und Durcheinander der bewußten Vorstellungen einer strengen Auslese
zu unterziehen, dies, ihr Christen, ist also das eine, was dem Buddho
die Verwindung des Bewußtseins bewirkt durch die Steigerung des
Bewußtseins. Verdrängung aller wertwidrigen Bewußtseinsinhalte durch
die wertentsprechenden, Entkräftung aller niedrigen Triebregungen durch
Begünstigung und ‚unermeßliche Entwicklung‘ aller höheren, Vertauschung
aller heilhemmenden Gegebenheiten gegen die heilförderlichen: das
ist Ziel wie Weg, Zweck wie Mittel. Aber gleichzeitig erschöpft sich
die angestrebte Steigerung des Bewußtseins doch keineswegs in dieser
völligen Bemeisterung, Beherrschung, Regelung des Vorstellungablaufes
in der Zeit. Die nicht zweckdienlichen und folglich verbotenen
Bewußtseinsinhalte schon von der Schwelle fern zu halten, oder wo
dieses mißlingt, von der Schwelle zu entfernen, ist eine unerläßliche
Bedingung für die Entstehung jenes besseren, freieren, reineren
Urstandes, der dem Buddho vorschwebt. Aber unter keinen Umständen
ist das Bewußtsein schon verwunden wenn es gesäubert und entschlackt
erscheint. Die starke Gefahr ward vorhin erwähnt, die nach heutiger
Auffassung diesem Verfahren der Verdrängung eingewurzelter Triebe und
Begierden verhängnisvoll zu werden droht. Die Gefahr nämlich, daß die
verdrängten Regungen sämtlich in den unterschwelligen Bezirken der
Seele sich festnisten und hier nach der Gepflogenheit aller Schmarotzer
ein untilgbares und verwüstendes Unwesen führen möchten auf Kosten
der wachen Bewußtheit, die sich ihrer entledigt hat. Denn wie es
geschrieben steht, -- manche haben den Geist der Wollust aus sich
herausgetrieben und sind hernach in die Säue gefahren, und häufig genug
erwürgt ein verdrängter Hang nachträglich seinen eigenen Henker. In den
dunkleren und dumpferen Lagen der Seele huldigt der Mensch auf eine
ausschweifende und krasse Weise dem Dienst seiner Ahnen, deren Totem
er zwar nicht nach Art der ehemaligen Indianer auf die Haut tätowiert,
aber dennoch wie ein Mosaik in dem Kerngerüst seiner Keim-Zelle
musivisch angelegt trägt: und wehe ihm selber, wenn er sie mit dem Blut
der Opfer tränkt, die er auf dem Altar des Bewußtseins seinem edleren
Trachten feierlich dargebracht und umgebracht hat! Was hier der Mensch
im Menschen aus Ehrfurcht oder Scham vor sich selbst verwirft, das
diente von jeher dem Tier im Menschen zu seiner am hitzigsten begehrten
Kost. Und wenn sich die Hunde keineswegs ekeln, als die sonderlichsten
aller Selbstverköster den eigenen Auswurf, ja den eigenen Kot
gelegentlich wieder zu fressen, so heulen und bellen fürwahr diese
selbigen Hunde in den Kellern der Seele bei Tag und bei Nacht und bei
Nacht noch weiterhin vernehmlich wie am Tage. Die Gefahr mithin, in
den oberen Geschossen, wo das Bewußtsein gleichsam seine Empfangräume
hat, zwar eine peinliche Sauberkeit überall zu beobachten, aber den
inwendigen Abfall und Kehricht in das Verlies hinunter zu fegen, wo
Ratten und Schlangen in modrigen Löchern behaust sind, -- diese Gefahr
ist in der Tat keine geringe. Aber sie besteht nicht, ohne daß Gotamo
genau um sie wüßte, -- Gotamo, dessen Kennerschaft hier wirklich etwas
von göttlicher Allwissenheit erworben zu haben scheint. Denn keineswegs
bleibt diese tiefer geschichtete Zone der unterschwelligen Lebenskräfte
sich selber überlassen. Vielmehr wird sie im Bewußtsein vom Bewußtsein
unaufhörlich angeblinkt und belichtet, wie etwa des Nachts die
Einfahrt eines Hafens unaufhörlich angeblinkt und belichtet wird.
Und eben in dieser fortgesetzten Sammlung des Bewußtseins auf sonst
unbewußte oder unterbewußte Vorgänge besteht das zweite gotamidische
Verfahren, das Bewußtsein zu steigern und durch Steigerung zu
verwinden. Die oben umschriebene Regelung des Vorstellungablaufs
durch Auslese und Zuchtwahl der Vorstellungen untereinander ergänzt
sich sinngemäß durch eine andauernde Beaufsichtigung der niedereren
Körper- und Seelenbewegungen. Wo daher unstatthafte und unzweckmäßige
Vorstellungreihen aus dem Bewußtsein verdrängt werden und aus dem
Bewußtsein in tiefere Seelenlagen abwärts gleiten, da wird unverzüglich
eine Gegenwirkung aufgerufen, welche die unterschwelligen Vorgänge
ihrerseit wieder in den Lichtkegel der Bewußtheit rückt, ehe sie sich
in den Falten einer Dämmerwelt schmarotzerisch festzunisten vermögen.
Wohl werden also im Bewußtsein keine Vorstellungen geduldet, welche dem
heiligen Ziel der Leidensüberwindung nicht irgendwie förderlich zu sein
verheißen. Aber ebensowenig werden im Unterbewußtsein, Unbewußtsein
Vorstellungen geduldet, welche um eben jenes heiligen Zieles willen
aus dem Bewußtsein mit Anstrengung verdrängt wurden und sich darum der
Aufsicht des Bewußtseins zu entziehen drohen. Um solchen oder ähnlichen
Gefahren zu begegnen, hat der Mönch ein Maß von Selbstüberwachung
zu bewähren, welches dem Wachstum unterschwelliger Seelenkräfte
nicht nur so ungünstig wie möglich ist, sondern dasselbe vielleicht
geradezu ausschließt. Von der allmächtigen und allgegenwärtigen
Polizei des Bewußtseins werden alle unterschwürigen Lebensäußerungen
und Willensantriebe wie eine Verbrechergesellschaft von Schlupfwinkel
zu Schlupfwinkel aufgescheucht und zuletzt nach und nach vollständig
aufgerieben. Das Gemüt des Asketen liegt faltenlos geglättet an
der gleichmäßigen Helligkeit des Bewußtseins da; unbeaufsichtigte,
ungewußte, unbemerkte Wallungen oder Begierden gibt es grundsätzlich
in ihm nicht mehr. Dies ist der Grund, warum der Buddho die
Verdrängung eingewurzelter Lebenstriebe durchaus und ohne Vorbehalt
gebietet, und dennoch offenbar keines der Übel fürchtet, die nach dem
Ergebnis europäischer Seelenkunde jeder derartigen Triebverdrängung,
Triebunterdrückung auf dem Fuße folgen müßte. Und auch hier ist
wiederum vorbildlich jene mehrfach schon berührte Zucht der
Atemführung geworden. Wie diese Zucht in der Absicht geübt wird, die
unwillkürlichen Bewegungen des Leibes in willkürliche zu verwandeln,
so will eine letzte Zielsetzung überhaupt alle Lebensvorgänge aus
dem Reich der Physis in das Reich der Psyche pflanzen. Stets von
neuem wird der Mönch daher vom Buddho angehalten, die ‚vier Pfeiler
der Einsicht‘ fest zu gründen und beim Körper über den Körper, bei
den Gefühlen über die Gefühle, beim Gemüt über das Gemüt, bei der
Erscheinung über die Erscheinung zu wachen. ‚Klar bewußt‘, dies wird zu
einer der dringendsten Ermahnungen an die Jünger, und die evangelische
Wachsamkeit bei Tag und bei Nacht, besonders aber bei Nacht, gilt im
urwüchsigen Buddhismus noch viel mehr (wenn freilich auch in einem
anderen Sinne) als in den evangelischen Schriften für die vornehmste
aller religiösen Pflichten: „Den Arm über das Haupt gelegt, so sollte
der Held ausruhn, so sollte er auch noch sein Ausruhn überwinden“ ...
Nicht ziemte es dem vorgeschrittenen Asketen, auch nur eine einzige
Verrichtung des Leibes mit schläfrigem Bewußtsein oder ‚aus Instinkt‘
zu verrichten. Ein ständig arbeitendes Bewußtsein läßt vielmehr gar
keine Instinkte aufkommen und unterbricht daher auch den Zusammenhang
der Lebewesen fast gänzlich, der sonst zwischen dem Menschen und den
übrigen Tieren der Schöpfung nur allzu deutlich wahrzunehmen ist. „Mit
klarem Bewußtsein wollen wir uns wappnen. Klar bewußt beim Kommen und
Gehn, klar bewußt beim Hinblicken und Wegblicken, klar bewußt beim
Steigen und Erheben, klar bewußt beim Tragen der Gewänder und der
Almosenschale des Ordens, klar bewußt beim Essen und Trinken, Kauen und
Schmecken, klar bewußt beim Entleeren von Kot und Harn, klar bewußt
beim Gehn und Stehn und Sitzen, beim Einschlafen und Erwachen, beim
Sprechen und Schweigen, also habt ihr euch, meine Mönche, wohl zu
üben“...
Alle die wimmelnden Gefühle also, die aus der Sehnsucht stammen oder
aus dem Verlangen oder aus dem Hang oder aus dem Weib oder aus der
Begierde oder aus der Liebe oder aus dem Haß, sie werden gleichsam
im Bewußtsein abgefangen und hier mit einem Hieb ins Genick zur
Strecke gebracht. Und mit diesen vom Lebenssaft der tiefst gesenkten
Bodenwurzeln tausendfach gespeisten Gefühlen wird die Sehnsucht selber,
wird das Verlangen selber, wird der Hang selber, wird der Trieb selber,
wird die Begierde selber, wird die Liebe selber, wird der Haß selber
im Bewußtsein abgefangen. Sie alle gehören ein für allemal zu des
Leidens Verursachung, zu den Leidenschaften, die da Leiden schaffen;
sie alle werden im Bewußtsein abgetötet fast schon durch die schlichte
Tatsache, daß sie dort zum Bewußtsein gelangen. Denn das im Übermaß
erhellte Bewußtsein des Leidens, könnte man nicht unzutreffend sagen,
die im Übermaß erhellte Vorstellung des Leidens vernichtet schon an und
für sich alles Leiden. „Indem ich mir jener Leidensursache Vorstellung
gegenwärtig halte, wird durch der Vorstellung Gegenwart die Liebe
verwunden; indem ich wieder betrachtend die Betrachtung über jene
Leidensursache in mir vollende, wird die Liebe verwunden“, -- so faßt
einmal der Buddho dieses seltsame Seelengesetz in Worte, die man sich
zu merken hätte. Durch angespannteste Aufmerksamkeit und sorgfältigste
Selbstüberwachung erzielt Gotamo eine seelische Gesamthaltung, die
freilich nicht leicht zu schildern und noch schwerer zu erläutern ist.
Vielleicht ist sie uns einigermaßen bekannt von uns selber, wenn es uns
beispielweis einmal vorübergehend gelingt, einen heftigen Körperschmerz
durch nachhaltige Steigerung der Aufmerksamkeit bis zu einem gewissen
Grad zu neutralisieren und ihn in einer von unserer Person entfernter
scheinenden Sphäre zu objektivieren. Hierbei gelangt zwar der Schmerz
nicht geradezu zum Verschwinden, aber immerhin belästigt er weniger wie
vorhin: der im Bewußtsein zu einer Art von Versachlichung gediehene
Schmerz löst sich zeitenweis von unserem Selbst ab, nicht unähnlich,
wie sich etwa im Augenblick des Abschusses einer Pistole die Hand
vom übrigen Körper ablöst und Pistole und Hand zusammen ein beinah’
selbstherrliches Dasein gewinnen. Eine ähnliche Entpersönlichung
des Erlebens trachtet der Buddho hervorzubringen und bringt er auch
sicherlich hervor durch die innigere Gesammeltheit des Bewußtseins auf
die Begebnisse des Leibes und der Seele.
Auf solche Weise nun betätigt der ‚Erwachte‘ zwar vielleicht eine
eigenartige, aber dennoch durchaus folgerichtige Anwendung des
allgemeinsten und unumstößlichsten Ergebnisses unserer europäischen
Transzendentalphilosophie: wonach im Bewußtsein das Sein sozusagen
abgestreift und gehäutet wird, -- wonach vom Bewußtsein das Sein in
einer unwirklichen Spiegelung zurückgestrahlt oder umgebogen wird.
Im Bewußtsein des Bewußtseins aber oder im Bewußtsein höheren Grades
stocken insbesondere die Unterschwellungen unterwüchsiger Lebenssäfte,
welche im Leib und Geist des einzelnen Menschen unaufhörlich lust-
und unlustspendend kreisen und durch mehr wie nur einen Nabelstrang
mit dem Kreislauf des großen Lebens, All-Lebens zusammenhängen. Etwa
wie die Stiele und Stengel von blühenden Gräsern oder Blumen an
der Stelle dorren, wo sie unter die scharf belichteten Brennpunkte
optischer Linsen gerückt werden, so dorrt und welkt pflanzenhaftes,
tierisches, menschliches Leben nach des Buddho innerster Absicht,
unter den Brennpunkt gerückt eines zu andauernder Wachsamkeit
verpflichteten Bewußtseins und Überbewußtseins. Oder wie ein Chirurg,
ein ‚Handwerkender‘ und ‚Handfertiger‘ die Messer, Scheren, Sägen
seines ärztlichen Besteckes vor dem Gebrauch in eine Lösung von
Sublimat eintaucht, um sie zuverlässig zu entkeimen, so taucht der
Buddho alles Werdende und Lebendige in Bewußtheit, um es darin nochmals
zu entkeimen. Oder wiederum, wie derselbe Chirurg und Therapeut
ein krebsendes Gewebe der Einwirkung gewisser Strahlenbündel von
der Ordnung X aussetzt, um die Wucherung mehrkerniger Körperzellen
aufzuweichen, zu zersetzen, zu zerstören, so weicht der Buddho im
Strahlenbündel des gesammelten Bewußtseins die Wucherung Leben auf,
die Wucherung Werden auf, die Wucherung Leiden auf, zerstört sie und
zersetzt sie... Solchermaßen verwindet der Buddho das Bewußtsein
durch Steigerung des Bewußtseins, das Leiden durch Steigerung des
Bewußtseins, das Leben durch Steigerung des Bewußtseins: im innersten
Gemüt, wie es scheint, einhellig mit einem tief rätselhaften Wort
Lao-Tses, wonach Leben schon an und für sich Mißbrauch des Lebens ist.
Wie manche Körper aber das Licht einmal brechen, andere es zweimal
brechen, so bricht das gemeine Bewußtsein das Leben schon gleichsam
einmal, das Bewußtsein des Bewußtseins aber zweimal, -- und so wird das
Leben denn von seiner anfänglichen Richtung zweimal abgelenkt, zweimal
abgeknickt, zweimal zurückgeworfen. Im Bewußtsein empfängt der Bewußte
das Leben und alle Wirklichkeiten des Lebens: aber das Bewußtsein
des Bewußseins gibt vom Leben und seinen Wirklichkeiten nur noch die
doppeltgebrochenen Bilder und Bildesbilder, indessen Wirklichkeit und
Leben mit allen Gefühlsbetonungen, Gefühlsaufwühlungen weit draußen
verebben, vergluten und verbrausen. Wie die übermäßige Helligkeit der
tropischen Sonne die Farben der Gegenstände verzehrt und ihre Formen
aufsaugt, so verzehrt die übermäßige Bewußtheit des Asketen die Farben
des Lebens und saugt es die Formen der Wirklichkeiten auf sich, in
sich. Das höhere Bewußtsein ist der luftleere Raum, in welchem die
Körper die ihnen eigentümliche Schwere verlieren und insgesamt mit
gleicher Geschwindigkeit fallen, und wiederum ist es ein chemischer
Filter, durch den man die giftigen Gase des Tods und der Verwesung
hindurchseiht. Nachdem sich der Weltstoff in den fünf Elementen
verwirklicht und bald als Erde, bald als Wasser, bald als Luft, bald
als Feuer, bald als Äther um- und umgestaltet hatte, wiederfährt ihm
jetzt die letzte und endgültige Umgestaltung in ein sechstes Element,
ins Bewußtsein, wo ihn der Buddho in gläserne Ruhe und kristallische
Friedsamkeit feierlich einsargt und bestattet, ähnlich jenem lieben
deutschen Märchen, allwo die Sieben Zwerge über den Sieben Bergen
den blühenden Leib Schneewittchens ins gläsern-kristallische Bett
einsargen und bestatten. Und wie nun darin der Leib der kleinen Prinzeß
in himmlischer Geborgenheit ruht und dennoch den Sieben Zwergen zu
ewiger Besäligung hold gegenwärtig bleibt, so ruht Welt, Leid, Leben
fortab im Sechsten Element des Bewußtseins in himmlischer Geborgenheit
und Stille, wie es der vollkommen Erwachte denn auch buchstäblich
gesprochen und versprochen hat:... „den Wahnvernichtern taugen diese
Dinge um säliger Gegenwart zu genießen“...
Bei der Abkunft des Leidens aus dem Bewußtsein, wie sie in den
Schriften des Pâli-Kanons gegeben wird, bezog ich mich bislang im
wesentlichen auf jene Fünfzehnte der Reden aus der Längeren Sammlung
Dîghanakâyo. Hier gilt in der Tat Bewußtsein für die letzte Stätte
einer achtfachen Entstehung: es selber eine Unentstandenheit und
Unbedingtheit, die nur noch durch sich selber verwunden werden konnte.
Was hier aus diesem Umstand gefolgert ward, wird daher im ganzen und
großen, ganzen und groben seine Richtigkeit haben, -- jedenfalls
ließ es sich so ziemlich in allen Fällen fortlaufend erhärten an den
gotamidischen Aussprüchen in den Heiligen Schriften. Im Bewußtsein fand
der Erwachte den Angriffspunkt für seinen Hebel, von wo aus er die
Werde- und Wandelwelt aus ihren Angeln drehte. Das Bewußtsein bot ihm
Handhabe, und besser noch Geisthabe, den gesamten Vorstellungablauf
(‚_stream of thought_‘ wie William James sagt) gemäß dem heiligen Ziel
zu regeln und zu meistern. Das Bewußtsein half ihm gegen die wilde
Überflutung durch ungerufene Erlebnisse und ungebetene Begebenheiten
einen widerstandfähigen Damm aufzuführen. Im Bewußtsein wußte er das
Sein zu treffen und all sein Leiden am Sein, im Bewußtsein kühlte er
den brennenden Schmelzfluß der Wirklichkeit zum kalten Metall und
Kristall ab... Dies alles verhält sich so und kann mit stichhaltigen
Einwänden nicht bestritten werden. Nur muß es gesagt sein, sogar
auf die Gefahr einer ungemeinen Verschwierigung des Tatbestandes
hin, daß in Ansehung der Abkunft und Entstehung des Leidens in den
Heiligen Schriften des Kanons noch eine andere Deutung steht. Diese
widerstreitet der gegenwärtigen nicht geradezu in allen Stücken, denn
sie läuft die größere Strecke des Wegs völlig mit ihr gleich, um sich
erst zuletzt von ihr zu trennen. Trotzdem überschreitet sie dieselbe,
denn sie läßt ihrerseit das Bewußtsein nicht mehr als ein Festes und
Letztes und Unbedingtes bestehen. So bietet zum Beispiel die Elfte,
die Achtunddreißigste, die Hundertundfünfzehnte Rede aus der Mittleren
Sammlung Majjhimanikâyo eine Entstehung des Leidens nicht aus acht,
sondern aus zehn Gliedern dar, und mit dieser zehngliedrigen Ableitung
ließe sich alsdann auch das Zwölfte Bruchstück des Dritten Teils aus
der Sammlung der Bruchstücke Suttanipâto zwanglos in Übereinstimmung
bringen. So daß wir im Kanon ganz außer allem Zweifel zwei verschiedene
Abkünfte des Leidens erörtert finden. Einmal das Leiden entwickelt
aus dem Bewußtsein, wobei das Bewußtsein die Stelle und den Rang
des Urphänomens, des unabgeleiteten und unableitbaren, einnimmt und
behauptet, -- mithin eben die Stelle und den Rang, den es in der
transzendentalidealistischen und phänomenologischen Philosophie des
Westens seit den Griechen immer wieder zugewiesen erhielt und immer
wieder zugewiesen erhalten wird. Das andere Mal das Leiden entwickelt
aus -- --, ja! das ist die neue und offene Frage, die uns jetzt
gestellt ist, die uns jetzt selber stellt. Schon ward erwähnt, daß
diese neue Ableitung mit der alten auf die bei weitem längere Strecke
hin völlig zur Deckung gelange: daß mithin die Auseinanderfolge Geburt,
Werden, Anhangen, Durst, Gefühl, Berührung, Bild-Begriff und Bewußtsein
als die klassische Genesis des Leidens eindeutig gewahrt bleibt. Nur
nimmt in dieser zweiten Ableitung das Bewußtsein nicht mehr die Stelle
der Unentstandenheit ein, vielmehr erscheint zu seinem Teil verursacht,
geworden, bedingt, begründet. Ein Umstand, den der Buddho knapp und
einprägsam in den Satz faßt: „Ohne zureichenden Grund entsteht kein
Bewußtsein...“ Dort also ein unentstandenes Bewußtsein, welches mit der
erkenntnismäßigen Doppelung Bild-Begriff oder Wahrnehmung-Vorstellung
ganz einfach ins Dasein tritt, ohne daß man wissen kann wie. Hier
dagegen ein entstandenes Bewußtsein und sein zureichender Grund,
und mit ihm eine Verlängerung des Leitfadens Ursächlichkeit über
das Urphänomen hinaus samt dem Versuch einer Entwicklunggeschichte
des Bewußtseins, die einem der philosophischen Vertreter einer
der europäischen Philosophien des Unbewußten aus dem verflossenen
Jahrhundert (etwa zwischen dem älteren Fichte und Hartmann) alle Ehre
gemacht hätte. Diese einander ausschließenden Auffassungen vom ‚Wesen‘
des Bewußtseins einander mit einem gewissen unredlichen Eifer zur
Synthetik anähneln zu wollen, wäre weder ehrlich noch klug. Und noch
weniger stünde es unserer westlich denkenden, westlich schließenden
Vernunft an, aus dem vorhandenen Widerspruch beider Auffassungen die
Ungültigkeit der einen zugunsten der Gültigkeit der anderen folgern
zu wollen. Die Frage, welche uns diese doppelte Abkunft des Leidens
und diese doppelte Auffassung, als Urphänomen und bloßes Phänomen mit
hoher Dringlichkeit stellt, ist vielmehr lediglich folgende: welche
neue Aufgaben dem religiösen Leben und der religiösen Tat aus dieser
neuen Auffassung erwachsen, nachdem die Aufgaben, so aus der ersten
Auffassung sich ergeben, hier zwar nicht eigentlich mit Gründlichkeit,
immerhin aber mit Grundsätzlichkeit aufgezeigt worden sind.
Bevor wir uns indes dieser sehr ernsthaften Frage voll zuwenden dürfen,
muß Klarheit obwalten über jene zweite Abkunft des Leidens selbst
und die darin vertretene Deutung des Bewußtseins als eines Gliedes
unter anderen Gliedern in der Reihe der Entstehungen. Es muß Klarheit
obwalten über die Abkunft des Bewußtseins und über das, was der Buddho
selbst den zwingenden Grund des Bewußtseins nennt. Die Antwort, die
uns darauf wird, lautet denn auch bündig und schlicht genug: das
Bewußtsein wird bedingt durch Unterscheidung, -- die Unterscheidung
wird bedingt durch Nichtwissen! Unterscheidung und Nichtwissen heißen
demnach die zwei letzten Grundlegungen, die das vorige Urphänomen
Bewußtsein nunmehr als bloßes Phänomen begreiflich machen sollen. Wer
sonach jetzt und von hier aus vor der Aufgabe steht, das Bewußtsein zu
verwinden, wird sie nicht mehr in dem Sinn lösen können, wie sie oben
gelöst worden ist. Sondern er wird sie neu in Angriff nehmen müssen
nach Maßgabe der veränderten Stellung des Bewußtseins in der Reihe der
Entstehungen. Nicht mehr wird er Bewußtsein zu verwinden fähig sein
durch Steigerung des Bewußtseins, sondern er wird Bewußtsein verwinden,
indem er Unterscheidung verwindet, und nach verwundener Unterscheidung
Nichtwissen. Die Verkettung der Ursachen, vorhin lediglich bis zur
Urtatsache des Bewußtseins entwickelt, wird jetzt übers Bewußtsein
hinaus zur Unterscheidung entwickelt und über die Unterscheidung hinaus
zum Nichtwissen, -- bis endlich im Wissen der Gedanke von des Leidens
Abkunft seine letzte, allerletzte und auch von Buddho selbst nirgends
überbotene Aufgipfelung erfahren hat...
Wie aber dies, ihr Christen? Was will das heißen: die Unterscheidung
zu verwinden und nicht mehr zu unterscheiden? Was will das heißen: das
Nichtwissen zu verwinden und nicht mehr nicht zu wissen? Beruht denn
nicht jeder Vorgang bewußten Wahrnehmens, bewußten Empfindens, bewußten
Erfahrens just darauf, daß das annoch ungeschiedene Ineinander und
Durcheinander erlebter Gegebenheiten durch die Tätigkeit der einzelnen
Sinneswerkzeuge geschieden, zerlegt, unterschieden wird? Vermögen wir
überhaupt wahrzunehmen, zu empfinden, wenn wir nicht gleichzeitig die
Unterscheidung treffen: dies ist Gehör und Schall, dies ist Gesicht und
Bild, dies ist Getast und Empfindung, dies ist Geruch und Duft, dies
ist Geschmack und Nährstoff, dies ist Verstand und Gedanke? Scheidet
und unterscheidet nicht ohne weiteres schon der Vorgang des Wahrnehmens
alles Wahrnehmbare je nach der Beschaffenheit des wahrnehmenden Organs,
so daß der Wust gemischter, noch nicht entmischter Sinnesreize sofort
von Ohr, Auge, Haut, Nase, Zunge, Verstand entmischt wird in das Neben-
und Nacheinander dessen, was dem Ohr und dem Auge, was der Haut und
der Nase, was der Zunge und dem Verstand angemessen ist? Ja, hat nicht
Gotamo in eigener Person Jahrtausende vor dem deutschen Physiologen
Johannes Müller auf seine Weise das Gesetz von den spezifischen
Energien der Sinne vorweg geahnt und vorweg genommen, wenn er in
einer der Reden über die Abkunft seinen Mönchen erläutert: „Durch das
Gesicht und die Formen entsteht Bewußtsein: gerade ‚Sehbewußtsein‘
kommt da zustande. Durch das Gehör und die Töne entsteht Bewußtsein:
gerade ‚Hörbewußtsein‘ kommt da zustande. Durch den Geruch und
die Düfte entsteht Bewußtsein: gerade ‚Riechbewußtsein‘ kommt da
zustande. Durch den Geschmack und die Säfte entsteht Bewußtsein:
gerade ‚Schmeckbewußtsein‘ kommt da zustande. Durch das Getast und
die Tastungen entsteht Bewußtsein: gerade ‚Tastbewußtsein‘ kommt da
zustande. Durch das Gedenken und die Dinge entsteht Bewußtsein: gerade
‚Denkbewußtsein‘ kommt da zustande...“ Wie also dies vom Buddho selbst
verkündete Gesetz von den spezifischen Energien der Sinne verleugnen
und wie die notwendige Unterscheidung in spezifische Gegebenheiten
des Bewußtseins selbst verleugnen? Und um es gleich von vorn herein
zu gestehen: kaum anderswo läßt Gotamo den, der ihm nachzudenken
strebt, so sehr im Dunkeln tappen wie gerade hier, wo er im Verfolge
der Entstehunggeschichte des Bewußtseins eine Forderung erhebt, die
für Menschen unerfüllbar scheint. Das Bewußtsein stammt aus der
Unterscheidung, wofern jedes einzelne Sinneswerkzeug und Sinnesgebiet
ausschließlich jene Reize der Aufnahme und Verarbeitung zuführt,
auf welche es seinerseit abgestimmt ist und welche es ihrerseit
wiederum auf sich selber abstimmt. Wie aber unter diesen Umständen
die Unterscheidung meiden, die unter dem Zwang leiblich-geistiger
Beschaffenheit getroffen wird? Wie die Zerlegung der Einen Wirklichkeit
in zahllose Eindrücke und Erscheinungen umgehen, die doch unmittelbar
mit dem Arbeitvorgang der Sinne als solche zum Vollzug gelangt?