Pâli-Kanons eben der Heilige seines Weltalters ist, der zu
vollkommener Makellosigkeit des Leibes verpflichtet, von allen
übrigen Menschen gerade er am unerläßlichsten verpflichtet ist. Für
den Buddhismus ist es ganz einfach eine Selbstverständlichkeit,
was der europäisch-christlichen Erkenntnis-Zwiesal mit ihrer
grundsätzlich gegensinnigen Leib-Seelenwirklichkeit schlechterdings
unbegreiflich erscheint und erscheinen wird: Gotamo wäre durch einen
minder vollkommenen Körper von vorn herein widerlegt, nicht allein
vor den andern, sondern am meisten vor sich selber. Wo in einem
vornehmen Haus ein Knabe geboren wird, berechtigt er in dem Maß zu
höheren Hoffnungen, desto untadeliger sein Leib gebildet ist, -- zur
höchsten Hoffnung aber dann, wenn er die zweiunddreißig Male des
‚Großen Mannes‘ aufweist, die für den Kanon herkömmlich geworden sind.
Alsdann ist der Welt nämlich in heiliger Stunde ein Eroberer oder
ein Überwinder erschienen: der Kaiser-König oder der Erwachte einer
nunmehr eingeleiteten Weltzeit. Vielleicht ist kein anderer Umstand
geeignet, die wundervolle Einheitlichkeit des indischen Denkens
und Wertens auszudrücken, als dieses beziehungreiche ‚oder‘, das
jeden Spielraum freiläßt zwischen der Typik einer die Macht restlos
erfüllenden und die Macht restlos verschmähenden Menschlichkeit.
Innerhalb des Umkreises menschheitlicher Selbstverwirklichungen
verhält sich der Kaiser-König zum Erwachten, wie sich der Leib zur
Seele verhält, -- zuletzt sind sie irgendwie dasselbe und treten nur
verschiedenartig, kaum aber verschiedenwertig in Erscheinung: wenn
ich hier vorhin die Seele den höheren Grad des Leibes nannte, so
ist wahrscheinlich auch dieses noch viel zu abendländisch, viel zu
platonisch, viel zu christlich ausgedrückt gewesen... Was aber jene
indische Gleichwertung des Kaiser-Königs mit dem Erwachten anlangt,
so dürfte bei ihr noch der andere Gedanke mit hineinspielen, daß es
sozusagen der Wahlfreiheit des mit den zweiunddreißig Kennzeichen
Ausgestatteten anheim gestellt ist, ob er sich späterhin für den
Typus des Eroberers, ob für den Typus des Überwinders tatsächlich zu
entscheiden geruhe. Für indisches Auffassen liegt es durchaus innerhalb
des Bereichs gotamidischer Fähigkeiten und Möglichkeiten, zum Beispiel
noch außerdem ein Asoko zu werden, -- wie es umgekehrt durchaus im
Bereich asokischer Fähigkeiten und Möglichkeiten liegt, noch außerdem
ein Gotamo zu werden. So war Gotamo wirklich in seiner Jugend
Fürst und Krieger; so war Asoko wirklich in seinem Alter Büßer und
Einsiedler: in weltaufschließender Symbolik verbringt er seine letzte
Lebenszeit nach siebenunddreißig Jahren glorreicher Machtherrschaft
auf jenem nämlichen Goldenen Felsen Suvannagiri im Lande Magadhâ,
wo einst der Jüngling Gotamo geweilt hatte... Ursprünglich also
wohl Leib-Geist und Körper-Seele in letzter Ununterschiedenheit und
Ununterscheidbarkeit, erwählt der Mensch gleichsam das Leben des
überwiegenden Leibes oder des überwiegenden Geistes, des überwiegenden
Körpers oder der überwiegenden Seele. Bevor er indes selber wählt, hat
ihn seinerseit unter Unzähligen die Natur erwählt, indem sie ihn mit
den Schönheitmalen makellosen Leibes und makelloser Seele leibhaftig
begnadete. Diese klar ausgebildeten zweiunddreißig Male sind Gotamos:
die wohlgefesteten Füße, die Tausendspeichenräder mit Felge und Nabe
auf beiden Sohlen, die schmalen Fersen, die sanften zarten Händ’ und
Füße, die breitgeschweifte Bindehaut zwischen Fingern und Zehen, die
Muschelwölbung des Ristes, die schlanken Beine, die Fähigkeit zur
Berührung der Kniescheibe ohne Vorwärtsbeugen des Rumpfes, das hinter
der Kleidung unerkennbare Schamglied, die Goldfarbe des Körpers,
Goldfarbe der Haut, die Schmeidigkeit der Haut, die Einzelflaumigkeit
des Haares in seiner Pore, die Aufgerichtetheit, Schwärze, Ringelung
des Flaums, die Erhabenheit des Wuchses, die Heiterkeit des Aussehens,
die breite Löwenbrust, die Klafterhöhe, die Verhältnismäßigkeit der
Körperlänge zur Armlänge, die Gleichform der Schultern, die Mächtigkeit
der Ohrmuscheln, das Löwenkinn, das vollständige Gebiß, das festgefügte
Gebiß, die Weiße der Zähne, die Größe der Zunge, der Wohllaut der
Stimme, die Flocke zwischen den Brauen und zuletzt der Scheitelkamm.
Dies ist Gotamos Leiblichkeit, so haben wir uns den Erwachten
vorzustellen, der in mehr wie einem Sinn die Erbschaft Krischnas
antrat. Derart stellt sich der Buddho in seinen Reden selber vor und
derart ist er uns in Stein und Holz und Erz überliefert. Bis auf das
Haar, das einständig einzelflaumige in seiner Pore, ist des Vollendeten
Leiblichkeit vollendet geformt und gebildet, -- nie ist dem Leib eine
größere Verherrlichung widerfahren. Wenn überhaupt, dann war in jenen
gotamidischen Tagen die Gestalt des Leibes heilig; wenn überhaupt, ward
in jenen gotamidischen Tagen die Schönheit des Leibes angebetet. Der
Leib nicht Grab, sondern Gral der Seele, das war Indiens Bekenntnis
in jenen Tagen, da des Lebens Übermaß und Überschwang sogar die
prunkenden Wortfugen des Mahâbhâratam glühend auseinandersprengte, wie
es tausend und mehr Jahre später abermals (oder vielleicht immer noch?)
die Tempelwände des buddhistischen Parthenon Boro-Budur gesprengt
hat. Der Leib, nach Indiens Bekenntnis der Gral seiner Seele, Gefäß
und Schrein der Seele und edel wie die Seele, -- fürwahr! es ist
bei dieser leibhaften Herrlichkeit des Erwachten zu Magadhâ schwer
vermeidlich, nicht der leibhaften Herrlichkeit eines Erwachten unseres
Westens zu gedenken, der in gotamidischem Alter dahingegangen ist,
nachdem er wie kein anderer zuvor die Erde zu seiner Wohnstatt sich
bereitete, allwo er wie ein Gott sälig an jedem Ort zu Hause war: „Der
Körper lag nackend in ein weißes Bettuch gehüllt... Friedrich schlug
das Tuch auseinander, und ich erstaunte über die göttliche Pracht
dieser Glieder. Die Brust überaus mächtig, breit und gewölbt; Arme
und Schenkel voll und sanft muskulös; die Füße zierlich und von der
reinsten Form, und nirgends am ganzen Körper eine Spur von Fettigkeit
oder Abmagerung und Verfall. Ein vollkommener Mensch lag in großer
Schönheit vor mir...“
Dieser Leib nun, in allen Spielen des Laufens, Ringens, Springens,
Schwimmens, Fechtens, Rossetummelns, Bogenschießens geübt, in allen
Künsten der Verschönerung erfahren, in Wohlgerüchen gebadet, von
Räucherwerk durchduftet, mit feuchtem Sandel eingesalbt und mit Safran
und Lakkaröte geschminkt, -- dieser Leib nun wird unabwendbar eines
Tages in Regenbogentinten schillernd angelaufen sein. Er wird wie ein
aufgetriebener Blasbalg von den Gasen der Verwesung angeschwollen sein.
Er wird an hundert Stellen aufplatzen und stinkend in den Jauchepfützen
seines eigenen Aufbruchs liegen. Aus seinen Löchern und Höhlen wird
madiges Gemeiß kriechen. Das Fleisch wird von den Sehnen und die Sehnen
werden von den Knochen fallen. Die Knochen werden von den Überbleibseln
der Fäulnis braun bestäubt sein, bis auch sie zu Staub vermodert sind.
Und dies ist die Gewißheit des Leibes: dies ist der Kummer am Leibe für
den, der den Leib lieb hat. Dies ist die Gewißheit des Leibes: dies ist
das Leiden am Leibe, wie es der junge Ritter Gotamo erlitt, der da noch
den Atem der Heldenfrühe des indischen Festlands atmete. Er selbst hat
später am Seherstein im Wildpark zu Benâres die Wahrheit des Leidens
eine heilige genannt, und die Frage war für ihn nur diese, ob es derlei
Leidens auch eine Abstellung, Verwindung, Überwältigung gäbe? Die Frage
war eigentlich nur, ob dieser dauerlose Körper zur Dauer erstarken, ob
dieser hinfällige Körper zur Rüstigkeit gedeihen, ob dieser sterbliche
Körper zur Unsterblichkeit erblühen könne? Ist es möglich, ist es auch
nur denkbar, daß die weltherkömmliche Ordnung für den Körper umgestürzt
werde und das Leiden am Körper zu seiner Aufhebung gelange, indem der
Körper durch Anspannung, Übung, Umgestaltung außerhalb dieser Ordnung
gleichsam neu gepflanzt und neu aufgebaut würde?
Der Abendländer zweifelt und verneint. Der Abendländer stellt sich Leib
und Seele vor als zwei nebeneinander herlaufende Erscheinungreihen
und Erlebnisverknüpfungen, die wirkunglos und beziehunglos zueinander
ihren leiblichen und seelischen Gegengesetzen folgen müssen. Gotamo
hingegen zweifelt nicht und bejaht. Leib und Seele zuletzt ein und
des nämlichen Seins und Wesens, stehen für ihn in einem stätigen
Wechselverhältnis, ja Austauschverhältnis, wobei der Leib die Stelle
der Seele vertreten kann und die Seele die Stelle des Leibes. Der Wille
eines jeden hat es in der Hand, den Leib gleichsam mit den Spezereien
der Seele einzubalsamieren, wie es der Arzt seit unvordenklichen
Zeiten in der Hand hat, die Verweslichkeiten des Leibesinnern gegen
pflanzliche Dauerstoffe auszuwechseln und dadurch unverweslich zu
machen. Gotamo verneint die Unerläßlichkeit des Leidens am Körper
und bejaht des Leidens Abstellung, Verwindung, Umgestaltung aus der
Einsicht heraus in die Herkunft und die Beschaffenheit des Leibes. So
wie die Ordnung der Natur ist, entsteht der Körper und vergeht der
Körper. So wie es aber der Wille des Menschen will, der unablässig um
Dauer ringende, kann eine Versetzung des Leibes stattfinden in eine
andere Lage der Wirklichkeit, in einen anderen Urstand des Seins, wo
die Gesetze der Schöpfung, als welches die Gesetze des Werdens sind,
ganz von selbst außer Kraft treten müssen. Wir Abendländer kennen als
Beispiel einer gewissen Umgestaltung den Vorgang der Versteinerung.
In die schneller verweslichen Teile eines Tier- oder Pflanzenleibes
dringen unverwesliche Teile ein von mineralischer Beschaffenheit
und bauen die Gestalt des Lebewesens in eben dem Zeitmaß von sich
aus wieder auf, in welchem diese Gestalt durch die Zersetzung ihrer
organischen Grundstoffe und durch deren Verbindung mit dem Sauerstoff
abgebaut wird. Wo der Zellenleib zerfällt, erscheint allmählich ein
Steinleib zu seiner Stellvertretung, so daß man in Wahrheit von einer
Umgestaltung reden dürfte, -- von einer Umgestaltung, die freilich
nur den toten Leib ergreift und diesen gegen den nicht minder toten
Ersatzleib eintauscht. Indessen ist uns Abendländern doch auch manch
anderes Beispiel lebendiger Umgestaltung nicht völlig unbekannt. Wir
selber pflegen die Kräfte unseres Lebens, unseres Selbstes an unsere
Arbeit zu setzen, sei sie nun Wort oder Werk oder Tat oder überhaupt
Leistung; in Wort Werk, Tat, Leistung setzen wir selbst uns um, setzen
wir unserer Selbstheit Gestalt um und schaffen uns auf diese etwas
plumpe Art eine verhältnismäßige Unsterblichkeit in einem Bereich der
sogenannten Werke oder Werte oder Sachverhalte oder Gültigkeiten, -- in
einem Bereich mithin, welches uns in gewissem Sinn sehr wohl des Lebens
Jenseit bedeuten darf. So fangen wir gleichsam die Essenz unseres
Lebens von uns selber ab und versetzen unser persönlich-sterbliches
Sein an den Himmel sachlicher Unsterblichkeiten. Auf allen Wegen, wo
wir gehen und stehen unsere Unsterblichkeit angelegentlich betreibend,
gestalten wir auf solche Weise die Gestalt unseres Selbstes um in Wort,
Werk, Tat und Leistung, welche offenbar länger dauern als die lebendige
Gestalt und dennoch des Lebens nicht in jedem Sinn entbehrt. In Worten,
Werken, Taten verewigen wir uns selber, fortwährend ohne unser Wissen
in einem wunderlichen Unsterblichkeitzauber, Apathanatismos von hoher
Wirksamkeit befangen...
Noch ein Schritt weiter, und wir stoßen auf Gotamos eigenen
Unsterblichkeitzauber, auf Gotamos eigenen Apathanatismos. Beruht
dieser doch im wesentlichen darauf, daß der Leib in zunehmenden Graden
durchsetzt und durchseelt, durchwaltet und durchwürzt, durchdrungen und
durchflutet werde mit den erworbenen Grundbestimmungen des Gemütes. Das
gotamidische Verfahren besteht vornehmlich darin, die von der Seele
hervorgebrachten und einstweilen durch Übung befestigten Zustände
gleichsam als stätige Gebilde den unstätigen Gebilden des Leibes zu
unterstellen, und zu diesem Ende weiß der Buddho sich der älteren
Praxis der Yoga trefflich zu bedienen. Insonderheit ist es die übrigens
auch im alten China geübte Praxis des regelentsprechenden Aus- und
Einatmens, die Hatha-Yoga, welche Gotamo für seine Makrobiotik, für
seinen Apathanatismos anzuwenden gesonnen ist. Die Aus- und Einatmung
nämlich wird ganz planmäßig mit Vorstellungen verknüpft, die sie
begleiten sollen, und diese Vorstellungen verschmelzen allmählich
derart mit den Atemvorgängen selber, daß sie gewissermaßen an deren
Stelle treten: die körperliche Tätigkeit, zuerst von einem Ablauf
von Bildern und Gedanken regelmäßig begleitet, wird bei geregelter
Führung von diesen Bildern und Gedanken bis zu einem gewissen Grad
geradezu verdrängt, der Vorgang in der Lunge wird umgesetzt in einen
Zustand des Gehirns, ja des Bewußtseins. Die Atmung wird etwas anderes
wie Atmung, die Körpertätigkeit setzt sich in etwas anderes um als
Körpertätigkeit, und zwar vollzieht sich diese ‚Selbstvergeistigung‘
gradweis und stufenweis mit den erlangten Graden und Stufen der
erworbenen Gemütszuständlichkeit. In der Hundertundachtzehnten und
Hundertundneunzehnten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo
hat sich der Buddho ausführlicher, obzwar leider immer noch nicht
ausführlich, über diese Atemübungen vernehmen lassen, und insbesondere
in der letzten dieser Reden wird das Ziel dieser seltsamen Vornahme
ein wenig deutsam. Der Leib soll dazu bereitet, ja dazu abgerichtet
werden, an dem Erwerb der Seele teilzunehmen: der Leib soll lernen,
sich bis zu den tiefsten Versenkungen der Seele mit zu versenken und
sich in den reinsten Läuterungen der Seele mitzuläutern. Der Leib soll
nicht länger ein unbeeinflußtes und unbeeinflußbares Außerhalb der
Seele bleiben, sondern in jedem Muskel, in jeder Zelle den erreichten
Seelenstand selbst erreichen. Auf leibliche Weise soll sich der Leib
solange in Seele wandeln, als sich auf seelische Weise die Seele in
Seele wandelt. Die christliche Seele, ihr Christen, hält ihre höchste
Andacht beiseit vom Leib, als _forma separata_ entrückt, entrafft,
entleiblicht, -- aber die Seele Gotamos hält ihre höchste Andacht mit
dem Leib zusammen, den Leib völlig in Seele einbettend, umbettend.
Die christliche Seele, ihr Christen, ist unsterblich abseit des
sterblichen Leibes und überlässet den sterblichen Leib dem allgemeinen
Verhängnis der Sterblichkeit, -- aber die Seele Gotamos gedenkt
unter keinen Umständen den Leib sich selber und seinem Verhängnis zu
überlassen, sondern ihn vielmehr mit ihrer eigenen Dauer zu begaben und
zu begnaden. Dem Fleisch der Früchte, dem Fleisch der Tiere, welches
wir erhaltsam und bewahrsam machen wollen, setzen wir etwa Zucker,
Salz, Säure, Weingeist, Hitze, Trockenheit zu. Dem Fleisch des Leibes,
vom Buddho Erhaltsamkeit und Bewahrsamkeit ernstlich zugedacht und
zugesprochen, setzt der Buddho gleichsam Seele zu, und so erwirbt es
durch diesen Zusatz beide Tugenden. „Und ferner noch, ihr Mönche: der
Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, verweilt in
sinnend gedenkender, ruhegeborener, säliger Heiterkeit, in der Weihe
der ersten Schauung. Diesen Körper durchdringt und durchtränkt, erfüllt
und sättigt er mit ruhegeborener säliger Heiterkeit, so daß nicht der
kleinste Teil seines Körpers von ruhegeborener säliger Heiterkeit
ungesättigt bleibt. Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein gewandter Bader
oder Badergeselle auf ein Metallbecken Seifenpulver streut und mit
Wasser versetzt, verreibt und vermischt, sodaß sein Schaumball völlig
durchfeuchtigt, innen und außen mit Feuchtigkeit gesättigt ist und
nichts herabträufelt: ebenso nun auch, ihr Mönche, durchdringt und
durchtränkt, erfüllt und sättigt der Mönch diesen Körper da mit
ruhegeborener säliger Heiterkeit, so daß nicht der kleinste Teil seines
Körpers von ruhegeborener säliger Heiterkeit ungesättigt bleibt“...
Dies also ist das überschwänglich übermenschliche Ziel des
gotamidischen Unsterblichkeitwillens, den Leib den Ordnungen des
Werdens, als welches die Ordnungen des Entstehens-Vergehens sind,
gewaltsam durch Anstrengung, Übung, Umgestaltung zu entreißen und
seiner völligen Durchseelung zuzuführen. Und mit viel Besonnenheit
entnimmt Gotamo die Mittel zu diesem erfahrung-jenseitigen Ziel dem
unausschöpflichen Vorrat an Selbsterfahrungen, den die Yoga, das ist
die überlieferte Kunst der unbedingten Leib- und Geistbeherrschung,
durch den Willen, in den Jahrtausenden aufgespeichert hat. Durch
strenge Anpassung erfahrungmäßiger Zucht- und Abrichtungmittel an den
schlechterdings überschwänglichen Zweck entsteht ein Langlebigkeit-
und Unsterblichkeitzauber von beispielloser Unentwegtheit und
Folgerichtigkeit, dem nur wenige unter den anderen maßgebenden
Religionen der Erde etwas Ähnliches an die Seite zu stellen haben
dürften. Durch eine mit planmäßiger Führung und Regelung des Ein- und
Ausatmens einzuleitende Entkörperlichung des Körpers beschwichtigt
der Buddho sein Leiden am Körper und überwindet es: durch eine mit
hoher diätischer Besonnenheit betriebene Umgestaltung des Leibes
durchbricht der Buddho die Ordnung der Leiblichkeit und steigert
den Körper gewissermaßen zu einem Urstand der Seele, -- oder
vielleicht zutreffender und richtiger noch: er steigert ihn zu einer
Eigenschaft der Seele, welche Dauer, Ständigkeit, Langlebigkeit,
ja geradezu Unsterblichkeit heißt. Wer diesen Tatbestand von
grundlegender Bedeutsamkeit begreift, der und nur der wird das
wunderliche Wort Gotamos wirklich zu würdigen vermögen, welches in der
Hundertundneunzehnten Rede aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo
die Einsicht in den Körper als den Inbegriff aller heilsamen Dinge
preist. Gleichwie einer, der das große Meer im Geiste gefaßt habe,
damit auch alle Ströme und Flüsse gefaßt hat, die sich ins Meer
ergießen, so hat sich die Summe alles heilfordernden Wissens zu eigen
gemacht, wer die Einsicht in den Körper erwarb. Als ein Umgestalteter,
jedenfalls aber als ein Umgestaltender, ist er dem Werden entronnen.
Ungeworden, vergeht er nicht, unvergänglich, dauert er. Wer die
Einsicht in den Körper pflegt, der wird nicht, sondern ist, und wer
ist, hat bereits im Jenseit dieser Werdewelt und Wandelwelt festen Fuß
gefaßt. ‚Spender der Unsterblichkeit‘ aber, das ist einer der Titel
des Erhabenen, die er sich durch diese Anweisung zur Umgestaltung des
Leibes in einem vielleicht buchstäblicheren Sinn verdient zu haben
scheint, als es unsere höchst lückenhafte, höchst unzulängliche, höchst
unzuständige Abendlands-Erfahrung auf den ersten Anblick wohl wahr
haben möchte...
Verstehn wir Christen uns indes, ihr Christen, reichlich schlecht
auf diese wie auf alle sonstigen unsterblichen Dinge, so sind
wir dennoch mit derlei geheimnisvollen Vornahmen nicht völlig
unbekannt oder sollten es wenigstens nicht völlig sein. Auch dem
Heiland unserer westlichen Welthälfte ist ja die Umgestaltung bei
Lebzeiten widerfahren, von welcher das Evangelium nach Lukas in
seiner schmucklosen Art trocken berichtet: „Und während er betete,
ward die Gestalt (εἶδος) seines Angesichts eine andere und sein
Gewand ward weiß und blitzete“... Was hier mit Jesus geschah, als er
in der Gesellschaft des Petrus, Johannes, Jakobus den hohen Hügel
bestiegen hatte, umschreibt das Evangelium der Kirche ein klein
wenig völliger, wenn es wörtlich erzählt: „und er ward umgestaltet
(μετεμορφώτη), und es leuchtete sein Antlitz wie die Sonne und
seine Gewänder weißten sich wie das Licht“... Der Verfasser dieser
Heiligen Schrift der Christen gebraucht an dieser Stelle geradezu das
Wort Umgestaltung selbst, welches dann Luther in einer auffälligen
Ungenauigkeit mit ‚Verklärung‘ wiedergegeben hat. Was aber hier
sofort im Unterschied zum buddhistischen Kanon schwer ins Gewicht
fällt, ist weniger die Beiläufigkeit und Folgenlosigkeit des für den
Buddhismus so entscheidenden Vorgangs, als vielmehr die Tatsache,
daß die Umgestaltung des Evangeliums als eine Wirkung der Gnade oder
des göttlichen Eingriffs zu gelten hat, während die gotamidische
Umgestaltung das selbsttätig erworbene Gut der Freiheit erscheint.
Auch in dieser Bezugnahme bleibt der Buddho seinem Protestantismus
unentwegt treu, denn Gotamo der Protestant, Gotamo der Atheist weiß
nichts von Gnade, weiß nichts von Eingriffen Gottes, weiß nichts von
Gott selber, dessen Wolke ihn überschatten und dessen Stimme ihn
als den vielgeliebten Sohn verkünden könne. Wenn der Leib Gotamos
seiner Umgestaltung tatsächlich teilhaftig geworden ist, so wird die
Umgestaltung der unermüdlichen Arbeit, Zurichtung und Zucht des eigenen
Selbstes verdankt. Sie stellt sich nicht ein von ungefähr, sondern
ist der Ertrag eines unablässig diesem Ziele zugewandten Strebens.
Gleichsam um diesen Sachverhalt anzudeuten, widerfährt die sichtbare
Verklärung des Leibes dem Buddho (nach dem Dritten Bericht aus dem
Großen Verhöre zur Erlöschung Mahâparinibbânasuttam) erst wenige
Stunden vor dem Ende, am Tage vor der Nacht, da der Vollendete wirklich
voll-endet. In einer Szene von mehr wie kalidasischer Reinheit,
Helligkeit und Zartheit der Farbe weiß der Bericht zu erzählen, daß
der Mallerprinz Pukkuso dem sterbenden Heiligen einen doppeltgewebten
goldfarbenen Schleier habe darreichen lassen als kostbares Sterbekleid,
des kostbaren Sterbenden würdig. Vom Lieblingjünger Ânando dann mit
diesem schimmernden Schleier bekleidet, beginnt der Leib des sterbenden
Meisters, gleichsam im Feuer der eigenen Seele zu völliger Gediegenheit
geläutert, wie der Mond in der Nacht seiner Rundung zu leuchten und
zu gleißen, also daß der doppeltgewobene goldfarbene Schleier des
Mallerprinzen in fahler Glanzlosigkeit verbleicht. Nun ist der Leib
des Erhabenen endgültig und restlos umgestaltet, vollkommen dauerhaft
geworden. Aber in dieser Stunde der ewigen Selbstvollendung besteht der
Vollendete nicht mehr auf seiner Dauer, -- in dieser Stunde übergibt er
den verklärten und durchsättigten Leib eben jener Werdewelt, die er in
fünfzig Jahren ununterbrochener Selbstläuterung überwunden hat!...