Europa aber oder die Christenheit, ihr Christen es litt und leidet

unbeschreiblich unter dieser verhängnisvollsten Konsequenz des

europäischen Protestantismus, die da Kritik heißt: Kritik ohne

Einschränkung oder Zügelung, Kritik ohne Pause oder Ruhepunkt, Kritik

ohne Grenze oder Maß, Kritik ohne Anstand oder Zucht. Mit dieser

Kritik ist der Protestantismus des Westens außer Rand und Band

geraten, und außer Rand und Band geraten sind mit ihm die Protestanten

und Nichtprotestanten alle, die sich ihm freiwillig oder gezwungen

gefügt haben, weil sie nicht das Odium der Unwissenschaftlichkeit

auf sich nehmen wollten. Indes dieser Kritizismus am Leib und mehr

noch an der Seele und am Geist der westlichen Menschheit frißt

und wahrscheinlich alle drei noch einmal auffrißt, zeigt sich der

Protestantismus Indiens von dieser Krankheit schlechthin unergriffen.

In einer unverhältnismäßig entschiedeneren Art Protestant als

irgend wer unter den repräsentativen Protestanten des Abendlandes,

-- den einzigen Nietzsche ehrenvoll ausgenommen! -- verbietet eben

dieser Protestant κατ’ ἐξοχήν Gotamo seinem Orden alles, was der

Westen als die weltgeschichtlich bedeutsamste Errungenschaft des

protestantischen Zeitalters immer noch mit vollen Backen auszuposaunen

liebt: das uneingeschränkte Recht der Persönlichkeit auf Kritik,

die uneingeschränkte Pflicht der Persönlichkeit zur Kritik, die

uneingeschränkte Freiheit der Persönlichkeit zur Kritik. Wir Europäer,

die wir seit Platons Tagen gelernt haben, das Wissen um der Wahrheit

willen zu betreiben und bestenfalls in den Hoch- und Glanzzeiten

unserer drei oder vier klassischen Kulturen den zersetzenden

Wirkungen des _l’art pour l’art_ ausgewichen sind, -- wir Europäer

wurden durch eben dieses _l’art pour l’art_ die frechen _libertins_

des Wissens und der Wahrheit, mit nur geringer Hoffnung, uns diese

_libertinage_ noch einmal selber zu verbieten, selber zu verbitten:

ganz einfach aus der Erkenntnis ihrer Gefährlichkeit heraus. Der

indische Mensch hingegen, von allem Anfang an das Wissen als eine

Leistung von ganz anderem Sinn bewertend, bedient sich auch nirgends

der Kritik, um von ihr aus das Wissen zu rechtfertigen, zu erhärten,

zu bewähren. Vielmehr liegt es durchaus in der Machtvollkommenheit des

Wissenden, das Wissen über jede Möglichkeit der Anzweiflung hinaus zu

rechtfertigen, zu erhärten, zu bewähren. Dadurch nämlich, daß er mit

Hülfe des Wissens jenen menschlichen Zustand verwirklicht, welchen

das denkwürdige Gespräch der Chândogya-Upanischad zwischen Nârada

und Sanatkumâra als die Überwindung des Kummers bezeichnet: „Ich

aber, o Ehrwürdiger, bin bekümmert...“ -- „Ich aber, o Ehrwürdiger,

bin nicht mehr bekümmert!“... Wo der Wissende denen, die um ihm sind

oder die sich ihm nähern, zu erkennen gibt, daß er diesen Zustand

wirklich in sich verkörpert, da hat der Wissende nicht allein sich

selber, sondern außerdem auch sein Wissen über jeden Einwand gewiß

gemacht. An seinem persönlichen Zustand und Urstand liest man die

Stufe erlangter Wissenschaft unmittelbar ab, wie man an den Zahlen

eines Wärmemessers die Grade der Wärme oder Kälte unmittelbar abliest.

So wird die Fragestellung nach Wahr oder Falsch nicht geradezu

abgewiesen, denn dazu ist sie für die Lebensführung in jedem Sinn

viel zu unentbehrlich. Wären wir nämlich außer stand, Wahr und Falsch

zu unterscheiden, dann könnten wir wohl auch Wahrheit von Lüge nicht

unterscheiden, und dieser Mangel an notwendigstem Wissen würde

sofort in den Mangel an notwendigstem Gewissen umschlagen. Gehört

doch gerade nach der Lehre des Buddho die Lüge zu den fünf gröbsten

Hemmungen, die unbedingt beseitigt werden müssen, ehe die feinere

Arbeit der Selbstläuterung und Selbstheiligung von statten gehen kann.

Schon also um nicht lügen zu müssen, muß man Wahrheit von Wahn zu

unterscheiden vermögen, und in diesem Betracht läßt freilich auch die

buddhistische Heilslehre Kritik nicht nur zu, sondern fordert sie mit

aller Strenge. Auf der Erkenntnis der Wahrheit im Gegensatz zur Lüge

beruht auch hier jede höhere Menschlichkeit, und nur, was Wahrheit im

Gegensatz zu Irrtum, Irrtum im Gegensatz zu Wahrheit betrifft, trennt

sich die Auffassung Indiens, insonderheit die Auffassung Gotamos mit

Bestimmtheit von der unseren. Indes Wert oder Unwert des Wissens bei

uns ausschließlich davon abhängig gemacht wird, ob es Wahrheit, ob es

Irrtum mitteilt, entscheiden dort Wahrheit und Irrtum von sich aus

nicht über Wert oder Unwert des Wissens. Wesentlich für das Wissen

ist ausschließlich das eine, daß es den Wissenden emporstufe und

empormensche gemäß der Lehre, gemäß der Regel. Ein Wissen jedoch,

nur dazu erworben, um Wahres von Verkehrtem, Falschem, Irrigem zu

sondern, ist in den Augen Gotamos wofern nicht wertlos, so doch

vollkommen belanglos: Adiaphoron! In dem berühmten Gleichnis vom

vergifteten Pfeil in der Dreiundsechzigsten Rede aus der Mittleren

Sammlung Majjhimanikâyo fertigt der Buddho alle diesbezügliche

Neubegier mit einem unübertrefflich feinen und geistreichen Spott ab,

und wer hier zwischen den Zeilen und nicht allein auf ihnen zu lesen

verstünde, der würde vielleicht gewahr, daß für Gotamo unter den

Inbegriff ‚wissenschaftlicher‘ Neubegier so ziemlich alle die ‚ewigen‘

Fragen unserer Europäerwelt mit ihren Disjunktionen, Alternativen,

Paralogismen, Subreptionen, Antinomien fallen, -- tausendunddrei und

ihr seid auch dabei!...

Nur Eine Wissenschaft, nur Eine Wahrheit tat hier also wirklich not.

Sie aber, und dies ist die hohe Überraschung für den Protestanten des

Westens, ist keiner Kritik unterworfen. Das Wissen, ein Verfahren der

Verwirklichung und Vollendung des ‚heiligen Zieles‘, erträgt in dieser

Eigenschaft schlechterdings keinen Einspruch, keinen Abstrich, keine

Verbesserung, keine Erweiterung: weder im großen und ganzen noch im

einzelnen und kleinen. Hier steht jeder Buchstab’, jedes Wort und jeder

Satz, und weh’ dem eitlen Besserwisser, der sich nach Abendländersitte

hier gedreistet, kritische Glossen an den Rand zu schreiben. Der

Buddho, unstreitig die edelste Verkörperung menschlicher Duldsamkeit,

zeigt sich durchaus unduldsam in Ansehung der Lehre und versteht

bezüglich ihrer wahrlich keinen Spaß. Wir Europäer, unduldsam bis ins

Mark und aus Unduldsamkeit unsäglich böse, tückisch und rachsüchtig,

wir haben die ‚Freiheit der Kritik‘ erfunden, um uns vor uns selbst

zu schützen, -- und haben damit kraft ungeschriebenen Gesetzes auch

der dreckigsten Nase erlaubt, ja geradewegs geboten, die reinlichsten,

heiligsten, göttlichsten Dinge zu beschnüffeln. Aber Gotamo, dessen

Muttersprache nicht einmal ein Wort für Ketzerei enthält, geschweige

denn einen Begriff, -- wie fertigt er seine Mönche ab, wenn sie sich

herausnehmen wollen, eine eigene Meinung hinsichtlich der Lehre zu

haben! Mit welch ätzender Schärfe, mit welch schneidender Härte weist

er den leisesten Versuch zurück, an der Lehre zu kritteln und zu

deuteln: mit einer Härte und Schärfe, welche kein römischer Papst hat

jemals übertreffen können. Das Wort sie sollen lassen stahn, dieses

Prooimion überschreibt groß und wuchtig die Pforte, durch welche der

Mönch Einlaß findet in diesen heiligsten Orden der Welt. Undenkbar,

ganz unausdenkbar, daß jeder grünere oder reifere, jeder dümmere

oder klügere Mensch ein Recht dazu besäße, die Lehre zu erörtern

oder vollends über ihren Wert oder Unwert (der diesseit-jenseit von

Wahr und Falsch ist!) die Entscheidung zu treffen. Undenkbar, ganz

unausdenkbar, daß ein beliebiger Jemand den lebendig gewachsenen

Wunderbau dieser ‚Wissenschaft‘ etwa hätte auf einem neuen Grundriß

errichten, daß er hier eine Wand hätte einziehen, dort eine Mauer

hätte ausbrechen lassen dürfen. Wohl hat der Buddho nicht verhindern

können, daß nach seiner endgültigen Erlöschung manche ‚unechte‘ Rede

unter dem Stempel ‚Das hab ich gehört‘ in Umlauf kam, -- manche Rede,

die er nie gesprochen oder wenigstens nie in diesen Worten gesprochen

hatte. Wohl hat er ferner nicht verhindern können, daß sein Bild im

Gedächtnis der Nachlebenden solang aufgehöht und übermalt ward, bis

es zuletzt zu jener Völligkeit des erhabenen Reliefs gedieh, welche

unerläßlich zu sein scheint, damit unberatene Völker das geistige

Walten eines ‚Herrn‘ verspüren. Und am wenigsten hat er verhindern

können, daß die Legende, will heißen das zu ‚Sagende‘ und zu ‚Lesende‘,

ihn schließlich mit der Aureole von Majestät umspann, die stets das

Wahrzeichen einer vollzogenen Göttlichsprechung des Menschen durch die

Menschheit gewesen ist. Jedoch was in der Folgezeit auch geschehen

sein mochte, damit aus dem urwüchsigen Buddhismus des _Hînayânam_

(das ist ‚Kleines Fahrzeug‘) der Buddhismus des _Mahâyânam_ (das ist

‚Großes Fahrzeug‘) werden konnte und mithin aus der Religion des

Buddho die eine Kirche oder die mehreren Kirchen der Âdhibuddhas,

Dhyânibuddhas, Dhyânibodhisattvas, -- in keinem Fall verliert sich der

Protestantismus Gotamos in den Kritizismus, wie das dem europäischen

Protestantismus zugestoßen ist. In keinem Fall beschwört folglich der

indische Protestantismus über seine Heimat die Krisis herauf eines

Wissens um der Wahrheit an und für sich selbst willen, wie das der

Kritizismus des Westens getan hat. Wieviel starke oder schwache Fäden

daher auch gezwirnt sein mögen, die zwischen indischem und europäischem

Protestantismus hin- und widerschießen, und wie vertraulich nah’

der Buddho bald einem Eckhart, bald einem Kant, bald einem Nietzsche

rücke, -- was seine Lehre anlangt, gehört sie mit ihrem Anspruch auf

unbedingte Geltung eher den katholisch-dogmatischen Lebensordnungen

an als den protestantisch-kritischen. Oder sag’ ich vorsichtiger

und richtiger: sie würde eher jenen als diesen zugehörig sein, wenn

sie nicht zu guter Letzt weder mit dem Dogma noch mit der Kritik in

unserem europäischen Wortverstand im geringsten etwas zu schaffen

hätte. Denn faß’ ich jetzt einmal noch alles hier Gesagte zusammen

und frage einmal noch: was hat es für eine Bewandtnis mit dieser

Lehre, diesem Wissen _sui generis_ diesseit wie jenseit von Dogmatik

und Kritik? -- so ist nur eine Antwort darauf möglich: diese Lehre,

dieses Wissen ist kein Urteilen mehr und kein Schließen, kein Besondern

mehr und kein Verallgemeinern, kein Rechnen mehr und kein Zählen,

kein Verbinden mehr und kein Trennen, kein Ergründen mehr und kein

Erklären, kein Messen mehr und kein Wägen, kein Unterscheiden mehr und

kein Ineinandersichten, kein Voraussetzen mehr und kein Beweisen, kein

Zergliedern mehr und kein Verknüpfen, kein Begriffbilden mehr und kein

Sinndeuten. Sondern ist recht und schlecht ein Tun und Vollbringen,

durch welches der Mönch nach erworbener Meisterschaft sein Verhältnis

zur Welt und sein Verhalten zu ihr regelt. Verwinder des Nichtwissens,

Verwinder des Wähnens, Verwinder des Leidens, strahlt der Wissende

das Licht seines Wissens in alle Richtungen und Winkel des erfüllten

Raums. „Liebevollen Gemüts weilend strahlt er nach einer Richtung,

dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten,

ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend

durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem,

tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Erbarmenden

Gemütes -- freudevollen Gemütes -- unbewegten Gemütes weilend strahlt

er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten,

dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall

in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit

erbarmendem Gemüte, mit freudevollem Gemüte, mit unbewegtem Gemüte, mit

weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem“...

Der Mönch der unbeschränkten Gemüterlösung, der Strahlende Mönch,

ihr Christen, das also ist der gotamidisch Wissende. Der Strahlende

Mönch, das ist der Wissende, der da sein Wissen, indem er’s übt und

vollbringt, wider jeden Einwand feit und sichert. Der Strahlende

Mönch, das ist der Wissende, der sein Wissen gültig in sich selber und

gültig durch sich selber rechtfertigt, erhärtet und bewährt. Europa

aber, ihr Christen, das berstende Haupt der Erde, -- es möchte sein,

ihr Christen, daß es in dunkelster Stunde seines Mönches harre, der

da wissend geworden in die Verfinsterung hinein sein Licht strahlt:

erbarmenden Gemütes, freudevollen Gemütes, unbewegten Gemütes...

DIE VIERTE UNTERWEISUNG:

BUDDHO DER ÖST-WESTLICHE

DAS HEILIGE JA LASST UNS BEKENNEN DAS HEILIGE JA ÜBER DIE AUF- UND

NIEDERGÄNGE -- DAS HEILIGE JA ÜBER GEBURT UND TOD, GESTIRN UND

SCHICKSAL -- DAS HEILIGE JA ERSCHAFFE DIESE WESEN UND ERHALTE SIE,

DAMIT SIE IN DER FÜLLE STEHN WIE EINE HUNDERTBLÄTTERROSE IN IHRES

MITTSOMMERS MITTAGGLÜCK -- DAS HEILIGE JA ZERSCHMELZE DIESE WESEN IN

SEINES EWIGEN FEUERS TIEGEL UND HÄRTE SIE DARIN, BIS SIE GEDIEHEN

SIND, BIS SIE GEDIEGEN SIND -- UND ALSO VERLÖSCHE DAS HEILIGE JA

DIESE WESEN IN SEINES EWIGEN WASSERS BORN UND BRING IN IHM DIE WESEN

WIEDER EWIGLICH -- WILLKOMMEN DEM JA-SELBST ALLE WESEN UND WILLKOMMEN

IHM GLEICHERMASSEN DIE GEGEN- UND WIDERWESEN ALLE -- DIES IST DAS

HEILIGE JAWORT UND FROHWORT UND DES FROHWORTES HEILIGE GRUSSSPENDE,

ANDACHTSPENDE, OPFERSPENDE -- DIES IST GELÄUTERTEN HERZENS ERSTGEBURT,

DARGEBRACHT IM FESTWEIHTEMPEL DER WELT -- WER DU AUCH BIST, O MENSCH,

IN VIERTEN VIERTELS EDLER MONDSCHWELLUNG DEINER MENSCHLICHKEIT ODER IN

IHRES DRITTEN, ZWEITEN, ERSTEN VIERTELS BEDAUERLICHER SCHWINDUNG:

-- ICH WILL DIR WOHL --

DIES IST DIE LETZTE UNTERWEISUNG

Es ist uns etwas zugestoßen, ihr Christen, während dieser

Mitternachtstunde in der Völkergruft Europas. Es ist uns etwas

zugestoßen, wofür es noch keinen Namen gibt; es ist uns ein Zeichen

geworden, welches noch niemand deuten kann. Mit nichten aber ist es

dieser Krieg oder was ihm noch folgen wird auf seiner qualmenden Bahn.

Auch der drohende Niedergang ist es nicht einer dreitausendjährigen

Gesittung, die ihren Weg einst vom Südosten des Festlands aus

genommen hatte, dann den Westen und die Mitte wie mit artenreichem

Pflanzenwuchs verschwenderisch berankte, und jetzt im Nordosten des

Festlands jählings endigt. Gehört doch derlei jeweils zu dem Leben

der Geschichte: daß Siebenjährige, Dreißigjährige Kriege wüten, daß

volkreiche Staaten gegründet und zerstört werden, daß rühmliche

Gesittungen reifen und entarten. Sogar Umwälzungen von heftigster

Gewaltsamkeit, die wir, käme es nur auf uns an, höchstens als grausame

Ausnahmen gelten ließen, gehören offenbar zu den gebräuchlicheren

Mitteln der Geschichte. Wären wir zum Beispiel genauere Kenner unseres

Mittelalters, als wir in der Regel sind, dann wäre uns bewußt, daß

in unserer eigenen Vergangenheit ein gesellschaftlicher Umsturz nach

dem andern pausenlos eintrat wie das Feuern aus den Geschützen einer

Batterie. Erlauchte Rassen und Stämme, eben noch Träger weithin

wirkender geschichtlicher Bewegungen, sind schon einen Augenblick

später von den Wirbeln des Todes fast spurlos verschlungen. Und wo

die Rassen oder Stämme als solche dauern, da schichten sich ihre

Stände in desto stärkeren Erschütterungen um und um. Was das für ein

Trauerspiel gewesen sein mag, wenn etwa die freien Bauernschaften der

taciteischen Germanen unter den fränkischen, sächsischen, salischen

Königen unwiderstehlich zu Hintersassen, zu Hörigen erniedrigt wurden,

das ahnen wir vielleicht in diesen Tagen, wo ein blühender Mittelstand

einem ähnlichen Verhängnis verfallen zu sein scheint. Was damals den

freien Bauern der Dorf- und Markgenossenschaft geschah, ist später dem

Laienadel nicht erspart geblieben, der seinerseit vom Aufstieg der

Städte und von der Ausbreitung der Geldwirtschaft an in fortschreitende

Abhängigkeit vom bürgerlichen Geldgeber gerät. Bis dann im

Dreißigjährigen Krieg auch diesem Bürger wiederum die Stunde geschlagen

hatte und er zu seinem Teil dem _dominus terrae_ mehr oder minder

schimpflich untertänig ward... Umwälzungen dieser Art, wie bitter sie

von den Betroffenen empfunden werden und wie zahlloses Menschenglück

ihnen zum Opfer fällt, gehören also dennoch dem unbegreiflichen

Leben und Weben der Geschichte an. Wir Gegenwärtigen verwundern uns

mutmaßlich über sie nur darum so ungemein, weil wir in vierzig Jahren

gleißender Befriedung und Verbürgerung die schicksalhafte Härte und

Unabänderlichkeit geschichtlichen Geschehens höchstens noch in den

Annalen der Vergangenheit fanden. Welch ein unterschwürig bedrohtes,

stets der Bedrängnis seitens des Mächtigeren ausgesetztes Dasein der

geschichtliche Mensch bis dahin zu fristen verdammt war, hatten wir

gründlich vergessen, -- vielleicht mit alleiniger Ausnahme derer,

die sich mit Recht oder Unrecht die Enterbten zu nennen pflegten.

Erschüttert und aufgewühlt, ja in tiefster Seele recht eigentlich

außer uns gesetzt, erfühlen wir’s erst seit Neunzehnhundertundvierzehn

wieder, was es heißt, um Luft und Licht, Freiheit und Leben zu ringen

auf jenem fürchterlichen Kampfschauplatz, der Geschichte heißt...

Trotzdem kann es nicht diese mit Blut und Tränen erkaufte Erkenntnis

sein, die uns aus jedem wohltätigen Gleichgewicht der Seele gebracht

hat. Da es der geschichtlichen Menschheit nur in wunderseltensten

Feierstunden besser erging als uns, meist jedoch wesentlich schlechter,

müßte sie folgerichtig auch ihrerseit die Merkmale, und zwar die

verstärkten Merkmale unserer dermaligen Gemütsverfassung aufweisen,

-- weist sie aber dessen unerachtet nicht auf! Im Gegenteil. Je

unsicherer, gesetzloser, verbrecherischer die Zeiten waren, je heftiger

der Einzelne unter sittlicher und bürgerlicher Willkür zu leiden

hatte, je fragwürdiger sich sein ganzes gesellschaftliches Dasein

ausnimmt, desto hochwertiger bedünken uns oft die Leistungen unserer

geschichtlichen Vorfahren. In einer Chronik des dreizehnten oder

sechzehnten Jahrhunderts blätternd, verstehen wir’s schlechterdings

nicht, wie es die Menschen unter den geschilderten Verhältnissen

hatten überhaupt nur aushalten können. Uns aber dann von diesen

Chroniken her den Denkmalen jener Zeiten zuwendend, den Denkmalen in

Erz und Stein, in Holz und Glas, auf Leinwand und auf Pergament, --

wie sind wir nicht erstaunt und ergriffen von der Weitatmigkeit des

Schwungs, der die Besten ihres Zeitalters zu solchen Werken, solchen

Taten hinriß! Und wie wir denn im Leben wohl hie und da einen Mann

kennenlernen, der von wilden Leidenschaften hin- und hergetrieben

wird und dennoch auf dem Grunde seines Wesens einen tiefen, schönen

Frieden göttlich spiegelt, so scheinen just die Zeitalter klassischer

Erfüllung nach außen hin zwar stürmischer als alle anderen bewegt,

jedoch nach innen in jenem Zustand seelischer Ausgeruhtheit durchaus

zu verharren, wie er nach traumlos erquickendem Schlaf das menschliche

Gehirn allein zu seinen schöpferischen Eingebungen stärkt und befähigt.

Diesen beneidenswerten Anblick indes bieten wir selbst heute in

keinerlei Betracht dar, wenigstens nicht für uns selbst als unsere

eigenen Beobachter und Beurteiler. Im Unterschied zu so begünstigten

Zeitaltern ist das unsrige vielleicht, nach außen gewendet, nicht

einmal stürmisch bewegt zu nennen, -- wie ungereimt dies auch

klingen mag! -- geschweige, daß es, nach innen gewendet, den Zustand

gestärkten Ausgeruhtseins, Ausgeruhthabens nach irgend einer Richtung

hin darbieten würde. Die entnervende Unruhe, die uns ergriff, ist

nicht die Unruhe des aufbrandenden Lebens, sondern des fiebernden

Blutes. Unserm Betätigungdrang fehlt bei aller Rastlosigkeit der weit

ausholende Pendelschlag organischer Rhythmik. Unserm Übereifer zu

Lebenserneuerungen um jeden Preis mangelt die sichere Einstellung in

die letzten Welt- und Lebensziele. Unserer Geschwätzigkeit über Gott

und Geist gebricht das unbeirrbare Zutrauen zu uns selbst und der von

uns gewählten Richtung. Darum überzeugt keiner den andern, traut keiner

dem andern, glaubt keiner dem andern. Ein unbestimmbares Etwas, eine

Tugend, eine Gnade ist uns offenbar abhanden gekommen, welche unsere

Vorfahren in den schlimmsten Zeiten der Vergangenheit nicht zu missen

hatten. Irgend ein Gut, dessen der geschichtliche Mensch unerläßlich

zum Leben bedarf, wurde uns entwendet; irgend welche Gewichte, die den

Uhrgang unserer Zeitlichkeit zu regeln haben, sind ausgehängt worden.

Aber es ist wahrhaftig schwer, ein Ding zu suchen und wieder zu finden,

von welchem man nicht einmal eine deutliche Vorstellung hat und das man

trotzdem verlor...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 20 / 26 段