Dem sei im übrigen, wie ihm sei. Auf jeden Fall macht Indien durch

diese Lehre, die ihren Grundzügen nach vielleicht doch schon

vorgotamidisch gewesen ist, bitteren Ernst mit dem Gedanken des ‚_esse

sequitur operari_, Sein erfolgt aus Wirken‘, -- mit einem Gedanken

folglich, der zwar auch unserem alten Europa nicht fremd geblieben ist,

aber mit welchem dieses nur hin und wieder etwas zu liebäugeln gewagt

hat: im ganzen und großen immer wieder von dem thomistischen ‚_operari

sequitur esse_, Wirken erfolgt aus Sein‘ in den Bann gezogen. Gerade

weil der Aquinat mit diesem Grundsatz ohne weiteres recht hat und den

Nagel auf den Kopf trifft, gerade darum muß auch die Umkehrung im Recht

sein und den Nagel auf den Kopf treffen. Wirken erfolgt aus Sein, das

lehrt die platteste Erfahrung stündlich. Aber nicht minder, wenn auch

sicherlich mit minderer Sinnfälligkeit, erfolgt Sein aus Wirken: aus

dieser meiner Tat wächst das ihr gemäße Sein wie umgekehrt die Tat aus

ihr gemäßem Sein erwachsen ist. Die heutige Tat von mir erschafft mich

selber als morgige Person; meine Tat von heute, mir heute noch selber

fremd, unheimlich, unzugehörig und gleichsam in einem dunkeln Ungefähr

von einem namenlosen Es getätigt, -- sie schafft sich zuverlässig

morgen ihren Täter, in mir selber zu mir selber sprechend: das bist

du... Das Werk der Tat, noch heute von mir selbst als meines Selbstes

blindes Jenseit geleugnet und nur wie ein Erdblitz aus irgendeiner

Falte, irgendeinem Spalt meiner Selbstheit tödlich zuckend, -- dies

Werk meiner Tat wirbt bald um seinen Täter unablässig, bis sich mein

Selbst als Täter morgen ihm vermählt. Wenn aber ein tragischer Dichter

Europas sich zu dem immerhin bemerkenswerten Ausspruch hat bestimmen

lassen, daß böse Tat fortzeugend stets Böses müsse gebären, so würde

ein indischer Denker dies vielleicht sinngemäß dahin abzuändern

wünschen: daß böse Tat fortzeugend stets Böse müsse gebären, wie gute

Tat eben so fortzeugend Gute. Denn die Tat tätigt nicht allein die Tat,

sondern tätigt je und je den Täter, wie dies der nicht ganz echte,

aber doch um Echtheit eifrig bemühte Gotamide Schopenhauer wenigstens

dem Willen an und für sich (ob auch leider nicht der Tat an und für

sich) buchstäblich zuerkannte: du bist, wer du willst, _esse sequitur

velle_, aber du tust, wer du bist, _operari sequitur esse_. Für den

Inder jedoch ist es nicht der Wille, nicht eine geistig-seelische

Wesenheit, nicht ein geistig-sinnlicher Eigenschaftträger, der das

Dasein und Sosein der Person bestimmt, sondern die Tathandlung als

solche, wie sie sich schlechterdings überhalb und außerhalb jeder

physisch-metaphysischen Trägerschaft oder Täterschaft auswirkt. Es

ist das Werk, das sich das Wesen baut, und zwar jegliches Werk das

ihm gemäße Wesen. Es ist das Werk, das gleichsam erst in seinem ihm

gemäßen Wesen ausruht, ungefähr wie eines jener emsig quabbelnden

Einzellentierchen des Männersamens erst im Kern des weiblichen Eies

ausruht. Das Werk rastet nicht und beharrt in dauernder Bewegung,

bis es das Wesen, so ihm zugehört, mit aller Sorgfalt ausgeformt und

ausgebosselt hat. Das Werk währt ewig und ewig wirkt es sich Strafe,

Sühne, Vergeltung im erschaffenen Wesen, je nach seinem eigenen Wert;

und ewig wirkt es sich Lohn, Förderung, Verdienst im erschaffenen

Wesen, je nach seinem eigenen Wert. Und fast schon könnte ein

weiterdenkender Abendländer sagen: der Wert währt ewig und ewig erwirkt

er sich Strafe, Sühne, Vergeltung im erschaffenen Wesen, ewig Lohn,

Förderung, Verdienst im erschaffenen Wesen... Hier aber, wie sonstwo

nirgends, sage ich, tötet der Buchstabe und macht der Geist lebendig.

Der Buchstabe der Lehre vom Karman tötet vielleicht wie kein zweiter

Buchstabe den Geist selber, -- den Geist selber aber hat Gotamo ein

für allemal selber ehern in das Wort gehämmert: „Eigner der Werke sind

die Wesen, Erben der Werke, Kinder der Werke, Geschöpfe der Werke,

Knechte der Werke“. Das ist gotamidisch gefaßt das ethische, nicht mehr

kosmische Grundgesetz und Urgesetz der Welt, das ist das Ethos selber

als Grundgesetz und Urgesetz der Welt. Werk wirkt Wesen, Tat tätigt

Täter: das ist in drei Worten aufgefangen, aufgegangen die Lehre vom

Karman, wie sie Gotamo vielleicht angetreten und anerkannt, sicherlich

aber vertieft und gegründet, abgerundet und zum Glaubenssatz erhoben

hat...

Werk wirkt Wesen, Tat tätigt Täter, also lautet die erste und

unverlierbare Überzeugung. Aber schon schließt diese eine zweite ein,

die hier nur mehr besonders erwähnt, nicht mehr besonders abgeleitet

und entwickelt zu werden braucht: Werk nämlich wirkt Leiden, und Tat

tätigt Leiden! Denn Wesen und Täter als Erschaffenheit von Werk und

Tat, das sind eben Leidende und Erleidende von Werk und Tat; -- Zug

um Zug, Falte um Falte ihres Daseins, wie ich schon sagte, bedingt

und bestimmt durch Karman, verhalten Täter und Wesen in bezug auf

Tat und Werk sich leidend. Sie verhalten sich leidend, ihr Christen,

in der allgemeineren Sprachbedeutung dieses Wortes, ohne Beziehung

zunächst auf die Unlust des Gefühls, die wir in engerer Wortbedeutung

Leiden nennen. Leidende sind vielmehr Wesen und Täter, wofern ihr

Sein der Tat verdankt wird, durch Tat ihnen angetan wird, ohne daß

sie selbst an dieser Tat beteiligt sind, -- Leidende mithin im

Wortsinn des Getätigt-Seins und Angetan-Werdens, des Bedingt-Seins und

Bestimmt-Werdens von einem Etwas, welches sie nicht selber sind. Als

Eigner der Werke, ja Knechte der Werke, sind die Wesen recht eigentlich

die Leidner und Erleidner der Werke. Ihre innerste Kernschaffenheit,

Kernrüstigkeit ward ihnen vom Karman angetan, wie etwa nach der

Auffassung Kants die Eindrücke der Sinnlichkeit uns angetan werden

vom Ding an sich. In manchem Betracht selber Eindrücke, Fährten,

Spuren, die das Karman in dem bildsamen Grundstoff das All hinterläßt,

bleibt den Wesen und Tätern keine Wahl, als nach dem Gesetz sich

auszuleben, das sie von Karmans Gnaden angetreten, und auf solche Weise

unerbittlich streng die Wirkung der Werke in sich zu verkörpern. Werk

und Wesen, Tat und Täter aber verhält sich darnach nicht allein wie

sich ein Tun zu seinem genau entsprechenden Leiden verhält, sondern

mehr noch wie sich eine Ursache zu ihrer genau abgestimmten Wirkung

verhält. Das Werk ist geradezu Ursache, Bedingung, Bestimmunggrund des

Wesens, wie umgekehrt das Wesen geradezu Folge, Wirkung, Erscheinung

des Werkes ist. Die Welt als Ganzheit aber stellt sich dem indischen

Genius nicht anders dar als die Summe aller dieser Werk-und-Wesen-,

aller dieser Tun-und-Leiden-Knüpfungen, deren fest umschriebenes

Wechselverhältnis dem All seine Ordnung und sein Gesetz, sein Maß und

sein Sinn verbürgt. Wenn wir Europäer und Christen, ihr Christen, dem

Geschehen dieser Welt die unzerreißliche Schürzung Ursache-Wirkung als

weltsetzende und weltverfassende Unveränderliche aus- und eindeutend

unterstellen, so unterstellt der Inder und Buddhist dem nämlichen

Geschehen, -- schon ist es aber nicht mehr das nämliche Geschehen! --

die Schürzung Werk-Wesen, die Schürzung Tun-Leiden. Derart stellt das

Karman durchaus dar, was der europäische Biologe bei dem Vergleich

tierischer Organe miteinander eine ‚Analogie‘ zu nennen pflegt: das

Karman ist die Analogie der Kausalität, deren erkenntnismäßige Leistung

es haarscharf vertritt (und wie wir gewahren werden: übertrifft!),

obschon es von ihrer erkenntnismäßigen Gestalt und Art unverkennbar

abweicht. Das Karman, sag’ ich, sei die indische Analogie der

europäischen Kausalität, wenn anders dieser naturwissenschaftliche

Begriff auf geistige Verhältnisse übertragen und angewendet werden

darf. Gleichsam in ihrer Anatomie verschiedenartig, sind Karman und

Kausalität sozusagen in ihrer Physiologie gleichwertig, und wie dem

Fisch die Kieme Lunge ist, so ist dem Inder das Karman Ursächlichkeit

und ursächliche Schürzung. Das Karman ist die Kausalität, wie sie der

Inder auffaßt: das Karman ist die erste und letzte sinnspendende,

ordnungstiftende Eindeutung, welche aus wüsten Urmassenwirbeln eine

Welt herausklärt. Die Knüpfung des Karman leistet dem indischen Geist

das, was dem europäischen die Knüpfung der Kausalität leistet oder

vielleicht auch nicht leistet, aber leisten soll und will. Die Knüpfung

des Karman vertritt dem Inder die Knüpfung der Kausalität, nicht

anders wie dereinst die Schürzung des Tun-Leidens, ποεῖν-πάσχειν dem

Griechen die Schürzung der Kausalität vertreten hat und insonderheit

auf der Tafel der zehn Kategorien des Aristoteles auch vertritt, --

was denen zur Beruhigung gesagt sei, die sich immer noch den Kopf

zerbrechen, wieso ein streng wissenschaftliches Weltbild wie das

der Griechen ohne den Urgedanken der Ursächlichkeit habe überhaupt

bestehen können. In Wahrheit hat es eben gar nicht ohne diesen

Urgedanken bestanden, auch wenn das Wort Ursächlichkeit wirklich zu

fehlen scheint. Die Ursächlichkeit der Griechen heißt ποεῖν-πάσχειν,

heißt Tun-Leiden, heißt Antun-Angetanwerden: und wenn je in ihrer

vielschichtigen geistigen Geschichte schlagen sie hier die Brücke zum

großen Osten, wo der unverbrüchliche Knoten ποεῖν-πάσχειν eben --

Karman heißt. Noch haftet ja dieser Ursprung sogar unserem heutigen

Gedanken der Ursächlichkeit und Verursachung unabstreiflich an. Noch

immer ist ja die Ur-Sache zuguterletzt Ur-Tat und Ur-Tun, noch immer

ist die Wirkung ein Angetan-Werden und Erleiden-Müssen. Noch hat sich

jede europäische Erkenntnislehre auseinanderzusetzen, wenn nicht

abzufinden mit der seltsamen Auffassung, daß die sogenannte Empfindung,

will heißen der Stoff und Inhalt des Erlebens, auf irgendeine

unerforschliche Weise die Angetanheit, die Erlittenheit sei, die

der bewußten Persönlichkeit aus unbekannten und unnennbaren Fernen

aufgedrungen wird. Noch lebt in jeder abendländischen Philosophie

mehr oder minder stark die Überzeugung, daß der persönliche Träger

und Inhaber des Bewußtseins die Welt von außen her erleide und

erdulde; noch lebt in jeder abendländischen Philosophie mehr oder

minder stark die Auffassung, daß die ‚Sinnlichkeit‘ ein Vermögen des

Aufnehmens, Empfangens, Über-sich-ergehen-Lassens sei. Auch jetzt

noch ‚erleidet‘ der einzelne Mensch die Wirklichkeit, auch jetzt noch

erliegt er der Wirklichkeit. Weltduldend, weltleidend wird selbst

dieser europäisch starke und eigenwillige Mensch von der Wirklichkeit

und ihrer Zeichenflut überschwemmt und überwallt, also daß sogar uns

verhärteten Christenseelen, ihr Christen, der Tat-Bestand Leiden und

der Tat-Bestand Leben in der Wurzel fest zusammenwachsen...

Aus unbekannten, unnennbaren Fernen, sagte ich vorhin, strömten dem

einzelnen Bewußtsein die Eindrücke zu, die es als sein Erlebnisstoff,

Erlebnisinhalt zu erleiden hat. Gilt dies für abendländisches Auffassen

ohne Einschränkung, so hebt sich dieses Auffassen freilich just hier

am schärfsten vom indischen Auffassen ab, wo es diesem sich am engsten

angenähert zu haben scheint. Denn diese namenlosen Fernen, dieses

‚Außerhalb‘ des Bewußtseins, dieses kaum mehr zu verdeutlichende

Bereich von Dingen an sich oder von dem Ding an sich, welches auf

geheimnisvolle Art das Bewußtsein mit Zeichen, Reizen, Eindrücken,

Empfindungen versieht, -- dieses Bereich des unergründlichsten Ungefähr

verlegt die indische Lehre eben wieder in den Tat-Ort als solchen: in

das Karman. Auch der Abendländer, wir sahen es, fühlt sich in seinem

Erlebnisumkreis bedingt und bestimmt, beeindruckt und erleidend.

Auch ihm werden Empfindungen, Erlebnisstoffe, Bewußtseinsinhalte von

verborgenen Herkunftstätten zugeteilt, für welche die wissenschaftliche

Topologie keine Ansatzpunkte mit irgendwelcher Zuverlässigkeit

auszukunden vermag. Ist dieses bisher durchaus auch indisch, so

gestattet sich indes gerade der Inder hier die entscheidende Abweichung

von der europäischen Überzeugung, indem er nämlich seinerseit den

dort vermißten Ansatzpunkt für die Auswirkungen der Dinge an sich im

Karman gefunden zu haben glaubt. Die Kraftquellen der Welt, welche

dem Einzelwesen seine Lebensreize spenden, versickern nicht auf dem

durchlässigen Grund einer ewig fragwürdigen Dingansichheit, sondern

werden ins Karman wie in ihr Sammelbecken unversieglich geleitet. Die

Welt, die jedem angetan wird auf seine Weise, sie wird ihm von ihm

selber angetan, sie wird ihm von seinem Werk, von seiner Tat, von

seinem Willen angetan. Die Welt, die einer in der Jetztzeit seines

Daseins erleidet, die hat er sich selber in Gestalt seines Karman

in der Zeit erwirkt. Die Zeichen, die einem jeden als Lebensreize

zustoßen, die hat sich ein jeder selber zugesendet, auf diese hat

sich ein jeder selber abgestimmt. Die Welt erleidend, erleidet jeder

zuletzt sich, als Empfänger gleichsam mit magnetischen Kräften an sich

ziehend, was er als Sender magisch ins All hinausgestrahlt und gefunkt

hat. Die Reiz- und Erlebnisumwelt, anscheinend jedem zufallend auf gut

oder schlechtes Glück, ist in einem gedanklich nie zu erschöpfenden

Sinn die Wahl-Welt, Werk-Welt, Tat-Welt eines jeden; und zwar dort am

meisten, wo sie am unwiderstehlichsten beeindruckt und beeinflußt.

Solchermaßen nimmt aber bereits die altindische Lehre unsere späte und

kaum schon viel verbreitete Errungenschaft biologischer Einsichten

geistreich genug vorweg, -- ich meine die höchst fruchtbare Erkenntnis,

wonach jedes Lebewesen mindestens seiner morphologischen Typik nach der

Urheber und Urtäter seiner eigenen und nur ihm zugemessenen, nur ihm

angemessenen Umwelt, Reizwelt, Merkwelt ist und folglich wenigstens im

biologischen Betracht nur das erleben kann, was es kraft schöpferischer

Selbstgestaltung und Selbstentfaltung zuguterletzt erleben will. Der

morphologische Typus einer jeglichen Spezies erschafft sich darnach

physiologisch und psychologisch seine spezifische Erlebniswirklichkeit,

die genau genommen nur für ihn besteht und nur ihm entspricht: die

Schnecke die Schneckenwirklichkeit, die Möve die Mövenwirklichkeit,

die Ameise die Ameisenwirklichkeit, der Affe die Affenwirklichkeit.

Wie sich die Erde eine Lufthülle umlegt, in welcher sie atmen kann,

und nun die Umwelt, Reizwelt, Merkwelt ‚Luft‘ erlebt, so umgibt sich

selbstschöpferisch jedes Geschöpf mit einer Wirklichkeit, in der es

wirken kann und die auf seine Wirksamkeit wiederum aufs wunderbarste

zugeschnitten ist... Ein Schritt weiter vom Leben der Art und Gattung

zum Leben des Einzelwesens hin, ein Schritt weiter vom Bios und

allem, was mit ihm zusammenhängt, zum Ethos hin und allem, was mit

ihm zusammenhängt: und Europa ist reif für die gotamidische Lehre,

daß auch hinsichtlich des Ethos, und keineswegs allein des Bios, ein

jedes Lebendige nur das, was es zu innerst will, erleben und empfangen,

empfinden und erleiden, erreizen und ergeizen kann. Was da in dieser

Welt Wasser zu erleiden hat, das hat eben als Karman Wasser getan;

was da Erde zu erleiden hat, das hat Erde getan; was da Feuer zu

erleiden hat, das hat Feuer getan; was da Luft zu erleiden hat, das

hat Luft getan; was da Tod zu erleiden hat, das hat Tod getan; was da

Hölle zu erleiden hat, das hat Hölle getan; was da Geist zu erleiden

hat, das hat Geist getan; was da Säligkeit zu erleiden hat, das hat

Säligkeit getan. Wer dieses über den Bios hinaus aus dem Ethos zu

verstehen vermag, der hat die Lehre vom Karman endgültig verstanden,

soweit das Verstand-Übersteigende verstanden werden kann. Ihm ist in

Übereinstimmung mit dem Herrn Gotamo das Leben wohl in seiner Wurzel

Leiden: aber das Leiden, ihr Christen, in seiner Wurzel Tat! Aber das

Leiden, ihr Christen, in seiner Wurzel Tat!...

Wie etwa an einem Herbstnachmittag aus falb leuchtenden

Silbernebelmassen ganz plötzlich eine dunklere Linie sichtbar wird

hoch in der Gegend des Raumes, wo wir den Himmel vermuten dürfen;

wie sich dieser ungewisse Streifen alsbald zu erkennen gibt als die

Rist- und Gipfelrandung ungeheuerer Gebirge; wie schließlich sich die

Gletscherbänke und Firnfelder hintereinander gereihter Alpenketten

bei zunehmender Klärung vom Himmel her bald leuchtend und bald

schattend abwärts tasten und abwärts schieben, um zuletzt auf der

Erde selbst gewaltig wuchtend Fuß zu fassen: also zeichnet sich hier

erst in wenigen Zacken und Zinken, Schroffen und Stürzen, dann aber

immer körperhafter, immer ausgerundeter, immer raumbeherrschender

ein ganzes Welt-All ab, zuletzt vom vollen und goldenen Nimbus einer

übermenschlichen, übergöttlichen Gerechtigkeit wundersam besonnt.

Ein Welt-All zeichnet sich ab, wo alles bereinigt, alles beglichen,

alles geschlichtet, alles gewogen, alles gerichtet scheint, -- ein

Welt-All, untadelig und vollkommen in sich selber und darum keines

Gotts bedürftig, der daran bessern oder schlimmern könnte, keines

Gotts, der es ergänzen oder vervollständigen müßte in dem, was ihm

von Haus aus gebricht. Ein Welt-All ohne schmierigen Geschäfte und

Geschäftchen, wo niemand um das Heil seiner Seele feilscht und

marktet, handelt und händelt, schwindelt und betrügt. Ein Welt-All,

wo kein Mensch seine Götter prellt und noch weniger ein Gott seine

Menschen. Ein Welt-All, wo keiner zu seinem Gott betet und bettelt,

daß er die Welt-Ordnung doch für einen Augenblick zugunsten des Herrn

Müller, Schultze, Schmidt ein wenig außer Kraft setzen möchte und die

Welt-Fügung außer Fug. Ein Welt-All, wo keine Götter blinzeln oder

zwinkern oder ein Auge zudrücken, wenn der Herr Müller, Schultze,

Schmidt vom Pfad der Tugend abweicht und sich im Dickicht nebenan zu

schaffen macht. Ein Welt-All, wo kein Priester über zulässige und

unzulässige Ausnahmen von der Regel zu befinden sich gedreistet: ein

Welt-All, so unverbrüchlich, unverwüstlich, daß nicht einmal der

Wüsten-Gott Jahve drein zu sprechen sich getrauen dürfte. Ein Welt-All,

wo kein Platz ist für Zufall und Zufälligkeiten, aber kein Platz auch

für Zwecke und Zweckmäßigkeiten in der landläufigen Bedeutung. Ein

Welt-All, wo sich alles abspielt in durchgängiger Wechsel-Abhängigkeit,

Wechsel-Bezogenheit, Wechsel-Folgerichtigkeit, wo aber andererseit auch

die Ursächlichkeit noch nicht entartet ist zu jener tief gleichgültigen

Sächlichkeit und Sachlichkeit, welche sie zur alleinigen Angelegenheit

der Wissenschaften, nicht aber mehr zum Sinn der Religionen stempelt.

Ein Welt-All, das sich den Luxus der Gottlosigkeit wirklich leisten

kann, weil es nicht wie das unsrige bloße Physis oder bloßer Bios,

sondern unter allen Umständen ein Ethos ist: Physis und Bios und Ethos

zumal verankert in dem einen und nämlichen Urgesetz des Kosmos... Von

diesem Gesetz in jedem Teil und jedem Glied ewig und ehern durchwaltet,

schenkt dieses Welt-All der Seele des Menschen, was des Menschen Seele

bedürftig ist, bedürftig war und bedürftig sein wird: weshalb die von

der Welt getränkte und gespeiste Menschenseele Gottes und der Götter

nicht bedarf. So ist der Kosmos des Buddho, das sei uns Christen,

ihr Christen, immer wieder eingehämmert, zwar durchaus ein Kosmos

Atheos, aber dafür in jedem Zug vollkommenes Ethos, -- und das ist

vielleicht nicht unbeträchtlich mehr, als man von unserm westlichen

Welt-Bild und Welt-Gefüge seit dem griechischen Altertum und seit

dem christlichen Mittelalter mit etlichem Recht nachrühmen darf. Aus

dem Ethos herauf entstieg jenen Indern, welche die Anschauung vom

Karman in sich empfangen hatten, die Anschauung ihres Kosmos: aus dem

Tatbestand des Pathos aber, beeile ich mich hinzuzufügen, erwuchs

ihnen das Ethos. Derart brauchte sich das Ethos nicht wie jeweils bei

uns nach kurzem Antrieb leer zu laufen, sondern griff mächtig in den

Kosmos ein. Wenn aber ein Grieche die beinah’ unsägliche Bedeutung

dessen, was einem Griechen Ethos hieß, in drei Worte zusammenballte

wie in eine geschlossene Faust, indes freilich auch noch die geballte

Faust zu schwach war für die Stärke dieser Worte; wenn ein Grieche

also vormals sagte: ἦθος ἀνθρώπῳ δαίμων, Sinnesartung ist dem Menschen

Schicksal! -- nun wohl, dann hat der Buddho auch dieses geflügelte Wort

noch überflügelt durch sein gotamidisches: πάθος ἀνθρώπῳ ἦθος, πάθος

κόσμῳ ἦθος! Leiden ist dem Menschen Seins- und Sinnesartung, Leiden dem

Welt-All Seins- und Sinnesartung! Oder um den entscheidenden Gedanken

mit noch größerer Schärfe auszuprägen: das Leiden ist dem Welt-All Sein

und Sinn schlechthin! Aus des Leidens Urerleben, das gilt es jetzt mit

einem Staunen ohne Ende zu begreifen, aus ihm läutert und keltert

sich der Buddho den eigentlichen Sinn des Seins, den eigentlichen Sinn

der Wirklichkeit. Der Tatbestand des Leidens als solcher vermittelt

dem Buddho die Anschauung einer übermenschlich-übergöttlichen

Welt-Gerechtigkeit, Welt-Vernünftigkeit, Welt-Vollkommenheit,

Welt-Folgerichtigkeit. Wofern hier jedes Wesen leidet, was jedes Wesen

tat, wofern hier jedes Wesen ist, was jedes Wesen tat, erblickt das

Auge Gotamos, das ‚himmlische und geklärte‘, diese Welt in makelloser,

untadeliger Sinngetreuheit und Sinndurchwirktheit, -- erblickt es sie

mit jener zärtlichen Ergriffenheit vor allem Lebendigen, die dem Buddho

allein in dieser Reinheit und Kraft eigen gewesen ist. „Gleichwie etwa,

ihr Mönche, wenn da zwei Häuser wären, mit Türen, und es betrachtete

ein scharfsehender Mann, in der Mitte stehend, die Menschen, wie sie

das Haus betreten und verlassen, kommen und gehen: ebenso nun auch,

ihr Mönche, seh’ ich mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über

menschliche Grenzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und

wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und

unglückliche, erkenne wie die Wesen je nach den Taten wiederkehren.

Diese lieben Wesen sind freilich in Taten dem Guten zugetan, in

Worten dem Guten zugetan, in Gedanken dem Guten zugetan, tadeln nicht

Heiliges, achten Rechtes, tun Rechtes; bei der Auflösung des Körpers,

nach dem Tode, kehren sie auf gute Fährte, in himmlische Welt wieder.

Und auch diese lieben Wesen sind in Taten dem Guten zugetan, in

Worten dem Guten zugetan, in Gedanken dem Guten zugetan, tadeln nicht

Heiliges, achten Rechtes, tun Rechtes; bei der Auflösung des Körpers,

nach dem Tode, kehren sie unter die Menschen wieder. Jene lieben Wesen

sind aber in Taten dem Schlechten zugetan, in Worten dem Schlechten

zugetan, in Gedanken dem Schlechten zugetan, tadeln Heiliges, achten

Verkehrtes, tun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem

Tode, kehren sie in das Gespensterreich wieder. Und auch jene lieben

Wesen sind in Taten dem Schlechten zugetan, in Worten dem Schlechten

zugetan, in Gedanken dem Schlechten zugetan, tadeln Heiliges, achten

Verkehrtes, tun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem

Tode, kehren sie in die Tierheit wieder. Und auch jene lieben Wesen

sind in Taten dem Schlechten zugetan, in Worten dem Schlechten zugetan,

in Gedanken dem Schlechten zugetan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes,

tun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, kehren

sie abwärts, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in höllische Welt

wieder“...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 10 / 26 段