ohne einen gewissen inneren Zusammenhang mit dieser, erörtert der
Buddho vielleicht am durchsichtigsten in der Hundertundneunten Rede
aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo, die den Titel ‚Vollmond‘
führt. In dieser Rede rechtfertigt und begründet Gotamo eine der
umstürzlerischsten Überzeugungen des Buddhismus überhaupt, und
zwar überraschenderweise, obwohl es sich unstreitig um einen rein
religiösen Sachverhalt handelt, in enger Bezugnahme auf Kants Kritik
des ersten Paralogismus in der transzendentalen Dialektik seines
ersten Hauptwerkes: die Überzeugung nämlich, daß alles, was wir
unser Ich, unsere Persönlichkeit, unser Selbst nennen und was der
Brahmanismus als Âtman, Brahman, Lebensurgrund, Weltwesen verehrt,
in Wahrheit gar kein ontologisch zu verstehendes _substratum_,
_subjectum_, ὐποκείμενον unserer Bewußtseins-Welt sei, sondern im
besten Fall ein bloßer Bestandteil, bloßer Inhalt dieser nämlichen
Welt, der genau wie jeder andere Bestandteil und jeder andere Inhalt
des Bewußtseins über die rein vorstellungmäßige Gegebenheit hinaus
immer für fragwürdig gelten müsse. Es gibt kein Ich, es gibt kein
Selbst als Träger der Bewußtheit-Mannigfaltigkeit, und vollends gibt
es kein Urselbst als Träger der gesamten Weltwirklichkeit und als
ihr Urheber und Erhalter, wie es der Brahmanismus unter dem Namen
Âtman anruft, bekennt, voraussetzt. Wenn der Brahmanismus das ‚_Eso
’ham asmi_: Das bin Ich‘ und vielleicht mehr noch das gleichsinnige
‚_Tat tvam asi_: Das bist Du‘ zur Weltformel erhoben hat, und wenn
er mit dieser Weltformel zuletzt nur das schlechthin unwiderlegliche
religiöse Urerlebnis auf eine mitteilbare Aussage bringen will:
die Wahrnehmungen bin Ich-Selbst, die Gegenstände bin Ich-Selbst,
die Zustände bin Ich-Selbst, die Widerstände bin Ich-Selbst, die
Wirklichkeiten bin Ich-Selbst, die Unwirklichkeiten bin Ich-Selbst,
die Überwirklichkeiten bin Ich-Selbst, das Ich und das Du und das
Nichtich bin Ich-Selbst! -- nun wohl, dann weiß Gotamo dieser aus
unwiderleglichem Erleben geschöpften Formel die aus nicht minder
unwiderleglichem Erleben geschöpfte Gegenformel mit einer steinernen
Wucht entgegenzustemmen, ‚_N’etam mama_: Das gehört Mir nicht‘,
die Wahrnehmungen bin Ich nicht, die Gegenstände bin ich nicht,
die Zustände bin Ich nicht, die Widerstände bin ich nicht, die
Wirklichkeiten bin Ich nicht, die Unwirklichkeiten bin Ich nicht,
die Überwirklichkeiten bin Ich nicht, das Ich und das Du und das
Nicht-ich bin Ich nicht!... Dem nicht zu entkräftenden Erfahren des
Brahmanismus, wonach Alles das Selbst ist, antwortet der Buddho mit
dem nicht zu entkräftenden eigenen Erfahren, wonach Nichts das Selbst
ist. Dem Abendländer aber, der hier mit seiner Schere Ja-oder-Nein
dazwischen fährt und die lediglich wissenschaftliche, nicht jedoch
religiöse Frage aufwirft: wer von beiden recht habe? -- ihm antworte
ich selbst mit aller Entschiedenheit: Beide!... Wiederum gelangt
nämlich hier im Buddhismus eine tief protestantische Auffassung zu
ihrem weltgeschichtlichen Durchbruch, -- eine Auffassung, der es gemäß
ist zu denken und zu sprechen: Es gibt keine Grundlegung und keine
Grundfestung, es gibt keine Trägerschaft und keine Verankerung, es gibt
keine _substantia_ und kein _principium_, es gibt kein ὐποκείμενον
und keine ἀρχή. Sondern es gibt nur einen stätigen Vorstellungablauf,
eine stätige Tätigkeitänderung, einen stätigen Erlebniswechsel. Es
gibt kein Sein und weniger noch ein Wesen, sondern allein ein Tun
und ein Werden, -- es gibt kein _esse_, sondern nur ein _fieri_ oder
_operari_; ganz wie dies von den naturforschenden Wissenschaften des
Westens und von ihrem kritisch-kritizistischen Protestantismus längst
auf die Spitze getrieben und infolgedessen überspitzt ward. Nicht aber
auf die Spitze getrieben und infolgedessen auch nicht überspitzt
ward dieser Protestantismus vom Buddho, wie man in der erwähnten Rede
‚Vollmond‘ aus der Mittleren Sammlung Majjhimanikâyo leicht nachlesen
kann. Denn kaum ist hier ein Mönch im Begriff, aus dem von Gotamo
entwickelten Gedanken der Selbst-Losigkeit und Selbst-Ledigkeit alles
Geschehens und Tuns den etwas voreiligen, aber folgerichtigen Schluß
zu ziehen: also gibt es auch keines Selbstes Täterschaft getaner Taten
und keines Selbstes Verantwortlichkeit für diese! -- da muß sich
auch schon der scharfsinnige Fürwitz dieses Mönches, der gleichsam
die Rolle unserer hemmunglosen Wissenschaftlichkeit vorwegnimmt, die
derbste Zurechtweisung von Gotamo gefallen lassen. Denn dieser Mönch
steht auf dem Sprung, den großartigen Protestantismus Gotamos von der
Selbst-Losigkeit und Selbst-Ledigkeit des Erlebens dadurch um seine
religiöse Geltung zu bringen, daß er ihn allzu gradlinig weiterdenkt
bis dahin, wo das Denken nicht mehr mit dem Leben und Erleben in
Einklang zu bringen ist. Alles bin Ich nicht und Nichts gehört Mir, --
das ist ganz einfach eine Erfahrung, die umso erschütternder erfahren
wird, desto tiefer ein Mensch sich seiner selbst bewußt und inne wird;
und völlig vergeblich suchen wir aus irgend einer Erscheinung oder aus
irgend einer Gegebenheit das Sein des Selbstes, das Sein der Person,
das Sein der Seele herauszuklauben. Aber über diese erschütternde
Erfahrung heraus nun um Gottes willen keine weltzersetzenden und
selbstzersetzenden Betrachtungen, um Gottes willen keine Angriffe
und Eingriffe in solche unumstößlichen Gewißheiten wie die, daß
jegliche Tat ihren Täter habe und jeder Täter seine persönliche
Beschaffenheit, Eigenheit, Umschriebenheit. Es ist nicht die Sache der
Weisheit und noch weniger die Sache der Frömmigkeit und Heiligkeit, die
Widersprüche des Daseins fortzudenken, sondern ihre Sache ist es, diese
Widersprüche lauter herauszustellen und an ihnen hinauf gütig über sie
hinauszuwachsen ‚_dvantvâtîta, nirdvandva_‘...
Trotz aller Höflichkeit gegen die alten Götter bedeutet also Gotamos
Verkündigung und Auftritt, wir können es jetzt ungefähr ermessen,
eine religiöse Katastrophe, die in keinem Göttersturz östlicher oder
westlicher Welten ihresgleichen findet. Dieser Gotamo, auf dem Gipfel
des unendlich schichtigen Göttertempelberges des Brahmanismus thronend
wie der höchste Stûpa auf der Kuppe des Boro-Budur, er behält sich
im Unterschied zu allen Heiligen der Vorzeit alle ersten und letzten
Entscheidungen der Tat selber vor. Mag immerhin ein Brahmâ oder sonst
ein Mahâdeva diese und manche andere Welt geschaffen und geballt haben,
-- erlösen wird sie und vor allem erlösen wird sich nicht dieser
Brahmâ und nicht ein Mahâdeva, sondern erlösen wird sie und erlösen
wird sich Gotamo der Mensch allein. Fortan sind diese Götter zu einer
Art von idealischer Zuhörerschaft, Zuschauerschaft bestimmt, uns
Europäern vom Chor der attischen Tragödie her nicht ganz unbekannt.
Diese Götter sind nunmehr Chor im Drama, dessen Held und Heldentäter
der Ewige Mensch ist. Diese Götter schauen und hören nicht ohne
Teilnahme zu, was hienieden sich begibt in Magadhâ, was sich begibt
im Udener Park, im Garten der Gotamiden, im Siebenmangohain, auf dem
Hügel mit dem Vierblätterlaub, am Grabmal an der Sarandadâ, im Pâvâler
Baumfrieden und ich weiß nicht wo sonst. Es schaut zu der tausendfache,
fünftausendfache, hunderttausendfache Brahmâ, es schauen zu die zwölf
Âdityas und die Dreiunddreißig, es schauen zu die Götter Lustig und
Nicht-Lustig im Dämmerlicht, es schauen zu die Götter Sinnig im
Dämmerlicht, und die Schattengötter. Es schauen zu die Säligen Götter,
die Götter der unbeschränkten Freude und Jenseit der unbeschränkten
Freude, die glänzenden Götter und die hellerglänzenden Götter, die
leuchtenden, die strahlenden und die hellerstrahlenden Götter, die
unermeßlich strahlenden und die strahlengewordenen Götter, die
gewaltigen und die wonnigen Götter, die herrlichen und die erhabenen
Götter... Und das ist die Katastrophe ohnegleichen, welche die Götter
seit dem Auftritt Gotamos betroffen, daß sie von Szene und Orchestra
hinaus auf die Sitze des Theaters gedrängt worden sind und nicht mehr
selber spielen, nicht mehr selber ernsten. In einem erschreckend
strengen Wortsinn war der Gott Mensch geworden: im vierten Weltalter
erlöst der Mensch sich selber, indessen Gott von ferne zusieht,
vielleicht nicht ohne eine Regung von Ergriffenheit in die Erinnerung
ans dritte Weltalter brütend verloren, da Er einst Gott und Mensch
zumal war...
Wo Gott geglaubt wird, sagte ich vorhin (und sprach dabei in der
Sprache unserer westlichen Welthälfte), da sei auch Gott. Jesus, der
Christus und Heiland dieser westlichen Welthälfte in ihrem nunmehr
vielleicht abgelaufenen Weltalter, er sagte zu dem geheilten Samariter:
Steh’ auf, geh’ hin! Dein Glaube hat dir geholfen! Der Glaube also,
ihr Christen, hat hier geholfen, denn der Glaube schlägt vom Menschen
zum Gott die Brücke und vom Gott zum Menschen, darauf beide in der
Mitte hinüber-herüber sich begegnen und durcheinander hindurchgehen.
Der Glaube zeuget als Mann Gott und gebiert als Weib Gott, und Gott
spendet der Seele, woran sie darben muß, und so bedünkt den Gläubigen
alles recht und gut. Es kann jedoch geschehen, ihr Christen, und wie
vielmals ist es nicht bereits geschehen, daß der Mensch zwar glaubt und
‚reich ist in Gott‘, aber dennoch arm an der Tat, die einzig Not tut
und einzig Not wendet. Es kann geschehen, und wie vielmals ist es nicht
bereits geschehen, daß die Welt in die Vaterhände Gottes fromm gelegt
ward, wo sie gar rund und schön und fertig ruht, aber das Werk, das
unerläßliche, unterlassen bleibt und diese nach außen schön geballte
Welt nach innen ungeformt bleibt. Es ist gewiß, daß der Glaube geholfen
hat, hier und da, vor Zeiten und in der Gegenwart, und darüber ist dann
freilich nichts weiter zu sagen. Es ist aber nicht weniger gewiß, daß
der Glaube auch nicht geholfen hat, hier und da, vor Zeiten und in der
Gegenwart, -- und offenbar, um nur eines anzuführen, ihr Christen,
hat er dem Christ selber nicht geholfen, als er am Marterholz nach den
Elohim schrie und der Sohn vom Vater sich verlassen und verraten fand.
Der Christ selber hatte den Vater gerufen und der Vater hatte nicht
gehört; der Christ hatte anderen geholfen, aber konnte sich selber
nicht helfen. Was aber dann, wenn sich der Glaube selbst nicht hilft?
Da möchte einer sein, der glaubt aus ganzem Herzen, Gott sei für ihn
ans Kreuz gehangen worden, und er findet sich dabei getröstet und
von der Welt frei. Indes ein anderer möchte sein, der sich desselben
Glaubens rühmt, aber in bittere Betrübnis fällt ob des Gottes, der für
ihn ans Kreuz gehangen ward, und er kann nicht erraten -- warum? Ein
solcher spricht dann etwa zu sich (und seufzet dabei viel): Weshalb,
mein Gott, mußte Gott am Kreuze sterben und weshalb mußte Er sterben
-- für mich? Was taugt es meiner Schmerz- und Sehnsuchtseele, daß
Gott am Kreuz gestorben ist? Was frommt mir Lebendem Gottes Tod,
gesetzt, dies Leben bleibe doch bis ins Mark hinein ungöttlich oder
widergöttlich? So haben die Christen, ihr Christen, viel hinüber und
herüber und hinum und herum geglaubt, aber man könnte der Meinung
sein, es sei wenig dabei herausgekommen, daran ein rechtschaffener
Gott Seine rechtschaffene Freude haben möchte... Ihr Christen habt
viel geglaubt, habt viel gehofft, habt viel sogar geliebt, wenn anders
eueren Beteuerungen wohl zu trauen ist, -- denn wenigstens habt ihr
vieles von der Liebe geschwatzt, das euch wie Speichel von den Lefzen
einer alten Vettel geflossen ist und manchmal auch wie Rotz aus den
Nüstern eines gelbsüchtigen Gaules... Aber wie schaut es bei euch
aus, ihr Christen? Und Greuel über Greuel: wie schaut es in euch
aus? Ist euer mildes Christenherz nicht eine Wolfsfalle für grobes
Raubzeug geworden, -- und was wäre dem westlichen Menschen, der nun
des Menschen Wolf kaltblütig und entschlossen geworden ist, nicht
grobes Raubzeug? Ist dieses liebende Christenherz nicht eine Falle, vom
Jäger arglistig bestreut mit dem grünen Laub des Glaubens, überblüht
mit der braunen Knospe der Hoffnung, goldig und blau umlockt von der
Rankenblume der Liebe? Wer aber dies euer leeres Herz betastete,
verschlackt von der Feuerkohle ungeläuterten Liebens, zerfressen vom
Rost zuchtlosen Hoffens, verdorrt in den Glutbränden und Blutbränden
blindwütigen Glaubens, Anders-Glaubens, Aberglaubens, -- wie könnte
er länger daran zweifeln, daß es eben der Glaube war, der euch nicht
geholfen hat, ihr Christen! Nein, hier hat der Glaube nicht geholfen,
und weniger noch hat er dort geholfen, wo heute die Besucher aller
Kaffee-Häuser und die Gäste bei allen Fünf-Uhr-Tänzen nach dem Neuen
Gott winseln und nach einem netten, runden Glauben an Gott. Dieses
hündische Gott-Gewinsel, ihr Christen und Nichtmehr-Christen, dies
ist fürwahr das Schändlichste gewesen, was ihr euch leisten konntet.
In Kaffeehäusern und Nachtlokalen, in Spielhöllen und Bordellen, in
Parteiversammlungen und Literatenzusammenkünften schrieet ihr euch die
Hälse heiser nach dem Neuen Gott, damit er die Last des Verhängnisses
von euch nähme, das ihr über euch gewälzt habt. Wie hungrige Ferkel
nach den Zitzen des Mutterschweins schrieet und grunztet ihr nach Gott,
damit ihr wie vormals in den Tag (und lieber noch in die Nacht) hinein
leben könntet, als ob wenig oder nichts geschehen wäre... Nun ihr die
Scham vor euch selber und die Ehrfurcht vor der Welt verloren hattet,
die heilig über jede Heiligkeit hinaus ist, da schaltet ihr die Welt
gottlos und euch selbst entgöttert. Ach, daß wir doch wieder glauben
dürften, möchten, könnten! Ach, daß wir doch wieder in Kindereinfalt
die Hände falten lernten und beten: „Lieber Gott, mach’ mich fromm,
daß ich zu dir ins Himmelreich komm!“ Ach, daß wir doch wieder würden
wie die Kinder, nachdem die Kinder, Gott sei’s geklagt, längst wie wir
Erwachsenen geworden waren! Ach, daß wir doch auf allen Vieren füßelnd
und etwas Wau! Wau! bellend ins Himmel-Bimmelreich der Nesthäkchen
kriechen könnten! Ach, daß wir doch unsere Unschuld so frühzeitig und
so gründlich einbüßen mußten und vermeinten, für unsere Schuld keine
Buße tun zu müssen! Ach, daß die herrenlose Herde einmal wieder den
Herrn verspürte und den Hirten oder zum wenigsten doch den Hund des
Hirten! Ach, daß die Führerlosen ihren Führer fänden, die sich selbst
nicht zu führen wissen, und alle Schwachen ihren starken Mann! Ach, daß
der Herr-Gott doch über Böse und Gute wieder aufginge und insonderheit
über die Zahlungunfähigen und Bankerotten, wie der keusche Mond
aufgehet über die Gassen der Buhlerinnen und Huren! Ach, daß Gott den
Unrat und Unflat von uns fegte, der uns mästete und von dem wir über
die Maßen fett wurden!...
Euch allen aber, Christen wie Nicht-mehr-Christen, hat Gott nicht
geholfen und wird Gott nicht helfen. Selber habt ihr euch alle nicht
geholfen, wie hätte Gott da eingreifen sollen oder helfen wollen? Wer
aber glaubt, der soll sich selber helfen, und wer nicht glaubt, der
soll erst recht sich selber helfen: so spricht der Gott-Lose zu euch
Christen und ist fürwahr der Frömmere von euch Christen. Alleinig
trachtsam nach selbstretterischer Tat, wird er der Tat trächtig und
wohl auch mächtig und lässet in höchster Ehrerbietung Gott Gott sein,
der es wissen muß, was er tun und was er lassen will. Der Gott-Lose
lässet Gott Gott sein, sag’ ich, und vollbringt ohne Gott, was dem
Menschen not ist. Kann sein, daß er glaubt, kann sein, daß er nicht
glaubt, -- beides verrückt ihm nicht die groben und die feinen
Gewichte mehr. Er selber hebt die Gewichte; er selber hält den Berg
Govardhana über die Welt, wie weiland Krischna der Heiland und Held
über die Hirten seiner Heimat, als Indra der Zürnende in der Sintflut
sie ersäufen wollte. Nicht ist er begierig und nicht ist er fähig,
endgültig den Knoten der Welt zu entknoten, der Gott heißt; nicht
gilt ihm der bloße Glaube mehr wie der Nicht-Glaube. Aber den Berg zu
halten über die Welt, die unbeschirmte und unbeschützte, und mit dem
Berg als Schild die Hagelschauer des Schicksals und die Sonnenstiche
des Todes aufzufangen, des ist er begierig, des ist er fähig. Hier ist
die Rose, hier tanzt er; hier ist seine Treue, die er eisern hält. Der
rechte Gläubige aber, das mögt ihr vorgeblich Gläubigen und vergeblich
Gläubigen euch noch gesagt sein lassen: der rechte Gläubige ist ein
Meerwunder. Ich glaube nicht an seinen Glauben, er weise mir denn
seinen Berg Govardhana, den er von seiner Stelle versetzte und aus
seiner Wurzel hob...
Gotamo der Protestant also verlegt den Weltschauplatz aus Gott hinaus
in sich selbst hinein, von der Erfahrung gewitzigt, daß Gott der Welt
bisher allzu wenig geholfen hat und wesentlich mehr auch der Glaube
an Gott nicht. Für Gotamo den Protestanten ist Gott ein Zuschauer wie
ein Baum in einem Obstgarten, der eine Weile ausruht. Eine Legende des
späteren, auf nördlicher Überlieferung fußenden Mahâyânam-Buddhismus,
der sonst als eine völlige Umdeutung und Verkehrung der ‚reinen‘, das
ist hier ‚protestantischen‘ Lehre ins Katholische zurück durchaus
betrachtet werden muß, hat dessen unerachtet just diesen entschiedenen
Protestantismus Gotamos auf glücklichste Weise zu versinnbildlichen
vermocht. Sie nämlich lässet Gotamo, bevor er in der Nacht der
vollkommenen Erwachung die Würde des vollkommen Erwachten (das ist im
Pâli eben ‚Buddho‘) erwirbt, -- „Der Erwachte, o Keniyo, sagst du?“
„Der Erwachte, o Selo, sag’ ich!“ -- sie also lässet den zwar noch
nicht Erwachten, wohl aber bereits Erwachsamen (in den Pâli-Texten nur
sehr selten vorkommend als der ‚_bodhisatto_, _bodhisaktas_‘, späterhin
dann bekanntlich in die Sanskrit-Texte als ‚_bodhisattva_‘ fälschlich
übertragen) ein feierlich Gelübde tun. Es ist das heilige Gelübde zu
vollbringen, was er beschworen habe, und zu vollenden, was er gewillt
sei, -- ganz offenbar hier in der Erinnerung vorgebracht an den Dritten
Bericht aus dem Großen Verhör über die Erlöschung Mahâparinibbânasuttam
aus der Längeren Sammlung der Reden Dîghanikâyo, wo der vom Tode, von
Mâro zur Erlöschung gemahnte Gotamo die folgenden Worte spricht: „Nicht
eher werde ich, Böser, zur Erlöschung eingehn, solange Mönche bei mir
nicht Jünger geworden sind, solange Nonnen bei mir nicht Jüngerinnen
geworden sind, solange Anhänger und Anhängerinnen bei mir keine Jünger
geworden sind, solange da bei mir das Asketentum nicht mächtig wird
aufgediehen sein, nach allen Seiten hin, unter vielem Volke verbreitet,
jedem zugänglich, bis es eben den Menschen wohlbekannt geworden ist.“
Die Gebärde nun dieses großen Schwures, mit einer wahrhaft asketischen
Enthaltsamkeit des bildnerischen Aufwandes, aber freilich auch mit
einer nirgends überbotenen Gewalt des Ausdrucks dargestellt vielleicht
am erhabensten in den Nischen jenes obgedachten Stûpa Boro-Budur auf
Java, -- diese Gebärde besteht unsäglich schlicht nur in einer leis
leisen Berührung der Erde mit der rechten Hand, die mit dem Rücken
nach außen leicht auf dem Unterschenkel des rechten unterschlagenen
Beines liegt. Berühren der Erde, _bhûmisparçamûdra_, heißt die Gebärde,
heißt der Eid selbst dieser höchsten Buddho-Treue in der hieratischen
Sprache der späteren und nördlichen Urkunden, die hier ganz ohne
Frage den innigen Sinn der seelischen Begebenheit zu treffen, wenn
nicht zu steigern wissen. Ein Berühren der Erde und ein Gelöbnis, bis
zur endgültig gebrochenen Bahn auf dieser Erde zu verrichten und zu
erwirken, was Gott und alle Götter bisher nicht zu erwirken vermocht
haben: das ist, das bleibt im reinsten Geist des Buddho eigentlicher
Protestantismus...
DIE ZWEITE UNTERWEISUNG:
BUDDHO DER ERLEBENDE
DAS HEILIGE NEIN LASST UNS BEKENNEN DENN NEIN UND JA SIND WIE
DIE SCHENKEL DER NÄMLICHEN PARABEL, UND WO SICH DIESE SCHEITELT,
DURCHDRINGEN BEIDE SICH IN EINEM PUNKT -- DENN NEIN UND JA SIND
WIE DER ABSTEIGENDE UND ANSTEIGENDE KNOTEN DER WELT, UND WO SICH
BEIDE SCHÜRZEN, SCHWEBT GIPFELND DAS GESTIRN DER WELT DURCH SEINEN
MITTAGSKREIS -- DENN NEIN UND JA SIND WIE DAS AUSSENBLATT UND
INNENBLATT DESSELBEN KEIMLINGS, IM SCHOSSE DER GEBÄRERIN WIE BETERHÄNDE
STRENG GEFALTET -- GEFALTET ZUM AUSSEN-INNEN-BLATT REIFT ERST DER
KEIMLING DER GEBURT ENTGEGEN: GEFALTET ZUM NEIN-JA REIFT ERST DIE SEELE
IHRER WELT ENTGEGEN -- DAS NEIN ZERSPELLT DAS GOLDENE EI DER WELT,
DAS MÜTTERLICH VOM PHÖNIX GEIST BEBRÜTETE -- JEDOCH DES JUNGEN ADLERS
SCHNABELSCHÄRFE IST ES, DIE SICH MIT FRÜHFLÜGGER WEISHEIT LICHTBEGIERDE
DAS DUNKLE EI ZERSPELLT -- O WELT, VON DEINER SONNE EMPFING ICH
TRÄUMEND EINEN HIMMELSTRAHL IN MEINEM AUG, ALS ES NOCH SCHLIEF, ZUM
PFAND, DASS ICH DEREINST MICH AN DIR SONNEN WÜRDE, WANN ICH DURCH DEINE
BITTERSCHALE BRACH -- O AUGE ICH DER WELT, O HIMMELSAUGE ICH, ZU DIR,
O WELT, ERWACHEND -- O ICH ERWACHTER DANN, VOLLKOMMEN ERWACHTER ICH ZU
DIR, O WELT --
DIES IST DIE ZWEITE UNTERWEISUNG
Ein jeder von uns, ihr Christen, pflegt aus einer wüsten Menge
gleichgültiger Begebenheiten seines Daseins das eine oder andere
Ereignis herauszuheben, welches er vor sich selber gern als sein
Erlebnis wahrzeichnet. Ein jeder von uns lebt vielleicht Jahre
hindurch, lange und langweilige Jahre, nur so dahin, -- bis ihn zu
irgendeiner Stunde ein Blick aus einem Menschenauge trifft; bis ihn
ein Wort, ein Ruf, ein Haß, eine Freundschaft, ein Todesfall, ein
Lebensfall erreicht, der ihn im Innersten aus seiner Bahn wirft oder
ihm umgekehrt seine Bahn erst weist. Zweierlei ist es also, was ein
Begebnis zum Erlebnis stempelt. Einmal die scharfe Abgrenzung und
Abhebung von allem andern, was bisher gemeinhin als Erfahrungstoff
aufgenommen, verarbeitet und ausgewertet ward. Das andere Mal
aber die Aneignung und Besitzergreifung eines Vorkommnisses als
einer ausschließlich auf diese besondere Person und keine sonst
zugeschnittenen Begebenheit. So daß in einem zwiefachen Wortverstand
das Erlebnis als Ausnahmefall und Einmaligkeit angesprochen wird: im
Vergleich nämlich mit allen sonstigen Erfahrungen einer Person, wie sie
von der Gewohnheit gleichsam in der Handmühle der Alltäglichkeit klein
und fein gemahlen werden oder wie sie gleichfalls von der Gewohnheit
ohne die geringste Spur zu hinterlassen aufgebraucht und eingeschluckt
werden; im Vergleich ferner mit den Erlebnissen aller übrigen Personen,
welchen die Möglichkeit zu eben diesem Erlebnis der höchsteigenen
Person schlankweg aberkannt wird, -- und zwar mit gutem Fug aberkannt
wird, wie wir uns bald überzeugen werden...