Morgen um dieselbe Stunde denselben Weg zu seinem Geschäft gegangen;
entlang denselben Straßenzügen, vorbei an denselben Häusern, Gärten,
Mauern. Er weiß genau die Zahl der Schritte, die er zurückzulegen hat.
Er kennt die Straßen, Häuser, Gärten, Mauern längst auswendig, und ihr
immer gleicher Anblick berührt ihn so wenig mehr wie das immer gleiche
Gelärm der Straßenbahnen, Kraftwagen, Droschken und Lastfuhren, der
Dampfpfeifen, Sirenen und Hupen, der Ausrufer und Gassenkinder. Bis
er an einem Morgen unter den ungezählten Morgen etwa von ungefähr den
Zweig eines blühenden Goldregens über eine Mauerecke im Winde schaukeln
sieht, und von diesem Anblick, der möglicherweis oft schon auf seine
gleichmütige Netzhaut gefallen war, ganz seltsam berührt, betroffen und
beglückt sich fühlt. Diesen im Morgenwind wiegenden Goldregenzweig über
der Mauerecke verleibt er sich als einen nie wieder zu verlierenden
köstlichen Besitz in seiner Erinnerung ein, -- und nicht nur wird
er diesen Eindruck nie, nie wieder vergessen können, sondern auf
unbegreifliche Art von ihm im Innersten durchsäuert und durchwühlt,
durchpflügt und durchschüttert werden. Dieser Goldregen über der
Mauerecke hat ihm plötzlich Beziehungen aufgeschlossen und Gesetze
enthüllt, die ihm bis zu dieser Stunde schlechterdings verborgen
geblieben waren. Wie ist die Welt so hell, wie ist die Welt so reich,
wie ist die Welt so schön, fällt ihm jetzt vielleicht als unvermittelte
Offenbarung in die Seele, die selbst für einen ewigen Augenblick hell,
reich und schön wird... So dünkt den Erlebenden der Goldregenzweig über
der Mauerecke an jenem Morgen der Seelen-Öffnung wie ein Schicksal,
das sich früh auf die Beine gemacht hat, ihm an der richtigen Stelle
zu begegnen. Aus der verstaubten Reihe von täglichen und ähnlichen
Erfahrungen, die niemals Erlebnis geworden sind, hebt sich glänzend
dieses eine Glied heraus, wie sich etwa aus einer Kette von Wachsperlen
eine echte und wirkliche Perle herausheben würde. Was dieser Mensch,
sonst vielleicht ein elender Spießbürger oder ein verhärteter Krämer,
hier erlebt, das unterscheidet sich für ihn selber auf das bestimmteste
von seinem gesamten sogenannten Leben: und mehr noch unterscheidet es
sich für ihn vom Erleben aller anderen Lebendigen. Denn eben, indem
er die Wahrnehmung ‚Goldregen über einem Mauerwinkel‘ zu dem Erlebnis
steigerte: ‚Wie ist doch diese Welt hell, reich, schön‘, verhaftet und
vereignet sich dieses Erlebnis auf eine kaum zu beschreibende Weise
mit ihm selber. Sein Erlebnis ist nicht allein eine Begebenheit außer
allem Vergleich mit den übrigen Begebenheiten seines persönlichen
Lebensablaufs, -- es ist außerdem auch noch eine Begebenheit, an
welcher kein anderer Mensch Teil hat und Teil haben kann. Denn im
Erlebnis fließt ein Stück Welt in ein Selbst über und fließt ein Selbst
in ein Stück Welt über, so daß beide fortan untrennbar eins sind. Der
Erlebende hat die Gewißheit, er darf sie haben, daß sein Erlebnis
in einem unbedingten Wortsinn Sein ist, nur ganz allein von ihm und
niemandem sonst erlebt: ein großes oder kleines Schicksal, welches
sich nur in ihm erfüllen konnte, -- sein eigenstes und urpersönliches
Glück oder Verhängnis, welches seine einmalige und unvergleichbare
innere Geschichte bildet. Das Erlebnis eines Menschen aber, sehen
wir nun, ist ohne Einschränkung und Abzug auch das Geheimnis eines
Menschen. Und um die Wahrheit zu gestehn, ihr Christen, so trennt uns
Menschen gemeinhin nichts so unüberbrücklich wie dies, daß wir nicht
einerlei sondern vielerlei Erlebnis haben, nicht einerlei sondern
vielerlei Geschick, nicht einerlei sondern vielerlei Geschichte.
Verschiedenes Erleben verwirrt die Zungen und noch mehr die Sinnesarten
der vielen, -- verschiedenes Erleben läßt gegenseitiges Verständnis und
Ein-Verständnis nirgends auf kommen, oder wenn schon aufkommen, nicht
Bestand und Dauer haben. Denn wer nicht seines Nächsten Erlebnis hat,
wie soll der seinem Nächsten wirklich nah sein? Wenn aber so: ist dann
das Erlebnis nicht schon von Haus aus ein Verhängnis, das wie ein
Keil, das wie ein Beil in den Stamm der Gemeinschaft getrieben wird und
die Gemeinschaft spaltet?...
Und in der Tat! Es ist schwer zu sagen, wie es infolge dieses
Sachverhaltes mit unserer Gemeinschaft, ja mit der menschlichen
Gattung überhaupt beschaffen wäre und ob sich diese Gattung nicht
schon seit langem selber aufgerieben hätte, wenn nicht von Zeit zu
Zeit in dieses stäte Auseinanderleben und Gegeneinanderleben aller
wohltätig ein Einzelner und Auserlesener träte, der gewissermaßen gar
nichts Besonderes, Eigenartiges, Unterscheidendes für sich erlebte,
-- vielmehr nur eben das, was ausnahmlos alle irgend einmal erfahren
haben oder doch erfahren werden. Zum Heil nämlich dieser ganzen
Gattung Mensch und zu ihrer zeitweiligen Errettung geschieht es nicht
gar häufig zwar, aber doch immerhin hie und da, daß ein Einzelner in
unerhört verstärktem Maß berührt und betroffen werde von dem Erlebnis
aller Einzelnen, welches er kraft einer gleichsam stellvertretenden
Erleberschaft zu seinem besondern Schicksal macht und dadurch dann
zugleich ent-einzelt: derart vollzieht sich hier eine Individuation
der Spezies, oder wenn man recht verstehen will, eine Spezifikation
des Individuums, wie sie etwa der heilige Thomas von Aquino, ihr
Christen, in seiner scharfen und strengen Bezeichnungweise einen
‚Engel‘ zu nennen einst beliebte, -- einen Engel in einem tieferen
als nur dogmatischen Sprachverstand, wie wir jetzt wohl bemerken
können... Es gibt mithin, ihr Christen, Engel! Es gibt Einzelne, die
stellvertretend das Erlebnis der Gattung zu dem ihrigen machen und in
dieser Hinsicht zur Gattung sich erweitern! Es gibt Persönlichkeiten,
hier in dieser Welt und mit der Vernunft dieser Welt zu umfassen und
zu erraten, welche als Einzelwesen durch ihre Erlebnisart gleichsam
gattungmäßige Bedeutsamkeit erreichen! Es gibt spezifisch geweitete,
spezifisch verallgemeinerte Individuen und individuell verengerte,
individuell besonderte Spezies! Es gibt, wie ein _pater ecstaticus_
des hohen Mittelalters sagt, ‚Allgemeine Menschen‘, und diese
Allgemeinen Menschen sind einzig und allein die Wort- und Seelenführer
menschheitlicher Gruppen in den Angelegenheiten von menschheitlicher
Erheblichkeit und Würde. Eine Persönlichkeit also wie der indische
Buddho Gotamo, durch Wille und Vergunst der Sprache schon sprachlich
als ‚Der‘ Buddho über das Bereich des Nur-Persönlichen deutlich
herausgesteigert, -- eine solche Persönlichkeit erlebt auf einzige
Weise nicht sowohl ihr eigenes, einmaliges, persönliches Schicksal, als
vielmehr das Schicksal des menschheitlichen genus überhaupt, welches
man nicht ohne schmerzliche Ironie das _genus_ des _homo sapiens_
bezeichnet hat... Ein Mensch wie Gotamo erlebt somit generell; nicht
eigentlich individuell, sondern generell zu erleben ist Sein Geheimnis
und Seine Bestimmung, Sein Geschick und Seine Geschichte. Befragt um
sein entscheidendes und schöpferisches Erlebnis, könnte der Buddho
keine andere als diese Antwort geben: ich erlebte, was du und du und
du erlebt hast, was du und du und du erlebst, was du und du und du
erleben wirst. Ich erlebte das Menschliche, Ewig-Menschliche. Ich
erlebte Alter, Krankheit, Tod, -- Alter, Krankheit, Tod...
Darüber hat nun Gotamo seinen Jüngern berichtet, in Gestalt zwar einer
Legende, die als die Ausfahrt Vipassî-Buddhos gefunden wird in der
Vierzehnten Rede aus der Längeren Sammlung Dîghanikâyo. Dort lebt Prinz
Vipassî, der erste der Buddhos in der Reihe der Sieben, in den drei
Palästen seines königlichen Vaters und im Genuß jener vollkommenen
Wunschbeglückung, wie sie bei den Fürsten und Königsöhnen des indischen
Märchens herkömmlich ist, -- und leicht kann man sich übrigens bei
dieser Gelegenheit davon überzeugen, daß Gotamo als Dichter und
Erzähler von Märchen mit jedem Kâlidâsa seiner Heimat zu wetteifern
vermöchte: er, der unstreitig der erste Gleichnissprecher aller Zeiten
und Völker gewesen ist... Jahrtausend also um Jahrtausend seiner
mythischen Jugend verlebt Prinz Vipassî in diesen Palästen, bis es ihn
eines Tags gelüstet, eine Ausfahrt in die Umgebung des Schloßgartens
zu machen. Der Wagenlenker schirrt ein und der Prinz besteigt mit dem
Hofstaat die kostbaren Gefährte. Den königlichen Gärten kaum enteilt,
stoßen sie da auf eine befremdliche Gestalt, -- gebeugt, kopfwackelnd,
ausgemergelt, weißhaarig, zitterig, tapperig, zahnlos, triefäugig. ‚Was
hat der Mann dort getan?‘ fragt der Prinz seinen Wagenlenker. ‚Er sieht
doch nicht aus wie andere Leute?‘ ‚Das ist ein Greis,‘ antwortet der
Wagenlenker, ‚ein Alter, der nicht mehr lang zu leben hat.‘ ‚Und werde
auch ich dereinst diesem Alten gleichen?‘ frägt der Prinz entgegen.
‚Auch du,‘ versetzt der Wagenlenker, ‚auch du wirst dem Alter nicht
entrinnen‘... Nun hat der Prinz für heute genug. Er befiehlt die Umkehr
und zieht sich ins Innerste zurück des Palastes, ins Innerste seiner
selbst zurück, wo er über diesen ungemeinen Vorfall grübelt, brütet. „O
Schande sag’ ich da über die Geburt, da ja doch am Geborenen das Alter
zum Vorschein kommen mu߫...
Zweimal noch nach Ablauf so manchen vergessenden und beschwichtigenden
Jahrtausends befiehlt Prinz Vipassî seinem Wagenlenker den Wagen
anzuschirren und zweimal bricht der Jüngling vorzeitig die Ausfahrt
ab. Beim zweitenmal stößt er auf einen Siechen, hilflos im eigenen Kot
und Harn liegend und in jeder kleinsten Bewegung auf fremder Menschen
Beistand angewiesen; beim drittenmal begegnet er einem Leichenzug, von
vielerlei Volk geleitet in düsteren Gewändern. Und nach jeder Ausfahrt
geschieht es, daß er eine lange lange Weile grübelnd und brütend in
sich selbst versinkt: „O Schande sag’ ich über die Geburt, da ja doch
am Geborenen das Alter zum Vorschein kommen muß, die Krankheit zum
Vorschein kommen muß, der Tod zum Vorschein kommen muß“... Dann aber
ist’s von allem wieder still. Das Leben in den Wunschgenüssen nimmt
seinen Fortgang, und kein Anzeichen verrät, wie jene Begegnungen
im Gemüt des Prinzen weiterwirken, -- kein Anzeichen verrät, ob
sie weiterwirken. Und einmal noch nach tausend und tausend Jahren
heißt Prinz Vipassî die herrlichen Gespanne einschirren, um dieses
vierte und letztemal dann einen Pilger, einen Mönch, einen Bettler zu
gewahren, mit kahlgeschorenem Schädel und in fahler Gewandung. Einmal
noch eine Frage an den treuen Wagenlenker, und nach der Antwort ist
die Entscheidung endlich gefallen. Das dreifache Erlebnis hat die Tat
reifen lassen und die letzte Ausfahrt läßt sie zur Ausführung gedeihen.
Daheim scheert sich Vipassî seinen Schädel kahl, hüllt sich in ein fahl
Gewand und verläßt die königlichen Paläste der Jahreszeiten, um sich
auf Pilgerfahrt, Bettlerfahrt, Büßerfahrt zu begeben, -- will heißen,
um sich selbst zu finden, selbst zu retten, selbst zu lösen. Als ob ein
einzelner und einziger Mensch von Alter, Krankheit, Tod ein erstesmal
erfahren könne und erfahren habe, stellt die Legende von Vipassîs
Ausfahrten das Erlebnis des Buddho mit einer großartigen Einsilbigkeit
heraus, die das Gemüt betäubt wie das gleichmäßige Getrommel des Regens
in einer Herbstnacht auf ein Blechdach... Und in der Tat! Irgendwie
hat Gotamo die drei Kernübel des Menschseins mit der Gewalt der
Erstmaligkeit erfahren, mit der Heftigkeit der Erstmaligkeit erlitten:
gleichsam er der erste Mensch, der die sonnige Schwelle göttlicher
Wunschwelten mit Bewußtsein überschreitet und mit Bewußtsein das Ödland
der Wirklichkeit betritt...
Vergänglichkeit, Leidbeschaffenheit, Wesenlosigkeit heißt mithin das
Urerlebnis Gotamos, das Urerlebnis des ‚Allgemeinen Menschen‘, -- und
wer wollte leugnen, daß dies in vielerlei Bezugnahme das Urerlebnis
unserer Gattung ist und bleibt. Dieses Urerlebnis stets sich von neuem
zu vergegenwärtigen fordert er denn auch in erster Linie von jedem, der
ihm nachzufolgen oder anzuhängen willens ist. In zahllosen Variationen
und Varianten kehrt an zahlreichen Stellen wieder, was dieser Bericht
von den vier Ausfahrten Vipassîs in einer mächtig vereinfachenden
Sinnbildlichkeit so einprägsam veranschaulicht denn für kaum eine
zweite geschichtliche Gestalt gilt ja des jüngeren Nietzsche Wort vom
Welt-Vereinfacher wie für den Buddho. Eine der eindrucksvollsten dieser
Stellen findet sich in der Sammlung der Bruchstücke Suttanipâto, die
zu den ältesten Schriften des Heiligen Kanons gehört. Aus bestimmten
Gründen führe ich sie in zwei Übertragungen, einer prosaischen und
einer metrischen an: „Unbemerkt und unerkannt ist das Leben der
Menschen hienieden, kummervoll, vergänglich und mit Leid verbunden. Es
gibt keinen Ausweg, auf dem die Geborenen dem Tod entrinnen könnten;
ist das Alter erreicht, da naht der Tod: so ist das Gesetz aller
Lebewesen. Wie für unreife Früchte schon früh die Gefahr des Abfallens
besteht, so besteht für die Menschen ständig die Gefahr des Sterbens.
Wie allen vom Töpfer angefertigten Tongefäßen das Ende des Zerbrechens
bestimmt ist, so auch dem Leben der Sterblichen. Die Jungen und die
Großen, die Toren und die Weisen, alle gelangen in die Gewalt des
Todes, aller Ende ist der Tod. Von denen, die vom Tod überwältigt
in das Jenseit gegangen sind, -- nicht rettet der Vater den Sohn,
noch auch die Verwandte die Angehörigen. Sieh! Während die Verwandten
zusehen und laut wehklagen, wird einer der Sterblichen nach dem anderen
hinweggeführt wie das zum Tod bestimmte Rind“...
Und nun die nämliche Stelle, die wohl echt gotamidisch zu sein
scheint, denn die Worte von des Hafners Töpferware finden sich (in
etwas erweiterter Fassung) auch am Ende des Dritten Berichtes aus
dem Großen Verhör über die Erlöschung Mahâparinibbânasuttam, wo sie
der Buddho in seinen letzten Tagen zu seinen Jüngern spricht, --
nun diese nämliche und ‚echte‘ Stelle in der vollkommen würdigen,
ja erhabenen Eindeutschung Neumanns. Hier ist sie angeschwollen
zu einem Klagegesang, zu einem Schicksallied von hymnischer
Gewalt und Schönheit, seltsam überdies gemahnend an jenes letzte
Gedicht-Bruchstück des Florentiners Buonarotti, dessen zermalmende
Schwermut als ‚_Canto de’ Morti_, Was geboren ist, muß sterben‘ in Hugo
Wolfs Vertonung etwa manchen deutschen Ohren widertönen mag:
„Unbestimmbar, unerkennbar
Sterblichen ist hier das Leben,
Kümmerlich und karg erlesen
Und in Leiden eingewunden.
Keines kennt man doch der Mittel,
Daß Gebornes nicht verderbe,
Und dem Altern folgt das Sterben;
Also ist es Art der Wesen.
Früchten ähnlich, reif gewordnen,
Fallen und im Fallen fürchten
Sich die sterblichen Gebornen
Immer vor dem Todessturze.
Wie des Hafners Töpferware,
Vielgeformte Tongefäße,
Alle doch zerbrechen endlich:
Unser Dasein ist nicht anders.
Junge starke, Alte schwache,
Toren, Weise, wer es sei auch,
Alle wandeln Todesbahnen,
Todesuntertanen alle.
Da vom Tode sie umfangen
Weiter wandern durch die Welten,
Hilft kein Vater hier dem Sohne
Und kein Vetter dem Gevatter.
Hinterbliebne, Kinder, Eltern,
Sieh nur, wie ein jedes wehklagt,
Eines nach dem andern hinstirbt,
Weggeschleppt wie ein Stück Schlachtvieh“ ...
Unstreitig also, ihr Christen, ist Gotamos Erleben ein Leiden. Ein
Leiden, sage ich: zunächst ein Leiden, und noch lange nicht das Leiden
schlechtweg, wie zu früh verallgemeinernd und darum nicht durchaus
richtig oft behauptet ward. Gotamos Erleben ist ein Leiden, und
zwar zunächst ein gleichsam örtlich festgelegtes und umgrenztes. Es
ist ein Leiden zunächst nicht eigentlich am Leben und am Grundgesetz
des Lebens, vielmehr ein Leiden ganz offenbar am Leibe und am Gesetz
der Leiblichkeit. Der Leib ist es und des Leibes Vergänglichkeit,
Hinfälligkeit, Gebrechlichkeit, Verweslichkeit, Wesenlosigkeit, die in
diesem gotamidischen _Canto de’ Morti_ und an so ungezählten Stellen
der Lehre immer wiederkehrend sonst mit der dämonischen Melancholie des
Michelangelo melodisch beseufzt, betrauert und besungen werden: die
Bestimmung der Leiblichkeit, die unumgängliche ist es, welche Gotamos
festes und wohlverwahrtes Herz bis in das Fundament erbeben lässet. Daß
dieser Leib nicht dauert und nicht dauern kann, daß dieser Leib sich
eines Tages nicht mehr aufrichten und erheben wird, um dann in allen
Regenbogenschillertinten als stinkendes Aas anzulaufen und schließlich
bis auf Nägel, Haare, Zähne zu Staub und Asche zu vermodern, das hat
den Jüngling Gotamo in einem Augenblick, wo ihm die ganze Wahrheit
wie ein Gespenst aus jener Welt vor die Seele trat, wie mit einem
wohlgezielten Blattschuß getroffen und hingeworfen. Wer aber von dem
Geschick des Körpers derart betroffen und hingeworfen wird, der muß
ein Mensch von leidenschaftlicher Liebe zu seinem Körper sein, denn
nur die leidenschaftlichste Liebe zu einem Ding schafft sich soviel
Leiden um den Verlust dieses Dings. Wem da nur wenig oder gar nichts
an seinem Leibe liegt, der wird kaum heftig leiden unter dem Altern,
Welken, Siechen, Sterben dieses Leibes: wer aber vollends den Leib
verachtet, wie sollte den des Leibes Tod berühren. Nichts wäre mithin
so verkehrt und irrig, als diesem Jüngling Gotamo betreff des Leibes
jene hellenisch-asketisch-christliche Auffassung zu unterstellen,
die man unter Bezugnahme auf ein geflügeltes Wort des Sokrates aus
dem platonischen Gorgias (in etwas freier Verdeutschung freilich)
die Leib-Leiche- oder die Körper-Kadaver-Auffassung -- griechisch
die σῶμα-σῆμα-Auffassung -- zu nennen wohl berechtigt wäre.
Pythagoreer, Orphiker, Platoniker, Neuplatoniker und Christen mögen
im Körper den Kerker und mehr noch die Gruft der Seele von Haus aus
mißachtet haben; Gotamo weiß von dieser Mißachtung nichts, weiß von
dem ganzen abendländischen Leib-Seele-Zwiespalt nichts: zum mindesten
weiß er von Haus aus davon nichts. Darum ist es an uns Christen der
westlichen und westlich zerrissenen Welthälfte, dem Umstand von
höchstem Belang unsere höchste Aufmerksamkeit zu widmen, daß dieser
Gotamo, Sohn des Fürsten Suddhodano zu Kapilavatthu, durchaus nicht
etwa priesterlichem, sondern kriegerischem Geblüt entstammt und
noch in seiner Jugend den Hochgebirg- und Alpenatem der indischen
Heldenzeit eines tiefen, vollen Zugs geatmet hat... Gotamo war
Krieger, Prinz und Ritter, nicht Priester und weniger noch Priesters
Freund; und er war dies als Sohn eines Volkes, welches weder von
einem gleichzeitigen noch von einem späteren je übertroffen worden
ist in seiner Freude an gesunder, wohlgepflegter, spielgeübter
Leiblichkeit. Gotamo war Krieger, Prinz und Ritter in jener indischen
Heldenspätzeit noch, die vor reifem Welt- und Sinnenglück inbrünstig
strahlte und bei dem festlichen Anblick edler Krieger gleichsam
hell und zärtlich wieherte wie ein junger Hengst, der eine Stute
wittert. Sproß eines fürstlichen oder adligen Geschlechts, wurde
der Jüngling Gotamo sicherlich auferzogen in den Waffen für die
Waffen, -- wie hätte er seinen gelenken, behenden Jünglingleib nicht
lieben sollen, der unter allen Umständen des Kriegers beste und
höchste Tugend ist. Wurde der junge Prinz und Ritter dann im Ablauf
der Zeit zum Heiligen und Erwachten seiner Weltzeit, -- nun um so
besser! Hierin wurde kein Widerspruch befunden nach der Auffassung
einer Rasse, welcher ursprünglich die Heiligkeit und Erwachsamkeit
keineswegs ein mönchischer Stand, sondern ein menschlicher Zustand
bedeutete, zu welchem man in einem gewissen Lebensalter bei richtiger
Lebensführung gleichsam von selbst heranreift. Sollte in guten Zeiten
doch der Waldeinsiedler (_vânaprastha_) die vorangehenden Stadien des
Brahmanjüngers (_brahmacârin_) und des Haushalters, Hausverwalters
(_grihastha_) seinerseit nur ablösen, wie der Waldeinsiedler eine
Weile später zum eigentlichen Pilger, Bettler- und Büßermönch
(_bhikshu_ oder _bhikkhu_) aufrücken konnte und aufrücken sollte:
erst wenn der Mann der Gemeinschaft gedient und sich gewissermaßen
in der Welt selbstverwirklicht hatte, winkte ihm als höherer
Zustand Weltlosigkeit und Einsiedlerschaft, in welchem er seine
Selbstheiligung zu vollbringen hoffen durfte. Asketenschaft entsprang
hier keinem weltfeindlichen Verhalten oder Fühlen, sondern krönte das
Menschenleben, in innigstem Einklang mit jeder tieferen Erfahrung,
wonach der Mensch und namentlich der Mann sich selbst gemächlich aus
der Welt heraus und über die Welt hinaus lebt, ohne Enttäuschung, ohne
Flucht, ohne Bitterkeit, ohne Bodensatz, in reinster Übereinstimmung
mit der Eigenbewegung, Eigenrichtung seines Seelenwachstums. Der
Mensch, wo er dieser Bewegung und Richtung seines Seelenwachstums nicht
absichtlich entgegen lebt, lebt seiner Seele zu und eben deshalb über
die Welt hinaus und über den Leib hinaus; denn ist auch diese Seele
in keinem Sinn eine Widerwelt oder ein Widerleib, so ist sie doch der
höhere Grad, die höhere Stufe der Weltlichkeit und Leibhaftigkeit. Der
Leib wird darum in jener Zeit auch noch nicht grundsätzlich kasteit
oder mißhandelt oder gar abgetötet, vielmehr er wird überwunden und
überwachsen. Mit seinem Dahinschwinden mehrt sich die Seele, ähnlich
wie mit dem Abwelken der Kartoffelstaudenblüte der Knollen im Boden zur
Genießbarkeit heranreift...