Wahrheit wieder auf seine eigenen Beine zu stellen wagt, nachdem die
realistische Scholastik Wahrheit und Gott, nur gleichsam in der Mitte
zusammengewachsen, wie siamesische Zwillinge auf den europäischen
Jahrmärkten herumgezeigt hatte. Die Anstrengungen aber, wie sie in
den folgenden Jahrhunderten des siegreich vordringenden Nominalismus
gemacht werden zugunsten einer endgültigen Verselbständigung der
abendländischen Wissenschaft, sie werden vervielfältigt durch
die entsprechenden Anstrengungen der Reformatoren. Ein Mann wie
Luther lernt auf der Universität die Scholastik nur noch in der
nominalistischen Ausprägung kennen, und wenn er im Ungestüm der ersten
Kämpferjahre geradezu den Fortbestand europäischer Wissenschaftlichkeit
als solchen schwer gefährdet und vorübergehend eine massenhafte
Entvölkerung von Deutschlands hohen Schulen bewirkt, ist er bei der
Weiterführung seines Werkes doch zu sehr auf die Mitarbeit gelehrter
Humanisten angewiesen, um nicht zuletzt diesen neu erstandenen Typus
Wissenschaft und Wissenschafter seinerseit nach besten Kräften zu
fördern. Eine im Humanismus jener Tage schüchtern auflebende Freude
an der Gestalt des Weisen -- am anziehendsten vielleicht verkörpert
in dem gothaer Humanisten Konrad Mudt, der unter dem Namen Mutianus
Rufus einen schier sokratischen Einfluß auf die ihm ergebenen Jünglinge
ausübt, mit denen verbunden er innig „nach Gerechtigkeit, Mäßigkeit,
Geduld, Eintracht, Wahrheit und einmütiger Weisheit“ strebt! -- eine
solch schüchtern auflebende _rinascènza_ antiker Lebensführung und
Wissensbewältigung findet freilich nicht den Beifall des Bruders
Martinus und kann sie bei ihm nicht finden, dem der Weise seiner
ganzen Veranlagung nach noch mehr gegen den Strich gehen muß wie seinen
religiösen Vorkämpfern Paulus und Augustinus. Mit Weisheit war keine
Reformation gemacht und ein kochender Geyser ist kein Kristall, nicht
einmal ein flüssiger. Aber in der außerordentlichen Bewertung einer
kritisch zu betreibenden Wissenschaft fühlt sich auch Luther durchaus
mit dem Humanismus einig, -- war doch sein ganzer Evangelismus zutiefst
nur eine besonders fruchtbare Anwendung des humanistischen Grundsatzes
jener zeitgemäß verfahrenden Forschung: Zurück zu den Quellen! Zurück
zu den Ursprüngen! Zurück zu den Urkunden!... Diese humanistische
Wissenschaft, in ihrer Beschaffenheit ebensosehr nominalistisch und
kritisch wie die scholastische Wissenschaft realistisch und dogmatisch,
wird mithin seit der deutschen Reformation von dem mächtigen Atem des
Protestantismus gebläht und geschwellt. Kritik heißt die Springwurzel,
Kritik heißt die Sprengwurzel, welche die Schlösser soviel heimlicher
Schatzkammern des Wissens krachend aufsprengt; Kritik heißt die Kunst
der Vernunft, die Wahrheit an und für sich selbsttätig auszumitteln,
die vormals der Scholastiker gleichsam auf Gnadenwegen als den Geist
des Allerheiligsten in seinem Geist empfing. Jetzt besteht ein
angeborenes Menschenrecht für jeden, der des Wissens bedürftig ist,
die sich darbietenden Sachverhalte der Reihe nach zu prüfen auf ihre
Richtigkeit oder Irrigkeit hin, -- jetzt besteht sogar eine angeborene
Menschenpflicht, sich dieser selben Prüfung nicht in Feigheit oder
Trägheit zu entziehen, sondern sie vorzunehmen nach ‚bestem Wissen und
Gewissen‘. Der Kritiker, das ist der Richter über Wahr und Falsch:
der Richter, der da Wahr und Falsch erst zu suchen, erst zu finden
hat, ehe das Urteil ergehen kann, -- und just dieser Umstand ist von
großer Tragweite in der Folgezeit gewesen. Denn von da an heißt ja
Wissen nicht mehr einen von vornherein daseienden Besitz an ewigen
Wahrheiten, ewigen Denkinhalten, ewigen Gewißheiten einfach anzutreten,
wie beispielweis das Mittelalter die ewige Wahrheit ‚Gott‘ angetreten
hat. Fortab heißt Wissen in unablässiger Prüfung und Überprüfung die
Entscheidung über das, was gilt oder nicht gilt, durch eigenes Tun,
eigenes Können herbeiführen und furchtlos die Verantwortung für die
eigene Entscheidung auf sich nehmen. Ein gewaltiger Umschwung, der ein
paar Jahrhunderte später seinen denkwürdigen Ausdruck in der Lehre
Kants gefunden hat, wonach die Gegenstände des Wissens keineswegs
schon fertig zum Gebrauch vor dem zugreifenden Verstand des Wissenden
ausgebreitet liegen, wie bisher die übliche Meinung war, sondern
durch die geregelte Zusammenarbeit sämtlicher Erkenntniskräfte erst
erzeugt, hervorgebildet und erschaffen werden. Wenn der Platoniker nur
sein geistiges Auge aufzuheben brauchte zu der Feste der ‚in Wahrheit
seienden‘ Sinn-Bilder, nachdem er den Blick von dem Schein-Bild der
Werdewelt abgewendet hatte: und er alsdann das Wahre an und für sich
schaute; wenn der Peripatetiker nur in Übereinstimmung mit den
Vorschriften des Vernunftschlusses zu folgern brauchte, nachdem ihm
die ersten und grundlegenden Obersätze aller aufwärts und abwärts
leitenden Schlüsse durch unmittelbare Kenntnisnahme gegenwärtig
geworden waren: und er alsdann die Wahrheit an und für sich ergründete;
wenn der Scholastiker nur in Berührung zu gelangen brauchte mit der
Vollkommenheit des höchsten Wesens, nachdem er sich der begnadenden
Mitwirkung dieses Wesens bei diesem geistigen Mahl geistiger
Eucharistie versichert hatte: und er alsdann die Wahrheit als Gott und
Gott als die Wahrheit empfing, -- so liegt es jetzt dem Kritiker und
Kritizisten ob, sich ein für allemal die notwendige Klarheit darüber
zu verschaffen, daß es eine an und für sich seiende Wahrheit in der
bisher gültigen Auffassung eigentlich nicht gäbe, vielmehr durch die
Arbeit des Wissens und Erfahrens und Erkennens erst hervorgebracht
werden müsse. Mit dieser Einsicht erst, die der kantischen Kritik
verdankt wird, ist die allmähliche Umdeutung des Begriffes Wissen und
Wissenschaft zu Ende gebracht, welche im humanistischen Zeitalter mit
der Zersetzung des scholastischen und realistischen Dogmatismus beginnt
und dann vom Protestantismus so nachdrücklich gefördert wird. Und
wie etwa Benvenuto Cellini, der Erzgießer, gelegentlich alle Teller,
Schüsseln, Platten eines Geschirrs von Zinn, die er im Drang der
Not erraffen kann, einfach in den Sutt seiner eben werdenden Statue
hineinwirft, um sie darin für den Guß einzuschmelzen, -- so übergibt
Kant, der Kritizist, alle Gegebenheiten, Wahrheiten, Gewißheiten der
Erkenntnis, deren er überhaupt habhaft zu werden vermag, gleichsam dem
Sutt werdender Vernunfturteile, um derart die spröden Gebilde fertiger
Wissenschaft in die Tätigkeit der Wissenserzeugung einzuschmelzen. In
einem bis zu den obersten Voraussetzungen des Erkennens rücklaufenden
Verfahren hat mithin der Kritiker alles zu prüfen und immer wieder zu
prüfen, was mit dem Anspruch auf Verbindlichkeit und Geltung vor ihn
tritt. Nichts in der Welt ist dazu berechtigt, sich unbeanstandet,
unbeargwöhnt Wahrheit oder Gewißheit gar anzumaßen. Wofern jede
Prüfung aber auf dem Besitz der Maßstäbe, jede Entscheidung auf
dem Recht der Zuständigkeit fußt, obliegt dem Kritiker eine
andauernde Selbstbesinnung auf diese seine Maßstäbe, eine andauernde
Rechtfertigung dieser seiner Zuständigkeit. Die ganze unendliche Welt
legt der kritisch Prüfende, kritisch Entscheidende auf die Wage: der
kritisch Prüfende und Entscheidende wird sich und der Welt selber
zur Wage, die nun niemals mehr zur Ruhe kommt, sondern beständig auf
und nieder schaukelt, auf und nieder gaukelt. Jeder Einfall, jede
Beobachtung, jede Entdeckung erzwingt eine Verschiebung der Gewichte
und infolgedessen zittert und bebt, wankt und schwebt, tanzt und
schwankt alles Gewußte und alles Wißbare ohne Aufhören. Nichts mehr in
Raum-Zeit und Zahl steht fest, nichts mehr steht: und am wenigsten die
Wahrheit. Wie vordem das Radjuwel das Kennzeichen gewesen ist für die
Lehre Gotamos oder der Fisch das Kennzeichen für die Zugehörigkeit
zum Christentum, so wird jetzt das Fragezeichen zum Kennzeichen des
kritischen Wissensbegriffes und des ihm zugehörigen Weltalters,
-- das Fragezeichen das Kennzeichen und vielleicht eher noch das
Kainszeichen einer zu geistiger Fried- und Heimatlosigkeit verdammten
Menschheit. Unausgesprochen oder ausgesprochen, unausgeschrieben oder
ausgeschrieben erscheint das Zeichen der Frage hinter allen Urteilen
und Deutungen, Annahmen und Voraussetzungen der heutigen Wissenschaft
als die _reservatio mentalis_, die jedes erkenntnismäßige Ergebnis zu
einem nur einstweiligen, nur uneigentlichen, nur annäherungweisen,
nur widerruflichen unrühmlich herabsetzt. Es kann sich alles ungefähr
so verhalten, wie sich’s dem kritischen Bewußtsein zu dieser Stunde
zu verhalten scheint. Aber es kann sich auch alles völlig anders
verhalten, und der Möglichkeiten, wie sich’s verhalten könne, ist
nirgendwo kein Ende abzusehen...
Aus dieser verzweifelten Lage versucht sich der europäische Genius
noch einmal zu retten, eh’ er sich stumpfsinnig und ergeben in
das augenscheinlich Unvermeidliche schickt. Der kritische, ja der
protestantische Begriff des Wissens ist es, der jedem Einzelnen
die eiserne Pflicht auferlegt, die Aussagen des Verstandes, die
Grundsätze der Vernunft, die Entscheidungen der Urteilskraft auf ihr
Wahr oder Falsch, Richtig oder Irrig hin zu sichten und sich die
Stellungnahme zu ihnen je nach dieser Sichtung vorzubehalten. Aber
selbst in diesem Zeitalter der Kritik und des Kritizismus ist dem
Abendländer das Bewußtsein noch nicht völlig verloren gegangen, daß
die wesentlich menschheitliche Leistung des Wissens unmöglich auf
die kritische Schlichtung der Erkenntnisse in gültige und ungültige
allein beschränkt sein könnte. Sogar jetzt bleibt eine Ahnung wach, daß
alles Wissen, wie es auch beschaffen sei, für den geistig-seelischen
Aufbau der Person und für deren Selbstverwirklichung fruchtbar zu
machen sei. Gleichzeitig mit der Hochtürmung des kritischen Gedankens
in der kantischen Philosophie setzt eine neue humanistische Bewegung
ein von ungleich stärkerer und umfänglicherer Artung als jene des
fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts: und vor allem ist es ihr
zu danken, wenn man sich wieder deutlicher besinnt auf das, was ich
eben die menschheitliche Leistung des Wissens nannte. Das Wissen
kann, nein das Wissen soll der Bildung dienen, die Bildung aber der
planmäßigen Selbststeigerung, Selbstbereicherung, Selbstveredelung
aller menschlichen Fähigkeiten. Wenn also in Wahrheit die kritische
Auffassung des Wissens auf humanistische Ansätze im Zeitalter des
Protestantismus zurückgeführt werden darf, dann schreitet sie ihrerseit
auch wieder instinktiv zum Humanismus fort. Nur daß jetzt, -- wir
sind im achtzehnten Jahrhundert, -- die immerhin schmächtigen und
leibarmen Gestalten erfurter oder gothaer _doctores_ zu jenen stattlich
ragenden Persönlichkeiten ausgewachsen sind, welche Deutschlands Parnaß
damals bevölkerten. Noch einmal geben sich auf deutscher Scholle der
sokratisch Weise und der humanistisch Gebildete ein Stelldichein;
noch einmal treffen sich beide wenigstens in dem einen Gedanken enge,
daß jede menschliche Person die Anwartschaft auf ihre eigene Wahrheit
habe, um mit ihr zu leben und zu sterben, -- ja nicht allein auf ihre
eigene Wahrheit, sondern etwa auch auf ihren eigenen Irrtum, wie
Lessing so herzhaft tapfer erkannt und Goethe so natürlich schön gelebt
hat. Dieser humanistische Begriff der Bildung anerkennt zwar also
jegliche Pflicht zur Prüfung und Entscheidung über das Wahr-Falsch des
Wissens durchaus, aber ordnet dieser grundsätzlich protestantischen
Verpflichtung doch sofort die zweite als die höhere über, sich aus
dieser schlechten Unendlichkeit von Wahrheiten diejenigen gleichsam
auszusuchen, welche geeignet erscheinen, die eigene Persönlichkeit
ihrer äußersten Steigerung zuzuführen: und gleichfalls aus der
Unendlichkeit aller Irrtümer sogar auch solche Irrtümer, die demselben
Zweck dienlich sein möchten. Dem Weisen von ehedem war noch genau das
zu wissen nötig, was er in seiner Eigenschaft als Mensch, Mitmensch,
Bürger zu tun oder zu lassen habe, um als ein ‚Wohlbeschiedener‘ zu
wandeln, -- darüber hinaus durfte getrost alles Wissen überhaupt auf
sich beruhen bleiben. Der Gebildete indes nimmt es als sein bestes
Vorrecht, alles, wie sich’s eben fügt und schickt und trifft, seinen
aneignenden und anpassenden Tätigkeiten zu unterwerfen, womit er
freilich den schmalen Rahmen zerbricht, in welchen der Weise sein
schlichteres Bildnis von sich selber einzufassen liebte... In dem Maß,
als mithin der Zielgedanke der Weisheit den Zielgedanken der Bildung an
innerer Standfestigkeit und Unerschütterlichkeit übertrifft, in dem Maß
übertrifft auch der Zielgedanke der Bildung den der Weisheit an innerer
Umfänglichkeit und Spannungkraft. Der Weise ist immer auch zugleich ein
Geiziger, aber der Gebildete verschwendet, und zwar am meisten sich
selbst. Baustoff zum Aufbau seiner selbst, seines Selbst deucht ihn
alles, was überhaupt noch in die Grenzen menschlichen Aufnahmevermögens
fällt, nicht allein das ihm eigentümliche Wahre, sondern auch das
ihm eigentümliche Irrige. Der Gebildete weiß, daß Wahrheit und Wahn
aller Völker, Helden und Zeiten bilden können und gebildet haben, und
je stärker sich der Gebildete von dieser unumstößlichen Gewißheit
durchdrungen fühlt, desto weiter spannen sich die Grenzen dessen, was
er zu seiner Selbstverwirklichung verwerten kann. Das Wissen des Weisen
trachtet darnach, ein Mindestmaß zu werden; das Wissen des Gebildeten
eifert nach dem Höchstmaß schlechterdings, und wenn einen, so lockt
ihn der goldene Überfluß der Welt. Was da das Aug’ erblickt, das Ohr
vernimmt, die Hand ertastet, der Sinn erdenkt, die Einbildungkraft
erträumt, die Sehnsucht erwünscht, der Geist erdichtet, das wird ihn
unter günstigen Bedingungen formen und gestalten. Denn Bildung ist
Selbstvervielfältigung um alle die Erfahrungstoffe und Erlebnisinhalte
der Welt, und in diesem Wortverstand deckt sie sich schon beinah’ mit
der Erinnerung, die vorhin gleichermaßen gekennzeichnet ward als
eine Art von Selbstvervielfältigung. So spinnt der neue Humanismus
seidene Fäden über alle Länder und Erdteile, über alle Zeiten und
Gesittungen, über alle Äußerungen und Hervorbringungen, über alle
Geschehnisse und Geschichten. Neben das Rom der älteren Humanisten
tritt überragend Griechenland, neben Griechenland der Balkan,
Judäa, Arabien, Kleinasien, der Jrân, Ägypten, Indien, China...
Eine Weltwanderschaft beginnt, eine zweite _conquista_, nur ohne
Grausamkeit und Teufelei, ohne Blutvergießen und Verrat, ohne
Leibesmord und Seelenvergiftung, vielmehr alleinig mit der göttlichen
Waffe des Geistes. Der materiellen Besitzergreifung dieser Erde
folgt die spirituelle, und sie tilgt die blutigen Spuren jener mit
der Barmherzigkeit eines Engels. Denn diese Bildung -- ich nutze die
Gelegenheit, es endlich einmal auszusprechen! -- diese Bildung zeigt
ihre ehrwürdigen Träger und Vertreter wundersam begütigt: begütigter
vielleicht als die Heiligen der bisher bekannten Religionen in Europa.
Fast sieht es aus, als sei der Mensch dieses bösen Kontinentes hier zum
erstenmal wirklich Mensch, hier zum erstenmal wirklich gut geworden,
jetzt, wo er sich zum erstenmal bildet. Nicht aus Zufall auch wird in
diesem Weltalter der Bildung gleichfalls zum erstenmal die Duldung
zum Ideal der Zeit erhoben, nachdem sämtliche frühere Zeiten von
einer Tugend solchen Namens nicht nur nichts wußten, sondern nichts
wissen wollten. Zu dieser Stunde aber konnte, ja mußte die Duldung
ernstlich geboten werden, -- obschon diese Duldung natürlich eine
vieldeutige Erscheinung von mancherlei verschiedenen Ursachen gewesen
ist, die keineswegs alle auf dem Gebiet des Geistes liegen. Die Duldung
konnte, ja mußte in dieser Stunde geboten werden, weil der Gebildete
endlich begreift, wie gleichmäßig fruchtbar jede Tatsache des Wissens,
jede Tatsache des Glaubens sogar vom Menschen gemacht werden kann,
unbeschadet seiner protestantisch-kritischen Pflicht zur Prüfung
über Wahr und Falsch. Weil aber und wofern es der Gebildete ist,
welcher dies begreift, vermag er den kritischen Begriff des Wissens
von innen her zu überwinden. Wahr ist zwar nur, was die Vernunft in
Übereinstimmung mit ihren eigenen Grundlagen und Voraussetzungen
findet: aber in einem freien Sinn ist außerdem alles wahr, was den
Menschen bändigt und erzieht, veredelt und aufklärt, läutert und
verschönert, barmherzig und liebreich macht wie beispielweis jede
der drei bekannten großen Religionen. Und weshalb nur jede der drei
großen? weshalb nur jede der sogenannten Religionen? weshalb nicht
alle in der Seele empfangenen und aus der Seele geborenen Religionen,
Bekenntnisse, Glaubensvorstellungen, Moralen, Weltbilder, Künste,
Heil- und Heiligtümer? So aufgefaßt aber machen die geflügelten Worte
des Juden Nathan zum Kalifen Salah-ed-Din einen bislang unbekannten
Zustand unseres Festlands kenntlich: einen bislang unbekannten Zustand
nicht nur unseres Europa, sondern gleichsam eines neuen und eben
erst erstehenden Kontinentes, der vielleicht nicht ganz unpassend
Europasien zu nennen wäre, wenn anders man mir dieses Wort verzeihen
will, welches eines Tages, wer weiß es, ein kaum mehr zu entbehrender
Begriff sein wird... Genau diese nathanische Toleranz aber ist es,
die jetzt dem europäischen Gebildeten den Zugang, den lang und
fest versperrten, zum mütterlichen Festland wiederum entriegelt.
Denn daß in diesem Augenblick einer der kritischsten, ja einer der
polemischsten Köpfe seines kritischen Jahrhunderts diese durchweg
männliche Duldsamkeit verkündigt, -- es gibt auch eine weibische
Duldsamkeit, von der hier nicht geredet werden soll! -- daß just der
Kritiker zur Toleranz sich bildet und in der Toleranz seine Kritik
überwindet: das ist schon ein Stück Asien mitten im Herzen Europas.
Das ist die erste Regung asiatischer, ja schon fast gotamidischer
Groß- und Langmut, die sich unerschüttert-unerschütterlich genug weiß,
alles unter dieser irdischen Sonne Auf- und Niedergehende in seiner
Art an seinem Platze gelten zu lassen. Hier spricht die Menschlichkeit
Asiens, wenn just der leidenschaftlichste Anti-Dogmatikus, der
hitzigste Anti-Theologus das uralte Gleichnis von den drei Ringen
wieder aufgreift und es der europäischen Welt, nein der Welt überhaupt
als das nie mehr preiszugebende _tertium testamentum_ hinterläßt. Der
glänzendste Vertreter mittelalterlicher Bildung, der Fürst, an welchem
das glorreiche Deutschland des Mittelalters zugrunde ging, konnte auf
die nämliche Frage noch, welche Saladin dem weisen Nathan stellt, die
Antwort von den drei Betrügern finden. Lessing jedoch fand darauf die
tiefere und schönere Antwort von den drei Wahrheiten: und so fand er
auf seine Weise eine Spur von jener Lehre, „deren Anfang begütigt,
deren Mitte begütigt, deren Ende begütigt“...
Das Zwischenspiel der europäischen Bildung, die endlich wieder einmal
wußte, weshalb der Mensch wissen soll und wissen muß, war herrlich
aber kurz. Es versprach überschwänglich viel und vieles, und das
war mehr, als es halten konnte. Ein Jahrhundert, in wesentlichen
Stücken deutsch trotz aller staatlichen Unbedeutung Deutschlands, ein
Jahrhundert zwischen den Mannesjahren Herders, Wielands, Lessings
und dem Tod der beiden Humboldts, -- und vorbei! Dasselbe Volk aber,
welches den Begriff der Bildung in einem ruhmreichen Geschlecht von
Denkern, Künstlern, Dichtern und Gelehrten auf seinen europäischen
Gipfel getrieben hatte, schändet diese Bildung und schändet sich selber
mit einem niemals zu verzeihenden Zynismus. Was seit dem Sieg des
schlechteren Deutschland über das bessere in Deutschland selber und
folglich auch in Europa Bildung heißt, verhält sich zu der Bildung des
achtzehnten Jahrhunderts wie sich ein Mann etwa von der Würde Schillers
zu einem einjährig-freiwilligen Prüfling mit ‚erlangter Reife‘ verhält,
oder wie sich ein Kunstwerk von dem Wert des Palazzo Pitti zu einem
Schweinekoben verhält. Darüber ist längst jedes Wort zuviel; -- genug,
daß sich seit jenem schlimmsten Höllensturz, den vielleicht die
europäische Geschichte vor dem November 1918 zu verzeichnen hat, die
kritisch-protestantische Wissenschaftlichkeit des Abendlandes ohne
jede selbst auferlegte Hemmung gehen läßt und austobt wie ein Mönch,
der sein Gelübde brach. Jetzt hat ein jeglicher die Pflicht und auch
das Recht, nach Möglichkeit alles zu wissen, alles zu begutachten,
alles zu beurteilen, alles zu richten, alles zu entscheiden, alles
zu erlauben, alles zu verbieten. Wahrheiten, die nicht Wahrheiten
jedermanns sind und nicht ‚allgemein und notwendig‘ gelten oder nicht
gelten, gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten, die vielleicht
nach dem strengen Wortgebrauch des Wissenschafters keine sind, vielmehr
eher Irrtümer, die aber trotzdem ‚wahr‘ in einem anderen Wortgebrauche
sind, weil sie Leben spenden und Entwicklungen fördern und Kräfte
entfesseln und Bewegungantriebe übermitteln und Spannungen bewirken
und Lösungen vorbereiten, -- sie gibt es von jetzt an nicht mehr.
Wahrheiten, die mit den einzelnen Lebensaltern wachsen und wieder mit
ihnen welken und darum stets wieder ihre Zeit haben wie die Gezeiten
des Himmels und der Erde, gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten,
die furchtbar auszuhalten sind wie eine verlorene Schlacht und dennoch
eines Helden persönlichsten Sieg über die Welt und über sich selber
darstellen, gibt es von jetzt an nicht mehr. Wahrheiten, die zwar nicht
in Hörsälen nachgeschrieben, mit dem Steiß ersessen, mit dem Experiment
erhärtet werden, dafür aber etwa mit dem eigenen Leben beglichen und
mit dem eigenen Blut bezahlt sind, gibt es von jetzt an nicht mehr:
desgleichen nicht mehr Wahrheiten, die zwar nicht in staatlichen
Prüfungen öffentlich erprüft, dafür aber in vielerlei heimlichen
Proben erprobt sind, nämlich in der Feuerprobe, in der Wasserprobe,
in der Wollustprobe, in der Todesprobe, wie ein Adept altägyptischer
Mysterien... Fortab verhält sich eine Sache so oder anders, und sobald
dies ausgemacht ist, ist dieselbe Sache eigentlich im ersten wie im
zweiten Fall erledigt, -- denn ausgemachte Wahrheiten pflegen uns
gemeinhin ebenso wenig zu bekümmern wie ausgemachte Unwahrheiten. Die
Kriterien aber sind in jedermanns Besitz, wofern ja die Vernunft und
ihre Verfahrungweisen wenigstens grundsätzlich in jedermanns Besitz
sind. Kritik braucht daher nirgends haltzumachen, soll und darf
sogar nirgends haltmachen. Jeder stempelt alles ab, fertigt alles
ab, nimmt zu allem Stellung, wahrt zu allem Abstand, behält sich die
letzte Entscheidung gegenüber allem vor, unterwirft seinem Recht- und
Richterspruche alles. Denn Wissen, das heißt Gerichtstag halten, wie
einmal ein Dichter über das Dichten sagte; aber Gerichtstag halten
diesmal nicht über sich selber, wahrhaftig nicht! sondern über diese
ganze sicht- und unsichtbare Welt. Bis zuletzt keiner mehr woaus woein
weiß. Bis zuletzt keiner mehr eine Stätte weiß, wo er sein Haupt zur
Ruhe betten kann. Bis zuletzt keiner mehr Ursach’, Grund und Zweck
weiß, warum er weiß. Bis zuletzt keiner mehr in Wahrheit weiß, ob er
weiß oder ob er nicht weiß...