Um es mit Einem Wort zu sagen: es stehet in der Macht der sogenannten

Seele, wenn sie nicht länger leiden will, nicht mehr zu leiden. Es

stehet in der Macht der Seele, aus der Verklammerung von Tun und

Leiden, welche wir als ‚Wirklichkeit‘ nun kennenlernten, sich sanft und

sacht zu lösen: nicht anders, wie sich der Gottmensch Krischna aus der

Umwendung der Weltenschlange sanft und sacht gelöst hat. Aber freilich!

zu Lebzeiten des Buddho gab es da etliche, welche die Befreiung von

allem Leiden dadurch zu vollbringen wähnten, daß sie jedwede sündhafte

Tat im Zustand früherer Geburten zu verbüßen gedenken, wenn sie selbst

sich freiwillig Leiden über Leiden, Pein über Pein antun. Es gibt da

etliche, -- und ihrer scheinen gar nicht so wenig zu sein! -- welche

ganz einfach auf rechnerische Weise jedes schlimme Tun durch ein

entsprechendes Leiden tilgen zu können vermeinen: bis sie zuletzt

die Summe aller Taten durch die Summe aller Leiden quitt gemacht

haben und Gleiches gegen Gleiches rund zur Aufhebung brachten. Solche

hoffen das Karman zu durchbrechen, indem sie das Karman buchstäblich

erfüllen, Leiden um Tat, Leiden um Tat, bis das durch ‚übermäßiges

Verdienst‘ erworbene und angehäufte Leiden die Tat gleichsam bis

zum Stumpf getilgt hat. Das ist der Weg der Leidensbefreiung,

den beispielweis die ‚Freien Brüder‘ beschritten haben, welche es

für heilfördernd und bekömmlich erachten, das Leiden der Kreatur

durch Mehrung des Leidens in freiwillig geübter Schmerzensaskese zu

überwinden und beinahe schon nach der Regel Schopenhauers verfuhren,

daß nicht die Schmerzen, sondern die Genüsse zu verneinen seien: die

Schmerzen vielmehr zu bejahen und abermals zu bejahen ... Gegen diese

Praxis indes, die nach dem buchstäblichen Wortverstand so durchaus

auf der Linie der gotamidischen Lehre vom Karman gelegen scheint,

erhebt niemand schärferen Einspruch als der Buddho selber. Mit einem

merklichen Beischmack von überlegenem Spott, ja von Hohn wendet sich

Gotamo wider diese Freien Brüder, die da in ihrer Schmerzensaskese

das Leiden der Welt vorsätzlich vervielfältigen, statt es vorsätzlich

abzustellen. Sie, die von dem unanfechtbaren Grundsatz des Karman

ausgehen: „Was immer auch ein Mensch empfindet, sei es Wohl oder

Wehe, oder weder Wohl noch Wehe, all das ist vorhergewirkt,“ -- sie,

die durch gewissenhafte Leidens-Übung etwa begangene Frevel früherer

Verkörperungen peinlich rechnend auszugleichen trachten, sie rechnen in

Wahrheit falsch. Wohl ist der Knüpfung Tun-Leiden entsprechend alles,

was das einzelne Wesen von Natur leidet, vorherbestimmt, vorhergewirkt.

Aber das ist es eben, daß diese Knüpfung nur eine Tatsache, nur

eine Ordnung, nur ein Zwang der Natur ist, der ‚bösen‘, dort jedoch

ihre Gültigkeit verliert, wo das Joch der Natur zerbrochen wird.

Diese scharfe Wendung Gotamos gegen die eigenen Voraussetzungen und

Unterstellungen, diese schroffe Abweisung des Buchstabens von seiten

des Geistes scheint die Reihen der eigenen Jünger, soweit diese nicht

zu den völlig Eingeweihten zählen, in nicht geringem Maß überrascht,

erschreckt, ja teilweis außer Fassung gebracht zu haben. Der Buddho,

der als strengster Vollender der Lehre vom Karman den Satz der Freien

Brüder ‚alles ist vorhergewirkt‘ mit äußerstem Nachdruck bestreitet

und das darauf gestellte Heilsverfahren schier als ein lächerliches

abweist und abschätzt, -- dieser Buddho geht manchem Mönch des heiligen

Ordens schlechterdings über den Begriff. So beispielweis jenem Mönch

Arittho, dem ehemaligen Geierjäger, der nach der Zweiundzwanzigsten

Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo die folgende Äußerung

gewagt hat, die unverzüglich dem Erhabenen als besonders ketzerisch

berichtet ward: „Also fasse ich die vom Erhabenen verkündete Lehre auf,

daß jene vom Erhabenen als verderblich bezeichneten Handlungen dem

Täter nicht notwendig zum Verderben gereichen“... Dieser Mönch zwar

wird unverzüglich vorgeladen, befragt, getadelt und zurecht gewiesen,

-- aber wir, die wir zu Zeugen dieses Vorgangs gemacht werden, können

nicht umhin zu gestehen, daß dieser Mönch in einem gewissen und sehr

tiefen Sinn die Wahrheit, nichts als die Wahrheit ausgesprochen habe!

Darüber lassen die Reden gegen die Freien Brüder nicht den mindesten

Zweifel obwalten; darüber läßt Gotamos Lehre von des Leidens

Aufhebung, Abstellung und Ablösung selber keinen Zweifel obwalten.

In der für diese Frage hochwichtigen Hundertundsechsunddreißigsten

Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo hat der Buddho selber

ausdrücklich die vier Möglichkeiten dargelegt und entwickelt, daß

die gute Tat gute Fährte, die gute Tat aber auch schlechte Fährte

hinterlassen könne, wie umgekehrt die schlechte Tat zwar schlechte

Fährte, aber die schlechte Tat auch gute Fährte. Das Karman ist die

irdische Ordnung, welche Wirklichkeit und Welt in ursächlich-urtätigen

Zusammenhang bringt und in diesem Betracht allerdings unaufheblich

gilt. Aber die Seele des Menschen bleibt dem Karman nur unterworfen,

wofern sie ihm unterworfen bleiben will. Ihr bleibt es anheimgestellt,

auch wenn sie von allen Lastern, Bosheiten, Scheußlichkeiten wie ein

pestverseuchter Leib mit Blattern, Beulen und Geschwüren bedeckt wäre,

durch einen einzigen und übermenschlichen Entschluß sich jenseit ihrer

eigenen Lasterhaftigkeit, Bosheit und Scheußlichkeit zu begeben und --

rein zu sein. Es stehet der Menschenseele, es stehet der Schächerseele

frei, das zu tun, was auch der Heiland des Westens seinen Gläubigen

als Trostvermächtnistat unvergeßlich hinterlassen hat: nämlich heut

noch, jetzt noch, schon ans Kreuz geschlagen und vom Tod umnächtigt,

dennoch ‚im Paradies zu weilen‘. Es ist der Menschenseele letztes

und unmittelbarstes Hochgeheimnis, mit einem einzigen Federzug die

unendlich angelaufenen Posten von Schuld und Sühne, Tat und Leiden,

Werk und Wesen glatt durchzustreichen und alles Leidens ledig, aller

Ursächlichkeiten ledig, aller Gründ- und Folglichkeiten ledig, sie

selbst zu sein und das heißt frei zu sein. „Ist da nun, Ânando, ein

Mensch, der ein Mörder und Dieb, ein Wüstling, Lügner, Verleumder,

ein Zänker und Schwätzer, voll Gier und Haß und Eitelkeit war, bei

der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte geraten, in

himmlische Welt, so hat er seine günstige Tat, die freudig empfunden

wird, eben früher begangen oder später begangen, oder hat in seiner

Sterbezeit eine rechte Erkenntnis vollzogen und vollbracht: darum ist

er, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, da hinauf geraten.

Wenn er aber hier also übel gewandelt war, hat er sich die Folge davon

schon bei Lebzeiten fühlbar gemacht, oder bei der Auferstehung, oder

bei nachmaliger Wiederkehr“...

Die Freien Brüder setzen dem Leiden das Leiden entgegen, um die Tilgung

des Leidens im Weg freiwillig übernommener Schmerzens- und Bußübung zu

bezwecken. Aber was sie bezwecken, ist die ganz überflüssige Mehrung

des schon mit Notwendigkeit vorhandenen Leidens. Gotamo hingegen,

der nach höchst bedeutsamem eigenen Geständnis Schmerzensaskese,

Selbstquälerei und Kasteiung bis zur Selbstvernichtung geübt hat und

hier aus grausamer Selbsterfahrung schöpft, -- Gotamo setzt dem Leiden

eine Tat entgegen, eine unbedingte, nicht und nichts mehr bedingende

Tat, welche die Freiheit vom Leiden erwirkt, weil sie Freiheit von der

Welt, Freiheit vom ‚Gesetz‘ erwirkt. Was alle religiöse Erleber wußten,

vom Heiland des Christentums, ja sogar vom Stifter des Christentums an

bis zu Lew Nikolajewitsch Tolstoi, der dieses gotamidische Mysterium

‚der rechten Erkenntnis in der Sterbezeit‘ klassisch dargestellt hat

in der Heiligen Schrift vom Tod des Iwan Iljitsch, das ist für den

Buddho der Dreh- und Angelpunkt nicht allein der Lehre, sondern des

Erlebnisses geworden. Für ihn nämlich, -- wenn ich mich hier mit

Nutzen europäisch und insbesondere schopenhauerisch ausdrücken darf,

-- gibt es einerseit Taten, welche ‚dem Satz vom Grunde‘ unterworfen

sind und eben darum in den Gesamtkreislauf der Werdewelt wieder

einmünden, dem sie entsprungen sind. Und für ihn gibt es anderseit

Eine Tat, welche ‚dem Satz vom Grunde‘ nicht mehr unterworfen ist

und eben deshalb aus dem Kreislauf dieser Werdewelt hinausführt.

Jene Taten sind notwendig gewirkt, will heißen: sie sind nach

Bestimmunggründen, Antrieben, Triebfedern gewirkt, die der Wirklichkeit

selbst entstammen, und so ist es billig, daß sie in der Folge sich dem

Bereich der Notwendigkeiten wieder einfügen, aus der Notwendigkeit in

die Notwendigkeit führend. Diese Eine Tat hingegen ist frei gewirkt,

will heißen, nach keinerlei Bestimmunggründen, Antrieben, Triebfedern,

die der Wirklichkeit oder dem ihr entsprechenden Vorstellungablauf

selbst entstammen, und so darf denn diese Tat der Taten, nach keiner

Regel irgendwelcher Notwendigkeit getätigt, aus der Notwendigkeit in

die Freiheit führen. Es ist dies aber die Tat einer unvergleichlichen

Selbstverinnerlichung, Selbsteinigung, Selbstverinnigung, wo Selbst

und Seele weltausschließend, weltausschließlich nur sie selber sind,

-- Selbst und Seele hier in der ewig fragwürdigen Sinnbildlichkeit

ihres Begriffs genommen. Eine Tat ist möglich, wo Selbst und Seele

mit der Tat als solcher gleichsam unmittelbar zusammenfallen; eine

Tat ist möglich, wo der Tat selbst nicht mehr irgend eine ‚Sache‘ als

Inhalt, Bestimmung, Beweggrund, Antrieb gegenständlich gegenübersteht

und wo die Tat sich nicht zu irgend einer Sache mehr versachlicht, zu

irgend einer Sache mehr enttätigt. Derart wird das Leiden der Welt und

an der Welt zuletzt getilgt, verlöscht, verwunden werden, wofern die

Welt selbst als die Unendlichkeit aller gegebenen und aufgegebenen

Sachen durch die entsachte, durch die entursachte Tat getilgt,

verlöscht, verwunden wird. Dies ist die ‚reine‘ Tat der ‚Freiung‘ und

der ‚Ledigung‘, dem Satz vom Grunde nicht mehr unterworfen: folglich

dem Grunde selbst nicht länger unterworfen und folglich der Folge und

den Folgen nicht länger unterworfen, die sonst alle Taten als ihre

‚Tat-Sachen‘ notwendig und unabänderlich nach sich ziehen müssen...

Was also hier der Buddho (einigermaßen uneuropäisch dunkel) von sich

selber fordert und nicht nur von sich, sondern von jedem, der das

Leiden an seinem Stumpfe auszurotten willens ist, das läßt sich doch

wohl nicht ganz unpassend mit dem vergleichen, was der Genius Kant in

unseren westlichen Bezirken die ‚intelligible Freiheit‘ nannte, wie sie

das ‚Ich an sich‘ außerhalb der Welterscheinung als _causa noumenon_

wesentlich betätigt. Der Genius Kant, an dieser Stelle sorgfältiger als

irgendwo sonst die Erbschaft alter deutscher Mystik betreuend, hat ja

zu seinem Teil auf diese Tat der Taten keineswegs verzichten können,

die weder bedingt oder bestimmt durch Anreize aus der Sinnenwelt wird

wie etwa der instinktive Wille des natürlichen Menschen, noch bedingt

oder bestimmt wird durch die Vorstellung einer gesetzgebenden ‚Form‘

aus reiner Vernunft wie etwa des ‚guten‘ Menschen moralischer Wille:

sondern die ganz einfach frei, weder bestimmt noch bedingt getätigt

wird im Sinne des scholastischen _liberum arbitrium indifferentiae_...

Diese zwar vielerörterte, kaum aber vielverstandene, vielleicht

zutiefst gar nicht zu verstehende intelligible Freiheit Kants, sage

ich, wäre vielleicht mit der Freiheit Gotamos nicht unpassend zu

vergleichen. Ja, sie wäre am Ende völlig einerlei mit dieser, wenn

nicht doch der Genius Kant, (hierin viel eher wiederum der Erbe der

großen europäischen Scholastik statt der Mystik!) -- wenn er nicht eben

diese transzendentale und transzendierende Freiheit leider als einen

moralischen Vorgang aufgefaßt und der Moral dienstbar gemacht hätte:

will heißen als einen Vorgang, der sich auf die Wahl des empirischen

Ich durch das intelligible Ich bezieht und dadurch genau auf das, was

Gotamo das Karman und seine Ordnung nennt. Auf diese Weise biegt

die intelligible Freiheit Kants doch wieder bedingend, verursachend,

bestimmend, begründend in die Wirklichkeit der Dinge ein, statt

endgültig von ihr abzubiegen, und diesen Umstand hat Kant selber in

voller Naivität gekennzeichnet durch den scheinbar ungereimten, in

Wahrheit jedoch durchaus zutreffenden Begriff der ‚Kausalität durch

Freiheit‘... Ganz unbesehen gerinnt mithin die Freiheit dem westlichen

Denker sogar in ihrer transzendierendsten Bedeutung als _liberum

arbitrium indifferentiae_ doch wieder nur zu einer Ur-Sache, statt zu

einer Ur-Tat, -- zu einer Ur-Sache, die andere Sachen verursachend

nach sich zieht: die Folgen, Wirkungen, Wirklichkeiten nach sich

zieht. Die intelligible Freiheit Kants, zu einem moralischen Mysterium

gestempelt statt zu einem religiösen, wird zu einer bloßen Ursache,

die sich von allen übrigen Ursachen in der Welt nur eigentlich dadurch

unterscheidet, daß sie die unendliche Reihe der Wirkungen nicht sowohl

fortsetzt, als von vorn beginnt. Kants intelligible Freiheit ist ein

grundloser Einsatz, ein unbedingter Anfang, mit welchem eine begründete

und bedingte Reihe in der Zeit und Wirklichkeit beginnt. Oder mit einem

Wort gesagt, -- diese intelligible Freiheit des westlichen Denkers ist

Freiheit des Willens, etwa dem Ausspruch des Bernhard von Clairvaux

gemäß: _ubi voluntas, ibi libertas_; oder besser und richtiger der

Umkehrung dieses Grundsatzes gemäß: _ubi libertas, ibi voluntas_! Wo

Freiheit, da ist hier Wille; wo aber Wille, da wird etwas gewollt: das

Gute oder das Böse, das Richtige oder das Verkehrte, das Zweckvolle

oder das Zwecklose, -- das Vernünftige oder das Törichte, das

Sinnentsprechende oder das Unsinnige, -- unter allen Umständen aber ein

zu Verwirklichendes, das in die Reihe der Wirklichkeiten gleichsam neu

eingerückt werden soll, wie etwa die Anzeige einer neuen Erfindung in

die Spalten einer Zeitung neu eingerückt wird...

Hierzu im äußersten Widerspruch ist die intelligible Freiheit des

Buddho nicht sowohl eine Freiheit des Willens, als vielmehr eine

Freiheit vom Willen und jedenfalls eine Freiheit vom Wollen. Nicht

mehr wollen, nicht mehr wünschen, nicht mehr heischen, nicht mehr

gieren, nicht mehr schmachten, nicht mehr trachten, nicht mehr

streben, nicht mehr verkörpern, nicht mehr verwirklichen, nicht mehr

erscheinen, nicht mehr entstehen, nicht mehr vergehen, nicht mehr

tun, nicht mehr leiden, -- das eben heißt gotamidisch ‚frei‘ sein.

Kants unmittelbares Erlebnis der reinen Tat gilt einem Vor-Anfang und

Ur-Anfang, womit eine unendliche Schöpfung in der Zeit sich einleitet.

Die reine Tat setzt hier das (empirische) Ich und mit diesem alle

Abhängigkeiten, Notwendigkeiten, Folgen dieser Setzung, -- und trotz

aller verspäteten Einsprüche und Verwahrungen Kants war es doch nur

im strengsten Geiste Kants weiter und weiter gedacht, wenn Fichte

die reine Tat außer dem Ich das Nichtich und im Ich das Nichtich

setzen ließ: mit dem Ich und Nichtich aber die ganze Welt abstufend,

aufstufend zu der unendlichen Schöpfung in der Zeit. Das Ich gesetzt

durch Freiheit, das Nichtich gesetzt durch Freiheit, das Nichtich im

Ich gesetzt durch Freiheit und somit die ganze Welt gesetzt durch

Freiheit, -- das ist von allen europäischen Konzeptionen vielleicht die

europäischste gewesen, weil unentwegt forsch in die Unendlichkeit fort-

und fortschreitend einen ‚unendlichen‘ Fortschritt ermöglichend und

verwirklichend... Gotamos reine Tat indes ist nichts weniger als ein

Vor-Anfang, Ur-Anfang unendlich fortschreitender Reihung oder Stufung.

Vielmehr genau dort, wo Gotamo am engsten sich mit dem europäischen

Gedanken, Ungedanken des _liberum arbitrium indifferentiae_ berührt,

dort wird er auch (wie das stets so ist) am heftigsten von diesem

abgestoßen. Des Buddho Tat ist Ende und Voll-Ende, ist Voll-Endung

des Voll-Endenden: eben darum zwar, weil sie durch alle unendliche

Satzung, Reihung, Stufung quer hindurchbricht und den Leitfaden des

Karman, wenn nicht geradezu zerreißt, so sicherlich auch nicht mehr

weiterspinnt, vielmehr ein für allemal verstätigt. Verneinenderweis

ausgedrückt, gelangt diese Tat des gotamidisch Vollendenden also durch

einen Austritt und Heraustritt zum Vollzug: durch einen Austritt und

Heraustritt zwar, der den Täter zufall- und schicksallos macht (in

der Sprache der Tragödie gesprochen); der den Täter willens- und

tatfrei macht (in der Sprache der Moral gesprochen); der den Täter

unbedingt und abgelöst, das heißt, ‚absolut‘ macht (in der Sprache der

Metaphysik gesprochen); der den Täter unabhängig von den Gegenständen

der Erfahrung und von der Erfahrung selber macht (in der Sprache der

Transzendentalphilosophie gesprochen); der den Täter weltledig, arm

und abgeschieden macht (in der Sprache der Mystik gesprochen); der

den Täter wunschversiegt, wahnversiegt, daseinversiegt macht, zuletzt

und endgültig in der Sprache des Buddho gesprochen... Bejahenderweis

ausgedrückt ist aber diese selbe Tat der gotamidischen Vollendung doch

zugleich ein Eintritt und Hereintritt, ein Eintritt und Hereintritt

nämlich in das übersinnliche, überdingliche, überweltliche Bereich des

An-und-für-sich-Seins der Welt: mithin in ein Bereich, für welches

die Zunge weder des Tragöden, noch des Moralisten, Metaphysikers,

Transzendentalphilosophen oder Mystikers, ja nicht einmal des Buddho

selber Sprachzeichen und Lautgebärden hat, um es hinlänglich zu

bezeichnen...

Gotamo aber, nachdem er an der schlechten Unendlichkeit eines nimmer

stockenden Entstehens und Vergehens unaussprechlich heftig und tief

gelitten hatte, -- Gotamo, nachdem er (vorübergehend im Irrtum der

Freien Brüder befangen) in beispielloser Selbstquälerei, Selbstfolter,

Selbstabtötung das Leiden nur zwecklos gemehrt hatte, um mittels des

gemehrten Leidens das mindere zu übertäuben, -- Gotamo, nachdem er

das arme Fleisch des Leibes in erfinderischen Büßungen gleichsam mürb

gebeizt hatte, bis es ihm von den Knochen gefallen war, auf daß er

endlich dem armen Fleisch nicht länger unterworfen bliebe und sich

fortab des ‚reinen‘ Geistes freuen dürfe: dieser Gotamo der Erlebende

des Leidens erlebt eines Tages an ihm selber, wie er, o Wunder, des

Leidens wirklich genesen ist, wahrhaft bei Lebzeit schon genesen!

Nicht durch Mißhandlung oder Peinigung oder Entehrung des Körpers:

vielmehr ganz einfach durch eine innerliche Wendung oder Drehung

von dieser Weltlichkeit weg nach einer anderen Weltlichkeit, nach

einer Gegen-Weltlichkeit hin, -- denn dieser Buddho, ihr Christen,

wußte es ja schon zu seiner Zeit, daß es viele selbstgeschaffene

Wirklichkeiten gäbe und also zu einer jeglichen von ihnen auch die

Gegen-Wirklichkeit... Er, der Erlebende des Leidens, erlebt in einer

ungeheueren Stunde plötzlich kein Leiden mehr, und sogar heute noch

ahnen wir fern, fern das unermeßliche Gefühl von Frieden und von

Stillung, wie es schwer und hell wie flüssiges Gold in seine Seele

träufelt: „Da kam mir, Aggivessano, der Gedanke: ‚Wie, sollt’ ich etwa

jenes Glück fürchten, jenes Glück jenseit der Wünsche, jenseit des

Schlechten?‘“... Und nicht länger fürchtet sich jetzt der Buddho dieses

Glückes, sondern erfüllt sich mit ihm, daß es aus allen seinen Poren

strahlt und leuchtet: denn als ein Glück, eine Selbststeigerung ganz

außerhalb jeder Vergleichbarkeit empfindet der Buddho diesen neuen und

ungewohnten Urstand des Nicht-mehr-Leidens, des Ausgelittenhabens an

der Werdewelt und ihrem ewigen Gesetz. Als eine Besäligung, ja als eine

Säligkeit ganz außerhalb jeder Vergleichbarkeit empfindet der Buddho

diesen neuen, ungewohnten Urstand, wo er sich endlich, endlich nicht

länger eingeschmiedet findet in den Ring der Wiederkünfte und nicht

länger aufgeflochten auf das Rad der Werke-Wesen: „...die aber da als

Mönche heilig geworden sind, Wahnversieger, Endiger, die das Werk

gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln

vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntnis erlöst haben, denen

taugen diese Dinge um säliger Gegenwart zu genießen, bei klarem

Bewußtsein“...

Wunschversiegung, Wunschvernichtung, Wunschverwindung heißt aber in

den Heiligen Schriften des Kanons jener Urstand der Leidensauflösung

und Weltledigung, in welchem der Buddho zuletzt sich selbst vollendet.

Wunschversiegung, Wunschvernichtung, Wunschverwindung heißt die ‚reine‘

Tat der Freiheit selber: das ist im Pâli entweder _nibbânam_, oder im

Sanskrit _nirvânam_, aus der Wurzel _van_ = Wunsch. _Nibbânam_ oder

auch _nirvânam_ oder auch _brahmanirvânam_ oder auch _paramanirvânam_

heißt in den beiden Mundarten der Überlieferung der Urstand der

erlangten Heiligkeit, der bald das Schicksal aller erlesenen

Dinge hatte, sowohl im Osten wie im Westen gleichermaßen gröblich

mißverstanden zu werden. Denn nichtverstanden hat dieses Nibbânam

zum Beispiel ein repräsentativer Chinese wie der sehr kluge und fein

gebildete Ku Hung-Ming, wenn er sich etwa folgendermaßen ausläßt: „Auch

die Methode des Buddhismus, die Welt zu erneuern, nimmt zum Boykott

ihre Zuflucht. Wenn die Welt schlecht ist, so rasiert der Buddhist

seinen Kopf, geht ins Kloster und boykottiert die Welt“... Nicht

weniger mißverstanden hat ferner dies Nibbânam ein repräsentativer

(gerade in seiner menschlichen Zweideutigkeit repräsentativer) Europäer

wie der französische Poet Claudel, wenn dieser zwar etwas weniger

platt, aber dafür um so orakelhafter zu sprechen wagt „vom Schweigen

des Geschöpfes, das sich hinter eine völlige Verweigerung verschanzt

hat“, oder gar von „der unreinen Ruhe der auf ihrem wesentlichen

Anderssein beharrenden Seele“, oder wenn er sich vollends zu dem Satz

versteigt, der sich angesichts der obigen Worte Gotamos freilich

besonders unverständig ausnimmt: „Für mich hat das Nichts nur einen

Sinn, wenn sich ihm die Säligkeit zugesellt“... Seltsamstes Spiel

fürwahr, daß der Osten und der Westen des Planeten gleichermaßen den

Urstand der Wunschverwindung nur als das große Nichts und Abernichts

zu würdigen oder vielmehr nicht zu würdigen vermag! Seltsamstes Spiel,

und doch nicht Laune bloß des Zufalls oder der Abgeschmacktheit, daß

der Mensch sich vor dem Nichts zu fürchten beginnt, wo er nichts

mehr zu fürchten, nichts mehr zu dulden, nichts mehr zu verlieren,

aber freilich auch nichts mehr zu hoffen, nichts mehr zu wünschen,

nichts mehr zu gewinnen hat! Wie tief, wie abschreckend irreligiös

mußte der Mensch geworden sein, bis er jeden lebendigen Zusammenhang

mit dem Walten einer reiferen Frömmigkeit so weit verloren hatte,

daß er den Zustand ewiger Bedürftigkeit als den ihm zusagendsten

und angemessensten bejaht, den Zustand der Gestilltheit aber als

den schlechterdings unangemessenen und nichtseinsollenden verneint,

will meinen: ihn als ‚Nichts‘ verleumdet! Denn brauch’ ich es nach

allem Vorigen besonders noch zu beteuern, daß dies Nibbânam Gotamos

sowenig etwas mit dem Boykott des chinesischen Reformers zu schaffen

hat wie mit der völligen Verweigerung, mit der unreinen Ruhe oder gar

mit dem ‚Nichts ohne Säligkeit‘ des französischen Mystizisten und

Mystifikanten? Brauch’ ich zu sagen, daß vollends alle die eifrigen

Gelehrten, fleißigen Professoren und scharfsinnigen Philosophen schier

lächerlich, wenn nicht schon boshaft abwegig sind mit ihrer Mutmaßung,

der Buddho habe das Nibbânam gleichsam als ‚Nichts-an-sich‘ ontologisch

verdinglicht, vergegenständlicht oder verwesentlicht, um dies dinghafte

Un-Ding der Welt gleichsam listig als ihren ‚Gott‘ zu unterstellen

und derart den Brahman-Âtman des Brahmanismus als hoffnungloser

Nihilist des Fühlens, Nihilist des Wollens, Nihilist des Denkens zu

Ende zu denken: zu Tod zu denken? Brauch’ ich zu wiederholen, daß dies

Nibbânam nichts weiter ist wie eine keusche Anspielung auf einen in

unablässigen Seelenkämpfen errungenen Dauerstand des Selbstes, genau

wie die Abgeschiedenheit, die nächste Armut, die weiselose Weise

unserer westlichen Mystik eine solche keusche Anspielung gewesen

ist? Brauch’ ich zu beweisen, daß dies Nibbânam das letzte Endziel

zwar nicht aller Religionen, aber aller Religion ist, das Endziel

aller auf Selbstvergöttlichung bedachten Selbstläuterungen, um

wie Gott schließlich ganz weltunbedingt, ganz weltunabhängig, ganz

weltunbedürftig zu sein? Brauch’ ich herauszuheben, daß dies Nibbânam

als edelstes Ergebnis zwar alles Weltverzichts und aller Weltentsagung

zugleich doch herrischste Forderung, unbeugsamster Anspruch ist auf

Selbsterfüllung und Selbststillung? Brauch’ ich zu verraten, daß

dies Nibbânam den Menschen mit einer beispiellosen Treue treu gegen

sich selbst zu werden lehrt, damit er, treu gegen sich selbst, treu

auch gegen das unendliche All, eben dieses unendliche All mit seiner

unendlichen Dichtigkeit und Mächtigkeit in sich auszutragen vermöchte

und also austragend, also ausgetragen in sich endige und vollende?

Brauch’ ich zu begründen, daß es sich hier zuletzt um etwas ganz

Einfaches und Selbstverständliches handelt, um das Ankern nämlich

auf dem eigenen Grund, um das Ankern in der eigenen Tiefe, bis wohin

kein Sturm mehr aus dem Luftraum blasen kann?... „Der ich also rede,

also lehre, ihr Mönche, mich bezichtigen einige Asketen und Brâhmanen

grundloser, nichtiger Weise, fälschlich, mit Unrecht: ‚Ein Verneiner

ist der Asket Gotamo, des lebendigen Wesens Zerstörung, Vernichtung,

Aufhebung verkündigt er.‘ Was ich nicht bin, ihr Mönche, nicht rede,

dessen bezichtigen mich jene lieben Asketen und Brâhmanen, grundloser,

nichtiger Weise, fälschlich, mit Unrecht: ‚Ein Verneiner ist der Asket

Gotamo, des lebendigen Wesens Zerstörung, Vernichtung, Aufhebung

verkündigt er.‘ Nur eines, ihr Mönche, verkündige ich, heute wie

früher: das Leiden und des Leidens Ausrodung“...

Brauch’ ich euch zu überreden endlich, ihr Christen, daß dies Nibbânam,

taktlos mißhört, mißdeutet und mißechot im Osten der Erde wie im Westen

und offenbar dazu in einem Spülicht hemmungloser Vielgeschwätzigkeit

schwammig bis zum Unsinn, bis zum Irrsinn aufgeweicht und aufgedunsen,

-- brauch’ ich euch zu überreden, daß dies Nibbânam künftighin zu

ehren ist mit jenem siebenfältigen Schweigen der Ehrfurcht, welches

das Siebente Wort am Kreuz der Welt, Siebente Wort am Rad der Welt

gleichermaßen ehrt wie fürchtet: Τετέλεσται, es ist vollbracht! _Katam

karanîyam_, gewirkt ist das Werk!...

DIE DRITTE UNTERWEISUNG:

BUDDHO DER WISSENDE

DAS HEILIGE NEIN LASST UNS BEKENNEN DENN NEIN UND JA SIND WIE

DIE SCHENKEL DER NÄMLICHEN PARABEL, UND WO SICH DIESE SCHEITELT,

DURCHDRINGEN BEIDE SICH IN EINEM PUNKT -- DENN NEIN UND JA SIND

WIE DER ABSTEIGENDE UND ANSTEIGENDE KNOTEN DER WELT, UND WO SICH

BEIDE SCHÜRZEN, SCHWEBT GIPFELND DAS GESTIRN DER WELT DURCH SEINEN

MITTAGSKREIS -- DENN NEIN UND JA SIND WIE DAS AUSSENBLATT UND

INNENBLATT DESSELBEN KEIMLINGS, IM SCHOSSE DER GEBÄRERIN STRENG

GEFALTET -- GEFALTET ZUM AUSSEN-INNENBLATT REIFT ERST DER KEIMLING DER

GEBURT ENTGEGEN: GEFALTET ZUM NEIN-JA REIFT ERST DIE SEELE IHRER WELT

ENTGEGEN -- DAS NEIN ZERSPELLT DAS GOLDENE EI DER WELT, DAS MÜTTERLICH

VOM PHÖNIX GEIST BEBRÜTETE -- JEDOCH DES JUNGEN ADLERS SCHNABELSCHÄRFE

IST ES, DIE SICH MIT FRÜHFLÜGGER WEISHEIT LICHTBEGIERDE DAS DUNKLE

EI ZERSPELLT -- O WELT, VON DEINER SONNE EMPFING ICH TRÄUMEND EINEN

HIMMELSTRAHL IN MEINEM AUG, ALS ES NOCH SCHLIEF, ZUM PFAND, DASS ICH

DEREINST MICH AN DIR SONNEN WÜRDE, WANN ICH DURCH DEINE BITTERSCHALE

BRACH -- O AUGE ICH DER WELT, O HIMMELSAUGE ICH, ZU DIR, O WELT,

ERWACHEND -- O ICH ERWACHTER DANN, VOLLKOMMEN ERWACHTER ICH ZU DIR, O

WELT --

DIES IST DIE DRITTE UNTERWEISUNG

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 12 / 26 段