sonst betriebenen Erwirklichung an Wirklichkeiten, -- hier wird der
Europäer stutzig. Denn sei dieses asketische Ziel seinen lebendigsten
Instinkten auch noch so widersprechend, ja widerwärtig, -- irgendwann
hat doch auch er sich schon einmal mit diesem Ziel befaßt: irgendwann
ist er auf diesem Weg dem Buddho schon einmal ein Stück weit entgegen
gegangen. Entwirklichung der Wirklichkeit: weist nicht auch dieser
fremdeste aller Gedanken zuletzt wie alles maßgeblich Europäische auf
den Namen Kant zurück? Gibt es nicht auch nach der unzweideutigen
Erklärung Kants ein menschheitliches Verhältnis zur Umwelt, dessen Sinn
und Wert sich darin ausspricht, daß der Mensch Dinge und Wesenheiten
auffaßt, als seien sie gar keine Wirklichkeiten als solche, sondern
ein entwirklichter Schein? Fordert nicht Kant, dieser genugsam
nüchterne und jeder Ausschweifung abholde _magister mundi europaei_ bei
besonderer Gelegenheit geradezu die Preisgabe jedes menschheitlichen
Interesses an dem, was eine Sache zur Wirklichkeit macht, zugunsten
dessen, was eine Sache zum bloßen Schein herunterdrückt? Fußt nicht
auf diesem ganz bewußten Verzicht auf das, was wirklich in allen
Wirklichkeiten ist, nach dem Dafürhalten Kants die ungemeine Tatsache
der sogenannten Schönheit, der sogenannten Kunst? Adelt nicht
gerade das die Welt zur schönen Welt, daß der Mensch ihre einzelnen
Gegebenheiten und Erscheinungen von ihren wirklichen Zwecken ablöst
und sich selber jede Bezugnahme auf eine mögliche Besitzergreifung,
mögliche Aneignung, mögliche Nutzbarmachung freiwillig zwar, aber
mit desto größerer Entschiedenheit verbietet? Hat nicht mithin Kant
auf seine Weise, auf europäische Weise, das ungeheuere Gesetz dieser
gotamidischen Entwirklichung der Wirklichkeit anerkannt und mehr
wie nur anerkannt, wenn er zwar nicht die europäische Religion,
immerhin aber die europäische Kunst grundsätzlich auf den Tatbestand
zurückzuführen lehrt, daß die Welt als Wirklichkeit erlebt niemals
eigentlich schön sei, die Welt als Schönheit erlebt aber niemals
eigentlich wirklich? Leuchtet dem europäischen Denker, wenn er
also von jener Entwirklichung der Wirklichkeit durch den indischen
Buddho Gotamo hört, nicht als das einzig gültige Gleichnis dieses
Vorgangs eine freilich in anderer Absicht vollzogene, aber trotzdem
doch vollzogene Entwirklichung auf, eine ästhetische Entwirklichung,
mit welcher er sich in seiner eigenen Vergangenheit höchst sinnvoll
beschäftigt findet? Und kann bei dieser seltsamen Entdeckung der
europäische Denker umhin, sich volle Rechenschaft darüber abzulegen,
daß diese Entwirklichung der Wirklichkeit, obzwar zugestandenermaßen
viel weniger religiös als ästhetisch gemeint, des unerachtet einer
Tathandlung zu verdanken ist, die man mit nicht geringerem Recht
eine Ablösung, eine Entsagung, eine ‚Askesis‘ zu nennen befugt ist
wie die entsprechende Tathandlung des Buddho? Wo wir uns jeglichen
Interesses entschlagen an dem, was die Wirklichkeiten der Welt zur
Wirklichkeit stempelt, sagt Kant, da schaffen wir die Möglichkeit
einer schönen Welt, die uns interesseloses Wohlgefallen einflößt.
Kaum aber ist dies in seinen Weiterungen so uneuropäische Bekenntnis
den Lippen Kants entschlüpft, dieses Bekenntnis zur Schönheit als
einem richtigen ‚asketischen Ideale‘ im Sinne Nietzsches, ja wenn man
recht verstehen will sogar als einem Asketen-Ideal entwirklichter,
das heißt entgifteter und entstachelter Wirklichkeit, -- kaum,
sag’ ich, hat sich der repräsentative europäische Denker dieses
Bekenntnis fast etwas widerwillig selber abgerungen, als schon
der europäische Künstler, wir wissen es, die schwer zu ermessende
Bedeutungsfülle dieses Bekenntnisses dahin erwägt und überschlägt,
daß es seinerseit die Welt als Spiel zu nehmen und als Spiel zu
genießen zuläßt. Kants Entwirklichung der Wirklichkeit im Vorgang
der ästhetischen Einstellung zur Welt erlaubt in Wahrheit nämlich
zweierlei: entweder dem Gang der Welt unbeteiligt, unverstört und
ungekränkt als Zuschauer zu folgen, -- und das ist ungefähr die
Folgerung Schopenhauers aus Kant gewesen. Oder aber als Mitspieler
spielend in das ergötzliche Spiel selber einzugreifen, -- und das
war die fruchtbarere Folgerung Schillers. Im einen wie im anderen
Fall indes bedeutet dieses Verhalten _in aestheticis_ eine derart
unverbrauchte und zukunftversprechende Möglichkeit, sich auch auf
europäische Weise menschlich mit der Wirklichkeit abzufinden, daß der
kantische Gedanke wie ein Frühlingsüdwind die Seele Europas sogar dort,
wo sie bisher am härtesten zugefroren war, auftauen macht und einen
schier schon verwinterten Samen unbegreiflich schnell ins Schwellen
bringt. Als Spiel betrachtet oder gar als Spiel gespielt ist diese
alte Welt sozusagen über Nacht jung und hell und schön geworden; als
Spiel gewertet und erlebt wird sie überhaupt erst erträglich und
aushaltbar: Spiel freilich jetzt am besten und glücklichsten in jener
überaus sinnvollen Bedeutung genommen, welche Karl Bücher diesem
Begriff gegeben hat, wenn er von einem gewissen Zustand sagt, daß „es
nur eine Art der menschlichen Tätigkeit gibt, welche Arbeit, Spiel
und Kunst in sich verschmilzt. In dieser ursprünglichen Einheit der
geistig-körperlichen Betätigung des Menschen erkennen wir bereits
die spätere wirtschaftlich-technische Arbeit, die Hauptformen des
Spiels und aller Künste“... Interesseloses Wohlgefallen aber an einer
Wirklichkeit, die eben durch den Verzicht auf jegliches ‚Interesse‘
sich entwirklicht zeigt, das ist mit andern (und vielleicht auch
etwas stärkeren) Worten lustvolles Genießen dieser entwirklichten
Wirklichkeit: lustvolles Genießen mithin gerade dort, wo bisher der
Mensch und insonderheit der christeuropäische Mensch so überwiegend
von den Gefühlen dunkler Furcht und dumpfen Argwohns bedrängt war, daß
er sich vor dieser seiner Wirklichkeit immer wieder zu den Göttern
rettete. Als Kunstwerk oder Spielwerk aber scheint nun die Wirklichkeit
mit einemmal entleidet, auch wenn sie voller Leids ist. Mag dieses
Spiel nur niedere Komödie sein, wo sich die zerstörenden Gegenkräfte
der Welt noch kurz, bevor der Vorhang fällt, in fröhlichem Gelächter
innig gepaart zueinander finden, -- oder mag es im Gegenteil Tragödie
höchsten Stiles sein, wo Götter und Helden, feierlich den Opferreigen
tanzend, am Ende der Nacht wie Sternbilder des Himmels still
verbleichen und edel untergehen: dies Spiel verlockt doch immerzu,
umbuhlt doch immerzu, bestrickt doch immerzu mit jener feurig kecken
Überredsamkeit des Don Giovanni, welcher nicht einmal der steinerne
Komtur als leibhaftiges Symbol des Todes hat widerstehen können:
„Willst du mein Gast sein? -- Ja!“...
Ist aber die Wirklichkeit, von Kant zuerst bei uns zum schönen Schein,
von Schiller dagegen zum schönen Spiel entwirklicht, nichts anderes
als ein Gebild der Kunst, dann offenbar bedarf sie zu ihrer steten
Neu-Hervorbringung des Künstlers. Als Kunstwerk, Spielwerk ist diese
Welt das Werk des Künstlers: der Künstler aber eben der, der alle seine
menschheitlichen Spannungen im Werk zur Lösung bringt. In diesem Sinn
also Wirklichkeit und Welt als Werk des Künstlers aufzufassen, den
Menschen aber eben als den Künstler dieses Werks, darin besteht der
wesentlich europäische Vollzug einer Entwirklichung des Wirklichen.
Wie wir übrigens jetzt doch sehr bestimmt wahrnehmen, von jenem
gotamidisch-indischen Vollzug bei aller inneren Übereinstimmung
des Zieles in den Mitteln tief verschieden. Denn diese europäisch
entwirklichte Wirklichkeit, sie bleibt ja wohlgemerkt kraft ihrer
Eigenschaft als Kunstwerk mit all den heißen Leidenschaften und
Begierden, Sehnsüchten und Wünschen des Künstlers bis zum Rand geladen.
Sie ist nicht trotzdem, sondern weil sie dem Künstler-Menschen nur
noch Spiel ist, nicht matter, abgekühlter, lebensferner wie vorher,
vielmehr im Gegenteil farbiger, glühender, atembeklemmender wie je.
Der Künstler, das sehen wir jetzt deutlich, entwirklicht die Welt
auf andere Art wie das Religiöse, und dementsprechend entwirklicht
der Europäer die Welt auch auf andere Art wie der Inder. Selbst wo
der Künstler sich seiner Absicht nach also in seinem Werk von seiner
Welt erlöst und damit augenscheinlich eine religiöse Leistung zum
Vollzug bringt, -- und welcher Künstler wäre erfahrener in diesen
Selbst- und Welterlösungen gewesen wie Goethe? -- selbst dort erlöst
er dessen unerachtet nur als Künstler und nicht als Religiöser. Er
bringt den Lebensstrom nicht wie der Büßer in sich zum Stocken,
sondern er schaltet ihn nur gleichsam wie einen Kraftstrom in einen
anderen Kreislauf ein. Imgleichen bringt er den Lebensdrang in sich
nicht zur Unterbindung, sondern verpflanzt ihn gleichsam nur in eine
andere Welt-Seins-Lage, Welt-Scheins-Lage. Ist doch der Künstler
schlechterdings der Schaffende und folglich sein Erlösen zuletzt nichts
anderes als ein Schaffen: wogegen sich der Büßer in einer Gegenwelt
aufhält, für welche der Begriff des Schaffens seinen deutbaren Sinn
nicht minder wie der Begriff der Gestalt verlor. Ein Schaffen bleibt
sonach das entwirklichende Spiel des Künstlers im Gegensatz zu den
Erlösungen des Büßers, und derart gipfelt mit unentwegter Folgestrenge,
Folgetreue dieser europäische Vollzug der Welt-Entwirklichung _more
aesthetico_ im Schaffen. Als Schaffender lernt es der _homo europaeus_
in dieser Welt endlich aushalten; als Schaffender weiß er sie endlich
zu genießen; als Schaffender erlöst er sich endlich von ihrer
Wirklichkeit zu ihrer Bildlichkeit und Sinnbildlichkeit. Nicht zufällig
aber, wahrhaftig nicht! ihr Christen, heißt der europäische Oberbegriff
alles europäischen Philosophierens schon beim alten, niemals alternden
Platon -- ποίησις, das ist Erschaffung, das ist Schöpfung. „Denn
die Ursache von jedwedem“, so lesen wir im Gastmahl, „was aus dem
Nicht-Sein ins Sein übergeht, ist insgesamt ποίησις“. Als Schaffender
wagt der Europäer, sonst vielleicht eine schlechte und mißratene
_species_ Mensch, sein heiliges Ja zur Welt zu sprechen, da auch er
als Nicht-Schaffender nur das Nein aufgebracht hatte. Als Schaffender
verlernt er Leidender zu sein und an der Wirklichkeit, am Leiden selbst
länger noch zu leiden. Als Schaffender verlernt er im Gesetz des
Schaffens den Zufall des Leidens, dem er als Nicht-Schaffender wehrlos
ausgesetzt bleibt. Unendlich beziehungreich hat darum der letzte
Europäer, Nietzsche, dieses Erschaffen und Umschaffen der Welt zum
Kunstwerk, Spielwerk, Künstlerwerk auf den Namen des Künstler-Gottes
Dionysos getauft: seit Messer Ariosto bis zu Byron und Shelley, seit
Cervantes bis zu Hoffmann und Keller, seit Shakespeare bis zu Büchner
und Grabbe, seit Pier della Franceska bis zu Delacroix und Marées,
seit Meister Rabelais bis zu Balzac und Rolland, seit Orlando di
Lasso bis zu Mozart und Schubert befindet sich Europa auf seiner Höhe
nur dann, wenn es die goldene Flöte des Dionysos bläst. Im Zeichen
des dionysischen Schaffens vollendet sich Europa, -- der Rest, an
Umfang ungeheuer, an Wert gering, gehört Fabrikarbeit und Werkeltag,
Berufsfron und Geschäft, Gelehrsamkeit und Schulfuchserei, Dienst
und Drill. Die Welt aber ein dionysisches Begebnis: so heißt bisher
Europas beste Stunde, so heißt bisher Europas ewigste Vollendung,
die ihm niemand, nicht einmal der Europäer, streitig machen soll;
-- zugleich das einzige Ergebnis, welches der Mühe lohnt, daß diese
kleine Teil-Welt, kaum mit Fug ein Welt-Teil zu nennen, nicht auch
geschichtlich nur Asiens Halbinsel und Anhängsel geblieben ist. Als
dionysisch Schaffender indes, angesichts seiner zu einem Kunst-Werk,
Spiel-Werk schöpferisch erlösten Europa-Welt erklimmt der Europäer den
Gipfel seines Kontinents, der da die Wasser zwischen Europa und Asien
scheidet und gleichsam der ‚Ewige Ort‘ ist für alle guten und hohen
Geister seit den Tagen des Herakleitos und Pythagoras, des Empedokles
und Platon bis hinauf zu der Gegenwart Kants und Jean Pauls, Goethes
und Nietzsches. Nur noch ein einziger kurzer Schritt, und dieser
dionysische Europäer, Künstler und nicht Büßer zwar, aber dennoch ein
Entwirklicher der Wirklichkeit und ein Erlöser von der Wirklichkeit, --
nur ein Schritt noch, und er bekommt seine große Aufgabe zu Gesicht und
mit ihr den großen Orient. Nur ein einziger kurzer Schritt noch, und
der dionysische Europäer erschaut das Wunder aller Wunder, wie nämlich
Europas Gott Dionysos dem indischen Buddho auf der Ost-Westbrücke
begegnet und magisch mitten durch ihn hindurch schreitet. Nur ein
einziger kurzer Schritt noch, und die Zeit ist erfüllt, da ein neuer
Held Alexandros Europa und Asien aus Einem Mischkrug trinken wird...
Eine Begegnung, sag’ ich, werde sich ereignen zwischen dem Gott, der
bisher trotz des biblischen _deus absconditus_ der vornehmste und
edelste, sicherlich aber der unsterblichste Gott Europas gewesen ist,
und zwischen dem indischen Buddho Gotamo. Denn es kommt ja der Gott
Dionysos von dieser Welt geradewegs her, die er als Schaffender in
ein säliges Spiel zu wandeln lehrt: und es kehrt ja der Buddho als
‚Strahlender Mönch‘ zu dieser Welt geradeswegs zurück, nachdem er
sich durch keine niederzerrende Fessel mehr an sie gefesselt weiß.
Wie könnten mithin da die beiden sich verfehlen? In Wahrheit kehrt
der Buddho aus jener unsäglichen Gegenwelt _nibbânam_ zu dieser
Welt zurück und auf seinem Antlitz blüht etwa jetzt der warme Klang
von Zärtlichkeit, wie er stets solchen eignet, die sich rein auf
sich selber abzustimmen vermochten und nun aller Wesen Wider-Klang
glockenhaft empfangen. Auf ähnliche Weise kehrt der Buddho jetzt
zurück, nicht unähnlich vielleicht jenem allerglücklichsten Könige aus
Sakontalâ, der als Gast in Indras Himmel eingeladen war und nun auf
Indras Wolkenwagen mit Indras Wagenlenker sanft zur Erde, sanft zur
Heimat gleitet: „Die Schnellfahrt abwärts verleiht der Menschenwelt ein
wunderseltsam Aussehn!... Ja, -- diese Erde ist berückend schön“... Auf
so beschaffener Rück- und Niederfahrt zur Welt also mag es geschehen
sein, daß Indiens Buddho den orphischen Gott in Sicht bekam, von dem ja
seinerseit die Sage vielsagend zu berichten weiß, daß er nach Indien
gewallfahrtet sei. Wann dann der Buddho aber ihn, den ‚guten Europäer‘
in Person, etwa die Worte sprechen hörte: „Wohlan ihr Freunde! Schaffen
wir Schaffenden diese Wirklichkeit zu einem Kunstwerk, Spielwerk um,
auf daß wir nicht an ihr zuschanden werden müssen“... wann ihn der
Buddho dieser Art sich äußern hörte, -- dann dürften ihn mancherlei
gute Gründe und Untergründe zu folgender Erwiderung bewegen: „Die
Wirklichkeit zum Spiel entwirklichen, o Trefflicher, ist gut! Vergiß
indes das eine nicht über deinem Spiel, daß es auch einen Einsatz
hat! Vergiß den Einsatz nicht, Dionysos! Sei es uns Menschen immerhin
verstattet, daß wir, was um uns her geschieht, unwirklicher und darum
auch unwichtiger nehmen lernen wie vorher. Sei es immerhin verstattet,
das jeglicher von uns die süßeste Miene auch noch zum bittersten
Spiel machen lerne, dieweil es eben ein Spiel und Spiegel, Bild und
Sinnbild ist. Der Einsatz aber unsres Spiels, Dionysos, muß bei
weitem für ernster gelten als alles, was insonderheit ihr spaßhaften
Europäer bis heute ernst zu nehmen pflegtet. Auf diesem Schauplatz
Welt, auf diesem Spielplatz Welt, da geht es um Entscheidungen,
Teuerster, deren Tragweite bis an die Grenzen dieser Welt reicht, --
und falls diese Welt, wie ihr behauptet, keine Grenzen hätte, bis an
die Grenzenlosigkeit der Welt. Ihr Europäer meint, wo um des Einzelnen
Tod oder Leben gewürfelt werde, da handle sich’s um keine Kleinigkeit.
Ich aber habe jederzeit verkündigt, daß jeder Einzelne in jedem
Augenblick nicht allein um sein eigen Leben und um seinen eigenen Tod
würfle, sondern um hundert hunderttausend Leben, die er leben muß und
leben wird, und um hundert hunderttausend Tode, die er sterben muß
und sterben wird. Ihr Abendländer gebt ja vor zu wissen, daß alles,
was hier je geschieht, seine Folgen habe, wie es auch umgekehrt die
Folge ist von allem, was je geschah, und euern Genius Jean Paul hörte
ich mit hohem Staunen schon fast Mein Wort wörtlich sprechen: „daß
jede Tat (noch) viel gewisser eine ewige Mutter wird, als eine ewige
Tochter ist“... Trotzdem tut ihr aber alle ohne Ausnahme so, als ob
das Grundgesetz der Welt, das unverbrüchliche und ausnahmlose, mit
dessen wissenschaftlicher Fassung ihr euch so unerträglich spreizt und
brüstet, in jedem besonderen Fall, der euch selbst betrifft, außer
Kraft treten könne, außer Kraft treten müsse. Denn jeder von euch tut,
als ob seine Tat überhaupt keine Folgen hätte, und niemand hat ein
Gefühl dafür, was das heiße, Ursache zu sein, Urheber zu sein, Urtäter
zu sein. Oder ist euer Sinn nicht immer so ganz und gar ein kurzer,
blöder, daß ihr wähnt, ihr könntet etwas tun, Böses oder Gutes, ohne es
für die Unendlichkeit zu tun, -- oder ihr könntet etwas unterlassen,
Rechtes oder Schlechtes, ohne es für die Unendlichkeit zu unterlassen?
Hinter der kleinen Muschel hört ihr das Meer zwar branden, aber
welchem von euch donnert und rollt hinter der kleinen Tat der eiserne
Gang der Welt anfanglos nach rückwärts und nach vorwärts endlos? Wem
klirrt die Kette unendlicher Notwendigkeiten hinter jeder Wahlhandlung
seiner Freiheit, oder wem dröhnt die Stille der Ewigkeit hinter jedem
fallenden, hinter jedem hallenden Tropfen der Zeit? Solang’ ihr an
euerer Seelen Unsterblichkeit glaubtet und an Gottes Vergeltung nach
dem Tod, schien wenigstens den Bessern unter euch der gegenwärtige
Entschluß nicht ganz unwichtig im Hinblick auf ein Künftiges, -- wenn
ihr freilich sogar auch dann noch dumm-listig und pfiffig-dreist genug
zu dem unlauteren Versuche waret, den jenseitigen Richter euerer Un-
und Übeltaten mit Trink- und Schmiergelderchen kirren zu wollen und
euch selbst zu überreden: Er ist einer wie wir! Er hat seinen Preis und
lässet sich kaufen!... Seither indes, und es ist schon ziemlich lange
her, fandet ihr Europäer eine bessere Unsterblichkeit, nicht von euern
Priestern, sondern von euern Gelehrten entdeckt und die Unsterblichkeit
der Keimzelle nüchtern und wissenschaftlich geheißen. Und von da an,
damit ich dir’s gestehe, Lieber! -- von da an bezauberte mich die
Hoffnung, daß ihr über diesen Umweg eines Tages den Weg sogar zu mir
noch finden möchtet! Denn jetzt mußte es ja dem Blindesten hell vor
den Augen werden, was eigentlich der Einsatz ist, um den gespielt wird
im Spiel des Lebens. Jetzt mußt’ er’s mit den Händen tasten, -- wie
er in eigener Person die Summe aller Vorfahren bis hinauf zum ersten
Menschen, bis hinauf zum ersten Tier in sich verkörperte, verseelte und
vergeistigte, so würde er umgekehrt sich selbst wiederum verkörpern,
verseelen und vergeistigen bis hinauf zum letzten Menschen und wer
weiß! bis hinauf zum ersten Wesen der nächst höheren Gattung. Als
ich von dieser Unsterblichkeit der Keimzelle vernahm, da dachte ich
euch mir hart auf der Spur, und hart auf der Spur dem ewigen Gesetz,
das ich einst, wie du weißt, meinen Mönchen nachließ: „_Kammadâyâdâ
sattâ ti_, -- Erben der Werke sind die Wesen, Erben der Taten sind die
Wesen“... Als Erben der Werke, Erben der Taten, dacht’ ich damals,
würdet ihr endlich alle Verkörperlichungen des Lebens bis hinab
zum letzten Menschen und was nach ihm kommen wird betrachten. Als
Selbst-Verkörperlichungen würdet ihr endlich die Körper euerer Enkel
und Enkelsenkel bis ins letzte Glied begreifen lernen: und so würdet
ihr endlich den Einsatz erraten, um den das königliche Spiel der Welt
gespielt wird. War dies auch noch lange nicht Mein Weltgesetz, Meine
Unsterblichkeit, Meine Lehre von der Wiederkunft, -- denn dir ist’s
bekannt, Dionysos, daß ich vielschichtig denke und bin, wo ihr nur
einschichtig denkt und seid! -- es war dennoch ein gutes Stück davon.
Ein jeglicher würde als Ahne im Leib seiner Enkel wiederkehren, und
so in ihrem Geist, in ihrer Seele; ein jeglicher würde wiederkehren
nach Maßgabe seiner eigenen Seinsschaffenheit, zu welcher er sich
selbstgestalterisch bestimmt hat und zu welcher er allen nachkommenden
Samen mitbestimmt. Wie mußte euch der Sturm dieser ungeheuern
Verpflichtung auf den Boden schmettern, -- wie mußte euch der Wirbel
dieser übermenschlichen Verantwortung wieder aufrecht reißen: daß jeder
ein Richter ist aller ungeborenen Wesen, wenn er über sich selbst
entscheidet, daß jeder in die fernsten Sterne zielt, wenn er den Pfeil
der Tat von seines Bogens Sehne schnellt, -- wie sagt doch, o Dionysos,
euer großer Heraklit: „Nun aber heißt des Bogens Name Leben...“ Jetzt
hattet ihr das Gewicht gefunden, das ich von meinem fernen Festland
aus leider nicht an euch hängen konnte: jetzt ward es euch von euerer
Wissenschaft geschenkt, damit ihr endlich als das Lot der Welt im Raume
pendeln, schweben konntet. Ach, welche Hoffnungen setzte ich nicht
damals in euch, auf euch, daß wir uns endlich, endlich finden würden...
Aber was geschah? Auch dieses goldene Gewicht ließet ihr auf der Wage
stehn. Auch jetzt verschmähtet ihr’s, selber Wage und Wagschale zu sein
und als Gewichtstein dort hinabzusinken, wo es tief ist. Flaumleicht
und daunenweich bliebt ihr auch jetzt, und anstatt hoch im Glockenstuhl
der Zeit durch manches blaue Lichtjahr stolz zu schwingen, ließet ihr
euch von jedem schwachen Hauch entwehen. Wie Irrwische sah’ ich euch
hüpfen auf den Sümpfen eueres Kontinentes, Dionysos! Wohl lerntet ihr
hier und da das Leben spielen, -- aber ihr lerntet die Regel nicht,
wie euer Spiel gewonnen und verloren wird. Nun ich dich aber hier,
Dionysos, an Einsatz, Regel, Sinn, Geist deines Welt-Spiels mahne, sei
dir das tiefere Geheimnis euerer westlichen Bedrängnis nicht ferner
vorenthalten. Ihr liebt es, liebt es heute insbesonders, euch selbst
in dieser apokalyptischen Stunde des Abfalls von Gott zu bezichtigen.
Manchmal sind sogar die Besten, Hellsten, Klügsten unter euch der
Meinung, sie brauchten nur wieder Götter glauben, und alles, was
seither aus den Fugen sprang, renke sich schnell dann wieder ein wie
zuvor. Das aber ist euer Grund- und Lebensirrtum! Denn nicht, daß ihr
gottlos geworden seid, macht euch so unbeschreiblich elend und gemein;
nicht dies hat über euch gebracht das Messerstich-Alter, welches ich in
der Sechsundzwanzigsten Rede aus der längeren Sammlung Dîghanikâyo --
sie führt aber in Meinem Kanon seltsamerweis den Titel ‚Der Kaiser‘,
wie du weißt! -- bis ins kleinste euch geweissagt habe. Sondern daß
ihr weltlos geworden seid, ihr westlichen Menschen, weltlos wie keine
andere Menschheit je zuvor. Ja, ihr lebt schlechterdings außer der
Welt. Ihr lebt nicht vorwärts und nicht rückwärts; ihr lebt nicht ins
Diesseit und nicht ins Jenseit; ihr lebt nicht in die Breite und nicht
in die Tiefe. Selbst wo ihr Götter schufet, da schufet ihr sie viel
lieber gegen die Welt als für sie. Ihr schufet Gott, damit er euch
bei jeder Gelegenheit beausnahmen möchte von dem Gesetz der Welt, und
selten, daß euere Götter etwas besseres waren als ein schiefer Vorwand
für solch hochmütige Beausnahmung, -- übrigens zugleich mein stärkster
Einwand gegen alle Götter, Dionysos, und mein stärkster Einwand
sogar gegen dich, verzeih!... Wundert euch darum nicht, ihr weltlos
Gewordenen, wenn die Welt schließlich an euch vorüberläuft. Schon jetzt
hat sie euerer so gut wie vergessen, und über eine kleine Weile wird
Gras über euch gewachsen, Sand über euch geweht sein. Mich selber nennt
ihr gottlos, und in Wahrheit habe ich meinen Jüngern Gott verboten,
-- aus Gründen, die du jetzt vielleicht zu ahnen beginnst. Aber bin
ich auch gottlos: nie und unter keinen Umständen war ich weltlos. Wenn
ich mich von der Welt am strengsten abschied, war ich vielleicht am
innigsten mit ihr vereint. Und nur weil ich Bürger dieser und jener
Welt war, vermochte ich’s, diese Welt durch jene Welt zu überwinden:
‚Ich aber, ihr Mönche, verstehe diese Welt und jene Welt‘...“