischen Probleme, man vgl. die Arbeiten ¨Auwers¨ in

den Berliner Sitzungsberichten.

Der Tierkreis ist allerdings unzweifelhaft babylonischen Ursprungs;

Sie sehen hier in der schon erwähnten Arbeit Eppings Abbildungen.

Die Gleichheit aber der 12 Zeichen ist nicht ursprünglich. Lehmann

fand auch in der Festsetzung der Gold- und Silberwährung 40 : 3 etwas

Himmlisches, nämlich das Verhältnis der Tage des Jahres 360 und deren

des Monats 27. Alles dies wäre sehr schön, wenn es nur richtig wäre.

Das Verhältnis des Sonnendurchmessers zum Vollkreis ist ungefähr

1/673, das des Jahres zum Monat keineswegs 40 : 3. Auch die 12 Monate

zu 30 Tagen stimmen nicht, denn nie hat ein Monat volle 30 Tage. Das

erlösende Wort hat 1904 wieder ein Lehrer der Mathematik, diesmal ein

pensionierter, gesprochen, ¨Kewitsch¨ in Freiburg. Er hat den, man

sollte meinen, selbstverständlichen Satz ausgesprochen: erst Zählen,

dann Messen; 6, 60, 360, 3600 waren runde Zahlen bei den Babyloniern

und sind von ihnen an den Himmel versetzt, in die Natur hineingelegt.

Damit ist freilich die Frage wie die 6 und die 60 zu Grundzahlen

wurden, nicht gelöst. Kewitsch leitet sie von der Fingerrechnung

ab; er gibt zwei Wege an; den ersten hält er selbst für nicht sehr

wahrscheinlich; dem zweiten zufolge sollen sie, nachdem alle fünf

Finger benutzt, noch einmal die Hand mit weggestrecktem Daumen als 6

gezählt haben und in Verbindung mit den 10 Fingern zu 6 · 10 = 60 als

Grundzahl gelangt sein. Kewitsch führt den Umstand, dass das Zeichen

für Hand ursprünglich 6 Striche gehabt hat, als Beweis an: Quat-Hand

[**symbol], später [**symbol]; andrerseits ist die natürliche Stellung

der ausgestreckten Hand doch die, dass der Daumen nicht angedrückt

wird. Ausserdem scheint mir Kewitsch einen Umstand nicht beachtet zu

haben, nämlich den, dass das Sexagesimalsystem der Sumerer ein durchaus

künstliches ist, das mit einer ausserordentlichen Übung im Rechnen mit

grossen Zahlen verknüpft ist und dass das Zählen an den Fingern bei

Entwicklung dieses Systems ein längst überwundener Standpunkt gewesen

ist. Ausserdem ist die älteste Form des Idiogrammes für Hand, (s. o.),

ein ganz deutliches Bild der 5 Finger mit der Handwurzel und zugleich

Name für fünf.

Ich halte die Frage für nicht geklärt und wage nur Vermutungen wie

die, dass es sich um eine ganz bewusste von den Gelehrten, d. h. den

Priestern ausgehende Wahl der 6 als teilbar durch 2 und 3 gehandelt

haben kann. Diese Teilung war auch technisch leicht durchführbar, man

vergleiche die Elle des Gudea bei ¨Borchardt¨ (Berliner Berichte 1888,

I); diese Wahl kann sehr wohl astronomisch beeinflusst gewesen sein.

Die 60 empfahl sich als Grundzahl, weil sie durch die ersten 6 Zahlen

teilbar ist und sich sowohl ins Fünfer- als Zehner- als Zwölfer-System

einfügt. In den Mondtafeln von Hincks kommen so ziemlich alle Faktoren

von 60, sogar die Mandel vor.

Die Beobachtung der Gestirne durchdrang das ganze Leben des Volkes,

denn vom Himmel holten sie die Omina, die Vorbedeutungen, nach denen

sie ihre Handlungen einrichteten. Ein Wechsel des Beobachters alle

4 Stunden, später alle 2 Stunden ist durchaus praktisch; (lösen wir

doch unsere Posten alle 2 Stunden ab) und wir wissen jetzt, man

vergleiche ¨Epping¨, dass vom Anbeginn an bis in die Seleuciden- und

Arsacidenzeit die Chaldäer den vollen Tag in 6 Teile oder Kas. pu

geteilt haben, und die eigentliche Bedeutung des Wortes Su-su (Schock)

ist 1/6. Die Unterteilung der Doppelstunden in 10 Teile ist dann zu

genauer Ortsbestimmung durchaus praktisch, und die Zehnteilung ist am

System unserer Finger vorgebildet. Erst später trat die Halbierung

der Doppelstunde und damit die Stunde als 24stel des Tages ein. Der

Tag, d. h. die Dauer der Rotation ist und bleibt die einzige wirklich

in der Natur gegebene Masseinheit, und selbst wenn die Achsendrehung

der Erde nicht völlig konstant ist, sind wir ausserstande die kleinen

Schwankungen zu konstatieren. Nachdem die 360-Teilung des Tages

durchgeführt, lag es nahe zur Erleichterung des Geschäftsverkehrs das

¨Geschäftsjahr¨, wie auch heute auf 360 Tage und den Monat auf 30 Tage

abzurunden. Sie wissen ja, dass noch heute unsere Soldaten für den 31.

keinen Sold bekommen.

[Sidenote: Die Tafeln von Senkereh.]

Ich komme nun auf die Tafel von Senkereh zurück, von der wir erst

seit 1870 durch ¨Georg Smiths¨ wissen, dass wir darin Zahlentabellen

haben, und die erst ¨Hincks¨, wohl des geistig bedeutendsten

Keilschriftentzifferers Entdeckung des Sexagesimalsystems bestätigte.

¨R. Lepsius¨, der grosse Ägyptologe, hat die Tafel 1877 in der Berliner

Akademie in einer längeren Arbeit behandelt. Abgesehen davon, dass ihm

die mathematische Bildung mangelte um einzusehen, dass eine Tabelle der

Quadratzahlen zugleich eine der Wurzeln ist, hat er in der Tabelle,

deren linke Kolonne benannte, deren rechte unbenannte Zahlen enthält,

einen Vergleich sumerischer und assyrischer Längenmasse gesehen. In

seiner Arbeit: Beiträge zur alten Geschichte, 1902, hat ¨C. F. Lehmann¨

nachgewiesen, dass es sich hier um eine Vergleichung von Zeitmass

und Längenmass handelt und dass wir hier strikte Durchführung

des Sexagesimalsystems vor uns haben. Lehmann hat nachgewiesen,

dass während wir 114 Schritt auf die Minute rechnen, Römer und

Babylonier 120 Schritt à 1-1/2 Ellen, also 180 Ellen, und somit auf

die Doppelminute 360 Ellen und auf den Zeitgrad, auf 1/360 Tages,

360 Doppelellen gehen. Dass aber die Doppelelle das ursprüngliche

Längenmass ist, das zeigen uns die beiden Massstäbe der Gudea, von

denen ich hier Ihnen ein Exemplar vorführe.

[Illustration: Massstab der Gudeastatue, 1/2 der nat. Grösse.]

Ich gebe nun die Tafel von Senkereh in Umschreibung wieder:

Kolonne III.

Zeit | Zeit- | Grade |Zeiteinheit| Raum-

|Doppelelle| | |doppelelle

------------------+----------+-------+-----------+----------

1 Zeit-Finger | 1/60 |1/21600| 1/90 Sek.| 1/60

5 | 1/12 | 1/4320| 1/18 " | 1/12

1 Elle | 1/2 | 1/720| 1/3 " | 1/2

1/2 Gar | 3 | 1/120| 2 " | 3

1 Gar | 6 | 1/60| 4 " | 6

------------------+----------+-------+-----------+----------

5 Gar | 30 | 1/12| 20 " | 30

1 Soss = 60 Gar | 360 | 1| 4 " | 360

1 Kas-pu = 30 Soss| 10800 | 30| 2 Std.| 10800

2 Kas-pu | 21600 | 60| 4 " | 21600

Darin scheint nun Lehmann recht zu haben, dass die Zeiteinteilung die

ursprüngliche gewesen und dass die experimentelle Beobachtung, dass

zirka 480 Schritt auf den Taggrad kommen, bezw. 120 auf die Minute,

dahin geführt hat, das Längenmass auf die Länge des Sekundenpendels zu

gründen.

[Sidenote: Astrologie.]

Welche ausserordentliche Rolle die Astrologie und die sich aus ihr

entwickelnde Astronomie für das religiöse und praktische Leben der

Babylonier spielte, darüber belehren uns schon die jetzt entzifferten

Denkmäler auf das genaueste. In dem schon erwähnten Werk Sargons I.,

das nach seinen Anfangsworten genannt wird: »Wenn der Bel-Stern,«

sind bereits 66 ganze oder gebrochene Tafeln und teilweise in

mehreren Exemplaren bekannt. Wir haben ein anderes Werk: »Wenn der

Mond bei seinem Erscheinen;« hunderte von Tafeln mit astrologischen

Berichterstattungen meist an den König sind im British Museum. Ich gebe

ein paar Beispiele:

1) Am 15. Tage des Nisan (März-April) halten sich Tag und Nacht die

Wage; sechs Doppelstunden war Tag, sechs Doppelstunden Nacht. Mögen

Nebo und Merodach meinem Herrn König gnädig sein. Nebo, Gott der

Weisheit, Sohn von Merodach, der als Gott der Frühlingssonne Sohn Bêls,

des Gottes der Luft gedacht wird. Merodach wurde zum Hauptgott in

Babylonien und verschmolz mit Bêl.

2) An den König, meinen Herrn Ischtarnadinapal, der oberste der

Astronomen der Stadt Arbela; Friedensgruss dem König (Salem aleikon)

meinem Herrn. Ischtar (Astarte, Aphrodite) von Arbela sei dem Könige,

meinem Herrn gnädig; am 29. Tag machten wir eine Beobachtung, aber

die Sternwarte war umwölkt und wir sahen den Mond nicht. Am 1. Tag

des Monats Schebat (Januar-Februar) im Eponymat (s. u. S. 66) des

Bilcharranschadua.

3) Der Mond ist sichtbar am 1. Tag wie am 28.: Unglück für das

Westland. Der Mond ist am 28. Tage sichtbar: Glück für das Land Akkad

(Babylonien), Unglück für das Westland; Bericht des Oberastronomen.

[Sidenote: Babylonische Kosmologie.]

Aus derselben Zeit etwa dem 8. Jahrhundert stammen auch mehrere

Fragmente von Festkalendern, welche für jeden einzelnen Tag des Monats

Angaben enthielten, welchem Gott der Tag geweiht und welche Opfer in

den Tempeln dargebracht werden sollten. Diese Fragmente lassen uns

erkennen, dass damals ein ausgebildeter Kalender in Assyrien bestand,

und wenn wir damit den Eponymenkanon in Verbindung bringen, so ist

der Schluss berechtigt, dass dieser Kalender bis zum Anfang dieses

Kanons heraufreicht, d. h. bis in das 10. Jahrhundert v. Chr. Aus der

Astrologie hat sich die Astronomie der Babylonier entwickelt, wie aus

der Kabbala, den magischen Rechnungen, die Anfänge der Zahlentheorie.

Der Hauptstern ist der Nordpol der Ekliptik, der dem Anu (Himmel)

geweiht war. Als Gegenpol ist der Ea-Stern (Ozean) = η Argus. (?)

Die drei Regionen des Himmels, welche vom Nordpol ausgehen, sind die

Region des Anu: Stier, Zwillinge, Krebs und Löwe, und, beginnend mit

dem Aldebaran, die Regionen des Bel (Luft): Jungfrau, Wage, Skorpion,

Schütz; die Regionen des Ea (Ozean): Steinbock, Amphora (Wassermann),

Fische, Widder.

Die Milchstrasse, mit ihren beiden Verzweigungen wird als Euphrat

und Tigris aufgefasst. Die Ekliptik ist die Furche des Himmels; die

Milchstrasse erscheint auch unter dem Begriff des Hirtenzeltes, woher

auch unser poetisches »Himmelszelt«. Entstanden ist der babylonische

Tierkreis zu einer Zeit als der Frühlingspunkt, der jährlich etwa

um 50″ zurückweicht, im Stier lag; also etwa 3000-4000 v. Chr.,

der dann im Laufe der Zeit mannigfache Veränderung erlitt bis die

völlige Gleichteilung durchgeführt wurde. Besonders wichtig ist die

Untersuchung der alten Grenzsteine (Kudurru) geworden, von denen

Hommel 14 untersucht hat. Die Abbildung des Tierkreises auf diesen

Steinen geschah vielleicht zum Zweck Konstellationen zur Datierung

festzuhalten. Auf keinem der Steine fehlt die grosse Schlange als Bild

der Milchstrasse und schon auf dem ältesten, der auf 1070 datiert ist,

sind die 12 Zeichen. Die Bilder sind die bei den Griechen und zum Teil

noch heute üblichen.

Das neueste Werk über diese Grenzsteine ist A new Boundary Stone

of Nebuchadnezzar I. von ¨W. M. J. Hinke¨, Bd. IV der Serie D des

grossen Hilprechtschen Sammelwerks the Babylonian Expedition of the

Univ. of Pennsylvania 1907. Hier ist auch der Zusammenhang mit dem

¨tibetanischen¨ und indischen Tierkreisen besprochen.

[Sidenote: Astronomie.]

Die Untersuchung der Namen etc. zeigt, dass der Tierkreis

babylonisch-sumerischen Ursprungs ist und sich von den Babyloniern zu

Ägyptern, Griechen, Indern, Chinesen und zu uns verbreitet hat. Das

gleiche gilt von den Mondstationen oder Häusern, ihre Zahl schwankte

zwischen 24-36, und sie haben sich ebenfalls nach China, Indien

(naxatra) und Arabien verbreitet. Die helleren Sterne waren ihnen in

sehr alter Zeit bekannt. Aus der Arsakidenzeit der Jahre 122 v. Chr.

und 110 sind uns vollständige Ephemeridentafeln, Bestimmungen der

Abstände der Sterne von festen Sternen der Ekliptik, erhalten. Sie

hatten ganz bestimmte Regeln für die Berechnung des Neumondes und

Neulichtes, die von ¨J. Epping¨, S. I. unter Beihilfe des Assyriologen

Strassmaier, S. I. 1889 in den Stimmen aus Maria Laach unter dem Titel:

Astronomisches aus Babylon mitgeteilt sind; es finden sich darin auch

Tabellen des heliakischen Auf- und Untergangs der Planeten und einer

Anzahl von Fixsternen, vor allem des Sothis, id est Sirius und des

»Kakkab mišre« des Orion. Sie kannten die Periodizität der Finsternisse

und konnten deren Sichtbarkeit für Babylon annähernd vorausbestimmen.

Sie hatten Instrumente, die unserem Astrolabium und Planetarium

entsprechen; sie kannten die mittlere Geschwindigkeit des Mondes,

d. h. den Bogen, den der Mond durchschnittlich während eines Tages

in der Ekliptik beschreibt, die grösste Geschwindigkeit des Mondes,

ebenso die der Sonne und das Gesetz, nach dem die Geschwindigkeit

der Sonne in der Ekliptik sich ändert, sie kannten die Jahresdauer,

die Durchschnittsdauer des Monats von Neumond zu Neumond, also des

sogenannten mittleren synodischen Monats, den sie nur um 0,4 ¨Sekunden¨

länger als wir ansetzten, sowie die Durchschnittsdauer von einer

Erdnähe des Mondes zur andern, d. i. also den sogenannten mittleren

anomalistischen Monat, den sie nur um 3,6 ¨Sekunden¨ zu lang ansetzten.

Dabei ist erst ein kleiner Teil des aufgefundenen Materials entziffert

und dieser aufgefundene ein verschwindender Teil des vorhandenen.

Hilprecht berechnet die Zeit, die für Nippur nötig ist bei 400

Arbeitern auf etwa 100 Jahre!

Über die Instrumente, deren sich die Babylonier zu ihren Beobachtungen

bedienten, ist wenig bekannt; wir wissen, dass sie die Zeit durch die

Wasserwage massen und durch die Sonnenuhr, mittelst des Gnomon und aus

der Schattenlänge die Meridiane, bezw. den längsten und kürzesten Tag

bestimmten. Aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. sind aber durch ¨Kugler¨

eine ganze Reihe sehr feiner Positionsbestimmungen festgestellt worden,

die nur mit Hilfe von Instrumenten wie der sogenannten Armillarsphäre,

dem Diopter etc. möglich war. Der Diopter setzt dann allerdings die

Ähnlichkeitslehre für rechtwinklige Dreiecke, kurz eine Sehnenrechnung

voraus und damit wird es wahrscheinlich, dass die Sehnenrechnung, die

bis dato dem Bessel des Altertums, Hipparch von Rhodus zugeschrieben

wurde, babylonischen Ursprungs ist. Soviel steht fest, wenn auch

anfangs die Astrologie zur Himmelsbeobachtung insbesondere der Sonnen-

und Mondfinsternisse trieb, seit etwa 300 Jahren v. Chr. gab es an

den Sternwarten eine vollkommen wissenschaftliche Astronomie, und die

Beobachtungen der Babylonier sind oder werden für unsere Mondtafeln

noch wertvoll.

¨Kugler¨ hat seiner »babylonischen Mondrechnung« von 1900, der

pietätvollen Vollendung des ¨Strassmeier-Epping¨schen Werkes, 1907

den ersten Band seines grossen auf 4 Bände berechneten Werkes

»Sternkunde und Sterndienst in Babel« folgen lassen, unter dem Titel

»Entwicklung der Babylonischen Planetenkunde von ihren Anfängen bis

auf Christus.« Wenngleich, wie Oefele (Mitteilungen zur Gesch. d.

Med. u. Naturw. 29. Juni 1908) schon hervorgehoben hat, dieser Titel

nicht glücklich gewählt ist, so ist das Buch doch reich an wichtigen

Resultaten: Der unbezweifelbare Nachweis des Babylonischen Ursprungs

des Tierkreises und seiner 12 Zeichen, die Kenntnis der Namen für die

Planeten und die Masisterne, die hellen Sterne der Ekliptik, welche zur

Positionsbestimmung dienten, in Fortsetzung der Leistungen ¨P. Jensens¨

aus seinem Hauptwerke, die Kosmologie der Babylonier 1890, die Kunde

der technischen Sprache der Babylonischen Astronomie, die Tatsache

der Ekliptikkoordinaten, die Feststellung des Bogenmasses und der

Richtungen, Festsetzung des Bogens von 22° 3′ zwischen dem festen

Koordinatenanfangspunkt 0° arietis der Babylonier und dem 0-Punkt,

dem Frühlingsäquinoktium von 1800 n. Chr., die Planetenephemeriden

infolge Auffinden von grossen und kleinen Perioden, z. B. für Mars 71

und 41 Jahre, für Venus 8 Jahre (Fehler nur 3′ 13,3″) etc. Freilich

hebt Kugler hervor, dass im 2. Jahrh. v. Chr. die wissenschaftliche

Astronomie der Babylonier sehr grosse Fortschritte gegen die früheren

Zeiten aufweist, und wie weit dabei hellenischer Geist insbesondere der

grosse Hipparch in Betracht kommt, müsste erst noch untersucht werden.

[Illustration]

[Sidenote: Geometrie.]

Über die Geometrie der Babylonier müssen wir uns zurzeit kurz fassen

bis grösseres Material vorliegt. Ein Bauplan, eine Tempelanlage

von so vorzüglicher Ausführung wie der von ¨L. Borchardt¨ l. c.

veröffentlichte, in dem die Türleibungen und die Mauerstärke

berücksichtigt ist (siehe Fig. auf S. 112), Beobachtungen, wie die

von ¨Kugler¨ mitgeteilten, sind nicht ohne bedeutende geometrische

Kenntnisse möglich, aber was uns direkt übermittelt ist, beschränkt

sich auf ganz wenige Zeichnungen wie die bei Cantor abgedruckten aus

¨A. H. Sayce¨ Abhandlung: Babylonian augury by means of geometrical

figures. In der hier beigegebenen Kopie scheinen mir mehrfach ¨alte

Idiogramme¨ wie N 15 etc. vorzuliegen. ¨Bezold¨ bemerkt (Z. A. XVII p.

95), dass ein grosser Teil z. B. der in Kujundschik gefundenen Figuren

analoge Bedeutung besitzen, wie die Oppert'sche Konstr. s. Fig. S. 100

und sich auf kabbalistische Rechnung beziehen z. B. 10 und 3.

[Illustration: Bruchstück des Bauplanes.]

[Illustration: Borchardt'scher Bauplan.]

[Sidenote: Babylonische Kreisteilung.]

Feststeht aus ägyptischen und babylonischen Abbildungen, dass den

Babyloniern die Teilung des Kreises in 6 Teile bekannt gewesen sei,

d. h. de facto. Vom Hereintragen des Radius ist bisher keine Spur

gefunden. Wenn Cantor meint, die 6-Teilung ist ohne diese Kenntnis

nicht möglich, so irrt er sehr. Man braucht nichts zu wissen als die

Tatsache, dass das Rad, bezw. der Kreis in sich drehbar ist, also zu

gleichen Bogen gleiche Sehnen etc. gehören, u. v. v., dies reicht aus

den Kreis experimentell zu vierteln und zu sechsteln. Im höchsten Grade

wahrscheinlich ist allerdings, dass sie bei einem gesechsteilten Kreise

gesehen haben, dass die Sehne gleich dem Radius ist. Die im Buche

der Könige erwähnten fünfeckigen Pfosten, können genau so auf einer

experimentellen Teilung des Kreises in fünf gleiche Teile beruhen, wie

sie meine Quartaner ohne allen goldenen Schnitt sehr exakt ausführen.

Es ist ausserdem eine Tafel bekannt geworden, aber leider zurzeit nicht

auffindbar, in der ein in drei gleiche Teile geteilter rechter Winkel

vorkommt, und das ist fast alles, was wir zurzeit von der babylonischen

Geometrie wirklich wissen; vermuten müssen wir sehr viel mehr; wäre

der Pythagoras, was nach den Beispielen der quadratischen Gleichungen

ganz gut möglich, den Ägyptern bekannt gewesen, so wäre er sicher den

Babyloniern nicht unbekannt geblieben, aber hier heisst es abwarten.

[Sidenote: Babylonische Rechentabellen.]

Von grosser Bedeutung für die Auffassung der Babylonischen Arithmetik

ist Band XX part. 1 Serie A des ¨Hilprecht¨schen Werkes The Babyl.

Expedition of the Univers. of Pennsylv. 1906 (mir erst vor kurzem

zugänglich geworden). Es sind hier, abgesehen von Wiederholungen, 31

math. Tafeln veröffentlicht; Multiplikationstafeln, Divisionstafeln,

Tafeln von Quadratzahlen und -Wurzeln, eine geometrische Progression.

Auf Tafeln, welche dazu dienen, die Rechnungsresulate rasch in das

Sexagesimalsystem einzureihen, hat H. hingewiesen, deren eine (s.

Bild) er schon in seinem Vortrag von 1903 Bild 45 veröffentlicht hat.

Es hat nun Hilprecht bemerkt, dass ¨sämtliche bis jetzt bekannten 46

Multiplikationstafeln sich auf Divisoren der Zahl 60^4 beziehen¨, inkl.

der 2 aus Sippar und Kujundschik, und zwar gehen sie bis 180000×1.

Dazu konstatierte er das Multiplikationszeichen A-R A z. B. 2×1 (=)

2: [**symbols], Plan 1, N. 1, das wie das unsrige, oft weggelassen

wird, das Divisionszeichen Igi-Gal, habend Auge gelegentlich mit

hinter dem Quotienten folgenden Distributivzeichen a-an»je«. Hilprecht

konstatierte, dass ¨alle diese Divisionstabellen sich wiederum auf 60^4

beziehen¨, es sind Tafel N. 20, 21, 24, auf denen das Divisionszeichen

fehlt, und Tafel 22 obv., wo es gesetzt wird. Mit Hilfe der wichtigsten

Tafel 25 ergänzt H. Tafel 22:

[Illustration]

Igi-1-Gal-Bi = 8640000

Igi-2-Gal-Bi = 6480000

Igi-3-Gal-Bi = 4320000

etc., das »Bi« »dessen« bezeichnet den gemeinsamen Dividend 60^4. Ich

gebe hier als Beispiel die Multiplikationstabelle 15 (Obv. und Bev.),

das 1×1 mit 540, es ist zunächst eingerichtet wie die anderen, d. h.

es fehlt das Zeichen, und es enthält 1a bis 20a, und dann 30a, 40a,

50a, so dass also 23a berechnet wird als 20a + 3a, wofür es ja auch

Tabellen gab. Diese Tafel ist aber besonders interessant, weil sie

eine derjenigen ist, in denen die Zweideutigkeit durch die Zusatzlinie

am Schluss gehoben wird. Die Tafel lässt es zweifelhaft, ob man es mit

dem 1 × 9 oder 1 × 9.60 zu tun hat, die Schlusszeile (colophon) gibt

die nächstniedrige Tabelle der Serie an und lautet hier 8.60 + 20 mal 1

ist 8.60 + 20 id est 500 × 1 = 500, somit ist die [**symbol] in unserer

Tafel 9.60. Sehr bedeutsam ist die Tabelle 25, welche in Hilprechts

Übertragung lautet:

Linie 1: 125 720

2: Igi-Gal-Bi 103680

3: 250 360

4: Igi-Gal-Bi 51840

5: 500 180

6: Igi-Gal-Bi 25920

7: 1000 90

8: Igi-Gal-Bi 12960

9: 2000 18

10: Igi-Gal-Bi 6480

11: 4000 9

12: Igi-Gal-Bi 3240

13: 8000 18

14: Igi-Gal-Bi 1620

15: 16000 9

16: Igi-Gal-Bi 810

[Sidenote: Babylonische Divisionstafeln.]

H. erkannte darin unschwer Divisionen von 60^4 durch eine aufsteigende

Reihe von Divisoren, für die Bedeutung der Zahlen 720; 360 etc. bis

9 wandte er sich an Mathematiker, diese brachten heraus dass, wenn

man die Divisoren in die Form a šar + b ner + r schreibt, dann 60^2/r

diese Zahlen ergibt. Hiernach erscheint es allerdings als im hohen

Grade wahrscheinlich, dass wir es hier mit einer kabbalistischen

Rechnung zu tun haben, und wir sehen dass hier wieder 60^4 seine

Rolle spielt. ¨Hilprecht¨ selbst zitiert aus dem Literaturverzeichnis

von ¨Bezold¨: »Die Mathematik stand bei den Babyloniern-Assyriern,

soviel wir bis jetzt wissen, vornehmlich im Dienste der Astronomie und

letztere wiederum in dem einer Pseudowissenschaft, der Astrologie, die

wahrscheinlich in Mesopotamien entstand, sich von dort aus verbreitete.«

[Sidenote: Die goldene Zahl des Platon.]

Ich möchte aber doch bemerken, dass wie der Mangel an beglaubigender

Unterschrift der Tafeln aus Nippur beweist, und nicht minder die

zahlreichen Fehler, dass wir es auch hier, ähnlich wie in Ägypten,

vielfach mit Schülerübungen zu tun haben. Ebenso sorgfältig wie das

Schreiben und Lesen, wurde auch die Elementarkunst des Rechnens

geübt, selbstverständlich vorzugsweise an »heiligen« Zahlen, von denen

60^4, wie es scheint, im Vordergrund stand. H. hat sicher mit Recht

auf die Abhängigkeit ¨Platons¨ von Babylon hingewiesen. In die Stelle

Republik VIII, 546 B-D hat zuerst der grosse, kürzlich verstorbene

Philologe ¨Fr. Hultsch¨, der Herausgeber des Pappos, Licht gebracht,

er hat, Schlömilch XXVII hist. lit. Abt. S. 41, in der sehr dunkel

beschriebenen Zahl des Platon die Zahl 60^4 erkannt und hervorgehoben,

dass ihre Teiler von glückbringendem Einfluss auf die Geburten und

Schicksale der Menschheit sein sollten, wie denn tatsächlich die nach

der kürzesten Fötalperiode von 216 Tagen geborenen 7 Monatskinder

bessere Lebenschance besitzen als die 8 Monatskinder. Wesentlich

ist hier der Nachweis des Einfluss Babylonischer Kultur auf die

Hellenische, den übrigens m. W. niemand mehr bestreitet. Gegenüber

¨Hommel¨ führe ich an, dass die Babylonische Phönixperiode 653 Jahre

und nicht 500 betrug, und gegenüber Hilprecht, dass nach ¨Censorinus¨,

wie Hultsch erwähnt, Plato das Alter der Menschen nicht auf 100,

sondern auf 81 setzte. Dass dabei 36000 eine Rolle gespielt hat, ist

nicht unwahrscheinlich, denn noch Ptolemäos gibt in der μεγαλη συνταξις

36000 als Cyclus der Präzession an, und Berosus dieselbe Zahl als

altbabylonische Präzessionszahl.

Dass aber nicht nur die Inder, wie bekannt, in Riesenzahlen schwelgten,

sondern auch die alten Babylonier, beweist die von Hilprecht mit Glück

restaurierte Tafel ¨Bezold¨, Katalogue Kujundschik Vol. I N. 2069,

von denen Bezold l. c. die folgenden 4 Zeilen (2 bis 5 der Tablette)

veröffentlicht hat:

[Illustration]

[Sidenote: Babylonische Riesenzahlen; Quadratwurzeln.]

H. hat überzeugend nachgewiesen, dass diese Tafel aus der Bibliothek

Asurbanipals mit ihren 28 Zeilen dieselbe Bedeutung hatte wie die

Tabellen No. 20, 21, 22, 24 Hilprecht's auf S. 21, es ist eine

Divisionstabelle, aber Divisoren und Quotienten beziehen sich

auf [**symbol] -- -- -- -- -- -- d. h. auf 60^8 + 10.60^7 id est

195,955,200,000000 also 195 Billionen 955200 Millionen! Zu dieser

Erkenntnis wurde H. in den Stand gesetzt durch die Bemerkung, dass

die längste Zahl links vorn Teilungsstrich vor [**symbol] drei

Ziffergruppen von je zwei Ziffern hat, also mit 60^3 zu multiplizieren

ist, und die längste Zahl rechts hat hinter ihrer Ziffergruppe vier

andere, ist also mit 60^4 zu multiplizieren.

Tabellen von Quadratzahlen bezw. Wurzeln sind ziemlich zahlreich in

Nippur gefunden, die Quadrierung ist teils durch das A-Ra »mal«, teils

durch das Idiogramm für Ibdi das aber etwas von der Rawlinsonschen

Tafel IV, 40 abweichende Gestalt hat. Am leichtesten lesbar ist Pl. 16,

No. 28, Quadrate der Zahlen von 31-39, die dadurch interessant ist,

dass sie sich an die Tafel des Berliner Museums genau anschliesst.

H. hat aus ihr die Kenntnis der Formel für (a + b)^2 gefolgert, da

diese Formel in Indien bekannt war, vgl. S. 161, so ist sie höchst

wahrscheinlich auch den Babyloniern-Assyriern bekannt gewesen. Ein

irgendwie zwingender Beweis ist aber, da mir die Resultate gegeben

werden, ¨nicht¨ erbracht.

Sehr dürftig ist wenigstens die bisherige Ausbeute für die Geometrie,

der Inhalt des geraden Prisma und des geraden Zylinders ist zu allen

Zeiten ohne weiteres als Grundfläche mal Höhe angenommen worden. Das

einzige was von Interesse, ist, dass nach einer Veröffentlichung von

¨Thureau-Dangin¨ schon unter der 2. Dynastie von Ur, also rund 3000 v.

Chr. man in Babylonien den Inhalt des Trapezes als Mittellinie mal Höhe

berechnen konnte.

[Sidenote: Vase mit geometrischer Zeichnung.]

Wie hoch entwickelt aber schon in unvordenklicher Zeit die

geometrische Zeichenkunst war, beweist die von ¨Kapitän Cros¨ 1903 in

Telloh gefundene Vase, mit deren Bild ich diesen Abschnitt schliesse.

[Illustration]

Geschichte der Mathematik im Altertum in Verbindung mit antiker Kulturgeschichte · 第 30 / 49 题