beginnt dann dieser _homo europaeus_, _homo christianissimus_ sich
auf eine Art rein biologisch auszuleben, wie sich das keine einzige
Menschheit der bekannt gewordenen Geschichte vorher je gestattet
hatte. Vernunft, Maß, Mitte, Zweck, Ziel, Übereinkunft, Herkommen,
Norm, Gesetz, Urteil, Geschmack, die ehemals aus einer begründeten
Angst vor dem Leben zwischen den Menschen und das Leben absondernd
eingeschaltet wurden, liegen jetzt zertrümmert an der großen Straße,
die das Leben selbstherrlich wie nie zuvor beschreitet. Der Bios
und der Logos, mutmaßlich von Heraklit zum erstenmal in ihrer
Gleichwertigkeit und Gleichunentbehrlichkeit trotz ihres verschiedenen
Vorzeichens miteinander verkoppelt zu jenem doppelten System von
Kräften, dessen Arbeitertrag eben Europa heißt, -- der Bios und der
Logos werden jetzt durch die Vehemenz des Lebens, Nichts-als-Lebens,
auseinander gerissen, und der Bios dem Logos unbedingt und unbedenklich
übergeordnet. Womit ein Rangstreit voreilig und unsachlich entschieden
wird, der in zwei langen Jahrtausenden vielleicht der stärkste Antrieb
zu dem Aufbau unserer europäischen Gesittung war und uns jedenfalls
in dieser ganzen Zeit geschichtlich bei Atem erhalten hatte. Nunmehr
aber heißt der Zweck und Sinn des Lebens Leben selbst und darf dem
Leben nicht länger durch eine metaphysische, richtiger metabiotische
Einlegung vom Geist oder der Vernunft her unterstellt werden. Die
einmal angetretene Erscheinung aber des Lebens, sei sie _collectivum_,
sei sie _individuum_, gilt als das höchste Gut, dem gegenüber jedes
Lebendigen höchste Pflicht darin besteht, sich selber bis zum eigenen
Untergang und noch darüber hinaus lebendig auszuwirken: koste es,
was es wolle; koste es sogar die Vernichtung, die Zerstörung aller
übrigen Erscheinungen des Lebens. Das Leben selbst, im christlichen
Europa ganz folgerichtig ergriffen und begriffen als das höchste
Gut, schwillt tosend über alle Dämme, und da ist kein Opfer vornehm
und edel genug, -- am wenigsten aber das einst so gefürchtete, jetzt
leichthin dargebrachte _sacrifizio dell’intelletto_! -- welches nicht
mit Recht von ihm gefordert werden dürfte. Kindlich über die Maßen das
alte Vorurteil, menschlicher Verstand oder Geist könnten das Leben
meistern oder wenn nicht geradezu meistern, so wenigstens gängeln
oder zügeln. Kindlicher noch das Vorurteil, das Leben als solches
sei da, um höheren Vernunftabsichten, sittlichen Weltordnungen,
göttlichen Heilsplänen irgendwie zu dienen. Bis hierher freilich war
das Menschenleben in seiner vorbildlichsten Führung wesentlich ein
Dienen, und wer am würdigsten gelebt hatte, der durfte am rühmlichsten
zuletzt von sich bekennen: _In serviendo consumatus sum_, im Dienen
hab’ ich mich aufgezehrt... Aber derlei Romantik ist jetzt wahrlich
nicht mehr an der Zeit, der fortgeschrittenen. Das Leben ist erfaßt als
Unbedingtheit, Unbezüglichkeit. Vielleicht als das letzte sogenannte
_absolutum_ unserer abendländischen Philosophie hat es niemanden
und nichts mehr über sich, dem es selbst beim besten Willen dienen
könnte, -- indes ihm selber, wohlverstanden, alles dienen muß und
soll. _Ars longa, vita brevis_, sagte sich vormals der europäische
Mensch zu seinem Trost und seiner Stärkung, wenn er sein kleines Leben
an große Dinge demütig und dennoch stolz dahin gab. _Vita longa, ars
brevis_, lächelt er jetzt (etwas beklommen und beklemmend freilich)
sich selber zu, wenn er im heißatmigen Föhn des Lebens all’ die zarten
und zartesten Flocken schmelzen sieht, die er im Ablauf der Zeit zu
den herrlichen Kristallgebilden seiner geschichtlichen Kulturen, wie
er einst meinte und hoffte, für die Ewigkeit geformt hat. Weh’, ihm
schmolz im Föhn des Lebens auch der Kristall der Ewigkeit dahin,
und unter dem niederschmetternden Eindruck dieses unvergleichlichen
Verlustes geschieht es denn, daß er seine letzte Rückkehr zur Natur,
zum Leben in Szene setzt, -- diese Rückkehr, zu welcher man ihn seit
anderthalb Jahrhunderten mit immer größerer Dringlichkeit zu überreden
bemüht gewesen ist: bezeichnenderweis von demselben Frankreich aus,
welches nunmehr in Henri Bergson den Vollender und Vollstrecker unseres
europäischen Biologismus verkörpert zeigt. Der Europäer, sag’ ich,
kehrt einmal noch zurück zur Natur, enttäuscht von allen bisherigen
Kulturen. Er kehrt zurück zur Natur, will meinen, er beginnt sich
biotisch, biologisch auszutoben, auszurasen, auszutanzen, -- und dieser
Vorgang ist am Ende immer noch wichtig genug, um unsere Aufmerksamkeit
ein wenig auf sich zu ziehen.
Denn vergessen wir, ihr Christen, vor allen Dingen dieses eine nicht,
daß der Europäer der heutigen Zeitläufte, längst ehe er zum Biotiker
wurde, er Energetiker gewesen war. Energetiker zwar nicht etwa im
Sinn einer besonderen physikalischen Auffassung und Deutung, sondern
Energetiker ganz unmittelbar in der Betätigung seiner schaffenden und
gestaltenden Kräfte. Aus dieser sehr beachtenswerten Ursache heraus
kann er gar nicht umhin, sich nun auch die Tatsache des Lebens selber
energetisch zurechtzulegen. Auch das Leben, ja das Leben erst recht
offenbart sich ihm als ein energetisches Geschehen, als ein Umsatz von
Energie in Energie, und der Lebendigste ist ihm ganz ohne Zweifel der,
welcher den ‚größten Umsatz‘ hat. Wer da die meiste Arbeitfähigkeit
und Arbeitkraft entwickelt, wer sich mit Energie am unerschöpflichsten
geladen zeigt, ist der Lebendigste von allen und als Lebendigster ohne
Frage auch der Wirklichste. Unter allen anderen, die gleichzeitig
mit ihm leben und mit ihm wirken, hat er am unwiderleglichsten zu
Allem recht: erlaubt ist, was da lebt, verboten nur der Tod. So lädt
sich denn jeder Einzelne mit einer Menge von Lebenskräften, das ist
Arbeitkräften, welche genügen würden, ihn selber samt der Hälfte
der Welt in die Luft zu sprengen. Und Gott weiß, ihr Christen, die
Luft um uns herum zittert von den Stößen der Sprengungen, die sich
ringsherum alle Augenblicke ereignen: irgendwer, irgendwas fliegt in
jedem Zeitteil dieser vorgerückten Zeigerstellung in die Luft... Der
Einzelmensch ist nur mehr eine Zusammenballung und Zusammenkernung von
positiven Kräften, die ihre Umgebung negativ laden und mit furchtbarer
Gewalt von sich abstoßen. Eine unheimliche Spannung zwischen den
einzelnen Lebensträgern entsteht und steigert sich schnell bei ihnen,
ob sie nun im engern Sprachverstand als _individua_ oder im weiteren
als _collectiva_ anzusprechen sind, zur wahren Unerträglichkeit: jedes
_collectivum_, jedes _individuum_ empfindet das andere schlechthin
als unerträglich. Eine schreckliche Einsamkeit zieht sich um jeden
Menschen zusammen wie eine schwarze Wolke, die nur noch in flammenden
Blitzen redet, wenn sie nicht dann und wann etliche Tropfen auf die
verschmachtende Erde fallen läßt, die aussehen wie Blut... Kaum in den
wildesten Vergangenheiten mögen sich Einzelmenschen, Stände, Berufe,
Klassen, Stämme, Völker, Staaten, Rassen derart indianerhaft bis zum
Tod am Marterpfahl gehaßt haben wie heute, wo die frohe Botschaft vom
Leben wie ein Fünftes Evangelium ergangen ist. Zu einem Sammelbecken
der Energie staut jeder das Gefälle seines Lebens, aber weil er wegen
der allzu großen Nähe und Widerstandskraft anderer diese gestauten
Energien nirgends abfließen lassen kann, beginnt er sehr bald unter
seinem eigenen Zuviel zu leiden. Aus diesem unvermeidlichen Leiden
am andern nährt sich ebenso unvermeidlich sein Haß auf den andern.
In diesem an sich schon übervölkerten Europa bedeutet jedes einzelne
dieser lebendigen Energiezentren, Energiequanten ein Höchstmaß an
Störung, Hemmung, Ablenkung für die andern mit lauter magnetischen und
elektrischen Gewittern in der Folge. In unglaublichem Ausmaß hat sich
ein ahnungvolles Wort Nietzsches aus seinen Niederschriften zu einer
Philosophie des Willens zur Macht als ein prophetisches erwiesen:
„Die europäische Tatkraft wird zum Massenselbstmord treiben“... Die
europäische Tatkraft, will sagen der europäische Energismus und
Biologismus, der den Europäer ohne jede Schutzmaßregel dem Leben und
seinen Entladungen preisgibt, hat wirklich zum Selbstmord der Massen
getrieben. (Was wir aber darunter ungefähr zu verstehen haben, hat
der nunmehr sieben Jahre gegen Deutschland geführte Vernichtungkrieg
einigermaßen offenbar gemacht)...
So hat das Leben, das Nichts-als-Leben und Nur-noch-Leben die
europäische Menschheit dieser Stunde angefallen, wie es dann und wann,
anscheinend grund- und ursachlos, eines jener chemischen Elemente
anfällt, die der Gruppe von radioaktiven Stoffen zugehören. Das Leben
befiel uns und überfiel uns gleichsam, und es leitete mit diesem
Überfall anscheinend bei uns denselben Zustand des Zerfalls ein wie
bei diesen mehr wie rätselhaften Elementen. Wunderbar zwar, wir alle
wissen es, beginnt ein solch’ plötzlich auflebendes Element leuchtende
Teilchen von sich selber fort und fort zu schleudern und alle jene
märchenhaften Phänomene aufzuweisen, welche zu unserm unermeßlichen
Erstaunen ein für alle mal an den Namen Radium klassisch geknüpft sind.
Dies wie gesagt wissen wir alle. Aber wir wissen auch das andere,
daß eben mit diesen fortgeschleuderten und vergeudeten Teilchen der
atomistische Zerfall des ganzen Elementes zum Vollzug gelangt: das
Element lebt auf, indem es seine eigene Substanz verausgabt. Zum Leben
irgendwie gereizt, verführt, bestimmt, -- das alles ist ja vollkommener
Mythos innerhalb der Grenzen strengster Wissenschaft! -- gestaltet
das Element sein bisher ausschließlich physikalisch-chemisches Dasein
in ein biologisches um, wobei ihm just wiederum diese Umgestaltung
Sterblichkeit, Tod und Untergang bringt. Etwas ganz Ähnliches, deucht
mich, geschehe nun auch hier, wo wir europäische Menschen, die wir
vormals wohl ein wesentlich humanes, ja humanistisches Dasein zu
führen wenigstens beflissen waren, vom Leben als solchem nun gereizt,
verführt, bestimmt sind, uns einem vorwiegend biologischen Dasein
unbedingt hinzugeben, -- und so bringt auch uns diese Umgestaltung
Sterblichkeit, Tod und Untergang. Luziferisch glutend wie ein
feuerspeiender Berg in der Nacht loht heute Europa in den Bränden
seiner Lebenswut und Lebensgeilheit, -- aber wer wäre im ernstlichen
Zweifel, was dieses prachtvolle Nachtschauspiel, Machtschauspiel zu
bedeuten hätte! Ein oder zweitausend Jahre europäischen Christentums
haben endlich auch die verborgensten Voraussetzungen des Christentums
zum Reden und das Eis des Schweigens unter weithin vernehmlichem
Krachen zum Bersten gebracht. Und sieh’ da, es zeigte sich folgendes:
diese Voraussetzungen waren nicht geradezu nachweisbar falsch oder
irrig, aber sie mußten irgendwie dennoch lückenhaft und unvollständig
gewesen sein, denn ihnen mangelte offenbar etwas zum Schutz gegen
des Lebens Un- und Übermaß. Sicherlich hat das Christentum niemals
Ja gesagt zu den selbstzerstörerischen Konsequenzen, welche ein
nunmehr abgelaufener Äon mit zunehmender Unzweideutigkeit aus dem
Christentum selbst gezogen hatte. Aber ebenso sicherlich hilft ihm
auch die ehrlichste Verwahrung und Entrüstung nichts, daß es trotz
alles Gegenscheins zuletzt doch christliche Voraussetzungen gewesen,
oder sagen wir etwas vorsichtiger und gerechter: mit-gewesen sind,
welche diesen Konsequenzen zugesteuert haben. Genau diesen nämlichen
Konsequenzen würde _homo europaeus_, _homo christianissimus_
unabänderlich noch einmal zusteuern, falls er durch die Vergangenheit
noch nicht genug gewitzigt, noch einmal sich entschließen würde oder
entschließen könnte, als Christ seine Geschichte von vorne zu beginnen:
„Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen, ihr Musen, Zum Ritt ins
alte romantische Land“... Unabänderlich würde der europäische Christ
auch bei einer Wiederholung seines weltgeschichtlichen Pensums seine
persönliche Selbstverwirklichung, Selbstverlebendigung um jeden Preis
zum letztgewollten Ziel seines Daseins machen, nachdem es nun einmal
sogar seine Religion nicht besser kennt und weiß, als daß Lebenseinheit
und Ichgestalt, Individuität und Personität die letztmögliche und
höchstmögliche Ausformung des Wirklichen überhaupt darstellten ...
Gegen diese Wucherungen der Individuität, die sich notwendig aus
dieser Auffassung ergeben müssen, kann man _post festum_ mancherlei
taugliche Maßregeln ergreifen, wie sie der Herr des Evangeliums und
die sogenannte christliche Ethik denn auch in der Folge mit größerer
oder geringerer Entschiedenheit ergriffen haben. Aber alle diese
Maßregeln sind im besten Fall nur dazu geeignet, die Selbstsucht und
den Eigentrutz der einzelnen Person etwa ein wenig abzuschwächen
oder gelegentlich sogar zu unterdrücken zugunsten der Selbstsucht
und des Eigentrutzes einer anderen Person: beides jedoch von innen
heraus zu überwinden, vermögen auch diese Maßregeln keineswegs bei
der Grundsätzlichkeit der christlichen Gesamteinstellung zu Welt und
Wirklichkeit Dasein und Leben...
Indessen sei es nochmals hier mit allem Nachdruck bemerkt, daß uns
nichts dazu berechtigen würde, diese Gesamteinstellung des Christentums
zu Welt und Wirklichkeit eine irrtümliche oder falsche zu nennen. Wahr
oder Falsch, Wahr oder irrig, das sind wahrhaftig nicht die Maßstäbe,
die an die entscheidenden Einstellungen des Menschen zur Welt und zur
Wirklichkeit gelegt werden dürfen, wenn sie nicht zu Weiterungen führen
sollen, die handgreiflich unzulässig, weil unsinnig und widersinnig
sind. Es geht nicht an zu sagen, zwei Jahrtausende europäischen
Christentums seien abwegig, irrig oder falsch gewesen. Das Schicksal
ganzer Kontinente ist so wenig wie das Schicksal eines Individuums
rückblickend anders vorstellig zu machen, als es eben gewesen ist, und
wenn jemals das gewaltige Wort vom _amor fati_ angewendet zu werden
verdient, so hier. Ist es aber, ihr Christen, unter keinen Umständen
zulässig zu behaupten, zweitausend Jahre christlichen Weltauffassens,
Lebensgestaltens seien verkehrt gewesen, -- so dürfte andererseit
freilich die Behauptung doch ihren guten Sinn haben, daß diese zwanzig
Jahrhunderte ein Verhältnis zur Wirklichkeit für allein möglich,
allein wertvoll und allein sälig machend erachtet hätten, dessen
Einschichtigkeit, Unvollständigkeit, Halbschlächtigkeit uns unter dem
Druck und Eindruck gegenwärtiger Erfahrungen offenbar geworden ist.
Die Behauptung ist erlaubt, die Behauptung ist gefordert, daß wir mit
dieser christlichen Einstellung allein nicht länger als Menschen zu
leben vermögen: nicht länger zu leben mit einer Einstellung, welche
just das Dasein europäischer Menschheit und Christenheit, wie es heute
geführt werden muß, zum mensch- und tierunwürdigsten aller Zeitalter
stempelt. Wer die Europa-Dämmerung dieser Jahre erlebt, wer sie
erlitten hat, der wird den Argwohn nimmer in sich unterdrücken können,
daß diese ganze christliche Gesittung bei der Veranschlagung des Lebens
eine unbekannte Größe, -- es braucht mit nichten ein unbekannter Gott
zu sein! -- vergessen haben möchte, welches Vergessen dann in der Folge
zu all den unsäglichen Störungen des Lebens führt, die wir heute an uns
selbst und am Körper der Gesellschaft beobachten müssen...
Vielleicht wär’ es dabei von etlichem Gewinn, uns an dieser Stelle
zuletzt der nicht ganz unähnlichen Krisis zu entsinnen, welche
auf wissenschaftlichem Gebiet heute bekanntlich die klassische
Mechanik durchzumachen hat. Diese klassische Mechanik, seit
langem das verwöhnteste Kind europäischer Wissenschaftlichkeit,
wankt heute ja, genau wie der Bau unserer ganzen Gesellschaft,
in ihren unterirdischsten Gewölben, und dieser Tatbestand hat
seither zur Entdeckung eines Weltgesetzes Anlaß gegeben, welches
den Gebildeten unter dem Namen des Satzes von der Relativität, das
ist: Verhältniswertigkeit, allgemein bekannt geworden ist. Nun
wohl! Was ist dabei im letzten Sinn geschehen? Etwas im Grunde sehr
Schlichtes, Einfältiges, Allzumenschliches, wie mir scheinen will. Eine
Wissenschaft nämlich, bis vor kurzem die Wissenschaft schlechthin,
hat als die sogenannt klassische Mechanik der Galilei, Kepler,
Newton, Descartes ein Weltbild in Begriffen entworfen und bis in die
feingliedrigsten Einzelheiten hinein durchdacht und durcharbeitet,
welches gewissermaßen die Wirklichkeit, wie sie an und für sich sei,
darzustellen beflissen war: die Wirklichkeit mithin ganz ohne jene
erkenntnismäßigen Zutaten, Zusätze, Formungen, mit welchen sonst
(nach philosophischer Auffassung wenigstens) das erkennenwollende und
erkennende Ich diese Wirklichkeit ‚subjektiv‘ zu färben und zu tönen
pflegt. Auf diese Weise hatte die klassische Mechanik von Masse,
Geschwindigkeit, Bewegung, Schwerkraft, Raum und Zeit gesprochen, --
nicht anders, als ob derlei Wesenheiten vollkommen unabhängig von allen
Einstellungen und Beeinflussungen jenes erkennenden, beobachtenden und
rechnenden Ich an und für sich bestünden. Das ging solang es ging:
just nämlich solang, bis zuletzt sogar die Planeten widerspenstig
wurden und nicht mehr in den errechneten Zeiten ihre errechneten Bahnen
zurücklegten. Die klassische Mechanik der Galilei, Kepler, Newton,
Descartes hatte so getan, als ob eine wissenschaftliche Darstellung
des unbegrenzt großen Körpers ‚Welt‘ zu geben wäre, ohne daß man die
Einwirkungen weiter berücksichtigte, welche der kleine und begrenzte
Körper ‚Mensch‘ auf jede derartige Darstellung notwendig schon durch
seine unumgängliche Gegenwart ausüben mußte. Jetzt endlich unter dem
Druck der gedachten Umstände begann man sich dieser Einwirkungen
des physiopsychischen Systems Mensch auf das maschinelle System
Welt grundsätzlich zu besinnen; jetzt traf man Anstalten, jenes
System als den lebendigen und insofern auch abhängig-veränderlichen
‚Bezugknoten‘ in die Maschen des wissenschaftlichen Begriffsgespinstes
hinein zu stricken. Die vorher unbedingt gedachte, unbedingt gesetzte
Wirklichkeit bewegter Massen im Raum erwies sich jetzo als bedingt,
nämlich durchaus als zugeordnet und folglich als verhältniswertig
und verhältnismäßig zu diesem lebendigen Bezugknoten Mensch. Dieser
Gedanke war kaum in seiner grundsätzlichen Bedeutsamkeit zugelassen
worden, als die Störungen zum Verschwinden gebracht werden konnten,
welche schließlich die gesamte klassische Mechanik in Frage gestellt
hatten. Im wesentlichen handelte es sich nur noch darum, jenen neu
aufgefundenen Bezugknoten in seinem veränderlichen Wert irgendwie
mathematisch-analytisch in die Rechnung einzufügen, -- ein Vorgang,
dessen Wie uns hier begreiflicherweis nichts weiter angeht. Wohl
aber gibt uns das Daß desselben, obgleich auch seinerseit in erster
Linie eine Angelegenheit der Mechanik, einen schätzbaren Wink, wie
man etwa auch außerhalb der strengen Wissenschaft Unstimmigkeiten und
Störungen einschneidender Art zu beheben vermöchte: Unstimmigkeiten
und Störungen wahrhaftig nicht in den Umlaufbahnen des Merkur oder in
der Fortpflanzungrichtung der Lichtstrahlen, sondern Unstimmigkeiten
und Störungen in der Gesamtlebensführung eines Zeitalters, --
Unstimmigkeiten und Störungen so schwerster, ausschweifendster,
verderblichster Art, daß sie schließlich die allgemeine Tatsache
des Lebens selber gefährden müssen. Jene klassische Mechanik euerer
Galilei, Kepler, Newton, Descartes, ihr Christen, hatte den wechselnden
Bezugknoten Mensch und menschlicher Beobachter bei ihrer mathematischen
Substruktion einer dreidimensionalen Weltwirklichkeit in Anschlag zu
bringen vergessen: einen veränderlich-abhängigen Wert also je nach
der örtlichen Einstellung zu den wahrgenommenen Erscheinungen und
Erscheinungabläufen. Das Christentum aber, welches nun einmal euer
europäisches Schicksal geworden ist, ihr Christen: dies Christentum hat
unzweifelhaft etwas anderes vergessen. Was dieses andere freilich sei,
ist schwer zu sagen, schwer zu suchen, schwer zu finden...
Sichten wir noch einmal alles ineinander, was hier gesagt ward
über das Verhältnis des europäischen und mithin doch wohl auch des
christlichen Menschen zu seiner Welt, so wäre etwa als grundsätzlicher
Ertrag das Urteil festzuhalten: der Abendländer formt diese Welt
aus seinen Sinnen und mit seinem Sinn restlos in eine Unendlichkeit
gestaltartiger Gebilde aus. Das All zerlegt sich ihm in wechselnd
wechselseitige Beziehung solch wohl ausgeformter, festabgegrenzter
Gegenständlichkeiten zueinander, und vollends das Leben erscheint ihm
lediglich unter dem Gesichtswinkel ewig bewegter und veränderlicher
Grundgestalt. Die Wirklichkeit des Europäers ist durchgängig aufgeteilt
in letzte Einzelnheiten, letzte Einheiten, die er schon früh in
seiner dreitausendjährigen Geschichte die Unteilbarkeiten, ἄτομοι,
_individua_ zu nennen liebte. Nichts liegt seiner Gewohnheit ferner
als der Argwohn, diese vielfach gegliederte Wirklichkeit könne am Ende
doch nicht das Wirkliche schlechthin sein, und buchstäblich hat er
sein Sach’ auf Sich gestellt, wofern er sich die ganze wahrnehmbare
und unwahrnehmbare Welt so deutet, als ob sie sich zusammensetze aus
lauter mehr oder weniger ähnlichen Wiederholungen seiner eigenen
Individuation. Im fließenden Wandel der Gestaltungen deucht ihn die
Gestalt allein das Dauernde und Beharrliche, und sein Blick erlischt,
sein Auge erblindet jäh, wo man es abzuziehen trachtet von den streng
ausgeprägten Gegenständen und genau abgegrenzten Besonderungen
seiner vielgegliederten Wirklichkeit. Die Welt unterworfen dem
Gesetz fortschreitender Besonderung, das ist die vorzugweis
abendländische Welt, und wo das Gesetz nicht mehr gilt, wird mit naiver
Selbstverständlichkeit angenommen, daß auch die Welt selber nicht mehr
gelte. Diesseit und jenseit der Unterscheidung beginnt das Nichts
und Abernichts, -- das ist europäische Einstellung und Überzeugung,
und wir hier vermögen jetzt sogar zu begreifen, inwiefern dies
christliche Einstellung, evangelische Überzeugung gewesen ist. Wie der
mathematische Dividendus einer rationellen Zahl durch Teilung restlos
aufgeht in seine Divisoren, so geht die abendländische Wirklichkeit
restlos in ihre Besonderungen auf. In dieser Auffassungweise verrät
sich ein gar nicht auszurottender Rationalismus europäischen
Weltdenkens und Weltwissens, auch wenn dieses Weltdenken und Weltwissen
seit der Mathematik der Griechen aufs tiefste sich beunruhigt zeigt
von dem Problem des Irrationalismus, bis dieser Irrationalismus
schließlich in der gegenwärtigen Philosophie Deutschlands, Frankreichs,
Amerikas Trumpf geworden ist. Die Welt ein aufteilbares Ursein, die
Welt grundsätzlich ein _Dividuum_, und nur die letzten Einheiten ihres
Bestands unteilbares Dasein oder _Individuum_: in dieser Deutung krönt
die Abendlandsmenschheit ihr höchstes Wissen von der Wirklichkeit.
Nicht aber krönt in derselben Deutung die indische Menschheit dieses
ihr Wissen, und am wenigsten der Buddho mit Namen Gotamo. Wer die
unermeßliche Paradoxie, welche für abendländischen Geschmack der Lehre
und Tat des Buddho immer anhaften wird, mit ihrer ungeminderten Wucht
auf sich prallen lassen will, braucht sich nur diesen nämlichen Umstand
zu vergegenwärtigen: denn die Erfahrung einer vollkommen entstalteten
und entformten Wirklichkeit diesseit und jenseit aller Besonderungen
und Unterscheidungen, diese Erfahrung aller Erfahrungen macht geradezu
das religiöse Erlebnis des Buddho aus: namentlich aber besteht das
gotamidische Mysterium der Erlösung einzig und ausschließlich in der
vollbrachten Ablösung von eben dieser Wirklichkeit restloser Ausformung
und Ausgestaltetheit. Wo Sinn und Sinne des europäischen Menschen
unermüdlich in eine gestalthafte Welt schweifen und mit der Schärfe
astronomischer Refraktoren sogar noch jede nebelungewisse Milchstraße
am Himmel in ein Gewimmel von lauter einzelnen Sternen optisch
zerbrechen, da sammelt sich der Geist des gotamidischen Menschen in
stiller Einfaltung auf das versiegelte Geheimnis einer Gegen-Welt,
für welche jeder Begriff von Gestalt, Form, Mannigfaltigkeit,
Unterschied, Einzelheit, Größe oder Zahl seine Gültigkeit einbüßt.
Diese Wirklichkeit des Abendländers ist mehr oder weniger eine
Vervielfältigung seiner selbst, eine Vervielfältigung seines Selbstes.
Jede Erscheinung seiner Umwelt dünkt ihn gleichsam ein Doppelgänger
seines Ich, wie er denn unbefangen genug eben sein Ich der gesamten
Wirklichkeit als ihr individuelles Modell philosophisch unterstellen zu
dürfen wähnt. Das Ich setzt Sich und das Ich setzt das Nicht-Ich, sagt
Fichte bekanntlich mit einer verräterischen Offenherzigkeit, und er
hätte vielleicht gut getan hinzuzufügen: das Ich setzt das Nicht-Ich
als das Spiegelbild und Ebenbild des Ich...