besonderte und ausgeformte Wirklichkeit für Gotamo und den
gotamidischen Menschen nicht vorhanden wäre. Auch der östliche Mensch,
das versteht sich, schafft sich seine Welt und seine Wirklichkeit ihm
zum Bilde, wenn er auch in der Ausformung und Aufteilung dieser Welt,
in ihrer Zerlegung und Zerfällung nicht annähernd so weit gegangen ist
wie der wissenschaftlich verfahrende Europäer. Im Unterschied zu diesem
betrachtet er jedoch diese instinktiv betriebene Vermenschlichung der
Welt keinen Augenblick als Endgültigkeit, und zwar eben darum nicht,
weil sie der Welt sein menschheitlich geprägtes Selbst zugrunde legt:
denn just dieses menschheitlich geprägte Selbst betrachtet er keinen
Augenblick lang als Endgültigkeit. Vielmehr wertet er es kühl und
besonnen, wie etwa ein scharfer Denker eine wohlgelungene Gleichnisrede
bewertet, von der er nur allzu gut weiß, daß sie das Unsägliche
zwar immerhin in einer gewissen Sinnfälligkeit verdeutlicht, --
verdeutlicht aber eben doch nur in der Weise einer Gleichnisrede. Allzu
treuherzig, allzu leichtgläubig nimmt dagegen der Abendländer sein
eigenes Selbst für bare Münze, mit welcher er alle großen und kleinen
Forderungen der Welt begleichen zu können wähnt, indes der Buddho,
längst nicht mehr treuherzig und noch weniger leichtgläubig, die mehr
wie fragwürdige Beschaffenheit auch dieses Selbstes durchschaut hat:
er ahnt ein rätselhaftes Sinnbild, wo sich der Abendländer kindisch
an die sogenannte Wahrheit klammert. Die Annahme, diese durchgängig
menschheitlich gebildete Wirklichkeit, welche den Kosmos als den
Makranthropos, Megistanthropos, den Anthropos und Autos zuletzt aber
als den Mikrokosmos begreiflich zu machen glaubt, sie könnte die
Wirklichkeit schlechthin oder die einzig ‚wahre‘ Wirklichkeit sein, --
diese Annahme hätte der Buddho schwerlich für glaubwürdiger erachtet,
als wenn zum Beispiel aus der Schar der Wesenheiten ein Wurzelfüßer,
eine Koralle, ein Ringelwurm, eine Schnecke, eine Wespe, ein Sperling
vor ihn hingetreten wären mit der geflissentlichen Beteuerung: Diese
meine Wurzelfüßerwelt, o Gotamo, ist die Wirklichkeit schlechthin,
ist die einzige und wahre Wirklichkeit! Diese meine Korallenwelt,
diese meine Ringelwurmwelt, diese meine Schneckenwelt, diese meine
Wespenwelt, diese meine Sperlingwelt, o Gotamo, ist die Wirklichkeit
schlechthin, ist die einzige und wahre Wirklichkeit! Wähne doch ja
nicht, Herr, daß es da neben oder außer oder über oder unter oder
zwischen dieser jeweiligen Welt noch eine andere Welt gäbe, etwa eine
sogenannte Menschenwelt, oder gar, verzeih’ uns! eine gotamidische
Welt, von der wir wahrlich weder etwas zu ertasten noch zu erriechen,
zu erschmecken, zu erspähen vermögen!... Ich meine, das Lächeln ist
zu erraten, mit welchem der Buddho diesen vielerlei Wesenheiten ihr
ungebärdiges Drängeln, ihr unvernünftiges Schwören, ihr lästerliches
Pressen beantwortet hätte. Ein begütigendes, ja ein überredendes
Lächeln, welches am Ende die klügsten dieser unduldsamen Geschöpfe zu
der neuen Einsicht geführt haben möchte, daß ihre jeweilige Welt, eben
weil ihre, nur ihre Welt, nun und nimmer mit der Welt überhaupt dem
Umfang und Inhalt nach sich decken könne. Und vielleicht, wer weiß,
hätte sich der Buddho sogar noch zu der Erläuterung herbeigelassen:
Ein jegliches von euch guten Wesen schuf sich seine Welt nach Maßgabe
und Bedarf seiner eigenen Gestalt. Wie aber die Gestalt von euch
Wurzelfüßern, Korallen, Ringelwürmern, Schnecken, Wespen, Sperlingen
sowohl im einzelnen wie der ganzen Gattung nach vergänglich ist, so
ist auch euere ganze Welt vergänglich. Unvergänglich, unsterblich,
ewig aber ist allein, was nicht und nirgendwo Gestalt annahm nach
euerer Gestalt, und darum nirgends auch Gestalt verlieren kann,
ihr Wesen... „Weiter sodann, Ânando: nach völliger Überwindung der
Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen, Verwerfung der
Vielheitwahrnehmungen gewinnt der Mönch in dem Gedanken ‚Nichts ist da‘
das Reich des Nichtdaseins. Und was dabei noch fühlbar, wahrnehmbar,
unterscheidbar, bewußtbar ist, solche Dinge sieht er als wandelbar,
wehe, siech, bresthaft, schmerzhaft, übel, gebrechlich, ohnmächtig,
hinfällig, eitel, als nichtig an. Und von solchen Dingen säubert er
sein Herz. Und hat er sein Herz von solchen Dingen gesäubert, so lenkt
er es zu ewiger Artung hin: ‚Das ist die Ruhe, das ist das Ziel:
dieses Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das
Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung‘“...
Es gibt also eine Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen,
diesseit und jenseit aller Besonderungen, diesseit und jenseit aller
Gestaltungen, diesseit und jenseit aller Mannigfaltigkeiten. Es gibt
eine Welt, von keinem Begriff zu umspannen und von keinem Wort zu
treffen, und dennoch eine unumstößliche Gewißheit. So sicher wie es
über der Wurzelfüßerwelt eine Korallenwelt gibt, über der Korallenwelt
eine Ringelwürmerwelt, über der Ringelwürmerwelt eine Schneckenwelt,
über der Schneckenwelt eine Wespenwelt, über der Wespenwelt eine
Sperlingwelt, über der Sperlingwelt eine Menschenwelt, so sicher
gibt es über der Menschenwelt eine solche, die überhaupt nicht mehr
dieser oder jener Art von Lebewesen und ihren leiblich-geistigen
Erkenntnismitteln entspricht: ein Welt-Sein nicht für diese oder jene
Wesen, sondern ein Welt-Sein schlechtweg, ein Welt-Sein an und für
sich, -- ein Welt-Sein mithin, wie es in ihren lichtesten Augenblicken
sogar die europäische Philosophie geahnt hat. Von dieser Welt als ‚Ding
an sich‘, die von keinem irgendwie beschaffenen Wissen erreicht wird
und erreicht werden kann, weil es ein Wissen in unserm menschheitlichen
Sinn nur dort gibt, wo unterschieden und besondert und gestaltet und
vermannigfacht wird, -- von dieser Welt ist dennoch eine Kunde zu
dem Buddho hingedrungen. Es ist eine Kunde zu ihm gedrungen in Form
einer schwer erkämpften, schwerer noch bewahrten Seelenverfassung,
die eben als solche nicht mehr dieser, sondern jener Wirklichkeit
entspricht: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel; dieses Aufgehen
aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des
Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung...“ Denn in der Tat gesetzt
den Fall, diese Allerwelts-Wirklichkeit unserer menschheitlichen
Sinneswahrnehmungen entstehe gerade dadurch, daß wir ihr unser
vorgefundenes Selbst irgendwie als ihr Vorbild, Urbild, Musterbild
zu beliebiger Vervielfältigung unterstellen, -- müßte es denn nicht
in genialischer Umkehrung dieses Sachverhaltes grundsätzlich möglich
sein, durch planmäßig betriebenen Abbau dieses Selbstes auch die ihm
angepaßte, ihm entsprechende Wirklichkeit abzubauen? Dies muß möglich
sein und dies ist möglich. Denn just dieser Abbau des Selbstes gelangt
zum Vollzug, wenn der Buddho auch das Selbst der Grundformel seiner
Heilslehre unterwirft: ‚_N’etam mama_, das gehört Mir nicht!‘ Auch Ich
selbst gehöre Mir nicht, auch Ich selbst bin nur eine veränderliche
Gestalt, ein gleitendes Werden unter veränderlichen Gestalten und unter
gleitendem Werden. Auch Ich selbst habe weder Bestand noch Dauer; auch
mein Selbst durchläuft nur die Grade der Wirklichkeit vom Nullwert bis
zu einem bestimmten Höchstwert und von diesem Höchstwert wieder zum
Nullwert...
Dennoch ist es aber eben dieses Selbst, ich sagte es schon mehrmals,
welches sich gleichsam quer wie eine starke Schwelle vor die Welt des
Abendländers legt und nichts in das Erlebnis dringen läßt, was nicht
irgendwie diesem Selbst gleich oder ähnlich ist: das _individuum_,
von sich und seiner Erstgültigkeit, Letztgültigkeit ein für allemal
durchdrungen, stimmt seinen gesamten aufnehmenden und empfangenden
Apparat wiederum nur auf das _individuum_ ab und baut sich auf diese
Weise seinen Kosmos, der zuletzt nichts anders ist als das, was nach
dem Dafürhalten Platons das vollkommene Staatswesen sein sollte und
sein wollte, -- nämlich der Mensch im Großen und Größesten, der
Makranthropos, der Megistanthropos!... Nun wohl! Setzen wir jetzt
einmal, dem Vorgang des Buddho folgend, den Wert dieser Schwelle
gleichsam zum Versuch soweit herab, daß er sich der Null annähert:
sind wir alsdann in diesem Fall unserer ganzen Voraussetzung gemäß
nicht zu der Erwartung berechtigt, wenn nicht sogar verpflichtet,
daß diesem veränderten Schwellenwert ein verändertes Erleben von
Wirklichkeit und Welt wechselbezüglich entsprechen wird? Dürfen
wir jetzt nicht mit Recht und Fug erwarten, daß über diese nunmehr
beinah’ eingeebnete Schwelle ausgeformter Eigenheit, Einzelnheit
und Besonderheit das Erlebnis einer zwar unausgeformten und darum
auch unausdenklichen und unaussprechlichen, dennoch aber bestehenden
Weltwirklichkeit auf wunderbare Art vorgelassen, zugelassen wird?
Dies nun freilich keineswegs so, als ob diese Gegenwelt zu unserer
Welt, unseren Erkenntnismitteln als solchen unzugänglich, trotzdem
nachträglicherweis und hinten herum von unserem Verstand noch etwa
auf frischer Tat zu ertappen wäre: als ob man doch irgendwie durch
allerlei Künste der Verdrehung diese verborgene Welt auf Einen Nenner
mit unserer offenbaren Welt zu bringen vermöchte. Davon ist keine
Rede. In keinem Augenblick verfällt der Buddho auf den plumpen Irrtum
der europäischen, insonderheit aber deutschen Philosophie nach Kant,
die sich in totgeborenen Versuchen erschöpft, das verbotene Ding an
sich einer Welt diesseit und jenseit aller Unterscheidungen doch noch
heimlich auszukunden. Mit solchen Bemühungen einer sich in lächerlichen
Graden selbst mißverstehenden Wissenschaftlichkeit hat der Buddho im
mindesten nichts zu schaffen. Die vollkommen unverbrüchliche, niemals
zu entsiegelnde Unerkennbarkeit dieser uns nun einmal abgekehrten
Seite der Welt gilt gleichmäßig für die wissenschaftliche Neugier der
Philosophen und Kosmologen wie für die nicht mehr wissenschaftliche,
aber desto unbezähmtere Neugier der Theosophen und Okkultisten, und
sie wird mit solcher Strenge geachtet, daß man umsonst im ganzen
Pâli-Kanon nach einem Ausdruck fahnden würde, der diese Gegenwelt
diesseit und jenseit aller Unterscheidungen auch nur durch Verneinungen
zu bezeichnen bestimmt wäre. Denn was das gotamidische _nibbânam_
oder _nirvânam_ betrifft, mit welchem wir neuzeitlichen Europäer
denselben taktlosen Unfug, um nicht zu sagen dieselbe schamlose
Unzucht getrieben haben wie mit dem Tao des großen Lao-Tse, dieses
_nibbânam_ oder _nirvânam_ heißt ja doch, entsinnen wir uns, nichts
anderes als Wunschversiegung, Wunscherlöschung, Wunschverwindung.
Alles, was wir demnach von dieser Gegenwelt wissen können, beschränkt
sich auf einen selbsttätig erzeugten Zustand und Urstand des Gemütes
und schließt jedes Urteil, jedes Bild, jede Vorstellung von der
Wirklichkeit aus, die diesem Zustand oder Urstand entsprechen mag.
Was von jener entformten und entstalteten Welt diesseit und jenseit
aller Unterscheidungen etwa als Ahnung in die Seele des entselbsteten
Menschen dringt, das wäre höchstens jenem zarten, falben, feierlichen
Abglanz zu vergleichen, der auch in mondlosen Nächten als schwer
bestimmbarer Lichtschein von unbekannten Lichtursprüngen, unbenannten
Lichtquellen her durch unser irdisches Geräume träuft und flutet...
Dieser gotamidisch entselbstete, gotamidisch enteignete Mensch,
soviel mag uns am Ende sacht umschreibend zu sagen vergönnt sein,
weilt fortab in einer entselbsteten und enteigneten Wirklichkeit,
wo mindestens er selbst keinen Anspruch mehr erhebt auf den Besitz
eines lebendigen Wesens oder eines toten Dinges: wo mindestens
er selbst nie mehr die Hand legt auf irgend jemanden oder irgend
etwas, um es zu seinem Eigentum zu machen. Mit seiner unvergeßlich
einprägsamen Formel ‚_N’etam mama_, das gehört Mir nicht, Ich
selber gehöre Mir nicht, das All und Alles gehört Mir nicht‘, --
mit dieser ewigen Formel eines allgemeinen Freispruchs, Losspruchs,
Ledigspruchs streicht der Buddho aus dem Schatz unserer Sprache
jedes besitzanzeigende Für-Wort und Wort: streicht er über das Wort
hinaus jede Tat der Aneignung und Besitzergreifung aus der Vollzahl
aller Taten. Mit diesem Handgriff, diesem Geistgriff von beispielloser
Entschiedenheit versetzt sich der Buddho mitten hinein in eine vorher
nie auch nur geträumte Wirklichkeit, wo jeder Titel des Besitzes
selbst im geläutertsten Sprachverstand erloschen und jede Gebärde der
Besitzergreifung verboten ist: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel! Das
ist die Wendung, Auflösung, Erlöschung.“ An diese ganze hochgebäumte
Menschenwelt und Menschenumwelt legt der Buddho seine Axt, indem er
einen unübertrefflich genauen und nervigen Hieb durch die Wurzel führt,
aus welcher die erstickende Wucherung aller irdischen Individuation
und Spezifikation als Geiltrieb in das Kraut schießt. Denn Wille zur
Besitzergreifung und Aneignung, Wille zum Nießbrauch und folglich auch
zum Mißbrauch fremden Seins und fremden Wesens heißt die Wurzel dieser
Menschenwelt: die Axt aber, die sie mitten auseinanderschneidet, ist
die erlangte Einsicht, daß jegliches Verhältnis und Verhalten, durch
welches ein Wirkliches Hand auf ein Wirkliches legt, zuletzt auf eine
Täuschung, auf einen Irrtum hinauslaufen müsse. Ich selber gehöre ja
Mir nicht, -- wie sollte oder könnte da Mir anderes gehören? Ich selber
gehöre Mir nicht, oder in der Sprache unseres westlichen Evangeliums,
welches hier in gewissem Sinn seinen eigenen Voraussetzungen
vorübergehend untreu zu werden scheint: Unser keiner lebt ihm selber!
Mir selber gehöre Ich nicht, oder abermals in der Sprache dieses
Evangeliums: Unser keiner stirbt ihm selber! Wahrhaftig, wer diesen
Sachverhalt mit dem Geist erfaßt und mit der Seele angenommen hat, er
heiße Jesus oder Gotamo, der Gesalbte oder der Erwachte: wie sollte der
noch nach Besitz von Wirklichkeit gieren?
Von Haus aus gipfelt freilich alles Menschendichten und -trachten
wesentlich darin, diese nun einmal angetretene Welt tunlichst mit
Wirklichkeiten vollzustopfen, etwa wie ein wohlhabender Mann seine
Wohnung tunlichst mit Geräten vollstopft, und diese planmäßige
Vermehrung von Wirklichkeiten pflegt im weitesten Ausmaß als Vermehrung
des Besitzes empfunden zu werden. In einem höchst eindeutigen, ja
einsilbigen Wortverstand ist für uns alle das Gesetz der größten
Zahl bestimmend: je mehr Wirklichkeit, desto besser für uns, die wir
wirklich sind! Wie der Bauer einen unersättlichen Hunger nach Land
verspürt, so hungert uns alle ganz unersättlich nach Wirklichkeiten
gleichviel welcher Art, und es verdient bemerkt zu werden, daß
wir diesen Hunger als die _sacra auri fames_ schon frühzeitig
heilig gesprochen haben. Vermehrte Nachkommenschaft, vermehrte
Bevölkerungdichte, vermehrte Arbeitleistung, vermehrte Gütererzeugnis,
vermehrte Betriebsmittel, vermehrter Umsatz, vermehrter Verkehr,
vermehrter Wissensstoff, vermehrte Weltgeltung, vermehrte Bedürfnisse,
vermehrte Beeindruckbarkeit, vermehrte Reizquellen, vermehrte
Lustgefühle, -- all das bedeutet grundsätzlich eine unendliche
Steigerung dessen, was der Einzelne möglicherweis sich aneignen kann.
Je zahlreicher die Wirklichkeiten, desto häufiger und mannigfaltiger
die Gelegenheit, von ihnen her Wirkungen zu empfangen, auf sie
Wirkungen zu übertragen und schließlich in beiderlei Geschehen die
eigene Wirklichkeit zu bereichern. Jede neue Wirklichkeit, sei sie nun
ein Gefühlsreiz, eine Erfindung, ein Kunstwerk, eine Gründung, eine
Heilquelle, ein Weltbegriff, kann von jedem Mitglied der menschlichen
Gesellschaft besessen und eben dadurch dem Zweck von dessen
Selbstverwirklichung dienstbar gemacht werden: wird doch sogar das
geliebte Weib vom Mann geliebt, damit er ‚von ihr Besitz ergreife‘, --
will doch sogar die Liebe selbst (nach einer großen Aufrichtigkeit der
Sprache) besitzen, was sie liebt, und im Besitz der Liebe Wirklichkeit
genießen... Womöglich einmal aber in den Besitz aller Wirklichkeiten
überhaupt zu gelangen und ihr Inhaber, ihr Herr, ihr Gott zu sein,
womöglich einmal alle Wirklichkeit wie ein Weib zu umfangen, -- das ist
der brünstige Traum, der vielleicht jeden einmal in einer schwachen
oder starken Stunde anfällt. Denn wer mehr besitzt, der ist mehr; wer
mehr ist, der ist auch mehr wert, -- diese ebenso naive wie zynische
Schätzung, welche ganz unbedenklich Rang und Wert der Wesen nach ihrer
Fähigkeit zur Aneignung und Besitzergreifung bemißt, entbehrt trotz
aller Einwände, die wider sie erhoben werden können und müssen, dennoch
von dieser gewohnheitmäßigen Einstellung her auf die Wirklichkeit nicht
einer höheren Berechtigung. An Wirklichkeiten und durch Wirklichkeiten
sich staffelweis selbst empor zu erwirklichen: das ist bewußt oder
unbewußt das Ziel unbefangener Menschlichkeit. Das ist insonderheit
das Ziel, dem unser heutiges Europäertum mitsamt seinen kolonialen
Abkömmlingen mit Ausschließlichkeit zustrebt...
Diesem Ziel aller Ziele nun stellt der Buddho Gotamo gleichsam seine
reine Umkehrung entgegen, -- und dies ist wohl die weltgeschichtlich
entscheidendste Leistung dieses stärksten Exponenten des indischen
Kontinents! Was nach der Lehre Gotamos nottut, ist eben nicht diese
Erwirklichung des eigenen Selbstes an den Wirklichkeiten der Welt
neben und außer ihm. Was hier nottut, ist vielmehr ganz im Gegenteil
die Entwirklichung aller Wirklichkeiten auf Grund einer zuerst zu
vollziehenden Selbstentwirklichung. Und zwar hat diese notwendige
Entwirklichung ganz schlicht zu geschehen durch die Besinnung auf
eben jenen Sachverhalt, welchen der Buddho in die Mitte seiner
Lehre rückt: Besitz von Dingen, Besitz von Wesenheiten, Besitz von
Wirklichkeiten ist unmöglich, -- wo er aber möglich scheint, äfft uns
ein ungeheuerer Irrtum. Noch eh’ wir uns dazu überredet haben, dies
oder jenes zu besitzen, ward es uns auch schon aus der vollen Hand
gerissen, und unverlierbar ist allein die Gewißheit, daß dem so ist,
und also auch die Folge, die wir dieser Gewißheit geben. Diese Welt,
von welcher der Europäer überzeugt ist, daß er sie beherrsche, und
nicht allein beherrsche, sondern ganz und gar besitze, diese Welt ist
in Wahrheit Niemandens Welt, am wenigsten aber die Welt des Menschen.
Eine Niemands-Welt, eine Niemands-Wirklichkeit ist es, die wir arme
Narren in verzeihlich-unverzeihlicher Selbsttäuschung die unsrige zu
nennen pflegen, und erst jenes gotamidische ‚_N’etam mama_‘ ist es,
welches wie ein Donnerkeil die Nebel dieser Selbsttäuschung zerstreut
und zerteilt. Als Niemandens-Welt, die Mir nicht gehört und nicht
gehören kann, als Niemandens-Wirklichkeit, die Mir nicht gehört und
nicht gehören kann, entweltet der Buddho diese Welt und entwirklicht
er diese Wirklichkeit. Denn was wir Welt heißen und was Wirklichkeit,
ist eben nur die Gesamtheit alles dessen, von dem wir wähnen, daß es
als möglicher Besitz von uns besessen, als möglicher Besitz von uns
angeeignet, als möglicher Besitz von uns verbraucht werden könne, --
das Verbum ‚besitzen‘ heißt bekanntlich im älterem Deutsch ‚vermögen‘.
Wer uns diese Möglichkeit nimmt, der nimmt gewissermaßen auch den
Dingen und Erscheinungen um uns her ihre Wirklichkeit, wofern diese
Wirklichkeit eben nur der Ausdruck ist für die besitzergreifende
Beziehung von uns zu allen Dingen und Erscheinungen. Und das ist wohl
der letzte, das der tiefste Sinn dieser vielleicht hier allzuoft
benutzten, hoffentlich aber darum doch noch nicht abgenutzten Formel
‚_N’etam mama_, das gehört Mir nicht‘, -- wofern durch sie der
Buddho vollkommen deutlich macht, daß es ein Verhältnis des Besitzes
zwischen Mensch und Welt nicht gibt, leitet er damit gleichzeitig eine
Entwirklichung größten Stiles dieser nie und nimmer zu besitzenden
Welt ein! Denn was auch immer wir als Wirklichkeit erleben und
als Wirklichkeit setzen, das erleben oder setzen wir im Interesse
etwaniger Besitzergreifung als wirklich: indes uns alles zu fernster
Unwirklichkeit verdämmert und verdampft, was ein Interesse künftiger
Besitzergreifung grundsätzlich nicht zuläßt. Die scheinbar so
unerschüttert wirkliche, unverwüstlich wirkliche Welt entwirklicht
sich demnach in dem Augenblick, wo sie in des Wortes höchster und
tiefster Bedeutung enteignet wird. Diesen paradoxen Zusammenhang von
Wirklichkeit und möglicher Besitzergreifung, möglicher Aneignung dürfte
von sämtlichen Menschen der Buddho zuerst durchschaut und zuerst --
zerschnitten haben. Wer an die Welt der Dinge, bedeutet der Buddho uns,
nicht mehr mit irgendeinem offenkundigen oder versteckten Anspruch des
Besitzes herantritt, der erlebt sie auf eine andere Weise wie vorher.
Was ihm vorher Wirklichkeit zu sein deuchte, das erscheint ihm jetzt
gleichsam als Bild, und was er vorher rund als Körper sah, enttieft
sich ihm nunmehr gleichsam zur Fläche. In unbeabsichtigter, aber
darum nicht weniger eindrucksvoller Symbolik hat die buddhistische
Plastik diesen Tatbestand auf ihre Art dargestellt, wenn sie den
vielgestaltigen Schildereien des Menschenlebens, mit welchen sie
verschwenderisch die Tempelwände des Boro-Budur schmückt, dennoch in
keinem Fall die Tiefe der vollen Körperhaftigkeit zugesteht, sondern
ihnen die aufgehöhte Fläche des Reliefs alleinig vorbehält: wogegen
rund, körperlich, allseitig im Raum nur der Buddho selber thront,
-- freilich abseit vom eigentlichen Leben und seiner hinreißenden
Bilderflucht, vollkommen aus- und abgeschieden in der Einsamkeit
seiner ihm geweihten Nischen: „Das ist die Ruhe, das ist das Ziel“...