Unversehens also ist der abendländischen Menschheit das Wissen um

die Wahrheit an und für sich zum Ziel und Zweck des Wissens selbst

geworden. Durchaus in einer erkennenden Bewegung begriffen nach dem

An-und-für-sich-Sein der Wahrheit hin, gilt ihr deren Ergründung ohne

weiteres als Selbstzweck. Was dem Wissen um die Wahrheit an und für

sich dem menschlichen Leben und Dasein, dem Geist und der Seele etwa

bedeuten könnte, wird nicht gefragt, -- nicht wird gefragt, was die

Wahrheit als solche im Zusammenschluß menschheitlicher Wesensäußerungen

und für diesen Zusammenschluß zu leisten vermöchte. Das Ideal

dieser Wahrheit an und für sich, von allen asketischen Idealen der

europäischen Menschheit unzweifelhaft das asketischste, -- aber

freilich asketisch im Sinn Nietzsches und nicht im Sinn des Buddho!

-- dieses Ideal heischt unbedingte Selbsthingabe, ja Selbstaufgabe

dessen, der ihm dient: und so war man über seinen Wert beruhigt,

weil Selbsthingabe, Selbstaufgabe unter allen Umständen für gut

befunden worden. Es mußte eine tiefe Genugtuung sein für jeden, der

am babylonischen Turm der Wahrheit bauen helfen durfte, daß er daran

bauen helfen durfte, und sei’s auch nur, daß er Ziegel strich oder

Mörtel mengte. Die Wahrheit aber wuchs und wuchs Sandkorn um Sandkorn

wie eine Düne, wie eine Wüste, nach allen Erstreckungen des Geistes

hin. Denn unendlich ist die Zahl dessen, was gewußt werden kann, was

gewußt werden soll; unendlich sind auch die Verfeinerungmöglichkeiten

des eingeschlagenen Verfahrens und Forschens, Wägens und Erwägens,

Messens und Untersuchens, Zählens und Errechnens. Wer auch nur eine

einzige Wahrheit, ein Wahrheitchen, zum erstenmal ausgesprochen,

eine einzige kleine Beobachtung zum erstenmal gemacht, eine einzige

kleine Regelmäßigkeit zum erstenmal entdeckt hat, der half das _summum

bonum_ der Wahrheit an und für sich mehren und das unendliche Ganze

der Wissenschaft fördern. „Wenn ein Mann durch Jahre hindurch die

Magnetnadel, deren eine Spitze immer nach Norden weist, tagtäglich

zu festgesetzten Stunden beobachtete und sich die Veränderungen, wie

die Nadel bald mehr bald weniger klar nach Norden zeigt, in einem

Buch aufschriebe, so würde gewiß ein Unkundiger dieses Beginnen für

ein kleines und für Spielerei ansehen: aber wie ehrfurchterregend

wird dieses Kleine, wenn wir nun erfahren, daß diese Beobachtungen

nun wirklich auf dem ganzen Erdboden angestellt werden und daß aus

den daraus zusammengestellten Tafeln ersichtlich wird, daß manche

kleine Veränderungen an der Magnetnadel oft auf allen Punkten der

Erde gleichzeitig und in gleichem Maße vor sich gehen, daß also ein

magnetisches Gewitter über die Erde geht, daß die ganze Erdoberfläche

gleichzeitig gleichsam ein magnetisches Schaudern empfindet“...

Uneigennütziger und entsagungbereiter Fleiß des europäischen Gelehrten

legt also hier wirklich Körnchen neben Körnchen, Stäubchen neben

Stäubchen, bis die Masse der Wißbarkeiten und Gewißheiten zum Berg,

ja zum Gebirg gestockt ward, dessen Gipfel zuletzt niemand mehr zu

ersteigen vermag. Und wie die europäische Wirtschaft, seit sie nach

dem Ausgang des Mittelalters ‚frei‘ betrieben ward, jeweils Ware

um Ware auf Vorrat anzufertigen pflegt, ohne sich um ein wirklich

bestehendes Bedürfnis nach Waren irgendwie zu kümmern, um dann fast

in regelmäßigen Zeitabschnitten empfindliche Stockungen im Absatz und

Umsatz zu erleiden, -- so erzeugt die europäische Wissenschaft auch

ihre Wißbarkeiten und Gewißheiten gleichsam auf Vorrat, ohne darauf

bedacht zu sein, ob die aufnehmenden und verarbeitenden Fähigkeiten

des Menschen mit den hervorbringenden noch Schritt gehalten haben

möchten. So hat sich die Wissenschaft bei uns daran gewöhnt, um der

Wissenschaft willen zu forschen, und dieses _l’art pour l’art_,

_science pour science_ ist eigentlich seit Platon und Aristoteles,

will sagen seit den Anfängen des Hellenismus, in Europa auf lange

Zeitstrecken hin immer wieder das große Verhängnis des Abendländers

geworden. Ebenso planlos, ebenso frei, ebenso unverantwortlich wie die

Wirtschaft in hochkapitalistischen Weltaltern hervorbringt, ebenso

bringt in den hochintellektualistischen Weltaltern die Wissenschaft

hervor, also daß beide von Krisis zu Krisis, von Katastrophe zu

Katastrophe taumeln. Wo die Wissenschaft ausschließlich um der

Wahrheit willen betrieben wird, da gibt es kein Ziel und kein Maß

ihres sogenannten Fortschritts: da wälzt sie ihren unwiderstehlichen

Schwall über alle Ufer und schwemmt alles An- und Eingewurzelte von

seinem festen Platz, wo es würdig stand und fußte. In dem toten

Meere der Wißbarkeiten und Gewißheiten muß der Einzelne rettunglos

ertrinken, noch eh’ er an den eintönig-einsilbigen Horizonten ein

Fahrzeug wahrnimmt, das ihn bergen könnte. Die unvermeidlichen Folgen

dieser wissenschaftlichen Übererzeugung heißen Wissensmüdigkeit,

Wissensmißachtung, Wissensüberdruß, genau wie die Folgen der

wirtschaftlichen Übererzeugung Absatzstockung, Arbeiterentlassung,

Zahlungeinstellung heißen. Und in vierfacher Beziehung erweist die

Tatsache der europäischen Wissenschaft eine Fragwürdigkeit, welche

geradezu ihre Daseinsberechtigung zweifelhaft erscheinen läßt:

Als Stoff betrachtet wird das Wissen formlos, weil es Form offenbar nur

von der aufnehmenden Persönlichkeit her empfangen kann.

Als Besitz betrachtet wird das Wissen herrenlos, weil es Eigentumswert

offenbar nur bei der aneignenden Persönlichkeit erwerben kann.

Als Tätigkeit betrachtet wird das Wissen zwecklos, weil es

Zweckmäßigkeit offenbar nur durch die zwecksetzende Persönlichkeit

gewinnen kann.

Als Leistung betrachtet wird das Wissen stellenlos, weil es Stellenwert

offenbar nur in der stellgewährenden Persönlichkeit erlangen kann...

Die tödliche Gefahr dieses entfesselten Wissens, wie ein gefräßig

Element auf den unbeschützten Menschen losgelassen, hat indessen

gerade der ewige Platon als der geschichtliche Urheber des αὐτὸ

καθ’ἁυτό der Wahrheit (oder des ‚in Wahrheit Seienden, des ὄντως

ὄν‘) am dringendsten schon gespürt. Denn eben er, dem wir Europäer

die erste und wuchtigste Vision einer Wahrheit an und für sich zu

danken und -- wer weiß? -- vielleicht auch zu fluchen haben: eben er

ist gleichzeitig doch auch der Schöpfer gewesen der unvergänglichen

Gestalt seines Sokrates. Diesen platonischen Sokrates, der einzige,

der noch heute mitten unter uns lebt und mit welchem wir leben, ihn

hat sich augenscheinlich Platon selber als Gegengift verordnet gegen

das unmenschliche ὄντως ὄν, gegen das unmenschliche αὐτὸ καθ’ἁυτό und

beider lauernde Gefahren. Diesen Sokrates hat sich Platon in eigener

Person verordnet, will heißen er hat sich den klassischen ‚Weisen‘ des

Abendlandes verordnet, der das bloße Wissen in sich selbst in Weisheit

umzusetzen versteht. Der also das Wissen

als Stoff betrachtet formt,

als Besitz betrachtet einer Herrschaft untertänigt,

als Tätigkeit betrachtet einem Zweck unterwirft,

als Leistung betrachtet einer Stelle verhaftet.

Warum nämlich ist just Platon, der Erfinder der Wahrheit an und

für sich und des Wissens um der Wahrheit willen, zum Dichter des

platonischen Sokrates geworden? Weil er mit dieser noch immer

atemversetzend nahen Gestalt des klassischen Weisen sich selber am

erfolgreichsten zu begegnen vermochte: sich selber und dem schmerzlich

gefühlten Schicksal, das er mit seinem asketischen Ideal des ‚in

Wahrheit Seienden‘ über die abendländische Menschheit heraufbeschwor.

Denn dieser platonische Sokrates will ja zwar die Wahrheit, wie sie an

und für sich selbst ist, ohne Einschränkung und Abzug ‚wissen‘. Aber

er will sie nicht wissen dieses Wahrseins wegen. Sondern er will sie

wissen seiner selber wegen, seines Tuns und Handelns wegen, seiner

Selbstgestaltung wegen, seiner ‚Wohlbeschiedenheit‘ (εὐδαιμονία)

wegen... Das Wissen als solches gilt ihm für unerläßlich und

unentbehrlich, und insofern verdient er selbst durchaus ein Platoniker

genannt zu werden. Aber in keinem Augenblick seines Lebens ist ihm das

Wissen ein unbedingter Selbstzweck, was es dem strengen Platoniker

eigentlich sein müßte. Und in diesem Betracht ist er freilich durchaus

Sokrates, durchaus _sui generis_, durchaus Anti-Platoniker, durchaus

Gegenmine des Platonismus: wenn auch alles dies von Platons Gnaden.

Alles in allem mithin das Gegenstück des Gelehrten, das Gegenstück des

Wissenschafters. Der Weise soll wissen und muß wissen. Aber er soll und

muß nicht wissen, damit er eben wisse: vielmehr damit er wisse, was zu

tun und zu lassen, was zu wünschen und was zu verwerfen, was zu suchen

und was zu meiden sei. (Denn Weisheit, hat man in diesen Tagen gesagt,

ist Leben in der Form des Wissens, -- ist Wissen, wie ich noch lieber

sagen würde, in der Form des Lebens...) Sokrates also will wissen, um

Sokrates sein zu können, ein Mensch, der sein Leben zu seiner Zeit und

an seinem Ort recht zu führen versteht. Derart bringt der Weise eine

gewisse Versöhnung zustand zwischen den zwei einander gegenstrebenden

Urgewalten oder Grundtätigkeiten alles Lebens, welche die Pythagoreer

als Unbegrenztes und als Grenze zu bezeichnen wagten. Mitten im

Unbegrenzten aller Wißbarkeiten und Gewißheiten setzt der Weise dem

Unbegrenzten eine Grenze in ihm selber, indem er sein Menschenrecht auf

die ihm allein zuträgliche, ihm allein bekömmliche Wahrheit geltend

macht. Wohl zeltet der unendliche Himmel des ‚in Wahrheit Seienden‘

in seiner Unwandelbarkeit auch über der Gestalt des Weisen, wie er ob

allen Wandelwesen zeltet. Aber gleichzeitig übt doch mit Nachdruck der

Weise das Grundrecht aller Wandelwesen aus, sich aus dem unendlichen

Himmel mit der ihm nützlichen Gewißheit zu versehen und sich unter

allen Wahrheiten an und für sich diejenige auszuwählen und anzueignen,

die ihm am passendsten für den Aufbau seiner Persönlichkeit zu sein

scheint. Denn das Gestirn des ‚in Wahrheit Seienden‘ funkelt nicht in

die Nacht der Welt, um rein ‚platonisch‘ angestaunt, verehrt, angebetet

zu werden, vielmehr um dem sokratisch Wandernden zu Wasser und zu Land

den dunkeln Weg zu hellen. Wegweisend ist die Wahrheit für den Weisen,

wegweisend erzeugt sie Weisheit im Weisen. Aber weise sein heißt

zuletzt nichts anderes, als daß womöglich jedermann Besitz ergreife

von seiner Wahrheit und mit unwiderruflicher Entschlossenheit Hand auf

seine Wahrheit lege, die keineswegs die Wahrheit jedermanns ist und

sein kann. In Übereinstimmung mit diesem Zielgedanken der Weisheit

nimmt der platonische Sokrates sich die Freiheit, eine Menge von

Wahrheiten nicht zu wissen, welche nicht zu wissen seine Vorgänger in

Milet, Elea, Ephesos, Klazomenai, Kolophon, Abdera für unverzeihlich,

wenn nicht für unanständig gehalten hätten, -- so zum Beispiel das

Wissen von der gesamten außermenschlichen, außersittlichen Natur mit

seinen Tatsachen und Gesetzen. Nirgends mehr ist die Weisheit des

Sokrates mit der längst üblich gewordenen Überschrift betitelt ‚Περὶ

Φύσεως‘, sondern mit der neuen, aber einseitigen und ausschließenden

‚Περὶ Ἀνθρώπου‘. Die Gültigkeit der Wahrheit überhaupt steht dem Weisen

außer allem Zweifel, weil sie die Voraussetzung darstellt für jede

erkenntnismäßige Betätigung als solche. Aber neben dieser Wahrheit

überhaupt und (was Wichtigkeit und Dringlichkeit anlangt) über ihr

steht meine Wahrheit, deine Wahrheit; steht die Weisheit, mit welcher

ich lebe, mit welcher du lebst: und damit bricht der platonische

Sokrates dem Platonismus die gefährlichste Spitze ab, mit welcher er

Fleisch und Geist der europäischen Menschheit hätte vergiften können,

wenn es keine Weisen und keine Weisheit gab, -- mit welcher er Fleisch

und Geist dieser Menschheit vergiftet hat, seit es weder Weise noch

Weisheit mehr gibt... Dem Weisen jedoch ist nicht allein die Tugend

ein Wissen, sondern umgekehrt das Wissen auch eine Tugend: will meinen

eine innerliche Richtungnahme des ganzen Menschen auf jene Sachverhalte

hin, die zwar ‚in Wahrheit sind‘, aber für ihn, den Einzelnen und

Besonderen, nur je nach ihrer Eignung zur Führung eines rechten

Wandels gelten. Und ist schon nicht der Mensch das Maß der Dinge, --

er ist es aber, trotzdem just der platonische Sokrates ingrimmig und

verbissen den Urheber dieses Erkenntnis aushöhnt! -- so ist unmittelbar

doch der Weise das Maß alles Wissens: Maß, Form, Herr, Ziel, Ort und

Verlebendiger alles Wissens...

Daß dieser Typus des Weisen trotz Kyniker und Kyrenaiker, trotz

Stoiker und Epikureer im Fortgang der Zeit immer sicherer vom Typus

des Gelehrten und Wissenschafters verdrängt ward, mußte freilich

die schleichende Krisis des platonischen Ideals das Wissen um der

Wahrheit willen wieder von neuem zum Ausbruch bringen. Oder sage ich

vorsichtiger und richtiger: dieser Umstand hätte die Krisis wieder

zum Ausbruch bringen müssen, wenn nicht alles bald durch den Sieg des

Christentums eine völlig neue und von niemandem zu erwartende Wendung

genommen hätte. Vorher bietet allerdings das alexandrinische Zeitalter

gewissermaßen das Schauspiel eines späten Wettkampfes zwischen dem

Typus des Weisen und des Wissenschafters. Und wenn auch jener erstere

herauf bis zu dem ehrwürdigen Demonax des Lukian nie völlig aus der

Öffentlichkeit des antiken Lebens verschwand, wo er Pflichten der

Seelsorge vielmals rühmlich bis zuletzt erfüllte, -- die entscheidenden

Bewegungantriebe gehen doch nicht von der Weisheit des Weisen, sondern

von der Forschung des Wissenschafters aus: denn dieser und nicht jener

bereicherte die Zeit um eine neue Geistesäußerung. Bis dann eben

in den ersten Jahrhunderten der werdenden Kirche sowohl der Weise

wie der Wissenschafter für die Dauer von rund tausend Jahren kalt

gestellt werden und damit die Krisis im Platonismus behoben ist. Der

geschichtliche Stifter des Christentums bekämpft den Weisen bekanntlich

mit der ihm eigenen heißblütigen Leidenschaftlichkeit, trotzdem er

selbst in starkem Maß vom Ideal der Stoa miterzogen und mitgebildet

erscheint. Genug! Die Weisheit vor den Menschen wird als Torheit vor

Gott verlästert, verlästert insonderheit darum, weil sie sich in

heidnischem Dünkel vermißt, aus eigener Menschenkraft zu bewirken,

was bestenfalls der Gnade Gottes vorbehalten wäre. In der Hauptsache

aus diesem, aber auch aus manch anderem Grunde sonst kann die neue

Religion den Weisen nicht mehr gebrauchen, und noch weniger freilich

dessen geschichtlichen Gegenspieler, den Wissenschafter und Gelehrten.

Die menschliche Weisheit war Torheit vor Gott, aber die menschliche

Wissenschaft war gegenstandslos schlechthin; -- einer sich selbst

rechtfertigenden Wissenschaft aber, welche platonisierend die Wahrheit

um der Wahrheit willen zu erforschen behauptete, ihr hätte man wohl mit

dürren Worten die abspeisende Antwort gegeben: die Wahrheit, o Mensch,

ist Gott und Gott ist die Wahrheit! Wer Gott hat, der hat die Wahrheit.

Wer aber Gott nicht hat, -- was soll ihm die Wissenschaft? Daß Gott

die Wahrheit sei und die Wahrheit Gott, dies war der grundsätzliche

Ertrag, den das junge Christentum von der gesamten Wissenschaft und

Wissenschaftlehre der Griechen übernahm. Dies war gewissermaßen der

Saldo, den es als zu überschreibenden Rechnungbetrag auf das neue Blatt

der Weltgeschichte eintrug...

Ein höchst bedeutungreicher Saldo, ihr Christen, wenn es recht bedacht

wird! Denn jetzt löste die junge Kirche dieselbe Aufgabe theologisch

und ontologisch, welche der platonische Sokrates pragmatisch und

ethisch zu lösen versucht hatte. Die Wahrheit an und für sich, welche

seit Platons Auftritt sozusagen frei in der Luft geschwebt hatte,

um erst in der Person des Weisen nachträglich einen Haft und Halt

zu finden, sie fand hier Haft und Halt von vornherein in der Person

Gottes. Seit Platon und Aristoteles ein logischer Begriff, wurde die

Wahrheit seit Augustinus, ja seit Plotinos ein ontologischer Begriff:

die bloße Eigenschaft gewisser Denkverknüpfungen dort ward zum Sein

und Wesen hier. Überraschend buchstäblich nahm die neue Lehre das Wort

Platons von dem ‚in Wahrheit Seienden‘ und machte mit ihm Ernst in

alle erdenklichen Konsequenzen: Gott selbst ist fortab das in Wahrheit

Seiende, Gott selbst ist der in Wahrheit Seiende. Die Wahrheit wissen,

hieß darnach Gott wissen auf Grund der Gleichung Wahrheit = Gott,

Gott = Wahrheit, -- und damit war in Ansehung des Wissen und seiner

wesentlichen Leistung jeder Zweifel vollständig beseitigt. Von dieser

theologischen und ontologischen Umdeutung des Begriffes Wahrheit her

konnte dann allerdings auch vom Standpunkt des Christentums und seiner

Kirche aus Wissen und Wissenschaft um der Wahrheit an und für sich

willen zugelassen werden, -- hatten doch jetzt diese nach Heidentum

schmeckenden Namen einen vollkommen unheidnischen Sinn unterstellt

bekommen. In dieser Wissenschaft, deren einziger Gegenstand und Vorwurf

Gott heißt, kann sich der Mensch nicht wie in den Ideen Platons ziel-

und richtunglos verlieren, hier muß er sich im Gegenteil erst richtig

finden. Wer Gott auf wahrheitgemäße Weise weiß, der ißt gleichsam

von Gott, -- _qui mange du pape, en meurt; qui mange de Dieu, en

vit!_ -- und es ist fast doch mehr wie ein bloßes Gleichnis, wenn ich

zu behaupten wage, die Scholastik des Mittelalters habe wenigstens

ihre Haupt- und Grundwissenschaft Theologie in nächste Nachbarschaft

der Sakramente gebracht, was Leistung, Erfolg, Bedeutung dieser

Wissenschaft für den Ausübenden anbetrifft. Das scholastische Wissen

von Gott ist in der Tat etwas wie ein Sakrament, wobei Gott durch

die Erkenntniskraft des Menschen geradezu eingenommen, einverleibt,

einvergeistet erscheint: _sacramentum_ im Sinn von ‚Heilsmittel‘, weil

dieses Wissen von Gott das Heil in Gott vermittelt; χάρισμα im Sinn

von ‚Gnadengabe‘, weil dieses Wissen von Gott ohne Beistand der Gnade

Gottes nicht zu erlangen ist; μυστήριον im Sinn von Einweihung, weil

dieses Wissen von Gott den Wissenden zu Gottes Sohn und Kind weiht. Im

Vorgang dieses Wissens geschieht es, daß Gott bei der Gestaltung seines

eigenen Gedankens im Geist des Wissenden aus allen seinen Kräften

selbsttätig in Mitwirkung, oder wie Luther wahrscheinlich gesagt

hätte, in ‚Konkomitanz‘ mit diesem Geiste tritt; im Vorgang dieses

Wissens geschieht es, daß der gewußte Gott die Vernunft des menschlich

Wissenden seiner eigenen Gottvernunft anähnlicht. Diese sakramentale

(und nicht mehr alleinig ‚mentale‘) Auffassung des Wissens wird dann

noch, das versteht sich für jeden ungefähren Kenner des Mittelalters

ganz von selbst, aufs nachdrücklichste verstärkt durch die realistische

Doktrin, wonach die erfaßten Denkinhalte, je allgemeiner sie nach

Inhalt und nach Umfang werden, einen umso höheren Grad von Wirklichkeit

gewinnen, bis in dem Denkinhalt von höchster Allgemeinheit zugleich der

höchste Grad von Wirklichkeit erreicht ist: und das ist wiederum Gott.

An den Graden begrifflicher Allgemeinheit steigt mithin der Wissende

von Wirklichkeit zu Wirklichkeit aufwärts bis zur allerallgemeinsten

und allerwirklichsten Wirklichkeit. Weit entfernt davon mit den

Begriffen zu spielen, wie man mit Gespinsten des Gehirns spielt,

bemächtigt man sich im Begriff der höchsten Wirklichkeit der Welt. Hier

stoßen hart im Raum sich die Gedanken, wenn leicht beieinander alle

Sachen wohnen. Begriffe sind Wirklichkeiten über die Gegebenheiten

der Sinneswahrnehmung hinaus und sogar noch die ‚falschen‘ Begriffe

sind unter Umständen Wirklichkeit, nur mit dem höllischen Vorzeichen

der Widersacherschaft gebrandmarkt. Daher die furchtbare Gefahr

der falschen Meinung, irrigen Lehre, verkehrten Ansicht, die dem

mittelalterlichen Menschen so etwas ganz anderes bedeuten als dem

antiken oder gar modernen Wissenschafter dieser oder jener Denkfehler.

Denn wer da nicht das Wahre denkt, schließt sich der Widerwelt des

Wahren an und so dem Widersacher Gottes. Wissen, das heißt hier fast

die Entscheidung treffen, ob einer gewillt sei, des Lebens Kampf auf

seiten der himmlischen Heerscharen oder der höllischen Mächte zu

kämpfen, und dieserhalb war es von der scholastischen Auffassung aus

nur folgetreu gedacht, dem Irrenden nicht mit dem Holzschlegel zwar,

aber mit dem prasselnden Scheiterhaufen ‚seelsorgerisch‘ bedacht zu

winken...

Die menschliche Leistung dieses Wissens kann, wie ich schon sagte,

nicht gut einem Zweifel unterliegen. Hier verschwimmt die Wahrheit

nicht in den rauchenden Horizonten zwischen Himmel und Erde in einer

überall gleich fernen Unendlichkeit von Sachverhalten an und für

sich, welche das Mißliche an sich haben, daß sie ausnahmlos denselben

Anspruch auf Anerkenntnis und Geltung erheben und erheben dürfen.

Solange die Wahrheit Gott ist und Gott die Wahrheit, findet sie in Gott

Haft und Halt, und mit der Wahrheit findet der Mensch in Gott Haft und

Halt, der sich ihre Ergründung angelegen sein läßt. Beklagenswert war

nur, daß diese Gleichsetzung von Gott und Wahrheit doch nicht dauernd

in Kraft bleiben konnte, sondern daß eben der ontologisch-theologische

Charakter des ‚in Wahrheit Seienden‘ bestritten ward. Die Formel

Wahrheit = Gott und Gott = Wahrheit hatte seit Augustinus, wir wissen

es, den unangetasteten Besitz der Patristik und Scholastik gebildet,

und vermutlich ist es ein starkes Gefühl der Unentbehrlichkeit dieser

Formel gewesen, welches die Kirche veranlaßt hat, die ersten und

ach! so tastend zaghaften Regungen des Nominalismus in der jungen

Wissenschaft des mittelalterlichen Abendlandes durch Machtspruch zu

unterdrücken und den vielleicht führenden Nominalisten Roscellinus

von Armorika auf dem Konzil zu Soissons zum Widerruf zu nötigen:

denn in der Tat ist es der aufkommende Nominalismus, der dann die

Voraussetzungen dieser Formel aufhebt. Wenn die Begriffe nicht mehr

wirklich sind, geschweige denn, daß ihre Wirklichkeit mit wachsender

Allgemeinheit selber wächst und vollkommener wird, dann büßt auch der

allgemeinste aller Gemeinbegriffe, nämlich das _universale_ ‚Gott‘,

seine Wirklichkeit ein und seine Wahrheit im Sinn der realistischen

Auffassung wird fragwürdig. Selbst nämlich wenn Gott auch dann noch

in Person in irgendeinem Wortverstand ‚wahr‘ bleiben sollte, bleibt

er’s doch länger nicht mehr im Wortverstand jenes _ens realissimum,

ens generalissimum_. Just die allgemeinsten Begriffe und Vorstellungen

verlieren ihre Wirklichkeit und damit auch ihre Bindung an den

vollkommenen Inbegriff aller Wirklichkeiten, an die Urwirklichkeit

schlechthin oder Gott. Jetzt lösen sich die Wahrheiten von der Einen

Wahrheit ab und diese bleibt gleichsam entblättert zurück wie der

Stumpf einer Palme, deren Schaft aus den leeren Scheiden längst

abgestoßener Blätter besteht... Gibt es aber ‚wahre‘ Begriffe, die

abgesondert vom Ursein der höchsten Wahrheit zu bestehen vermögen, ja

die sogar nur in dieser Abgesondertheit bestehen, dann gibt es auch

wieder (wie einst im Platonismus!) eine Wahrheit, die weder Gott selber

noch göttliche Dinge irgendwie betrifft. Dann gibt es auch wieder eine

Wissenschaft, die nicht um Gottes willen, sondern eben um der Wahrheit

an sich willen betrieben wird. Dann ist das Abendland zum zweitenmal

der beklemmenden Gefahr ausgesetzt, die alle Wissenschaft bloß des

Wissens wegen und alle Erkenntnis bloß der Wahrheit wegen je und je

verfolgt...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 18 / 26 段