Vollkommen dauerhaft geworden, sag’ ich, bestünde in diesem Augenblick

der Herr Gotamo dennoch nicht auf seiner Dauer: vollkommener Spender

der Unsterblichkeit geworden, verschmähe der Herr Gotamo zuletzt

dennoch seine Unsterblichkeit. Dieses in der Tat sehr seltsamen,

sehr unverständlichen, ja widersinnigen Sachverhalts müssen wir

an dieser Stelle noch gedenken, wenn anders wir von dem Geheimnis

dieses geheimnisvollsten aller Menschen auch nur einen Zipfel zu

lüften hoffen dürfen. Das Leiden am Leibe aufzuheben, hat der Buddho

die Praxis der Hatha-Yoga samt allem, was an seelisch-körperlichen

Übungen (‚_exercitia_‘) mit ihr zusammenhängt, in den Dienst eines

unbeirrbaren Unsterblichkeitwillens gestellt. Und in der Fähigkeit,

den Leib mit seelischen Kräften wie mit den Wellen von einer annoch

unbekannten Ordnung zu durchstrahlen, dauerhaft zu machen und ihn

gleichsam aus der Bewegunglage in die Ruhelage hinüberzubetten (und

nicht nur hinüberzurechnen, wie die europäischen Mathematiker und

Physiker mit den materiellen Systemen des Kosmos tun!) -- in dieser

Fähigkeit hat er mutmaßlich die Heilande und Heiligen aller anderen

Religionen der Erde weit hinter sich zurückgelassen. Er hat sie soweit

hinter sich zurückgelassen, daß von den Brosamen, so von dieses

Reichen Tische fallen, noch immer alle die Hündlein satt geworden

sind, die, von den Verkümmerungen, Verzerrungen, Fehldeutungen dieses

gotamidischen Gedankens zehrend, als Theo- und Anthroposophen heute

einem Krypto-Buddhismus Pseudo-Buddhismus in allen fünf Weltteilen

zumal frönen. Eine Nachprüfung, eine Nachtätigung, wieweit der

Körper durch solche Anstalten wirklich bis zu einem gewissen Grade

unsterblich zu machen wäre, ist freilich aus allbekannten Gründen

mindestens uns Europäern bis auf weiteres versagt. Haben wir keinen

Grund, die Möglichkeit dieser und ähnlicher Umgestaltungen schlankweg

zu verabreden, so sind wir im Hinblick auf unsere eigenen Erfahrungen

freilich dazu berechtigt, auch dieser Umgestaltung keine tatsächlich

unbegrenzte, sondern etwa nach Wirkunggrad und Reichweite immerhin

begrenzte Beeinflussung zuzuschreiben. Genug, daß der Buddho selber

zur Erlöschung eingegangen ist, trotzdem das Unsterblichkeit- und

Dauerziel eines der vornehmsten seiner Lehre und seines Wandels

gewesen ist. Der Herr eines der Werdewelt und ihren Gesetzmäßigkeiten

grundsätzlich entrückten Leibes geworden, macht der Buddho, wie ich

schon sagte, im entscheidenden Augenblick von dieser erworbenen

Ewigkeit dennoch keinen Gebrauch! Und wahrscheinlich ist es der

Bestürzung der Jüngerschar über dieses erschütternde Begebnis zu

danken, -- in vielen Punkten der Bestürzung einer anderen Jüngerschar

nicht unähnlich, -- daß der Dritte Bericht aus dem Großen Verhör

über die Erlöschung Mahâparinibbânasuttam in stark legendarischer

Fassung auf diesen ganz und gar unbegreiflichen Umstand zurückkommt

und gewissermaßen eine Erklärung _a parte post_ zu geben bemüht ist,

warum der Erhabene seinen zur Dauer gehärteten Körper nun doch dem

Vergehen überantwortet. Es ist dies nach dem Wortlaut des Berichtes

einem Versäumnis des Ânando zur Last zu legen, der in den fraglichen

Tagen mit der persönlichen Aufwartung beim Erhabenen betraut war. Ihm

nämlich hat der Buddho dreimal die Bitte auf die Zunge gelegt, nicht

zur Erlöschung einzugehen, vielmehr fortab unter den Jüngern zu weilen

in dem Zustand der leiblichen Beharrung, zu dem er sich in einem halben

Jahrhundert unerhörter Läuterungen emporgeläutert hat. Dreimal legt

der Buddho diese Bitte seinem Lieblingjünger auf die Zunge und dreimal

verstehet Ânando seinen Meister nicht und schweigt. Also mißverstanden

und unverstanden vom teuersten Menschen bei unwiderbringlicher

Gelegenheit, beschließt der Erhabene, dem dreimal schon ausgesprochenen

Wunsche Mâro des Bösen zu willfahren und zur Erlöschung einzugehen.

Mit der Gebärde jener göttlichen Traurigkeit, welche auch noch die

schönsten Siege des Menschen über sich, über die ‚Welt‘ umflort, gibt

der Erwachte die lebenslang erkämpfte Dauer seines Leibes preis. Auch

der Mensch, der ihm längst der werteste und nächste war, hat sich

das Geschenk stätiger Gegenwart des Erhabenen nicht erbeten. Auch

der innigste Freund, der ‚siebenschrittige‘, war ihm in der rechten

Stunde innerlich unendlich fern und hat das Wort des Herzens nicht

gefunden: Μεῖνον μεθ’ἡμῶν, Bleib’ bei uns! ὅτι πρὸς ἑσπέραν ἐστιν, denn

es naht gen Abend! Hier bricht ein tödlicher Schmerz durch, mit keinem

Laut preisgegeben und trotzdem zermalmend fühlbar, ein Schmerz über

alle Schmerzen an der Vergänglichkeit, Hinfälligkeit, Wesenlosigkeit

des Leibes. Hier bricht ein Schmerz durch, ein nie besieglicher,

über die untilgbare Menscheneinsamkeit der Seele, ein Schmerz, den

auch der großgeistige Buddho nicht mehr zu verwinden weiß, -- nun

war es Zeit sogar für ihn, den Großgeistigen, zu gehen... „Wer auch

immer, Ânando, die vier Machtgebiete geübt, gepflegt, ausgeführt,

ausgebildet, angewendet, durchgeprüft, durchaus entrichtet hat, der

könnte, Ânando, wenn ihn darnach verlangte, ein Weltalter hindurch

bestehen, oder bis zu Ende des Weltalters. Der Vollendete hat, Ânando,

die vier Machtgebiete geübt, gepflegt, ausgeführt, ausgebildet,

angewendet, durchgeprüft, durchaus entrichtet; bei Verlangen darnach,

Ânando, könnte der Vollendete ein Weltalter durch bestehen oder bis zu

Ende des Weltalters. Ob dir gleich also, Ânando, vom Vollendeten ein

wichtiger Wink, ein wichtiger Hinweis gegeben war, hast du es nicht

zu merken vermocht, hast nicht den Vollendeten gebeten: ‚Bestehn möge

der Erhabene das Weltalter durch, bestehn möge der Willkommene das

Weltalter durch, vielen zum Wohle, vielen zum Heile, aus Erbarmen zur

Welt, zum Nutzen, Wohle und Heile für Götter und Menschen.‘ Hättest

du, Ânando, den Vollendeten gebeten, so hätte wohl zweimal deine Worte

der Vollendete abgewiesen, aber das dritte Mal ihnen entsprochen. Darum

aber, Ânando, hast du eben hier es versehen, hast du eben hier es

versäumt...“ Ein Weltalter hindurch hätte also der Erhabene nach seinem

eigenen Bedünken bestehen können bei Verlangen darnach. Ein Verlangen

darnach hat aber niemand von den Jüngern im rechten Augenblick zum

rechten Ausdruck gebracht, und so verlangt den Erhabenen selber nicht

länger darnach. Und so entläßt denn der Erhabene (nicht ohne einen

unendlich sanften Tadel Ânandos) den lebenslang gehegten Dauergedanken,

entläßt den lebenslang gestärkten Unsterblichkeitwillen, entläßt den

lebenslang gepflegten Wunsch nach weltzeitwährender Trostgegenwart...

Wer hat da von euch, ihr Christen, noch eine Frage auf dem Herzen?...

Wir westlichen Menschen, ihr Christen, haben öfters wohl als billig

dies gotamidische Leiden am Leibe für das Merkmal genommen einer

übermüdeten Gesellschaft und ihrer übermüdeten Gesittung. Pochend

auf die eigene und vermeintliche Jugendlichkeit haben wir oftmals

zu uns selber gesprochen: Greisenhaft ist dieses gotamidische

Leiden an der Leiblichkeit; welk, absterbend und untergangsüchtig

ist das gotamidische Leiden am Leibe. Und noch der Prophet unseres

eigenen Untergangs, -- ein falscher Prophet übrigens sogar dort,

wo er recht hat! -- hält es für angemessen, jede Vergleichung

etwa unseres westlichen Heilands mit dem Heiland des Ostens als

‚unwissenschaftlich‘ zu verbieten, weil beide Heilande in der Reihe

der geschichtlichen Lebensalter an verschiedenen Stellen der Zeit

stünden: der eine am Eingang, der andere am Ausgang hingegen einer

geschichtlichen Periodos. Und dieses der geschichtlichen Wahrheit zum

Trotz, daß just der Auftritt Gotamos für Indien gewissermaßen das

Zeichen war, im nächstfolgenden Jahrtausend die große Architektur,

die große Skulptur, das große Drama, das große Imperium zu schaffen

in allerengster Berührung mit dem Geist des Asketen aus Magadhâ...

Davon jedoch abgesehen, wage ich darüber hinaus die entschiedene

Behauptung, daß eben jenes Leiden am Schicksal der Leiblichkeit das

untrügliche Kennzeichen einer menschheitlichen Jugend, und nicht

eines menschheitlichen Greisentums sei. Nur eine verhältnismäßig noch

jugendliche Menschheit nämlich ist eindrucksfähig genug, um vor der

Tatsache Alter, Krankheit, Tod so jäh erschreckt zu werden wie Gotamo

von ihr erschreckt ward. Nur eine noch jugendliche Menschheit erliegt

den Eindrücken des Lebens in diesem Maß und ersiegt sich ein zweites

Leben über diese Eindrücke hinaus. Wer wirklich alt ist, dem hat das

Alter jedwede Schrecknis längst verloren. Wer wirklich krank ist, den

ängstigt hinfort keine Möglichkeit, krank zu werden. Und wer vollends

schon sterbend ist, wie sollte er sich noch des Todes fürchten? Die

Legende von der Ausfahrt Vipassîs erzählt von einem Jüngling, der

ausfuhr, und es scheint, daß hiermit in mehr wie einem Sinn die Legende

die Wahrheit berichtet habe, denn jedenfalls war der Buddho selbst von

der Unbeeindruckbarkeit des Greisenalters so stark durchdrungen, daß

er von jedem Belehrungversuch, Überredungversuch, Bekehrungversuch an

Alten durchaus abriet und seinen Jüngern wiederholt einschärfte, sich

bei ihrem Heilswerk an die Jugend zu halten: ganz einhellig übrigens

mit dem griechischen Sprichwort, wonach einen Greis belehren wollen

nichts anderes heißt als einem Toten eine Arzenei einflößen. Es ist

dies eine Erwägung von großer Schlichtheit, aber eben darum jedem

sich nahelegend, der ein Urteil über der Völker Jugend oder Alter

zuverlässig abzugeben sich getraut...

Beim Buddho persönlich entspringt also das Leiden an der Leiblichkeit

einem ungemein heftig erfühlten Bewußtsein der Ewigkeit des Selbstes:

wie ungereimt dies auch anzuhören sei nach der weiter oben schon

festgestellten stracks gegensinnigen Tatsache, wonach eben der

Gedanke des Selbstes, der brahmanisch-vedische Gedanke, von Gotamos

Protestantismus und protestantischer Kritik ausdrücklich zersetzt

worden ist. Und zwar zersetzt durch das neue religiöse Erlebnis des

‚_N’etam mama_, das gehört Mir nicht, das bin Ich nicht, das ist

nicht mein Selbst‘. Diese Formel bricht gleichsam den Stab über den

brahmanisch-vedischen Âtman, wofern eine Erlebnis-Gegebenheit, die

Mir gehört, die Ich bin, die mein Selbst ist, nirgends aufgewiesen

werden kann. Aber gleichzeitig bricht sie den Stab über den Âtman

nur darum, weil alle Erlebnis-Gegebenheiten nur vergänglich, nur

wehe, nur wandelbar erscheinen. Dieses Vergängliche, dieses Wehe,

dieses Wandelbare gehört Mir nicht, -- aber wer ist so schwerfällig

und schwerhörig, daß er in dieser Verneinung die heimliche Bejahung

völlig überhört, die da lautet: das Unvergängliche, das Leidbefreite,

das Unwandelbare gehört Mir; das Unvergängliche, das Leidbefreite,

das Unwandelbare bin Ich; das Unvergängliche, das Leidbefreite,

das Unwandelbare ist mein Selbst!... Was irgendwie Dauer hat und

Beharrung zeigt und nicht Wehe ist, das gehört Mir, selbst wenn es

im Umkreis der Wahrnehmbarkeiten nirgends auszumitteln ist. Sehr

wahrscheinlich, ja so gut wie sicher gibt es gar nichts Vorhandenes

und Wirkliches und Daseiendes im Sinn dieser Wunschforderung, folglich

gibt es auch nichts Vorhandenes und Wirkliches und Daseiendes, das Mir

gehörte oder das Ich wäre. Aber was beweist diese Tatsache gegen die

Wunschforderung als solche? Gotamo heischt Dauer, und weil er Dauer

nirgends verwirklicht findet, leidet er an der Wirklichkeit. Mit einer

ungeheuern Strenge und Unbeugsamkeit zerstört er den Sinnenschein der

Dauer überall, wo sie nichts anderes für sich anzuführen hat als eben

bloß den -- Sinnenschein. Aber die Dauer an und für sich, sie bleibt

nichtsdestoweniger das unantastbare Ziel seines gesamten religiösen

Verhaltens, -- das umso ausschließlichere Ziel, destoweniger es

durch Erfahrungen bekräftigt wird. Die Dauer ist ihm der große und

grundsätzliche Wert, der ‚Wert ersten Ranges‘, wie einhellig mit

ihm Macchiavelli und Nietzsche sagt. Die Dauer ist ihm der Wert der

Werte oder der Wert schlechthin, schon weil sie allem Lauf der Dinge

so unbedingt zuwiderläuft, ja weil sie der Zeit und ihrem Werdestrom

selbst zuwiderläuft. Die Dauer, wenn überhaupt Dauer ist, ist im

tiefsten Sinn zu erkämpfen, zu erstreiten, zu ersiegen im Widerstreit

mit der gesamten Welt- und Lebensordnung, und schon darum ist sie

wie kein zweiter Wert weltüberwindend, wirklichkeitüberflügelnd. In

einem mehr wie nur homerischen Wortverstand ist die Dauer ‚wider

das Geschick‘, -- sie ist nämlich wider das Urgesetz der Schöpfung

selber, welches der unübertreffliche metaphysische Spürsinn Indiens in

der herrlichen Sâvitrî-Episode des Mahâbhâratam mythologisch in die

Tatsache des Todes selber zu verflechten wußte: ich beziehe mich auf

das berühmte Zwiegespräch jener indischen Alkestis Sâvitrî mit dem

Todesgott Yama, wo sie mit einer unfehlbaren Einsicht in den wahren

Sachverhalt den Tod als das Urgesetz und das Urgesetz als den Tod

preist. Dharma wird hier als höchstes Gut, als höchster Wert verehrt,

aber Dharma ist Yama, und weil dem so ist, trachtet der Buddho am

ersten nach der Dauer als der Welt- und Todesordnung Jenseit: „Wie

wenn ich nun mit weitem, tiefem Gemüte verweilte und hätte die Welt

überwunden, über ihr stehend im Geiste?“... Über ihr stehend im

Geiste, das aber hieße über ihr stehend in der Dauer, und von dieser

Wunschforderung der Menschenseele lässet auch dann Gotamo nicht ab,

wenn sie von keiner Gegebenheit der Sinne oder des Sinns befriedigt,

gestillt, erfüllt wird. Die Dauer ist das _Plus Ultra_, welches die

Menschenseele über jede Wirklichkeit hinauswirft wie einen Ball, der

dem Begriff der gleichförmigen Bewegung zufolge in die Unendlichkeit

rollt und rollt. Dauer ist Seltenheitwert, Dauer ist Ausnahmewert,

Dauer ist Unmöglichkeitwert, das ist Gotamos Meinung, um derentwillen

er darnach trachtet und trachten muß, diesen verweslichen Leib in

einen unverweslichen umzugestalten. Wer aber hier allzu flink bei

der Hand ist, von Völker-Jugend oder von Völker-Greisentum zu reden,

der greife zunächst einmal in sein eigen Herz und dann ins Herz

aller Vergangenheiten, aller Vergänglichkeiten, ob nicht gerade

dies Wunschverlangen nach Dauer, nach Ewigkeit, nach Stätigkeit der

ewige Apathanatismos sei, auf welchen jede Menschheit von einigem

Menschheitwert in allen ihren Wert- und Werkverwirklichungen bewußt

oder unbewußt hingezielt habe, jegliche Menschheit in summa von der

Gestalt jenes babylonischen Gilgamesch am würdigsten versinnbildlicht,

der da einst auszog, glücklicher Finder und vielleicht Erfinder seiner

Unsterblichkeit zu werden... Gotamos Urerleben heißt also Leiden; sein

Leiden aber heißt Alter, Krankheit, Tod: das Schicksal der Leiblichkeit

schlechthin. Das Schicksal der Leiblichkeit indes, das ist das Gesetz

der Gattung, und so ist Gotamos Leiden an der Leiblichkeit das Leiden

der Gattung, welches er sozusagen als Stellvertreter der Gattung

mit besonderer Heftigkeit und Gewalt an sich erfährt: das ward mit

ziemlichem Nachdruck oben schon verkündet. Das Leiden aller, von einem

Einzelnen und Einzigen mit ausnahmweiser Wucht als die Bestimmung

aller erfühlt, ist mithin zwar einenteils das Leiden der Gattung

selber, welches jedes Glied der Gattung kosten muß, -- ist andernteils

aber auch das Leiden an der Gattung, als welche den drei Kernübeln

des Alterns, Siechens, Sterbens ohne Rettung verfallen ist. Gotamo

leidet wie kein zweiter die Not des Menschen. Aber eben darum leidet

er auch wie kein zweiter am Menschen selber, der hoffnunglos dieser

Not verhaftet ist. Nur leidet er am Menschen nicht, wie Jesus oder

Zarathustra am Menschen gelitten haben, -- bis zum Überdruß, bis zum

Ekel, bis zur Verzweiflung gelitten haben an des Menschen Trägheit,

Feigheit, Grausamkeit, Käuflichkeit, Treulosigkeit, Seelenlosigkeit...

Diese herkömmlichen Menschenschändlichkeiten scheinen den Buddho sogar

weniger berührt zu haben als sonst die Mehrzahl der geschichtlichen

Heiligen und Helden, denn etwa mit Ausnahme jener sanften Traurigkeit

über das Stillschweigen Ânandos kurz vor der Erlöschung stoßen wir

kaum auf Spuren, geschweige denn auf Narben jenes Leidens, welches die

tödlichste Heimsuchung des höheren Menschen zu sein pflegt. Gewiß!

Dieser Großgeistige wird in der Kenntnis der Menschen, wie sie sind, so

wenig übertroffen als in der Kenntnis des Menschen, wie er ist. Aber

nirgends schmerzt ihn das Menschliche, weil es etwa böse oder schlecht

oder weil es gar teuflisch wäre; nirgends leidet er

„Daran, daß der Mensch unmenschlich

Ist und bleibt und nur der Gott

Sich als Mensch kann offenbaren,

Aber keinem von den Menschen...“

Nein, der Erhabene leidet, weil diese Gattung Mensch, in die Werdewelt

hineingeflochten, an der Dauerwelt keinen Anteil hat. Des Buddho

Schmerz an der Gattung ist im Kosmos gegründet und in dessen Nomos,

dessen Dharma. Es wäre nur die Hälfte wohl der Wahrheit, zu sagen, daß

Gotamo an der Gattung allein gelitten habe: aber wofern er wirklich an

der Gattung litt, da litt er an ihrem kosmischen und nicht an ihrem

ethischen Zustand. Und hier bedarf die bisherige Darlegung allerdings

einer Erweiterung und Vervollständigung von höchster Wichtigkeit.

Denn um es mit Einem Wort zu sagen: das Leiden der Gattung und an der

Gattung umspannt zwar das eigentliche Urerleben Gotamos, wie es die

Legende von Vipassîs Ausfahrt ein für allemal versinnbildlicht, -- aber

dieses Urerleben füllt unter keinen Umständen den vollen Kreis des

Leidens selber aus, wie es im Kosmos durchaus verwurzelt erscheint, um

dann im Ethos freilich seine bittere Frucht zu tragen. Vergänglichkeit,

Hinfälligkeit, Wesenlosigkeit sind also wohl die Leiden des Geschöpfes,

durch die es seine Gebundenheit an die Schöpfung, seine Bedingtheit

in der Schöpfung unzweideutig zu erkennen gibt. Wohl erleidet jeder

Einzelne zu seinem Teil das Urverhängnis der ganzen Art, ja der ganzen

Wandel- und Werdewelt, und ein Einzelner vollends von der Würde des

Buddho erleidet weit über seinen persönlichen Anteil hinaus kraft

seiner Eigenschaft als ‚Engel‘ das Urerleben aller, als ob er selber

in eigener Gestalt ‚alle‘ wäre! Aber daneben, man wolle es bemerken,

sind jedem Einzelnen die ganz besonderen Leiden seiner Einzelnheit

und Einmaligkeit einmalig auferlegt. Sie sind ihm auferlegt, und

auch dies wolle man bemerken, nach altindischem Dafürhalten als die

unabwendbare Wirkung und Folge aller Taten, die einer getan oder

unterlassen hat zu Zeiten früherer Verkörperlichungen. Gotamo hätte

kein rechter Inder sein müssen und noch weniger jener Herzenskündiger,

der da „der anderen Wesen, der anderen Personen Herz im Herzen schaut

und erkennt: das begehrliche Herz als begehrlich und das begehrlose

Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das haßlose

Herz als haßlos, das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz

als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute

Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das

niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel

und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und

das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz als erlöst und das

gefesselte Herz als gefesselt“; -- Gotamo, sage ich, hätte nicht jener

unvergleichliche Herzenskündiger sein müssen, begabt mit dem

‚χάρισμα διακρίσεως πνευμάτων‘, wenn er an diesem Leiden von höchster

persönlicher Bedeutsamkeit gleichmütig vorbeigegangen wäre. Möchte

Gotamo der Erlebende immerhin an sich selber das Leiden als ein

kosmisches Vorkommnis, als ein kosmisches Gesetz kosmisch erlebt und

als eben solches kosmisch überwunden haben: unmöglich, ganz unmöglich

konnte er sich gegen jenes anders geartete Leiden abstumpfen und

verblenden, welches jeder Einzelne in einem wahrhaft abgründlichen

Sinn und Hintersinn über sich selber verhängt. Über sich selber

verhängt in seiner unumgänglichen Eigenschaft, in jeder zeitlichen

Verkörperlichung als Täter seiner Taten, als Erbe seiner Werke das

erleiden zu müssen, was er in früherer Verkörperlichung getätigt hatte.

Um es mit Einem Wort auszusprechen, so hat ja auch dieser Gotamo die

Lehre vom Karman angetreten, und das will heißen, die Lehre vom Leiden

in seiner persönlichsten, verantwortlichsten, einmaligsten Form,

dessen Maß, Beschaffenheit und Art bei jedem Einzelnen aufs genaueste

vorherbestimmt erscheint durch Maß, Beschaffenheit und Art seiner

vormaligen Taten. Hier hatte seinen härtesten Sieg zu erstreiten,

wer des Leidens Sieger zu sein trachtete. Dieses Leiden hieß Schuld

und Buße, Vergeltung und Sühne, Gericht und Strafe; dieses Leiden

hieß Werk und Tat, Wirkung und Verursachung, Selbsturheberschaft und

Selbstbestimmung. Wie nun ist dieses Leiden, welches aufs innigste

mit dem Grundgesetz des Lebens, und diesmal zwar mit dem sittlichen

Grundgesetz des Lebens zusammenhängt, wie ist es abzustellen oder

zu verwinden, ohne dabei das sittliche Grundgesetz des Lebens zu

gefährden? Die kosmische Ordnung der Welt konnte gewissermaßen

außer Kraft gesetzt werden durch die Umgestaltung vergänglicher

Leiblichkeiten in die Dauer: gut! Wie aber kann die ethische Ordnung

der Welt durchbrochen werden, ohne daß das Ethos selber aufgehoben

erscheint?

Vergegenwärtigen wir uns inzwischen, ihr Christen, diese so seltsam

fremde und dennoch seltsam anheimelnde Lehre vom Karman, das ist

die Lehre vom ‚Werk‘, etwas mehr von der Nähe, und suchen wir

völlig zu begreifen, in welchem Grade eben die Absicht Gotamos auf

Leidensabstellung, Leidensauflösung, Leidensverwindung notgedrungen

durch diese Lehre aufs äußerste verschwierigt werden mußte. Gemäß dem

kosmischen Grundgesetz des Leidens von vorhin ist jedes Einzelwesen

ohne Dauer und somit dem Leiden an der Dauerlosigkeit verfallen.

Besteht jedoch ein Verfahren, welches Dauer irgendwie zu ermöglichen,

ja zu verwirklichen verspricht, dann ist dieses Leiden an der

Dauerlosigkeit getilgt und in kosmischem Betracht ein Zustand der

Leidlosigkeit erreicht und errungen. Gemäß dem ethischen Grundgesetz

des Leidens ist aber daneben und außerdem jedes Einzelwesen in jedem

einzelnen Fall durchgängig das, was zu sein es sich in früherer

Verlebendigung höchsteigentätig und höchsteigenwillig selbst erschuf.

Ein gewisses Etwas nämlich reicht von der früheren Verlebendigung und

ihren Werken, ihren Taten bis zur jetzigen Verlebendigung herüber:

und dieses Etwas bestimmt das Sein der jetzigen Verlebendigung in

jedem Zug, in jeder Falte. Was diesen sogenannten Leib betrifft, so

steht ja unumstößlich fest, daß er nicht dauert und seine Lebenszeit

nicht übersteigt. Und was die sogenannte Seele betrifft, so steht es

zwar nicht unumstößlich fest, ob sie dauert oder ob sie nicht dauert,

weil der Streit der Schulen ja darüber noch nicht entschieden ist und

auf irdische Sicht hin schwerlich so bald entschieden werden wird;

-- immerhin dauert aber wenigstens nach altindischer Auffassung auch

diese Seele eigentlich nicht oder fast nicht. Denn wo die Seele der

alljährlich darzubringenden Totenopfer, Totenspenden der Söhne und

Sohnessöhne entbehren muß, da entartet sie, da verelendet sie, da

schrumpft sie gleichsam ein zu einem bloßen Wander- und Irrgespenst

(_piçâca_), dessen wunderlicher Zwischenstand zwischen Sein und

Nichtsein jede Wiederverleiblichung ausschließt, die sozusagen

an der Reihe wäre, und derart die Seele um die ihr eigentümliche

Auswirkungmöglichkeit, Auswirkungnotwendigkeit verhängnisvoll

bringt. Was hingegen der dauerlose Leib und die grundsätzlich

kaum dauernde Seele in der Zeit ihrer irdischen Gemeinschaft in

gemeinsamer Urheberschaft wollen und vollbringen: das dauert, das

beharrt, das stirbt nicht, das überlebt und übersteht. In der

Brihadâranyaka-Upanischad, die allerdings nach der Annahme ihres

deutschen Übersetzers schon den buddhistischen Einfluß widerspiegelt,

legt der Frager Ârtabhâga dem alleswissenden Brâhmanen Yâjñavalkya

die Frage vor: „‚Wenn nach dem Tode dieses Menschen seine Rede in das

Feuer eingeht, sein Odem in den Wind, sein Ohr in die Pole, sein Leib

in die Erde, sein Âtman in den Akâra (Weltraum), seine Leibhaare in

die Kräuter, seine Haupthaare in die Bäume, sein Blut und Samen in das

Wasser, -- wo bleibt dann der Mensch?‘ Da sprach Yâjñavalkya: ‚Faß

mich, Ârtabhâga, mein Teurer, an der Hand; darüber müssen wir beide

uns allein verständigen, nicht hier in der Versammlung.‘ -- Da gingen

die beiden hinaus und beredeten sich; und was sie sprachen, das war

Werk, und was sie priesen, das war Werk. Fürwahr! Gut wird einer durch

gutes Werk, böse durch böses...“ Das Werk des Menschen also, sein

Werk, will heißen seine Tat und seine Handlung, sie reicht über das

Dasein der einzelnen Verkörperlichungstufe unendlich hinaus, nicht

anders ungefähr, wie nach der Ansicht der dynamischen Naturphilosophie

des Westens die Wirkung einer Krafteinheit unendlich hinausreicht

über den raumlosen Punkt, in welchem sie ihren Sitz und damit ihr

eigentliches Dasein hat. Mit dem nicht unerheblichen Unterschied

freilich, daß diese Wirkung in die Unendlichkeit bei der natürlichen

Krafteinheit nach allen Lagen und Richtungen des Raumes sich

zerstreut und in der Zerstreuung sich verliert, indes die unendliche

Wirkung beim Karman auf geheimnisvolle und nicht zu enträtselnde

Weise gesammelt und aufgestaut wird, bis sie sich in einer neuen

Persönlichkeit gleichsam wiederverstofflicht und wiederverlebendigt

hat. Diese neue Persönlichkeit ist dann, wie sich von selbst

versteht, mit Leib und Seele die Erschaffenheit der Wirkungweisen,

die von der vorigen Persönlichkeit als Taten oder Werke ins All

hinausgestrahlt, hinausgestreut, hinausgeschleudert wurden. Wie die

auseinanderlaufenden Strahlen einer Linse wohl vom Brennpunkt einer

zweiten Linse wieder aufgefangen und vereinigt werden können, so werden

die Werk-Ausgießungen eines beliebigen Wesens von einem zweiten Wesen

wiederum aufgefangen und vereinigt, -- abermals mit dem Unterschied

freilich, daß es nach der Lehre vom Karman die Werk-Ausgießungen

selber sind, die sich zu der neuen Verstofflichung zusammenfinden

und verfestigen. Das Werk wirkt also in seiner Eigenschaft, Sämling

oder Keimling oder Schwängerling zu sein, in alle Zukunft fort und

fort im All: es pflanzt sich selbst als Schößling des Wirkenden in

irgend eine unbekannte Äther-Erde ein. Urzeugend bildet hier das Werk

das ihm im innersten entsprechende Wesen hervor; ungeschlechtlich,

übergeschlechtlich setzt sich das Wesen fort im Werk. Werk aber und

Wesen, Wesen und Werk schließen sich als die Glieder der ewigen Kette

‚Zeit‘ in stätigem Wechsel stätig zusammen...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 9 / 26 段