beginnende Bemeisterung, eine beginnende Überwindung der Welt,
antworte ich darauf, -- nichts Geringeres und nichts Größeres, ihr
Christen, hat er zu bedeuten! Es ist der geheimste Sinn dieser
entwicklunggeschichtlichen Umbettung des Seins in das Bewußtsein,
daß man das Wirkliche dadurch gleichsam in die Hand bekommt, dieweil
es vorher sich offenbar jeder Handhabung entzog. Der Schwerpunkt
der Welt wird aus dem Sein in das Bewußtsein hinein verlegt, wofern
er im Bewußtsein jederzeit nach Absicht und Bedarf seine Stelle
wechseln kann: vergleichungweis wie ein gewandter Turner jederzeit den
Schwerpunkt seines Leibes nach Absicht und Bedarf seine Stelle wechseln
lassen kann. Die Welt als bloßes Sein unterliegt dem Gesetz des bloßen
Seins und bleibt insofern jeder Zuständigkeit bewußten Wollens,
bewußten Strebens, bewußten Zielens entrückt. Die Welt als Bewußtsein
dagegen unterliegt zumindest ‚auch‘ dem Gesetz des Bewußtseins, will
heißen dem Gesetze dessen, der für den Inhaber, Träger, Herrn des
Bewußtseins gilt. Das abgezogene und reine Sein verharrt ausschließlich
auch nach eigenem Sinn, Nicht-Sinn oder Wider-Sinn: verharrt als
unendliche Erstreckung unendlicher Mannigfaltigkeiten, welche nirgends
einen Ansatz für menschliches Eingreifen, Beeinflussen, Gegenwirken
darbieten (es geschähe denn durch Zauberei...). In dieser streng
sachhaften Wirklichkeit findet der Mensch im Grunde wenig oder
nichts für sich zu tun. Sie überwältigt und unterjocht ihn völlig,
wie es in den gesellschaftlichen Bildungen des Orients denn auch bis
auf Gotamo der Fall gewesen ist. Eingefügt, ja eingewalzt in die
unerschütterlichen Ordnungen der Gestirne und Gezeiten des allmächtigen
Himmels betätigt der Mensch sich wesentlich als Vollstrecker dieser
Ordnungen, die zwar nicht geradezu widermenschlich, aber doch auch noch
nicht menschlich sind. Der Mensch betätigt sich als kosmisches Werkzeug
hier, gleichsam als astrales Organon des großen Himmels, und seine
Siege, die in manchem Betracht alle künftigen Siege übertreffen, feiert
er in diesem Zeichen. In gar nicht abzuschätzenden Graden sind diese
Ordnungen astronomisch-astrologischer, physikalisch-kalendarischer,
mathematisch-mantischer Beschaffenheit wohltätig gewesen, -- die
Ordnungen einer vorzugweis ‚katholischen‘ Gesellschaft, wie sie
in China, Indien, Babylon-Assur und Ägypten entstand und dauerte.
Rhythmisch durchpulst von den Flutungen und Ebbungen des Himmels wie
von den Blutwellen des eigenen Herzens atmet der Mensch hier noch den
Atem der Schöpfung. Aber wir sahen es schon: mit der Zeit trachtet der
Mensch auch diesen Atem in seine Gewalt zu bringen, zum Zeichen, daß
er nicht länger der Vollstrecker, sondern der Gebieter des All sei.
Es ist eine Tatsache von unverkennbarer Symbolik, daß just mit den
Übungen der Hatha-Yoga die gleichsam protestantische Loslösung und
Verselbständigung des Menschen beginnt, -- schon lange vor Gotamo,
aber vollends durch Gotamo besiegelt, wenn er den unwillkürlichen
Vorgang des Lebens dadurch dem Willen unterwirft, daß er jenem ganz
regelmäßig eine bestimmte Vorstellung zuerst begleitend zugesellt, dann
aber gewissermaßen verdrängend unterstellt. Langsam, aber unaufhaltsam
verschwindet derart der Kosmos der Dinge, um einem Kosmos der
Vorstellungen das Feld zu räumen, -- übrigens in der Bhagavad-Gitâ ganz
buchstäblich das ‚Feld‘ (_kshetra_) des Feld-Kenners (_kshetrajna_)
genannt! -- langsam, aber unaufhaltsam, gelangt eine transzendentale,
will heißen immanente, will heißen phänomenologische Wirklichkeit als
Inhalt des Bewußtseins ins Machtbereich des erlebenden Menschen. Die
Reihe der kosmischen Kräfte wird um eine neue Kraft vermehrt, welche
bald alle übrigen an Wirksamkeit übertrifft: denn eben von den bewußt
entwickelten Vorstellungen hängt es künftig ab, welche Gestalt diese
Welt annimmt und welche nicht. Wenn schon Kant, der transzendentale
Idealist, auf seine stille Weise darüber frohlockt, daß sich in seiner
kopernikanisch gewendeten Lehre die Erkenntnisse der Vernunft fürderhin
nicht mehr nach den äußeren Dingen, Gegenständen, Wirklichkeiten
richteten, vielmehr umgekehrt die Dinge, Gegenstände, Wirklichkeiten
nach den Erkenntnissen der Vernunft und deren Bedingungen _a priori_;
wenn schon in diesem stillen Frohlocken Kants deutlich vernehmbar
die Freude des echten Protestanten an der Bewältigung, Bemeisterung,
Beherrschung der Natur durch den Geist, der Notwendigkeit durch die
Freiheit, der Unwillkür durch die Willkür zum Ausdruck kommt, --
nun wohl! so weiß der Buddho dieselbe Genugtuung noch ganz anders
auszudrücken: er, der dem entwickelten Vorstellungleben eine magische,
ja eine okkulte Wirksamkeit im Umkreis der Verursachungen zuzuschreiben
sich berechtigt fühlt. „Acht Gründe gibt es, Ânando, acht Ursachen,
daß ein gewaltiges Zittern über die Erde zur Erscheinung kommt; und
welche acht? Diese große Erde, Ânando, hat ihren Bestand im Wasser,
das Wasser hat seinen Bestand im Winde, der Wind hat seinen Bestand im
Raume. Zu einer Zeit nun, Ânando, wo gewaltige Winde wehen, lassen die
gewaltigen Winde mit ihrem Wehen das Wasser erbeben: und erbebt das
Wasser, erbebt die Erde. Das ist der erste Grund, die erste Ursache,
daß ein gewaltiges Zittern über die Erde zur Erscheinung kommt. Ferner
aber, Ânando, ist da ein Asket oder ein Priester, der ist machtvoll,
hat die Herrschaft über seinen Geist, oder ein Gott, hochmächtig,
hochgewaltig, -- der hat die Vorstellung ‚Erde‘ mäßig entwickelt,
unermeßlich die Vorstellung ‚Wasser‘: so macht er diese Erde beben und
erbeben, wanken und schwanken. Das ist der zweite Grund, die zweite
Ursache, daß ein gewaltiges Zittern über die Erde zur Erscheinung
kommt...“Diese erstaunlichen und doch auch wieder selbstverständlichen
Worte des Dritten Berichtes aus dem Großen Verhör über die Erlöschung
Mahâparinibbânasuttam führen die Vorstellung ein als eine Kraft
eigener Art, als eine Ursache eigener Art, als einen Antrieb eigener
Art innerhalb der Gesamtheit aller Kräfte, Ursachen und Antriebe der
Welt. Auf magische oder auf okkulte Weise beeinflussen Vorstellungen
den Zustand der Wirklichkeit und verteilen die vorhandenen Grundstoffe
anders, als es vorher und ohne ihre Beeinflussung der Fall war.
Je nachdem eine Vorstellung vom Vorstellenden unterdrückt oder
entwickelt, begünstigt oder vernachlässigt, gestärkt oder geschwächt
wird, greift sie als eine wirkende Ursache in die Unendlichkeit der
wirkenden Ursachen ein. Weit entfernt, eine wesenlose, untätige,
unwirkliche Begleiterscheinung der Körperlichkeit oder des Lebens zu
sein, -- wie dies europäische Psychologen, Physiker und Philosophen
häufig vermuten zu dürfen glaubten im sinnfälligen Widerspruch zu
bestehenden Tatsachenreihen, -- erweist sich die Vorstellung hier als
eine der treibenden Kräfte der Welt, ja als die Hauptkraft der Welt,
wo sie richtig gebildet, richtig geübt, richtig gehandhabt wird.
Veränderte Vorstellungen bewirken veränderte Dinglichkeiten: diese
endlich auch von der abendländischen Wissenschaft gemachte Entdeckung
verrät das eigentliche Geheimnis, warum gerade der Buddho die Wendung
vom Kosmos Uranios zum Kosmos Noetos vollziehen mußte, -- warum gerade
er den transzendentalidealistischen und phänomenologischen Standpunkt
mit soviel Ausschließlichkeit vertreten und wahren mußte. Gotamo der
Protestant, der von Anfang an nichts so folgerichtig und planmäßig
anstrebte als die vollendete Freiheit und Unabhängigkeit des Gemüts
von allen naturhaften Bedingungen und Gebundenheiten, er fand in
der Vorstellung die Möglichkeit, diese Freiheit und Unabhängigkeit
zielbewußt zu erwirken. Die Vorstellung, die ihm eine Kraft, eine
Wirksamkeit sondergleichen ist, gestattet den ungeheuern Eingriff
in die gesetzmäßig bestimmte Ordnung der Welt, auf welchen es vor
allem abgesehen ist. Im Besitz seiner Vorstellungwelt schaltet der
Vorstellende in den Stromkreis der Kräfte eine neue Kraft von der
Ordnung X ein, die im Unterschied zu allen anderen Kräften durchaus
dem Bereich der eigenen Machtvollkommenheit und Zielstrebigkeit
angehört. Von den Vorstellungen aus ergehen fortab die Befehle,
Winke, Zeichen, nach welchen die Wirklichkeiten abgeändert werden;
von den Vorstellungen aus beherrscht die Absicht des Vorstellenden
die gesamte Schöpfung, sobald er sie nur zu beherrschen willens
ist. Mittels der Vorstellung bringt der Vorstellende grundsätzlich
die unendliche Weltwirklichkeit in seine Gewalt: in der Form der
Vorstellung wird sie ihm botmäßig, wenn nicht sogar dienstwillig.
Schopenhauers etwas dürre Formel ‚die Welt ist Meine Vorstellung‘
heißt in die Sprache Gotamos übersetzt fruchtbarer und sinngemäßer:
die Welt ist abhängig veränderlich von Meiner Vorstellung der Welt...
Und wenn dies auch nicht buchstäblich so zu denken ist, wie es Gotamo
selbst dem aufhorchenden Ânando im Dritten Bericht aus dem Großen
Verhör der Erlöschung Mahâparinibbânasuttam so eindringlich darlegt;
wenn in Wahrheit auch nicht schon jede unermeßlich entwickelte
Vorstellung ausreichend sein mag, diese Erde zum Zittern zu bringen
wie die Vorstellung ‚Wasser‘ eines hochmögenden Asketen, -- daß eine
‚unermeßlich‘ entwickelte Vorstellung zum mindesten die empfindenden
und bewegenden Nerven, die Zellen und Gewebe und Muskeln eigener und
fremder Leiblichkeit beeinflussen und bestimmen können, dies steht
auch für unser europäisches Wissen nachgerade auch dann fest, wenn
eine ausreichende Erklärung dieses Sachverhalts nicht gegeben werden
kann. Mittels Vorstellungen auf lebendiges Plasma einzuwirken und
es von diesem inneren Licht aus geradezu einer Art von Bestrahlung
zu unterziehen, das ist möglich, denn es ist wirklich. Der Herr der
Vorstellungen aber ist der Vorstellende, und so ist der Vorstellende
der Herr über alles, was von der Vorstellung her beeinflußbar
erscheint, -- grundsätzlich der Herr also über alles, was lebt und
infolge seines Lebens selbst an einer Vorstellungwelt teil hat: sie
sei dumpf oder besonnen, unbewußt oder bewußt. Als vorstellendes Wesen
verfährt der Mensch mit seinen Vorstellungen, wie es ihm gefällt, und
so verfährt er auch mit dem, was seiner Vorstellungkraft nah oder fern
zugänglich ist, wie es ihm beliebt. Die Welt als Vorstellung restlos
dem bewußten Wollen, der bewußten Absicht, dem bewußten Zweck gehorsam
zu machen, gehört somit ganz einfach zum Ziel des gotamidischen
Protestantismus, wie es (in etwas anderer Weise) zum Ziel des
kantischen Protestantismus gehört: in dieser Hinsicht geschieht Gotamos
Einstellung auf den ‚transzendentalen Idealismus‘ aus dem stärksten
Instinkt des großen Protestanten heraus, der über die Welt Herr sein
und nicht der Welt Knecht sein will. Sei nun die Welt wahrheitgemäß
Meine Vorstellung, oder sei Meine Welt Vorstellung oder sei weder
Meine noch Deine Welt weder Meine noch Deine Vorstellung, sondern die
‚Welt überhaupt Vorstellung überhaupt‘, -- unter allen Umständen ist
es erst diese Auffassung, die eine brauchbare Möglichkeit schafft,
der Welt von innen her, vom Bewußtsein her, vom ‚Geiste‘ her habhaft
zu werden. Erst als Bewußt-Sein von der Welt ist das Sein der Welt zu
überwältigen, zu überweltlichen. Und umgekehrt: wo diese Überwältigung
und Überweltlichung vornehmstes Ziel des Lebens ist, muß folgerichtig
alles Sein in das Bewußtsein eingesenkt und eingeschichtet werden...
Wie aber nun, ihr Christen? Heißet das Leiden verwinden recht
eigentlich die Welt verwinden, die Welt verwinden aber die Vorstellung
der Welt verwinden, -- heißet alsdann nicht das Leiden verwinden die
Vorstellung der Welt, ja die Vorstellung-Welt selbst verwinden? Heißet
das Leiden verwinden recht eigentlich das Sein verwinden, das Sein
verwinden aber das Bewußtsein verwinden, -- heißet alsdann das Leiden
verwinden nicht das Bewußtsein selbst verwinden? Und falls sich dieses
wirklich so verhält, -- und es verhält sich so! -- was heißt in diesem
zutreffenden Fall die Vorstellung verwinden, das Bewußtsein verwinden?
Wie kann die Vorstellung als solche, wie kann das Bewußtsein als
solches verwunden werden, wenn Vorstellung und Bewußtsein das Erste
und Letzte, das Unbedingte und Unentstandene ist? Wie kann das Erste
und Letzte, das Unbedingte und Unentstandene selbst verwunden werden,
da doch Nichts mehr hinter und Nichts mehr über ihm ist, welches zur
Verwindung berufen wäre?
Auf zweierlei Arten kann dennoch auch das Bewußtsein verwunden werden,
die beide unmittelbar durch die Beschaffenheit des Bewußtseins
selber bestimmt sind. Das Bewußtsein nämlich kann unterschritten
und kann überschritten werden. Es kann entweder soweit geschwächt,
soweit getrübt, soweit verringert, soweit unterdrückt werden, daß es
gewissermaßen unter seinen eigenen Schwellenwert hinabsinkt und sich
ins Unbewußtsein allmählich verliert. Oder aber das Bewußtsein kann
soweit gestärkt, soweit aufgehellt, soweit vermehrt, soweit gehoben
werden, daß es gewissermaßen über sich selbst gesteigert erscheint
und ins Überbewußtsein mündet. Denn um den entscheidenden Tatbestand
mit einem einzigen Wort anzuführen: das Bewußtsein hat Grade! Das
Bewußtsein hat Grade, und also verläuft es zwischen einem untersten und
einem obersten Schwellenwert von der bestimmten Größe Null bis zu einer
unbestimmbaren und vielleicht sogar unendlichen Größe. Das Bewußtsein
hat Grade, wie schon einer der ersten Philosophen des Bewußtseins in
Europa, Leibniz, mit großem Nachdruck behauptete; -- das Bewußtsein
hat Grade, auch wenn sich im verflossenen Jahrhundert der Philosoph
des Unbewußtseins für das Gegenteil dieser Behauptung hartnäckig
eingesetzt hat. Zwischen der heftigsten, beinahe wütenden Gespanntheit
auf ein erlebtes Vorkommnis und der vollkommenen Gleichgültigkeit
gegen dasselbe, zwischen der angestrengtesten Überwachheit und der
trägsten Dumpfheit, zwischen andauernder Aufmerksamkeit und andauernder
Verschlafenheit, zwischen gleichmäßiger Geistes-Allgegenwart und
gleichmäßiger Geistes-Abwesenheit, zwischen beherrschter Sammlung und
zuchtloser Zerstreutheit durchmißt das Bewußtsein alle erdenklichen
Grade: wie eine Klammer, die bald geschlossen, bald aber offen
ist, umklammert das Bewußtsein erlebbare Gegenständlichkeiten mit
eiserner Strenge oder entläßt sie in loser Ungebundenheit. So
führt es entweder zu einem Zustand, der die Bezeichnung Bewußtsein
noch kaum oder noch gar nicht verdient, oder zu einem anderen, für
welchen die Bezeichnung Bewußtsein nicht mehr ausreichend ist. Im
allgemeinen hält das Bewußtsein eine gewisse dämmerige Mitte ein
zwischen Unbewußtsein und Überbewußtsein, wie etwa der Halbschlaf die
dämmerige Mitte hält zwischen Wachheit und Vollschlaf. In der Tat,
dem Halbschlaf gleicht das Bewußtsein in seinem gewöhnlichen Zustand:
es ist eher eine Bereitschaftlage, in Bewußtsein überzugehen, als
jederzeit selber Bewußtheit zu sein. Die zahllosen Vorstellungen die
auch dem vorstellungärmsten Menschen noch durch den Kopf schwirren,
beschäftigen das Bewußtsein gleichsam nur als Möglichkeiten. Damit
sie als Vorstellungen ‚wirklich‘ werden, muß ihnen schon ein Zwang
zur Aufmerksamkeit zu Hülfe kommen, sei es, daß von außen, sei es,
daß von innen her ein Interesse geweckt werde, welches einzelne
Vorstellungen aus der zudrängenden Menge auswählt und nun entwickelt.
Wie beispielweis ein Landschafter eine lange Frist in einer Landschaft
weilt, bis ihn in irgendeinem Augenblick ein ganz bestimmter
Ausschnitt zum Bild anreizt und er zu sich spricht: alles andere wird
nicht gemalt, aber dies wird gemalt, -- ebenso weilt der Mensch
gewohnheithalber mitten und unter seinen Vorstellungen, bis ihn eine
derselben aus erkennbaren oder unerkennbaren Gründen zur Entwicklung
anreizt. Auf diese Vorstellung sammelt sich das Bewußtsein und führt
sie mit Sorgfalt, Genauigkeit, Treue aus; bei dieser Vorstellung
verweilt das Bewußtsein und umkreist sie in stätigem Flug; an dieser
Vorstellung erwärmt sich das Bewußtsein und entzündet sich zu einer
gleichmäßig hellen Flamme, indes alle übrigen Vorstellungen je und je
ins Dunkel jenes Kraters zurückstürzen, dem sie rätselhaft entstiegen
sind... Wer also das Bewußtsein verwinden will, dem steht die Wahl
ins Unbewußtsein zurück ebenso offen wie die Wahl zum Überbewußtsein
vor, und vielleicht ist es schwer zu sagen, ob die Verwindung durch
Unbewußtsein oder die Verwindung durch Überbewußtsein leichter zu
bewerkstelligen wäre, -- wie denn der eine zwar leicht einschläft, aber
nur mühsam zu wecken ist, indes der andere schwer einschläft, aber
leicht wieder aufwacht.
Dies übrigens dahingestellt, bleibt dem Buddho jedenfalls die
Wahl zwischen beiden Arten der Verwindung. Es bleibt ihm die Wahl
zwischen Verringerung und Steigerung, zwischen der Annäherung ans
Unbewußtsein und ans Überbewußtsein, zwischen der Bevorzugung des
Schlafzustandes und des Zustands der Überwachheit. Wozu aber sich
der Buddho entschließt, das geht unmißverständlich eben schon aus
dem Namen hervor, den er trägt... „Der Erwachte, o Keniyo, sagst du?
-- Der Erwachte, o Selo, sag’ ich“... Denn wie sollte der Erwachte
anderes als die Wachheit und Überwachheit des Bewußtseins als des
Bewußtseins eigentliche Überwindung werten? Diese Wahl ist es dann
auch freilich, welche den Buddho in einen tief bedeutsamen Gegensatz
bringt zu der Praxis der Yoga, zu der Praxis des Brahmanismus, die
ihrerseit den Tiefschlaf als den göttlichen Urstand schlechthin zum
erstrebenswürdigsten Ziel ihrer geistlichen Übungen erhebt. Wobei wir
freilich zu bedenken hätten, daß dem Buddho doch auch dieser Weg der
Minderung und Verringerung, den alle Mystik immer wieder gegangen
ist, keineswegs fremd geblieben ist. Ich sagte es schon mehrmals,
daß zwischen Ja und Nein dem Buddho noch ein drittes, diesseit der
Gegensetzungen, ‚_nirdvandva, dvantvâtîta_‘, vorschwebt, das weder Ja
noch Nein und doch wiederum Ja und Nein in einem ist... Wählt somit
Gotamo die Steigerung, so heißt dies nur in unserer europäischen
Zwiesal-Sprache, daß er die Verringerung durchaus verwerfe. Seine
Entscheidung gilt folglich zwar ohne diesen Vorbehalt nicht eindeutig:
wohl aber gilt sie mit ihm so. Das Bewußtsein ist zu verwinden durch
die höchstmögliche Steigerung des Bewußtseins, und diese Praxis haben
wir jetzt in ihrer Wichtigkeit darzustellen.
Unser Leben in Vorstellungen, wie wir’s uns selber überlassen führen,
ist ein Spiel. Die Vorstellungen tauchen auf und sinken unter wie die
Fische in einem Weiher. Jetzt schnellen und schnalzen sie sich, in
der Sonne wie kleine Silberpfeile blitzend, über den Wasserspiegel
des Weihers in munteren Sprüngen dahin; im nächsten Augenblick
schwimmen sie in ihrem Element flink umeinander, -- und jetzt sind
alle verschwunden. Gewiß hat auch dieses Spiel der Vorstellungen seine
Regeln, sonst wär’ es doch wohl kaum ein Spiel. Denn einmal ist ihre
Abfolge im Bewußtsein festgelegt durch die gleichsam physikalische
Abfolge der Wirklichkeiten in Raum-Zeit, die sie im Bewußtsein zu
vertreten haben. Zum anderenmal ist dieselbe Abfolge festgelegt durch
die psychologischen Gesetze der Vergesellschaftung, durch welche sie
bestimmt wird. Wer beispielweis durch die Straßenzüge einer großen
Stadt schlendert, hat keine Freiheit, weite Täler, hohe Berge, einsame
Wälder, bebaute Felder wahrzunehmen. Seine Vorstellungen bleiben
wimmelnden Gassen verhaftet, rauchenden Schloten, zudringlichen
Firmenschildern, lärmenden Plätzen. Und auch wenn er seine
Vorstellungen von dieser Umwelt abzieht, und in sich selbst verloren,
in sich selbst versonnen weiterschlendert, wechseln dieselben nach
Regeln, auf welche er offenbar keinen Einfluß hat, solange er das Auf
und Ab der Vorstellungen sich selber überläßt. Ein Spiel nach Regeln
und Gesetzen ist also dieser Ablauf, wo die benachbarten Vorstellungen
immer wieder die benachbarten, die verwandten Vorstellungen immer
wieder die verwandten suchen. Sich selber überlassen, stellen sich die
Vorstellungen niemals in einer Abfolge ein, die dem klaren Willen des
Vorstellenden entsprechen würde, und niemals verschwinden sie diesem
Willen entsprechend. Vielmehr schaut der Vorstellende selbst diesem
Spiel nur wie ein müßiggängerischer Gaffer zu, der eine Szene auf dem
Marktplatz oder im Theater als unbeteiligter Dritter anstaunt: wohl
wechseln fortwährend seine Vorstellungen, aber nicht ist er es, der
sie wechselt. Was unser Besitz sein sollte und richtig verstanden
überhaupt unser einziger Besitz sein kann, das lassen wir als grobe
Naturalisten, ja Anarchisten des Lebens einfach gewähren und geben uns
willfährig seinem eigenen Sinn oder Unsinn gefangen. Diesem launischen
Spiel, welches das verborgene ‚Es‘ mit uns allen spielt, ein sehr
entschiedenes Ende zu setzen, und an Stelle des Naturalismus und der
Anarchie gleichsam den ‚Stil‘, sogar den hieratischen Stil walten
zu lassen und seine strengen Gesetze: das heißt in der Auffassung
des Buddho den ersten Schritt tun zu der Verwindung des Bewußtseins
durch Steigerung des Bewußtseins. Auf das Spiel, auf die Spielerei
zu verzichten, die wir mit uns selber treiben, und endlich mit
einem gewissen Ernste Ernst zu machen: das ist die erste Forderung,
die an den Jünger des Erwachten ergeht. Er soll die Abfolge der
Vorstellungen, die von Haus aus eigentlich in keinerlei Betracht die
seine ist, zur seinigen machen; er soll der Abfolge der Vorstellungen
die Regeln der Vergesellschaftung selber auferlegen, statt sie
physikalisch-psychologischer Gesetzmäßigkeit anheim zu geben. Er soll
den zuchtlosen Ablauf der Vorstellungen in die Zucht nehmen und ihm
wie einem durchaus regulierten Fluß die rechte Richtung weisen, den
rechten Wasserstand, die rechte Fahrtrinne, die rechte Stromstärke,
das rechte Gefälle, -- dies ist das Unerläßlichste von allem.
Ein Vorsatz von mehr als menschlicher Strenge gegen sich selbst,
ihr Christen, wenn man’s recht bedenkt. Ein Vorsatz, der für die
meisten christlichen Abendländer, wofern sie sich nicht zufällig
mit den Geistlichen Übungen des heiligen Jgnatius vertraut gemacht
haben, etwas Unheimliches, Unbegreifliches, Zermalmendes hat: für
jene Abendländer, die es so sehr lieben, sich gehen und hängen zu
lassen, wie es gerade kommt oder auch krumm kommt. Denn was will
es heißen, alle die aufkeimenden und aufwuchernden Vorstellungen,
die unser Selbst wie eine undurchdringliche Dornenhecke um sich zu
ranken pflegt, nach der Zuständigkeit der heilstrebenden Absicht
überall zu beschneiden und festzubinden? Es will heißen, daß jede
Vorstellung, die nicht mit dieser bewußten Zwecksetzung übereinstimmt,
ohne Gnade und Nachsicht zu unterdrücken ist, sei es auf die Gefahr
hin jeglicher Vergewaltigung der eigenen Instinkte, Triebe und
Neigungen. Es will heißen, daß jedes Gelüste, jede Anwandlung, jede
Versuchung des Leibes und der Seele in des Wortes buchstäblicher
Meinung schon von der Schwelle her abzuweisen ist, es sei nun, daß
diese Vorstellung die Schwelle gar nicht überschreiten darf, es sei,
daß sie sie nach erfolgtem Überschritt sofort wieder räumen muß. Es
will heißen, daß alle Erlebnisinhalte und Bewußtseinsgegebenheiten,
welche nicht unmittelbar oder mittelbar die Tat des Heils zu fördern
geeignet erscheinen, als störend oder entbehrlich zu verabschieden
sind. Es will heißen, daß alles, was bedrückt, was schmerzt, was
umdunkelt, was hemmt, was niederzieht, was verderbt, was beschwert,
was beeinträchtigt, was entwertet, was entwürdigt, was befleckt,
was gefährdet, was erzürnt, was erschreckt, was verbittert, was
verstockt, was kränkt, was aufwühlt, was entfesselt, was verstört, was
verwildert, was verroht, was verkehrt, was versklavt, was umnebelt,
was berauscht, was ausschweift, was ablenkt, was zerstreut, was
verwirrt, was in Zweifel stürzt, was verzweifeln macht, was täuscht,
was verblendet, was giert, was gärt, was verzehrt, was abstumpft, was
versehrt, was entzweit, was zerreißt, was entfriedet, was entfremdet,
was entkräftigt, was entnervt, -- daß alles dieses und was nicht noch
alles sonst aus dem Bewußtsein zu verjagen und zu verbannen ist,
nötigenfalls zu übermannen mit Einsatz aller Kräfte des Willens „mit
aufeinandergepreßten Zähnen und an den Gaumen gehefteter Zunge“... Es
will heißen, daß alle Erwägungen aufzugeben und einzustellen sind,
die mit dem heiligen Ziel nicht nachweisbar zusammenhängen, und mit
diesen Erwägungen und Erörterungen dann alle Reden und Gespräche,
alle Belehrungen, Bestrebungen, Zwecksetzungen. Es will heißen,
daß mit dem Eifer eines Teufelaustreibers die urwüchsigsten Triebe
auszutreiben sind wie die geistigsten Bildungen, sobald sie vom Ziel
abführen oder auch nur nicht zu ihm hinführen. Es will heißen, daß alle
Wahrnehmungen und Erinnerungen und Absichten, sobald das Bewußtsein
ihrer ansichtig geworden ist, auf die goldene Wage zu legen sind, ob
recht oder nicht recht, ob statthaft oder verboten, ob heilfördernd
oder heilhemmend. Es will heißen, daß alle ‚rechten‘ Vorstellungen
zum Gedeihen, alle ‚unrechten‘ aber zum Eingehen zu bringen sind, ja
daß die rechten geradezu zum Kampfe aufgeboten werden, um diese zu
verdrängen und ihre Stelle einzunehmen. „Gleichwie etwa, ihr Mönche,
ein geschickter Maurer oder Maurergeselle mit einem feinen Keil einen
groben heraustreiben, herausschlagen, herausstoßen kann, ebenso nun
auch, ihr Mönche, soll ein Mönch, wenn er eine Vorstellung faßt,
eine Vorstellung sich vergegenwärtigt, und ihm dabei böse, unwürdige
Erwägungen aufsteigen, Bilder der Gier, des Hasses und der Verblendung,
aus dieser Vorstellung eine andere gewinnen, ein würdiges Bild“...
Denn daß die Triebe und Begehrungen, die Leidenschaften und Neigungen,
die mit der Wesenheit der Person lebendig verwurzelten, aus dem
Bewußtsein unter keinen Umständen verdrängt werden könnten, oder falls
dennoch verdrängt, in unterschwelligen, unterschwürigen, unterbewußten
Bezirken der Seele erst recht und viel unbezwinglicher noch ihr Unwesen
fortsetzen müßten, -- dieses Ergebnis abendländischer Seelenerkundung
hätte Gotamo vermutlich nicht anerkannt. Wofern auch der Trieb oder
Hang als eine Vorstellung ins Bewußtsein tritt, da betritt er eben die
Walstatt, wo gegen jede unerlaubte Vorstellung ihre Gegen-Vorstellung,
Gegen-Stellung ins Gefecht geführt wird: betritt also der Trieb
oder Hang die Stätte einer zum Austrag gelangenden Zucht-Wahl, wo
die durch Zucht erwählte Gegen-Vorstellung die gleichsam wild und
zuchtlos aufgeschossene Vorstellung aus dem Feld schlägt. Ein etwaiger
Rückzug aber aus dem Bewußtsein in die Höhlen und Unterschlüpfe des
Unterbewußtseins, wie ihn alsdann die moderne Seelenlehre des Westens
für unvermeidlich erachtet, wird schlechterdings nicht geduldet, --
aus Gründen, die wir bald in den Umkreis der Betrachtung zu ziehen
haben werden. Jedenfalls ereignet sich somit im Bewußtsein der seltsame
Kampf, der über die Rechtmäßigkeit jeder einzelnen Vorstellung
entscheidet und folglich auch über ihren weiteren Verbleib, ihre
weitere Entfaltung, ihre weitere Begünstigung. Unmöglich aber ist’s,
hier aller Anstalten besonders zu gedenken, die der Buddho namhaft
zu machen gewußt hat zur Beförderung dieses seines Zieles. Besteht
doch in der Sammlung und Sichtung, Darlegung und Erläuterung dieser
Anstalten im Grund die ganze Lehre des Buddho, -- die ganze Lehre ein
beispiellos abgerundetes und wohlgeordnetes Gefüge von erzieherischen,
von seelsorgerischen Maßnahmen, das Spiel der Vorstellungen in die
Gewalt des selbstherrlichen Willens zu bekommen und dort gebieten zu
lernen, wo wir alle am meisten gehorchen müssen. Diese Schule der Zucht
und Selbst-Zucht macht sich sorgfältige Erfahrungen von Jahrtausenden
mit einem nirgends mehr erreichten Aufwand von Menschenkenntnis und
-erkenntnis zu Nutz und ist darum auch für die Jahrtausende gültig,
wahrhaft unsterblich und zeitlos. Sie durchaus in ihrem gesamten
Aufbau und Ausbau zu überschauen, ist nur einem solchen möglich, der
die Schriften des Kanons wieder und wieder durchforscht, indes unser
abendländisches Wissen, unsere europäische Gelehrsamkeit vollkommen
außerstand ist, im einzelnen zu billigen oder zu tadeln, hinzuzufügen
oder fortzustreichen, zu urteilen oder zu entscheiden. Von dieser in
der Tat ungemein schwierigen Praxis und Pragmatik des urwüchsigen
Buddhismus einen Begriff zu geben erscheint desto schwieriger, je
fortgeschrittener unsere eigene seelische Verwahrlosung ist. Ehe wir
über sie annähernd würdig werden sprechen können, sprechen dürfen,
werden Jahre und Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte einer neu
erblühenden europäischen Religiosität vonnöten sein...