Das Selbst also, ihr Christen, die eigene Person ist dem Herrn unseres

Evangeliums die Schwelle, über welche jedes Ich getragen werden muß,

um überhaupt als Ich geehrt zu werden. Das Selbst, sag’ ich, die

eigene Person und ihre ganz unumstößliche Wirklichkeit und Gewißheit

ist die Schwelle, die vom Ich zum Du, vom Ich zum Wir führt, -- was

aber jenseit dieser Schwelle stehn oder liegen bleibt, kann dem

Bereich ichbürtiger Wesenheiten auch nicht angehören. Wobei schon

hier keineswegs übersehen und vergessen werden darf, daß auch im

günstigsten von allen möglichen Fällen alles jenseit der Schwelle

stehn und liegen bleibt, was nicht menschengleich oder menschenähnlich

ist, was mithin nicht Nächster und nicht Bruder werden kann... Dem sei

indes, wie ihm wolle. Unter allen Umständen besteht das evangelische

Mysterium, wie nochmals mit Nachdruck ich zusammenfassend sagen

möchte, in der Verwirklichung des Mitmenschen als Nächster und als

Bruder, und diese Verwirklichung zwar vollzogen auf dem Umweg über

die Wirklichkeit des eigenen Selbstes. Das gotamidische Mysterium

hingegen, so einig es im Hinblick auf menschheitliche Emporstufung

zur Gestalt des großen Wohlwollenden mit dem evangelischen Mysterium

offenkundig ist, wird dennoch gerade durch die Umdrehung dieses

evangelischen Verfahrens erwirkt. Nicht dadurch wird das ausnahmlose

Wohlwollen beim Strahlenden Mönch gegen alle Wesen (nicht nur gegen

den Nächsten und den Bruder) erzeugt, daß er diese durch eine

Tathandlung fortschreitende Erkenntnis auf dieselbe Wirklichkeitstufe

mit seiner eigenen Person befördert. Sondern ganz im Gegenteile

dadurch, daß er den Wirklichkeitgrad der eigenen Person, den

scheinbar unbezweifelbaren, auf den Wirklichkeitgrad aller übrigen

Welterscheinungen herunterdrückt, kraft einer nicht zu widerlegenden

religiösen Selbsterfahrung, Selbstbewertung, die er an sich und mit

sich macht. Wenn daher Jesus befiehlt: Wolle du deinem Nächsten wohl

wie dir selber; wenn somit der nämliche Jesus das Wohlwollen für

das eigene Selbst ohne weiteres als die gegebene Voraussetzung des

Wohlwollens für andere hinnimmt und bestätigt, -- so fußt der Christus

auf einer Einstellung, welche den Buddho sicherlich über die Maßen

befremdet haben würde, falls er hätte Kenntnis von ihr erlangen können.

Denn eben dieses Selbst der eigenen Persönlichkeit, in europäischer

Sprache das Individuum oder die unzerstückelbare Lebenseinheit,

Wirkungeinheit, Zweckeinheit geheißen, welche jeder westliche Mensch

mit der ganzen Heftigkeit seiner Instinkte gleichsam als sein _ens

realissimum_ umklammert hält und niemals fahren läßt solang er lebt, --

eben diese Ur- und Musterwirklichkeit aller sonstigen Wirklichkeiten

hat sich ja dem Buddho längst entlarvt als ein Ding, welches um keinen

Deut wesenhafter oder wirklicher als jedes andere Ding unter der Sonne

genannt werden darf. Und hier, wo die Religiosität des Ostens mit der

Religiosität des Westens wie Ja und Nein zusammenstößt, aber leider

nicht zusammenklingt, hier ist es angezeigt, uns noch einmal jenes

herzlich seltsame Wort in den Sinn zurückzurufen, welches uns in der

Ersten Unterweisung hat so scharf aufhorchen machen. _N’etam mama_,

das gehört Mir nicht, hat dies Wort gelautet, zu welchem der Buddho

sein schneidendstes Nein gleichsam gerinnen und erhärten lassen.

_N’etam mama_, das gehört Mir nicht: was da entsteht und vergeht, was

da gezeugt wird und verwest, was da wechselt und abändert, was da

erscheint und verschwindet. Solches alles gehört Mir nicht, solches

alles bin Ich nicht: folglich gehört auch diese Meine eigene Person

Mir nicht, folglich bin auch Meine eigene Person Ich nicht! Alles

Wirkliche aus zweiter, dritter und letzter Hand gehört Mir nicht und

bin Ich nicht. Aber auch alles Wirkliche aus erster Hand gehört Mir

nicht und bin Ich nicht: nämlich Ich selber nicht, wie ich mir in

der raumzeitlichen Gliederung bewußtes Erlebnis und Begebnis ward!

Diese ganze Erscheinungunendlichkeit, wie sie gestalthaft abgegrenzt

im Bewußtsein auftaucht und gestalthaft abgegrenzt im Unbewußtsein

wieder untersinkt, einschließlich meiner höchsteigenen Icherscheinung,

sie gehört Mir nicht und sie bin Ich nicht! Sie gehört Mir nicht

und sie bin Ich nicht, weil sie eben auf Grund ihrer Eigenschaft

als Erscheinung nicht bis dahin reichen kann, wo ich als religiös

Erlebender zutiefst Mich Wesen weiß. Keine Verkörperlichung und

keine Verpersönlichung, nicht einmal meine eigene, faßt dort noch

Fuß und Grund, wo Ich -- oder vielmehr nicht mehr Ich! -- in dem

Augenblicke gesammeltster Selbstvertiefung Grund und Fuß zu fassen

fähig bin. Damit jedoch ist des evangelischen Jesus Selbsterfahrung,

den die Wirklichkeit des Ich aller Wirklichkeiten Ur- und Musterbild

zu sein bedünkte, durch eine Selbsterfahrung entgegengesetzter Art

zwar nicht getilgt und aufgehoben, aber eingeschränkt und ergänzt.

Nicht ist fremdes Ich für ebenso wirklich, daseiend und wesenhaft wie

eigenes Ich zu erachten: sondern umkehrt eigenes Ich hier für ebenso

unwirklich, nichtseiend, wesenlos wie fremdes Ich. Jene bevorzugte

Wirklichkeit, vom evangelischen Herrn als Hebelpunkt gebraucht, um

von ihr her die eingefleischte Eigensucht und Selbstliebe, die bruder-

und nächstenmörderische, aus ihrem natürlichen Schwerpunkt zu wälzen,

-- jene Wirklichkeit gilt dem Buddho auf keine Weise für bevorzugt.

Im Gegenteil ist sie es, die sich dieselbe Dämpfung gefallen lassen

muß, welche das ‚_N’etam mama_‘ auf alle Wirklichkeiten legt. Auch ich

selber gehöre Mir nicht; auch ich selber erschöpfe Mich nicht in der

Erscheinung Meiner, die sich gestalthaft vor meinen Sinnen ausbreitet;

auch Ich selber bin über Meine raumzeitliche Wirklichkeit hinaus noch

Etwas, das die Sprache einer Wirklichkeit nicht mehr zu verlautbaren

vermag: wenn auch sicherlich nicht ‚Ich‘ mehr...

Wer aber, ihr Christen, von dieser beziehungreichen Tatsache her seinen

Blick nun schweifen ließe in die beiden Welten, in welchen getrennt

voneinander der Buddho und der Christus eingebürgert hausen, der fände

sich wohl nicht wenig überrascht: so buchstäblich weltverschieden,

weltgeschieden stellten ihm sich beide Welten dar. Den christlichen

Erlöser erblickte ein derartiger Betrachter inmitten einer Wirklichkeit

wimmelnd bis zum Rand mit gestalthaften Lebenseinheiten nach Art

der menschlichen Persönlichkeit. Wie etwa ein stätig fortlaufendes

Gebilde der Anschauung, eine geometrische Gerade oder Fläche, von der

Einwirkung des Gedankens in zusammenhanglose Einzelpunkte zerlegt wird,

oder wie eine stätig zusammenhängende Flüssigkeit unter der Einwirkung

von Wärme oder Witterung zu einem Haufen einzelner Flocken stockt,

-- nicht anders zersetzt sich unter dem Einfluß dieser evangelischen

Einstellung eine vorher noch kaum gestalthaft belebte Umwelt zu einer

immer ausschließlicher gestalthaft belebten. Wenn unsere europäische

Wissenschaft, vielleicht mehr als sie ahnt ‚christliche‘ Wissenschaft,

nie und nimmer geruht hat, bis sie jede Wahrnehmungstätigkeit der

Sinne allmählich in eine womöglich zahlenhaft zu erfassende Menge von

letzten, das heißt unteilbaren Beziehungknoten zergliederte; wenn sie,

um altbekannte Beispiele anzuführen, den Einen Grundstoff der Welt

in viele Kräfte, die Eine Materie in viele Atome, das Eine Leben in

viele Lebenseinheiten, die eine Zelle in viele Zellteile, das Eine

Licht in viele Farben, die Eine Farbe in viele Bewegungvorgänge, die

Eine Qualität in viele Intensitäten, ja zuletzt das Eine Atom in einen

ganzen Kosmos von zentralen Kernen und umlaufenden Elementarquanten

aufgelöst hat, -- sie folgte damit ihrem christlichen Instinkt, der

unersättlich ist nach Wirklichkeiten im Sinn der eigenen Individuität.

Christentum ist Individualismus, Christentum ist Personalismus,

-- von diesem Gedanken aus läßt sich unschwer so etwas wie die

Kurve der abendländischen Seele aufzeichnen, die schicksalhaft

die christliche Seele gewesen ist und ist, so sehr, daß sie auch

nach ihrer bevorstehenden Umgestaltung des christlichen Einschlags

nie völlig mehr entbehren wird. Christentum ist Individualismus,

Christentum ist Personalismus; folglich erschafft es sich überall

individuelle, individuierte, personifizierte Wirklichkeiten. Diese

feststehende Tatsache ist für das westliche Festland Europa, welches

das Christentum aufgenommen und verarbeitet hat, geradezu Fatum

geworden. Wo das Christentum aufblüht, blüht der persönlich gestaltete,

persönlich ausgeformte Mensch auf, denn dem evangelischen Christus

bedeutet das raumzeitlich verkörperte Selbst Alpha und Omega aller

Wirklichkeit überhaupt. Und wiederum: wo das raumzeitlich verkörperte

Selbst Alpha und Omega aller Wirklichkeit als solcher erscheint, da

müssen folgerechterweise alle Kräfte des Geistes und der Seele der

möglichst plastischen Herausmeißelung der jeweiligen Lebenseinheit

und Lebenseinzelnheit dienen. Die Wirklichkeit trachtet nach

Verwirklichung, und wo das Selbst erste und letzte Wirklichkeit für

sich beansprucht, trachtet das Selbst zuerst und zuletzt nach seiner

eigenen Verwirklichung. Der Christ beginnt sich demnach vielkantig

nach allen Achsen des Raumes auszuwachsen. Zwar ist des Wunderns seit

langem schon kein Ende gewesen, daß das geschichtliche Christentum aus

dem Europäer so etwas ganz anderes gemacht habe als den friedfertigen,

selbstverleugnenden, bruderlieben Heiligen der evangelischen

Schriften. Heut’ wäre es endlich an der Zeit, sich darüber erschöpfend

ausgewundert zu haben. Denn alle diese evangelischen Tendenzen haben

zu ihrer unanfechtbaren Voraussetzung die unanfechtbare Wirklichkeit

der eigenen Person nebst den auf sie selbst bezüglichen Trieben

und Begierden, Neigungen und Leidenschaften. Das Grundrecht auf

Selbsttrotz und Eigensucht ist der _rocher de bronce_, vom Herrn des

Evangeliums in eigener Person feierlich stabiliert und sanktioniert,

-- das ist der Fels, in welchen die Fundamente der sichtbaren und

unsichtbaren Kirche eingesprengt worden sind. Wer sich darüber

Klarheit verschafft hat, wird es auch nur als aufrichtige Konsequenz

aus diesem Umstand betrachten, wenn gerade der europäische Christ den

Anblick nie gesehener Härte und Ungerührtheit darbietet: es ist ein

heute nicht mehr statthafter Irrtum, wenn immer noch die weichmütigen

Romantiker eines unverfälschten Urchristentums dem evangelischen

Heiland die römische Kirche oder die Kirchen überhaupt als die

gesellschaftlichen Verkörperungen des eigentlichen Antichristentums

entgegenzustellen und zu verdammen belieben. Die Kirche ist nun einmal

nicht die babylonische Hure, sondern sie hat nur im Übermaß Ansätze

entwickelt, die im Evangelium selber vorhanden sind. Diese ganze

romantische Auffassung, am übertreibendsten bekanntlich in Dostojewskis

Großinquisitor herausgestellt, ja wie eine weltgeschichtliche Fanfare

herausgeschmettert, ist ungerecht nach beiden Seiten. Denn in der

Christustendenz evangelischen Wohlwollens glimmt und glutet eben

heimlich schon die Tendenz des Antichrists, das Selbst zu behaupten

über jedes Maß und Ziel hinaus: glimmt und glutet mithin heimlich

schon der Funke, der das ganze europäische Mittelalter hindurch

Scheiterhaufen um Scheiterhaufen entzündet hat, bis nach dem Krieg von

Dreißig Jahren das mittlere Europa selbst nur noch ein Scheiterhaufen

war... Dieser Scheiterhaufen gemahnt uns, ihr Christen, daran, daß

Jesus Christus schon geboten hat: wolle du wohl deinem Nächsten wie dir

selbst, -- daß mithin schon Jesus Christus die Selbstliebe (und die

Puritaner wußten das sehr genau!) in die Rechte feierlich eingesetzt

hat, die sie seither für sich in Anspruch nimmt. Nie wäre von diesem

Gebot her einzusehen, warum das eigene Selbst etwa zugunsten des

fremden hätte verleugnet oder unterdrückt werden sollen, -- nie, warum

es auch nur nach Tunlichkeit abgeblendet hätte werden sollen. Sogar den

äußersten Fall gesetzt, es hätte der evangelische Herr geboten, was

er in Wahrheit nicht geboten hat: Wolle du deinem Nächsten wohl mehr

als dir selbst, -- wie wäre da nicht sofort die Gegenfrage zu stellen

gewesen: Warum denn, o Herr, dem Nächsten mehr Wohlwollen als mir

selber? Mit welchem Fug wird sein Selbst dem meinigen vorgezogen? Sind

wir nicht just vom Urteil der Selbstschätzung, Selbstwertung aus alle

gleich? Bin ich mir minder Ich als sich mein Nächster Ich ist? Oder wie

könnte mir das Ich des Nächsten näher sein als mein Ich! Was stellt das

Ich des Andern über Mich und weshalb sollte ich Mich auslöschen, damit

Er heller brennt, flackert und zackert? Mit welchem Recht der Götter

oder Menschen geht des Nächsten Selbstsucht über meine eigene? Und sind

wir Brüder für uns selbst nur vor uns selbst, wie darf der Bruder hier

über dem Bruder stehen, der Bruder hier vor dem Bruder gehen? Wahrlich

und Wehe! der Altruismus ist immer nur der Egoismus des Nächsten..

Ziehen wir derart die Summe von zwei christlichen Jahrtausenden für

Europa, so muß sich also notwendig ergeben, daß niemals noch sonstwo

die menschliche Person zu diesem Grad von Stärke und Selbstherrlichkeit

heraufgezüchtet ward wie im christlichen Europa. Was unter günstigen

Bedingungen ein Christ und Europäer aufbringt an Entschlossenheit

und Arbeitkraft, Willen und Umsicht, Kaltblütigkeit und Tapferkeit,

Genauigkeit und Zähigkeit, -- es übertrifft alles Dagewesene bei

weitem. Mit dem alleinigen Ziel vor Augen, sich durchzusetzen gegen

jeden Widerstand, setzt dieser Christ und Europäer sich denn in

Wirklichkeit auch durch, -- mit welchen Mitteln freilich oft, das frage

niemand. Tatmensch, Geschäftmensch, Gewaltmensch noch wider jeden

Einwand des Gewissens, betreibt er von früh bis spät ausschließlich

seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Selbstverwirklichung.

In dem Bewußtsein seiner persönlichen Einzelnheit und Einzigkeit,

in dem Bewußtsein folglich seiner unbedingten Einmaligkeit und

Unersetzlichkeit, welches ihm eine streng christliche Philosophie

anerzogen, angezüchtet hat, findet er eine höchste Rechtfertigung

für die rücksichtloseste Ausprägung seiner Eigenheit; in eben dieser

Ausprägung vermutet er den Endzweck und das Amen alles Geschehens

überhaupt. Sei der, der du bist und werde, der du bist, beides in

seiner Aufgipfelung und Vollendung, -- diese Quintessenz der religiösen

Belehrung, welche in der Bhagavad-Gîtâ Gott Krischna dem Prinzen

Arjuna widerfahren läßt, ist auch die Quintessenz, wir wissen es seit

Pindaros, aller europäischen Wirklichkeitauffassung: nur freilich

aus dem Indischen ins Europäische übersetzt und damit einigermaßen

entseelt, entadelt, entgeistigt. Der europäische Mensch wird, der er

ist; das heißt er setzt sich durch um jeden Preis und auf jede Weise.

Die Erste Unterweisung hat es erwähnt, die Vierte erinnert hiermit

daran, wie der Erfolg dieses persönlichen Sich-Durchsetzens in der Welt

vom Kalvinismus und Puritanismus geradezu als der schlüssige Beweis vor

Gott und Menschen erachtet wird, daß einer berufen und erwählt sei. Wer

seine Eigenheit zur Anerkennung bringt, wer den Erfolg an seine Seite

zwingt, wer das Glück zur Treue überredet, der hat sich bewiesen, genau

wie er sich im entgegengesetzten Falle widerlegt hat. Solchermaßen

statuiert der christliche Europäer ein Recht auf Persönlichkeit, und

wer feiner hinhorcht, wird sich vielleicht davon überzeugen, daß er

sogar eine Pflicht zur Persönlichkeit statuiert. Lediglich unter diesem

Gesichtswinkel vermag er sich überhaupt noch ein erstrebenswertes

Lebensziel vorstellig zu machen. Nur um Gottes willen von der formlosen

Masse und Massenhaftigkeit abrücken! Nur um jeden Preis ein eigenes

Gesicht, und sei es ein hoffärtiges und freches, zur Schau tragen! Nur

unter allen Umständen aus der flüssigen Mutterlauge zum festen Kristall

aufschießen! Das ist der heiß begehrte Preis, der dem Sieger nach

zermürbendem und zerrüttendem Kampfe winkt...

Denn Kampf bis aufs Messer, Kampf in einer noch nirgends zu erfahrenden

Grausamkeit des Begriffs ist das Leben dieses christlichen Europäers.

Die Selbstverwirklichung bis zum äußersten als die einzig anerkannte

Lebenspflicht muß selbstredend in heftigen Widerstreit geraten mit

derselben Lebenspflicht jeder Persönlichkeit, welche der ersten

gesellschaftlich oder wirtschaftlich irgendwie benachbart ist,

-- ein selten eindringliches Beispiel übrigens, wie manchmal die

Möglichkeit einer Gemeinschaft nicht durch Verschiedeninhaltlichkeit

der ergriffenen Zwecke, sondern durch Gleichinhaltlichkeit derselben

vernichtet wird. In diesem christlichen Europa will in Wahrheit

jedermann genau dasselbe: nämlich die denkbar reichstgeschliffene

Ausformung seiner jeweiligen Eigenheit und Einzelnheit. Und das

Ergebnis davon heißt eben Kampf, Krieg, Wettbewerb, ἀγών, _struggle

for life_, Zuchtwahl... Kampf der Vater aller Wirklichkeiten, das ist

in Wirklichkeit die Überschrift, welche der Vater der europäischen

Menschlichkeit auf seiner Völkerbrücke zu Ephesos an das Tor zu unserm

Festland schlug und hämmerte. Kampf der Vater und Kampf die Mutter,

das ist die Wahrheit geblieben, die auch vom Christentum nicht nur

nicht widerrufen, sondern bestätigt worden ist, denn der Herr des

Evangeliums scheint es erraten zu haben, warum er, vorzugweis er sich

als denjenigen bezeichnete, der nicht den Frieden, aber das Schwert

bringen werde: nicht einmal das Kreuz von Golgatha konnte die Pforten

des Janustempels sperren, die ewig offenklaffenden, und tatsächlich

hat das Christentum sein Öl der Linderung ins Feuer statt aufs Wasser

ausgegossen... Kampf brandet und Kampf entbrennt also schon im kaum

befruchteten Keim, wo offenbar das Männliche mit dem Weiblichen im

Hader liegt, bis entweder das Männliche über das Weibliche oder das

Weibliche über das Männliche Herr ward und dadurch das Geschlecht

des künftigen Wesens entschied. Und derselbe Kampf wird ausgetragen,

wo die vererbten Eigenschaften einer Ahnenreihe mit den vererbten

Eigenschaften anderer Ahnenreihen streiten, oder wo den vererbten

Eigenschaften neue hinzuerworbene von Grund auf widerstreben. Wohin

der Blick des Christ-Europäers fällt, gewahrt er Kampf und Krieg im

Kleinen wie im Großen, und sogar noch wenn er an Sommerfeierabenden,

an endlos schwalbenzwitschernden und grillenzirpenden, besinnlich auf

der Gartenbank vor seinem Hause sitzt und eine Weile ruht, fühlt er

vom Grausen plötzlich sich geschüttelt beim Anblick eines räuberischen

Tausendfüßlers, wenn dieser sich auf einen verzweiflungvoll

aufbäumenden Regenwurm stürzt und dessen unbewehrten Leib mitten

entzweibeißt: so hat dem Rabbi von Bacharach die Eiskralle des

Entsetzens ins Herz gegriffen, als er am Vorabend vor Pascha unter dem

schimmernden Tafellinnen plötzlich die eingeschmuggelte Leiche eines

Kindes sah... In einem Augenblick derart hellsehenden Weltverstehens

mag es sein, daß dem Christ-Europäer das furchtbare Gesetz des Lebens

aufleuchtet, welchem zufolge jedes organische Gebild der glücklich

Überlebende und Überstehende zahlloser sicht- und unsichtbarer

Einzelkämpfe ist. Weit entfernt, daß ihm als Menschen, ihm als Christen

diese Kämpfe erspart blieben oder wenigstens in ihrem Grad gemildert,

in ihrer Form ‚vermenschlicht‘ würden, findet er ganz im Gegenteil

gerade sich in seiner Eigenschaft als Mensch zu einer Kampfweise

genötigt, wie sie gleich wahllos in den Mitteln und gleich böse die

außermenschliche, untermenschliche Natur nicht kennt. Wohl frißt auch

dort ein Tier das andere Tier, ein Tier die Pflanze und gelegentlich

auch eine Pflanze das Tier ganz unbedenklich. Aber im allgemeinen

spielt sich dieser Kampf doch meist zwischen den verschiedenen Arten

als solchen ab, seltener zwischen den Vertretern ein und derselben Art,

was leider bei uns Menschen die selbstverständliche Regel wird. Sind

wir ganz offenkundig schon dadurch gegen das Tier vielfach im Nachteil,

daß mit verhältnismäßig geringen Schwankungen die geschlechtliche

Brunst bei uns das Jahr über ununterbrochen dauert, was für nicht

wenig Menschen eine Hölle von Anfechtungen bedeutet, so sind wir

auch in dieser Beziehung schlimmer daran als das Tier, daß wir uns

fortwährend gegen unsresgleichen wenden und wehren müssen, -- und dies

wie gesagt obendrein mit Mitteln, Pfiffen, Schlichen, die das Tier

verschmäht: „Denn heimlich wie die Höhle, o Herr, ist der Mensch, und

offen wie die Ebene, o Herr, ist das Tier“, sagt Pesso, der Sohn des

Elefantenlenkers, zum Erhabenen...

Der sogenannte Kampf ums Dasein also, von seinem europäischen Entdecker

zu seiner Zeit sicherlich zu Unrecht herangezogen, um die Wandlung

einer Art zur anderen und ‚höheren‘ erklärlich zu machen, -- zu Unrecht

herangezogen, sag’ ich, weil er sich zwischen verschiedenen Arten

eigentlich gar nicht ereignen kann, wofern verschiedene Arten jeweils

auch in verschiedenen Umwelten leben, verschiedenen Daseinsbedingungen

unterliegen und darum streng genommen um diese Daseinsbedingungen

auch nicht wirklich kämpfen können! -- beim Menschen wird dieser

Kampf ums Dasein dennoch schauerliche Wahrheit. Kämpft doch der

Mensch mit dem Menschen in der Tat um die nämliche Ackerscholle, um

die nämlichen Bodenschätze, um die nämlichen Weideplätze, um die

nämlichen Absatzmärkte, um die nämliche Arbeitstelle, um den nämlichen

Güteranteil, um das nämliche Weib, um das nämliche Glück, um die

nämliche Ehre, um den nämlichen Rang. Der Mensch kämpft ums Dasein,

das heißt, er kämpft um sich selber und um seine Selbstverwirklichung,

und beides winkt ihm nur, wo er seinen Wettbewerber übermächtigt.

Schon daß er lebt, bedeutet unter allen Umständen eine Übermächtigung

unbekannt wie vieler Ansätze und Möglichkeiten, die zum gleichen Leben

drängten; so kann er von allen Wesen am buchstäblichsten von sich

selbst bekennen: denn wir sind teuer erkauft. _Sub specie_ dieses

Gedankens war es dann nicht weniger als Die europäische Vision, das

Leben überhaupt als Willen zur Macht aufzufassen und zu entlarven.

Zum mindesten sind alle Gipfelungen und Aufhöhungen des Lebens in

diesem unserm christlichen Europa unmittelbar eins mit dem stolzen

Gefühl erworbenen Machtzuwachses durch den Sieg über andere Mächte,

andere Mächtige. Die Macht ist die einzige und letzte Tugend des

Christ-Europäers, an die er noch wirklich glaubt, zu welcher er betet

und der er opfert. Macht über den Feind ist die Tugend des Kriegers,

Macht über den Sklaven die Tugend des Freien, Macht über das Weib die

Tugend des Mannes, Macht über den Stoff die Tugend des Künstlers,

Macht über das Werkzeug die Tugend des Handwerkers, Macht über das

Betriebsmittel die Tugend des Unternehmers, Macht über die Masse die

Tugend des Führers, Macht über das Element die Tugend des Technikers,

Macht über die Unordnung die Tugend des Wissenschafters, Macht über

den Zufall die Tugend des Weisen, Macht über den Trieb die Tugend des

Bändigers. „Jeder von uns“, so steht im pseudoplatonischen Theages zu

lesen, „möchte womöglich aller Menschen Herr sein, am liebsten Gott...“

Der Wille zur Macht als der oberste und im Grund sogar einzige Wert des

Lebens, die Macht und ihre Ausbreitung, Steigerung das eigentliche Ziel

und der eigentliche Sinn des Lebens, das ist der kardinale europäische

Gedanke, und wer wird zu behaupten wagen, er sei nicht irgendwie auch

der kardinale christliche Gedanke gewesen? Denn war der christliche

Gott nicht vorzugweis der _pater omnipotens_, war nicht die All-Macht

an und für sich das _summum bonum_ oder der höchste Wert: nur eben

in der Sprache der Scholastik statt in der Sprache Nietzsches? Wer

unbefangen hinsieht, gewahrt denn auch gerade in jenem Mittelalter

die ragendsten Vertreter des Machtgedankens überhaupt, welche unser

Festland bis auf die neue Zeit hervorgebracht hat, -- sei es in der

Gestalt jenes Innozenz des Dritten oder Bonifaz des Achten, sei es in

der Person jenes Heinrich von Hohenstaufen, der Deutschland, Italien,

Sizilien als ein einziges Reich kaiserlich beherrschte und über das

Mittelmeer schon seine gewaltige Hand auf Kleinasien gelegt hatte,

als er alexandrisch früh und unbegreiflich aus einer ungeheuern Bahn

geschleudert ward: seit Heinrich des Dritten gleichfalls allzu jungem

Tod das zweite Beispiel übrigens aus unserer deutschen Geschichte,

wie eine Entwicklung mit schwindelerregenden Adspekten verhängnisvoll

abgerissen ward... Schon damals also, und wie erst recht heute,

kommt der Europäer erst zu sich im Gefühl der Macht; in ihm allein

genießt er seiner selbst und schwelgt er in seinem Selbst. Unter

den Gesichtswinkel der Macht gerückt, erscheint dem Europäer jedes

vorhandene Dasein und jeder vorhandene Gegenstand ein Widerstand, an

welchem er sich mißt: vermag er ihn wirklich zu überwinden, so fühlt er

triumphierend das verstärkte Bewußtsein seiner Eigenheit. Was ihn nicht

umwirft, macht ihn mächtiger, -- folglich wirft der Europäer vieles, ja

alles um, damit er dadurch mächtiger würde...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 22 / 26 段