Was also heißt Erlebnis? Da ist etwa ein Mensch in langen Jahren jeden

Morgen um dieselbe Stunde denselben Weg zu seinem Geschäft gegangen;

entlang denselben Straßenzügen, vorbei an denselben Häusern, Gärten,

Mauern. Er weiß genau die Zahl der Schritte, die er zurückzulegen hat.

Er kennt die Straßen, Häuser, Gärten, Mauern längst auswendig, und ihr

immer gleicher Anblick berührt ihn so wenig mehr wie das immer gleiche

Gelärm der Straßenbahnen, Kraftwagen, Droschken und Lastfuhren, der

Dampfpfeifen, Sirenen und Hupen, der Ausrufer und Gassenkinder. Bis

er an einem Morgen unter den ungezählten Morgen etwa von ungefähr den

Zweig eines blühenden Goldregens über eine Mauerecke im Winde schaukeln

sieht, und von diesem Anblick, der möglicherweis oft schon auf seine

gleichmütige Netzhaut gefallen war, ganz seltsam berührt, betroffen und

beglückt sich fühlt. Diesen im Morgenwind wiegenden Goldregenzweig über

der Mauerecke verleibt er sich als einen nie wieder zu verlierenden

köstlichen Besitz in seiner Erinnerung ein, -- und nicht nur wird

er diesen Eindruck nie, nie wieder vergessen können, sondern auf

unbegreifliche Art von ihm im Innersten durchsäuert und durchwühlt,

durchpflügt und durchschüttert werden. Dieser Goldregen über der

Mauerecke hat ihm plötzlich Beziehungen aufgeschlossen und Gesetze

enthüllt, die ihm bis zu dieser Stunde schlechterdings verborgen

geblieben waren. Wie ist die Welt so hell, wie ist die Welt so reich,

wie ist die Welt so schön, fällt ihm jetzt vielleicht als unvermittelte

Offenbarung in die Seele, die selbst für einen ewigen Augenblick hell,

reich und schön wird... So dünkt den Erlebenden der Goldregenzweig über

der Mauerecke an jenem Morgen der Seelen-Öffnung wie ein Schicksal,

das sich früh auf die Beine gemacht hat, ihm an der richtigen Stelle

zu begegnen. Aus der verstaubten Reihe von täglichen und ähnlichen

Erfahrungen, die niemals Erlebnis geworden sind, hebt sich glänzend

dieses eine Glied heraus, wie sich etwa aus einer Kette von Wachsperlen

eine echte und wirkliche Perle herausheben würde. Was dieser Mensch,

sonst vielleicht ein elender Spießbürger oder ein verhärteter Krämer,

hier erlebt, das unterscheidet sich für ihn selber auf das bestimmteste

von seinem gesamten sogenannten Leben: und mehr noch unterscheidet es

sich für ihn vom Erleben aller anderen Lebendigen. Denn eben, indem

er die Wahrnehmung ‚Goldregen über einem Mauerwinkel‘ zu dem Erlebnis

steigerte: ‚Wie ist doch diese Welt hell, reich, schön‘, verhaftet und

vereignet sich dieses Erlebnis auf eine kaum zu beschreibende Weise

mit ihm selber. Sein Erlebnis ist nicht allein eine Begebenheit außer

allem Vergleich mit den übrigen Begebenheiten seines persönlichen

Lebensablaufs, -- es ist außerdem auch noch eine Begebenheit, an

welcher kein anderer Mensch Teil hat und Teil haben kann. Denn im

Erlebnis fließt ein Stück Welt in ein Selbst über und fließt ein Selbst

in ein Stück Welt über, so daß beide fortan untrennbar eins sind. Der

Erlebende hat die Gewißheit, er darf sie haben, daß sein Erlebnis

in einem unbedingten Wortsinn Sein ist, nur ganz allein von ihm und

niemandem sonst erlebt: ein großes oder kleines Schicksal, welches

sich nur in ihm erfüllen konnte, -- sein eigenstes und urpersönliches

Glück oder Verhängnis, welches seine einmalige und unvergleichbare

innere Geschichte bildet. Das Erlebnis eines Menschen aber, sehen

wir nun, ist ohne Einschränkung und Abzug auch das Geheimnis eines

Menschen. Und um die Wahrheit zu gestehn, ihr Christen, so trennt uns

Menschen gemeinhin nichts so unüberbrücklich wie dies, daß wir nicht

einerlei sondern vielerlei Erlebnis haben, nicht einerlei sondern

vielerlei Geschick, nicht einerlei sondern vielerlei Geschichte.

Verschiedenes Erleben verwirrt die Zungen und noch mehr die Sinnesarten

der vielen, -- verschiedenes Erleben läßt gegenseitiges Verständnis und

Ein-Verständnis nirgends auf kommen, oder wenn schon aufkommen, nicht

Bestand und Dauer haben. Denn wer nicht seines Nächsten Erlebnis hat,

wie soll der seinem Nächsten wirklich nah sein? Wenn aber so: ist dann

das Erlebnis nicht schon von Haus aus ein Verhängnis, das wie ein

Keil, das wie ein Beil in den Stamm der Gemeinschaft getrieben wird und

die Gemeinschaft spaltet?...

Und in der Tat! Es ist schwer zu sagen, wie es infolge dieses

Sachverhaltes mit unserer Gemeinschaft, ja mit der menschlichen

Gattung überhaupt beschaffen wäre und ob sich diese Gattung nicht

schon seit langem selber aufgerieben hätte, wenn nicht von Zeit zu

Zeit in dieses stäte Auseinanderleben und Gegeneinanderleben aller

wohltätig ein Einzelner und Auserlesener träte, der gewissermaßen gar

nichts Besonderes, Eigenartiges, Unterscheidendes für sich erlebte,

-- vielmehr nur eben das, was ausnahmlos alle irgend einmal erfahren

haben oder doch erfahren werden. Zum Heil nämlich dieser ganzen

Gattung Mensch und zu ihrer zeitweiligen Errettung geschieht es nicht

gar häufig zwar, aber doch immerhin hie und da, daß ein Einzelner in

unerhört verstärktem Maß berührt und betroffen werde von dem Erlebnis

aller Einzelnen, welches er kraft einer gleichsam stellvertretenden

Erleberschaft zu seinem besondern Schicksal macht und dadurch dann

zugleich ent-einzelt: derart vollzieht sich hier eine Individuation

der Spezies, oder wenn man recht verstehen will, eine Spezifikation

des Individuums, wie sie etwa der heilige Thomas von Aquino, ihr

Christen, in seiner scharfen und strengen Bezeichnungweise einen

‚Engel‘ zu nennen einst beliebte, -- einen Engel in einem tieferen

als nur dogmatischen Sprachverstand, wie wir jetzt wohl bemerken

können... Es gibt mithin, ihr Christen, Engel! Es gibt Einzelne, die

stellvertretend das Erlebnis der Gattung zu dem ihrigen machen und in

dieser Hinsicht zur Gattung sich erweitern! Es gibt Persönlichkeiten,

hier in dieser Welt und mit der Vernunft dieser Welt zu umfassen und

zu erraten, welche als Einzelwesen durch ihre Erlebnisart gleichsam

gattungmäßige Bedeutsamkeit erreichen! Es gibt spezifisch geweitete,

spezifisch verallgemeinerte Individuen und individuell verengerte,

individuell besonderte Spezies! Es gibt, wie ein _pater ecstaticus_

des hohen Mittelalters sagt, ‚Allgemeine Menschen‘, und diese

Allgemeinen Menschen sind einzig und allein die Wort- und Seelenführer

menschheitlicher Gruppen in den Angelegenheiten von menschheitlicher

Erheblichkeit und Würde. Eine Persönlichkeit also wie der indische

Buddho Gotamo, durch Wille und Vergunst der Sprache schon sprachlich

als ‚Der‘ Buddho über das Bereich des Nur-Persönlichen deutlich

herausgesteigert, -- eine solche Persönlichkeit erlebt auf einzige

Weise nicht sowohl ihr eigenes, einmaliges, persönliches Schicksal, als

vielmehr das Schicksal des menschheitlichen genus überhaupt, welches

man nicht ohne schmerzliche Ironie das _genus_ des _homo sapiens_

bezeichnet hat... Ein Mensch wie Gotamo erlebt somit generell; nicht

eigentlich individuell, sondern generell zu erleben ist Sein Geheimnis

und Seine Bestimmung, Sein Geschick und Seine Geschichte. Befragt um

sein entscheidendes und schöpferisches Erlebnis, könnte der Buddho

keine andere als diese Antwort geben: ich erlebte, was du und du und

du erlebt hast, was du und du und du erlebst, was du und du und du

erleben wirst. Ich erlebte das Menschliche, Ewig-Menschliche. Ich

erlebte Alter, Krankheit, Tod, -- Alter, Krankheit, Tod...

Darüber hat nun Gotamo seinen Jüngern berichtet, in Gestalt zwar einer

Legende, die als die Ausfahrt Vipassî-Buddhos gefunden wird in der

Vierzehnten Rede aus der Längeren Sammlung Dîghanikâyo. Dort lebt Prinz

Vipassî, der erste der Buddhos in der Reihe der Sieben, in den drei

Palästen seines königlichen Vaters und im Genuß jener vollkommenen

Wunschbeglückung, wie sie bei den Fürsten und Königsöhnen des indischen

Märchens herkömmlich ist, -- und leicht kann man sich übrigens bei

dieser Gelegenheit davon überzeugen, daß Gotamo als Dichter und

Erzähler von Märchen mit jedem Kâlidâsa seiner Heimat zu wetteifern

vermöchte: er, der unstreitig der erste Gleichnissprecher aller Zeiten

und Völker gewesen ist... Jahrtausend also um Jahrtausend seiner

mythischen Jugend verlebt Prinz Vipassî in diesen Palästen, bis es ihn

eines Tags gelüstet, eine Ausfahrt in die Umgebung des Schloßgartens

zu machen. Der Wagenlenker schirrt ein und der Prinz besteigt mit dem

Hofstaat die kostbaren Gefährte. Den königlichen Gärten kaum enteilt,

stoßen sie da auf eine befremdliche Gestalt, -- gebeugt, kopfwackelnd,

ausgemergelt, weißhaarig, zitterig, tapperig, zahnlos, triefäugig. ‚Was

hat der Mann dort getan?‘ fragt der Prinz seinen Wagenlenker. ‚Er sieht

doch nicht aus wie andere Leute?‘ ‚Das ist ein Greis,‘ antwortet der

Wagenlenker, ‚ein Alter, der nicht mehr lang zu leben hat.‘ ‚Und werde

auch ich dereinst diesem Alten gleichen?‘ frägt der Prinz entgegen.

‚Auch du,‘ versetzt der Wagenlenker, ‚auch du wirst dem Alter nicht

entrinnen‘... Nun hat der Prinz für heute genug. Er befiehlt die Umkehr

und zieht sich ins Innerste zurück des Palastes, ins Innerste seiner

selbst zurück, wo er über diesen ungemeinen Vorfall grübelt, brütet. „O

Schande sag’ ich da über die Geburt, da ja doch am Geborenen das Alter

zum Vorschein kommen mu߫...

Zweimal noch nach Ablauf so manchen vergessenden und beschwichtigenden

Jahrtausends befiehlt Prinz Vipassî seinem Wagenlenker den Wagen

anzuschirren und zweimal bricht der Jüngling vorzeitig die Ausfahrt

ab. Beim zweitenmal stößt er auf einen Siechen, hilflos im eigenen Kot

und Harn liegend und in jeder kleinsten Bewegung auf fremder Menschen

Beistand angewiesen; beim drittenmal begegnet er einem Leichenzug, von

vielerlei Volk geleitet in düsteren Gewändern. Und nach jeder Ausfahrt

geschieht es, daß er eine lange lange Weile grübelnd und brütend in

sich selbst versinkt: „O Schande sag’ ich über die Geburt, da ja doch

am Geborenen das Alter zum Vorschein kommen muß, die Krankheit zum

Vorschein kommen muß, der Tod zum Vorschein kommen muß“... Dann aber

ist’s von allem wieder still. Das Leben in den Wunschgenüssen nimmt

seinen Fortgang, und kein Anzeichen verrät, wie jene Begegnungen

im Gemüt des Prinzen weiterwirken, -- kein Anzeichen verrät, ob

sie weiterwirken. Und einmal noch nach tausend und tausend Jahren

heißt Prinz Vipassî die herrlichen Gespanne einschirren, um dieses

vierte und letztemal dann einen Pilger, einen Mönch, einen Bettler zu

gewahren, mit kahlgeschorenem Schädel und in fahler Gewandung. Einmal

noch eine Frage an den treuen Wagenlenker, und nach der Antwort ist

die Entscheidung endlich gefallen. Das dreifache Erlebnis hat die Tat

reifen lassen und die letzte Ausfahrt läßt sie zur Ausführung gedeihen.

Daheim scheert sich Vipassî seinen Schädel kahl, hüllt sich in ein fahl

Gewand und verläßt die königlichen Paläste der Jahreszeiten, um sich

auf Pilgerfahrt, Bettlerfahrt, Büßerfahrt zu begeben, -- will heißen,

um sich selbst zu finden, selbst zu retten, selbst zu lösen. Als ob ein

einzelner und einziger Mensch von Alter, Krankheit, Tod ein erstesmal

erfahren könne und erfahren habe, stellt die Legende von Vipassîs

Ausfahrten das Erlebnis des Buddho mit einer großartigen Einsilbigkeit

heraus, die das Gemüt betäubt wie das gleichmäßige Getrommel des Regens

in einer Herbstnacht auf ein Blechdach... Und in der Tat! Irgendwie

hat Gotamo die drei Kernübel des Menschseins mit der Gewalt der

Erstmaligkeit erfahren, mit der Heftigkeit der Erstmaligkeit erlitten:

gleichsam er der erste Mensch, der die sonnige Schwelle göttlicher

Wunschwelten mit Bewußtsein überschreitet und mit Bewußtsein das Ödland

der Wirklichkeit betritt...

Vergänglichkeit, Leidbeschaffenheit, Wesenlosigkeit heißt mithin das

Urerlebnis Gotamos, das Urerlebnis des ‚Allgemeinen Menschen‘, -- und

wer wollte leugnen, daß dies in vielerlei Bezugnahme das Urerlebnis

unserer Gattung ist und bleibt. Dieses Urerlebnis stets sich von neuem

zu vergegenwärtigen fordert er denn auch in erster Linie von jedem, der

ihm nachzufolgen oder anzuhängen willens ist. In zahllosen Variationen

und Varianten kehrt an zahlreichen Stellen wieder, was dieser Bericht

von den vier Ausfahrten Vipassîs in einer mächtig vereinfachenden

Sinnbildlichkeit so einprägsam veranschaulicht denn für kaum eine

zweite geschichtliche Gestalt gilt ja des jüngeren Nietzsche Wort vom

Welt-Vereinfacher wie für den Buddho. Eine der eindrucksvollsten dieser

Stellen findet sich in der Sammlung der Bruchstücke Suttanipâto, die

zu den ältesten Schriften des Heiligen Kanons gehört. Aus bestimmten

Gründen führe ich sie in zwei Übertragungen, einer prosaischen und

einer metrischen an: „Unbemerkt und unerkannt ist das Leben der

Menschen hienieden, kummervoll, vergänglich und mit Leid verbunden. Es

gibt keinen Ausweg, auf dem die Geborenen dem Tod entrinnen könnten;

ist das Alter erreicht, da naht der Tod: so ist das Gesetz aller

Lebewesen. Wie für unreife Früchte schon früh die Gefahr des Abfallens

besteht, so besteht für die Menschen ständig die Gefahr des Sterbens.

Wie allen vom Töpfer angefertigten Tongefäßen das Ende des Zerbrechens

bestimmt ist, so auch dem Leben der Sterblichen. Die Jungen und die

Großen, die Toren und die Weisen, alle gelangen in die Gewalt des

Todes, aller Ende ist der Tod. Von denen, die vom Tod überwältigt

in das Jenseit gegangen sind, -- nicht rettet der Vater den Sohn,

noch auch die Verwandte die Angehörigen. Sieh! Während die Verwandten

zusehen und laut wehklagen, wird einer der Sterblichen nach dem anderen

hinweggeführt wie das zum Tod bestimmte Rind“...

Und nun die nämliche Stelle, die wohl echt gotamidisch zu sein

scheint, denn die Worte von des Hafners Töpferware finden sich (in

etwas erweiterter Fassung) auch am Ende des Dritten Berichtes aus

dem Großen Verhör über die Erlöschung Mahâparinibbânasuttam, wo sie

der Buddho in seinen letzten Tagen zu seinen Jüngern spricht, --

nun diese nämliche und ‚echte‘ Stelle in der vollkommen würdigen,

ja erhabenen Eindeutschung Neumanns. Hier ist sie angeschwollen

zu einem Klagegesang, zu einem Schicksallied von hymnischer

Gewalt und Schönheit, seltsam überdies gemahnend an jenes letzte

Gedicht-Bruchstück des Florentiners Buonarotti, dessen zermalmende

Schwermut als ‚_Canto de’ Morti_, Was geboren ist, muß sterben‘ in Hugo

Wolfs Vertonung etwa manchen deutschen Ohren widertönen mag:

„Unbestimmbar, unerkennbar

Sterblichen ist hier das Leben,

Kümmerlich und karg erlesen

Und in Leiden eingewunden.

Keines kennt man doch der Mittel,

Daß Gebornes nicht verderbe,

Und dem Altern folgt das Sterben;

Also ist es Art der Wesen.

Früchten ähnlich, reif gewordnen,

Fallen und im Fallen fürchten

Sich die sterblichen Gebornen

Immer vor dem Todessturze.

Wie des Hafners Töpferware,

Vielgeformte Tongefäße,

Alle doch zerbrechen endlich:

Unser Dasein ist nicht anders.

Junge starke, Alte schwache,

Toren, Weise, wer es sei auch,

Alle wandeln Todesbahnen,

Todesuntertanen alle.

Da vom Tode sie umfangen

Weiter wandern durch die Welten,

Hilft kein Vater hier dem Sohne

Und kein Vetter dem Gevatter.

Hinterbliebne, Kinder, Eltern,

Sieh nur, wie ein jedes wehklagt,

Eines nach dem andern hinstirbt,

Weggeschleppt wie ein Stück Schlachtvieh“ ...

Unstreitig also, ihr Christen, ist Gotamos Erleben ein Leiden. Ein

Leiden, sage ich: zunächst ein Leiden, und noch lange nicht das Leiden

schlechtweg, wie zu früh verallgemeinernd und darum nicht durchaus

richtig oft behauptet ward. Gotamos Erleben ist ein Leiden, und

zwar zunächst ein gleichsam örtlich festgelegtes und umgrenztes. Es

ist ein Leiden zunächst nicht eigentlich am Leben und am Grundgesetz

des Lebens, vielmehr ein Leiden ganz offenbar am Leibe und am Gesetz

der Leiblichkeit. Der Leib ist es und des Leibes Vergänglichkeit,

Hinfälligkeit, Gebrechlichkeit, Verweslichkeit, Wesenlosigkeit, die in

diesem gotamidischen _Canto de’ Morti_ und an so ungezählten Stellen

der Lehre immer wiederkehrend sonst mit der dämonischen Melancholie des

Michelangelo melodisch beseufzt, betrauert und besungen werden: die

Bestimmung der Leiblichkeit, die unumgängliche ist es, welche Gotamos

festes und wohlverwahrtes Herz bis in das Fundament erbeben lässet. Daß

dieser Leib nicht dauert und nicht dauern kann, daß dieser Leib sich

eines Tages nicht mehr aufrichten und erheben wird, um dann in allen

Regenbogenschillertinten als stinkendes Aas anzulaufen und schließlich

bis auf Nägel, Haare, Zähne zu Staub und Asche zu vermodern, das hat

den Jüngling Gotamo in einem Augenblick, wo ihm die ganze Wahrheit

wie ein Gespenst aus jener Welt vor die Seele trat, wie mit einem

wohlgezielten Blattschuß getroffen und hingeworfen. Wer aber von dem

Geschick des Körpers derart betroffen und hingeworfen wird, der muß

ein Mensch von leidenschaftlicher Liebe zu seinem Körper sein, denn

nur die leidenschaftlichste Liebe zu einem Ding schafft sich soviel

Leiden um den Verlust dieses Dings. Wem da nur wenig oder gar nichts

an seinem Leibe liegt, der wird kaum heftig leiden unter dem Altern,

Welken, Siechen, Sterben dieses Leibes: wer aber vollends den Leib

verachtet, wie sollte den des Leibes Tod berühren. Nichts wäre mithin

so verkehrt und irrig, als diesem Jüngling Gotamo betreff des Leibes

jene hellenisch-asketisch-christliche Auffassung zu unterstellen,

die man unter Bezugnahme auf ein geflügeltes Wort des Sokrates aus

dem platonischen Gorgias (in etwas freier Verdeutschung freilich)

die Leib-Leiche- oder die Körper-Kadaver-Auffassung -- griechisch

die σῶμα-σῆμα-Auffassung -- zu nennen wohl berechtigt wäre.

Pythagoreer, Orphiker, Platoniker, Neuplatoniker und Christen mögen

im Körper den Kerker und mehr noch die Gruft der Seele von Haus aus

mißachtet haben; Gotamo weiß von dieser Mißachtung nichts, weiß von

dem ganzen abendländischen Leib-Seele-Zwiespalt nichts: zum mindesten

weiß er von Haus aus davon nichts. Darum ist es an uns Christen der

westlichen und westlich zerrissenen Welthälfte, dem Umstand von

höchstem Belang unsere höchste Aufmerksamkeit zu widmen, daß dieser

Gotamo, Sohn des Fürsten Suddhodano zu Kapilavatthu, durchaus nicht

etwa priesterlichem, sondern kriegerischem Geblüt entstammt und

noch in seiner Jugend den Hochgebirg- und Alpenatem der indischen

Heldenzeit eines tiefen, vollen Zugs geatmet hat... Gotamo war

Krieger, Prinz und Ritter, nicht Priester und weniger noch Priesters

Freund; und er war dies als Sohn eines Volkes, welches weder von

einem gleichzeitigen noch von einem späteren je übertroffen worden

ist in seiner Freude an gesunder, wohlgepflegter, spielgeübter

Leiblichkeit. Gotamo war Krieger, Prinz und Ritter in jener indischen

Heldenspätzeit noch, die vor reifem Welt- und Sinnenglück inbrünstig

strahlte und bei dem festlichen Anblick edler Krieger gleichsam

hell und zärtlich wieherte wie ein junger Hengst, der eine Stute

wittert. Sproß eines fürstlichen oder adligen Geschlechts, wurde

der Jüngling Gotamo sicherlich auferzogen in den Waffen für die

Waffen, -- wie hätte er seinen gelenken, behenden Jünglingleib nicht

lieben sollen, der unter allen Umständen des Kriegers beste und

höchste Tugend ist. Wurde der junge Prinz und Ritter dann im Ablauf

der Zeit zum Heiligen und Erwachten seiner Weltzeit, -- nun um so

besser! Hierin wurde kein Widerspruch befunden nach der Auffassung

einer Rasse, welcher ursprünglich die Heiligkeit und Erwachsamkeit

keineswegs ein mönchischer Stand, sondern ein menschlicher Zustand

bedeutete, zu welchem man in einem gewissen Lebensalter bei richtiger

Lebensführung gleichsam von selbst heranreift. Sollte in guten Zeiten

doch der Waldeinsiedler (_vânaprastha_) die vorangehenden Stadien des

Brahmanjüngers (_brahmacârin_) und des Haushalters, Hausverwalters

(_grihastha_) seinerseit nur ablösen, wie der Waldeinsiedler eine

Weile später zum eigentlichen Pilger, Bettler- und Büßermönch

(_bhikshu_ oder _bhikkhu_) aufrücken konnte und aufrücken sollte:

erst wenn der Mann der Gemeinschaft gedient und sich gewissermaßen

in der Welt selbstverwirklicht hatte, winkte ihm als höherer

Zustand Weltlosigkeit und Einsiedlerschaft, in welchem er seine

Selbstheiligung zu vollbringen hoffen durfte. Asketenschaft entsprang

hier keinem weltfeindlichen Verhalten oder Fühlen, sondern krönte das

Menschenleben, in innigstem Einklang mit jeder tieferen Erfahrung,

wonach der Mensch und namentlich der Mann sich selbst gemächlich aus

der Welt heraus und über die Welt hinaus lebt, ohne Enttäuschung, ohne

Flucht, ohne Bitterkeit, ohne Bodensatz, in reinster Übereinstimmung

mit der Eigenbewegung, Eigenrichtung seines Seelenwachstums. Der

Mensch, wo er dieser Bewegung und Richtung seines Seelenwachstums nicht

absichtlich entgegen lebt, lebt seiner Seele zu und eben deshalb über

die Welt hinaus und über den Leib hinaus; denn ist auch diese Seele

in keinem Sinn eine Widerwelt oder ein Widerleib, so ist sie doch der

höhere Grad, die höhere Stufe der Weltlichkeit und Leibhaftigkeit. Der

Leib wird darum in jener Zeit auch noch nicht grundsätzlich kasteit

oder mißhandelt oder gar abgetötet, vielmehr er wird überwunden und

überwachsen. Mit seinem Dahinschwinden mehrt sich die Seele, ähnlich

wie mit dem Abwelken der Kartoffelstaudenblüte der Knollen im Boden zur

Genießbarkeit heranreift...

Der ewige Buddho: Ein Tempelschriftwerk in vier Unterweisungen · 第 7 / 26 段