Haben wir dieses, ihr Christen, einmal erschöpfend gewürdigt, wie

für den Buddho die ganze Sinnerfülltheit und Sinnbedingtheit der

Welt ausschließlich an der Lehre vom Karman hängt, will heißen an

der Vorstellung von einem ewigen Wechsel- und Abhängigkeitverhältnis

zwischen Werk und Wesen, Tat und Täter, Tun und Leiden, -- dann

vermögen wir endlich etwa auch zu würdigen, warum der Buddho gegen

jede Anzweiflung dieses weltordnenden, ja weltstiftenden Zusammenhanges

so ungewohnt scharf ausfallen mußte, wie dies zum Beispiel, ich

erwähnte es schon, in der Hundertundneunten Rede aus der Mittleren

Sammlung Majjhimanikâyo jenem vorwitzigen Mönchlein geschah, das aus

der dort entwickelten Formel des ‚_N’etam mama_, das gehört Mir nicht‘

die Unzugehörigkeit von Tat und Täter folgern wollte. Diese Verknotung

von Pathos und Ethos, übrigens in ungefähr gotamidischer Zeit doch

auch in unserem Westen von den Griechen auf ihre eigene Weise erahnt,

sei es orphisch, sei es tragisch, ja sogar sei es philosophisch

geschehen (wie die aristotelische Tafel von den Kategorien erweist

und beweist: und eben durch die aristotelische Philosophie in das

wissenschaftliche Weltbild Europas eingeschmolzen), -- diese Verknotung

knotet und schürzt überhaupt erst die Wirklichkeit zur Welt, welche

ohne sie zu einem unentwirrbaren Knäuel abgerissener Fäden aller

Art wie ausgekämmtes Frauenhaar verfilzen würde. Wer das Karman

anficht, ficht die Verfassung des All, das Grundgesetz des All, den

Ursinn des All an, „ein eitler Mensch, aus Unwissen in Unwissenheit

geraten, vom Durst im Geiste überwältigt“... Das Karman heftet die

Mannigfaltigkeit der Dinge und Begebenheiten zusammen, wie der Einband

die losen Blätter eines Buchs zum Buch zusammenheftet. Das Karman

einigt die Unterschiedlichkeiten der Dinge und Begebnisse, wie der

Sinn die verschiedenen Buchstaben eines Wortes, die verschiedenen

Worte eines Satzes, die verschiedenen Sätze einer Rede einigt. Das

Karman durchtönt und durchdringt die Wirklichkeit mit seiner Farbe,

wie eine Kugel Waschblau das Wasser des Zubers bläut und mit ihm alle

Wäschestücke, die im Zuber abgespült und ausgerungen werden. Das Karman

fügt Tun und Leiden, Tat und Dasein vollkommen passend aneinander,

wie ein geschickter Zimmermann Nud und Feder vollkommen passend

aneinanderfügt. Das Karman verstätigt die bloße Aufeinanderfolge von

Werk und Wesen, Tat und Täter in der Zeit zu einer bedingend-bedingten

Auseinanderfolge in der Zeit und schweißt alle Auseinanderfolgen in

einen unverbrüchlich lückenlosen Ring. Für immer erzeugt gemäß dem

Karman das gleiche Werk das gleiche Wesen, für immer gebiert gemäß ihm

die gleiche Tat den gleichen Täter: dauernd dreht sich dieser Ring

der Werke-Wesen um des Karmans Achse wie ein wohlgeschmiertes Rad.

Weil aber hier stets die gleiche Ursache gleiche Wirkung, die gleiche

Urtat gleiche Wirkung, das gleiche Werk das gleiche Wesen, das gleiche

Tun das gleiche Leiden nach unabänderlicher Satzung setzen werden,

geschieht es ganz von selbst, daß der Künder des Karman in einer

gewissen Weise der Künder der Ewigen Wiederkehr zu sein gar nicht umhin

kann: als welchen ihn denn auch das Buch vom Gestaltwandel der Götter

dem europäischen Leser schon vorgestellt hat. Der Buddho, der zwischen

den zwei Häusern Platz genommen hat, aus welchen diese Wesen ausgehn

und wohin sie eingehn: jedesmal in neuer Maske, neuer Verpuppung und

neuer Gestalt, -- er wird doch immer derselben Schürzung gewahr

zwischen Werk und Wesen, Tat und Täter, Tun und Leiden: wird derselben

Schürzung nicht ohne Überdruß gewahr! Denn das ewige Gesetz durchwaltet

zwar diese Welt wohltätig mit Sinn, durchwärmt diese Welt wohltätig

mit Sinn. Aber das ewige Gesetz verzerrt auch den Sinn dieser Welt zum

Un-Sinn, Wider-Sinn und läßt den Sinn zum Un-Sinn, Wider-Sinn erkalten.

Mit zermalmender Gleichform setzt das Gesetz von sich aus immer nur das

Gleiche; gleiches Tun, gleiches Leiden; gleiches Werk, gleiches Wesen;

gleiche Handlung, gleiche Erscheinung: das ist der Ring des Gesetzes,

das ist das Rad des Gesetzes. Trostspendend, heilwirkend dem, der vor

der Willkür und dem Zufall des Geschehens zum Gesetz sich rettet,

wird das Gesetz fürchterlich dem, der aus der Regel zur Ausnahme, aus

der Abhängigkeit zur Freiheit hinstrebt. Durch des Leidens Urerleben

ist Gotamo zum Weltgesetz, zur Weltordnung, zum Weltsinn gekommen.

Aber wiederum kommt durch des Gesetzes, durch der Ordnung, durch des

Sinnes Urerlebnis Gotamo zurück zum Leiden, von dem er eben ausging.

Der Lehrer und Künder des Karman als dem Dharma beginnt am Karman,

beginnt am Dharma selbst zu leiden: und diesem Leiden gleichsam am Sinn

weiß freilich kein Sinn mehr Abstellung zu erwirken. An der Erfahrung

des Leidens ist Gotamo herangereift für ein Welt-All, vollkommen

makellos, untadelig und gerecht. Aber zugleich kehrt in diesem All das

Gleiche in der Zeit wieder, und derart erweist sich das All seinem

tiefsten Deuter als eine Stätte ewiger Wiederbringung, als ein Ring

ewiger Wiederkehr, als ein Rad ewiger Wiederkünfte: „Ewig ist Seele

und Welt, starr, giebelständig, grundfest gegründet; und diese Wesen

wandern um, wandeln um, verschwinden und erscheinen wieder: es ist

immer das Selbe“... Gesetzt durch das Gesetz, verletzt also die Welt

am unheilbarsten durch das Gesetz den, der die Freiheit im Gesetz

und in der Welt sucht. Am Gesetz erlabt sich die Seele, wofern ihr

das Ungesetz verhaßter wie die Schande ist: aber wider das Gesetz

empört sich dieselbe Seele, wofern sie die Freiheit mehr liebt wie

sich selber. „Und es gibt eine Freiheit, höher als diese sinnliche

Wahrnehmung“, begütigt sich die Seele selber, die am Gleichschritt des

Geschehens tödlich leidet... Es gibt eine Freiheit, da das Gesetz stets

nur Notwendigkeiten setzt und dennoch die eigentliche Not nicht wendet:

es gibt eine Freiheit, welche die Not des Gesetzes selber wendet...

Als Krischna, der Hirtenknabe -- wir entsinnen uns, ihr Christen,

dieser liebenswürdigen Legende -- als Krischna, der Hirtenknabe, eines

Tages sich erging am Ufer der heiligen Yamunâ und sich ergötzte, wie

der Strom so flink und schimmernd wallte, da ward er auf der Oberfläche

dieses schönen Flimmerspiegels einer Stelle ansichtig, von welcher her

Rauch und Gestank schwelte. Er sah das Wasser sieden und mit plötzlich

aufsprudelnden Springfluten das Laub der Bäume am Gestade versengen,

die Vögel auf den Zweigen verbrühen. Sofort gedachte er, wie dies

gewiß Kâliya sei, die Weltenschlange, die hier mit ihrem giftigen

Gezücht Wasser, Land und Luft verpeste. Und er gedachte ferner, wie es

jetzt an der Zeit sein möchte, mit dieser Weltenschlange auf dem Grund

der himmelspiegelnden Yamunâ ein Wort zu reden und sie, koste es was es

wolle, zum Abzug aus diesen göttlichen Gefilden zu bewegen. Das alles

gedachte der Hirtenknabe Krischna bei sich und schon hatte er sein

Kleid geschürzt und sich in den kochenden Strudel hineingeschwungen auf

den Grund des Schlangenpfuhls, -- schon hatte er die Arme ausgereckt,

die kindlichen, um das wütende Ungetüm zu würgen. Aber schon wand

auch die hochgesträubte Schlange ihre tausend Leiber um den Knaben,

schon schlug sie ihre tausend Zähne in sein golden Fleisch. Bald war

nichts mehr von ihm zu erblicken, der von dem Metall der Schuppenarme

rings umpanzert war wie von einer Rüstung, welche der Waffenschmied

am Körper des Gerüsteten selber glüht und biegt und hämmert. So hatte

sich Krischna übermütig in den Schlangenabgrund geschwungen, um von ihm

verschlungen zu werden. Bestürzt, ratlos, verzweifelt liefen die Hirten

und Hirtinnen der Heimat an den Ufern zusammen und rangen die Hände in

Schmerz und Ohnmacht, indes des Knaben Mutter Yasodâ wie leblos auf die

Erde fiel. Bis dann zuletzt Krischnas Leibesvater Nanda, unbewegt dem

Sohn ins Auge blickend, die Worte in den Pfuhl hinunterwirft: Genug, o

Gott der Götter! Du hast lange genug dich menschlich gezeigt; weißt du

nicht, daß du göttlich und ewig bist?... Derart angerufen, aufgerufen

zum Entschluß, sich endlich auf sich selber zu besinnen, sich endlich

zu sich selber zu ergotten, lächelt der Knabe sanft seines zauberischen

Lächelns. Und zieht sich leicht und spielend aus der tausendarmigen

Umwindung, nicht anders etwa wie eine Dame der Gesellschaft ihre Hand

anmutig und leicht aus dem Arm eines Herrn herauszieht, der sie zu

Tisch oder zum Tanz geführt hat. Und tritt mit einer kaum merklichen

Bewegung der Schlange auf den behaubten Kopf und immer wieder auf den

Kopf, bis sie unter die Wippe der göttlichen Ferse immer und immer

wieder gewippt, in ihren fruchtlosen Zuckungen und Krämpfen schließlich

erlahmt und am Ende steif, speiend, geifernd vor Anstrengung ohnmächtig

auf dem Grund des Stromes ausgestreckt liegt und in strengem Schwur

den Abzug aus dem heiligen Bezirk verspricht... Die Weltenschlange

Kâliya aber der Legende, wer wüßte es nicht, ahnete es nicht, ist das

Urgesetz Karman selber, in welches Krischna-Gotamo sich verstrickt

findet. Wie Krischna der Hirtenknabe steht der Erhabene da auf dem

Grund des Schlangenpfuhls: lebendig eingeschmiedet in den lebendigen

Ring des Weltgesetzes, den glühend schwingenden und kreisenden, --

lebendig aufgeflochten auf das wälzende Rad des Weltgesetzes und von

ihm gerädert. Aber indes ihm das Weltgesetz in tausendgliedriger

Verschlingung stätig drehend die Gelenke bricht und ihm tausend Zähne

ihr Gift in nimmer heilende Wunden träufen, da vernimmt er zwar nicht

die Stimme seines Leibesvaters, aber doch seine innere Melodie:

Genug, o Mensch der Menschen! Du hast lange genug dich zeitbedingt,

gesetzabhängig, ursachverhaftet gezeigt: weißt du nicht, daß du ewig,

daß du ledig, daß du frei bist? Genug, o Geräderter auf dem Rad aller

Räder: weißt du nicht, daß diese Seele nimmer gerädert werden kann?

Genug, o Geschmiedeter in den Ring aller Ringe: weißt du nicht, daß die

Seele selbst des Feuers ist, des schmiedenden, aber weder des Erzes

noch des Erd-Schmutz-Stoffes, der da geschmiedet werden kann und darf

und muß?...

Hier aber berühren wir, ihr Christen, die heikelste, die empfindlichste

Stelle nicht nur des gotamidischen Erlebens, vielmehr alles Erlebens

überhaupt von wirklich religiöser Beschaffenheit, religiöser Herkunft,

religiöser Weihe. Die Erfahrung des Leidens hatte Gotamo dazu geführt,

das All selber gleichsam zu erschaffen als die unverbrüchliche

Aufeinanderfolge von Tun-Leiden, wo jedem Wesen kraft seiner

Eigenschaft als Erscheinung und Gestalt in Raum-Zeit dasjenige als

Reizwelt, Merkwelt, Unwelt ‚angetan‘ wird, was er selber kraft seiner

Eigenschaft als Werk an und für sich, Tat an und für sich, Wille an

und für sich gewählt und ausgesucht hat. Die Erfahrung des Leidens

hatte auf diese Weise Gotamo zur Erfahrung einer Wirklichkeit geführt,

in welcher jedes einzelne Wesen die Vergeltung seiner Werke darstellt

und in welcher jede einzelne Geburt eine Wiedergeburt nach eigener

Bestimmung ist. In dieser Wirklichkeit setzt jedes Lebendige seinen

eigenen Rang und wählt jedes Daseiende seinen eigenen Wert als den

ihm gegenwärtig allein zusagenden, angemessenen, erwünschten, -- in

dieser Wirklichkeit lebt jede Erscheinung zuletzt als ihre eigene

Wunschverkörperung, Willensversichtbarung, Wertverwirklichung. Wer da

nach seinem Ableben in höllische Welt hinabfährt, dessen Karman wollte

die höllische Welt, suchte und fand die höllische Welt. Wer da nach

seinem Ableben in die tierische Welt hinabfährt, dessen Karman wollte

die tierische Welt, suchte und fand die tierische Welt. Wer da nach

seinem Ableben in die gespenstische Welt hinabfährt, dessen Karman

wollte die gespenstische Welt, suchte und fand die gespenstische Welt.

Wer da nach seinem Ableben in die menschliche Welt wiederkehrt, dessen

Karman wollte die menschliche Welt, suchte und fand die menschliche

Welt. Wer da nach seinem Ableben in die göttliche Welt aufsteigt,

dessen Karman wollte die göttliche Welt, suchte und fand die göttliche

Welt. Mit einer Notwendigkeit, die ebensosehr eine kosmisch gültige

ist wie eine dem Sinn entsprechende und im Sinn gegründete, bewährt

sich hier jedes Dasein als die Setzung seiner engsten Tat und Absicht:

das ‚Ich‘ setzt sich hier in der Strenge einer Wortbedeutung, die

sich wohl selbst jenem deutschen Denker noch nicht voll erschloß, der

diese Wahrheit zum Grundsatz seiner Philosophie erhob... Trotzdem hat

inmitten dieser eisernen Verkettung von Notwendigkeiten die Freiheit

eine Stätte! Daß zwar ein Wesen in Raum und Zeit jemals auf eine andere

Weise erscheine, als es durch seine Werke selbst vorherbestimmt habe,

oder daß sich ein Ich jemals nicht in Übereinstimmung mit seiner

Tathandlung der Selbst-Setzung selber setze, -- das freilich ist und

bleibt völlig außerhalb jeder erdenklichen Freiheit gelegen; das Wie

und das Was jedes einzelnen Daseins ist durchgängig festgelegt vom

Wie und Was dieser vorausgehenden Werktätigkeit. Nur das Wie und das

Was dieser Werktätigkeit seinerseit untersteht keinem Zwang, keiner

Bestimmung, keiner Verursachung, vielmehr entscheidet das Wie und

Was der Tat selbstherrlich und frei über das Wie und Was der eigenen

Wesenheit: eben der Vorgang der Wahl wird nach der Lehre vom Karman als

schlechthin ‚unbedingter‘ Vor-Gang aller Bedingungen und Bedingtheiten

herausgeschält. Er spielt sich außerhalb der Reihe der Dinge und

Dinglichkeiten ab und ist in dieser Hinsicht un-bedingt; er löst sich

aus der Wechsel-Verknüpftheit aller Wirklichkeiten heraus und ist

in dieser Hinsicht heraus-gelöst und ab-gelöst, das ist lateinisch:

absolut. Inmitten des geschlossenen Kreislaufs des welthaften

Tun-Leidens und der welthaften Werke-Wesen bleibt eine einzige

Stelle offen, ungefähr wie in einem rings mit glänzender Eiskruste

zugefrorenen Binnensee eine einzige Stelle offen (und zugleich dunkel)

bleibt: dort nämlich, wo dem Boden der Born des Zuflusses entquillt,

der den See speist. Auf ähnliche Weise bleibt im Umkreis der lebendigen

Notwendigkeiten die Zufluß-Stelle, Eintritt-Stelle frei, wo die rang-

und wertbestimmenden Wahlhandlungen, Tathandlungen in den Umkreis

münden. Die Tat, die von neuem ihre Selbstverkörperung als Täter

setzt, das Werk, das von neuem seine Selbstverleiblichung als Wesen

setzt, ist frei und kann Täter, Wesen dahin, dorthin setzen, in

höllische, tierische, gespenstige, menschliche, göttliche Welt, just

wie der Wille ist, wie der Wunsch ist, wie die Wahl ist...

So daß sich jetzt wie von selbst die Frage ungerufen stellt und

einstellt: ob nicht zuletzt doch eine Tat erdenklich wäre, die nicht

mehr verkörpernd diesen oder jenen Täter an seine tatbestimmte Stelle

der Werdewelt und Wandelwelt setze, sondern eine Tat, die gleichsam

selbsttätig sich selber mitsamt der Person des tatfolgenden Täters

aus dem geschlossenen Kreis der irdischen Kräfte und Kräfteträger

auszuschalten fähig wäre? Ob es nicht zuletzt ein Werk gäbe,

auf welches ein ihm zugehöriges Wesen und Dasein nicht mehr mit

ursächlich bedingter Notwendigkeit folgen müsse? Ob nicht zuletzt ein

Wille vorhanden sei, der neben seiner Freiheit zum Was und Wie der

Wiederverwirklichung eine höhere Freiheit aufwiese, eine Freiheit auch

zu dem Daß und Ob dieser Wiederverwirklichung? Ob nicht zuletzt eine

Wahl, eine Entscheidung getroffen werden könne, die nicht allein frei

zu nennen wäre in Ansehung der künftig einzunehmenden Stelle in diesem

All und in Ansehung des darin einzunehmenden Stellen-Wertes, sondern

frei überdies in Ansehung der Wiederkunft und Nicht-mehr-Wiederkunft in

diese Werde- und Wandelwelt? Ob nicht zuletzt ein Karman zu betätigen

sei, welches weder in den Schoß der Hölle eingehe, noch in den Schoß

der Tierheit, noch in den Schoß der Gespensterheit, noch in den Schoß

der Menschheit, noch in den Schoß der Göttlichkeit, -- nein, ein Karman

vielmehr, welches ganz einfach in gar keinen Schoß mehr eingehe irgend

welcher Geburten und Wiedergeburten, ein Karman, welches in der Sprache

der Lehre ‚keine Fährte‘ hinterlasse? Denn setzen wir den Fall, ihr

Christen, ein Wesen habe die Stockwerke dieser Welt von unten nach

oben in der gehörigen Reihe erstiegen und sei in niemals erlahmender

Selbststeigerung, Selbstveredelung, Selbstvollendung von teuflischer

Gestalt zu göttlicher Gestalt über Tier, Gespenst, Mensch hinweg nach

oben geklommen: schwebt dieses Wesen, wofern es doch auch jetzt noch

dem Weltgesetz ewiger Verkettung von Tat-Täter, Werk-Wesen, Tun-Leiden

durchaus unterworfen bleibe, -- schwebt es nicht in furchtbarer

Gefahr, von seiner erklommenen Höhe wieder herabzugleiten, und just

jenen ‚Fall‘ zu tun, den jeder Gott tat, wenn er versucht ward, eine

Welt zu schaffen und dieser Versuchung alsbald auch erlag? Setzen

wir also den Fall, ihr Christen, -- und der Buddho hat diesen Fall

wahrhaftig schon gesetzt! -- auch diese Götter gehörten ohne Vorbehalt

und Einschränkung dem Kreislauf der Wiederverkörperungen in der Zeit

an und lebten keineswegs ungebunden, unverpflichtet hinter oder außer

oder über dieser Welt: gilt dann nicht auch für sie ganz ohne Vorbehalt

und Einschränkung das Grundgesetz der Welt von der Wiederverkörperung

der Tat im Täter, des Werks im Wesen, des Tuns im Leiden? Wäre ein

Wesen mithin sogar als Gott wiedergeboren, es bliebe auch als Gott

geknüpft an die stätige Wechselwirkung, die die Lehre vom Karman als

die unverbrüchliche Satzung dem Weltbau unterstellt. Auch im Himmel

bliebe diesem Wesen das Leiden nicht erspart, und sei es auch nur ein

Anflug jenes echten Götter-Leidens, durch Götter-Tat diese leidende

Welt dem Heile nicht entgegenführen zu können, weil auch der Gott ja

eisern in den Ring der Geburten eingeschmiedet ist und bleibt. Auch ein

Gott in Person würde ja die Mitleid-Bitte der Himmelskönigin Aditi um

‚ewige Erlösung‘ anhören müssen, ohne ihr willfahren zu können: denn

auch Gott in Person, das hat jener Krischna-Mythos ein für allemal

mit hoher Frömmigkeit geoffenbart, ist nur ein Teil des Ganzen, nur

ein Dasein unter Daseienden, nur eine Gestalt unter oder über anderen

Gestalten. Im gotamidischen Kosmos kann jeder Unermüdliche und

Bewährte im Ablauf der Weltenjahre Gott werden, -- und dies ist die

unendliche Tröstlichkeit, die unvergleichliche Hoffnungfröhlichkeit,

die unwiderstehliche Herzensinnigkeit dieser Religion, die unter diesem

Zeichen einen erheblichen Bruchteil der Menschheit für sich erobert

hat. Aber zugleich bleibt im gotamidischen Kosmos auch der Gott aufs

strengste an die heilige Verfassung der Welt gebunden, als welche

Karman heißt oder Wiederkehr des Gleichen oder ewige Wiedergeburt oder

Ring der Wiederbringungen oder Rad der Werke-Wesen oder Kreis des

Tun-Leidens... Darum schweift Gotamos Blick voll sinnender Schwermut

über die fernsten Nebelbänder, Sonnenräder und Kometenschweife dieser

unbegrenzten Welt und aller möglichen unbegrenzten Welten weit hinaus.

Darum fällt gelegentlich in der Zwölften Rede aus der Mittleren

Sammlung Majjhimanikâyo jenes für Christenohren so hocherstaunliche und

vermutlich hochanstößige Wort: „Und sollt’ ich auch, Sâriputto, nur

unter Reinen Göttern kreisen: ich mag in diese Welt nicht wiederkehren.

Und sollt’ ich auch, Sâriputto, nur unter Reinen Göttern geboren

werden: ich mag in diese Welt nicht wiederkehren. Und sollt’ ich auch,

Sâriputto, nur unter Reinen Göttern leben: ich mag in diese Welt nicht

wiederkehren“...

Wie eng verzahnt und genau ineinandergepaßt dies nicht alles ist!

Wie stätig und zusammenhängend geschichtet, auch wo die Schichtungen

einmal eine Bruchstelle zeigen und eine Verwerfung erfahren haben!

Wer das Leiden als das Gesetz der Welt erkannt und gedeutet hat, wer

am Weltgesetz selber leidet und an dessen ewiger Wiederkunft des

Gleichen zum Gleichen, dem kann in Wahrheit nicht einmal die Geburt

als Gott zu des Leidens Überwindung taugen. Dies Leiden durchaus und

von innen her überwinden, hieße die Welt selbst durchaus und von innen

her überwinden, in welche das Leiden bedingend und verursachend,

bedingt und verursacht je und je verflochten ist. Der Gott aber

stehet in der Welt, wenn auch der Welt zuoberst, und nicht außer ihr.

Wer da am Leiden leidet, weil in das Fundament der Welt das Leiden

gleichsam eingemauert ist wie in das Fundament mittelalterlicher

Türme ein lebendiges Wesen (mit seinen Todesqualen) eingemauert

ward, -- dem taugt von allen Taten nur die eine: die Durchbrechung!

Die Durchbrechung des Kreises der Geburten und Wiedergeburten, die

Durchbrechung des Dharma und des Karman, die Durchbrechung der ganzen

unendlichen Reihe Tat-Täter und Werk-Wesen. Solang ein Mensch solcher

Fühlung sich der Welt verhaftet weiß, weiß er sich abhängig von der

Welt und abhängig von der Welt Entstehungen und Vergehungen; weiß er

sich abhängig von Alter, Krankheit, Tod; weiß er sich abhängig von

aufsteigenden und absteigenden Lebensknoten ... Aber „Unabhängigkeit,

sag’ ich, ihr Mönche, ist höchstes Labsal der Gefühle!“ Unabhängigkeit

von dieser Welt und ihrer falschen Notwendigkeit, die nirgends Not und

Nöte wendet, sondern stets nur neue Not und Nöte schafft und schafft;

Unabhängigkeit von allen Drohungen der Wirklichkeiten und Möglichkeiten

jetzt und künftighin; Unabhängigkeit von dem Zwang der abermaligen

Entstehung, abermaligen Vergehung: sie gilt es irgendwie zu bewirken

und zu befestigen. Eine Stelle gilt es ausfindig zu machen, über

welche keine Flut des Werdens mehr hinwegbrandet und wo Sicherheit,

Stätigkeit, Standfestigkeit winkt, eine weltlose Stelle außerhalb

aller Stellen und Stätten der Welt. Und derart geschieht hier, ihr

Christen, das Ungeheuere und ganz Unausdenkliche und jeden Begriff bei

weitem Übersteigende, daß Gotamo diese von ihm selbst so groß und schön

geordnete Welt um dieser höchsten Unabhängigkeit willen eigenhändig

wie eine tadellose Glocke von reinstem Guß und reichstem Klang mit

nerviger Faust in Trümmer hämmert! Am Leiden leidend, folglich an der

Welt leidend, folglich an der Welt Gesetz und Ordnung leidend, folglich

am Kreislauf der werkvergeltenden Geburten leidend, folglich am Karman

leidend, setzt Gotamo dies Karman mit derselben Machtvollkommenheit

der Seele außer Kraft, mit welcher er es einst in Kraft gesetzt hatte.

Dieselbe Seele, die einen unveräußerlichen Anspruch hat auf Gesetz und

Gesetzes Wohltat, hat einen unveräußerlichen Anspruch auch auf Freiheit

und der Freiheit Säligkeit. So gilt das Karman für die Welt der

Wirklichkeit und Wirksamkeit unaufheblich, aber gilt nicht für diese

Seele, die sich die Freiheit von der Welt und von der Wirklichkeit auf

irgendeine Weise zu erkämpfen, zu ersiegen weiß. Das Karman ist der

Dharma der Welt, und sicherlich müßte das Gerüst der Welt im Nu in sich

zusammenstürzen, sicherlich müßte das Gefüge der Welt im Nu aus allen

Fugen springen, wenn das Karman nicht alle seine Balken und Stützen

und Bretter mit eisernen Klammern fest aneinanderhaftete. Die Seele

aber besitzt ihren eigenen Dharma, welcher vom Dharma der Welt nicht

weniger verschieden ist als die Welt von der Seele selbst verschieden

ist. Der Dharma der Welt heißt Notwendigkeit, Gesetz, Verhaftung,

Wechselbedingtheit, Verhältnismäßigkeit; der Dharma der Seele heißt

Freiheit, Ledigkeit, Selbstherrlichkeit, Unbedingtheit, Abgelöstheit.

In Leidens-Freiheit, Leidens-Ledigkeit, Leidens-Abgelöstheit

bewährt die Seele sich selbst als unbedingt und selbstherrlich; in

Welt-Freiheit, Welt-Ledigkeit, Welt-Abgelöstheit bewährt die Seele sich

selbst als unbedingt und selbstherrlich...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 11 / 26 段