[Sidenote: Abschnitt 4: Gleichung ersten Grades (Hau-Rechnung).]
Die Haurechnung oder die Lösung von Gleichungen ersten Grades. No.
24-38.
Die Nummern 24-34 sind Zahlengleichungen; die vier letzten Aufgaben
beziehen sich auf Teilung des Getreidemasses auit. Die Unbekannte
heisst hau, d. h. Haufen, also eine unbestimmte Menge, analog dem cosa
irgend ein Ding der italienischen Mathematiker der Renaissancezeit.
Über die Lösung der Gleichungen entstand ein Streit zwischen
¨J. Rodet¨, dem bekannten französischen Orientalisten, speziell
Sanskritisten und ¨M. Cantor¨, in dem, wie so häufig beide recht und
beide unrecht haben. Rodet meint, die Ägypter hatten die regula falsi
benutzt, Cantor sagt, sie hätten gerade so wie wir operiert. C. selbst
bemerkt ganz richtig, dass bei den Gleichungen ersten Grades beide
Methoden schwer zu unterscheiden sind. Ich nehme das erste Beispiel:
Haufe, sein Siebentel, sein Ganzes, es macht 19; also x/7 + x = 19.
Es ist schwer zu sagen, rechnet der Ägypter x(1/7 + 1) = x 8/7 = 19;
x/7 = 19/8 · x = 19/8 · 7 oder setzt er probeweise für x 7, wonach er
als Summe 8 statt 19 bekommt und somit den Proportionalitätsfaktor 19/8
erhält und damit seinen Probewert multipliziert.
Die Rechnung sieht so aus:
/. 7 . 8 / 1/4 2 /. 2-1/4 1/8 (n. b. 19/8 das ist der
/ 1/7 1 /.. 16 / 1/8 1 /.. 4-1/2 1/4 Proport.-Faktor)
1/2 4 / 4. 9-1/2
nun kommt die stehende Formel:
[**symbols] ȧrt mȧ cheper, tue wie folgt:
Der Hau 16-1/2 1/8 (Probe) 1/7 : 2-1/4 1/8 [**symbol] (zusammen) 19.
Vom Beispiel No. 28 an kann man aber nicht mehr gut von einem
unmittelbaren Probieren reden zum Beispiel No. 32: x/3 + x/4 + x = 2.
Es wird 1 1/3 1/4 multipliziert bis das Ergebnis 2 ist, d. h. es wird x
ausgeklammert und mit 1 1/3 1/4 in 2 dividiert.
Unter den Beispielen sind einige recht komplizierte, z. B. No. 28
und sie liefert zugleich ein Beispiel für die Schwierigkeit der
Entzifferung. Die Aufgabe lautet:
[**symbols]
neb em iw ro chomt em ān met uta
2/3 im hinzugehen 1/3 im weggehen 10 sind aufzubewahren.
Gemeint ist: (x + 2/3x) - 1/3(x + 2/3x) = 10.
Die Rechnung ist falsch, das Resultat 9 ist richtig; die Probe zeigt,
wie die Aufgabe gemeint ist. Noch komplizierter ist No. 29. Ein
wahres Muster von Kompliziertheit und nicht minder von ägyptischer
Bruchrechnung sind No. 31 und 33: Haufe sein 2/3, sein 1/2, sein 1/7,
sein Ganzes, es beträgt 37. Es wird die Division mit 1 2/3 1/2 1/7 ganz
direkt durchgeführt.
Die Aufgabe 30 übersetze ich abweichend von Eisenlohr und Cantor:
Wenn dir der Schreiber (id est Lehrer) sagt: 10 ist das Ergebnis von
2/3 und 1/10, lass mich den Grund hören.
Um die Division von 10 durch 2/3 + 1/10 auszuführen, wird dies zunächst
mit 13 multipliziert, das gibt 9-29/30; man muss dann noch 1/30
dividieren und findet zum Schluss 13-1/23 als sogenannten Hau.
No. 35: Um die Masseinheit zu erreichen, bin ich dreimal genommen
und 1/3 von mir zu mir, dann bin ich zur Einheit vervollständigt.
Diese Aufgabe 3x + 1/3 x = 1 ist das textliche Vorbild zu einer
Menge von eingekleideten Gleichungen, die sich noch bis heute in
den Rechenbüchern finden. Die Einheit ist das Hequatmass. Die
Verteilungsaufgaben der Fruchtmasse bedurften sämtlich einer genauen
Revision, die durch ¨Erman¨ 1902 und ¨Schack-Schackenburg¨ 1904
vollzogen ist.
[Sidenote: Arithmetische Reihe (Tunnu-Rechnung).]
Es folgen dann zwei Aufgaben, die als »Tunnu«-Rechnung bezeichnet
werden, zu denen sich sachlich noch Aufgaben aus einem späteren
Abschnitt gesellen, der eine Anzahl praktischer Beispiele enthält und
vielleicht einem ¨zweiten¨ Schülerheft entnommen ist. Von besonderer
Bedeutung ist No. 40: Brode 100 an Personen 5; 1/7 der 3 ersten an die
2 letzten Personen, was ist der Unterschied? Die Rechnung lautet: Tue,
wie folgt: (die stehende Formel) der Unterschied 5-1/2 / 23, 17-1/2,
12, 6-1/2, 1 [**symbol] zusammen 60. Vervielfältige diese Zahlen 23,
17-1/2 etc. mit 1-2/3, das gibt dann 38-1/3, 28-1/6 ... zusammen 100.
Hier haben wir a) Gleichungen mit mehreren Unbekannten, b) die
arithmetische Reihe, c) unzweifelhaft regula falsi. Ist der Tunnus d
und der Anteil des letzten a, so bekommen die Personen 4d + a, 3d + a,
2d + a, d + a, a, und es ist: 9d + 3a = 7 (d + a); also 2d = 11a; d =
5-1/2 a. Es wird nun als falscher Ansatz a = 1 gesetzt, also d = 5-1/2
und da 100 = 60 + 2/3 · 60 ist, mit dem Proportionalitätsfaktor 1-2/3
multipliziert.
Hierhin gehört No. 64, die darauf hinausläuft eine arithmetische Reihe
von 10 Gliedern zu bilden, deren Summe 10 und deren Differenz 1/8 ist.
Es wird wieder zuerst das höchste, das letzte Glied bestimmt. Wir haben
aus den bekannten Formeln:
s = n/2(a + u) und u = a + (n-1)d; u = s/n + (n - 1)d/2,
d. h. also um das letzte Glied zu bestimmen, muss man den
Durchschnittswert s/n bilden und dazu (n-1) · d/2 addieren, und ganz
genau so verfährt der ägyptische Rechner.
Ich teile in der Mitte, gibt 1; ziehe 1 von 10 ab Rest 9, halbiere den
Unterschied: 1/16, nimm es 9 mal, gibt 1/2, 1/16, lege es hinzu zum
Durchschnittswert, gibt für u 1 1/2 1/16 etc. Ja, m. H. hier ist jeder
Zweifel an der Kenntnis der allgemeinen Formeln ausgeschlossen.
[Sidenote: Geometrische Reihe.]
Und das gleiche gilt von der geometrischen Reihe. Der fünfte und
zugleich letzte Teil enthält unter No. 62-84 eine Sammlung praktischer
Beispiele, welche sich auf Landwirtschaft beziehen, Aichung von
Bierkrügen, Futterverbrauch auf dem Geflügelhof und in Stallungen,
Mehlverbrauch beim Backen, Lohnzahlung etc. Solche Aufgaben kommen
auch in Tempelrechnungen sehr vielfach vor, denn die ägyptischen
Priesterschaften hatten wie die mittelalterlichen Klöster grosse
Ausgaben um das Volk an den Festtagen zu beköstigen. Mitten hinein
schneit dann die Aufgabe 19. Die Aufgabe war nach Eisenlohr völlig
rätselhaft. Es ist von einer Sutek (vielleicht Leiter? unsre Skala) die
Rede, deren Sprossen
7, 49, 343, 2401, 16807
sind, und bei diesen Zahlen stehen Worte, welche bedeuten: Person,
Katze, Maus, Gersten, Ähre, Mass.
Eisenlohr meinte, dass dies die Namen der 5 ersten Potenzen seien,
während doch erst ganz vor kurzem bei Heron dynamo-dynamis für die 4.
Potenz konstatiert ist.
Die Rechnung sieht so aus:
7
/. 2801 49
/.. 5602 343
/... 11204 2402
[**symbol] 19607 16807
[**symbol] 19607
Das Rätsel hat ¨Rodet¨ in der schon erwähnten Abhandlung gelöst.
Er fand dieselbe Aufgabe bei ¨Leonardo Pisano¨ um 1200 in dem
epochemachenden Liber abaci, das aus Afrika stammt, aus Bugia, einer
Pisaner Handelsstation, der westlichsten von Nordafrika.
Die Aufgabe heisst: 7 Personen haben je 7 Katzen, jede Katze frisst
7 Mäuse, jede Maus 7 Ähren Gerste, jede Ähre bringt 7 Mass ? ist die
Summe, und sie ist berechnet nach der richtigen Formel:
(a^n - 1)/(a - 1) · a, da (7^5 - 1)/(7 - 1) = 16806 : 6 = 2801 ist
wo also die Multiplikation mit 7 gut ägyptisch vollzogen ist und durch
Addition geprüft wird. Nicht vielleicht, wie Cantor meint, sondern
unzweifelhaft war die Summenformel der geometrischen Reihe um 2000 v.
Chr. bekannt. Wir sehen über 3000, wahrscheinlich über 4000 Jahre hat
sich die Aufgabe in den Schulen Afrikas gehalten, ein Seitenstück zur
Bruchrechnung.
Aber die arithmetischen Kenntnisse der alten Ägypter gingen noch
weit darüber hinaus, was Cantor freilich auch bei der 2. Auflage
vom Dezember 1893 nicht wissen konnte. In den von ¨Griffith¨ 1897
herausgegebenen mathematischen Papyri der Funde Petries in Kahun fand
sich das erste Beispiel einer quadratischen Gleichung.
Die quadratische Gleichung der Ägypter.
Als Griffith die Petriepapyri 1897 herausgab, fand sich dort das erste
Beispiel einer quadratischen Gleichung auf Tafel 8 des Papyrus. 1900
hat Schack im Berliner Papyrus 6619 ein zweites gefunden. Der Papyrus
ist vermutlich aus dem mittleren Reiche und lautet folgendermassen: Ein
ferneres | Beispiel der Verteilung einer gegebenen Fläche auf mehrere
Quadrate | wenn dir gesagt wird | 100 Quadratellen auf zwei unbekannte
Grössen zu verteilen und | 3/4 der Seite der | einen Grösse für die
andere | zu nehmen | bitte gib mir | jede der unbekannten Grössen an |.
Die Ausrechnung geschieht mit der regula falsi, der Verfasser drückt
sie so aus: Mache ein Rechteck von immer 1 (d. h. also ein Quadrat)
und nimm 3/4 | der Seitenlänge | der einen für die andere | dies gibt
3/4 |. Multipliziere dies mit 3/4 das gibt 9/16. Wenn so die eine
Grösse zu 1 die andere mit 3/4 genommen ist, so vereinige diese beiden
Grössen, das gibt 25/16. Nimm die Quadratwurzel daraus, das gibt 5/4.
Nimm die Wurzel der gegebenen von 100 das gibt 10. Teile 10 durch 5/4,
der Quozient ist 8 (Zeichen: [**symbol] auch Zeichen der Differenz).
Der Rest ist zerstört, doch ist noch soviel zu erkennen: Nimm 3/4 von
diesen 8 das gibt 6. Hier haben wir also
x^2 + y^2 = 100; x : y = 1 : 3/4.
Das Beispiel des Kahun Papyrus bezieht sich darauf, 120 kubische
Ellen in 10 Körper von der Höhe einer Elle so zu zerlegen, dass die
Grundflächen Rechtecke sind, deren Seiten sich wie 1 : 3/4 verhalten.
Hier würde die Anwendung der regula falsi auf die irrationale
Quadratwurzel aus 3/4 führen. Der Verfasser verfährt also ganz anders.
Er geht davon aus, dass der Inhalt des Rechtecks mit 4/3 multipliziert
das Quadrat der grossen Seite gibt.
[Illustration]
Die Rechnung lautet: Dividiere 1 : 3/4, das gibt 1-1/3, multipliziere
12 mit 1-1/3, das gibt 16, die √ ist 4, das ist die Länge der einen
Seite. Nimm 3/4, das ist 3. Hier haben wir also xy = 12-x/y = 1 : 3/4.
Man sieht, beide Male haben wir das Dreieck 3, 4, 5 bezw. 6, 8, 10, das
also schon um 2200 den Ägyptern bekannt war.
Das dritte Beispiel hat Schack 1903 aus demselben Papyrusfragment
entziffert.
Es handelt sich um:
x : y = 2 : 1-1/2 und x^2 + y^2 = 400.
Wird dann probeweise x = 2, y = 1-1/2 gesetzt, so gibt es 6-1/4, die √
ist 2-1/2, dies ist 1/8 von 20, also ist x = 16, y = 12
[16, 12, 20 ~ 3, 4, 5 ~ 8, 6, 10]
Das Zeichen der Quadratwurzel ist dem unsrigen nicht unähnlich
[**symbol] To-Erdreich, Grund, auf dem etwas ruht?
In Mitteilungen zur Gesch. der Med. u. Naturw. vom 18. April 1908 p.
337 wird diese Hieroglyphe als ¨Gnomon¨ erklärt, und den alten Ägyptern
damit eine Kenntnis des Quadratwurzelausziehens nach der Formel
(a + b)^2 supponiert. Einem Sprachforscher von Fach wäre die äussere
Ähnlichkeit, ich verweise auf Max Müller, ein Grund das Zeichen nicht
vom Gnomon abzuleiten. Es ist bisher auch keine Spur einer Ausziehung
von Wurzeln aus Nicht-quadratzahlen bei den alten Ägyptern gefunden, so
wie die Babylonier haben sie die Quadratwurzeln (tabellarisch?) durch
Multiplikation von 1 × 1, 2 × 2 etc. gefunden.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Pythagoras den Ägyptern schon
um jene frühe Zeit bekannt war.
Geometrie.
[Sidenote: Geometrie der Ägypter.]
Ich komme zur Geometrie, sie findet sich im Abschnitt 3 und 4 des
Papyrus Ahmes, daneben ist für uns die Schenkungsurkunde des Tempels
von Edfu von Wichtigkeit, die allerdings 1500 Jahre nach Ahmes zu
datieren ist; aber auch die 500 Jahre älteren Papyri von Kahun kommen
in Betracht. Vor allem muss ich die Quadratur des Zirkels erwähnen,
No. 41, No. 48 und No. 50. Sie setzen den Kreis, der bald teben,
bald paut, bald k d heisst gleich einem Quadrat, dessen Seite 8/9
des Durchmessers, d. h. sie setzten π gleich 256/81 = 3,1605; eine
Übereinstimmung mit dem alten indischen √10 = 3,162, die zu denken
gibt. Die Frage, wie sie zu diesem erstaunlich genauen Näherungswert
gekommen sind, scheint mir unschwer zu beantworten.
[Sidenote: Quadratur des Zirkels.]
Sie nahmen einen Zylinder mit der Höhe h und dem Durchmesser d des
Grundkreises und gossen Wasser hinein und dieses Wasser in ein
balkenartiges Gefäss mit dem Grundquadrat a^2. Das Wasser stieg bis zur
Höhe η, dann hatten sie xd^2h = a^2η und x = a^2/d^2 · η/h, falls a =
d, x = η/h und fanden für das Verhältnis η/h, oder x den Wert 64/81.
Wie selbstverständlich es war, dass man das Volumen eines Gefässes von
konstantem Querschnitt seiner Höhe proportional setzte, das kann man
bei Heron lesen. Der Begriff des (rationalen) Verhältnisses war ihnen,
wie schon die Rechenaufgaben des Ahmes zeigen, völlig geläufig.
[Sidenote: Volumenbestimmung.]
Die Geometrie beginnt mit der Bestimmung des Volumens von
Fruchtspeichern mit kreisförmiger, bezw. krummliniger und rechteckiger
Grundfläche, z. B.: Ein rundes Fruchthaus von 9 Ellen Höhe in der
grössten Ausdehnung und 6 Ellen Breite, wieviel Getreide geht hinein?
Es wird, wenn statt 9 l und statt 6 h gesetzt wird, gerechnet nach der
Formel
(4/3 · 8/9 l)^2 · 2/3 h.
[Sidenote: Halbkugel.]
Es lässt sich mit diesen Beispielen nicht allzuviel anfangen, die
Abbildungen fehlen und alle näheren Angaben über die Beschaffenheit der
Haufen. Aber schon ¨Eisenlohr¨ bemerkt: sollte unserm Rechner die zur
Bestimmung der Halbkugel nötige Formel πr^2 2/3 r vorgeschwebt haben?
Ich komme damit auf die Berechnung der Kugel, bezw. Halbkugel.
Im ersten Hefte der Kahunpapyri auf Tafel 8 ist eine Figur gezeichnet,
die der Herausgeber der Petriepapyri Griffith richtig umschrieben und
gelesen hat, deren Deutung er aber nicht gefunden zu haben bekennt. Er
sagt, es scheint sich um den Inhalt eines kreisförmigen Fruchthaufen zu
handeln, dessen Höhe 12 und dessen Durchmesser 8 ist. Er hat sich durch
eine Zahl 12, welche über der Figur steht, und die zur Rechnung gehört,
täuschen lassen, sonst wäre er wohl selbst darauf gekommen, dass
wir hier die Zahlenrechnung zur Ermittelung eines halbkugelförmigen
Getreideschobers von 8 Ellen Durchmesser vor uns haben. Die Figur zeigt
einen Kreis, neben dem links 8, der Durchmesser in Ellen, steht, und in
dem 1365-1/3 der Inhalt zu lesen ist.
12
[**symbol]
[1] 1365-1/3 / 1 . 256 In unserer Rechnung:
8 2 .. 512 8 . 3/2 = 12
2/3 8 / 4 . 1024 12 . 4/3 = 16
/ 1/3 4 / 1/3. 85-1/3 16 . 16 = 256
zusammen 16 [**symbol] 1365-1/3 256 . 5-1/3 = 1365-1/3
/ 1 16
/10 160
/ 5 80 Heute d^3π/12 = 134,041 Kubikellen = 1340,41.
zusammen 256
Abgesehen von dem Fehler für π ist also der Inhalt in 1/10 Kubikellen
ausgedrückt. Was dieses Mass betrifft, so ist es eine ganz natürliche
Übereinheit. Das Haupthohlmass ist das Hin; die Kubikelle = 320 Hin,
die Elle = 0,526^m ergibt für das Hin 0,455 Liter, 32 Hin sind 14,61
Liter, ungefähr 1/2 Scheffel. Das Hin wurde geteilt in 1/2 1/4 1/8 1/16
1/32, es ist also 32 Hin als Übereinheit durchaus gerechtfertigt.
Die Rechnung ist:
(d-3/2 . 4/3)^2 . 2/3 d = 32d^3/12.
[Sidenote: Ausmessung eines grossen Haufens durch kleines Mass.]
Der Fehler bleibt unter 2%, für π ergibt sich 3,2. Dies ist ungenauer
als im Handbuch, wo π = 3,16 ist, aber ¨Borchardt¨, der Erklärer,
setzt ganz richtig hinzu: Dies Resultat ist durch häufiges wirkliches
Ausmessen solcher halbkugeligen Haufen gewonnen worden. Dabei waren
viele Beobachtungsfehler unvermeidlich. Die mathematische Form
der Haufen war kaum herzustellen, die Hohlmasse (32 Hin) waren
recht ungleich gefüllt und endlich lassen sich von einem grossen
Getreidehaufen infolge des grösseren Druckes und dadurch veranlassten
dichteren Lagerung in seinem Innern in praxi mehr kleinere Hohlmasse
füllen als man theoretisch rein nach der Volumenvergleichung erwarten
sollte, da sich im kleineren Masse die Körner naturgemäss loser lagern.
Die Aufgabe zu ermitteln, wieviel kleine Masse sich aus einem gegebenen
grossen füllen lassen, gibt ¨so¨ gefasst noch unsern heutigen
Mathophysikern Rätsel auf. Davon können Sie sich überzeugen, wenn Sie
z. B. die Correspondence ¨Quetelet¨ nachlesen, wo das Problem öfter
behandelt wird. Daher ist es gar nicht zu verwundern, dass die Ägypter
sie nicht aufs Haar lösen konnten. Ich weise aber noch auf einen
Umstand hin, der mir ganz besonders wichtig scheint: der Näherungswert
3,2 für π passt vorzüglich für die Übereinheit 32 Hin.
[Sidenote: Ausmessung der Dreiecke und Trapeze.]
Der 3. Abschnitt des Ahmes, der eigentlich geometrische Teil,
handelt von der Ausmessung der Felder, kreisförmiger, dreieckiger,
trapezförmiger, und solcher, die in Dreiecke und Trapeze zerlegt
werden. ¨Eisenlohr¨ fasst auf Grund der Autorität M. Cantors und des
grossen Ägyptologen ¨Rich. Lepsius¨, was mir beinahe unfassbar ist,
die Dreiecke und Trapeze als gleichschenklige, und vindiziert den
Ägyptern den groben Fehler, das gleichschenklige Dreieck zu bestimmen
als halbes Produkt der Grundlinie und des ¨Schenkels¨, und das Trapez
als Produkt der Mittellinie mit dem Schenkel statt der Höhe, und diesen
Fehler sollten sie bis nach Christi, hunderte von Jahren nach Euklid
und Heron begangen haben, und ¨Cantor¨ hat mit dem Starrsinn des Alters
an seiner Auffassung festgehalten, trotz der Kritik ¨Revillout's¨
in der Revue égyptologique von 1882 und der davon ganz unabhängigen
¨Borchardt's¨, die darauf hingewiesen haben, dass die Figuren ganz rohe
Handzeichnungen sind, wie Sie z. B. bei Nr. 48 (Figur) sich überzeugen
können, wo statt des Kreises ein rohes Achteck gezeichnet ist. Die
Dreiecke sind (Figur), wie Sie ebenfalls sehen, mindestens so gut
rechtwinklig wie gleichschenklig.
[Illustration]
M. H., es ist an sich unwahrscheinlich, dass die Ägypter solche groben
Fehler begangen haben. Aus den von ¨Wilke¨ mit unendlichem Fleiss
gesammelten Ostraka, d. s. im wesentlichen Steuerquittungen auf dem
billigsten Material, auf Tonscherben, wissen wir, dass es eine eigene
Steuer gab. περι γεομετριας.
[Sidenote: Widerlegung der Lepsius-Cantor'schen Formel.]
Die Ägypter besassen nachweislich im alten Reich eine Reichsbank,
sie hatten eine Plankammer, sie hatten statt des Tabakmonopol das
Ölmonopol. Jedes Fleckchen, wo ein Ölbaum stand, wurde vermessen, jedes
Stückchen Weizenland, von dem eine Naturalabgabe für die Ernährung
der Truppen erhoben wurde, desgleichen. Sie haben von den jährlichen
Nachmessungen unter Sesostris gehört; und dann sollen solche groben
Irrtümer begangen worden sein! Ich kann Ihnen für Revillouts und
Borchardts Auffassung einen schlagenden Beweis geben; hier sehen
Sie die Figur im Codex konstantinopolitanus, der 1903 von Schöne
edierten Metrica des Hero, da haben Sie zwei Figuren zur Ableitung
des sogenannten erweiterten Pythagoras. Die Höhen sind gefällt und
die Winkel der Figur weichen vom rechten Winkel weit erheblicher ab
als die des Ahmes. Man kann gegen die Ostraka einwenden, sie stammen
grösstenteils aus der Zeit der Ptolemäer; ja, m. H. wer den Charakter
der Ägypter kennt, und nicht nur den der Ägypter, dem wird klar sein,
dass die Steuergesetzgebung so wenig wie der Totenkult und das Erbrecht
geändert werden konnte.
Wenn Alexander sich zum Sohn des Amon machen liess, so tat er es
wahrlich nicht aus Grössenwahn, sondern genau so wie vor ihm die
Hyksoskönige, weil das Volk seinen Pharao nur als Sohn des Gottes
anerkannte.
Und was die Steuern betrifft, als wir 1870 die elsässische Verwaltung
einrichteten, sagte der Oberpräsident von ¨Möller¨ die Fenstersteuer,
das Enregistrement, das ganze Steuersystem ist miserabel, aber wir
rühren nicht daran, die Leute sind daran gewöhnt.
Cantor stützte sich bei seinem Widerstand, ich möchte sagen
ausschliesslich, auf die Schenkungsurkunde des Tempels von Edfu, dessen
Grundlegung, wie ¨Dümichen¨ nachgewiesen am 23. Aug. 237 v. Chr. von
Ptolemäus XI, Alexander I, Philometor genau in der schon geschilderten
Weise vollzogen ist. Die Schenkungsurkunde nimmt einen grossen Teil der
Aussenwand der östlichen Umfassungsmauer des Tempels ein. Der gesamte
Text 164 Kolonnen ist auf 8 grössere Felder verteilt, von denen,
als ¨Cantor¨ seine erste Auflage schrieb, nur die drei ersten durch
¨Lepsius¨ publiziert waren. Es werden von den Feldern von 60 Kolonnen
die Masse angegeben, z. B.
22 + 23 4 + 4 oder 90 etc.
15 + 15 3-1/2 + 2-1/2 1/4 1/16 1/32 oder 47-1/2 1/8 1/16.
(nicht stimmend 47, 1/2 . 1/16 1/64) richtiger Wert 47,566425.
[Sidenote: Lepsius-Cantor'sche Formel.]
Lepsius hat nun gefunden, dass diese Vierecke nach der Formel
(a + b)/2 · (c + d)/2 berechnet wurden, wo a und b das eine Paar
Gegenseiten, c und d das andere Paar ist. Es kommen, wie es
scheint, ein ganzer Teil Rechtecke vor, ein anderer Teil sind
Trapeze, dazwischen Dreiecke, die als Vierecke, deren eine Seite 0
ist, aufgefasst werden. In dieser Auffassung liegt soviel von der
Philosophie der Null, die hier als Grenzbegriff gefasst ist, dass ich
Cantor nicht zustimmen kann, wenn er sagt: an eine Zahl 0 ist in keiner
Weise zu denken.
[Sidenote: 0 als Grenze.]
Gewiss, eine Ziffer 0 hatten sie nicht, brauchten sie auch nicht;
aber dass sie mit 0 rechneten, dass ihnen der Zahlencharakter der
Null bekannt war, samt dem Grenzbegriff und dem sogen. Arbogast'schen
Prinzip, das geht doch zur Evidenz aus der Urkunde hervor. Als Cantor
aber seine zweite Auflage schrieb, da waren schon die übrigen 98
Colonnen durch ¨Brugsch Pascha¨ publiziert, und da stellt sich die
Sache sehr anders; die Lepsius'sche Formel, welche übrigens schon für
das zweite Beispiel, das sich bei Lepsius findet, ¨nicht¨ passt, ist
häufig genug nicht angewandt. Sieht man näher zu, so bemerkt man, dass
es sich um ¨angenäherte Quadratwurzelausziehung¨ handelt. Ich habe fast
alle nachgerechnet, die Fehler sind sehr gering und alle Angaben etwas
zu gross z. B. auf Tafel 6: 2 + 1-1/2; 1 + 0 als Inhalt 7/8, während
der richtige Inhalt noch nicht 6/8 ist. Natürlich, der König hatte ja
ein Interesse daran dem Gott, oder was dasselbe ist, seinen Priestern
die Schenkung möglichst gross darzustellen. Ich bemerke, dass nach
meiner Erkundigung nicht nur die römischen Agrimensoren, wie Cantor
angibt, sondern auch unsere heutigen, und zwar gerade diejenigen,
welche über mathematische Bildung verfügen, sich das Wurzelziehen
tunlichst sparen, indem sie z. B. für:
√(α^2 + ε) α + 1/2·ε/α setzen.
Aus dem Text der ägyptischen Aufgabe hat ¨Revillout¨ die
Unwahrscheinlichkeit der Cantor'schen Auffassung nachgewiesen, die
mit allen Traditionen des Altertums in Widerspruch steht. Ägyptische
Baumeister wurden in der ganzen Welt des Mittelmeeres geholt, und als
Augustus das römische Reich vermessen liess, nahm er dazu ägyptische
Feldmesser.
[Sidenote: Ägyptische Trigonometrie.]
Ich komme nun zu dem Bedeutsamsten und zugleich zu dem Seltsamsten, was
sich im Papyrus Ahmes (2. Schülerheft) und, muss ich leider sagen, bei
Cantor-Eisenlohr findet. Der 4. Teil des Papyrus enthält die ägyptische
¨Trigonometrie¨: Aufgabe Nr. 56-60, Aufgabe 59 ist doppelt. In den fünf
ersten Aufgaben heisst die Pyramide, die stets quadratische Grundfläche
hat, mr (nicht smr) in der 6. Aufg. Nr. 60, die von einer viel
steileren Pyramide handelt -- ¨Borchardt¨ vermutet einen Monolithen --
heisst sie in. Es kommen zwei Abmessungen in Betracht, in den Aufgaben
56-59;
a) die Pir--m--s Pirems, woher vielleicht der Name Pyramide.
b) die ucha--tebet.
und in Nr. 60 a) k^3y --n--h r w. b) Snti: Das Verhältnis zwischen 1/2
b : a heisst überall Sqd.
Z. B. Nr. 56. Berechnung einer Pyramide. Die uchatebet ist 360, ihre
Pirems 250. Lass mich ihren Seqd wissen. Nimm die Hälfte von 360, macht
180, dividiere mit 250 in 180 macht 1/2 + 1/5 + 1/50 von einer Elle.
Eine Elle hat 7 Spannen, multipliziere mit 7: ihr Skd ist 5-1/5 Spannen.
Nr. 57. Eine Pyramide, 140 ist die uchatebet, 5-1/4 Spannen ihr Skd,?
die Pirems. Antwort: 93-1/3.
Nr. 58. Pirems 93-1/3, uchatebet 140,? Sqd. -- Antwort: 5-1/4 wiederum.
Die Rechnung enthält wieder einen groben Fehler des Schreibers.
Nr. 59 a. Pirems ist 12, uchatebet 8? Sqd. Antwort wieder 5-1/4.
und Nr. 59 b. Kontrollaufgabe, uchatebet gefragt, ganz verworren
abgeschrieben. Resultat 4 statt 8, wenn die eine Linie 12 und der Sqd
5-1/4.
Nr. 60. Ein In von 15 Ellen an seinem Snti und 30 an seinem k^3y--n h r
w. Lass mich seine Skd. wissen. Multipliziere 15; 1/2 davon ist 7-1/2,
multipliziere 7-1/2 mit 4 um 30 zu erhalten. Sein Rhi ist 4.... Das ist
sein Skd.
¨Eisenlohr¨ bemerkt Rhi ist unklar, was jedoch ohne Einfluss auf die
Rechnung ist.
¨Eisenlohr¨ und ¨Cantor¨ erklären nun die Pir--m--us als die
Seitenkante und die ucha tebet als die Diagonale des Grundquadrates,
während sie durch das Koptische gezwungen sind die Kaienharu als die
Höhe und die snti als die Grundlinie aufzufassen; sie erklären also den
Sekt in den fünf ersten Aufgaben als den Cosinus des Neigungswinkels
der Kante und Grundfläche und in der letzten als die Cotangente des
Böschungswinkels!
Dagegen wenden sich nun ganz unabhängig voneinander ¨Revillout¨ und
¨Borchardt¨ und schon ¨Weyr¨ trat ihnen bei, beide zunächst vom
Standpunkt des Steinhauers und Architekten; beide bemerken, dass der
Neigungswinkel für den Steinhauer ganz wertlos.
[Illustration]
Die Pyramide wurde in geraden Absätzen gebaut, die dann mit
mächtigen Steinplatten ausgefüllt wurden. Kannte der Arbeiter den
Böschungswinkel, der an allen Quadern derselbe, dann konnte er jedes
Stück richtig behauen; der Neigungswinkel ergab sich dann ganz von
selbst. (Figur.)
Eisenlohr erklärt Piremus als die aus der Säge heraustretende und
seqet leitet er von qd -- ähnlich machen -- ab und übersetzt es mit
Ähnlichkeit, besser wäre wohl Verhältnis. Revillout sagt, piremus
bedeutet hinausgehen in die Breite oder aus der Breite und beides passt
für die Höhe der Pyramide, die Linie, welche die Spitze mit der Mitte
der Grundlinie verbindet; uchatebet ist die Basis, und beide Worte
sind Synonyma für Kainharu und senti. ¨Cantor¨ noch in dem Brief an
Weyr und in der 2. Auflage mutet den Ägyptern die Ungeheuerlichkeit zu
zwei verschiedene Funktionen mit demselben Namen bezeichnet zu haben.
¨Revillout¨ und ¨Borchardt¨ sagen, es sei stets die Cotangente des
Böschungswinkels und nun erinnern Sie sich daran, dass Ägypten aus
zwei verschiedenen Ländern mit verschiedener Sprache zusammengewachsen
ist. Synonyma sind häufig, wie wir aus analogen Gründen die ähnliche
Erscheinung im Englischen haben. Die Pyramide heisst smr und in, der
Kreis Deben und kd, der Vater heisst ¨if¨ und atef, der König bjty und
hk^3 usw.
[Sidenote: Koordinaten.]
Die Höhe ist als Summe der Schichtenhöhen, ev. auch aus der
Schattenlänge und die Seite des Grundquadrats ganz direkt messbar. Die
Diagonale muss aber berechnet werden, und zwar mit dem Pythagoras.
Eisenlohr hat die Winkel der Pyramiden γ und β (siehe Figur S. 50)
berechnet aus
cos β entweder 5-1/4 Sp oder 5-1/25 und damit
cos β = 3/4 oder = 126/175 = 18/25
und sie stimmen so ziemlich mit den Winkeln der erhaltenen Pyramiden,
was für den, der weiss, wie oft grobe Fehler der Schüler geringe Fehler
im Resultat geben, nicht wunderbar ist.
Aber Borchardt hat die Neigungswinkel aus der Cotangente berechnet. Es
sind dies Winkel von 54° 14′ 16″; 53° 7′ 48″ (kommt 4 mal vor) und in
No. 60, 75° 57′ 50″.
Von diesen Neigungswinkeln gleicht der erste ¨genau¨ bis auf die
Sekunde dem Winkel an der südlichen Steinpyramide von Daschur (untere
Hälfte), der zweite stimmt, ebenso haarscharf mit dem von Petrie an Ort
und Stelle gemessenen Winkel der zweiten Pyramide von Giseh überein und
der letzte ist ebenso ¨genau¨ der von Petrie 1892 nachgewiesene Winkel
aus der Mastaba von Meidum. Und dass die Werkleute wie die unsrigen
nach solchen Vorschriften, sogenannten Leeren, arbeiteten, das zeigen
die von Petrie aufgedeckten Winkelmauern an den Ecken der Mastaba No.
17 zu Meidum.
Diese Eckwinkelmauern zeigen wie die Erbauer der Mastaba sich die
anzulegende Neigung der Winkel ¨genau¨ nach der in No. 60 gegebenen
Vorschrift aufgezeichnet haben. Damit ist die Seqtfrage entschieden.
Sekt ist die Cotangente, rhi vermutlich nichts anderes als die
¨Tangente¨, die also den Ägyptern auch schon bekannt war.
Das Wort seqd aber leitet Revillout von kd -- bewegen ab und aus dem
hapt -- Richtscheit, das ein unentbehrliches Werkzeug war; seine
aufrechtstehende Kathete ist 1 Elle, die untere ist in 7 Spannen und
4 Finger geteilt, und eine Schnur wurde nach dem unteren beweglichen
Punkte geknüpft und gab dem Arbeiter damit durch den sekd unmittelbar
den Winkel, nach dem er seinen Stein zurichtete.
Ein ganz entscheidendes Moment liegt aber in der Natur der Sache; der
königliche Bauherr der Pyramide der sagt einfach, meine Pyramide soll
so und so viel im Geviert haben und so und so hoch soll sie sein, die
Ausführung überlässt er seinem Architekten.
Dass die Ägypter aber mit der Proportionalitäts- und Ähnlichkeitslehre
ganz vertraut waren, das zeigen ihre Abbildungen. Sie teilten die Wand
durch Linien in ein Netz von Quadraten, ganz wie unsere Ingenieure ihr
Zeichenpapier, und trugen in die einzelnen Quadrate die Figuren in
entsprechendem Massstab ein. In dem sogenannten Grabe Belzoni zu Biban
el Moluk ist ein solches Coordinatensystem erhalten in einer unfertig
gebliebenen Grabkammer König Sety I., des gewaltigsten der Bamessiden
nächst seinem Sohne Ramses II.
[Sidenote: Darstellende Geometrie bei den Ägyptern.]
Nun zeigen die Bilder und Inschriften, ähnlich wie die japanischen,
keine Perspektive, und man nahm an, dass den Ägyptern die Perspektive
unbekannt gewesen sei. Aber vor etwa 10 Jahren wurden in Fayum, vom
trockenen Wüstensand geschützt, eine grosse Anzahl Totenmasken,
Porträts der Verstorbenen, gefunden, allerdings aus hellenistischer
Zeit, die meisten Handwerksarbeiten, aber auch eine ganze Anzahl
Kunstwerke ersten Ranges, die unsern besten Porträts nicht nachstehen.
Und dazu noch eins, was ich Ihnen nicht vorenthalten darf, oben auf
dem Pylon des Isis-Tempels von Phile, den Ptolemeus IX. Euergetes II.
150 v. Chr. erneuert hat an der Stelle, von wo der Werkmeister seinen
Bau am besten übersehen konnte, sind in Stein geritzt zwei Zeichnungen
erhalten.
M. H. Nicht Menge, nicht Lambert, nicht Dürer sind die Urheber der
darstellenden Geometrie, hier sehen sie eine Werkzeichnung in dem
Sandstein der Plattform des Pylon, welche Borchardt 1878 aufgenommen
hat, mit beigeschriebenen Massen, ¨Grundriss¨ und ¨Aufriss¨, und noch
steht die Säule, welche genau danach gearbeitet ist.
[Sidenote: Résumé.]
Resumieren wir die ägyptische Mathematik so weit wir jetzt davon wissen.
In der Arithmetik hatten sie eine entwickelte Fingerrechnung und
Rechenbretter, auf denen sie mit Steinen rechneten, kannten alle vier
Spezies mit ganzen und gebrochenen Zahlen, wussten mit Gleichungen 1.
und 2. Grades, arithmetischen und geometrischen Reihen Bescheid und
hatten Näherungsmethoden für die Ausziehung der Quadratwurzeln.
In der Geometrie war ihre Konstruktions- oder Reisskunst hoch
entwickelt. 420 v. Chr. rühmte sich der grosse Demokrit, dass ihn in
der Reisskunst nicht einmal die ägyptischen Harpedonapten überträfen;
sie hatten eine sehr achtenswerte Quadratur des Kreises, kannten
Symmetrie und Proportion, waren mit der Kreisteilung vertraut, hatten
Ähnlichkeitslehre und Anfänge der Trigonometrie und Elemente der
darstellenden Geometrie.