jene oben erörterte Bemeisterung des Vorstellungablaufs wirklich
erworben werde. Alles kommt auf die zielbewußt geübte Handhabung der
auftauchenden und versinkenden Bewußtseinsinhalte an, so zwar, daß
eine Absonderung, Entfernung, Loslösung, Verabseitigung, Abriegelung
von allen Gegebenheiten des Erlebens geschieht, die dem Heil
hinderlich sein könnten. In einer Art von sehr tätigem, sehr wachsamem
Vergessenkönnen besteht dieser erste Grad der Selbstvertiefung, welcher
den Zustand des Nichtwissens, Nochnichtwissens allmählich in den des
Wissens überleiten soll. Der andachtsame Mönch wirft einen hohen Wall
um sich und zieht einen breiten Graben um sich, die beide ihn wie eine
Festung von der unbehüteten Außenwelt abschließen und vor feindlichen
Überrumpelungen bewahren sollen. In dieser Festung widmet er sich dann,
ungestört durch allfallsige Eindrücke oder Empfindungen, die ihn von
außen her zu beschäftigen oder gar zu überwältigen drohen, dem Sinnen
und Gedenken, dem Erwägen und Ermessen, dem Betrachten und Überlegen
aller der Gewißheiten, die ihm die heilige Lehre gewährt. Was ihm nicht
angehören darf, wirft er über diesen Wall, wie ein Gärtner etwa einen
Glasscherben über die Gartenmauer wirft, auf den sein Spaten beim
Umstechen des Bodens gestoßen ist. Was ihm den Frieden stört, was sein
Gemüt bedrückt, was seine Heiterkeit trübt, das ersäuft er in diesem
Graben, wie ein Kind etwa einen Sack voll frischgeworfener Katzen im
Bach ersäuft, die nicht aufgezogen werden können. ‚Geboren aus der
Abgeschiedenheit‘, verdeutscht ein zeitgenössischer Gelehrter mit
verständlicher (und verständiger) Anspielung auf die Mystik Eckharts
den Ausdruck _vivekajam_ in den heiligen Texten, -- ausnahmweis,
wie mich bedünkt, ein wenig sinnfälliger und sprechender noch wie
Karl Eugen Neumann, der dafür das mattere ‚ruhegeboren‘ hat. Geboren
aus der Abgeschiedenheit, will sagen geboren aus der Abscheidung
und Abstreifung aller seelischen und körperlichen Fesseln ist das
erste _jhânam_, welches den Nichtwissenden zum Wissenden befördert
und alsbald durch eine Anstrengung geringeren Grades ins zweite
_jhânam_ überführt. Denn diese Abscheidung und Abstreifung einmal
vollzogen habend, braucht der Andachtwillige von jetzt an weniger
darauf gerichtet zu sein, das Unheilsame vom Raum des Bewußtseins
fernzuhalten, als vielmehr den jetzt errungenen Zustand zu genießen.
Hat sich der Mönch die erste Weihe selber durch andauernde Übungen
abgezwungen, hat er den Vorstellungablauf völlig in seiner Gewalt
und vermag er mit höchster Sammlung bei den Heilsgewißheiten der
Lehre zu verweilen, so entläßt er nun, der zweiten Weihe mächtig,
sämtliche Erwägungen dieser Art, etwa wie ein Gebieter und Fürst seine
Beauftragten entläßt, deren Dienste er weiter nicht benötigt. Herr
und Herrscher nunmehr im Haus seiner Triebe und Begierden, Herr und
Herrscher sogar über alle Wahrnehmungen und Vorstellungen, Denkinhalte
und Erkenntnisvorgänge, stimmt er ganz rein mit sich selber überein.
Wie wenn zwei feindliche Heere, die einander mit Erbitterung und
Haß bekämpfen, indes ihre Häupter doch schon über Waffenstillstand
und Frieden verhandeln, plötzlich verständigt werden von der
Unterschreibung der Verträge, und jetzt eine erschütternde Kampf- und
Feuerpause eintritt zur unermeßlichen Freude aller: so kehrt hier im
Innern des hart streitenden Mönchs der Friede mit ihm selber ein zu
seiner unermeßlichen Besäligung. Jene Meeresglätte und Windstille der
Seele auf großer Fahrt nach schauerlichen Stürmen stellt sich ein, die
sogar dem seelenfremden Abendländer seit dem γαλενισμός des großen
Demokritos und des kleineren Epikurios nicht völlig unbekannt sein
dürfte, -- wenigstens geschichtlich nicht. Aus der Einigung mit sich
selbst geboren, ja in der Einigung mit sich selbst geboren, wie Neumann
übersetzt, ist die zweite Schauung der vier _jhânâni_, welche den
Andächtigen in den Genuß mühsälig erkämpfter Güter setzt. Ein reifes,
sattes, reiches Säligkeitgefühl beginnt von da an wie von der Mitte des
Gemütes her den Körper des Andächtigen in linden Wellen zu durchströmen
und ohne Rest gleichsam zu durchsüßen, ähnlich wie eine Flüssigkeit
von einem aufgelösten Stückchen Zucker ohne Rest durchsüßt wird. Die
erstrittene Ruhe wird nicht mehr, wie noch kurz vorher, als Ausgleich
und Entspannung vorangegangener Spannungen empfunden, sondern als der
selbstverständliche, angemessene und würdige Urstand des Daseins.
Wie die heftigen Stöße des stampfenden und zuckenden Herzens in dem
feinröhrigen Adergeflecht des Blutes mählig zu kaum spürbaren Pulsen
sanft verebben, so verebbt dann das klingende Gefühl der Besäligung
der zweiten Schauung in der dritten zum unbewegten Gleichmut. „Der
gleichmütig Einsichtige lebt beglückt“, -- er lebt beglückt im
Gleichmut seiner Einsicht und Besonnenheit, im Gleichmut seiner
Einigung und Stillung. Bis dann nach Durchlebnis der drei _jhânâni_ das
vierte _jhânam_ von ihnen sich dadurch auszeichnet, daß es vollkommen
befreit erscheint von jeder Gefühlsbetontheit, und sei sie auch
die leiseste, nach der Lust- oder Unlustseite hin. Was bisher der
Andächtige etwa noch als Beglückung, Aufheiterung, Besäligung genossen
hat, ja was ihn möglicherweis dazu verleitete, das wesentliche Ziel
seiner Selbstvertiefung in solchen Lustgefühlen zu vermuten, -- das
alles muß in diesem vierten _jhânam_ auf Nimmerwiedersehn und bis auf
die letzte Spur verschwinden. „Das aber nenn’ ich, Udâyî, unzulänglich,
und sage ‚Verwerft es‘, sage ‚Überwindet es‘“... Begleitende Gefühle
lustvoller oder leidvoller Tönung und Beschaffenheit werden hier
nicht länger geduldet und die Seelenzone des Gefühls wird überquert
und überschritten. Wie ein Hochgebirgserkletterer am Fuß der Alpen
noch in den Wäldern der benachbarten Ebene rüstig dahin wandert,
dann aber in einen Gürtel hineingerät von nur noch zwerghaftem und
verkrüppeltem Baumwuchs, schließlich inmitten eine halbe Wüste
gelangt von baumlosen Matten und mit allerlei Buschwerk, Strauchwerk
inselhaft bestanden, zuletzt aber, nachdem er einen mit vielerlei
Geröll bestreuten Moos- und Flechtenteppich überturnt hat, auf nackten
Gletschern und an kahlem Firn mühsam hinaufstrebt und die wirtliche
Breite pflanzlichen Wachstums hinter sich und unter sich läßt, -- also
läßt der Mönch der vierten Weihe die Welt der Gefühle hinter und unter
sich. Aug’ in Auge mit ihm selber und vielleicht nicht einmal mehr mit
ihm selber, sondern mit einem unsäglichen und nicht zu benennenden
Etwas, verweilt er ohne Freude und Leid, ohne Frohsinn und Trübsinn,
ohne Wonne und Schmerz. Denn wo solche Gefühle entstehen, entstehen
sie als Rückäußerungen des Gemüts auf die ständige Wechselwirkung
zwischen Ich und Nichtich, zwischen Selbst und Welt, zwischen Seele
und Wirklichkeit, zwischen Bewußtsein und Sein, zwischen Bedürfnis
und Erfüllung, zwischen Forderung und Leistung. Das _templum_ dieser
Wechselwirkung aber, wo der Austausch zwischen der Persönlichkeit
und ihrer Umwelt stattzufinden pflegt, ist jetzt geräumt und das
_templum_ vollkommener In-sich-Beharrung feierlich betreten. Längst
dringen von der Außenwelt keine Reize mehr über die Schwelle, deren
Wert und Größe vom selbstvertieften Mönch gleichsam selbsttätig
auf Unendlich erhöht ward, damit ein Zustrom von außen nach innen
überhaupt nicht mehr stattfände. In einer höchsten Anspannung des
Gemütes sperrt der Mönch alle die Zeichengebungen und Meldungen und
Botschaften, die sonst von sämtlichen Wesen der Welt grundsätzlich an
sämtliche Wesen der Welt ergehen, und er selbst gleicht einer Station
für Funkspruch, die zwar einen vorzüglich wirksamen Sender aufweist,
aber des Empfängers entbehrt. Drum also ist das _templum_, sag’ ich,
einer unerbetenen Empfängerschaft von Eindrücken aus der Wirklichkeit,
durch welche vielleicht schlummernde Gefühle aufgeschreckt und in
fiebrige Bewegung gesetzt werden könnte, von jetzt an geräumt und das
_templum_ regloser Seelenstarre friedlich betreten: das _templum_, wo
der Mönch sein eigen Stand- und Steinbild, so er in Vollkommenheit
von sich gemeißelt, still verehrt... Und wie unsere transzendentale
Philosophie nach dem Vorgang Kants die Vernunft ‚rein‘ genannt hat,
wofern sie sich unbeeinflußt durch äußerliche Reize selbst bestimmt
und selbst Gesetze auferlegt, so nennt der Buddho den Andächtigen
dieser vierten Schauung ‚rein‘, wofern er sich von allem Anders-Sein
unberührt und ungerührt, unversehrt und unverstört, unbenetzt und
unbespritzt zu halten und erhalten weiß, -- nunmehr in eigener Person
nicht zwar geradezu ‚reine Vernunft‘ geworden, aber immerhin ein
reines erkennendes und wissendes Vermögen und Verhalten geworden.
Denn was geschah nun eigentlich, ihr Christen? Was geschah mit dieser
unendlich schwer zu vollbringenden, aber schlechthin unerläßlichen
Emporstufung zu den vier gotamidischen _jhânâni_? Die Erzeugung und
Hervorbildung eines neuartigen und vorher noch nicht vorhandenen
Organon geschah, ihr Christen. Die Erzeugung und Hervorbildung eines
Werkzeuges, welches der Buddho unbedingt für notwendig erachtet,
um Nichtwissen endgültig in Wissen überzuführen. Durch die stätig
vervollkommnete Übung der vier Stufen der Selbstversenkung trachtet
der Buddho ein erkennendes Vermögen, ja geradezu einen ‚Sinn‘ zu
erschaffen, der imstand wäre, dasjenige Wissen zu erwerben, welches
ihm vor allem andern Wissen heilsam zu sein scheint. In demselben Maße
nämlich, als der Mönch sich in sich selbst vertiefend die Quellen
jener äußeren Erfahrung verstopft, aus denen wir Abendländer fast
unser gesamtes Wissen und sicherlich unsere gesamte Wissenschaft zu
schöpfen pflegen, -- in eben dem Maß beginnen sich ihm verborgene
Quellen zu erschließen, deren sehr fernes, raunendes Gemurmel sein
ungemein geschärftes Ohr näher bald und näher vernimmt. Wer in der
vierfachen Selbstvertiefung stark geworden ist, hat tatsächlich einen
neuen Sinn derart gehärtet und gestählt, daß er wie ein Bohrer in den
Händen eines Gesteinkundigen vortrefflich gebraucht werden kann, eine
unterirdische Ader metallreicher Erze nach der andern genau an der
richtigen Stelle anzubohren. Wissend geworden in sich selber und von
sich selber, dann aber durch dieses Wissen irgendwie höherer Mensch
geworden, Selbstbefreier, Selbsterretter, Selbsterlöser, vermag dieser
Mönch vor allen Dingen -- sich zu erinnern. Erlösendes und erlöstes
Wissen ist auch hier (und hier erst recht) Erinnerung: in dieser
allgemeinen Formel begegnet sich Gotamo wirklich mit den tiefsten
Einsichten der europäischen Philosophie von Platon bis auf Bergson,
-- vorausgesetzt, daß diese tiefste Einsicht nicht auf irgendwelchen
Umwegen dem mittelmeerbefahrenden, mittelmeerabenteuernden Platon aus
dem Osten zugetragen worden ist. Das Wissen also ist Erinnerung, und
zwar Erinnerung im Unterschied und Gegensatz zum bloßen Gedächtnis
durchaus zu verstehen als ἀνάμνησις etwa im Unterschied und Gegensatz
zur bloßen μνήμη, oder als _souvenir-image_ im Unterschied und
Gegensatz zur bloßen _mémoire_. Der höhere Mensch erinnert sich,
der höhere Mensch vermag sich zu erinnern! Wenn kürzlich noch bei
uns Europäern ein Denker immerhin von dem Rang Weiningers diese
mehr wie rätselhafte Fähigkeit der Seele, Gewesenes als daseiend,
Vergangenes als gegenwärtig nach Belieben gleichsam zu wiederholen oder
zutreffender vielleicht noch ‚wieder zu holen‘, schlechterdings als
Merkmal und Kennzeichen überhaupt des höheren Menschen namhaft macht:
dann bekräftigt, dann bestätigt er auf seine Weise nur, was für den
Buddho von jeher unerschütterlich feststand. Nach Weininger ist es
gleichsam die Gnade des höheren Menschen, sich erinnern zu können, und
zwar sich erinnern zu können im wesentlichen seines eigenen Selbst,
seines eigenen Erlebens. Der höhere Mensch lebt und hat gelebt, nicht
um zu vergessen, sondern um bei beliebigen Anlässen die Bilder dieses
Lebens in aller urwüchsigen Frische und Sinnfälligkeit gleichsam
aus dem Schlaf zu rütteln. Derart sich jederzeit zu erinnern wissen
der eigenen Lebensalter und Lebensstufen, der vollen und leeren
Augenblicke, der wichtigen und nichtigen Begebenheiten, der Taten und
der Leiden, der Genüsse und der Schmerzen; derart die schöpferische
Neuvergegenwärtigung, Wiederverlebendigung vergangenen Geschehens
willkürlich betreiben zu können: das hieße nach Otto Weiningers
Dafürhalten menschlich vor anderen Menschen minderer Erinnerlichkeit
als ‚bedeutend‘ hervorragen... Der mit Erinnerung Begnadete ist
‚genialisch‘, und just diese ungewöhnliche Auffassung begegnet sich
mit der tiefsten Selbsterfahrung, die Gotamo mit sich machte. Daß der
Asket sich aller seiner Lebensumstände bis in die geringste Einzelheit
hinein aufs lebhafteste und untrüglichste erinnere, das ist der
erste, vollwichtige Ertrag der vier _jhânâni_, -- das ist das erste
gewissermaßen ‚heilige‘ Wissen. Indischer Denk- und Betrachtungweise
gemäß kann dies freilich nichts anderes besagen wollen, als daß eben
der Asket Erinnerung erworben, Erinnerung erbohrt habe an seine
sämtlichen ehemaligen Verkörperungen und Lebensläufe, die er je und je
durchlitten. „Solchen Gemütes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen,
schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtet
er das Gemüt auf die erinnernde Erkenntnis früherer Daseinsformen. So
kann er sich an manche Daseinsform erinnern, als wie an ein Leben,
dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an
fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig
Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert
Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an
die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten
während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher
Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ‚Dort war ich, jenen Namen hatte
ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf,
solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort
verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun,
diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein
Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so
war mein Lebensende; da verschieden trat ich wieder ins Dasein‘: so
erinnert er sich mancher verschiedenen früheren Daseinsform, mit je den
eigentümlichen Merkmalen, mit je den eigentümlichen Beziehungen.“
Nach Begängnis der vier _jhânâni_ weiß also der Mönch sich zu erinnern
an jeden Urstand, jeden Umstand seines Lebens in allen Verkörperungen.
Diese Gnade des Erinnerns ist der Gewinn geübter Selbstvertiefung,
ist der Gewinn des nunmehr Geweihten, Bewährten, Wissenden. Und
diese nicht zu überbietende Einschätzung der Erinnerung ist nicht
etwa als eine bloße Eigenheit oder gar eine Schrulle des Buddho
zu betrachten, sondern gehört offenbar dem geistigen Stammbesitz
indischer Wertungen überhaupt an. Auch in der Bhagavad-Gîtâ ist es
die Gabe der Erinnerung, welche den göttlichen Vorzug des _bhagavân_
Krischna ausmacht. Eine sicherlich uralte Auffassung, die eben im
Krischna-Mythos selbst eine überaus sinnige Darstellung gefunden
hat. So wenn berichtet wird, daß der blonde Gott im Garten seiner
Gattin Satyabhâmâ den himmlischen Korallenbaum gepflanzt habe, den
er einstmals als Kampfpreis davongetragen hatte: „einen Baum, dessen
tiefrote Blüten viele Meilen in der Runde ihren Duft verbreiten. Wer
aber von diesem Duft eingesogen, der erinnert sich in seinem Herzen
langer, langer Vergangenheit, längst entschwundener Zeiten, in früheren
Leben.“ Auf eine sehr erfahrene Art, welche insonderheit die große
Bedeutsamkeit der Gerüche für die Erinnerung durchaus erfaßt zu haben
scheint, wird hier die Fähigkeit der Wiedervergegenwärtigung bereits
verklungenen Geschehens im Bewußtsein als ein Geschenk des Lebens-
und Erkenntnisbaumes an den Menschen versinnbildlicht: wobei übrigens
im Unterschied zum Alten Testament noch beide Bäume eines Stammes,
einer Wurzel, einer Krone sind... Erinnerung gewinnen, das geht mithin
schon sehr weit in die göttlichsten Vorrechte der Himmlischen hinein.
Und wiederum: Erinnerung verlieren, gilt als Verlust von kaum zu
ermessender Härte und Schwere, -- was sich besonders der europäische
Leser der Sakontalâ gesagt sein lassen möge, wenn anders er den Fluch
der Erinnerunglosigkeit wirklich erfühlen will, der hier den liebenden
König Duschyanta trifft... Indes der Grieche Lethe trinkt, saugt der
Inder den Duft des himmlischen Wunsch- und Weltbaumes ein; dem einen
gilt Vergessen und dem anderen Erinnerung als die höchste Wohltat. Und
sogar der Pessimist Gotamo ist so wenig Grieche und so sehr Sohn seines
heimischen Weltteils, daß auch er Erinnerung statt Vergessenheit wählt.
Zwar vermögen wir ihm leider ja (es sei denn, daß wir Anthroposophen
sind!) in der Art und Weise nicht zu folgen, wie er mit Asketen
die Erinnerungen aufsteigen läßt an hundert Leben, tausend Leben,
hunderttausend Leben zwischen Weltenentstehungen und Weltenvergehungen.
Denn uns selbst pflegt hier jedwede brauchbare Erfahrung zu mangeln und
schon darum steht es uns nicht frei, dem Buddho billigend zu folgen
oder mißbilligend die Nachfolge zu verweigern. In einem aber, deucht
mich, hat er auch jetzt wieder den Sachverhalt der Erinnerung geradezu
ins Herz getroffen: Erinnerung ist, wie wir sie auch deuten mögen,
eine Vervielfältigung dessen, der sich zu erinnern vermag, -- und in
dieser Rücksicht freilich die Häufung zahlloser Lebensstufen in diesem
jetzigen und einmaligen Leben. Vervielfältigt um die unausdenkliche
Zahl seiner Ahnen und Urahnen ist in Wahrheit das erinnernde
Einzelwesen, wenn wir, Erinnerung im Sinn unserer europäischen
Naturerkenntnis (und damit allerdings eher doch als μνήμη wie als
ἀνάμνησις, eher doch als _mémoire_ wie als _souvenir-image_, eher doch
als Gedächtnis wie als Erinnerung) nehmend, unter ihr zum Beispiel
alle sogenannten Dispositionen oder Instinkte verstehen dürfen,
welche jeden lebendigen Vertreter seiner Art um sämtliche erworbenen
Anlagen und Geschicklichkeiten seiner Art bereichert zeigen. Denn im
Kerngerüst der unsterblichen Keimzelle samt ihren Vererbungträgern
lebt ja doch das Leben aller Eltern und Vorfahren genau so fort wie in
der Grundrichtung der angeborenen Triebe, -- und fort mit ihrem Leben
leben ihre Werke und Taten, ihre Gesinnung und Zielstrebigkeit, ihre
Erfahrungen und Listen, ihre Verteidigungmittel und Angriffwerkzeuge,
ihre Weisheit und Vorsicht, ihre Tugenden und Laster. Und ebenfalls
vervielfältigt um die unausrechenbare Zahl seiner Ahnen und Urahnen
ist das erinnernde Einzelwesen, wenn wir, Erinnerung etwa im Sinn des
biogenetischen Grundgesetzes nehmend, unter ihr die (abkürzende)
Wiederholung der Verkörperung- und Erscheinungformen verstehen wollen,
welche der Keim während seines Wachstums vom befruchteten Ei bis zum
fertigen Geschöpf zu durchlaufen pflegt in Nachahmung der Verkörperung-
und Erscheinungformen des ganzen Stammes: in den Kiemen einer
menschlichen Frucht oder in ihrem Stummelschwänzchen blitzt sozusagen
eine Erinnerung auf an Echse, Fisch und Säugetier und mit ihr ein
gestalthaftes Gedenken an so manche Weltenentstehung, Weltenvergehung
zwischen Trias, Jura und Alluvium, zwischen Kalkstein, Malm und
Schlick; -- derart sehn wir noch unseren Menschenleib (wie ich schon
sagte) dem Totemismus huldigen, auch wenn von ihm der Menschengeist
schon längst nichts mehr wissen sollte. Und abermals und letztmals
vervielfältigt um die unnennbare Zahl seiner Ahnen und Urahnen ist
das erinnernde Einzelwesen, wenn wir Erinnerung endlich nehmen im
Sinn der forschenden und dichtenden Geschichte (und jetzt allerdings
wirklich als _souvenir-image_, jetzt wirklich als ἀνάμνησις) und
unter ihr jenes künstlich-künstlerische Nacherleben in der Einbildung
verstehen, welches uns Spätlinge in allen Jahrtausenden der Völker und
der Helden geistig Wurzel schlagen läßt: denn wo immer auch Geschichte
als Wissenschaft oder Kunst, als Forschung oder Dichtung ernsthaft
betrieben ward, entsprang sie nach vorwärts gerichtet zwar dem starken
Wunsche nach Unsterblichkeit des Sterblichen, nach rückwärts gerichtet
jedoch dem nur wenig schwächeren Wunsch, sich um die volle Zahl
womöglich aller dagewesenen Werk- und Werteschöpfer menschheitlich zu
vermehren; -- hundertseelig, tausendseelig, hunderttausendseelig möchte
der geschichtlich fühlende Mensch werden, ganz wie der Buddho sagt und
tut, ganz wie der Buddho sagt und tut. Ist doch zuletzt in Wahrheit
alles, was irgend da war, wir selbst, wenn wir es recht verstehen
wollen, und wo Völker und Helden untergingen, machten sie sich nur von
der dummen Einmaligkeit der Zeitlichkeit frei, um für immer in das
Wissen der Erinnerung einzugehen...
Das erste Wissen, vom Vollzug der vier _jhânâni_ erwirkt, heißt
also Erinnerung und bemächtigt sich der früheren Daseinsformen und
Lebensstufen. Das zweite Wissen aber -- „drei Wissen weiß der Asket
Gotamo!“ -- folgt unmittelbar aus dem ersten, ja fällt nach der
Denkweise des Buddho sogar geradezu mit dem ersten mehr oder weniger
restlos zusammen. Wo der Erinnernde nämlich die Selbstverkörperungen
ins Bewußtsein hebt und die Folge seiner eigenen Geburten aufsteigen
und verschwinden sieht, da sieht er sie aufsteigen und verschwinden
nach dem Gesetz vom Karman. Der Wiederkünfte sich entsinnen und sich
des Gesetzes der Wiederkünfte entsinnen, ist von Gotamos Einstellung
aus ein und derselbe Vorgang, und wenn überhaupt einmal die sachliche
Richtigkeit auch nur einer einzigen dieser vom Buddho entwickelten
Verkettungen und Aneinanderreihungen über jedem Zweifel befunden
wird, so ist das sicherlich hier der Fall. Dasselbe Wissen, welches
Erinnerung heißt und um alle früheren Geburten weiß, es weiß auch
um das Gesetz, nach welchem die Geburten immer von neuem wieder
stattfinden. Derselbe Asket, der inne wird: dieses war ich, jenen
Namen trug ich, so und so erschien ich, -- derselbe Asket wird auch
der gesetzmäßigen Verknüpfung inne, welche Wiederkehr an Wiederkehr
flicht. Dem Erinnernden gibt sich die Aufeinanderfolge seiner
Selbstverkörperungen als Auseinanderfolge sehr bald zu erkennen,
und die Erinnerung selbst formt aus der Folge der Geburten in der
Zeit eine Folge der Geburten nach Ursach’ und Wirkung. Das ist der
allgemeine Gang des Wissens, wie er hier mit einem erratenden Spür-
und Merksinn ohnegleichen ausgemittelt wird: der Gang des Wissens und
der Wissenschaft von der reinen Zeitenfolge der Erscheinungen fort
bis zur Erkenntnis ihrer ursächlichen Schürzung hin. Das ist der Gang
des Wissens und der Wissenschaft, wie er in Indien offenbar nicht
anders sich ereignet hat als in unserem Europa. Mit welcher Feinheit
und Zuverlässigkeit übrigens diese mythisch-mystische Enthüllung dem
wissenschaftgeschichtlichen Tatbestand gerade des Westens entspricht,
das kann freilich nur der Kenner abendländischer Philosophie von Platon
bis auf Kant völlig ermessen, dem seinerseit die Beziehungen der
platonischen Lehre von der Anamnesis zu der Abkunft und Anwendung der
Knüpfung Ursache-Wirkung als einer kantischen ‚Bedingung a priori der
Möglichkeit jeder Erfahrung‘ durchsichtig geworden sind.
Dies indes hier beiseite, so läßt sich nichts Wundersameres denken als
diese intuitiv erfühlte Richtigkeit der gotamidischen Darstellung des
Wissens, wie sie ein Mensch gibt, der jedes wissenschaftliche Interesse
als solches kurzerhand verwirft und außerdem einem Weltalter und einer
Rasse angehört, die beide mit der europäischen Entwicklung nicht im
mindesten zusammenhängen...
Im Besitz der Erinnerung an frühere Geburten und Verkörperungen weiß
sich also der Erinnernde, ich sage es noch einmal, bald auch in den
Besitz der Erkenntnis des Gesetzes zu setzen, nach welchem die Geburten
und Verkörperungen stattfinden und stattfinden müssen. Der Asket kann
„mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Grenzen
hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehen,
gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche,
er kann erkennen, wie die Wesen je nach den Taten wiederkehren.“
Solchermaßen hat der Asket das zweite Wissen dann erworben. Die
Summe seiner früheren Geburten als Zeitreihe in der Erinnerung sich
vergegenwärtigend, erfährt und erfaßt er noch einmal mit geschärftem
Sinn das ewige Gesetz dieser Geburten als Ursache-Wirkungreihe, --
jenes Gesetz, das ihm vormals schon die Welt erschloß, das Leben
erschloß, das Leiden erschloß. Durchschauend und immer klarsichtiger
durchschauend, wie alles gekommen ist und wie alles kommen mußte, fällt
ihm auf dieser gehobenen Stufe noch einmal mit dem Gesetz der Welt ihr
ganzes Weh und Ach auf die wissend gewordene Seele: noch einmal blickt
er auf das Leid zurück, wie man etwa auf eine Landschaft zurückblickt,
in der man vieles erlebte und die man sich jetzt zu verlassen
anschickt. Und mit dem Leid und Weh und Ach der Welt wird ihm das
dritte Wissen, -- „drei Wissen weiß der Asket Gotamo!“ -- das da alles
vorige Wissen endgültig krönen wird. Jetzt ist die Bahn durchmessen,
jetzt schlingt sich das Ende um den Anfang wieder, jetzt ist der Kreis
geründet und der Ring geschlossen. Aus vierfacher Selbstvertiefung ward
Erinnerung geboren, aus der Erinnerung ward das Gesetz geboren, aus dem
Gesetz aber wird die Freiheit geboren. Also hat nunmehr der Asket drei
Wissen nach Vollzug der vier _jhânâni_ gleichsam vollbracht, also hat
er drei Wissen gleichsam verwirklicht. „‚Das ist das Leiden‘ erkennt
er der Wahrheit gemäß. ‚Das ist die Leidensentwicklung‘ erkennt er der
Wahrheit gemäß. ‚Das ist die Leidensauflösung‘ erkennt er der Wahrheit
gemäß. ‚Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‘ erkennt er
der Wahrheit gemäß. ‚Das ist der Wahn‘ erkennt er der Wahrheit gemäß.
‚Das ist die Wahnentwicklung‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. ‚Das
ist die Wahnauflösung‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. ‚Das ist der
zur Wahnauflösung führende Pfad‘ erkennt er der Wahrheit gemäß. Also
erkennend, also sehend wird da sein Gemüt erlöst vom Wunscheswahn,
erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom Nichtwissenswahn. ‚Im Erlösten ist
die Erlösung‘, diese Erkenntnis geht auf. ‚Versiegt ist die Geburt,
vollendet das Asketentum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‘
versteht er da“...
Drei Wissen weiß der Asket Gotamo. Drei Wissen vollbringt der Asket
Gotamo. Drei Wissen verwirklicht der Asket Gotamo.
Wofern es, ihr Christen, Wahrzeichen und Merkmal des Wissens ist,
‚daß den Kummer überwindet, wer den Âtman kennt‘, dann weist kein
anderes Wissen so deutlich dies Wahrzeichen und Merkmal auf wie das
Wissen des Buddho, -- obschon es schlechterdings kein Âtman- und kein
Brahmanwissen ist. Über die vier _jhânâni_ hinweg eigentlich mehr
einwärts als aufwärts dringend, erbohrt der gotamidisch Wissende die
Schächte des Unbewußtseins; erbohrt er die Erinnerung an die früheren
Geburten; erbohrt er die Erkenntnis der Wiederkünfte und ihres ewigen
Gesetzes; erbohrt er die heilige Wahrheit selbviert des Leidens, der
Leidensentstehung, der Leidensverwindung und des zur Leidensverwindung
führenden Weges. Dies Wissen ist ein unteilbares σύστημα, ein
unteilbarer Zusammenhang, vollkommen in sich geschlossen, rund und
fertig. Mit ihm ist der Wissende instand gesetzt, das heilige Ziel
alles Wissens zu erreichen und unbekümmert, kummerlos zu wandeln. Mit
ihm hat sich der Wissende alles angeeignet, was nach buddhistischer,
aber auch nach brahmanischer Auffassung allein zu wissen not tut und
was der verpflichtenden Bezeichnung ‚Wissen‘ alleinig wert erscheint.
Keine Zweifel, daß auch dieses indisch-buddhistische Wissen hin und
wieder enger sich berührt mit der Errungenschaft, die wir Abendländer
unsererseit mit diesem Ausdruck zu benennen pflegen, und namentlich
trifft diese engere Berührung zu bei der Erinnerung, die uns in vielem
an die bis heut noch nicht außer Kraft gesetzte Wissenschaftlehre
Platons wie an das liebe Gesicht eines alten Bekannten mahnt. Aber
im ganzen und großen bleibt dieses Büßer- und Erlöserwissen doch so
fern von unserem Forscher- und Gelehrtenwissen, daß wir hier auf
hohe Schwierigkeiten stießen, uns von diesem gotamidischen Wissen an
manchen Stellen ein zulängliches Verständnis zu verschaffen, -- gesetzt
den sehr günstigen Fall, es gäbe von solch fremden Dingen überhaupt
ein zulängliches Verständnis oder könne wenigstens grundsätzlich ein
solches geben. Denn was hat es doch, besinnen wir uns gefälligst, mit
unserem eigenen Wissen und mit unserer eigenen Wissenschaft für eine
Bewandtnis? Und was ist nach unserer eigenen landläufigen Auffassung
Wissen und Wissenschaft? Doch offenbar in einem beides: erstens sowohl
nämlich eine nach Regeln verfahrende Tätigkeit des Verstandes, der
Vernunft, der Urteilskraft, die sogenannte Wahrheit zu vermitteln,
-- zweitens aber auch das Ergebnis dieser Tätigkeit, der geordnete
Besitz oder ‚Schatz‘ aller dieser Wahrheiten. Was wir Europäer zu
wissen glauben, glauben wir als die Wahrheit zu wissen, wie schon
der heilige Thomas von Aquino uns bedeutet, wenn er gelegentlich
den Begriff des Wissens folgendermaßen umschreibt: „_Scire aliquid
est perfecte cognoscere ipsum; hoc autem est perfecte apprehendere
ejus veritatem_“... Wissen und die Wahrheit an und für sich wissen,
das deucht uns Europäern mithin ohne weiteres ein und dasselbe. Daß
es eine solche Wahrheit an und für sich irgendwie gäbe und geben
müsse als die maßgebliche Voraussetzung jeder Erkenntnisarbeit, die
nicht schimärisch ins Blaue hinein spinnen und schwindeln, faseln
und schwafeln will: dieser Satz steht seit dem weltgeschichtlichen
Kampf des Pythagoreers Platon gegen den antiken Relativismus nicht
nur unerschüttert fest, sondern er steht: steht als der _rocher
de bronce_ aller Wissenschaft- und Erkenntnislehren, auch wenn
die unsterbliche Sophistik unsterblicher Sophisten immer wieder
dagegen Sturm gelaufen ist und eben heuer wieder aufs heftigste
dagegen Sturm läuft. Es muß eine Wahrheit geben an und für sich
(oder wie der Pythagoreer Platon gesagt hat ‚αὐτὸ καθ’ἁυτό‘), es muß
einen überhimmlischen Ort, τόπος ὑπερουρανιός geben von gültigen
Sachverhalten an und für sich, wenn anders ein Wissen und eine
Wissenschaft im europäischen Wortsinn möglich sein sollen. Auch wer
da behauptete ‚Es gibt keine Wahrheit‘ beriefe sich bei dieser seiner
Behauptung auf die Wahrheit und beanspruchte für sie allgemeine
Geltung, überpersönliche Verbindlichkeit, notwendige Verpflichtung.
Im Zeichen dieser stehenden und standhaften Wahrheit an und für sich
ist die europäische Wissenschaft tatsächlich seit den Griechen von
Sieg zu Sieg geschritten, welterobernd und weltherrschend wie kaum je
eine zweite Macht der Menschheit; ein unermeßlicher Schatz gesicherter
und gesichteter Erkenntnis ward als ein hoffentlich nicht mehr zu
verlierender Besitz des _homo sapiens_ angehäuft und auch wiederum
verschwendet, gesammelt und auch wiederum verausgabt. Wer wollte
angesichts solch überwältigenden Erfolges so kleinlich sein und an die
Opfer denken, die er gekostet hat. Wie selten denken Menschen an ihre
Opfer, solange ihnen der Erfolg winkt, -- frühestens dann, wenn der
Erfolg zur Frage wird, fällt ihnen bei, einen Überschlag zu machen und
zu rechnen, und zu rechten...