Vor einem halben Jahrhundert, etwas früher oder etwas später, mag es

sich zugetragen haben, daß unsere europäische Gesellschaft allmählich

in diese seltsame Schwankunglage hineinglitt, von der hier die Rede

ist. Mit einigen ganz unverkennbaren Anzeichen von beängstigender

Übereinstimmung setzt ein Zeitalter ein, das mit einigem Fug das

Zeitalter der Entblößungen genannt werden dürfte: denn eine Entblößung

der Gattung Mensch vor sich selbst beginnt, wie sie mit ähnlicher

Unerbittlichkeit, mit ähnlicher Schamlosigkeit von keinem der

geschichtlich bekannten Zeitalter geübt worden ist. Das war wie wenn

ein vornehm und kostbar gekleidetes Weib sich eines Abends vor dem

Stehspiegel auszöge und nun, da sie ein Kleidungstück nach dem andern

ablegt, erst mit Befremden, dann mit Mißbehagen, dann mit Kummer, dann

mit Abscheu, dann mit Haß auf sich selber die vormals nie beachteten

Mängel ihres unvollkommenen Leibes wahrnähme: dies also bin ich, dies

ist mein dünnes, ausgekämmtes Haar, dies mein verbrannter Hals und

Nacken, dies meine abgeblühte Büste, dies meine wulstig gepolsterten

Hüften, dies meine kurzen und gekrümmten Beine, dies mein flach und

platt geformter Fuß... Ähnlich einem solchen Weibe, das sich vor ihrem

Spiegel peinlich entkleidet und ihre arme Nacktheit nach all ihren

Häßlichkeiten streng durchmustert, zornig und traurig zumal, daß

sie nur ist wie sie ist, und dennoch außerstand, auf ihre grausame

Selbstprüfung zu verzichten, -- ähnlich beginnt der europäische Mensch

zu einer ganz bestimmten Zeit im abgelaufenen Jahrhundert sich vor

sich selber ohne Schonung zu entblößen und alles, was er bisher tat

und schuf, auf seinen Unwert hin zu erforschen. Da ist vor allem sein

höchster Stolz und Abgott, der sogenannte Staat: bei Licht besehen nur

die Anstalt einer kleinen Anzahl Mächtiger zur dauernden Knechtung

und Entrechtung machtloser Massen. Da ist des ferneren die sogenannte

Gesellschaft: bei Licht besehen nur die angemaßte Herrschaft einer

Kaste, einer Klasse über andere Kasten und Klassen, die herkömmlich

als nicht geeignet für die Ausübung der Herrschaft gelten. Da ist

die sogenannte Wirtschaft: bei Licht besehen nur die regelrecht

betriebene Ausbeutung menschlicher Arbeitkräfte als einer käuflichen

Ware durch den einzelnen oder vergenossenschafteten Unternehmer. Da

ist die sogenannte bürgerliche Lebensordnung: bei Licht besehen nur

die als Ehrbarkeit vermummte Heuchelei und die als Sittenstrenge

sich aufspielende Zuchtlosigkeit. Da ist die sogenannte Ehe: bei

Licht besehen nur der Lebens- und Todeskampf der ewig feindlichen

Geschlechter. Da ist die sogenannte Liebe: bei Licht besehen nur die

wilde Gier der gegenseitigen Besitzergreifung. Da ist die sogenannte

Sittlichkeit: bei Licht besehen nur die Bemäntelung selbstsüchtiger

Leidenschaften durch angeblich selbstlose Beweggründe und Triebfedern.

Da ist die sogenannte Religion: bei Licht besehen nur die Übertragung

niemals erfüllter und unerfüllbarer Menschenwünsche auf die Gestalten

erdichteter Götter. Da sind die sogenannten Ideale: bei Licht besehen

nur die bewußten Widerspiegelungen jeweils wirtschaftlicher Vorgänge

und Verhältnisse, wenn nicht am Ende gar die aus Angst vor der

Wirklichkeit erzeugten Welt- und Selbstbeschönigungen. Da ist die

sogenannte Seele: bei Licht besehen nur ein Bündel von unersättlichen

Trieben und Begehrungen, von denen niemand wissen kann, welche in der

nächsten Sekunde die Oberhand gewinnen werden. Da ist der sogenannte

menschliche Verstand, die menschliche Vernunft sogar: bei Licht

besehen nur eine Waffe mehr im Kampf ums Dasein, um den Nächsten zu

überlisten und womöglich über seine Leiche eine Stufe höher zu turnen

hinauf zum Besitz, zur Macht und zum Erfolg. Da ist das sogenannte

Recht: bei Licht besehen nur die Verewigung menschlicher Rachsucht

und Vergeltungwut, die das Verbrechen ahndet, indem sie’s wiederholt,

und den Verbrecher straft, indem sie ihn foltert oder tötet... Dieser

Art fühlte sich der _homo europaeus_ jener Jahrzehnte gedrungen, die

Summe seiner bisherigen Anstrengungen mit einer gewissen Lust an

Selbstzerstörung dämonisch zwangsläufig zu ziehen; -- solchermaßen fand

er alles Geleistete verdammungwürdig, verächtlich, schlecht. Nicht

wollte und konnte er eher ruhen, bis er sich die letzten Fetzen jener

prachtvollen, aber lügenhaften Verhüllungen von seinem Leib gerissen

hatte, -- Verhüllungen, die ihm bisher prahlerisch verheimlicht hatten,

daß er das böse Tier der Eis- und Steinzeit je und je geblieben war:

„säuischer als Schweine, grimmiger als Löwen, geiler als Böcke,

neidiger als Hunde, unbändiger als Pferde, gröber als Esel, versoffener

als Rinder, listiger als Füchse, gefräßiger als Wölfe, närrischer als

Affen und giftiger als Schlangen und Krotten,“ wie unser herzhafter

Simplizissimus derb und heftig herausgesagt hat... Der Mensch, das

Tier der Urzeit: so zweigte ihn ja jetzt die Wissenschaft selber

zoologisch, morphologisch ein in den Stammbaum der lebendigen Wesen,

die das Tierreich bilden. Aber der Mensch ist nicht nur das Tier der

Urzeit, sondern das böse Tier der Jetztzeit, weil er sich trotz seiner

Abkunft aus dem Tierreich ein menschliches Wissen um Böse und um

Gut erworben hatte. In dieser Jetztzeit ist der Augenblick für ihn

gekommen, in dieser Jetztzeit, und keineswegs schon am Anfang, wie es

das Alte Testament will, wenn es vom ersten Menschenpaar berichtet:

„da wurden ihrer beiden Augen aufgetan, und wurden gewahr, daß sie

nacket waren“... In dieser Stunde der gnadenlosen Selbstentblößung und

Selbstbeschämung sieht sich der europäische Mensch nacket, -- hier

übermannt ihn die Erkenntnis, daß alles, was er aufgewendet hatte in

den Jahrtausenden, die seine Erinnerung umspannt und mehr noch in

den anderen, die seine Erinnerung nicht umspannt, dem eigenen Urteil

nirgends standhalten konnte. Nun er mit unsäglichem Aufgebot dies wilde

böse Tier in sich gebändigt hatte, mußt’ er sich überzeugen, daß er von

seiner Wildheit zwar manches abgegeben, die Bosheit jedoch bewahrt und

gemehrt hatte, und daß verrucht war, was ihm von Herz und Händen ging...

Jahraus jahrein hatte so der europäische Mensch durch die Zunge solch

unentwegter Selbstankläger zu sich selbst gesprochen. Jahraus jahrein

hatte er sich mit eigener Zunge selbst gestochen und zerstochen, bis

er zuletzt noch einmal durch die Stimme dreier Propheten sprach,

die am Werk der Selbstentblößung ihrerseit am eifrigsten beteiligt

waren. Und was sie lautbar machten, hörte sich freilich schon wie der

zerberstende Hornstoß Heimdalls, des Zeichengebers an, als er von der

Zinne Walhalls Schiff Naglfar draußen am Rand des brüllenden Nordmeers

kreuzen sah... Von diesen denkwürdigen Dreien durchlitt der Erste zum

voraus in eigener Person alles Leid, welches in Bälde eine Menschheit

würde überkommen müssen, wenn sie wirklich die letzte Scham von sich

geworfen hatte und mit der eigenen Nacktheit Unzucht trieb. Wie er

indes in Wahrheit keines Rats sich wußte, und sogar nicht einmal ein

Wort, ein trostspendendes oder aufrichtendes, finden konnte, verbeugte

er sich nur tief bis auf die Erde, etwa wie sich der Staretz Sossima

vor Mitjä Karamassoff verbeugt hat, -- und ging vorüber. Der Zweite

dieser Drei aber tat sich in eigener Person alle Qualen an, mit welchen

binnen kurzem der arme Teufel Mensch seinen Mitmenschen foltern würde:

er weiß es selber nicht, warum und zu wessen größerer Ehre. Zwar fand

auch dieser Zweite nicht eigentlich einen Rat, aber immerhin doch ein

Wort der Klage. Und legte sein Wort, seltsam genug! der Tochter des

indischen Himmelskönigs in den Mund, welche wie weiland der blonde Held

Krischna auf die Erde herabgefahren war, damit ihr des Menschlichen

ferner nichts fremd bleiben möchte. Mit innigem Erbarmen sagt Indras

Tochter immer nur das eine, was allerdings wenig helfen oder bessern

konnte: Es ist schade um die Menschen, es ist schade... und also

wehklagend ging auch der zweite Prophet vorüber. Der Dritte jedoch,

höheren, helleren Geistes als die beiden andern und von dem Merkmal auf

des Merkmals Ursache schließend, erkannte die elende Unzulänglichkeit

der bisherigen Gattung Mensch, die soviel schwerer zieht und wiegt

als sogar ihre Bosheit. Dieser erschütternden Unzulänglichkeit gewahr

werdend, leuchtet ihm eine Botschaft auf, die Rat zu schaffen scheint,

wenn nicht schon für den Augenblick, so doch für die Zukunft: der

Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß. Diese Botschaft ging nicht

vorüber, auch wenn ihr Künder vorüberging, und haftete zitternd wie der

Schuß eines befiederten Pfeiles in den Herzen...

Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß; die menschliche

Unzulänglichkeit ist Etwas, das überwunden werden muß! Es wird also

eine Zeit sein, wo sich der Mensch seiner Nacktheit vor dem Spiegel

nicht mehr länger zu schämen braucht, weil sie ihm keine Mängel

und Gebresten, sondern Schönheiten und Vollkommenheiten zeigt.

Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß und folglich auch

hoffentlich überwunden werden kann? -- dies Ziel lockt stärker als

irgend eines. Aber wie kann er denn überwunden werden? Den Menschen

zu überwinden, roh, tierhaft und unmenschlich, wie er aus den Händen

der Schöpfung hervorging: darauf hatten doch sicherlich schon alle

die Anstalten gezielt, welche der ehrlichen Selbstprüfung von vorhin

nicht standgehalten hatten. Den Menschen zu überwinden waren die

sämtlichen Erfindungen, Einrichtungen, Gründungen, Hervorbildungen

gemacht worden, die eine wesentlich menschheitliche Werkwelt zu

unserer Genugtuung umfassen. Mit welcher Sorgfalt hatte der Mensch

nicht diese Werk- und Werkzeugwelt, die er Kultur nennt, zwischen

seinen frühesten Ursprung und seine späteste Mündung geschichtet. Mit

welcher Künstlichkeit hatte er nicht seine Sinne vervielfältigt und

seinen Sinn geschärft, um mit vervielfältigten Sinnen und geschärftem

Sinn eine höhere und menschenwürdigere Umwelt selbsttätig um sich

zu schaffen. Jede Erfindung und jedes Werkzeug bedeutete ja oder

sollte wenigstens bedeuten eine Steigerung menschlichen Könnens, eine

Verringerung menschlichen Arbeitaufwandes, eine Bewehrung menschlicher

Schutzlosigkeit, eine Ausweitung menschlichen Machtbereichs. Jede Kraft

und Eigenschaft der Natur wurde derart zu einer Kraft und Eigenschaft

des Menschen erhoben, und so ging an ihm schier buchstäblich das

hoffmannsche Märchen von Klein-Zaches, genannt Zinnober, in Erfüllung,

wonach alles Nützliche, Angenehme, Tüchtige, das in Gegenwart dieser

kleinen Mißgestalt von anderen geleistet ward, durch eine wunderliche

Übertragung dieser Mißgestalt selber als dem eigentlichen Urheber

dankbarst zuerkannt wurde... Das bevorzugte Mittel also, welches

insonderheit dem europäischen Menschen zur Überwindung des Menschen,

wie er sie verstand und allein verstehen konnte, verhelfen sollte,

heißt infolgedessen mit einem einzigen Wort umschrieben: Werkwelt,

Werkzeugwelt. Die Werk- und Werkzeugwelt sollte ihn über sich selbst

hinaus steigern, über sich selbst hinaus erhöhen. Mußte er jetzt, aufs

bitterste enttäuscht, mit sich selber die Erfahrung machen, daß diese

Werk- und Werkzeugwelt als Mittel zu diesem Ziel versagte und er

umsonst Pelion auf Ossa getürmt hat, um den Olymp zu zwingen, -- was

bleibt ihm übrig oder was kann er ins Auge fassen, dies Ziel auf andere

Weise zu erreichen? Wie kaum eine geschichtliche Menschheit zuvor hatte

der Europäer diese Werkwelt nach Umfang und Inhalt, Beschaffenheit

und Zahl gemehrt und alle seine Geisteskräfte, Seelenkräfte dafür

hingegeben. War es jetzt nicht mehr wie nur ein bloß zufälliger

Fehlschlag, daß es just bei ihm schlimmer als in irgend einer Vorzeit

menschelte: war es in Wahrheit ein zwangsläufig getaner Fehlgriff, --

wo kann, wie soll der Europäer alsdann noch Hoffnung für sich selber

schöpfen?

Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muß, -- so spricht zu

allen Zeiten jede Religion, die ihren Blick auf die nächst höhere

Verkörperung des Menschen heftet, die sie Gott nennt. Der Mensch

ist Etwas, das überwunden werden muß, -- so lautet die knappste,

treffendste und erschöpfendste Formel aller Religionen, die ihren

eigenen Willen zur Selbstvergöttlichung als das ewige Bedürfnis

erkennen müssen, welches sie stets wieder von neuem zur Erscheinung

bringt: als „_la tendence, qui les a produit_“, wie Jean Marie

Guyeau sinngemäß sagt. Zugleich aber ist dies die ewige Tragödie

aller Religionen, daß sie das hauptsächliche Mittel zur Erzielung

dieser angestrebten Überwindung, nämlich die Herausstellung jener

wesentlich menschheitlichen Werk- und Werkzeugwelt, die wir Kultur

nennen, als ungeeignet zu ihrem Endzweck schlechterdings verneint

und sich auf diese Weise mit dieser Werk- und Werkzeugwelt selbst

aufs entschiedenste entzweit und überwirft. Denn keine einzige der

bekannten höchsten Religionen, am wenigstens aber die Religion

als solche, gebietet ihren Anhängern und Bekennern: Erfinde du

Werkzeuge und vervielfältige deine Sinne! Gründe du Staaten, schaff’

Rechts- und Wirtschaftordnungen, laß’ Gesittungen erstehen, ersinne

Wissenschaften, befleißige dich der Verbürgerung, alles damit du in

dir selbst den Menschen überwindest! Wenn solche oder ähnliche Gebote

je ergangen sind, wie beispielweis in der ursprünglichen Verkündigung

des iranischen Zarathuschtra, ist sich die Religion ihres stärksten

Antriebes noch nicht inne geworden. Wo sie sich aber dieses Antriebs

wirklich inne geworden ist, findet sie sich im günstigsten Fall mit

der Gegebenheit dieser Werk- und Werkzeugwelt ab, aber fördert sie von

sich aus keineswegs, geschweige denn, daß sie dieselbe fordert. Die

Welt gewinnen und dadurch die Seele schädigen, -- die Welt verlieren

und dadurch die Seele erfüllen: das ist in schroffer Unzweideutigkeit

die Wahl, vor welche jede der höheren Religionen ihre Gläubigen stellt

und auf diese Weise in tödlichen Widersatz bringt zu allen sonstigen

Bemühungen um Fortschritt und Aufstieg, Entwicklung und Gesittung.

Ist es also dem Menschen im heiligsten Sinne Ernst mit des Menschen

Überwindung, so weiß die Religion unstreitig dafür Rat, -- nur daß eben

dieser Rat allen eingeborenen Neigungen zur Selbststeigerung durch

Kultur stracks zuwiderläuft. Und in der Tat, ihr, die ihr euch Christen

nennt! Sogar in dieser Kummerstunde, da niemand mehr woaus woein weiß,

sogar in dieser Stunde vollkommener Ratlosigkeit ist keiner unter euch,

der nicht in der heimlichsten Falte seines Herzens mindestens ein

einziges unfehlbares Mittel wüßte, diese eisige Hölle um uns herum in

ein blühendes Paradies umzuzaubern. In der Kenntnis dieses Mittels, ich

sage nicht in seiner Anwendung, sind wir Europäer unfehlbare Christen

und werden Christen bis zu unserem bitteren Ende bleiben, ob wir nun

wollen oder widerstreben. Wir haben das Gebot empfangen, welches die

Verirrungen des Lebens ins gleiche zu setzen vermöchte: Ἀγαπήσεις

τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν, -- wolle du deinem Nächsten wohl wie dir

selbst... Dies Wort, melodisch aus dem Königreich der Himmel tönend,

von dem geschrieben steht, es sei mitten in uns, -- dies Wort konnten

wir in der Wüste unserer Gehässigkeit verschmachten und in der Sintflut

unserer Begierden ertrinken lassen: aber wir konnten die Tatsache

nicht aus der Welt entfernen, daß es an uns ergangen ist. Dies Wort

ist an uns ergangen und auch der Verstockteste ist außerstand, sich

weiszumachen, er habe nie etwas davon vernommen. Ist es somit wirklich

die Religion, die da befiehlt, den Menschen in sich zu überwinden,

dann ist zumindest uns westlichen Bekennern des Christentums von

diesem das rechte Mittel zu diesem rechten Ziel bezeichnet worden.

Denn wer seinem Nächsten wohl will wie sich selber, der überwindet in

seinem Wohlwollen sich selber und seinen Nächsten dazu; der überwindet

in sich und seinem Nächsten alles, was nicht das Wohlwollen selber

ist; und derart überwindet er den Menschen in sich, der noch nicht

Wohlwollen selber ist, und mit dem Menschen die ganze Welt, die noch

nicht Wohlwollen selber ist. Drum lüge oder leugne keiner, daß er nicht

wissen könne, wie der Mensch den Menschen zu etwas überwinden könne,

das mehr oder höher und stärker ist wie der Mensch. Das Mittel ist

erfunden, die Botschaft ist ergangen, das Wort steht und steht ewig...

Das Mittel ist erfunden, -- und hat dennoch seinen Zweck verfehlt.

Die Botschaft ist ergangen, -- und hat dennoch nichts gefruchtet.

Das Wort steht und steht ewig, -- aber schwindelnd fällt der Mensch in

der Zeit von einem Abgrund in den andern...

Wie aber dies, ihr Christen? Sind wir denn in Wahrheit so bös, so

unmenschlich, so teuflisch, daß wir zwar auf unsern Lippen den Honig

der frohen Botschaft zu schmecken geben, in unsern Herzen aber

schwarze Galle keltern? Liegt es in Wahrheit nur auf uns, daß uns

jener evangelische Weg zur Überwindung unserer Menschheit zum Ab-

und Irrweg sondergleichen geworden ist? Müssen wir uns in diesem

unwiederbringlichen Augenblick der Selbsteinkehr und Gewissensprüfung

in Wahrheit als den Auswurf aller geschichtlichen Geschlechterfolgen

verdammen, weil wir mit dem Bekenntnis des Wohlwollens und Brudersinnes

die Tat des Wohlwollens und Brudersinns am sichersten erstickten?

Heute, wo die Schuppen der Beschönigung von den Augen fallen, ziemt

uns vor allen Fragen diese Frage: von der Antwort auf sie hängt

jede Zukunft ab. Rund tausend Jahre sind es, daß wir des Nazoräers

Bekenntnis zur Nächstenliebe als unsere erwählte _religio_, will

heißen Bindung, Verpflichtung, Treue angenommen haben. Und nun

ängstigt uns nach rund tausend Jahren mehr fast als alle Angst der

Argwohn, wir könnten vielleicht nicht trotz dieses Bekenntnisses,

sondern wegen seiner, nur immer böser und schlechter, liebloser und

härter, unedler und grausamer geworden sein seit jenen Tagen etwa,

da der große Sachsenkaiser Otto dem mittelalterlichen Reich Europa

seine dreihundertjährige Verfassung gab. Am Ende ist es eben diese

Verpflichtung, diese Bindung gewesen, die unsere Anlage zum Wohlwollen

und Brudersinn, die wir doch auch in uns wie in jedem lebendigen

Geschöpf vermuten müssen, verkümmern und verkrüppeln ließ. Verkümmern

und verkrüppeln ließ zwar nicht deshalb, weil etwa diese Religion

uns Menschen, wie wir einmal sind, zu hoch und schwer wäre, -- denn

jede Religion, ihr Christen, ist dem Menschen, wie er einmal ist, zu

hoch und schwer: und daß sie’s ist, macht ihren unschätzbaren Wert

als Religion aus! Verkümmern und verkrüppeln ließ aber trotzdem, weil

sie befahl und forderte, gebot und heischte, was durch Befehl und

Forderung, Gebot und Heischung nimmer zu bewirken ist. Es könnte

demnach sein, ihr Christen, daß uns just das Christentum zeitweilig zum

Verhängnis geworden ist, indem es eine übermenschlich-überschwängliche

Botschaft zwar erließ, aber auf keine Weise andeutete oder zeigte,

wie der irdische Mensch, das wilde böse Tier, nun dieser Botschaft

auch entsprechen könne. Wohlwollen unserm Nächsten, Brudersinn unserm

Fernsten noch, wer wäre Wolf genug zu leugnen, daß beides heute noch

die Welt zum Paradies gestalten würde, wo wir sie alle christlich

übten. Aber der Mensch, obschon von Natur ganz offenbar mit einer

Anlage zum Wohlwollen und Brudersinn begnadet, ist darum noch lange

nicht wirklich wohlwollend, wirklich brudersinnig, -- und wird es

auch nicht, wenn man ihm kurzerhand gebietet: Sei’s! Das aber ist das

letzte und schleichendste Unheil, welches uns Abendländer betroffen

hat und unsern dermaligen Höllensturz mit verursacht: wir wissen,

wissen alle unheimlich genau, was not tut, um die Not zu wenden und den

Menschen seiner nächst höheren Verkörperung des großen Wohlwollenden

und Brudersinnigen zuzuführen. Aber es war niemand, der uns gewiesen

und bedeutet hätte, wie das geschehen könne. Wir wissen, wissen es,

aber können es nicht. Und sogar wo es einer als Land- und Meerwunder

wirklich kann, da ist er’s nicht, sondern kann es nur. Das aber, ihr

Christen, ist des Abendländers Untergang...

Das aber, ihr Christen, ist des Morgenländers Aufgang, ist insonderheit

des Buddho Gotamo Aufgang! Denn wo wir nur wissen, hat er das Können

aufgewiesen, und wo wir nur können, hat er angeleitet und geweckt

zum Sein. Dabei ist sein heiliges Ziel in Ansehung menschheitlicher

Emporstufung haargenau das christliche. Vielleicht mit dem einzigen

Unterschied, daß der Buddho die Gestalt des großen Wohlwollenden mit

soviel höherer Künstlerschaft umrissen habe wie der Christus, -- eben

jene Gestalt nämlich, die ich zum Beschluß der Dritten Unterweisung

dem christlichen Abendland als das Urbild des Strahlenden Mönches

vorzustellen gewagt habe: „Liebevollen Gemütes weilend strahlt er nach

einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann

nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem

sich wiedererkennend, durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem

Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll

geklärtem. Erbarmenden Gemütes -- freudevollen Gemütes -- unbewegten

Gemütes strahlt er“... In Ansehung dieses göttlich Wohlwollenden,

übermenschlich Wohlwollenden also ist das religiöse Endziel im Westen

und im Osten streng dasselbe, und nichts würde von dieser Gewißheit

aus einer völligen Durchdringung des Christentums mit dem Buddhismus

hinderlich sein, -- wenn eben nicht die Art und Weise, wie Jesus und

wie Gotamo die Verwirklichung dieses Zustands betreiben, so stracks

einander zuwiderliefe, daß hier die Grundkräfte europäischer und

indischer Religiosität als Gegenkräfte in Erscheinung treten. Das

evangelische Wohlwollen nämlich für den sogenannten Nächsten wurzelt

ausgesprochenermaßen im Wohlwollen für das eigene Selbst, will

heißen in der Selbstliebe und Eigensucht. Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου

ὡς σεαυτόν, wolle du deinem Nächsten wohl wie dir selber, gebietet

der Herr des Evangeliums, -- und manches spricht dafür, daß wir hier

auf die ausschlaggebende Ursache stoßen, warum die Nächstenliebe

des Christentums ein freundlicher Traum geblieben ist und sehr

wahrscheinlich sogar hat bleiben müssen. Denn wie verhält sich’s doch

damit? Jesus erachtet Wohlwollen für Mitmensch und Bruder durchaus für

möglich, sonst würde er es nicht als Notwendigkeit gefordert haben.

Aber nicht hält er’s für möglich, dies Wohlwollen auf andere Weise zu

erzielen als gleichsam auf dem Umweg über das eigene Ich und Selbst.

Das Ich und Selbst der eigenen Person steht hier im Brennpunkt aller

Wirklichkeiten, und folglich im Brennpunkt auch aller Handlungen

und Taten, die sich auf Wirklichkeiten beziehen. Die vorzüglich

religiöse Leistung der Persönlichkeit krönt sich darin, dem fremden

Ich grundsätzlich denselben Grad von Wirklichkeit zuzubilligen wie

dem eigenen Ich und aus dieser Billigung heraus ihm keine mindere

Berechtigung zu schenken wie diesem. Der naive Mensch, heißt das

der selbstische Mensch, wird hier sozusagen feierlich aufgeboten

zur freiwilligen Anerkenntnis des fremden Du, -- durch die Erwägung

zwar, daß auch dies Du zuletzt ein Ich mit sämtlichen Eigenschaften

und Merkmalen eines solchen sei. Der naive, will sagen selbstische

Mensch ist also böse nicht eigentlich deshalb, weil er seine eigene

Persönlichkeit und persönliche Eigenheit instinktiv als Wirklichkeit

setzt und voraussetzt, sondern weil er jede fremde Persönlichkeit

und Eigenheit nur als eine Wirklichkeit zweiten, dritten, zehnten

Grades gelten läßt, -- kurz als eine Wirklichkeit derart verminderten

Erlebensgrades, daß er kaltblütig über ihre Ansprüche und Rechte, über

ihr Sosein und Dasein wegschreitet, nicht anders, wie man im Gedränge

über viele menschlische Schatten auf der Straße schreitet. Und kein

Zweifel! Wer jemals ein wenig über die Beschaffenheit des Verbrechens

und mehr noch des Verbrechers nachgedacht hat, wird hier, in dieser

von Jesus berührten Tatsache, fast jeden gewünschten Aufschluß finden:

daß der Verbrecher von Haus aus unfähig ist, in rein erkenntnismäßiger

Schätzung sein Opfer in dieselbe Reihe von Wirklichkeiten mit sich

selber einzustellen, -- er selber füllt diese Reihe mit sich ganz

alleinig. Überall, wo ein Mensch in gräßlicher Verhärtung gegen Wohl

und Weh des Mitmenschen beharrt und dieser Verhärtung entsprechend

handelt, darf man behaupten, er sei Verbrecher, darf man behaupten,

ihm sei die heilige Um- und Neuschöpfung der fremden Wesenheit zum

vertrauten Ich, zum Ich überhaupt, noch nicht gelungen. Tatsächlich

macht Jesus hier die erste, unerläßlichste Bedingung der Möglichkeit

menschenwürdigen Gemeinschaftlebens namhaft: jedwedes menschengleiche,

ja nur menschenähnliche Geschöpf ist im Bewußtsein ebenso als wirklich,

ebenso als seiend, ebenso als wesenhaft zu erschaffen wie das eigene

Ich und Selbst. Auch Du ein Ich, wie Ich zuletzt nur Du, folglich

auch Du meines Wesens Mark und Mitte nicht abgelegener als Ich ihm

bin: das ungefähr wäre die rechte Formel für Jesu Auffassung von

Wohlwollen, Brudersinn, Nächstenliebe; -- auch Du, Du ein Ich, wie

Ich zuletzt ein Du, und folglich all meiner Taten und Gedanken nicht

minder Sinn, Zweck und Ziel als Ich es ihnen selber bin. Das Maß der

Welt, in welches sie gefüllt und geschöpft wird, ist durchaus hier das

menschliche Selbst und seine unerschütterliche Wirklichkeit. Im besten

Fall kann jeder Einzelne sich selber höchstens dazu bestimmen, jedem

Anderen das gleiche Maß von Wirklichkeit im Bewußtsein einzuräumen. Ein

übermenschlich verwegenes Ideal aber wäre dieses, wenn jeder Einzelne

seine Bewußtheit derart unendlich auszuweiten vermöchte, daß darin die

Wirklichkeiten aller menschlichen Welterscheinungen in einem einzigen

brüderlich umhalsten Chore miteinander reigten, -- jeder Fernste in

solch gottgeweiteter Bewußtheit zum Nächsten aufgerückt und nahgerückt,

jeder Nächste aber gleichbürtig, gleichgewichtig, gleichwertig mit Mir

selbst...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 21 / 26 段