unbeschreiblich unter dieser verhängnisvollsten Konsequenz des
europäischen Protestantismus, die da Kritik heißt: Kritik ohne
Einschränkung oder Zügelung, Kritik ohne Pause oder Ruhepunkt, Kritik
ohne Grenze oder Maß, Kritik ohne Anstand oder Zucht. Mit dieser
Kritik ist der Protestantismus des Westens außer Rand und Band
geraten, und außer Rand und Band geraten sind mit ihm die Protestanten
und Nichtprotestanten alle, die sich ihm freiwillig oder gezwungen
gefügt haben, weil sie nicht das Odium der Unwissenschaftlichkeit
auf sich nehmen wollten. Indes dieser Kritizismus am Leib und mehr
noch an der Seele und am Geist der westlichen Menschheit frißt
und wahrscheinlich alle drei noch einmal auffrißt, zeigt sich der
Protestantismus Indiens von dieser Krankheit schlechthin unergriffen.
In einer unverhältnismäßig entschiedeneren Art Protestant als
irgend wer unter den repräsentativen Protestanten des Abendlandes,
-- den einzigen Nietzsche ehrenvoll ausgenommen! -- verbietet eben
dieser Protestant κατ’ ἐξοχήν Gotamo seinem Orden alles, was der
Westen als die weltgeschichtlich bedeutsamste Errungenschaft des
protestantischen Zeitalters immer noch mit vollen Backen auszuposaunen
liebt: das uneingeschränkte Recht der Persönlichkeit auf Kritik,
die uneingeschränkte Pflicht der Persönlichkeit zur Kritik, die
uneingeschränkte Freiheit der Persönlichkeit zur Kritik. Wir Europäer,
die wir seit Platons Tagen gelernt haben, das Wissen um der Wahrheit
willen zu betreiben und bestenfalls in den Hoch- und Glanzzeiten
unserer drei oder vier klassischen Kulturen den zersetzenden
Wirkungen des _l’art pour l’art_ ausgewichen sind, -- wir Europäer
wurden durch eben dieses _l’art pour l’art_ die frechen _libertins_
des Wissens und der Wahrheit, mit nur geringer Hoffnung, uns diese
_libertinage_ noch einmal selber zu verbieten, selber zu verbitten:
ganz einfach aus der Erkenntnis ihrer Gefährlichkeit heraus. Der
indische Mensch hingegen, von allem Anfang an das Wissen als eine
Leistung von ganz anderem Sinn bewertend, bedient sich auch nirgends
der Kritik, um von ihr aus das Wissen zu rechtfertigen, zu erhärten,
zu bewähren. Vielmehr liegt es durchaus in der Machtvollkommenheit des
Wissenden, das Wissen über jede Möglichkeit der Anzweiflung hinaus zu
rechtfertigen, zu erhärten, zu bewähren. Dadurch nämlich, daß er mit
Hülfe des Wissens jenen menschlichen Zustand verwirklicht, welchen
das denkwürdige Gespräch der Chândogya-Upanischad zwischen Nârada
und Sanatkumâra als die Überwindung des Kummers bezeichnet: „Ich
aber, o Ehrwürdiger, bin bekümmert...“ -- „Ich aber, o Ehrwürdiger,
bin nicht mehr bekümmert!“... Wo der Wissende denen, die um ihm sind
oder die sich ihm nähern, zu erkennen gibt, daß er diesen Zustand
wirklich in sich verkörpert, da hat der Wissende nicht allein sich
selber, sondern außerdem auch sein Wissen über jeden Einwand gewiß
gemacht. An seinem persönlichen Zustand und Urstand liest man die
Stufe erlangter Wissenschaft unmittelbar ab, wie man an den Zahlen
eines Wärmemessers die Grade der Wärme oder Kälte unmittelbar abliest.
So wird die Fragestellung nach Wahr oder Falsch nicht geradezu
abgewiesen, denn dazu ist sie für die Lebensführung in jedem Sinn
viel zu unentbehrlich. Wären wir nämlich außer stand, Wahr und Falsch
zu unterscheiden, dann könnten wir wohl auch Wahrheit von Lüge nicht
unterscheiden, und dieser Mangel an notwendigstem Wissen würde
sofort in den Mangel an notwendigstem Gewissen umschlagen. Gehört
doch gerade nach der Lehre des Buddho die Lüge zu den fünf gröbsten
Hemmungen, die unbedingt beseitigt werden müssen, ehe die feinere
Arbeit der Selbstläuterung und Selbstheiligung von statten gehen kann.
Schon also um nicht lügen zu müssen, muß man Wahrheit von Wahn zu
unterscheiden vermögen, und in diesem Betracht läßt freilich auch die
buddhistische Heilslehre Kritik nicht nur zu, sondern fordert sie mit
aller Strenge. Auf der Erkenntnis der Wahrheit im Gegensatz zur Lüge
beruht auch hier jede höhere Menschlichkeit, und nur, was Wahrheit im
Gegensatz zu Irrtum, Irrtum im Gegensatz zu Wahrheit betrifft, trennt
sich die Auffassung Indiens, insonderheit die Auffassung Gotamos mit
Bestimmtheit von der unseren. Indes Wert oder Unwert des Wissens bei
uns ausschließlich davon abhängig gemacht wird, ob es Wahrheit, ob es
Irrtum mitteilt, entscheiden dort Wahrheit und Irrtum von sich aus
nicht über Wert oder Unwert des Wissens. Wesentlich für das Wissen
ist ausschließlich das eine, daß es den Wissenden emporstufe und
empormensche gemäß der Lehre, gemäß der Regel. Ein Wissen jedoch,
nur dazu erworben, um Wahres von Verkehrtem, Falschem, Irrigem zu
sondern, ist in den Augen Gotamos wofern nicht wertlos, so doch
vollkommen belanglos: Adiaphoron! In dem berühmten Gleichnis vom
vergifteten Pfeil in der Dreiundsechzigsten Rede aus der Mittleren
Sammlung Majjhimanikâyo fertigt der Buddho alle diesbezügliche
Neubegier mit einem unübertrefflich feinen und geistreichen Spott ab,
und wer hier zwischen den Zeilen und nicht allein auf ihnen zu lesen
verstünde, der würde vielleicht gewahr, daß für Gotamo unter den
Inbegriff ‚wissenschaftlicher‘ Neubegier so ziemlich alle die ‚ewigen‘
Fragen unserer Europäerwelt mit ihren Disjunktionen, Alternativen,
Paralogismen, Subreptionen, Antinomien fallen, -- tausendunddrei und
ihr seid auch dabei!...
Nur Eine Wissenschaft, nur Eine Wahrheit tat hier also wirklich not.
Sie aber, und dies ist die hohe Überraschung für den Protestanten des
Westens, ist keiner Kritik unterworfen. Das Wissen, ein Verfahren der
Verwirklichung und Vollendung des ‚heiligen Zieles‘, erträgt in dieser
Eigenschaft schlechterdings keinen Einspruch, keinen Abstrich, keine
Verbesserung, keine Erweiterung: weder im großen und ganzen noch im
einzelnen und kleinen. Hier steht jeder Buchstab’, jedes Wort und jeder
Satz, und weh’ dem eitlen Besserwisser, der sich nach Abendländersitte
hier gedreistet, kritische Glossen an den Rand zu schreiben. Der
Buddho, unstreitig die edelste Verkörperung menschlicher Duldsamkeit,
zeigt sich durchaus unduldsam in Ansehung der Lehre und versteht
bezüglich ihrer wahrlich keinen Spaß. Wir Europäer, unduldsam bis ins
Mark und aus Unduldsamkeit unsäglich böse, tückisch und rachsüchtig,
wir haben die ‚Freiheit der Kritik‘ erfunden, um uns vor uns selbst
zu schützen, -- und haben damit kraft ungeschriebenen Gesetzes auch
der dreckigsten Nase erlaubt, ja geradewegs geboten, die reinlichsten,
heiligsten, göttlichsten Dinge zu beschnüffeln. Aber Gotamo, dessen
Muttersprache nicht einmal ein Wort für Ketzerei enthält, geschweige
denn einen Begriff, -- wie fertigt er seine Mönche ab, wenn sie sich
herausnehmen wollen, eine eigene Meinung hinsichtlich der Lehre zu
haben! Mit welch ätzender Schärfe, mit welch schneidender Härte weist
er den leisesten Versuch zurück, an der Lehre zu kritteln und zu
deuteln: mit einer Härte und Schärfe, welche kein römischer Papst hat
jemals übertreffen können. Das Wort sie sollen lassen stahn, dieses
Prooimion überschreibt groß und wuchtig die Pforte, durch welche der
Mönch Einlaß findet in diesen heiligsten Orden der Welt. Undenkbar,
ganz unausdenkbar, daß jeder grünere oder reifere, jeder dümmere
oder klügere Mensch ein Recht dazu besäße, die Lehre zu erörtern
oder vollends über ihren Wert oder Unwert (der diesseit-jenseit von
Wahr und Falsch ist!) die Entscheidung zu treffen. Undenkbar, ganz
unausdenkbar, daß ein beliebiger Jemand den lebendig gewachsenen
Wunderbau dieser ‚Wissenschaft‘ etwa hätte auf einem neuen Grundriß
errichten, daß er hier eine Wand hätte einziehen, dort eine Mauer
hätte ausbrechen lassen dürfen. Wohl hat der Buddho nicht verhindern
können, daß nach seiner endgültigen Erlöschung manche ‚unechte‘ Rede
unter dem Stempel ‚Das hab ich gehört‘ in Umlauf kam, -- manche Rede,
die er nie gesprochen oder wenigstens nie in diesen Worten gesprochen
hatte. Wohl hat er ferner nicht verhindern können, daß sein Bild im
Gedächtnis der Nachlebenden solang aufgehöht und übermalt ward, bis
es zuletzt zu jener Völligkeit des erhabenen Reliefs gedieh, welche
unerläßlich zu sein scheint, damit unberatene Völker das geistige
Walten eines ‚Herrn‘ verspüren. Und am wenigsten hat er verhindern
können, daß die Legende, will heißen das zu ‚Sagende‘ und zu ‚Lesende‘,
ihn schließlich mit der Aureole von Majestät umspann, die stets das
Wahrzeichen einer vollzogenen Göttlichsprechung des Menschen durch die
Menschheit gewesen ist. Jedoch was in der Folgezeit auch geschehen
sein mochte, damit aus dem urwüchsigen Buddhismus des _Hînayânam_
(das ist ‚Kleines Fahrzeug‘) der Buddhismus des _Mahâyânam_ (das ist
‚Großes Fahrzeug‘) werden konnte und mithin aus der Religion des
Buddho die eine Kirche oder die mehreren Kirchen der Âdhibuddhas,
Dhyânibuddhas, Dhyânibodhisattvas, -- in keinem Fall verliert sich der
Protestantismus Gotamos in den Kritizismus, wie das dem europäischen
Protestantismus zugestoßen ist. In keinem Fall beschwört folglich der
indische Protestantismus über seine Heimat die Krisis herauf eines
Wissens um der Wahrheit an und für sich selbst willen, wie das der
Kritizismus des Westens getan hat. Wieviel starke oder schwache Fäden
daher auch gezwirnt sein mögen, die zwischen indischem und europäischem
Protestantismus hin- und widerschießen, und wie vertraulich nah’
der Buddho bald einem Eckhart, bald einem Kant, bald einem Nietzsche
rücke, -- was seine Lehre anlangt, gehört sie mit ihrem Anspruch auf
unbedingte Geltung eher den katholisch-dogmatischen Lebensordnungen
an als den protestantisch-kritischen. Oder sag’ ich vorsichtiger
und richtiger: sie würde eher jenen als diesen zugehörig sein, wenn
sie nicht zu guter Letzt weder mit dem Dogma noch mit der Kritik in
unserem europäischen Wortverstand im geringsten etwas zu schaffen
hätte. Denn faß’ ich jetzt einmal noch alles hier Gesagte zusammen
und frage einmal noch: was hat es für eine Bewandtnis mit dieser
Lehre, diesem Wissen _sui generis_ diesseit wie jenseit von Dogmatik
und Kritik? -- so ist nur eine Antwort darauf möglich: diese Lehre,
dieses Wissen ist kein Urteilen mehr und kein Schließen, kein Besondern
mehr und kein Verallgemeinern, kein Rechnen mehr und kein Zählen,
kein Verbinden mehr und kein Trennen, kein Ergründen mehr und kein
Erklären, kein Messen mehr und kein Wägen, kein Unterscheiden mehr und
kein Ineinandersichten, kein Voraussetzen mehr und kein Beweisen, kein
Zergliedern mehr und kein Verknüpfen, kein Begriffbilden mehr und kein
Sinndeuten. Sondern ist recht und schlecht ein Tun und Vollbringen,
durch welches der Mönch nach erworbener Meisterschaft sein Verhältnis
zur Welt und sein Verhalten zu ihr regelt. Verwinder des Nichtwissens,
Verwinder des Wähnens, Verwinder des Leidens, strahlt der Wissende
das Licht seines Wissens in alle Richtungen und Winkel des erfüllten
Raums. „Liebevollen Gemüts weilend strahlt er nach einer Richtung,
dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten,
ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend
durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem,
tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Erbarmenden
Gemütes -- freudevollen Gemütes -- unbewegten Gemütes weilend strahlt
er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten,
dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall
in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit
erbarmendem Gemüte, mit freudevollem Gemüte, mit unbewegtem Gemüte, mit
weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem“...
Der Mönch der unbeschränkten Gemüterlösung, der Strahlende Mönch,
ihr Christen, das also ist der gotamidisch Wissende. Der Strahlende
Mönch, das ist der Wissende, der da sein Wissen, indem er’s übt und
vollbringt, wider jeden Einwand feit und sichert. Der Strahlende
Mönch, das ist der Wissende, der sein Wissen gültig in sich selber und
gültig durch sich selber rechtfertigt, erhärtet und bewährt. Europa
aber, ihr Christen, das berstende Haupt der Erde, -- es möchte sein,
ihr Christen, daß es in dunkelster Stunde seines Mönches harre, der
da wissend geworden in die Verfinsterung hinein sein Licht strahlt:
erbarmenden Gemütes, freudevollen Gemütes, unbewegten Gemütes...
DIE VIERTE UNTERWEISUNG:
BUDDHO DER ÖST-WESTLICHE
DAS HEILIGE JA LASST UNS BEKENNEN DAS HEILIGE JA ÜBER DIE AUF- UND
NIEDERGÄNGE -- DAS HEILIGE JA ÜBER GEBURT UND TOD, GESTIRN UND
SCHICKSAL -- DAS HEILIGE JA ERSCHAFFE DIESE WESEN UND ERHALTE SIE,
DAMIT SIE IN DER FÜLLE STEHN WIE EINE HUNDERTBLÄTTERROSE IN IHRES
MITTSOMMERS MITTAGGLÜCK -- DAS HEILIGE JA ZERSCHMELZE DIESE WESEN IN
SEINES EWIGEN FEUERS TIEGEL UND HÄRTE SIE DARIN, BIS SIE GEDIEHEN
SIND, BIS SIE GEDIEGEN SIND -- UND ALSO VERLÖSCHE DAS HEILIGE JA
DIESE WESEN IN SEINES EWIGEN WASSERS BORN UND BRING IN IHM DIE WESEN
WIEDER EWIGLICH -- WILLKOMMEN DEM JA-SELBST ALLE WESEN UND WILLKOMMEN
IHM GLEICHERMASSEN DIE GEGEN- UND WIDERWESEN ALLE -- DIES IST DAS
HEILIGE JAWORT UND FROHWORT UND DES FROHWORTES HEILIGE GRUSSSPENDE,
ANDACHTSPENDE, OPFERSPENDE -- DIES IST GELÄUTERTEN HERZENS ERSTGEBURT,
DARGEBRACHT IM FESTWEIHTEMPEL DER WELT -- WER DU AUCH BIST, O MENSCH,
IN VIERTEN VIERTELS EDLER MONDSCHWELLUNG DEINER MENSCHLICHKEIT ODER IN
IHRES DRITTEN, ZWEITEN, ERSTEN VIERTELS BEDAUERLICHER SCHWINDUNG:
-- ICH WILL DIR WOHL --
DIES IST DIE LETZTE UNTERWEISUNG
Es ist uns etwas zugestoßen, ihr Christen, während dieser
Mitternachtstunde in der Völkergruft Europas. Es ist uns etwas
zugestoßen, wofür es noch keinen Namen gibt; es ist uns ein Zeichen
geworden, welches noch niemand deuten kann. Mit nichten aber ist es
dieser Krieg oder was ihm noch folgen wird auf seiner qualmenden Bahn.
Auch der drohende Niedergang ist es nicht einer dreitausendjährigen
Gesittung, die ihren Weg einst vom Südosten des Festlands aus
genommen hatte, dann den Westen und die Mitte wie mit artenreichem
Pflanzenwuchs verschwenderisch berankte, und jetzt im Nordosten des
Festlands jählings endigt. Gehört doch derlei jeweils zu dem Leben
der Geschichte: daß Siebenjährige, Dreißigjährige Kriege wüten, daß
volkreiche Staaten gegründet und zerstört werden, daß rühmliche
Gesittungen reifen und entarten. Sogar Umwälzungen von heftigster
Gewaltsamkeit, die wir, käme es nur auf uns an, höchstens als grausame
Ausnahmen gelten ließen, gehören offenbar zu den gebräuchlicheren
Mitteln der Geschichte. Wären wir zum Beispiel genauere Kenner unseres
Mittelalters, als wir in der Regel sind, dann wäre uns bewußt, daß
in unserer eigenen Vergangenheit ein gesellschaftlicher Umsturz nach
dem andern pausenlos eintrat wie das Feuern aus den Geschützen einer
Batterie. Erlauchte Rassen und Stämme, eben noch Träger weithin
wirkender geschichtlicher Bewegungen, sind schon einen Augenblick
später von den Wirbeln des Todes fast spurlos verschlungen. Und wo
die Rassen oder Stämme als solche dauern, da schichten sich ihre
Stände in desto stärkeren Erschütterungen um und um. Was das für ein
Trauerspiel gewesen sein mag, wenn etwa die freien Bauernschaften der
taciteischen Germanen unter den fränkischen, sächsischen, salischen
Königen unwiderstehlich zu Hintersassen, zu Hörigen erniedrigt wurden,
das ahnen wir vielleicht in diesen Tagen, wo ein blühender Mittelstand
einem ähnlichen Verhängnis verfallen zu sein scheint. Was damals den
freien Bauern der Dorf- und Markgenossenschaft geschah, ist später dem
Laienadel nicht erspart geblieben, der seinerseit vom Aufstieg der
Städte und von der Ausbreitung der Geldwirtschaft an in fortschreitende
Abhängigkeit vom bürgerlichen Geldgeber gerät. Bis dann im
Dreißigjährigen Krieg auch diesem Bürger wiederum die Stunde geschlagen
hatte und er zu seinem Teil dem _dominus terrae_ mehr oder minder
schimpflich untertänig ward... Umwälzungen dieser Art, wie bitter sie
von den Betroffenen empfunden werden und wie zahlloses Menschenglück
ihnen zum Opfer fällt, gehören also dennoch dem unbegreiflichen
Leben und Weben der Geschichte an. Wir Gegenwärtigen verwundern uns
mutmaßlich über sie nur darum so ungemein, weil wir in vierzig Jahren
gleißender Befriedung und Verbürgerung die schicksalhafte Härte und
Unabänderlichkeit geschichtlichen Geschehens höchstens noch in den
Annalen der Vergangenheit fanden. Welch ein unterschwürig bedrohtes,
stets der Bedrängnis seitens des Mächtigeren ausgesetztes Dasein der
geschichtliche Mensch bis dahin zu fristen verdammt war, hatten wir
gründlich vergessen, -- vielleicht mit alleiniger Ausnahme derer,
die sich mit Recht oder Unrecht die Enterbten zu nennen pflegten.
Erschüttert und aufgewühlt, ja in tiefster Seele recht eigentlich
außer uns gesetzt, erfühlen wir’s erst seit Neunzehnhundertundvierzehn
wieder, was es heißt, um Luft und Licht, Freiheit und Leben zu ringen
auf jenem fürchterlichen Kampfschauplatz, der Geschichte heißt...
Trotzdem kann es nicht diese mit Blut und Tränen erkaufte Erkenntnis
sein, die uns aus jedem wohltätigen Gleichgewicht der Seele gebracht
hat. Da es der geschichtlichen Menschheit nur in wunderseltensten
Feierstunden besser erging als uns, meist jedoch wesentlich schlechter,
müßte sie folgerichtig auch ihrerseit die Merkmale, und zwar die
verstärkten Merkmale unserer dermaligen Gemütsverfassung aufweisen,
-- weist sie aber dessen unerachtet nicht auf! Im Gegenteil. Je
unsicherer, gesetzloser, verbrecherischer die Zeiten waren, je heftiger
der Einzelne unter sittlicher und bürgerlicher Willkür zu leiden
hatte, je fragwürdiger sich sein ganzes gesellschaftliches Dasein
ausnimmt, desto hochwertiger bedünken uns oft die Leistungen unserer
geschichtlichen Vorfahren. In einer Chronik des dreizehnten oder
sechzehnten Jahrhunderts blätternd, verstehen wir’s schlechterdings
nicht, wie es die Menschen unter den geschilderten Verhältnissen
hatten überhaupt nur aushalten können. Uns aber dann von diesen
Chroniken her den Denkmalen jener Zeiten zuwendend, den Denkmalen in
Erz und Stein, in Holz und Glas, auf Leinwand und auf Pergament, --
wie sind wir nicht erstaunt und ergriffen von der Weitatmigkeit des
Schwungs, der die Besten ihres Zeitalters zu solchen Werken, solchen
Taten hinriß! Und wie wir denn im Leben wohl hie und da einen Mann
kennenlernen, der von wilden Leidenschaften hin- und hergetrieben
wird und dennoch auf dem Grunde seines Wesens einen tiefen, schönen
Frieden göttlich spiegelt, so scheinen just die Zeitalter klassischer
Erfüllung nach außen hin zwar stürmischer als alle anderen bewegt,
jedoch nach innen in jenem Zustand seelischer Ausgeruhtheit durchaus
zu verharren, wie er nach traumlos erquickendem Schlaf das menschliche
Gehirn allein zu seinen schöpferischen Eingebungen stärkt und befähigt.
Diesen beneidenswerten Anblick indes bieten wir selbst heute in
keinerlei Betracht dar, wenigstens nicht für uns selbst als unsere
eigenen Beobachter und Beurteiler. Im Unterschied zu so begünstigten
Zeitaltern ist das unsrige vielleicht, nach außen gewendet, nicht
einmal stürmisch bewegt zu nennen, -- wie ungereimt dies auch
klingen mag! -- geschweige, daß es, nach innen gewendet, den Zustand
gestärkten Ausgeruhtseins, Ausgeruhthabens nach irgend einer Richtung
hin darbieten würde. Die entnervende Unruhe, die uns ergriff, ist
nicht die Unruhe des aufbrandenden Lebens, sondern des fiebernden
Blutes. Unserm Betätigungdrang fehlt bei aller Rastlosigkeit der weit
ausholende Pendelschlag organischer Rhythmik. Unserm Übereifer zu
Lebenserneuerungen um jeden Preis mangelt die sichere Einstellung in
die letzten Welt- und Lebensziele. Unserer Geschwätzigkeit über Gott
und Geist gebricht das unbeirrbare Zutrauen zu uns selbst und der von
uns gewählten Richtung. Darum überzeugt keiner den andern, traut keiner
dem andern, glaubt keiner dem andern. Ein unbestimmbares Etwas, eine
Tugend, eine Gnade ist uns offenbar abhanden gekommen, welche unsere
Vorfahren in den schlimmsten Zeiten der Vergangenheit nicht zu missen
hatten. Irgend ein Gut, dessen der geschichtliche Mensch unerläßlich
zum Leben bedarf, wurde uns entwendet; irgend welche Gewichte, die den
Uhrgang unserer Zeitlichkeit zu regeln haben, sind ausgehängt worden.
Aber es ist wahrhaftig schwer, ein Ding zu suchen und wieder zu finden,
von welchem man nicht einmal eine deutliche Vorstellung hat und das man
trotzdem verlor...